Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Leser, die meinen Kopfbeitrag Morgenwacht: Wenn alles dunkel ist, macht Licht! kennen, in dem ich ausführlich daraus zitiert habe, werden wissen, daß der Roman eine Art „Totem-Geschichte“ meines Blogs ist. Als Lesestoff zum Abschluß des Jahres verwirkliche ich nun meine schon länger erwogene Idee, ihn zur Gänze als Vierteiler zu präsentieren (aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Erstausgabe von 1979, Übersetzung von Lore Strassl). Da es hier keine Seitenunterteilungen gibt, habe ich die Fußnoten aus dem Buch immer gleich nach den Absätzen eingefügt, in denen der erklärte Begriff vorkommt. Das hier von mir verwendete Titelbild ist von Patrick Woodroffe. (Achtet auf der untenstehenden Karte auf den Eintrag zwischen dem „U“ und dem „A“ von „UAIA“…)

 

Einführung

Das besiedelte All ist dreißigtausend Jahre alt. Die Menschen sind von Stern zu Stern gezogen, um Reichtum und Ruhm zu finden.

Das Gaeanische Territorium umspannt einen beachtlichen Teil der Galaxis. Verkehrsrouten durchziehen es wie Kapillaren das Zellgewebe. Tausende von Welten wurden kolonisiert, von denen jede sich von den anderen unterscheidet, und jede von ihnen verändert die Menschen, die sich auf ihr niedergelassen haben, auf bestimmte, jeweils verschiedene Art. Nie zuvor ist die menschliche Rasse weniger homogen gewesen.

Die Verbreitung der Menschheit im All verlief alles andere als gleichmäßig, und die Siedler kamen in unberechenbaren Wellen und verschwanden hin und wieder auf gleiche Weise, der Grund dafür mochten Kriege sein, religiöse Entwicklungen, oder aber auch völlig mysteriöse Umstände.

Gerade durch diese Mannigfaltigkeit ihrer Bewohner ist Koryphon typisch für die von Menschen kolonisierten Welten.

Auf dem Kontinent Uaia bewohnen die Uldras einen breiten Streifen entlang der Südküste, den sie Alouanen nennen, während im Norden die Windläufer ihre zwei- und dreimastigen Wagen über das Palga-Plateau segeln. Fast das einzige, in dem diese beiden Völker sich ähneln, ist ihre Ruhelosigkeit, ihr Nomadenleben. Südlich, jenseits des Persimmonmeers, liegt der äquatoriale Kontinent Szintarre mit seiner kosmopolitischen Bevölkerung, den Auskern1, die sowohl von den Uldras als auch den Windläufern in verschiedene Kategorien von soziologischer Bedeutung eingestuft werden.

[1 Ausker: Die allgemeine Bezeichnung für Touristen, Besucher, Neueinwanderer. Im weiteren Sinn alle Personen, die rassisch weder den Uldras noch den Windläufern angehören.]

Als höchstwahrscheinlich autochthon werden die beiden halbintelligenten Rassen der Erjinen und Morphoten angesehen. Die Windläufer zähmen und verkaufen eine besonders kräftige und gefügige Art der Erjinen, oder vielleicht züchten und bilden sie auch völlig normale Exemplare so aus, daß sie diese erwünschten Eigenschaften annehmen. Die Windläufer sind in dieser Beziehung sehr verschwiegen, da der Handel mit diesen Erjinen ihnen Räder, Lager und Takelung für ihre Segelwagen einbringt. Bestimmte Uldras der Alouanen fangen wilde Erjinen und reiten sie zu. Sie bezähmen deren Wildheit, lenken sie und machen sie sich durch elektrische Kandaren gefügig. Sowohl die domestizierten als auch die wilden Erjinen verfügen über telepathische Fähigkeiten, durch die sie sich untereinander und mit ein paar Windläufer-Adepten verständigen. Nicht verwandt mit den Erjinen sind die Morphoten, eine bösartige, perverse und unberechenbare Rasse, die nur ihrer ungewöhnlichen Schönheit wegen geschätzt wird. In Olanje auf Szintarre sind die Ausker so weit gegangen, Morphoten-Besichtigungsclubs ins Leben zu rufen. Es möge nicht verheimlicht werden, daß dieser Sport der Beobachtung aufgrund der recht makabren Gewohnheiten der Morphoten ein außerordentlicher Nervenkitzel ist.

Vor etwa zweihundert Jahren landete eine Gruppe außerplanetarischer Freibeuter auf Uaia. Sie überraschten und überwältigten alle Uldra-Häuptlinge, die zu einer streng geheimen Versammlung zusammengekommen waren, und zwangen sie zur Überschreibung bestimmter Territorien ihrer Stämme – die berüchtigten „Übergabe-Verträge“. Auf diese Weise kam jeder Angehörige der Freibeutergruppe zu einem gewaltigen Landbesitz zwischen fünfunddreißig- und hunderttausend Quadratkilometern. Mit der Zeit wurden diese riesigen Besitze zu den großen „Domänen“ der Alouanen, auf denen die „Landbarone“ und ihre Nachkommen ein fürstliches Leben in prunkvollen Villen führten, die in ihrer Größe ihrem Besitz um nichts nachstanden.

Das Leben der Stämme, die die Verträge unterzeichnet hatten, wurde durch die Überschreibung in keinem Maß beeinträchtigt, eher vielleicht sogar verbessert. Die neuen Dämme, Teiche und Kanäle waren eine zuverlässige Wasserquelle für das Land; Kriege zwischen den einzelnen Stämmen wurden verboten, und die Krankenstationen der Domänen sorgten zumindest für ein Minimum an ärztlicher Betreuung.

Einige der Uldras besuchten Domänenschulen. Sie wurden zu Büro- und Verkaufspersonal, als auch zu Hausangestellten ausgebildet. Andere kamen als Ranchgehilfen unter.

Trotz dieser beachtlichen Verbesserungen, die sich natürlich erfreulich auf ihren Lebensstandard auswirkten, mißfiel den Uldras die Tatsache ihres niedrigen Status. Die unterbewußte Ablehnung der Uldrafrauen durch die Landbarone war möglicherweise ein weiterer Grund für ihre Verbitterung. Ein gewisses Maß an Vergewaltigungen und Verführungen wäre, wenn auch mit Protest, als unvermeidliche Folge der Landübernahme akzeptiert worden. Aber die Landbarone beachteten die Uldrafrauen überhaupt nicht. Während die Uldramänner mit ihrer großen schlanken, sehr feingliedrigen Statur, der ultramaringefäbten grauen Haut und den scharfgeschnittenen Zügen im großen und ganzen recht ansehnlich waren, konnte dasselbe von den Frauen nicht behauptet werden. Die unförmigen, fetten Mädchen, die ihren Kopf wegen der Ungezieferplage kahlschoren, waren alles andere als ansprechend. Wenn sie ins heiratsfähige Alter kamen, blieben ihnen bedauerlicherweise die überbreiten Hüften und kurzen Beine, dafür streckten ihr Rumpf, die Arme und das Gesicht sich in die Länge. Die typische, nichts wengier als kurze Uldranase wurde zu etwas, das an einen traurig herabhängenden Eiszapfen erinnerte, die graue Haut verlor ihren Glanz, das Haar, ob nun mit oder ohne Ungeziefer, durfte zu einer schweren, orangefarbigen Struwwelpeterfrisur anwachsen.

Es ist demnach verständlich, daß die auskerschen Landbarone2 sich nicht für diese Uldrafrauen und –mädchen interessierten und ihnen gegenüber eine absolut gleichgültig korrekte Haltung einnahmen, was paradoxerweise wiederum von den Uldras als demütigend und beleidigend empfunden wurde.

[2 Für die eigentliche Bezeichnung eng’sharatz (wörtlich: der verehrte Herr einer großen Domäne) gibt es keine passende Übersetzung. „Baron“ oder „Lord“ deutet auf Adel hin; ein „Landherr“ ist Eigentümer eines kleinen Besitzes; „Gutsherr“ läßt auf einen bäuerlichen Betrieb schließen. „Landbaron“, obwohl ein wenig weit hergeholt, kommt dem Begriff eng’sharatz jedenfalls noch am nächsten.]

Wie schon erwähnt, im Süden, jenseits des Persimmonmeers liegt die lange schmale Insel Szintarre mit ihrer reizvollen Hauptstadt Olanje, die als modischer Kurort für Außerweltler galt. Ihre gebildeten, klugen und vornehmen Bürger hatten wenig gemein mit den Landbaronen, die sie für protzige, eingebildete Barbaren ohne Manieren, Takt und Humor hielten, und die, ihrer Meinung nach, alle anderen herumzukommandieren versuchten.

Ein etwas ausgefallenes Bauwerk in Olanje, das als Holrudehaus bekannt ist, war der Sitz der Regierung Koryphons – die Mull, der aus dreizehn Volksvertretern bestehende Rat. Nach der Verfassung hatte die Mull die Regierungsgewalt sowohl über Szintarre als auch Uaia, tatsächlich aber vermied sie es, sich in uaianische Angelegenheiten einzumischen. Die Landbarone erachteten die Mull als zu wenig anderem tauglich, als inkonsequente Spitzfindigkeiten auszubrüten; die Domänen-Uldras waren apathisch; die Retentum-Uldras lehnten allein schon den Gedanken an eine zentrale Obrigkeit ab; die Windläufer wußten überhaupt nichts von der Existenz der Mull oder ignorierten sie einfach.

Die kosmopolitische Bevölkerung von Olanje entwickelte einen geradezu hyperaktiven Intellektualismus. Es herrschte ein ständiger gesellschaftlicher Unternehmungsgeist, und es gab Vereinigungen und Klubs für alle möglichen Interessen und Zwecke; ein Jachtklub; verschiedene Künstlerverbindungen; die Morphoten-Beobachter; der Szintarrische Hussadenverband; das Gaeanische Musikarchiv; ein Komitee zur Veranstaltung der Jahresfeier, Parilia; eine Dramatikschule; Dyonys, die der Hyperasthesie geweihte Bruderschaft. Andere Organisationen waren philanthropischer oder altruistischer Natur, wie beispielsweise die Ökologische Stiftung, die die Einfuhr von fremder Flora und Fauna ablehnte, gleichgültig, wie wirtschaftlich oder ästhetisch diese sein mochte. Der Verband der Redemptoristen, der die Übergabe-Verträge anfocht und für die Auflösung der uaianischen Domänen und die Rückgabe des Landes an die vertragsgebundenen Stämme war. Die Vereinigung für die Emanzipierung der Erjinen, abgekürzt VEE, verfocht die Ansicht, daß die Erjinen vernunftbegabte Wesen seien und nicht in Sklaverei gehalten werden dürften. Die VEE war vermutlich die widersprüchlichste Organisation, da eine immer größere Zahl von Erjinen aus der Palga als Hauspersonal, Rancharbeiter, für die Müllabfuhr etc. importiert wurde. Andere Gruppen nahmen sich der Ausbildung, Arbeitsvermittlung und Unterbringung von Uldras an, die von Uaia nach Szintarre einwanderten. Diese Uldras, die zu etwa gleichen Teilen von den Retentum- und Domänen-Stämmen kamen, beklagten sich gewöhnlich bitter über die Landbarone. Oft waren ihre Beschwerden durchaus berechtigt, doch sehr häufig grundlos. Sie wollten nur von sich reden machen, weil andere es auch taten. Die Redemptoristen brachten manchmal Uldra-Immigranten vor die Mull, um diesen etwas selbstherrlichen, didaktischen und unberechenbaren Rat auf Trab zu bringen. Mit der Geschicklichkeit langjähriger Erfahrung entledigte die Mull sich dieser Anforderungen, oder ernannte ein Komitee, um die Sachlage zu überprüfen. Der Befund eines solchen Komitees besagte gewöhnlich, daß die Vertragsgebiete wahre Friedensstätten seien, verglichen mit den Landen der Retentum-Uldras, wo es immer noch Blutfehden, Überfälle, Meuchelmorde, Racheakte, Ausschreitungen, Massaker, Greueltaten und Hinterhalte gab.

Die Redemptoristen erklärten daraufhin dann natürlich solche Vergleiche als nicht zur Sache gehörend. Die vertragsgebundenen Stämme, führten sie an, seien ihres heimatlichen Landes durch Gewalt und Betrug beraubt worden. Die Fortdauer dieses Zustands sei untragbar, sagten sie, das Gewohnheitsrecht der vergangenen zweihundert Jahre dürfte eine ursprünglich ungesetzliche Situation nicht legitimieren. Der Großteil der Bevölkerung von Szintarre schloß sich dieser Meinung der Redemptoristen an.

DIE RASSEN IN UAIA AUF KORYPHON

Uldras: Bewohner der Südküste von Uaia, den Alouanan. Sie zerfallen in Domänen-Uldras, die unter der Herrschaft der Landbarone (s. dort) stehen, und freilebende Stämme der Retentum-Uldras.

Windläufer: Landsegelnde Nomaden des Palga-Plateaus im Inneren von Uaia.

Ausker: Außerweltler. Angehörige von Rassen, die weder von den Uldras noch von den Windläufern abstammen.

Landbarone (eng’sharatz): Nachkommen von Auskers, ehemaligen interstellaren Freibeutern, die den sog. Domänen-Uldras das Land weggenommen und unter sich in Domänen aufgeteilt haben. Sie sind im Gegensatz zu den liberal gesinnten Bewohnern der Insel Szintarre das konservative Element auf Koryphon.

Erjinen: halbintelligente, über telepathische Fähigkeiten verfügende Wesen, die von den Windläufern als Reittiere abgerichtet und verkauft werden.

Morphoten: eine bösartige, unberechenbare halbintelligente Rasse, deren Angehörige sich durch außergewöhnliche Schönheit auszeichnen, aber wegen ihrer außergewöhnlichen Grausamkeit und Blutgier gefürchtet sind.

Kapitel 1

In der großen Halle des Olanjer Raumhafens musterten Schaine Madduc und ihr Bruder Kelse einander mit wohlwollendem Interesse. Natürlich hatte Schaine erwartet, daß sich Kelse nach fünf Jahren, oder sogar etwas mehr, verändert haben würde. Als sie abreiste, war er ein bettlägeriger Krüppel gewesen, bleich und verzweifelt. Jetzt sah er gesund und kräftig aus, wenn auch ein wenig hager. Er hinkte kaum mit seinem künstlichen Bein, und er konnte mit seiner Armprothese fast genauso gut umgehen wie mit seiner gesunden Rechten. Es fiel eigentlich nur auf, weil er etwas gegen künstliches Fleisch hatte und sich deshalb den Ersatz aus Metall hatte machen lassen, den er allerdings mit einem schwarzen Handschuh bedeckte. Er war gewachsen. Damit hatte sie gerechnet, aber nicht mit der Veränderung seines Gesichts, das irgendwie länger und härter geworden war und streng wirkte. Seine Wangenknochen waren ungemein ausgeprägt, genau wie das feste Kinn; seine Augen waren schmal, oder vielmehr halb zusammengekniffen, und er hatte sich angewöhnt, aus den Augenwinkeln mißtrauisch, oder vielleicht auch herausfordernd, nach links und rechts zu blicken. Ein Zeichen der tiefergreifenden Veränderungen in Kelse, dachte Schaine: die Verwandlung eines vertrauensvollen gutmütigen Jungen in diesen ernsten, strengen Mann, der zehn Jahre älter zu sein schien, als er war.

Offenbar hatte Kelse sich mit ähnlichen Überlegungen befaßt. „Du hast dich verändert“, stellte er fest. „Irgendwie hatte ich die übermütige und vergnügte Schaine erwartet.“

„Wir haben uns beide verändert“, murmelte sie.

Kelse blickte abfällig auf seinen Arm und das Bein. „Ja, beachtlich. Du hast sie noch nicht gesehen.“

„Sind sie leicht zu benutzen?“

Kelse zuckte die Achseln. „Meine künstliche Linke ist stärker als die Rechte. Mit den bloßen Fingern kann ich Nüsse knacken und alle möglichen erstaunlichen Dinge tun. Ansonsten ist sie wie die Rechte.“

Schaine konnte die Frage nicht unterdrücken: „Und ich, habe ich mich wirklich so sehr verändert?

Kelse blickte sie überlegend an. „Nun, du bist fünf Jahre älter und nicht mehr ganz so mager. Deine Kleidung verrät Geschmack, du siehst gut aus. Du warst natürlich immer hübsch, selbst als Wildling mit schmutzigem Gesicht und zerkratzten Armen und Beinen.“

„Wildling! Ja, wahrhaftig.“ Schaines Stimme klang melancholisch. Während sie durch die Halle schritten, wanderten ihre Gedanken zu vergangenen Tagen zurück. Das Mädchen, von dem sie sprachen, hatte es, wie ihr schien, nicht vor fünf, sondern vor fünfhundert Jahren gegeben. Es hatte in einer anderen Welt gelebt, aus der Leid und Weh ausgeschlossen waren. Alles war klar und einfach gewesen. Morgenwacht galt für sie damals als das Zentrum des Universums. Jeder dort hatte seinen festen Platz und seine feste Bestimmung. Uther Madduc war das Oberhaupt. Seine Entscheidungen – manchmal väterlich, manchmal unverständlich, manchmal schrecklich – waren so unabänderlich wie die Sonne. Und in einer Kreisbahn um diese Sonne bewegten sich Kelse und sie, und in einem etwas weniger stabilen Orbit, manchmal näher, manchmal ferner, kreiste Tortilla, dessen Status häufig unklar war. Schaine war der Wildling gewesen – trotzdem immer hübsch und liebenswert -, genau wie Kelse immer stolz und gutaussehend gewesen war, und Tortilla immer verwegen, mutig und ausgelassen.

Solche Eigenschaften waren ganz einfach nicht in Frage gestellte Bestandteile des Lebens, genau wie das unveränderliche Rosa der Sonne Methuen, und das gleichbleibende Ultramarin des Himmels. Wenn sie so die Jahre zurückschob, sah sie sich – mit Morgenwacht im Vorder- und Hintergrund – als mittelgroßes Mädchen, weder zu kurz noch zu lang, ein wenig schlaksig, aber mit festen Muskeln, die sie sich beim Schwimmen und Laufen und Klettern erworben hatte – alles Sportarten, in denen sie immer noch gut und so ausdauernd wie damals war. Dadurch, daß sie sich mehr im Freien als im Haus aufgehalten hatte, schimmerte ihre Haut stets in einem goldenen Bronzeton, und ihr dunkles Lockenhaar hing gewöhnlich zerzaust ins Gesicht. Sie war das Mädchen mit den sanften Lippen, die fast ständig halb geöffnet waren, als fänden sie mit jedem Augenblick neue Wunder zu bestaunen. Sie war quecksilbrig gewesen, liebevoll zu den kleinen Geschöpfen, die ihr anvertraut waren, und hatte stets irgendeinen Unsinn im Kopf gehabt… Jetzt war sie fünf Jahre älter und fünf Jahre klüger, letzteres hoffte sie zumindest.

Kelse und Schaine traten hinaus in den milden Morgen Szintarres. Die Luft duftete nach Blumen und Blättern, genau wie Schaine sie in Erinnerung hatte. Von den dunkelgrünen Jubabäumen hingen scharlachrote Blütentrauben, die Sonne filterte durch das dichte Laub und zauberte rosige und schwarze Muster auf den Asphalt der Kharanotis-Avernue.

„Wir übernachten im Seeblick“, sagte Kelse. „Tante Val gibt heute nachmittag eine Willkommensparty für dich. Wir hätten natürlich auch in der Villa Mirasol bleiben können, aber…“ Er unterdrückte den Rest. Schaine erinnerte sich, daß Kelse nie übermäßig von ihrer Tante Val angetan gewesen war. „Soll ich ein Taxi rufen?“ fragte er gerade.

„Wollen wir nicht lieber zu Fuß gehen? Ich möchte die Gegend genießen, nachdem ich eine ganze Woche auf der Niamatik eingesperrt gewesen war.“ Sie holte tief Luft. „Es ist wundervoll, wieder zurück zu sein. Ich fühle mich schon fast wie zu Hause.“

Kelse brummte etwas Unverständliches, dann fragte er: „Weshalb bist du eigentlich so lange fortgeblieben?“

„Oh – verschiedene Gründe.“ Schaine hob die Schultern. „Trotz, vielleicht. Eigensinn, Vater.“

„Du bist demnach also immer noch trotzig und eigensinnig. Und Vater ist nach wie vor – Vater. Wenn du glaubst, er hätte sich geändert, muß ich dich leider enttäuschen.“

„Ich mache mir keine Illusionen. Aber irgend jemand muß nachgeben, warum also nicht ich? Erzähl mir von Vater. Was macht er so?“

Kelse überlegte, ehe er antwortete. Auch das war ein neuer Zug an ihm, den Schaine nicht kannte. Kelses Jugend ist allzu schnell verflogen, dachte sie ein wenig traurig. „Vater ist im großen und ganzen, wie er immer war. Seit du fort bist, hat der Druck zugenommen, das heißt, es ist neuer dazugekommen. Du hast doch von den Redemptoristen gehört?“

„Ja, vermutlich. Aber ich könnte nicht behaupten, daß ich viel über sie weiß.“

„Es ist eine hier in Olanje gegründete Bewegung, oder wie immer du es nennen willst. Sie möchten, daß wir die Übergabe-Verträge annullieren und Uaia verlassen. Das ist natürlich nichts Neues, aber im Augenblick ist es groß in Mode, und im ‚Grauen Prinzen‘, wie er sich selbst nennt, haben sie ein brauchbares Aushängeschild gefunden.“

„Der ‚Graue Prinz‘? Wer ist das?“

Kelses Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. „Nun – er ist ein junger Uldra, ein Garganche, nicht ohne Bildung. Er ist redegewandt, ein wenig wunderlich, lebhaft, und der erklärte Liebling ganz Olanjes. Zweifellos hat Tante Val auch ihn zur Party heute nachmittag eingeladen.“

Gemächlich spazierten sie an einer riesigen blaugrünen Rasenfläche vorbei, die von der Avenue eine leichte Erhebung hochführte zu einem imposanten Haus mit fünf Giebeln, und Türmen zu beiden Seiten der Fassade, die mit senfgelben Steinplatten, unterbrochen von glänzendem schwarzen Skeel, getäfelt war. Es war ein ausgesprochen ungewöhnliches Bauwerk, das durch seine Größe und einen gewissen Hauch von architektonischer Unbekümmertheit ungemein beeindruckte. Das war das Holrudehaus, der Sitz der Mull. Kelse deutete finster mit dem Kopf. „Die Redemptoristen sind gerade dort oben und versuchen die Mull zu indoktrinieren. Das heißt, ich weiß natürlich nicht, ob sie soeben dabei sind. Vater ist jedenfalls pessimistisch. Er befürchtet, daß die Mull eine Verordnung gegen uns erlassen wird. Ich habe heute morgen einen Brief von ihm bekommen.“ Kelse fummelte in seiner Tasche. „Nein, ich habe ihn im Hotel gelassen. Vater beabsichtigt, uns in Galigong abzuholen.“

Erstaunt fragte Schaine: „Weshalb in Galigong? Dann hätte er doch gleich bis hierher kommen können?“

„Er fliegt nicht gern nach Olanje. Ich glaube, er möchte sich nicht vor Tante Val sehen lassen, weil er Angst hat, sie könnte ihn wieder überreden, eine ihrer Partys zu besuchen. Das ist ihr nämlich voriges Jahr geglückt.“

„Es würde ihm nicht schaden. Ich finde, ihre Partys sind immer recht unterhaltsam. Mir zumindest machen sie Spaß.“

„Gerd Jemasze wird uns begleiten. Wir sind in seinem Apex hierhergeflogen, und er wird uns dann auch nach Galigong bringen.“

Schaine verzog das Gesicht. Sie hatte Gerd Jemasze nie besonders gemocht. Für ihren Geschmack war er zu sauertöpfisch.

Zwei wuchtige Säulen strebten vor dem Eingang zum Seeblick hoch. Schaine und Kelse fuhren auf dem Laufband zum Vestibül. Kelse veranlaßte, daß man Schaines Gepäck vom Raumhafen hierherbrachte. Dann stiegen die beiden hinaus auf die Terrasse, die einen herrlichen Blick auf das Persimmonmeer bot, und erfrischten sich mit einem großen Kelch Wolkenbeerensaft, in dem glitzernde Eisstückchen schwammen. „Erzähl mir, was sich in Morgenwacht alles getan hat.“

„Oh, das übliche, zum größten Teil. Wir haben eine neue Fischzüchtung im Feensee ausgesetzt. Ich habe einen ausgedehnten Ausflug südlich der Burren gemacht und eine alte Kachemba1 entdeckt.“

[1 Kachemba: Ein geheimer Kultort der Uldras, der der Prophezeiung und Zauberei dient, und gewöhnlich in einer Höhle zu finden ist.]

„Bist du hineingegangen?“

Kelse schüttelte den Kopf. „Nein, irgendwie wecken sie das kalte Grauen in mir. Aber ich habe Kurgech davon erzählt. Er meint, sie stammt von den Jirwantianern.“

„Den Jirwantianern?“

„Sie lebten vor etwa fünfhundert Jahren im Gebiet von Morgenwacht, ehe die Hungen sie ausrotteten. Und dann, später, vertrieben die Aos die Hungen.“

„Wie geht’s denn den Aos? Ist Zamina immer noch Matriarch?“

„O ja, sie lebt noch. Vorige Woche erst haben sie ihr Lager in die Toterattenschlucht verlegt. Kurgech besuchte uns, und ich erzählte ihm, daß du heimkommst. Er meinte, du wärst auf Tanquil besser aufgehoben.“

„Die alte Unke! Was wollte er damit sagen?“

„Ich glaube nicht, daß er irgend etwas Bestimmtes damit andeutete. Er hat lediglich ‚die Zukunft gekostet‘.“

Schaine nahm einen Schluck ihres Saftes und blickte aufs Meer hinaus. „Kurgech ist ein Scharlatan. Er kann nicht besser als ich kaltaugendeuten, hellsehen oder Gedanken übertragen.“

„Stimmt nicht. Kurgech hat ganz erstaunliche Fähigkeiten… Und Ao oder nicht, er ist Vaters bester Freund.“

Schaine lachte abfällig. „Vater ist viel zu sehr Tyrann, als daß er überhaupt etwas von einem Freund halten würde – und schon gar nicht von einem Ao.“

Kelse schüttelte betrübt den Kopf. „Du verstehst ihn eben nicht. Du hast ihn nie verstanden.“

„Ich verstehe ihn so gut wie du.“

„Das mag stimmen. Er ist auch sehr schwer zu durchschauen. Kurgech ist jedenfalls genau der richtige Freund für ihn.“

Wieder lachte Schaine geringschätzig. „Ja, er stellt keine Ansprüche, ist treu wie ein Hund und weiß, wie weit er gehen darf.“

„Völlig falsch. Kurgech ist ein Uldra, Vater ein Ausker. Und keiner möchte es anders haben.“

Mit einer weitausholenden Handbewegung leerte Schaine ihren Kelch. „Ich beabsichtige jedenfalls weder mit Vater noch mit dir zu debattieren, ganz egal worüber.“ Sie stand auf. „Komm, machen wir einen kleinen Spaziergang zum Fluß. Gibt es den Morphotenzaun noch?“

„Soviel ich weiß, ja. Ich war nicht mehr dort, seit du nach Tanquil abgeflogen bist.“

„Welch melancholische Erinnerung. Vergessen wir sie. Komm, suchen wir uns einen zwölfstacheligen Teufelsjäger mit Trippelfächer und purpurnem Netz.“2

[2 Morphotenbeobachtung ist ein besonderer Sport. Die Morphoten sind in der Lage, ihre Gestalt zu verschönern, indem sie Stacheln bilden, abstehende Hautlappen, Fächer, Greifer, malerische Auswüchse, und so phantastische Formen annehmen. Morphotenbeobachter legten in einer ausführlichen Aufzeichnung die Vielfalt ihres Sportes nieder.]

Etwa nach hundert Metern strandaufwärts führte ein Pfad zu den Sümpfen an der Mündung des Viridians und endete an einem hohen starken Drahtzaun, an dem ein unübersehbares Schild hing:

Warnung

Morphoten sind gefährlich und tückisch! Achten Sie auf keines ihrer Angebote!    Nehmen Sie keine ihrer Geschenke an! Morphoten kommen nur aus einem Grund an diesen Zaun: um die Beobachter zu verstümmeln, zu beleidigen oder zumindest zu erschrecken.

Vorsicht!

Morphoten haben schon viele Menschen verletzt! Es könnte leicht geschehen, daß sie Sie töten! Eine absichtliche Belästigung der Morphoten ist strengstens untersagt.

„Vor etwa einem Monat“, erzählte Kelse, „kamen Touristen von Alcide, um Morphoten zu beobachten. Während die Eltern mit einem prächtigen, rotgeringelten Flaschenkopf am Zaun scherzten, band ein anderer Morphot einen Schmetterling an einen langen Faden und lockte damit das dreijährige Kind von ihrer Seite. Als Mama und Papa sich nach ihm umschauten, war der Kleine verschwunden.“

„Abscheuliche Biester! Die Morphoten-Beobachtung sollte strenger gehandhabt werden.“

„Ich glaube, die Mull beschäftigt sich gerade damit.“

Zehn Minuten vergingen, aber keiner der Morphoten kam aus dem Sumpf, um ihnen irgendwelche erschreckenden Angebote zu machen. Also kehrten Schaine und Kelse zum Hotel zurück, fuhren in das Unterwasserrestaurant hinab und speisten ein Ragout aus Langusten, grünen Pfefferschoten und wilden Zwiebeln, dazu Salat aus eisgekühlter Kresse und aus braunem Ferrismehl gebackene Fladen. Leuchtendes Blaugrün umgab sie, und unmittelbar neben ihnen schwamm, wuchs oder trieb die Flora und Fauna des Persimmonmeers dahin: weiße Aale und elektrische Blaue Scherenfische schossen durch das Dickicht des Wasserkrauts; ganze Schwärme von blutroten Funkenfischen huschten zwischen Gruppen von grünen Schlangen und gelben Twittern hindurch, daß ein wundervolles, glitzerndes Farbenspiel entstand. Dreimal stießen in gewissen Abständen purpur-silber-gestreifte Kreaturen, und solche mit zehn Fuß langen Zangen, oder mit Stacheln, Widerhaken und gefährlichen spitzen Zähnen, heftig gegen das dicke Glas, vom Wunsch getrieben, einen der in dem romantischen Dämmerlicht Speisenden selbst zu verspeisen. Einmal streifte der gigantische Leib eines schwarzen Matadors die Scheibe, und in der Ferne konnten sie einen durchs Wasser schnellenden Morphoten sehen. Ein junger Mann, etwa zwei oder drei Jahre älter als Kelse, kam an den Tisch. „Hallo, Schaine.“

„Hallo, Gerd,“ erwiderte Schaine den Gruß kühl. Aus Gründen, die sie selbst nicht genau definieren konnte, hatte sie ihr Leben lang eine Abneigung für Gerd Jemasze empfunden. Er benahm sich gewöhnlich reserviert, obgleich seine Manieren untadelig waren. Er sah nicht besonders auffallend aus. Seine Züge waren ein wenig grob geschnitten. Sein dichtes, schwarzes Haar war über der flachen, breiten Stirn zurückgekämmt. Seine Kleidung – ein dunkelgraues Westenhemd und eine blaue Hose – war nach den Maßstäben Olanjes, wo jeder möglichst grelle Farben und ausgefallenen Schnitt trug, von hervorstechender Nüchternheit. Plötzlich glaubte Schaine zu verstehen, weshalb er sie abstieß – ihm fehlten jegliche verrückte kleine Eigenheiten und liebenswerten Untugenden, die ihr ihre anderen Bekannten sympathisch machten. Gerd Jemasze war nicht übermäßig groß oder kräftig, aber bei jeder Bewegung spannte seine Kleidung sich mit seinem Muskelspiel. Genauso, dachte Schaine, versteckt sein unbewegtes Gesicht seine innere Arroganz. Sie wußte jetzt auch, weshalb ihr Vater und Kelse sich mit Gerd Jemasze so gut verstanden. Er war in Einstellung und Widerstand gegen Veränderungen noch starrer als sie und würde eine einmal gefaßte Meinung nie ändern.

Gerd Jemasze setzte sich zu ihnen. Aus Höflichkeit fragte Schaine ihn: „Wie sieht es in Suaniset aus?“

„Alles beim alten.“

„In den Domänen tut sich nie etwas“, brummte Kelse.

Schaine blickte von einem zum anderen. „Ihr wollt mich wohl auf den Arm nehmen?“

Gerd Jemasze versuchte ein Lächeln. „Nein, nicht wirklich. Wenn etwas geschieht, dann so verstohlen wie möglich.“

„Und was passiert so verstohlen?“

„Nun – Wittols³ aus dem Retentum schleichen sich durch die Domänen und wiegeln die Uldras zur Koalition unter dem Grauen Prinzen auf. Uns wollen sie vermutlich ins Meer jagen. In letzter Zeit ist es auch zu vielen Angriffen von Flugwagen durch die Lufthaie4 gekommen. Erst vorige Woche wurde Ariel Fairlock von Carmione abgeschossen.“

Wittols: Von etwa tausend Uldras wird einer albinitisch, eunuchoid, von gedrungener Gestalt und mit rundem Kopf geboren. Diese nennt man Wittols und begegnet ihnen mit einer Mischung aus Abscheu, Verachtung und abergläubischer Furcht. Man schreibt ihnen einfache magische Kräfte zu. In manchen Fällen handeln sie mit Liebes- und Gifftrünken, Bannsprüchen und Verhexungen. Größeren Zauber dürfen nur die Medizinmänner der einzelnen Stämme ausüben. Die Wittols bestatten Verstorbene, foltern Gefangene und dienen als Verbindungsleute zwischen den Stämmen. Sie allein können sich unbesorgt durch die gesamten Alouanen bewegen, da kein Uldra es wagen – oder sich dazu herablassen – würde, einen Wittol zu töten.

4 Lufthai: Ein primitives Einmannflugzeug, das aus nicht viel mehr als einer motorisierten Plattform, bestückt mit einer Kanone oder anderen Waffe, besteht, die normalerweise von Uldra-Edlen für Angriffe auf feindliche Stämme oder für Duelle benutzt wird.]

„Ja, es herrscht eine merkwürdige Stimmung über ganz Uaia“, sagte Kelse ernst. „Jeder spürt es.“

„Sogar Vater“, warf Schaine ein. „Er amüsiert sich über seinen ‚großartigen Witz‘. Hast du eine Ahnung, was er so komisch findet?“

„Ich weiß nicht einmal, wovon du sprichst“, erwiderte Gerd Jemasze.

„Ich bekam einen Brief von Vater“, erklärte Kelse. „Ich erwähnte doch, daß er die Palga hoch ist. Die Reise scheint jedenfalls seine Erwartungen noch übertroffen zu haben.“ Kelse holte den Brief hervor und las: „Ich habe einige bemerkenswerte Abenteuer erlebt und kann Dir eine wundervolle Geschichte erzählen – ein Witz sondergleichen, ja, ein wahrhaftig großartiger Witz, der mich um gut zehn Jahre jünger gemacht hat.“ Kelse überflog ein paar Zeilen. „Dann schreibt er: Ich werde Euch in Galigong abholen. Nach Olanje komme ich lieber nicht, denn ich möchte es vermeiden, noch mal zu einer von Valtrinas Monsterpartys geschleift zu werden, mit ihren Leisetretern, Logikzerhackern, Ästheten, Prahlern, Schaumschlägern, Lüstlingen und Kriechern, die sie sich in Szintarre zusammensucht. Sieh zu, daß Gerd mit uns nach Morgenwacht kommt. Was ich zu erzählen habe, wird ihm nicht weniger gefallen als Dir. Und vergiß nicht, Schaine zu sagen, wie sehr ich mich freue, daß sie wieder zu Hause ist… Der Rest ist weniger interessant für dich“, schloß Kelse.

„Sehr mysteriös“, murmelte Gerd Jemasze.

„Ja, das finde ich auch. Was kann es dort oben auf der Palga geben, das Vater so erheitert? Er ist nicht gerade für seinen Humor bekannt.“

„Morgen werden wir mehr wissen.“ Gerd erhob sich. „Wenn ihr mich bitte entschuldigen würdet, ich möchte noch Besorgungen machen.“ Er verbeugte sich vor Schaine.

„Wir sehen uns doch auf Tante Valtrinas Party?“ erkundigte sich Kelse schnell.

Gerd Jemasze schüttelte den Kopf. „Nein, ich fühle mich dort fehl am Platz.“

„Ach komm doch mit“, bat Kelse. „Vermutlich wird der Graue Prinz ebenfalls dort erscheinen – und andere von Rang und Namen.“

Gerd Jemasze überlegte eine Weile, als hätte Kelse ein gutes Argument zur Sprache gebracht, schließlich nickte er. „Also gut. Ich werde kommen. Wann und wo treffen wir uns?“

„Um vier, gleich in der Villa Mirasol.“

Kapitel 2

Die Straße zur Villa Mirasol, von der Kharanotis-Avenue aus, führte zwischen Gonaiv-, einheimischen Teak-, Langtang- und Muskatbäumen in Spiralen zum Panoramaberg hoch, durch einen breiten Torbogen hindurch, schlug einen Bogen um einen weiten Rasen und endete an der Villa. Die Villa war ein elegantes Bauwerk aus Glas, kannelierten Säulen, weißen Mauern, einem vielwinkligen, über mehrere Ebenen reichenden Dach und im großen und ganzen im verspielten Stil des Rokokos gehalten.

Valtrina Darabesq, Schaines und Kelses Großtante mütterlicherseits, begrüßte die beiden voll Freude, die trotz ihres fast übertriebenen Überschwangs echt war. Schaine hatte die Energie und bemerkenswerte Geselligkeit ihrer Großtante immer bewundert. Kelse dagegen hielt sie für zu modebewußt, in jeder Beziehung, auch was die Auswahl ihrer Bekannten betraf, aber trotzdem gefiel ihm ihre durchaus nicht berechnende Großzügigkeit. Kelse und Schaine waren natürlich beide darauf vorbereitet, daß sie versuchen würde, sie zu überreden, vom Seeblick zur Villa Mirasol umzuziehen und eine Woche, zwei Wochen, einen Monat, bei ihr zu bleiben. „Ich habe euch beide ewig nicht mehr gesehen. Schaine, es müssen doch schon… Wie viele Jahre sind es?“

„Fünf.“

„So lange? Wie doch die Zeit verfliegt! Ich habe wirklich nie verstanden, weshalb du dich unbedingt nach Tanquil zurückziehen mußtest. Euer Vater ist natürlich ein Dinosaurier, aber doch wenigstens von der erträglichen Sorte, auch wenn er sich weigert, sich in Olanje sehen zu lassen. Ich möchte wissen, was ihn an Uaia so fasziniert. Es ist doch eine Wildnis! Eine trostlose Öde!“

„Komm, komm, Tante Val! So schlimm ist es wahrhaftig nicht. Du mußt selbst zugeben, daß Uaia malerische Flecken hat.“

„Möglich. Aber ich verstehe trotzdem nicht, weshalb Uther und die anderen darauf bestehen, dort draußen zu leben, wo sie nicht erwünscht sind. Morgenwacht ist ja wie eine Grenzfestung.“

„Du solltest uns wirklich einmal besuchen“, lud Kelse sie ein.

Valtrina schüttelte energisch den Kopf. „Als kleines Mädchen war ich das letztemal in Morgenwacht. Euer Großvater Norius war ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, obwohl auch er ein Landbaron war. Er gab einige Partys – allerdings recht steife Gesellschaften, wenn ich ehrlich sein soll – und machte ein Picknick mit uns bei einem riesigen säulenähnlichen Felsen aus rotem Gestein – wie hieß er doch schnell?“

„Der Skaw.“

„Ja, natürlich, der Skaw. Und als die Eingeborenen vorbeikamen und uns anstarrten, uns, die Fremden, die ihnen ihr Land weggenommen hatten, fürchtete ich mich und fühlte mich in die Enge getrieben, trotz des weiten Landes. Mir war, als belagere man uns.“

„Wir hatten nie Schwierigkeiten mit unseren Aos“, sagte Kelse nachsichtig. „Wir helfen ihnen, sie helfen uns. Keiner legt dem anderen Steine in den Weg, oder verachtet ihn.“

Valtrina schüttelte lächelnd den Kopf. „Mein lieber Junge, niemand weiß, was im Kopf eines Uldras vorgeht. Es gefällt ihnen absolut nicht, daß ihr euch als Herren in ihrem Land aufspielt, auch wenn sie es euch nicht zeigen. Ich weiß es, denn ich habe viele Freunde unter den Uldras. Aber ich sollte mich deshalb wirklich nicht mit dir streiten. Du bist noch so jung. Kommt mit, ihr zwei, ich möchte euch mit meinen Gästen bekanntmachen. Oder vielleicht wollt ihr euch lieber so umsehen?“

„Ja, wir schauen uns ein wenig um“, erwiderte Kelse.

„Wie ihr wollt. Laßt euch von Alger einen Drink mixen. Und Kelse, bitte zieh nicht deine Pistolen, um meine Erjinen zu erschießen. Ihre Namen sind Sim und Slim, ich hätte sie gern noch länger, sie haben mich viel Geld gekostet. Später unterhalten wir drei uns dann in aller Ruhe miteinander.“

Valtrina drehte sich um und begrüßte eine neuangekommene Gruppe von Gästen. Kelse nahm Schaines Arm und führte sie zur Bar, wo Alger, Valtrinas Butler, Getränke nach uralten, sonst überall vergessenen Rezepten mixte. Kelse und Schaine wählten Punsch aus, dann blickten sie sich mit ihren Kelchen in der Hand um. Schaine sah niemanden unter den Gästen, den sie von früher kannte. Ein halbes Dutzend Uldras waren anwesend, alle hochgewachsen, hager, mit langnasigen, verwegenen Gesichtern, die schiefergraue Haut ultramarin gefärbt, und ihre Büschel rotbraunen Haares durch mit hohen Metallspitzen verzierte Kopfbänder zusammengehalten.

Kelse murmelte Schaine zu: „Tante Val beweist mal wieder ihre modische Aufgeschlossenheit. In Olanje dürfen auf einer Party die Uldras keinesfalls fehlen. Ein oder zwei sind das mindeste.“

„Und weshalb sollte man sie nicht einladen?“ konterte Schaine. „Sie sind doch schließlich menschlich.“

„Nur in etwa. Ihr Weldewist1 ist völlig anders als unseres. Sie haben sich in ihrer Evolution beachtlich von uns entfernt.“

[1 Weldewist: Ein Wort aus dem Lexikon der Sozialanthropologie. Es dient zur Zusammenfassung der komplexen Vorstellung des einzelnen, was seine Einstellung gegenüber seiner Umwelt betrifft; seiner Auslegung der Ereignisse seines Lebens; seines kosmischen Bewußtseins; seines Charakters und seiner Persönlichkeit aus der Sicht vergleichender Kulturen.]

Schaine seufzte und betrachtete die Uldras. „Ist einer von ihnen der Graue Prinz?“

„Nein.“

Valtrina näherte sich ihnen mit einem gutaussehenden Mann mittleren Alters, der fast sichtbar Würde ausstrahlte. Er trug einen dunkelgrauen, mit hellgrauer Applikation verzierten Anzug. Valtrina machte ihn mit den Geschwistern bekannt.

„Erris, meine Nichte und mein Neffe, Schaine und Kelse Madduc. Schaine kam heute erst aus Tanquil zurück, wo sie die Schule besuchte. Schaine, Kelse, das ist Erris Sammatzen, ein Angehöriger der Mull, und eine bedeutende Persönlichkeit.“ Mit vielleicht einer Spur Bosheit fügte sie hinzu: „Schaine und Kelse leben in der Morgenwacht-Domäne in den Alouanen, von denen sie behaupten, sie seien überhaupt der einzige bewohnbare Teil Koryphons.“

„Vielleicht wissen sie mehr als wir.“

„Sind Sie geborener Olanjer, Dm.2 Sammatzen?“ fragte ihn Schaine.

[2 Die beiden üblichen Anreden im Gaeanischen Territorium sind Dm., die Abkürzung für Domine, und Vv., eine Zusammenziehung von Visfer (ursprünglich Viasvar), ein Angehöriger der alten Legion der Wahrheit, danach die Bezeichnung für einen Grundbesitzer und schließlich die allgemein übliche Höflichkeitsanrede.]

„Nein, ich bin Ausker, wie die meisten. Ich kam vor zwölf Jahren hierher, um mich zur Ruhe zu setzen. Aber von wirklicher Ruhe kann keine Rede sein, wenn Valtrina und ein Dutzend Gleichgesinnte darauf bestehen, mich auf Trab zu halten. Die Gesellschaft hier ist wohl die betriebsamste, intellektuell gesehen, die ich je gekannt habe. Wirklich anstrengend, glauben Sie mir.“

Valtrina bat eine große Frau mit langen blonden Ringellocken, sich zu ihnen zu gesellen. Ihre großen, groben Züge waren durch eine zu verschwenderische Anwendung von Kosmetika zu einer Clownmaske erstarrt. Schaine fragte sich, ob sie damit die Welt oder sich selbst verspotten wollte. Valtrina stellte sie in ihrem heisersten Alt vor:

„Das ist Glinth Isbane, eine unserer gefeiertsten Persönlichkeiten. Sie lehrte drei Morphoten Desisto spielen und erwarb sich dadurch allerlei seltsame Dankesgeschenke. Sie ist Schriftführerin der GFS und bedeutend tiefgründiger, als sie sich rein äußerlich gibt.“

„Was ist GFS?“ erkundigte sich Schaine. „Verzeihen Sie meine Unwissenheit, aber ich bin eben erst nach Koryphon zurückgekommen.“

„GFS bedeutet ‚Gesellschaft für ein freies Szintarre‘.“

Schaine lachte ungläubig. „Ist Szintarre denn jetzt nicht frei?“

„Nicht ganz. Nicht so, wie es sein sollte“, erwiderte Glinth Isbane mit kühler Stimme. „Niemand möchte – ich sollte vielleicht besser sagen, niemand würde zugeben, daß er es möchte -, also, niemand möchte die Arbeit und Unannehmlichkeiten anderer ausnutzen, um daran zu verdienen. Aber jeder weiß, daß das häufig der Fall ist. Die Arbeiter haben sich deshalb zu ihrem Schutz zu Gilden zusammengeschlossen. Und können Sie mir sagen, wer jetzt seine ungeheure Macht mehr ausnutzt als der Vorstand der Vereinigten Gilden? Ich brauche doch wirklich nicht näher darauf einzugehen! Die GFS hat jedenfalls aus diesem Grund Kräfte mobilisiert, mit denen wir hoffen, den Überschreitungen der Gilden entgegenwirken zu können.“

Noch jemand hatte sich inzwischen der kleinen Gruppe angeschlossen: ein großer junger Mann mit arglosen grauen Augen, weichem Blondhaar, angenehmen, humorverratenden Zügen, die Schaine sofort sympathisch fand. „Beide Gruppen“, bemerkte er, „sowohl die GFS, als auch die Vereinigten Gilden, unterstützen meine Organisation. Folgedessen müssen beide im Grund genommen vernünftige Ansichten haben, und ihre kleinen Meinungsverschiedenheiten sind nichts weiter als Mißverständnisse.“

Glinth Isbane lachte. „Beide Parteien fördern die VEE, aber aus völlig verschiedenen Gründen. Unsere sind jedenfalls uneigennützig.“

Schaine wandte sich an Valtrina. „All diese Gesellschaften oder Parteien, oder was immer, verwirren mich. Was ist VEE?“

Anstatt selbst darauf einzugehen, nahm Valtrina den jungen Mann am Arm und deutete auf Schaine. „Elvo, ich möchte, daß Sie meine Nichte kennenlernen, die heute erst aus Tanquil zurückgekommen ist.“

„Es ist mir eine besondere Freude.“

„Schaine Madduc – Elvo Glissam. So, Elvo, und jetzt erklären Sie Schaine bitte, wofür VEE steht. Aber lassen Sie mich dabei aus dem Spiel und auch meine teuren Diener, sonst müßte ich Sie von ihnen auf die Straße setzen lassen.“

„VEE ist die Vereinigung für die Emanzipierung der Erjinen, erklärte Elvo Glissam. „Bitte halten Sie uns nicht für verrückt. Wir kämpfen tatsächlich gegen eine echte Ungerechtigkeit an: die Versklavung intelligenter Wesen! Valtrina mit ihren Erjinen-Dienern gehört zu jenen, die wir angreifen.“ Er lächelte. „Wir werden unsere geschätzte Freundin schon noch hinter Gitter kriegen. Außer sie beweist Reue und gibt ihre Sklaven frei.“

„Ha! Erst müsse Sie mir zweierlei, nein, dreierlei beweisen. Als erstes, daß Sim und Slim tatsächlich vernunftbegabte Wesen sind und nicht nur domestizierte Tiere. Zweitens, daß sie überhaupt emanzipiert sein möchten. Und dann verlange ich persönlich noch, daß Sie mir Ersatz für sie besorgen – zwei Diener, die genauso brauchbar, gefügig und zuverlässig sind wie meine schwarz-braunen Schönen. Lassen Sie sich gesagt sein, daß ich sogar beabsichtige, noch drei oder vier Erjinen zu kaufen, um sie als Gärtner ausbilden zu lassen.“

Einer der Erjinen-Diener hatte soeben den Saal betreten und schob einen Servierwagen vor sich her. Schaine schauderte unwillkürlich, als sie über die Schulter blickte und ihn sah. „Puh! Mir jagen sie Angst ein. Der Bulle, der Kelse gerissen hat, war bestimmt nicht größer als der da.“

„Wenn ich etwas zu sagen hätte, ich würde sie allesamt erschießen“, murmelte ihr Bruder.

Glinth Isbanes Stimme klang schneidend. „Wenn sie tatsächlich intelligent sind, wäre es Mord. Wenn nicht, ist es auf jeden Fall grausam.“

Kelse zuckte die Achseln und drehte sich um. Kurz zuvor war Gerd Jemasze eingetroffen. „Wir fürchten die Erjinen“, sagte er jetzt. „Sie offenbar nicht. Übrigens, wie sieht es mit einer Gesellschaft aus, die sich dafür einsetzt, daß den Uldras ihre Erjinen-Reittiere weggenommen werden?“

„Weshalb gründen Sie keine?“ fauchte Glinth Isbane.

Erris Sammatzen grinste. „Nun, was die Erjinen und Vv. Glissams VEE angelangt, sind die Vereinigten Gilden verständlicherweise interessiert. Die Erjinen sind schließlich billige Arbeitskräfte. Vv. Glissams Motive für die Emanzipation der Erjinen sind vermutlich anderer Art.“

„Allerdings. Die Gaeanische Karta verbietet Sklaverei, und die Erjinen sind Sklaven. Hier in Olanje ist ihre Sklaverei gewiß erträglicher als auf Uaia, aber trotzdem! Und was die Windläufer betrifft, die jedermann übergeht, sie sind die ärgsten Sklavenhalter.“

„Oder Tierzähmer – wenn Sie die Erjinen lediglich als kluge Tiere betrachten.“

Schaine sagte: „Ich verstehe nicht, wie Erjinen gezähmt werden können. Um ehrlich zu sein, ich glaube es auch nicht. Ein Erjin ist wild und blutrünstig und haßt die Menschen.“

„Sim und Slim sind durchaus nicht wild, im Gegenteil sie sind sehr gefügig“, warf Valtrina ein. „Wie sie so geworden sind und weshalb, weiß ich natürlich nicht.“

Sim, der Erjinen-Diener, rollte seinen Wagen gerade hinter ihnen vorbei. Er sah prächtig aus in seiner Livree. Schaine fiel der verschleierte Blick unter den schwarzen Wimpernbüscheln auf. Sie hatte das Gefühl, daß der Erjin genau verstand, worüber sie sich unterhielten. „Vielleicht haben sie etwas dagegen, daß man sie kastriert, einer Gehirnwäsche unterzieht und sonstwie verändert – was immer die Windläufer mit ihnen machen.“

„Frag Sim doch“, schlug Valtrina vor.

„Aber wie könnte ich das?“

„Also dann, weshalb sich Gedanken machen?“ Valtrinas Stimme klang nun fast ein wenig von oben herab. „Sie brauchen nicht hier zu bleiben, sie können weg, wann sie wollen. Ich halte sie schließlich nicht in Ketten.“ Sie wandte sich an Elvo Glissam. „Und wissen Sie, weshalb sie für mich arbeiten? Weil sie Villa Mirasol den Wüsten Uaias vorziehen. Niemand beschwert sich außer den Vereinigten Gilden, die die Erjinen als Bedrohung ihrer absurd hohen Lohntarife betrachten.“ Valtrina warf den Kopf zurück und schritt mit königlicher Haltung quer durch den Saal zu einer weiteren kleinen Gruppe um zwei Uldras.

Gerd Jemasze wandte sich an niemanden direkt, als er brummte: „Ich möchte nicht unbedingt behaupten, daß all diese Rederei reine Zeitverschwendung ist, denn offensichtlich macht sie den Leuten hier Spaß.“

Mit eisiger Stimme sagte Glinth Isbane: „Durch Worte werden Ideen ausgedrückt. Ideen wiederum sind Teile des Intellekts, der den Menschen vom Tier unterscheidet. Wenn Sie gegen den Austausch von Gedanken sind, lehnen Sie – im Grunde genommen – die Zivilisation ab.“

Jemasze erwiderte mit unbewegter Miene: „Das wäre vielleicht gar keine so schlechte Idee, wie Sie zu denken scheinen.“

Glinth Isbane drehte sich brüsk um und schloß sich wieder Valtrina an. Jemasze und Kelse traten an die Bar, wo Alger ihnen Drinks mixte. Schaine bewunderte einen Satz Uldra-Lampen, die im unverkennbar kühnen, asymmetrischen Stil der Uldras aus roten Chertblöcken gehauen waren. Elvo Glissam folgte ihr. „Gefallen Ihnen diese Lampen?“

„Sie sehen sehr interessant aus“, erwiderte Schaine. „Mein Geschmack sind sie allerdings nicht.“

„Oh? Ich finde sie ungemein elegant und ungewöhnlich.“

Schaine nickte ein wenig widerwillig. „Ich fürchte, bei mir wirkt das Vorurteil aus meiner Kindheit noch nach, als man alles, was von den Uldras stammte, als erratisch, wirr und irr ansah. Jetzt weiß ich natürlich, daß die Uldras Symmetrie und Gleichmaß als persönlichkeitseinengend erachten und ihren Individualismus eben deshalb in Unregelmäßigkeit ausdrücken.“

„Möglicherweise versuchen sie die Regelmäßigkeit auf andere Weise darzustellen, durch verfeinerte Technik vielleicht.“

Schaine verzog ganz leicht das Gesicht. „Ich bezweifle, daß die Uldras so methodisch denken. Sie sind außergewöhnlich stolz und herausfordernd, besonders die Retentum-Uldras. Ich würde sagen, gerade das drückt ihre Kunst aus. Mir ist, als hörte ich den Lampenmacher sagen: ‚Ich forme die Lampe, wie es mir gefällt, da lasse ich mir von keinem dreinreden. Wenn sie euch so nicht paßt, dann sucht anderswo nach Licht‘.“

„Richtig, das ist genau der Eindruck, den sie erweckt. Betrachtet man sie wohlmeinend, ist sie großartig. Mit kritischen Augen gesehen, verrät sie übertriebenen Eigensinn.“

„Und drückt dadurch genau das Wesen der Uldras aus.“

Elvo Glissam musterte unwillkürlich die zwei in der Nähe stehenden Uldras. Schaine ihrerseits betrachtete ihn aus dem Augenwinkel. Er gefällt mir, dachte sie. Er schien gütig, humorvoll und unaufdringlich in seinen Ansichten zu sein. Außerdem sah er gut aus mit seinem weichen blonden Haar und den angenehmen, regelmäßigen Zügen. Er war vielleicht um ein paar Zentimeter größer als der Durchschnitt, wirkte geschmeidig sportlich. Offenbar spürte er ihre Musterung, denn er wandte sich wieder ihr zu und lächelte ein wenig verlegen. Hastig sagte Schaine: „Sie sind aber nicht von Szintarre.“

„Ich bin von Jennet auf Diamantha. Eine trostlose Stadt auf einer langweiligen Welt. Mein Vater ist Herausgeber eines pharmazeutischen Journals. Vermutlich würde ich gerade einen Artikel über die neuesten Fußpuder schreiben, wenn mein Großvater mir nicht ein Lotterielos zum Geburtstag geschenkt hätte.“

„Es war ein Treffer?“

„Es brachte mir hunderttausend SAE3 ein.“

[3 SAE: Standard-Arbeits-Einheit – die Währung des Gaeanischen Territoriums, die nach dem Stundenwert eines ungelernten Arbeiters bei Standardbedingungen berechnet ist. Diese Währung verdrängte alle anderen Währungseinheiten, da sie als einzige nach dem gleichbleibenden Wertmaßstab im menschlichen Universum berechnet wird: der Arbeit.]

„Was haben Sie damit getan?“

Elvo Glissam machte eine beiläufige, oder vielleicht auch bescheidene Geste. „Nichts Besonderes. Ich bezahlte die Schulden der Familie, kaufte meiner Schwester einen Wolkenhüpfer, und den Rest habe ich angelegt. Von den Zinsen lebe ich, ohne daß ich hungern müßte.“

„Und was tun Sie, um die Zeit zu vertreiben?“

„Oh, verschiedenerlei. Ich arbeite für die VEE, wie Sie wissen. Außerdem stellte ich eine Sammlung von uldraischen Kriegsliedern zusammen. Die Uldras sind die geborenen Musiker und komponieren wundervolle Lieder, die leider nicht so bekannt sind, wie sie es verdienten.“

„Ich wuchs mit ihnen auf.“ Schaine lächelte. „Ich könnte Ihnen ein paar so richtig blutrünstige vorsingen, wenn ich in der richtigen Stimmung dazu wäre.“

„Vielleicht ein andermal?“

Jetzt lachte Schaine laut. „Ich habe selten das Bedürfnis, meine Feinde einen nach dem anderen zu verbrennen – ‚mit sechstausend Feuern und sechstausend Qualen‘.“

„Haben Sie gehört, daß auch der Graue Prinz eingeladen ist?“

„Der Graue Prinz, das soll doch der Messias der Uldras sein, eine Art Volksaufrührer oder so was Ähnliches, nicht wahr?“

„Soviel ich weiß, ja. Er predigt den ‚Panuldraismus“. Er will den Zusammenschluß aller Retentum-Stämme, die dann auch die Domänen-Stämme aufnehmen sollen. Sein Ziel ist, die Landbarone aus Uaia zu vertreiben. Er wird von den Redemptoristen unterstützt, das heißt soviel, wie von fast allen Bewohnern Szintarres.“

„Sie eingeschlossen?“

„Nun, es fällt mir schwer, das der Tochter eines Landbarons gegenüber zuzugeben.“

Schaine seufzte. „Es stört mich nicht wirklich. Ich werde nach Morgenwacht zurückkehren und dort leben. Und ich habe beschlossen, nicht mit meinem Vater zu streiten.“

„Begeben Sie sich da nicht in eine – nun, sagen wir, nicht gerade beneidenswerte Lage? Ich habe das Gefühl, daß Sie viel von Gerechtigkeit und Anständigkeit halten…“

„Mit anderen Worten, Sie möchten wissen, ob ich innerlich ein Redemptorist bin? Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Ich bin in Morgenwacht zu Hause, es gehört uns – in diesem Glauben wuchs ich jedenfalls auf. Aber würde ich es behalten wollen, wenn wir tatsächlich kein Recht darauf hätten? Um offen zu sein, ich bin sehr froh darüber, daß meine Meinung nicht ausschlaggebend ist. Denn so kann ich ohne schlechtes Gewissen nach Hause zurückkehren.“

Elvo Glissam lachte. „Zumindest sind Sie ehrlich. Wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich vielleicht genauso denken. Kelse ist Ihr Bruder? Wer ist der dunkelhaarige Bursche, der so aussieht, als hätte er Bauchweh?“

„Gerd Jemasze von Suaniset, der nächsten Domäne östlich von uns. Solange ich mich erinnern kann, wirkt er mürrisch und ein wenig hochnäsig.“

„Ich glaube, jemand – vermutlich Valtrina – erwähnte, daß Kelse von einem Erjin überfallen wurde.“

„Ja, es war grauenhaft. Seither habe ich eine furchtbare Angst vor diesen Tieren. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß es wirklich zahme gibt.“

„Es gibt ja schließlich auch viele verschiedene Arten von Menschen, weshalb könnte das bei den Erjinen nicht auch der Fall sein?“

„Vielleicht… Aber immer, wenn ich diese gewaltigen Rachen und die schrecklichen Klauen sehe, denke ich an den armen kleinen Kelse, wie er so blutüberströmt…“

„Es ist ein Wunder, daß er den Angriff überlebt hat.“

„Das verdankt er einem Uldrajungen, den wir Tortilla nannten. Er erschoß den Erjin. Armer Kelse! Wohl auch armer Tortilla, wenn man es recht bedenkt.“

„Was ist mit ihm passiert?“

„Das ist eine lange, unschöne Geschichte. Ich möchte nicht gern darüber sprechen.“

Eine kurze Weile schwiegen beide, dann schlug Elvo Glissam vor: „Gehen wir doch auf die Terrasse und schauen hinaus aufs Meer, über das Sie morgen nach Hause fliegen werden.“

Schaine hielt es für eine gute Idee. Sie traten in die angenehm warme Nacht hinaus. Durch das Laub der Kampander sahen sie die Lichter Olanjes in einem weiten, unregelmäßigen Halbmond verteilt. Über ihnen funkelten die Sterne des Gaeanischen Territoriums. Für die Welten, denen sie Sonne waren, hatten sie ihre eigene Sprache, und wenn man sie länger betrachtete, schienen sie ihre Geschichte zu erzählen.4

[4 Auf den Welten des Gaeanischen Territoriums und des Alastor-Sternhaufens, vor allem jenen mit ländlicher Bevölkerung, hatte sich ein neuer Beruf eingebürgert: der des Sternenweisen, der die Namen der Sterne aufzählte und Legenden und Sagen über sie zu berichten wußte. Man lädt ihn zu nächtlichen Veranstaltungen, bei denen er für ein Honorar mit seinen wundersamen Geschichten und Beschreibungen jener Welten der für die Andächtigen sichtbaren Sterne unterhält.]

„Vor einer Stunde waren Sie noch nicht einmal ein Name für mich“, murmelte Elvo Glissam. „Jetzt habe ich Schaine Madduc kaum kennengelernt und weiß bereits, daß sie mir fehlen wird. Sind Sie ganz sicher, daß Sie Uaia Olanje vorziehen?“

„Ich kann es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen.“

„Ist Uaia nicht eintönig und düster und bedrückend?“

„Wie kommen Sie denn darauf? Wer hat Ihnen einen solchen Unsinn erzählt? Unser Kontinent ist großartig! Der Himmel ist unendlich, der Horizont so fern, daß sich die Berge, Täler, Wälder und Seen in der ungeheuren Weite zu verlieren scheinen. Alles schwimmt in Licht und Luft. Vielleicht ist das nicht sehr gut ausgedrückt, aber ich kann es nicht besser. Ich weiß nur, daß Uaia wundervoll ist, daß es mir das Herz verkrampft, wenn ich nur daran denke. Ich hatte schreckliches Heimweh nach Morgenwacht in all den fünf Jahren.“

„Wenn man Sie so hört, klingt es ja direkt, als sei Uaia doch interessant.“

„Das ist es auch, aber vielleicht kein gerade bequemer Ort. Uaia kann sehr grausam sein. Wenn Sie sehen würden, wie die wilden Erjinen in unseren Rinderherden wüten, wären Sie vielleicht nicht mehr so hundertprozentig für diese Bestien.“

„Aha! Sie haben mich also völlig mißverstanden. Ich habe nie behauptet, daß ich für die Erjinen bin! Aber ich bin hundertprozentig gegen die Sklaverei! Und Erjinen werden schließlich als Sklaven gehalten!“

„Nicht die wilden. Obgleich es besser wäre, wenn man es täte.“

Elvo Glissam zuckte die Achseln. „Ich habe noch nie einen wilden Erjinen gesehen und werde vermutlich auch kaum je die Gelegenheit dazu haben. In Szintarre gibt es sie nicht.“

„Dann kommen Sie doch mit uns nach Morgenwacht, dort können Sie mehr wilde Erjinen sehen, als Ihnen vielleicht lieb ist.“

Mit fast sehnsüchtigem Glanz in den Augen murmelte er: „Ich würde Ihre Einladung annehmen, wenn sie ernst gemeint wäre.“

Schaine erwiderte mit nur unmerklichem Zögern, denn sie hatte natürlich nicht damit gerechnet, daß er sie beim Wort nehmen würde: „Aber selbstverständlich meine ich es ernst.“

„Und was ist mit Kelse? Und Ihrem Vater?“

„Sie haben ganz sicher nichts dagegen. Gäste sind auf Morgenwacht immer willkommen.“

Elvo Glissam überlegte einen Augenblick. „Wann reisen Sie ab?“

„Gleich in der Früh. Wir fliegen mit Gerd Jemasze nach Galigong an der Grenze zum Retentum. Dort holt uns Vater ab. Gegen Sonnenuntergang sind wir bereits auf Morgenwacht.“

„Ihr Bruder würde mich sicher für unverschämt halten.“

„Aber nein! Weshalb sollte er denn?“

„Also gut. Ich nehme Ihre großzügige Einladung nur zu gern an. Ich muß gestehen, ich bin schrecklich aufgeregt!“ Elvo Glissam richtete sich von der Balustrade auf, gegen die er sich gestützt hatte. „Dann werde ich wohl die Party am besten gleich verlassen, um ein paar Sachen zusammenzupacken und noch einiges zu erledigen. Ich komme morgen in aller Frühe zu Ihnen ins Hotel.“

Schaine gab ihm die Hand. „Also dann, bis morgen.“

Elvo Glissam drückte die Lippen auf ihre Finger. „Gute Nacht.“ Er drehte sich um und eilte davon. Schaine blickte ihm mit einem fast zärtlichen Lächeln nach, und ihr Herz schlug unerwartet heftig.

Nach einer Weile kehrte auch sie ins Haus zurück und wanderte von Zimmer zu Zimmer, bis sie zu dem Raum kam, den Valtrina Kachemba, nach den heiligen Orten der Uldras, nannte. Kelse und Gerd Jemasze betrachteten dort Valtrinas alte Fetische und debattierten über ihre Echtheit.

Kelse hob eine Blasphemiemaske5 ans Gesicht. „Sie riecht zweifellos nach Gabhautrauch, und an den Nasenöffnungen klebt eine dünne Schicht, die wie Dilf aussieht.“

[5 Blasphemiemaske: Die Uldra-Schamanen fertigen den Zügen ihrer Feinde ähnelnde, gebrannte Tonmasken an. Diese Masken tragen sie mit was immer sie sich von den betreffenden Feinden beschaffen können, zusammen mit deren Kastenquasten; dann suchen sie die Kachemba, den geheimen Schrein, des Stammes ihrer Feinde auf und schänden dort deren Fetische, in der Annahme und Hoffnung, daß diese sich an demjenigen rächen werden, dessen Maske sie tragen.]

Schaine kicherte. „Ich möchte nicht wissen, wie viele Masken in wie vielen Kachemben nach euch angefertigt sind.“

„Ich würde nicht bezweifeln, daß es einige gibt“, sagte Gerd. „Unsere Faz sind so gefügig wie eure Aos, aber trotzdem… Voriges Jahr schaute ich an den Zimtbreiten in eine Kachemba. Sie hatten sie doch tatsächlich Suaniset nachgebildet.“

„Und wie sah es mit den Masken aus?“

„Es gab nur zwei: eine, die meinen Vater darstellen sollte, und die andere, mich. Vaters Maske hatten sie eine rote Mütze aufgesetzt – erledigt!“

Vor zwei Jahren etwa hatte Kelse Schaine geschrieben, daß Palo Jemasze, Gerds Vater, durch einen Himmelshai getötet worden war.

„In diesem Fall durch einen Himmelshai-Anschlag“, warf Kelse ein.

Jemasze nickte. „Ein- oder zweimal pro Woche steige ich mit meiner Dacy zur Jagd auf. Aber bisher hatte ich noch kein Glück.“

Schaine beschloß, das unerfreuliche Thema zu wechseln.

„Kelse, ich habe Elvo Glissam nach Morgenwacht eingeladen.“

„Elvo Glissam? Der VEE-Mann?“

„Ja. Er hat noch nie einen wilden Erjinen gesehen. Ich versicherte ihm, daß er bei uns mehr finden könnte, als ihm vielleicht lieb ist. Du hast doch nichts dagegen?“

„Weshalb sollte ich? Er schien mir recht sympathisch zu sein.“

Die drei kehrten in den Saal zurück. Als Schaine sich umschaute, bemerkte sie einen großen jungen Uldra im Gewand eines Alouanen-Häuptlings, wenn auch das Gewand statt des üblichen Rot- oder Rosatons ein düsteres Grau war. Mit einer Haut so blau wie das Meer und das Haar glänzend weiß gebleicht, sah er erstaunlich gut aus. Schaine starrte ihn ungläubig und fast erschrocken an. Dann wandte sie sich mit geweiteten Augen an Kelse: „Wie kommt denn er hierher?“

„Das ist der Graue Prinz“, erwiderte ihr Bruder. „Man trifft ihn jetzt in Olanje überall.“

„Aber wie – weshalb…“

„Irgendwie“, brummte Kelse, „wurde er ermutigt, der Erlöser seiner Rasse zu werden.“

Gerd Jemasze grinste ganz offensichtlich spöttisch amüsiert. Schaine ärgerte sich so sehr über die beiden, daß ihr das Blut in den Kopf stieg. Gerd war unverbesserlich und einfach unerträglich! Und Kelse hatte sich zum gleichen intoleranten Querkopf entwickelt, wie ihr Vater es war… Sie bemühte sich, ihren Unmut zu beherrschen. Kelse hatte schließlich einen Arm und ein Bein verloren. Ihr eigener Verlust, wenn „Verlust“ die passende Bezeichnung dafür war, erwies sich daneben vergleichsweise unbedeutend…

Der Graue Prinz, der sich ebenfalls gerade umsah, hatte nun Schaine entdeckt. Er beugte den Kopf vor, dann hob er ihn in freudiger Überraschung. Er durchquerte den Saal mit Riesenschritten und blieb vor Schaine stehen.

Mit gelangweilter Stimme sagte Kelse: „Hallo, Tortilla. Was führt dich hierher?“

Der Graue Prinz warf den Kopf zurück und lachte. „Mit ‚Tortilla’ ist es vorbei. Ich muß schließlich Rücksicht auf mein öffentliches Image nehmen.“ Eine Spur von Uldraakzent gab seiner Stimme einen vergnügten und eindringlichen Klang. „Für die Gefährten meiner Kindheit bin ich ‚Jorjol’. Oder, wenn ihr auf Förmlichkeit besteht, dann ‚Prinz Jorjol’.“

„Weshalb sollten wir?“ Kelse deutete mit dem Kopf. „Du erinnerst dich gewiß an Gerd Jemasze von Suaniset?“

„Ich erinnere mich in jeder Einzelheit“, versicherte Jorjol. Er beugte sich zu einem Handkuß über Schaines Finger. „Wenn du möchtest, darfst du mich natürlich gern auch weiterhin ‚Tortilla’ nennen, aber…“ Er schaute sich im Saal um. Sein Blick streifte über Kelse und Gerd hinweg, als wären sie nicht vorhanden. „…hier würde ich es vorziehen, wenn du davon Abstand nimmst. Wo warst du denn? Es sind gewiß fünf Jahre…“

„In etwa.“

„Mir scheint es eine Ewigkeit. Soviel hat sich geändert.“

„Für dich zweifellos zum Besten. Ganz Olanje spricht von dir, wie ich höre – nur wußte ich bisher nicht, daß es sich bei dem Grauen Prinzen um dich handelt.“

„Ja, ich bin die Leiter hochgeklettert. Und ich beabsichtige, noch höher zu steigen – selbst auf die Gefahr hin, daß ich damit meine alten Freunde in Verlegenheit bringe.“ Jetzt sah er auch Kelse und Gerd an, doch gleich wanderte sein Blick zu Schaine zurück. „Und was wirst du tun?“

„Ich kehre morgen nach Morgenwacht zurück. Wir treffen Vater in Galigong und fliegen von dort nach Hause.“

„Als ‚Intransigent’?“

„Was ist ein ‚Intransigent’?“

„Das Gegenteil von ‚Redemptorist’, nehme ich an“, erwiderte Kelse mit gelangweilter Stimme.

„Als ich, und sonst nichts“, erklärte Schaine fest. „Ich habe nicht vor, mich mit irgend jemandem herumzustreiten.“

„Das dürfte gar nicht so leicht sein, wie du glaubst.“

Schaine schüttelte lächelnd den Kopf. „Vater und ich werden schon miteinander auskommen. Er ist weder boshaft noch uneinsichtig. Das wißt ihr doch selbst.“

„Er ist ein Naturelement! Stürme, Blitze, Fluten – sie sind ebenfalls nicht boshaft oder uneinsichtig, aber auch sie kann man nicht durch Güte oder Vernunft schlagen.“

Schaine lachte gezwungen. „Und du beabsichtigst, meinen armen Vater zu schlagen?“

„Das muß ich. Ich bin ein Redemptorist. Es ist mein Ziel, für mein Volk die Ländereien zurückzugewinnen, die es durch die Gewaltmaßnahmen eurer Leute verloren hat.“

Gerd blickte stumm und mit halbabgewandtem Gesicht zur Decke. Kelse warf ein: „Da wir von Vater sprechen, ich habe heute einen Brief von ihm bekommen, einen sehr merkwürdigen. Er erwähnt auch dich. Hör zu, was er schreibt: Vielleicht siehst Du diesen Spitzbuben Jorjol. Wenn ja, versuch ihn zur Vernunft zu bringen, zu seinem eigenen Besten. Vermutlich legt er jetzt keinen Wert mehr auf einen guten Job auf Morgenwacht, aber du kannst ihm trotzdem sagen, daß er, wenn seine Seifenblase platzt, immer hier willkommen ist – weshalb, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Ich bin gerade von den Volwoden zurückgekommen. Ich habe einige bemerkenswerte Abenteuer erlebt und kann Dir eine wundervolle Geschichte erzählen – einen Witz sondergleichen, ja einen wahrhaft großartigen Witz, der mich um gut zehn Jahre jünger gemacht hat. Auch Du wirst Dich bestimmt darüber amüsieren, und für Jorjol dürfte er lehrreich sein… Das andere wird dich kaum interessieren.“

Jorjol hob die gebleichten weißen Augenbrauen. „Welche Art von Witz? Ich bin nicht an Späßen interessiert.“

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung, bin aber nicht weniger gespannt als du.“

Jorjol zog an seiner langen Nase, die offensichtlich durch eine Schönheitsoperation von der uldraischen Hakenspitze befreit worden war. „Soweit ich mich entsinne, war Uther Madduc nicht gerade mit Humor gesegnet gewesen.“

„Stimmt“, erwiderte Kelse. „Aber seine Persönlichkeit ist noch komplexer, als du vielleicht glaubst.“

Jorjol dachte einen Augenblick lang nach, dann murmelte er: „Ich erinnere mich hauptsächlich, daß euer Vater sich in seinem Benehmen streng an die von ihm adoptierte Etikette hielt. Da ist es schwer zu sagen, welche Art von Mensch er wirklich ist.“

„Uns alle haben äußere Umstände geformt“, murmelte Kelse.

Jorjol grinste. Seine Zähne, die noch weißer als sein Haar waren, blitzten. „Nicht mich! Ich bin ich, weil ich es sein will!“

Schaine konnte ein nervöses Lachen nicht unterdrücken. „Bei den Sternen, Tortilla – Jorjol – Grauer Prinz – wie immer du dich nennen willst -, du erschreckst uns mit deinem Selbstbewußtsein!“

Jorjols Grinsen schwand ein wenig. „Du weißt doch, daß ich schon immer selbstbewußt war.“ Valtrina rief ihn aus einer Ecke im Saal. Er verabschiedete sich mit einer höflichen Verbeugung vor Schaine.

Schaine seufzte. „Stimmt. An Selbstbewußtsein hat es ihm nie gemangelt.“

Erris Sammatzen schloß sich der kleinen Gruppe an. „Sie kennen den Grauen Prinzen offenbar recht gut.“

„Ja, er ist Tortilla“, erklärte Kelse. „Vater fand ihn an der Grenze zum Retentum, als er noch klein war. Man mußte ihn dort ausgesetzt haben. Vater brachte ihn mit nach Hause und übergab ihn der Fürsorge eines Ao-Verwalters. Wir wuchsen miteinander auf.“

„Vater hatte immer viel für Tortilla übrig“, erinnerte sich Schaine. „Wenn wir wirklich einmal etwas Schlimmes angestellt hatten, bekamen Kelse und ich Ohrfeigen, oder er legte uns übers Knie. Tortilla dagegen las er lediglich die Leviten.“

„Das dürfte aber weniger mit Zuneigung zu tun haben als mit der Etikette, von der Tortilla gerade sprach. Man schlägt einen Blauen ganz einfach nicht.“

Sammatzen schaute durch den Saal auf die anwesenden Uldras. „Sie sehen auch nicht so aus, als ob sie sich so leicht schlagen ließen. Ich persönlich möchte mich jedenfalls nicht mit ihnen anlegen.“

„Wenn Sie einem eine Ohrfeige gäben, würde er nicht zurückschlagen, sondern Sie auf der Stelle mit dem Messer töten. Bei den Uldras kämpfen nur die Frauen mit den Händen. Frauenkämpfe finden bei ihnen übrigens großen Zulauf.“

Sammatzen blickte Kelse forschend an. „Sie mögen die Uldras offenbar nicht besonders.“

„Einige von ihnen doch. Unsere Aos wissen sich zu benehmen. Kurgech, ihr Schamane, gehört zu Vaters Freunden. Wir haben auf Morgenwacht mit den Frauenkämpfen und noch einigen anderen unschönen Gebräuchen aufgeräumt. Mit Zauberei beschäftigen sie sich allerdings immer noch, und dagegen können wir auch nicht an.“

„Ich würde annehmen, daß Jorjol nicht als Uldra erzogen wurde?“

„Er wuchs mit uns auf. Er wohnte bei dem Ao-Verwalter, aber er erhielt Unterricht mit uns, spielte mit uns und trug die gleiche gaeanische Kleidung wie wir. Wir betrachteten ihn eigentlich auch nie als Blauen.“

„Ich habe ihn bewundert“, gestand Schaine, „besonders nachdem er Kelse vor dem Erjin rettete.“

„Ah! War das der Kampf, bei dem Sie Ihren Arm und Ihr Bein verloren?“

Kelse nickte nur und hätte gern das Thema gewechselt, aber Schaine fuhr fort: „Es passierte etwa drei Kilometer südlich unseres Hauses. Ein Erjin kam um den Skaw und stürzte sich auf Kelse. Jorjol rannte auf die Bestie zu und jagte ihr eine Kugel in den Schädel. Und gerade noch rechtzeitig, sonst wäre Kelse jetzt nicht hier. Vater wollte etwas für Jorjol tun…“ Sie hielt inne, und ihre Gedanken wanderten fünf Jahre zurück zu den damaligen Geschehnissen. „Aber es gab emotionelle Probleme. Jorjol wurde aurau6. Er rannte weg, und wir sahen ihn nie wieder. Von Kurgech erfuhren wir, daß er über die Domänengrenze zu den Retentum-Uldras ging und sich den Garganchen anschloß. Er war gebürtiger Garganche, das wußten wir von seiner Geburtstätowierung, also bestand keine Gefahr, daß sie ihn ‚landsäuberten’.“

[6 Aurau: unübersetzbar. Wird für einen Stammesangehörigen mit einem Anfall sichtlicher Abscheu vor zivilisationsbedingten Schranken benutzt; manchmal auch für in Käfigen gefangengehaltene Tiere, die sich nach Freiheit sehnen.]

„’Landsäubern’ ist etwas, das die Blauen mit fremden Stammesangehörigen tun“, erklärte Kelse. „Aber nicht das einzige, muß ich noch erwähnen.“

Schaine blickte durch den Saal auf Jorjol. „Und heute sehen wir ihn in der Villa Mirasol wieder. Wir erwarteten natürlich, daß er es zu etwas bringen würde, aber doch nichts Dergleichen.“

Kelse warf trocken ein: „Vater dachte eher an Viehzüchter oder Verwalter.“

„Sie müssen zugeben“, bemerkte Sammatzen, „daß es für einen ehrgeizigen Uldra sehr wenig Gelegenheit gibt, sich wirklich zu verbessern und aufzusteigen.“

Gerd Jemasze schnaubte abfällig. „Der ehrgeizige Blaue denkt hauptsächlich daran, zu plündern, zu erpressen oder genügend Geld zu stehlen, um sich einen Himmelshai anschaffen zu können. Er interessiert sich etwa soviel dafür, Lehrer oder Techniker zu werden, wie Sie auf einem Erjin reiten möchten.“

„Das wäre wohl mein letzter Wunsch!“

„Eben. Überlegen Sie doch“, forderte Kelse ihn auf. „Die Blauen können jederzeit nach Szintarre kommen, wenn sie wollen. Es hindert nichts und niemand sie daran, die Schulen in Olanje zu besuchen und einen Beruf zu erlernen. Wie viele tun es? Kaum ein paar. Alle Blauen in Olanje sind Agitatoren und streichen den Redemptoristen um den Bart. Ihr einziger echter Ehrgeiz ist, die Landbarone aus den Domänen zu vertreiben.“

„Sie sind der nicht unbegründeten Ansicht, daß das Land von Rechts wegen ihnen gehört.“

„Es gehört ihnen, wenn sie es fertigbringen, uns mit Gewalt zu verjagen“, erwiderte Kelse finster. „Wenn nicht, bleibt es unser Besitz.“

Sammatzen zuckte die Achseln und gesellte sich zu einer anderen Gruppe. Kelse wandte sich an Schaine. „Ich glaube, es ist besser, wir ziehen uns jetzt zurück. Wir haben morgen einen langen, anstrengenden Tag vor uns.“

Schaine pflichtete ihm bei. Mit Gerd Jemasze verabschiedeten sie sich von Valtrina und verließen die Villa Mirasol.

Es war schon spät, aber Schaine fand keinen Schlaf. Sie ging hinaus auf den Balkon unter dem sternenbedeckten Himmel. Das Meer war ruhig, die Stadt still und friedlich, nur ein paar Lichter glitzerten noch durch die Baumkronen am Hügel. Kein Laut war zu hören, außer dem sanften Seufzen der Brandung… Ein ereignisreicher Tag! Kelse, Gerd Jemasze, Tante Val, Tortilla [der Graue Prinz!] – alle ein Teil ihrer Kindheit, und jetzt alle in ihrem Grundcharakter weiterentwickelt, intensiviert. Die Ruhe und der Frieden, die sie zu Hause erhofft hatte, schienen für immer verloren. Sie ließ die Gesichter vor ihrem geistigen Auge vorüberziehen. Kelses: angespannter und zynischer, als es zu erwarten gewesen war. Kelse hatte seine Jugend übersprungen. Von seinem früheren Charme war nichts geblieben. Gerd Jemaszes: hart und brüsk, ein barscher Mann, mit einem Herzen aus Stein. Tortillas, oder Jorjols, wie sie ihn jetzt nennen mußte: so galant und klug wie immer. Welche Ironie, daß gerade das, dem er das Leben, seinen Unterhalt, seine Erziehung zu verdanken hatte, nämlich Morgenwacht und sein Herr, jetzt das Angriffsziel der Redemptoristen war! Dann dachte sie an Elvo Glissam, und wieder stieg ihr das Blut warm in den Kopf. Sie hoffte, er würde Wochen, ja Monate auf Morgenwacht bleiben. Sie würde ihm die Opalgruben zeigen, den Schleiersee, die Sanhredinlichtung, den Zauberwald und die Hütte auf dem Mount May. Sie würde Kurgech bitten, ein Grand Karoo7 zu veranstalten. Elvo Glissam würde ein wenig Freude nach Morgenwacht bringen, wo es seit fünf Jahren – fünf bittere, vergeudete Jahre – keine mehr gegeben hatte.

[7 Karoo: Uldra-Festlichkeit mit Musik, Tanz, üppigen Speisen, alkoholischen Getränken, Rezitationen und sportlichen Wettbewerben. Ein normales Karoo dauert gewöhnlich einen Tag und eine Nacht, ein Grand Karoo drei Tage und Nächte oder sogar länger. Die Karoos der Retentum-Stämme sind wild und oft makaber.]

Fortsetzung:

Der Graue Prinz (2): Heimkehr nach Morgenwacht

Siehe auch die Goodreads-Seite über „The Gray Prince“.

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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Ein Kommentar

  1. „…die kosmopolitischen, philanthropischen, intellektuell und gesellschaftlich hyperaktiven Stadtbewohner von Szintarre…“ ihr könnt euch denken, welche Assoziationen mir da kommen.

    Bei Valtrina Darabesq, Erris Sammatzen und Glinth Isbane muß ich an meine gutmenschlich verstrahlten Unternehmer-Verwandten denken, die auch immer vor Verständnis für „Migranten“ überfließen, während sie auf Einwanderungskritiker genauso herabschauen wie auf inländische Arbeitnehmer, und die sich immer einbilden, sie wären die einzigen Leistungsträger im Land.

    Bemerkenswert finde ich übrigens, wie Jack Vance in dieser dreißigtausend Jahre in der Zukunft spielenden Geschichte Menschen beschreibt, die immer noch mehr oder weniger europäisch erscheinen und deren Namen von europäischen abgeleitet zu sein scheinen.

    „Es gehört ihnen, wenn sie es fertigbringen, uns mit Gewalt zu verjagen“, erwiderte Kelse finster. „Wenn nicht, bleibt es unser Besitz.“

    Diese Wortmeldung von Kelse trifft gut auf unsere Situation zu. Oder wie er später vor der Mull sagen wird: „Die Klagelieder der unterworfenen Völker, so pathetisch und tragisch sie auch sein mögen, haben keinerlei Rechtskraft.“
    Und das werden auch unsere Klagelieder nicht haben, wenn unsere europäischen Länder einmal unter jüdischer Oberleitung islamisiert, türkisiert, arabisiert und afrikanisiert sind, weil es uns nicht gelungen ist, das zu verhindern.

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