Wann gab es den Roten Baron?

Von Brett Holman, übersetzt von Lucifex (ursprünglich für diesen Kommentar zu F. Roger Devlins Joyeux Noёl: Die Anfänge des Ersten Weltkrieges und der Weihnachts-Waffenstillstand von 1914). Das Original When was the Red Baron? erschien am 20. August 2018 auf Airminded.

Vorbemerkung des Übersetzers: Der Autor dieses Essays ist der von ihm lange gehegten Vorstellung (die wohl auch die von uns allen ist) nachgegangen, daß Manfred von Richthofen schon zu Lebzeiten auf beiden Seiten der Front als „Roter Baron“ bezeichnet wurde, und hat Überraschendes herausgefunden. Auch wenn es für sich genommen nicht wichtig ist, ab wann die Bezeichnung „Roter Baron“ wirklich gängig geworden ist, zeigt dieses Beispiel doch auf, wie unrichtige historische Wahrnehmungen durch mediale Präsentation zustandekommen können, auch ganz ohne irgendeine Böswilligkeit oder politische/metapolitische Agenda.

Manfred von Richthofen ist unzweifelhaft der berühmteste Flieger des Ersten Weltkriegs, möglicherweise aller Zeiten. Aber er ist nicht so sehr unter seinem Namen berühmt wie unter seinem Spitznamen: er ist der Rote Baron, ein Verweis auf sein rotes Flugzeug und seine aristokratische Geburt. [Anm. d. Ü.: wie die meisten von euch wissen werden, war er aber ein Freiherr und kein Baron.] Er beschwört sofort Bilder von Rittern am Himmel herauf, die in der Luft miteinander kämpfen, bis einer zu Fall gebracht wird und dem Boden weit unten entgegentaumelt. Als Beispiel ist hier ein Bericht aus der britischen Presse über „The end of the Red Baron“ (mit Joseph Simpsons obiger Illustration):

Kavalleriehauptmann Baron von Richthofen wurde an dem Tag im Luftkampf abgeschossen, an dem die deutschen Zeitungen seinen 79. und 80. Sieg verkündeten. Boyd Cable schreibt: „Der Rote Baron mit seinem berühmten ‚Zirkus‘ entdeckte zwei unserer Artilleriebeobachtungsmaschinen, und als ein paar nachfolgende angriffen, zog der größere Teil des ‚Zirkus‘ sich zurück, um es dem Baron zu ermöglichen, ranzugehen und die beiden abzuschießen. Sie lieferten einen Kampf, und während der Baron sich in Position manövrierte, erschien eine Anzahl unserer Lightning-Scoutmaschinen und griff den ‚Zirkus‘ an. Der Baron schloß sich dem Kampfgetümmel an, das sich in Gruppen zerstreute und zu etwas wurde, das unsere Männer einen ‚dog fight‘ nennen. In dessen Verlauf hängte der Baron sich an das Heck eines Kampfaufklärers, der in den Sturzflug ging, mit dem Baron dicht dahinter. Ein weiterer unserer Aufklärer sah das, stürzte dem Deutschen hinterher und eröffnete das Feuer auf ihn. Alle drei Maschinen kamen dem Boden nahe genug, um von Infanterie-Maschinengewehren beschossen zu werden, und man sah, wie der Baron schlingerte, seinen Sturzflug fortsetzte und in unsere Linien krachte. Seine Leiche und der berühmte blutrote Fokker-Dreidecker wurden danach von der Infanterie hereingebracht, und der Baron wurde mit vollen militärischen Ehren begraben. Er war von einer Kugel getroffen worden, und die Wunde zeigte deutlich, daß er von dem Piloten getötet worden war, der ihm hinterhergestürzt war.“

Das Seltsame ist, daß dies die einzige Verwendung der Phrase „Red Baron“ im British Newspaper Archive in Bezug auf Richthofen für den gesamten Krieg war – und selbst da erst nach seinem Tod. Genauso wenig habe ich sie in den anderen größeren englischsprachigen Zeitungsarchiven finden können: Gale NewsVault, ukpressonline, Welsh Newspapers Online, Trove, PapersPast oder Chronicling America. (Ich kann tatsächlich etliche Erwähnungen von „red Baron“ im BNA während des Krieges finden, aber die haben nichts mit dem „Roten Baron“ oder überhaupt mit einer Person zu tun: es war der Name eines Preisträgers in der Show der Royal Ulster Agricultural Society von 1912, der 1916 als „Red Baron“ bezeichnet wurde, „der Zuchtbulle in der Herde des ehrenwerten Frederick Wrench, Killacoona, Ballybrack, der sich für ihn als solch eine veritable Goldgrube erwiesen hat“. Genauso wenig erscheint „red Baron“ im Magazin Flight während des Krieges, noch in der englischen Übersetzung von Richthofens Autobiographie Der Rote Kampfflieger, die bezeichnenderweise als „The Red Battle Flyer“ übersetzt wurde.

Falls Richthofen während des Krieges „Roter Baron“ genannt worden war, wie ich angenommen hatte und wie anscheinend verbreitet geglaubt wird, so scheint diese Praxis nicht ihren Weg in die Presse gefunden zu haben und kann daher nicht sehr verbreitet gewesen sein. Vielleicht war es ein Spitzname, der ihm von alliierten Fliegern verpaßt worden war, auch wenn etwas weniger Höfliches als wahrscheinlicher erscheint. Aber auf jeden Fall muß Wikipedias Behauptung:

Richthofen malte sein Flugzeug rot an, und dies kombiniert mit seinem Titel führte dazu, daß er in Deutschland und außerhalb davon „der Rote Baron“ genannt wurde

eingeschränkt werden, und zwar sehr.

Wenn es den Roten Baron im Großen Krieg faktisch nicht gab, wann gab es ihn dann? Die Richthofen-Biographien, die ich konsultieren konnte, befassen sich mit dieser Frage nicht sehr klar. Peter Kilduff zum Beispiel zählt „The Red Baron“ bloß als einen von Richthofens Spitznamen auf, ohne zu sagen, wer ihn so nannte und wann. In einem Text von 1969 behauptet William Burroughs:

Britische Piloten nannten in Bloody Red Baron, Jolly Red Baron und Le Diable Rouge – den Roten Teufel. Manche britische Infanteristen nannten ihn Red Falcon oder Red Devil.

Diese selbstsichere Liste von Spitznamen ohne Quellenangabe muß als sehr für Zweifel offen betrachtet werden. Frühere Biographien wie jene von Floyd Gibbons (1930) und „Vigilant“ (d. h., Claud W. Sykes, 1934) scheinen den Roten Baron gar nicht zu erwähnen: sie nennen ihn beide Red Knight, sogar in ihren Titeln. Es ist sicherlich möglich, einige Verweise auf den Roten Baron in den 1920ern und 1930ern zu finden. Zum Beispiel konnte der Derby Daily Telegraph 1928 als Teil eines Retrospektivartikels über die Schlachtfelder der Westfront schreiben:

Es war nahe Corbie, wo der berühmt-berüchtigte „Rote Baron“ von Richthofen, der tödlichste deutsche Luftkämpfer des Krieges, heruntergeholt wurde.

Und ich habe die relevante Literatur keineswegs erschöpfend durchforstet (und ich bin sicher, daß dort einige Verwendungen von „Roter Baron“ zu finden sind). Dennoch scheint es, als sei Richthofen bis etwa 1960 sehr selten Roter Baron genannt worden. Umgekehrt war es ab etwa 1970 fast unmöglich, ihn nicht so zu nennen: Ich denke nicht, daß ich ein einziges Buch über ihn aus dem letzten halben Jahrhundert gefunden habe, das nicht auch „Roter Baron“ irgendwo im Titel hat. Ein Ngram-Plot von ‚Red Baron‘ vs ‚von Richthofen‘ auf Google Books untermauert das (obwohl zu beachten ist, daß es auch andere berühmte Richthofens gibt).

Etwas scheint Mitte der 1960er geschehen zu sein, das den Roten Baron extrem populär gemacht hat. Und was dieses Etwas war, scheint offensichtlich zu sein: Snoopy, der bekanntlich Tagträume davon hatte, ein As im Royal Flying Corps und ein alter Rivale von niemand anderem als dem schwer zu erwischenden Roten Baron zu sein. Wie es der Zufall will, erschien der Rote Baron erstmals im Peanuts-Comic im Oktober 1965:

…dem im September 1966 ein Bestseller-Kinderbuch mit dem Titel Snoopy and the Red Baron folgte – das erste Buch, von dem ich weiß, das „Red Baron“ im Titel hat. Die Peanuts waren und sind riesig populär und werden von vielen Millionen Menschen auf der ganzen Welt gelesen; Snoopy mit seiner Piloten-Persona ist wahrscheinlich der Charakter mit dem größten Wiedererkennungswert. Die Peanuts sind in andere Medien übergewechselt, insbesondere einschließlich eines weltweiten Hits der Royal Guardsmen von 1966/67, „Snoopy vs the Red Baron“:

Ich denke nicht, daß irgendetwas davon ein Zufall sein kann. Was immer die letztendliche Inspiration war – Charles M. Schulz, der Schöpfer der Peanuts, kam durch die Flugzeugmodellbauerei seines Sohnes auf die Idee -, Snoopy ist (mit Hilfe der Royal Guardsmen) dafür verantwortlich, daß der Rote Baron zum Roten Baron gemacht wurde.

Wann gab es den Roten Baron? Nicht vor ungefähr 1966, nahezu ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod.

*   *   *   *   *   *   *   *

Die Royal Guardsmen legten zu Weihnachten 1967 mit dem Lied Snoopy’s Christmas nach, das vom „kleinen Weihnachtsfrieden im Großen Krieg“ von 1914 inspiriert war. Darin treffen Snoopy und der „Rote Baron“ zu Weihnachten im Luftkampf aufeinander. Der Rote Baron hat Snoopy in einer Position, wo er ihn abschießen könnte, tut es aber nicht, sondern zwingt ihn hinter den Linien zur Landung. Dort trinken die beiden auf Weihnachten und starten dann wieder, wissend, daß sie einander eines Tages wieder begegnen werden:

Siehe auch „Ich weiß das!“ – Mediale Manipulation und ihre Wirkung von Dunkler Phönix.

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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