NWO-Propaganda in SF-Romanen: Alan Dean Fosters „Homanx“-Reihe (1) – „Das Tar-Aiym Krang“

Von Lucifex. (Achtung, LANGER Artikel!)

„Wo Silverberg heute hingeht, wird ihm der Rest der Science Fiction morgen folgen”

1972, nur drei Jahre nach Robert Silverbergs SF-Roman „Across a Billion Years / Nach all den Jahrmilliarden“, erschien der Erstlingsroman des jüdischen Autors Alan Dean Foster, The Tar-Aiym Krang (deutsch „Das Tar-Aiym Krang“, 1979), dem im Laufe der Jahre 28 weitere Romane aus Fosters „Homanx-Commonwealth“ folgten. Besonders populär waren davon die Geschichten um Philip Lynx, genannt Flinx, und seinen Minidrach Pip, eine halbintelligente, geflügelte Schlange vom Planeten Alaspin, die wie Flinx gewisse telempathische Fähigkeiten hat.

Ich kenne viele dieser Romane seit einer Zeit, als ich selbst nicht viel älter war als Flinx in Das Tar-Aiym Krang, und ich habe sie immer geliebt, vor allem die frühen Flinx-Geschichten. Vor etlichen Jahren habe ich mir dann drei neu erschienene Flinx-Bücher gekauft, Flucht ins Chaos, Nichts als Ärger und Patrimonium, und diese haben mir mit ihrer politkorrekten Antirassismus- und Universalismuspropaganda sehr mißfallen. Daraufhin habe ich die „guten alten“ Bücher wieder gelesen, bei denen ich mich zu erinnern glaubte, daß es darin noch anders zugegangen wäre, und mußte feststellen, daß sie auch schon einigermaßen so waren.

Das fing bereits in Das Tar-Aiym Krang an, das ich (neben Der Kollapsar) von allen Homanx-Romanen rein als SF-Geschichte betrachtet auch heute noch am liebsten wieder einmal lese, was unter anderem sicher auch daran liegt, daß man zu dem, was man in den „formativen Jahren“ als Teenager und junger Erwachsener mochte, oft auch später noch einen besonderen Bezug hat. Dieses Buch stelle ich nachfolgend etwas ausführlicher vor, als Beispiel für die gesamte Serie, um zunächst zu zeigen, warum ein junger SF-Leser wie ich damals davon fasziniert war, und anschließend, was darin der erst viel später erkannte (((Propagandagehalt))) ist, bei dem es prototypisch für die gesamte Homanx-Serie ist:

Das Tar-Aiym Krang

Flinx, ein noch nicht ganz siebzehnjähriger Waisenjunge, der als Kind von der Markthändlerin „Mutter Mastiff“ auf einem Sklavenmarkt gekauft und als Ersatzsohn aufgezogen wurde, bestreitet seinen Lebensunterhalt als Schausteller auf dem Marktplatz von Drallar, der Hauptstadt des Planeten Moth. Daneben ist er auch ein Gelegenheitsdieb, der aber – als „ethischer Dieb“, wie es auf der ersten Seite heißt – nur Leute bestiehlt, die es selber mit dem Gesetz nicht so genau nehmen. Eines Tages kommt er in einer Seitengasse dazu, wie zwei Männer einen dritten überfallen, und wird in den Kampf verwickelt. Einen der Angreifer ersticht er, während Pip den zweiten tötet, indem er ihm sein schnellwirkendes Gift in die Augen spuckt. Dem bereits ebenfalls toten Angriffsopfer nimmt Flinx eine Sternkarte ab, die anscheinend der Grund für den Überfall war, und verschwindet damit, ehe die Polizei eintrifft.

Noch am selben Abend wird er von zwei außerplanetarischen Besuchern als Fremdenführer angeheuert: dem Menschen Bran Tse-Mallory und dem Thranx-Philosophen Truzenzuzex, einem Insektoidwesen, mit dessen Spezies die Menschen eine verschmolzene Zivilisation gebildet haben: das Homanx-Commonwealth (von Homo sapiens und Thranx). Die beiden lassen sich von Flinx in die Wohnstadt der Reichen von Drallar führen, eine gated community, wo auch der Turm des schwerreichen, interstellar tätigen Handelsherrn Maxim Malaika steht. Dort angekommen, stellt sich heraus, daß Flinx‘ Auftraggeber bedeutende Gelehrte sind, und weiters, daß die Sternkarte in Flinx‘ Besitz für Tse-Mallory und Truzenzuzex bestimmt war und für das Unternehmen wichtig ist, das sie Malaika vorschlagen: die Suche nach dem Krang, einem mysteriösen Artefakt der Tar-Aiym, einer Alien-Spezies, die vor 479.000 Jahren in einem interstellaren Krieg gegen die Hur’rikku zusammen mit ihren Gegnern untergegangen ist. Dieses Krang, das sowohl eine Superwaffe als auch eine Art Musikinstrument sein soll, wird auf einem Planeten im sogenannten „Brand“ vermutet, einem weiten Raumgebiet, in dem alle intelligenten und halbintelligenten Lebewesen durch jenen Krieg ausgelöscht worden waren. Die beiden Gelehrten gewinnen Malaika dafür, sich mit ihnen in seiner Raumyacht Gloryhole auf die Suche nach dem Krang zu machen. Nachdem sie gegangen sind, ruft der Händler per Hyperfunk seine Geschäftsrivalin Rashallaila Nuaman, die Indizien zufolge (und auch tatsächlich) den Überfall auf den Sternkartenüberbringer beauftragt hat, auf deren Privatplaneten an und teilt ihr spöttisch mit, daß er nun die Karte besitzt.

Am nächsten Tag fliegt die Gruppe, vervollständigt durch Flinx und Pip, Malaikas Diener und Piloten Wolf, die Copilotin Atha Moon und Malaikas aktuelle Gespielin Sissiph, mit einem Shuttle zur Gloryhole in den Orbit hinauf. Nachdem sie sich an Bord einquartiert haben, beschleunigt die Raumyacht aus dem System von Moth hinaus, gezogen vom Posigravfeld, das der Abstrahltrichter des Doppelka-Antriebs vor sie projiziert, und geht auf Überlichtgeschwindigkeit. Unbemerkt folgt ihr das Schiff eines Agenten von Rashallaila Nuaman, für den die Sternkarte hätte geraubt werden sollen.

„Flinx lächelte, achtete aber darauf, daß der Handelsmann es nicht bemerkte. Nur wenige wußten, was der Name von Malaikas privater Yacht zu bedeuten hatte. Die meisten glaubten, es handele sich um ein altes terranisches Wort, das einen reichen Mineralfund bedeutet…“ (Ich – Lucifex – wußte damals auch noch nicht, was ein Gloryhole ist.)

Dieser Teil der Geschichte war für mich wegen des Themas eines Sternenschiffes in Privatbesitz (anstelle eines militärischen oder sonstwie staatlichen Schiffes) reizvoll, das ich damals ansonsten hauptsächlich aus dem ebenfalls neuen Film Krieg der Sterne kannte. Anders als Han Solos Millennium Falcon ist Maxim Malaikas viel größere Gloryhole eine luxuriöse Raumyacht: ihre Luftschleuse ist mit Pelz ausgekleidet, der Salon „ein Märchen aus Glas, Holz und Plastik“, durch dessen grünen, pelzartigen Boden echte Bäume wachsen und dessen Decke als Hologramm ausgebildet ist, das einen freien Himmel mit Wolken und Sonne zeigt. Für die Reisenden gibt es komfortable Kabinen, und die Mahlzeiten werden vom Autokoch im Salon serviert.

Nach den ersten paar Reisetagen, in denen nichts Dramatischeres passiert als eine Rauferei aus Eifersucht zwischen Sissiph und Atha Moon, die heimlich in ihren Chef verliebt ist, kommt es zu einer Begegnung mit zwei Zerstörern der AAnn, kriegerischen Reptiloidwesen, den „Klingonen“ des Homanx-Universums. Deren Kommandant ist von Teleen auz Rudenuaman, die ihrer Tante Rashallaila Nuaman ins Geschäft pfuschen will, über Vermittlung eines AAnn-Geschäftsmannes auf sie angesetzt worden. Aus diesem Teil zitiere ich nun ein längeres Stück:

„Es sind zwei, Kapitän“, sagte Wolf. „Sehen Sie…“

Das stimmte. Selbst Flinx konnte sehen, daß der größere Punkt sich beim Näherkommen in zwei deutlich unterscheidbare einzelne Punkte auflöste. Gleichzeitig verspürte er eine Vielfalt ähnlicher Bewußtseinsinhalte, alle denen ähnlich, die er ursprünglich wahrgenommen hatte.

Zwei Schiffe“, sagte Malaika. „Dann stimmt meine eine Annahme doch nicht. Vorher waren da nur Schatten. Jetzt liegt alles im Dunkeln. Usiku. Trotzdem, es könnte sein…“

„Was haben Sie denn vermutet, Maxim?“ fragte Truzenzuzex.

„Ich dachte, einer meiner Konkurrenten – und zwar ein ganz bestimmter Konkurrent – hätte mehr von Ihrer Entdeckung erfahren, als ich ursprünglich angenommen hatte. Vielleicht ist doch etwas durchgesickert. In dem Falle hätte ich angenommen, daß jemand auf diesem Schiff ein Spion ist.“ Sein Blick wanderte unruhig durch die Kabine. „Diese Möglichkeit besteht immer noch, aber ich neige ihr jetzt nicht mehr zu. Ich kenne keine Gesellschaft im ganzen Spiralarm, weder die, an die ich gedacht habe, noch General Industries, die es sich leisten könnte oder bereit wäre, zwei Schiffe auf puren Verdacht hin in Marsch zu setzen. Nicht einmal eine AAnn-Nestgesellschaft.“

„Und wer sind dann unsere beiden Besucher?“ wollte Tse-Mallory wissen.

„Das weiß ich nicht, Soziologe, hata kidogo. Keine Ahnung habe ich. Aber wir werden es ohne Zweifel in Kürze erfahren. Sie sollten gleich in Empfangsdistanz sein, wenn sie es nicht schon sind. Wenn es in dieser Gegend eine Relaisstation gäbe, hätten wir es schon erfahren – vorausgesetzt natürlich, sie wünschten, daß wir von ihrer Anwesenheit erfahren, und in etwa wußten, wo wir uns befanden. Ich glaube, daß ich das bezweifeln darf…“

Atha drehte an Skalen und Schaltern. „Ich habe sämtliche Geräte auf Empfang. Wenn die uns anstrahlen, fangen wir die Sendung auch auf!“ Und das taten sie.

Das Gesicht, das sich auf dem Bildschirm zeigte, versetzte ihnen dank Flinx‘ Vorauswarnung keinen Schock, wohl aber die Kleidung, die das Wesen trug, weil sie so völlig unerwartet kam.

„Guten Morgen, Gloryhole“, sagte der AAnn-Offizier-Edelmann, der sie mit düsterer Miene musterte. „Oder welche Tagesperiode Sie auch im Augenblick wahrnehmen mögen. Ihr Kapitän ist der weithin bekannte Maxim Malaika, nehme ich an?“

„Der verblüffte und neugierige Maxim Malaika ist hier, wenn es das ist, was sie meinen.“ Er trat in den Aufnahmebereich der Kamera. „Sie sind mir gegenüber einen Sprung voraus.“

„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte die Gestalt. „Ich heiße Riidi WW, Zweiter Baron von Tyrton Sechs, Offizier in den Circumspatialen Verteidigungsstreitkräften von Kaiser Mahn dem Vierten. Mein Schiff nennt sich Arr, und es wird von seinem Schwesterschiff, der Unn, begleitet.“

Malaika sprach in Richtung auf das Mikrofon. „Beachtlich. Ihre Mutter muß eine gute Puste gehabt haben. Ihr Jungs seid ja etwas von euren normalen Bahnen abgekommen, nicht wahr?“

Das Gesicht des Barons ließ milde Überraschung erkennen. Aber Flinx erkannte den Spott dahinter. „Aber Kapitän! Der Brand ist Weltraumgebiet, das von niemandem beansprucht wird, und steht allen offen. Es gibt hier viele schöne kolonisierbare unbeanspruchte Planeten, die jeder weltraumfahrenden Rasse zur Verfügung stehen. Es trifft zwar zu, daß die Regierung Ihrer Majestät in der Vergangenheit sich mehr für die Expansion nach draußen interessiert hat, aber trotzdem kommt es gelegentlich dazu, daß besonders vielversprechende Planeten näher untersucht werden.“

„Eine sehr knappe und scheinbar plausible Erklärung“, flüsterte Truzenzuzex Malaika von außerhalb des Aufnahmebereichs der Kamera zu.

„Ja“, flüsterte der Kaufmann zurück. „Ich glaube ihm auch kein Wort. Wolf, Kurswechsel fünfundvierzig Grad X-plus.“

„Verstanden, Kapitän.“

„Nun, Baron, es ist immer nett, wenn man hier draußen mitten im Nichts von jemandem hört, und ich bin sicher, daß zwei Zerstörer seiner Majestät jedem erfolgversprechenden Planeten, den sie zufällig finden, mehr als gewachsen sein werden. Ich wünsche Ihnen bei Ihren Sucharbeiten viel Glück.“

„Ihre Glückwünsche nehmen wir in dem Sinne an, wie sie gemeint sind, Kapitän Malaika. Ich möchte Ihnen als Gegenleistung die Gastfreundschaft meines Schiffes und meiner Mannschaft anbieten, ganz besonders die unserer Kombüse. Ich habe das Glück, einen Koch an Bord zu haben, der die Küchenkünste von zweiunddreißig verschiedenen Systemen beherrscht. Der Mann ist ein Zauberer und wäre stolz, wenn man ihm Gelegenheit gäbe, seine Talente einem solchen Kenner darzubieten, wie Sie es sind.“

Wolf flüsterte: „Sie haben ihren Kurs dem unseren angepaßt, Sir. Und beschleunigt haben sie auch.“

„Auf Kurs bleiben. Und so weit beschleunigen, daß wir gleiche Fahrt wie sie machen. Aber vorsichtig, mwanamume, vorsichtig!“ Er wandte sich wieder dem Bildschirm zu.

„Wahrlich ein großherziges Angebot, Baron, und ich würde es normalerweise auch als große Ehre auffassen und mit Vergnügen annehmen. Aber ich fürchte, die Umstände erfordern, daß wir diese Einladung ablehnen. Wissen Sie, wir hatten gestern abend Fisch zum Abendessen, und ich bin sicher, daß er nicht halb so gut zubereitet war, wie Ihr Küchenchef das tun würde, denn wir haben heute alle an unangenehmen Schmerzen im Verdauungsbereich gelitten. Wenn wir dürfen, wollen wir gerne ein andermal auf Ihr freundliches Angebot zurückkommen.“

Und vom Mikrofon abgewandt flüsterte er: „Gehen Sie alle in Ihre Kabinen und schnallen Sie sich fest. Ich werde Sie über die Sprechanlagen des Schiffes auf dem laufenden halten. Aber wenn es etwas unsanft zugehen sollte, möchte ich nicht, daß Sie von den Wänden abprallen und mir die Teppiche besudeln!“

Flinx, Tse-Mallory und Truzenzuzex eilten zum Ausgang, sorgfältig darauf bedacht, außer Sichtweite der Videokamera zu bleiben. Aber offensichtlich konnte Truzenzuzex der Versuchung nicht widerstehen, einem hartnäckigen und uralten Feind eins auszuwischen. Die Thranx hatten schon lange vor der Menschheit mit den AAnn zu tun gehabt.

Er schob seinen Kopf in den Aufnahmebereich der Kamera und schrie: „Wisse, du Sandfresser, daß ich die AAnn-Küche schon gekostet und sie zu rauh befunden habe. Jene, die Felsen fressen, ähneln bald in ihrem Verstand und ihrer Einstellung dem, was sie fressen!“

Der AAnn schien sich zu erregen, denn die Schuppen an seinem Hals spreizten sich. „Höre, du Schmutzbewohner, ich will dir nur sagen…!“ Mitten im Fluch hielt er inne und riß sich zusammen, was ihn einige Mühe kostete. Er zwang sich zu einem resignierten Seufzen, obwohl er ohne Zweifel vorgezogen hätte, eine Drohung auszustoßen, und sagte: „Ich will weiterhin höflich bleiben, obwohl es offenkundig ist, Kapitän, daß in Ihrem Schiff die Höflichkeit verschwunden ist. Wie Sie wünschen. Sie sind nicht schneller als wir. Jetzt, da wir in Reichweite sind, werden meine Detektoroperateure sehr darauf achten, Sie nicht mehr zu verlieren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir Tochterposition erreicht haben. Und bis dahin, hoffe ich, werden Sie sich meine wirklich höfliche und großzügige Einladung noch einmal überlegt haben und Ihr Feld öffnen. Andernfalls“, sagte er grimmig, „fürchte ich sehr, daß wir uns gezwungen sehen werden, Sie wie eine Dose Zith-Paste zu öffnen.“

Und damit wurde der Schirm wieder dunkel.

Flinx legte sich in seiner Kabine aufs Bett und begann sich anzuschnallen. Pip lag neben seiner linken Hand, um eine Stange gerollt, die am Bett befestigt war. Er redete dem Minidrach zu, ruhig zu sein. Die Schlange spürte, daß hier wichtige Dinge vor sich gingen, und tat, wie man ihr geheißen hatte.

Als er es sich so bequem gemacht hatte, wie das im angeschnallten Zustand möglich war, schaltete er den kleinen Bildschirm ein, der von der Kabinendecke hing. Der Schirm leuchtete auf und zeigte ihm Malaika, Atha und Wolf, die im Cockpit beschäftigt waren. Unwillkürlich erinnerte er sich an vertrautere Gerüche und Bilder. Es war ihm peinlich, aber im Augenblick wünschte er sich innig nach Hause zurück, nach Drallar, und er hätte nichts lieber getan, als vor einer neugierigen Menge seine Jongleurkünste zu zeigen und kleine Jungen zum Lachen zu bringen, indem ihnen die Namen ihrer geheimen Liebschaften nannte. Was er aus dem Bewußtsein und den Gedanken des AAnn-Kommandanten entnehmen konnte, war nicht angenehm. Und dann verschwand das Gefühl so abrupt, als hätte man ihm plötzlich einen feuchten Lappen durch das Gehirn gezogen, und er legte sich zurück und wartete.

In der riesigen exotisch möblierten Kabine, die man ihr als Aufenthaltsquartier zugewiesen hatte, lag Sissiph allein auf dem großen Bett. Sie war in einen Schutzpanzer eingeschnallt. Sie hatte die Knie fast bis zur Brust angezogen und fühlte sich sehr einsam. Der Befehl, Schutzkleidung anzulegen, war mit kühler, keinen Widerspruch duldender Stimme ausgesprochen worden, wie sie sie von Maxy noch nie zuvor gehört hatte. Sie hatte Angst. Die luxuriösen Einrichtungsgegenstände, die kunstvoll geschnitzten Möbel und das sinnliche Licht, das Vermögen an Kleidung, das den ganzen Raum in wirrem Durcheinander erfüllte, alles das schien ihr jetzt frivol und flüchtig. Sie hatte es gewußt, gewußt hatte sie es, als sie es sich in den Kopf setzte, diese andere kleine Hexe – wie hieß sie doch? – als Malaikas Katze zu verdrängen, daß etwas Schreckliches wie das hier geschehen würde. Gewußt hatte sie es!

Handelsleute waren so verdammt unberechenbar!

Sie knipste den Schalter nicht an, der den Bildschirm an der Wand in Betrieb setzte und sie mit dem Cockpit und dem Rest des Schiffes in Verbindung brachte. Sollte er doch eine Weile ohne sie überleben! Statt dessen wühlte sie sich, so tief es ging, in die Schnurrseidenkissen und legte sich selbst gegenüber das Versprechen ab, wenn sie die schreckliche ekelhafte Reise ins Nichts überstand, sich einen netten hundertfünfzig Jahre alten Mann zu suchen – an der Schwelle des Todes. Einen senilen wohlhabenden Mann, bei dem sie auf ein nettes, ruhiges, bequemes kurzes Eheleben hoffen dürfte – und eine lange wohlhabende Witwenschaft.

Bran Tse-Mallory lag auf seinem Bett und vergegenwärtigte sich stumm die hundertfünfzig Maximen des Zustandes unbestimmter Zufriedenheit. Ursprünglich war dieser Zustand von einem brillanten Hochschulassistenten erfunden worden und sollte dazu dienen, nervösen Studenten vor wichtigen Prüfungen Entspannung zu vermitteln. Aber natürlich erfüllte diese Kunst auch in anderen Situationen ihren Zweck. In der augenblicklichen zum Beispiel. Aber so sehr er sich auch anstrengte, er kam nicht über einundzwanzig hinaus. Die einundzwanzigste Maxime drängte sich ihm immer wieder auf, so sehr er sich auch auf zweiundzwanzig zu konzentrieren versuchte.

„Die Menschheit ist bestimmt die überspannteste Rasse im Universum, denn wer sonst glaubt schon, daß Gott nichts Besseres zu tun hat, als den ganzen Tag herumzusitzen und ihr immer dann zu helfen, wenn die Lage schwierig wird?“

Es war ein Gedanke, der einer Person unwürdig war, die eigentlich über all die Jahre hinweg reifer und damit gelassener hätte werden müssen, aber, oh, wie er sich doch den beruhigenden Kolben einer Waffe in der Hand wünschte – irgendeiner Waffe. Seine Finger spannten sich und lockerten sich dann wieder wie im Reflex und gruben sich tief in die weichen Decken ein.

Der Eint Truzenzuzex lag ruhig auf seinem etwas modifizierten Sessel, die Beine ausgestreckt, Fußhände und Echthände in der angemessenen Oo-Position über der Brust gekreuzt. Er versuchte eine Hälfte seines Bewußtseins auf das Bildgerät des Schiffes zu konzentrieren, während die andere ein monotones Ritual vollzog:

„Ich, Tru von der Familie Zen, dem Clan Zu und der Wabe Zex, bete hiermit darum, auf meine – unsere Ahnen keine Schande zu bringen. Ich, Tru von der Familie Zen, dem Clan Zu der Wabe Zex bete hiermit darum, daß ich in der bevorstehenden Zeit der Schwierigkeiten meiner Erstmutter, meiner Clanmutter und meiner Wabenmutter Ehre bringen möge. Ich, Tru von der Familie Zen, dem Clan…“

Atha Moon und der Mann, der sich Wolf nannte, dachten an andere Dinge. Sie waren viel zu beschäftigt, um irgend etwas anderes als ihre Arbeit im Sinn zu haben. Und Maxim Malaika, der Mann, der für sie alle die Verantwortung trug, tat es ihnen gleich. Außerdem hatte er viel zuviel Angst, um Zeit für Trivialitäten wie Sorge zu haben. Wolf riß ihn aus seinen Gedanken.

„Jetzt sind sie auf fünf Mils herangekommen. Bei dieser Geschwindigkeit sind sie in fünf oder zehn Minuten in Partikelstrahlreichweite.“

Shoovy! Und noch ein paar andere Unaussprechlichkeiten! Verdammt!“

Atha sah ihn besorgt an. „Könnten wir nicht versuchen, ihnen auszuweichen, Maxim? Ich meine, Herr Kapitän?“

La, hasha, Atha. Unmöglich. Das sind AAnn-Zerstörer dort draußen. Sie sind dafür konstruiert, Schiffe, die viel schneller als wir sind, aufzuspüren und in Stücke zu schneiden. Die Gloryhole ist das Spielzeug eines reichen Mannes, kein Marineschiff. Aber schnell ist sie schon, Sharti. Natürlich ist sie das. Wenn wir beim ersten Kontakt weiter von ihnen entfernt gewesen wären, hätten wir ihnen entschlüpfen und uns verstecken können, aber dazu haben die uns zu schnell gestellt. Außerdem sind sie zu zweit. Einem von diesen Kerlen könnten wir entwischen, aber zweien niemals. Nicht auf diese Distanz.“

Atha überlegte. „Könnten wir nicht einfach… nun… uns ergeben und sehen, was dann geschieht? Ich meine, wenn man alles bedenkt, so schrecklich schien mir dieser Baron nicht. Nur ungeduldig. Und schließlich befinden wir uns nicht im Krieg mit seinen Leuten.“

Ndoto. Ein Traum. So arbeiten die AAnn nicht, Atha.“ Seine Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepreßt. „Im besten Falle sind sie mit Leuten, die mit ihnen kooperieren… intolerant. Mit solchen, die das nicht tun… wenn Sie Einzelheiten hören wollen, fragen Sie Wolf. Er war während des letzten echten Homanx-AAnn-Konfliktes in einem AAnn-Gefangenenlager. Es mag andere Leute geben, die ebenso lang in einem dieser Höllenlöcher überlebt haben und nachher noch davon berichten konnten. Aber wenn das so ist, habe ich keinen kennengelernt.“

„Der Kapitän hat recht, Fräulein Moon. Ich würde lieber ins Weltall hinausspringen, um wie ein Tiefseefisch zu explodieren, als mich von diesen Teufeln noch einmal einfangen zu lassen.“ Er deutete mit einer Kopfbewegung auf den Bildschirm, wo die weißen Punkte immer noch unaufhaltsam näher rückten. „Abgesehen von sonstigen Liebenswürdigkeiten sind sie besondere Meister in der höheren Kunst der Folter. Davon verstehen sie wirklich etwas. Wissen Sie, bei denen ist das so etwas wie eine Kunstform. Die meisten meiner Narben sieht man nicht. Sie sind hier oben, aber wissen Sie.“ Er griff sich an den Kopf. „Wenn Sie eine nähere Schilderung wünschen…“

Atha schauderte. „Nein, schon gut.“

„Dieser Riidi scheint ja ganz anständig – für einen AAnn, aber das Risiko eingehen… Wenn ich Wolf nicht zur Kursplanung brauchte oder mich selbst vom Computer freihalten könnte… tandunono! Nein, Augenblick!“

Er beugte sich über das Mikrofon. „Ninyi nyote! Tse-Mallory, Soziologe. Und Sie auch, Käfer! Haben Sie je mit einer Weltraumwaffe zu tun gehabt? Auch wenn es nur in Simulationen war?“

Tse-Mallory brach sich in seiner Kabine fast den Finger, so ungeduldig riß er an seinen Gurtschlössern. Und Truzenzuzex unterbrach sein Ritual an einer Stelle und in einer Art und Weise, die ihm die Verachtung eines jeden Mitglieds seines Clans eingetragen hätte, sollten diese je davon erfahren.

„Wollen Sie damit sagen, daß Sie eine Kanone auf dieser Badewanne haben?“ schrie Tse-Mallory. „Was für eine? Wo? Raus mit der Sprache, Sie Krämerseele! Implosionswaffen, Partikelkanonen, Torpedorohre, Explosivprojektile, Felsen… Tru und ich machen das!“

Je? Hoffentlich. Hören Sie, hinter Ihren Kabinen, naam, dort ist ein Lagerraum. Dahinter ein Gang, der mündet in den Ladungsballon. Dann ein Zugweg. Gehen Sie zum Ende des Hauptzugweges. Sie können gar nicht fehlgehen. Dort finden Sie Abzweigungen. Vorsichtig, in jenem Teil des Schiffes ist keine Schwerkraft. Nehmen Sie die Abzweigung, die neunzig Grad von Ihrer Horizontalen abgeht. Oben finden Sie einen mittelschweren Laser, er ist auf einem Universalgürtel montiert, der das ganze Schiff umgibt. Ich schalte jetzt die Energiezufuhr ein.“ Er hielt einen Augenblick inne, und seine Hände arbeiteten außerhalb des Aufnahmekegels der Kamera.

„Der Laser ist für Einmannbedienung konstruiert. Tut mir leid, Philosoph. Aber Sie könnten ihm am Computer helfen. Wenn er nicht gleichzeitig die Bildanzeigen und den Lagebildschirm beobachten muß…“

Die zwei Männer des Friedens waren bereits losgerannt. Malaika schickte ein stummes Stoßgebet zum Himmel, in der Hoffnung, daß die beiden Gelehrten nicht das ganze Schiff in die Luft jagten, und wandte sich wieder seinen Skalen und Schaltern zu.

„Wie sieht’s denn aus, Wolf?“

„Sie kommen immer noch näher, Kapitän. Nicht mehr so schnell, seit wir unsere Fahrt gesteigert haben, aber der Abstand schrumpft. Wollen Sie jetzt schon auf Maximalfahrt gehen?“

„Nein. Nein, noch nicht. Das ist unsere letzte Zuflucht, wenn es sein muß. Sollen sie ruhig glauben, daß die Glory bloß ein ganz gewöhnlicher Frachter ist. Zuerst möchte ich sehen, was unsere zwei Eierköpfe mit dem Knaller anfangen.“

Die beiden so schmeichelhaft Bezeichneten arbeiteten sich indessen mit halsbrecherischem Tempo durch den Fallschacht. Zum Glück wurden sie dabei nicht von freischwebender Ladung behindert. Der große Ballon aus Metallgewebe war fast völlig leer. Ein paar Kisten schwebten träge in ihren Netzen und vermittelten damit der blaßgrünen Kaverne mit ihrer gespenstischen Atmosphäre wenigstens die Andeutung von Perspektive. Die Beleuchtung, oder, besser gesagt, deren Fehlen verstärkte dieses Gefühl. Da dieser Schiffsteil zwar der größte war, aber nur selten besucht wurde, praktisch nur vor dem Eintreffen am nächsten Bestimmungsort, war die Beleuchtung auf das absolute Minimum beschränkt worden. Trotzdem wäre die riesige kugelförmige Halle im Frachtraum eines der wirklich großen Frachter der „Sonnenklasse“ verloren gewesen.

Es bereitete ihnen keine Schwierigkeit, die richtige Abzweigung am Ende des Hauptschachtes zu finden. Tse-Mallory stieß sich nach oben ab und begann, an dem Tau entlangzuschweben. Er griff nach oben und zog sich schnell Hand über Hand weiter. Er wußte, daß Truzenzuzex unmittelbar hinter ihm war. Mit seinen vier Händen war das Insekt zu wesentlich schnellerer Fortbewegung imstande, aber es bestand keine Notwendigkeit, daß er Bran überholte, da er die für Menschen gebaute Waffe nicht so gut bedienen konnte.

Sie erreichten die Geschützkanzel, eine Kugel aus dickem Metall, die wie eine Blase in die Schiffshaut eingelassen war. Die Anlage verfügte über ihre eigene Energie und Luftversorgung. Zu beiden Seiten war zu sehen, wo der motorgetriebene Gürtel der Batterie das Schiff umgab. Wenn man die Kanone mit diesem Gurt um das Schiff zog, so konnte man einen herannahenden Feind praktisch aus jedem Winkel unter Beschuß nehmen.

Tse-Mallory hatte nur eine Sekunde Zeit, darüber nachzudenken, was eine solche Waffe auf einer Privatyacht zu suchen hatte, als er sich auch schon angeschnallt hatte. Truzenzuzex zog die Luke hinter ihnen zu und setzte sich vor den Computerbildschirm links von Bran. Eine modernere Waffe hätte diese Bildschirmanzeigen in einem Helmgerät vereinigt, das sich der Kanonier selbst aufsetzen konnte.

Bran erfaßte mit der rechten Hand den Abzug. Die Bewegung erinnerte an die eines stolzen Vaters, der sein erstgeborenes Kind liebkost. Seine linke Hand griff in den Sensorschacht des Lagebildschirms. Er ließ den Abzug widerstrebend einen Augenblick lang los, um die Nervensensoren an seiner gespreizten linken Hand zu befestigen. Er machte ein paar Fingerübungen, um sicherzugehen, daß die Sensoren nicht kniffen, und umfaßte mit der Rechten dann wieder den Abzug. Dann untersuchte er den Bildschirm und sämtliche Skalen sorgfältig. Es handelte sich zweifellos um ein etwas veraltetes Modell, aber Laserwaffen hatten sich in ihrer Grundkonstruktion seit einigen Jahrhunderten nicht mehr verändert und würden das vermutlich auch in einigen weiteren Jahrhunderten nicht tun. Er bezweifelte nicht, daß er diese Waffe bereits beim ersten Versuch wirksam würde einsetzen können. Was das betraf, so hatte er auch gar keine andere Wahl! Ihre Verfolger würden ihnen wahrscheinlich keine Chance auf einen Probeschuß geben.

Auf eine Schaltbewegung der linken Hand hin leuchtete der Lagebildschirm auf. Er stellte befriedigt fest, daß seine Reflexe noch genauso gut waren wie früher. Auf dem Bildschirm waren zwei Punkte etwa von der Größe eines Daumennagels zu sehen.

Einen Augenblick lang geriet er in Panik und glaubte, er wäre noch auf der alten Fünfundzwanzig. Wenn ein gegnerisches Schiff im Kriegsfall so nahe gekommen wäre, so wären sie praktisch schon verloren gewesen. Aber sie befanden sich ja nicht im Krieg. Wenigstens im Augenblick noch nicht. Er verbannte die Vorstellung aus seinen Gedanken. Das war etwas, womit die Diplomaten sich ihr Brot verdienen sollten. Offenbar rechnete keines der beiden näher rückenden Schiffe auch nur mit symbolischem Widerstand. Es war einfach eine Frage, wie schnell sie die Yacht einholten, und deshalb rückten sie offen und ohne jede Vorsichtsmaßnahme heran. Vermutlich – das hoffte er jedenfalls – hatten sie sogar die eigenen Schutzschirme abgeschaltet oder zumindest nur auf halbe Kraft geschaltet.

Zu seiner Linken begann Truzenzuzex jetzt eine ganze Reihe von Ziffern und Koordinaten herunterzurasseln. Einer der beiden Zerstörer war etwas näher als der andere. Aber ein so schlampiger Formationsflug war eigentlich unter den gegebenen Umständen kein Wunder.

Die AAnn waren von absoluter Zuversicht erfüllt, die Gloryhole kampflos kapern zu können. Bran begann sein Visier einzurichten. Sein Finger zögerte über dem Abzug, und er sprach ins Mikrofon:

„Schauen Sie, Malaika, diese Leute hier wollen etwas, und da wir hier nur ein einziges solches Etwas haben, das es wert ist, einen interstellaren Zwischenfall dafür zu riskieren, wollen sie uns auch in einem Stück. Ich rechne nicht damit, daß sie plötzlich zu schießen anfangen. Die kommen näher, als brauchten sie nur die Hand aufzumachen, um uns zu schnappen. Das ist nicht das erste Mal, daß ich mit den AAnn zu tun habe. Besonders phantasiereich sind sie nicht, aber verdammt schnell denken können sie. Das bedeutet einen guten Schuß, und zwar nur einen, und dann sollten wir abhauen wie der Teufel. Wie nahe können Sie sie herankommen lassen, ohne daß die spitzkriegen, daß wir nicht ganz das sind, für was sie uns halten? Immer vorausgesetzt, daß sie genügend konfus sind, um das zuzulassen.“

Malaika rechnete fieberhaft schnell im Kopf. „Äh… äh… mara kwa mara… dieser Riidi wird sich überlegen müssen, ob er uns in Atome bläst oder einen zweiten Anflug versucht… letzteres ohne Zweifel… er muß uns lebend fangen oder überhaupt nicht… zwei Mil Abstand gebe ich ihnen. La, eineinhalb jetzt.“

„Gut“, sagte Tse-Mallory und konzentrierte sich auf den Bildschirm. Etwas anderes blieb ihm ja nicht übrig, dachte er. „Wir merken es ja, wenn der Computer ihn ortet.“ Malaika gab keine Antwort.

„Das wären jetzt fast… fast drei“, sagte Truzenzuzex.

„Das habe ich angenommen. Sagt mir Bescheid, wenn wir dreikommaeins erreichen.“

„Reicht die Zeit?“

Tse-Mallory grinste. „Alter Käfer, Freund, meine Reflexe sind zwar über die Jahre langsamer geworden, aber tot sind sie noch lange nicht! Es reicht. Scheißuniversum!“

„Scheißuniversum!“ kam die Antwort.

Im Cockpit wandte Malaika sich Wolf zu. Sein Gesicht war nachdenklich. „Haben Sie das gehört?“

Der Schattenmann nickte.

„Also gut. Verzögerungsmanöver beginnen. Ja, Verzögerung! Wenn er sagt, daß er nur einen Schuß hätte, dann bekommt er wahrscheinlich auch nur einen, und ich möchte, daß er so gut wie gerade möglich zielen kann. Also sollen die glauben, daß wir aufgeben.“

Gehorsam senkte Wolf ihre Geschwindigkeit. Ganz langsam zwar, aber die AAnn-Computer würden es sicher sofort bemerken.

„Dreikommasieben… dreikommasechs…“ Truzenzuzex‘ Stimme rezitierte die Zahlen mit maschinengleicher Präzision und Klarheit.

Brans Körper war ganz ruhig, aber innerlich zitterte er. Er war doch älter geworden.

„Tru… äh, hast du in diesem Medizinschränkchen irgendwelche HIP-Drogen gesehen?“

„Drogen? Dreikommafünf… du weißt doch, daß das Zeug fast so gut behütet wird, wie die SCCAM-Schaltkreise. Oh, dort hinten ist etwas Schwarzmarktware. Und davon würde ich dir abraten… dreikommavier…entspanne dich.“

„Ich weiß, ich weiß!“ Seine Augen ließen den Bildschirm nicht los. „Aber ich wünschte, ich hätte jetzt welche!“

„Dann fluch eben… dreikommadrei… du brauchst dir nur vorzustellen, du wärst wieder auf der Universität und würdest an der Doktorarbeit des alten Novy arbeiten. Das sollte dich wütend genug machen, daß du diese Schiffe mit bloßen Händen in Stücke reißt…“

Bran lächelte und seine Anspannung ließ nach. Auf der Universität war der alte Professor Novy für sie so etwas wie ein Schimpfwort gewesen.

„…drei-Komma-zwei…“

Jetzt konnte er das häßliche Gesicht des Alten vor sich sehen. Was wohl aus dem alten Knaben geworden war? … Sein Finger legte sich auf den Abzug.

„…dreiko…“

Und er hatte bereits Druckpunkt genommen.

Draußen im Nichts des Alls sprang ein smaragdgrüner Strahl, heller als eine Sonne über eine Sekunde der Unendlichkeit weg von der Gloryhole durch die Nacht. Den Bruchteil eines Augenblicks später bohrte sich der Strahl in die Abstrahlscheibe des nächstgelegenen AAnn-Kriegsschiffs, welches die Unn war.

Es gab einen völlig lautlosen Blitz einer unbeschreiblich schillernden goldenen Flamme, wie die Wellen gequälten Wasserstoffs, die über die Sterne fluten. Dem folgte eine Explosion verdampfender Metalle, und dann dehnte sich kugelförmig eine Wolke ionisierten Gases aus.

Auf dem Bildschirm war nun ein weißer Punkt und ein winziger Nebel zu sehen.

Im Geschützturm versuchte Bran fieberhaft, den Laser auf das zweite Schiff zu richten, aber er bekam dazu nicht mehr die Gelegenheit.

In dem Augenblich stummer Vernichtung hatte Malaika einen wilden Schrei ausgestoßen: „Osee-yee!“

Und dann: „Wolf, Atha, und jetzt volle Fahrt, watu!“ Atha ließ einen Hebel herunterknallen, und die Gloryhole fegte mit Maximalbeschleunigung davon.

Auf dem noch nicht getroffenen AAnn-Schiff, der Arr, herrschte nur in jenem Bereich des Schiffes Panik, wo Baron Riidi WWs Kontrolle nur äußerlich war. In seiner unmittelbaren Umgebung ließ die Mannschaft Resignation erkennen. Der einzige Gedanke, der sie alle jetzt beseelte, war, was sie mit den Leuten an Bord des feindlichen Schiffes machen würden, sobald ihr Kommandant und die Techniker ihnen das entrissen hatten, was sie von ihnen wollten. Keiner wagte den Baron anzusehen, sie fürchteten seinen Blick.

Und die polierten Klauen des Barons kratzten an den Schuppen an seinem linken Arm. Rechts von ihm war ein Mikrofon befestigt.

„Maschinenmeister“, sagte er ruhig, „volle Kraft, alles, was sie von den Abwehrschirmen ziehen können.“ Die Frage, ob die Schirme eingeschaltet waren, ersparte er sich.

Dann wandte er sich wieder dem riesigen Lagebildschirm zu, der die ganze Brücke beherrschte. Auf dem Bildschirm war ein weißer Punkt schnell zusammengeschrumpft, aber noch nicht ganz verschwunden. Jetzt konnte er das nicht mehr. Ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden, sprach er über die Lautsprecheranlage des Schiffes zur Mannschaft:

„Niemand trägt die Schuld am Verlust der Unn. Da niemand mit Waffen an Bord eines Privatfahrzeuges dieses Typs rechnete, waren nur die Meteorschirme eingeschaltet. Dieser Fehler ist inzwischen korrigiert. Der Feind ist schneller als ursprünglich angenommen. Offenbar hoffte er, in der Verwirrung, die der Tod unseres Schwesterschiffes mit sich brachte, aus unserem Detektorbereich entkommen zu können. Das ist nicht geschehen. Es wird nicht geschehen. Unsere Höflichkeit hat jetzt ein Ende, und jetzt erwarte ich vollen Einsatz eines jeden, meine Herren, wir müssen ein Schiff fangen! Und wenn wir das geschafft haben, verspreche ich Ihnen eine interessante Zerstreuung!“

Die Mannschaft der Arr machte sich begeistert an die Arbeit.

Bran fluchte einmal kurz, als das übriggebliebene AAnn-Schiff seinen Blicken entschwand.

Truzenzuzex löste sich aus seinen Haltegurten. „Entspanne dich, Bruder. Du hast deine Sache so gut gemacht, wie wir gehofft hatten. Besser sogar. Die hatten die Schirme tatsächlich nicht eingeschaltet, sonst wären sie nicht so hochgegangen. Wir müssen ihren Generator getroffen haben. Bei der großen Metamorphose, was für eine Schau!“

Tse-Mallory befolgte den Rat und entspannte sich so gut es ging. „Ja, ja, du hast völlig recht, Tru. Ein zweites Mal wäre uns das nicht geglückt!“

„Richtig. Ich schlage vor, wir kehren jetzt in unsere Kabine zurück. Dieses Spielzeug hier nützt uns nichts mehr. Wenn wir freilich eine richtige Kanone hätten… nun gut. Nach dir, Bran.“

Truzenzuzex hatte die Luke wieder geöffnet, und sie stiegen in das Fallrohr. Während sie durch die grünen Schatten dahinflogen, hörten sie Malaikas Gratulation nicht, die den leeren Geschützstand erfüllte:

„Beim Schwanz des Pferdekopfnebels! Sie haben es geschafft! Diese friedliebenden weibischen nduguzri! haben es geschafft! Ein Kriegsschiff mit einem Schuß aus dieser Antiquität erledigt!“ Er schüttelte den Kopf. „Selbst wenn wir nicht rauskommen, wissen diese Echsen jetzt, daß wir nicht mit uns spaßen lassen!“

Wolf holte den Handelsmann in die Wirklichkeit zurück. Nicht, daß er sich je ganz aus ihr entfernt hätte, aber seine Begeisterung hatte ein paar Augenblicke lang die Oberhand gewonnen – und erfrischend war das Ganze jedenfalls gewesen.

„Die holen jetzt wieder auf. Langsamer als vorher, viel langsamer. Aber wir fliegen mit voller Kraft, und die holen trotzdem auf.“

Atha nickte. „Das sieht man wahrscheinlich noch nicht auf dem Bildschirm, aber hier auf den Skalen kann man es ganz deutlich erkennen. Bei diesem Tempo haben wir vielleicht drei – nein, vier Stunden, bis sie auf Lähmungsstrahldistanz aufgerückt sind.“

Je! Nun gut. Pepongapi? Wie viele böse Geister?“

Er sank auf seinen Sitz. Sobald sie einmal so weit augeholt hatten, würden sie die an Bord Anwesenden in Mumien verwandeln und sich dann in aller Ruhe über sie hermachen. Die Methoden, die sie dabei anwenden würden, waren unterschiedlich, aber unangenehm waren sie bestimmt alle. Dazu durfte es nicht kommen. Sobald die AAnn nahe genug aufgerückt waren, würde er dafür sorgen, daß jeder Anwesende ein schnellwirkendes Gift aus den medizinischen Vorräten bekam, damit sie sich dem Verhör entziehen konnten. Vielleicht war ein Laser besser. Ja, daraus konnten die AAnn-Techniker nichts rekonstruieren, und wenn sie noch so gut waren. Ja, das war besser. Sobald er mit den anderen fertig war, würde er nur sicherstellen müssen, daß er das Gehirn nicht verfehlte. Er würde nur einen Schuß haben. Am besten, er suchte gleich einen Spiegel!

Wenn es nur einen Weg gäbe, das Tempo zu beschleunigen, daß sie aus dem Detektorbereich gerieten! Und wenn es nur auf ein paar Mikrosekunden wäre. Das würde schon reichen. Der Weltraum war unendlich. In jenem einzigen winzigen Augenblick sollte es der Gloryhole gelingen, die Verfolger abzuschütteln.

Er legte unbewußt die Hand über die Athas.

„Es muß doch einfach eine Möglichkeit geben, noch ein halbes Vielfaches zuzulegen!“

Das Zittern ihrer Hand bemerkte er nicht, auch nicht den Blick, den sie ihm zuwarf. Dann zog er sie ruckartig wieder weg, ohne die Wirkung bemerkt zu haben, die diese kurze Berührung auf seine Copilotin gehabt hatte.

Auch Flinx überdachte das Problem auf seine Weise. Er verstand wenig von stellarer Navigation und noch weniger von Doppelka-Einheiten… aber Malaika hatte mehr vergessen, als er je wissen würde. An Wissen also war er dem Handelsmann unterlegen. Aber er konnte sich für ihn an Dinge erinnern, die der andere vergessen hatte. Geduldig durchsuchte er die Erinnerung Malaikas und förderte lang vergessene Überlegungen und Anwendungen an die Oberfläche, Dinge, die Malaika sofort abtun würde, wären sie ihm bewußt geworden. In gewisser Weise erinnert das an den Einsatz der Suchvorrichtung in der königlichen Bibliothek. Mit einer Hartnäckigkeit, derer er sich gar nicht bewußt gewesen war, grub er weiter, bis

„Aber akili! Die Vernunft…!“ Er hielt inne, und seine Augen öffneten sich so weit, daß Atha einen Augenblick erschrak. „Atha!“ Sie zuckte zusammen.

Jetzt hatte er es. Irgendwie war die Idee in seinem Unterbewußtsein aufgestiegen, von einer Stelle, wo sie seit Jahren unbewußt gelegen hatte.

„Hören Sie, als der Brand das erste Mal erreicht wurde, fuhren Forschungsschiffe durch – einige davon wenigstens – und wollten die ganze Gegend kartographisch erfassen? Am Ende gab man die Idee als unpraktisch auf – also zu teuer -, aber alle Informationen, die man ursprünglich gesammelt hatte, wurden aufbewahrt. Ist ja auch nur logisch. Sehen Sie im Computerarchiv nach und versuchen Sie herauszufinden, ob es in unserer Nachbarschaft irgendwelche Neutronensterne gibt.“

„Was?“

„Eine ausgezeichnete Idee, Kapitän“, sagte Wolf. „Ich glaube… ja, die Möglichkeit besteht – schwierig zwar und ungewöhnlich – ja, wir könnten sie hinter uns herziehen. Wesentlich sympathischer als ein ganz gewöhnlicher Selbstmord.“

„Das wäre es, Wolf, nur mit einem kleinen Unterschied. Ich denke nicht einmal an einen komplizierten Selbstmord. Mwalizuri, reden Sie mit Ihrer Maschine und schauen Sie, was sie zu sagen hat!“

Die Maschine brauchte nur einen Augenblick, um eine lange Liste von Antworten auf den Bildschirm zu werfen.

„Ja, tatsächlich, hier ist einer, Kapitän. Bei unserer augenblicklichen Reisegeschwindigkeit zweiundsiebzig Schiffsminuten vom gegenwärtigen Standpunkt entfernt. Die Koordinaten stehen in der Liste und sind in diesem Fall als exakt bezeichnet, neun… neunkommasieben Stellen.“

„Geben Sie es ein.“ Er fuhr auf seinem Drehsessel herum und beugte sich über das Mikrofon. „Alles mal herhören. Jetzt, da unsere beiden Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit die Hälfte unserer Verfolger effektiv befriedet haben, hat mich das so angeregt, daß mir eine ähnlich wahnsinnige Idee gekommen ist. Was ich… was wir jetzt versuchen werden, ist theoretisch möglich. Ich weiß nicht, ob man es schon einmal praktiziert hat. Von erfolglosen Versuchen gibt es natürlich keine Aufzeichnungen. Ich bin der Meinung, daß wir das Risiko eingehen müssen. Jede Alternative ist dem sicheren Tod vorzuziehen. Und sonst werden wir mit tödlicher Sicherheit gekapert.“

Truzenzuzex beugte sich nach vorne und sprach in sein Mikrofon: „Darf ich mich erkundigen, was Sie… wir versuchen werden?“

„Ja“, sagte Wolf. „Ich muß zugeben, daß ich selbst neugierig bin, Kapitän.“

Je! Wir haben Kurs auf einen Neutronenstern in diesem Sektor gesetzt, dessen exakte Koordinaten wir besitzen. Bei unserem augenblicklichen Tempo sollten wir seinen Gravitationstrichter in der notwendigen Tangente in etwa siebzig… neunundsechzig Minuten treffen. Atha, Wolf, der Computer und ich werden die nächsten paar Minuten wie die Teufel arbeiten, um den Kurs zu ermitteln. Wenn wir dieses Feld bei unserer augenblicklichen Geschwindigkeit an einem bestimmten Punkt treffen… dann hoffe ich, daß die ungeheure Anziehungskraft des Sternes uns mit genügend hoher Geschwindigkeit wieder nach draußen schleudert, um außer Reichweite der Detektorfelder der AAnn zu gelangen. Die rechnen ganz bestimmt nicht damit, und selbst wenn sie dahinterkommen, glaube ich nicht, daß unser Freund, der Baron, sehr viel Lust verspüren wird, es uns gleichzutun. Fast hoffe ich das sogar. Er hätte alles zu verlieren. Wir hingegen haben im Augenblick sehr wenig zu verlieren. Nur wir Menschen sind verrückt genug, etwas so Wahnsinniges zu versuchen, kweli?“

„Ja. Ich schließe mich dem Vorschlag an. Einverstanden“, sagte Truzenzuzex. „Wenn ich imstande wäre, mein Veto gegen diese Idiotie – nun, ich würde es jedenfalls tun. Aber, da ich nicht dazu imstande bin… nur zu, Kapitän.“

„Mit Lob kann man einen auch fertigmachen, was, Philosoph? Es gibt andere Möglichkeiten, watu. Entweder verfehlen wir unseren Kontaktpunkt und fliegen zu weit. In diesem Fall ist es genauso, als hätten wir den Versuch gar nicht unternommen, und wir werden am Ende gekapert und seziert, oder wir tauchen zu tief ein und werden von dem Schwerkrafttrichter des Sterns eingefangen, nach innen gezogen und in winzige Stücke zermahlen. Als Kapitän bin ich zu dieser Entscheidung befugt. Aber da es sich hier um keine Vergnügungskreuzfahrt handelt, möchte ich abstimmen lassen. Einwände?“

Das einzige, was über die Schiffssprechanlage zu hören war, war ein leises Schniefen, das ohne Zweifel Sissiph zuzuschreiben war (sie hatte schließlich ihrer Neugierde nachgegeben und das Gerät eingeschaltet), aber als Einwand konnte man das Geräusch nicht auslegen.

Je! Dann versuchen wir es also. Ich würde dringend empfehlen, daß Sie sich Ihre Sicherheitspanzer noch einmal gründlich ansehen und es sich so bequem wie möglich machen. Falls es uns gelingt, das Schwerefeld des Sterns präzise an dem von mir berechneten Punkt zu streifen, bin ich fast sicher, daß die Gloryhole den auftretenden Kräften Widerstand leisten kann. Wenn nicht, so hat das keine Bedeutung, weil unsere Körper dann schon lange Zeit vor dem Schiff in Stücke gehen. Haidhuru. Aber das macht nichts. Ich habe keine Ahnung, was uns in physiologischer Hinsicht erwartet. Wappnen Sie also Geist und Körper, denn in sechsund…“ Er hielt inne und blickte auf das Chronometer, „in sechzig Minuten wird sich alles entscheiden, so oder so.“

Er schaltete das Mikrofon ab und begann in fieberhafter Eile Instruktionen und Anweisungen in einen Hilfscomputer einzuspeisen.

Wenn sie einen Trost hatten, dachte Flinx, so den, daß es in dem Schiff nicht zu einem schrecklich langsamen Zunehmen der Schwerkraft kommen würde. Erfolg oder Mißlingen ihres Vorhabens würde sich bei so extrem hoher Geschwindigkeit entscheiden, daß alles in einem Augenblick vorüber sein würde… wie Malaika gesagt hatte, so oder so. Er strapazierte seine Phantasie nicht mit der Überlegung, was geschehen würde, wenn sie ihren Kontaktpunkt verfehlten und zu tief in das Schwerefeld des Sternes eintauchten. Er sah sich selbst und Pip plattgedrückt wie Papier, fand die Vorstellung aber alles andere als amüsant.

Der Chronometer lief unbeeindruckt von menschlichen Sorgen weiter. Sechzig Minuten… vierzig… zwanzig… zehn… fünfdreizwo…

Und dann waren es nur noch sechzig Sekunden bis zum Jüngsten Gericht. Und ehe er Zeit hatte, darüber nachzudenken, gab es einen leichten Ruck. Ein stummer Schrei aus dem tiefsten Abrund der Zeiten floß wie dicker Brei über das Schiff. Er hing über einem Abgrund aus Nichts, der verzweifelt versuchte, ihn zu verschlingen. Er weigerte sich, verschlungen zu werden. WEIGERTE SICH! Eine Nadel zwischen anderen Nadeln in einer Schale, während irgendwo eine Million Fingernägel an tausend hysterisch kreischenden Harfen kratzten

 

An Bord des Zerstörers Arr blickte der Chefnavigator auf seinen Detektorschirm und wandte sich dann um und sah den Baron auf seinem Kommandosessel an.

„Baron, das Homanxschiff ist von meinem Bildschirm verschwunden. Und außerdem nähern wir uns schnell einem Neutronenstern von beachtlichem gravitonischem Potential. Befehle?“

Baron Riidi WW war ob seiner Hartnäckigkeit bekannt. Die Vorstellung, daß ein bereits in die Enge getriebenes Opfer ihm entkommen sollte, war für ihn kaum denkbar. Dennoch war er alles andere als ein Narr. Er schloß müde die Augen.

„Dreißig Grad Kurswechsel, senkrecht zu unserer gegenwärtigen Bahnebene. Geschwindigkeit auf Normalwert reduzieren.“ Und dann sah er auf den Lageschirm. Irgendwo draußen war ein weißer Punkt. Und ebenso dort draußen eine unsichtbare bodenlose Grube von unvorstellbarer Gravitationsenergie, die einen unvorstellbaren Zufluchtsort kennzeichnete. Oder schnellen Selbstmord. Er begann die Absichten des Menschen zu ahnen. Er empfand nicht die geringste Neigung, es der Gloryhole gleichzutun. Es würde viele Monate dauern, bis er erfuhr, ob der Idiot nun noch lebte oder schon tot war – und das ärgerte ihn von allem am meisten.

Er krümmte die langen Finger und blickte auf die auf Hochglanz polierten Klauen, die, wie es sich für ein Mitglied der Aristokratie gebührte, auf gehörige Länge gestutzt waren. An zwei der Klauen glitzerten lavaähnliche Colloidsteine. Er spreizte die Hände über der Brust und dehnte den Brustkasten aus. Jene Mitglieder der Mannschaft, die mit der Handlungsweise des Adels besser vertraut waren, erkannten die Geste. Sie hieß „Begriff der Unpraktischen Macht“. Unter den gegebenen Umständen war das ein Salut an den entkommenen Feind.

„Rückflug zum Stützpunkt Pregglin programmieren, und setzen Sie folgende Nachricht an unseren Auftraggeber ab. Nein, ich will keine Interstellarverbindung. Einfach absenden: ‚Kontakt mit erwartetem Schiff aufgenommen und positive audiovisuelle Identifizierung durchgeführt. Wiederhole, positiv. Bis zu – geben Sie unsere augenblicklichen Koordinaten an, Schiffsmeister – verfolgt, wo Kontakt mit Objekt wegen unerwarteter Geschwindigkeitssteigerung des verfolgten Schiffes verloren wurde. Bei bewaffneter Auseinandersetzung mit Objekt wurde Zerstörer Unn mit der gesamten Besatzung vernichtet.‘ Fügen Sie dann noch diese Nachschrift hinzu und benutzen Sie auf dem Zerhacker meinen persönlichen Code: ‚Ihr Wunsch hat sich als äußerst kostspielig erwiesen. Im Gegensatz zu Ihren Angaben begegneten wir nicht, wie Sie mich glauben machten, einer verschreckten Schiffsladung verängstigter Geldsäcke. Als Ergebnis Ihrer Fehlinformation befinde ich mich jetzt in der unangenehmen Lage, meinem guten Freund, Lord Kaath, C., Rechenschaft für die Zeit abzulegen, die ich fern des Stützpunktes verbrachte. Jetzt wird sich erweisen, wie freundlich er mir gesonnen ist. In gleicher Weise übrigens wie Ihre Fähigkeit, am strategisch günstigsten Punkt Bestechung einzusetzen. Ich hoffe um unser beider willen, daß letzteres sich als ausreichend erweisen wird. Wesentlich schwieriger wird es sein, den Verlust der Unn zu erklären. Sollten die wahren Umstände ans Licht kommen, würden sie mehr als ausreichen, um uns beiden ein Todesurteil durch Folter n-ten Grades durch die Hand der Meister einzubringen. Bitte bedenken Sie das freundlicherweise.‘

Setzen Sie darunter ‚Ihr sehr ergebener Riidi WW, Baron, etc., etc.‘, und besorgen Sie mir etwas zu trinken.“

*     *     *

Dieser gewagte Haken um den Neutronenstern schleudert die Gloryhole überraschend schnell und weit in die beabsichtigte Richtung, sodaß sie lange vor dem berechneten Zeitpunkt über dem Planeten eintrifft, auf dem das Krang steht. Auf der untenstehenden Karte kann man die Reiseroute nachvollziehen, die leicht schräg entlang der senkrechten roten Linie in der Mitte verläuft: Booster, wie der Planet mit dem Krang später genannt wird, befindet sich im obersten Abschnitt zwischen der roten Line und der Beschriftung The Blight (wie der Brand im Original heißt), der Neutronenstern liegt etwas unterhalb davon links der Linie und Moth ist fast genau am Schnittpunkt zwischen der roten Linie und dem untersten grünen Kreisbogen zu finden.

Das Krang stellt sich beim Anflug mit dem Bordshuttle als eine riesige, oben abgeplattete Pyramide heraus, die neben einer Ruinenstadt der Tar-Aiym aufragt.

Nachdem die Reisenden zehn Tage lang versucht haben, die Funktion des Krang zu ergründen und es in Betrieb zu nehmen, werden sie aus dem Orbit von Able Nikosos angerufen, jenem Agenten von Rashallaila Nuaman, der ihnen mit seinem Schiff von Moth bis hierher gefolgt ist und sie nun dazu auffordert, sich zu ergeben. Mehr oder weniger unabsichtlich, mit Pip als eine Art Katalysator, aktiviert Flinx mit seinen unentwickelten Psi-Fähigkeiten das Krang. Gelenkt von Flinx‘ Empfindungen erkennt die gigantische Maschine das gerade aus dem Orbit anfliegende Shuttle von Nikosos als Bedrohung und löst es ebenso wie sein Mutterschiff in Moleküle auf, dann schaltet es sich wieder ab. Kurz darauf startet die Gruppe zum Rückflug nach Moth, mit Ausnahme von Sissiph zufrieden mit dem Ergebnis der Reise: Malaika kann zwar das Krang nicht mitnehmen, aber er hat einen Planeten, den er als Eigentum registrieren kann, und eine Stadt voller unbezahlbarer Artefakte und Erfindungen der Tar-Aiym; Tse-Mallory und Truzenzuzex sind mit der wissenschaftlichen Ausbeute und der Aussicht auf mehr zufrieden; Atha Moon bekommt auf halbem Weg nach Hause Gelegenheit, Sissiph ordentlich aufzumischen, und Flinx‘ Psi-Talente wurden durch die Verbindung mit dem Krang entwickelt und gestärkt.

Ein unterhaltsames SF-Abenteuer also…

Aber was ist nun die (((Propaganda))) darin?

Die liegt – neben der Vielfaltspinselei im Rahmen des Homanx-Commonwealth – vor allem in der rassischen Rollenzuweisung, die schon in diesem allerersten Homanx-Buch so konsequent Nichtweiße, Mischlinge und Nichtmenschen in den Vordergrund stellt und die wenigen Weißen (die auch nicht immer sicher welche sind) auf untergeordnete Randpositionen verweist, daß seitens dieses Sohnes von Maxwell Feinberg bewußte Absicht anzunehmen ist.

Das fängt schon mit Flinx an, der buchstäblich „mystery meat“ ist: er ist von unbekannter Herkunft, hat zwar orangerotes Haar, aber dunkle, olivfarbene Haut, und wie sich im Laufe späterer Flinx-Romane herausstellt, wurde er in Indien von einer Kurtisane namens Anasage geboren, als Produkt eines von vielen genetischen Experimenten zur Züchtung verbesserter Menschen.

Mutter Mastiff wird zwar nur als alte Frau mit derbem Bulldoggengesicht beschrieben, ohne Erwähnung irgendeiner ethnisch-rassischen Zugehörigkeit, aber ihre sympathisierend porträtierten geschäftlichen Verhaltensweisen und Einstellungen auf dem Markt von Drallar erinnern an manche Judenklischees.

Moths König trägt den definitiv uneuropäischen Namen Dewe Nog Na XXIV.

Der Raumfahrer, der gleich am Anfang wegen der Sternkarte ermordet wird, ist rothaarig und hellhäutiger als Flinx; die beiden Männer, die ihn suchen, beschreiben seine Haut als „scheckig“, was die Vorstellung nahelegt, daß sommersprossige Weiße in dieser Zeit schon so selten sind, daß vielen der Ausdruck „Sommersprossen“ nicht mehr geläufig ist.

Bran Tse-Mallory ist ein eurasischer Mischling, der aber – untypisch für diese Abstammung – sehr groß ist, etwa fünfzehn Zentimeter kleiner als der gut zwei Meter große (und ansonsten nicht näher beschriebene) Gastwirt „Small Symm“, in dessen Lokal Flinx ihn kennenlernt.

Brans langjähriger enger Freund und „Schiffsbruder“ aus der Zeit, als sie zusammen in den Friedensstreitkräften der Vereinigten Kirche dienten, ist überhaupt ein Insektoidwesen und kommt mit seiner Logik, seiner Philosophie und gewählten Ausdruckweise zuweilen etwas „spockisch“ rüber.

Der Handelsherr Maxim Malaika, dessen Nachname auf Swahili „Engel“ bedeutet, ist ein hünenhafter Neger mit ebenholzschwarzem Gesicht und dichtem Assyrerbart, der in seine Rede ständig swahilische Wörter und Phrasen einflicht. Er ist nicht ganz so groß wie Tse-Mallory, aber breit gebaut wie ein Ringer und hat eine kräftige Stimme. Wenngleich nicht der Perspektivcharakter, ist Malaika die dominierende Gestalt des Romans, ein echter Chef-Typ, dazu schlagfertig und humorvoll, je nach Situation kultiviert bis derb, von sehr dominantem Auftreten (als Atha und Sissiph das erste Mal an Bord miteinander raufen, hebt er mit jeder Hand eine von ihnen wie eine Katze hoch, schüttelt sie und schimpft sie aus) und immer souverän.

Wolf, den man als Leser noch vor Malaika kennenlernt, könnte ein Weißer sein, zumindest wird erwähnt, daß er blaue Augen hat. Ansonsten gibt es keine Beschreibung seines Aussehens außer daß er ein hochgewachsenes „Skelett von einem Mann“ mit ausgemergeltem Totenkopfgesicht ist, ein „Schattenmann“ mit einer etwas unheimlichen Aura, die davon kommt, daß er seit seiner Zeit in einem AAnn-Gefangenenlager eine gequälte Gestalt mit zurückgebliebenen psychischen Schäden ist. Nun ist er anscheinend froh, bei seinem schwarzen Chef untergekommen zu sein, wo er normalerweise in schwarzroter Livree den Diener macht, Botengänge erledigt und Getränke bringt, wenn er nicht gerade als Raumschiffpilot gebraucht wird.

Über Atha Moons Äußeres erfährt man nur, daß sie braune Augen hat (und in „Echsenwelt“ – siehe Leseprobe hier – daß sie „so schön wie ihr Name“ ist), sodaß man sie sich als alles Mögliche vorstellen kann. Ihr Name gibt auch keine eindeutigen Hinweise – Atha ist laut einer Quelle ein altenglischer Familienname, laut einer anderen ein schwedischer Frauenname; und Moon ist ein koreanischer Name (Beispiel: Sun Myung Moon, der Gründer der Mun-Sekte). Sie ist jedenfalls viel kompetenter, „tougher“ und intelligenter als ihre Rivalin Sissiph, was in Verbindung damit, wie Letztere beschrieben wird, vermuten läßt, daß Foster sich Atha, mit der er erkennbar sympathisiert, als Nichtweiße oder Mischling, wahrscheinlich als Eurasierin, vorgestellt hat.

Sissiph ist die am eindeutigsten als weiß beschriebene Person in der ganzen Geschichte: eine dralle Blondine mit hüftlangem Haar. Und sie ist eine dumme, eitle, hysterische und nichtsnutzige Tussi, die sich an reiche Männer ranschmeißt und nur fürs Bett und als Augenweide zu gebrauchen ist.

Eine männliche Parallele dazu ist Rashallaila Nuamans Gigolo Rory Mallap van Cleef, dessen europäischer Name darauf hindeutet, daß er ein Weißer ist (Mallap ist übrigens ein sehr seltener Name aus Spanien, der heute am häufigsten in Peru vorkommt). Er ist ein stattlicher, dümmlicher, eitler Muskelschönling, der seiner reichen Gönnerin mehr ergeben ist als ihrer Nichte Teleen auz Rudenuaman, mit der er ebenfalls das Bett teilt.

Rashallaila Nuaman, eine der zehn reichsten Menschenfrauen im Universum, ist eine chirurgisch auf jung getrimmte alte Frau mit variierend gefärbtem Haar, deren Familienname, der ein arabischer (Orts-)Name ist, auf eine zumindest teilweise Abstammung von dieser Seite hindeutet, was also auch für ihre Nichte zutrifft. Zwar ist sie in dem Roman die Hauptschurkin, aber immerhin hat sie eine bedeutende und bestimmende Rolle darin und wird als intelligent und mit einem gewissen Stil geschildert.

Able Nikosos, der für Rashallaila das Krang sichern soll, könnte dem Namen nach griechischer Abstammung sein, aber er wird sehr unsympathisch dargestellt: er hat eine hohe, dünne Stimme, ein weibisches Kichern und ist ein Sadist, der für sein „Hobby“ schöne Sklavinnen in hohem Tempo verbraucht.

Das sind also die weißen Charaktere in Das Tar-Aiym Krang: der schnell getötete Sternkartenmann, von dem man nicht einmal erfährt, wie er heißt, Wolf in seiner Braver-Hund-Rolle unter einem schwarzen Chef, der widerliche, weichliche Sadist Nikosos und zwei dumme, eitle und fügsame Sexspielzeuge schwerreicher nichtweißer Macherfiguren.

Sogar der Doppelka- oder KK-Antrieb der Raumschiffe wurde von Nichtweißen erfunden: er heißt mit vollem Namen Kurita-Kinoshita-Antrieb. Nur dessen Herzstück, den Caplis-Generator, geruhte Foster nach einem Erfinder mit europäischem Namen zu benennen, wobei es mich wie im Fall von „Mallap“ wundert, wie er auf so seltene Namen kommt (Caplis ist ein sehr unüblicher Name, der heute fast nur im irischen County Tipperary vorkommt und altfranzösischen Ursprungs ist).

Die zweite große Propagandaschiene in dem Buch ist das Homanx-Commonwealth, Fosters Entsprechung zur Trek-Föderation. Über den Erstkontakt zwischen Menschen und Thranx hat Foster später einen eigenen Roman geschrieben, Nor Tears of Crystal (deutsch „Auch keine Tränen aus Kristall“, ), aber wie es danach zur Verschmelzung der beiden Zivilisationen zu einer gemeinsamen kam, wird schon in Das Tar-Aiym Krang geschildert, in einem Gespräch zwischen Flinx, Tse-Mallory und Truzenzuzex, das am Anfang der Reise stattfindet. Diesem räume ich hier auch noch Platz ein, da es viel von der jüdischen Agenda klarmacht, die Foster-Feinberg dabei wichtig war:

Flinx hatte schon eine Weile schweigend durch die Hauptaussichtsluke des Salons hinausgestarrt, wohl wissend, daß jemand hinter ihm war. Aber sich plötzlich umzudrehen wäre peinlich gewesen. Jetzt wandte er sich langsam um, sah die beiden Gelehrten und erkannte, daß er sich gar nichts hätte zu denken brauchen. Keiner von beiden achtete auch nur im geringsten auf ihn. Sie hatten sich Clubsessel hergeholt und starrten auf das grandiose Chaos des von ihrem Antriebsfeld verzerrten Firmaments hinaus.

„Laß dich von uns nicht stören, Flinx. Wir sind aus dem gleichen Grunde hier wie du. Nur um die Aussicht zu genießen.“ Der Philosoph wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Luke und den vom Dopplereffekt verzerrten Sonnen zu, die viel schärfer glühten, als sie das in ihrem Normalzustand konnten.

Aber um Flinx‘ Konzentration und Stimmung war es geschehen. Er sah die beiden Gelehrten an.

„Meine Herren, kommt es Ihnen nicht seltsam vor, daß Sie beide in einer Zeit, wo es so vielen Leuten schwerfällt, miteinander auszukommen, daß gerade Sie beide, die völlig unterschiedlichen Rassen angehören, sich so gut verstehen?“

„Ich fürchte, du wirst nie Fragen stellen, die an der Bürde der Subtilität leiden, Junge.“ Tse-Mallory wandte sich dem Thranx zu. „In der Vergangenheit existierten mein Freund und ich in einer ziemlich engen – man könnte sagen, intimen – Verbindung. Unsere Arbeit machte das notwendig. Und wir sind gar nicht so verschieden, wie du vielleicht glaubst.“

„Ich erinnere mich, daß Sie einander einige Male ‚Schiffsbruder‘ genannt haben.“

„Ja? Wahrscheinlich haben wir das getan. Wir haben uns nie an die Vorstellung gewöhnt, daß andere Leute das vielleicht seltsam finden könnten. Für uns ist das ganz natürlich.“

„Waren Sie ein Kanonier-Team?“

„Nein“, sagte Truzenzuzex. „Wir flogen einen Aufklärer. Klein, schnell und mit einem einzigen SCCAM-Projektor ausgestattet.“

„Und was unsere Beziehung außerhalb der Schiffsarbeit angeht, Flinx, so bin ich nicht sicher, ob Tru und ich dir eine objektive Antwort geben könnten. Unsere Persönlichkeiten scheinen einfach einander zu ergänzen. So war das immer schon. Die wechselseitige Anziehung zwischen Menschen und Thranx hat die Psychologen beider Rassen schon eine Ewigkeit lang beschäftigt, ohne daß sie zu einer befriedigenden Erklärung gefunden hätten. Es gibt sogar Paare und Gruppen, die physisch erkranken, wenn man sie von ihrem fremdrassigen Partner trennt. Und das scheint für beide Seiten zu gelten. Eine Art geistiger Symbiose. Subjektiv fühlen wir uns einfach miteinander in höchstem Maße wohl. Kennst du die Ereignisse, die zur Verschmelzung geführt haben, den Pitar-Homanx-Krieg und all das?“

„Leider nur bruchstückweise. Ich habe nie eine regelmäßige Schulbildung genossen.“

„Hm, was meinst du, Tru?“

„Erzähl du es dem Jungen. Ich bin sicher, daß ihm die menschliche Version der Geschichte leichter begreiflich ist.“

„Also gut. Menschen und Thranx haben einander eine vergleichsweise kurze Zeit gekannt. Heute fällt es einem schwer, das zu glauben, aber so ist es. Vor wenig mehr als zwei T-Jahrhunderten erfolgte der erste Kontakt zwischen Forschungsschiffen beider Rassen. Damals hatte die Menschheit schon seit einigen T-Jahrhunderten Weltraumforschung betrieben, und in dieser Zeit hatte der Mensch auch bei seinen Forschungs- und Kolonisierungsbemühungen viele andere fremde Lebensformen kennengelernt. Intelligente und andere. Das galt ebenso für die Thranx, die sogar noch länger als die Menschheit Weltraumforschung betrieben hatten. Es gab von Anfang an eine undefinierbare Zuneigung zwischen den beiden Rassen. Die positiven Reaktionen auf beiden Seiten gewannen sofort das Übergewicht über die erwarteten Vorurteile und Aversionen.“

„Wie sie auch auf den Thranx-Planeten existierten“, warf Truzenzuzex ein.

„Ich dachte, ich sollte erzählen?“

„Ich bitte um Nachsicht, o Allmächtiger!“

Tse-Mallory grinste und fuhr fort: „Die Thranx waren so fremdartig wie jede andere Rasse, der der Mensch begegnet war. Hundertprozentig insektoid, mit harter Schale, offenem Kreislauf, Facettenaugen, starren unflexiblen Gelenken – und acht Gliedmaßen, und Eier legten sie auch. Wie es ein Reporter jener Zeit ausdrückte: ‚Total und herrlich fremd‘.“

„Wenn ich mich richtig erinnere, hatten deine Rassegenossen damals auch ein paar Eier gelegt“, mischte sich der Philosoph erneut ein. Tse-Mallory brachte ihn mit einem verzweifelten Blick zum Schweigen.

„Der Erfahrung nach hätte man erwarten müssen, daß die Menschen auf die Entdeckung einer Rasse riesiger, mit Vernunft begabter Insekten feindselig oder zumindest paranoid reagierten. So war es zumindest bei einer ganzen Anzahl früherer Kontakte geschehen. Und die Menschheit hatte kleinere und viel primitivere Vettern der Thranx seit Jahrtausenden auf ihrem Heimatplaneten bekämpft. Tatsächlich, ob du es nun glaubst oder nicht, hatte das Wort ‚Insekt‘ ursprünglich einen sehr negativen Klang. Aber inzwischen hatte die Menschheit gelernt, daß sie auch mit Wesen in Frieden und Harmonie leben mußte, deren Aussehen sie vielleicht abstoßend fand. Das Wissen, daß viele dieser Wesen die Menschen ebenso abstoßend fanden, wie das umgekehrt der Fall war, half dabei gar nichts.“

Er blickte erwartungsvoll zu Truzenzuzex hinüber, aber der hatte dazu nichts beizutragen. „Also war die tatsächliche Reaktion zwischen Menschen und Thranx in doppelter Hinsicht unerwartet. Die beiden Rassen fanden großen Anklang beieinander, wie ein Paar langgetrennter Zwillinge. Die Wesenszüge der Thranx, ihre Fähigkeit, kühle Entscheidungen zu treffen, ihre Höflichkeit, ihre Ruhe und ihr trockener Humor wurden von den Menschen, die solche Eigenschaften in sich selbst gesucht hatten, immens bewundert. In gleicher Weise war die Kombination von Wagemut und Verstand, einem geradezu unglaublichen Selbstvertrauen und das Einfühlungsvermögen in fremde Umgebung etwas, das den Thranx an den Menschen gefiel. Und als beide Rassen sich durch Abstimmung dafür erklärt hatten – und dies trotz der erwarteten Opposition von reichen Chauvinisten mit großen Mehrheiten -, erwies sich die Verschmelzung als noch weniger schwierig, als selbst die Optimisten erwartet hatten. Die Thranx-Klicksprache mit ihren Pfeiftönen hatte tatsächlich unter den tausenden terranischen Sprachen und Dialekten einige phonetische Entsprechungen.“

„Afrikanische Sprachen“, meinte Truzenzuzex. „Xhosa.“

„Ja. Die Thranx ihrerseits konnten unter einigen Schwierigkeiten das bedeutendste Sprachensystem der Menschheit, Terranglo, meistern. Und am Ende ergab sich als Produkt intensiver Arbeit von Phonetikern, Semantikern und Linguisten beider Rassen eine Sprache, die hoffentlich die besseren Aspekte beider vereint. Die Klick- und Pfeiflaute und einige der scharrenden Geräusche der Hochsprache von Hive wurden unverändert beibehalten und mit den glatteren Lauten und Vokalen des Terranglo vereint. Das Ergebnis war wahrscheinlich die beste Annäherung an eine Universalsprache – abgesehen von Telepathie – die wir haben werden: Symbosprache. Dabei ist es für die interstellaren Geschäftsbeziehungen recht erfreulich, daß die meisten Rassen mit Tonsprachen damit ebenfalls einigermaßen zurechtkommen. Selbst die AAnn, die sich darin sogar besser erwiesen als die meisten. Und damit nahm die Gesellschaft der gegenseitigen Bewunderung ihren Anfang. Bald hatte sie sich auf andere Aspekte des neuen Homanx-Lebenssystems ausgedehnt, wie man bald die Verbindung zwischen Homosapiens und Thranx abgekürzt zu nennen pflegte. Unsere Politiker, Richter und Gesetzgeber mußten einfach die Schönheit und die Einfachheit bewundern, mit der Gesetz und Regierung der Thranx aufgebaut waren. Es war praktisch eine Kunstform, die unmittelbar aus der alten Wabenstruktur – Hive, wie das auf Terranglo hieß – erwachsen war. Nicht, daß sie sich wesentlich von den älteren menschlichen Gemeinwesen und Nationalstaaten unterschied. Nur viel vernünftiger. Die Rechtsanwälte und Magistrate der Thranx erledigten bald eine Menge der alten Vorurteile, die die menschlichen Gerichte überfüllt hatten. Neben ihrem überlegenen natürlichen Sinn für Jurisprudenz konnte sie niemand der Parteinahme beschuldigen. Andererseits revolutionierten die terranischen Sportarten das größte Problem der Thranx – das ihrer Freizeit. Sie hatten einfach nicht erkannt, daß es so viele organisierte Möglichkeiten gab, sich zu vergnügen. Als sie Schach und Judo entdeckten, hörte das Steineflippen und dergleichen sofort auf.“

„Schwarzer Gürtel dritten Grades“, stellte Truzenzuzex voll Stolz fest. „Obwohl ich für derlei Aktivitäten schon etwas alt geworden bin.“

„Ist mir auch aufgefallen. Und so könnte ich ewig erzählen, Junge. Die menschlichen Planeten wurden mit exquisiten Beispielen thranxscher Handwerkskunst überflutet. Maschinen, Kunsthandwerk, feinste elektrische Produkte und so weiter. Selbst die Körperfarbe der beiden Rassen wurde wechselseitig als angenehm empfunden, obwohl der Geruchssinn der Thranx dem der Menschen weit überlegen ist.“

„Keine Einwände“, meinte der Philosoph, was ihm wieder einen scharfen Blick eintrug.

„Als die Thranx sich erst einmal über die terranische Literatur, ihre Gemälde, ihre Bildhauerkunst und so wenig miteinander in Beziehung stehende Dinge wie Eiskrem und Kinderspielzeug hermachten – um es kurz zu sagen, die beiden Rassen schienen erstaunlich gut miteinander zu verschmelzen. Und die größte Homanxleistung, den modifizierten Doppelka-Antrieb, kennst du ja. Aber der stärkste Impuls zur Verschmelzung – in Verbindung mit dem Homanxkrieg gegen Pitar – war die Bildung der Vereinigten Kirche. Es gab unter beiden Rassen mächtige, relativ neue Gruppen mit ähnlichen Glaubensgrundsätzen. Als sie voneinander erfuhren, von fremden Organisationen mit praktisch identischer Theologie und identischen Zielen, bildete sich bald ein Kombinat, das schnell alle, außer die hartnäckigsten Mitglieder der älteren, etablierten Kirche, in sich vereinigte. Ihr größter Pluspunkt lag darin, daß die Vereinigte Kirche darauf bestand, als nichtreligiöse Organisation bezeichnet zu werden. Zum ersten Mal konnte man spirituellen Zuspruch erhalten, ohne sich zu einem Gott bekennen zu müssen. Damals war das eine echte Revolution.“

„Soweit uns das bekannt ist“, warf Truzenzuzex ein, „ist die Vereinigte Kirche immer noch darin einmalig, daß sie die einzige mehrrassige spirituelle Institution in der Galaxis ist. Auch andere Rassen sind ihr beigetreten.“

„Ich gehöre leider nicht dazu“, sagte Flinx.

„Stört mich nicht. Der Kirche ist das völlig gleichgültig. Sie missioniert nämlich nicht, mußt du wissen. Dazu ist sie viel zu sehr mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Natürlich würde es sie freuen, wenn du ihr beitreten würdest, du oder jeder andere, aber du wirst schon selbst die Initiative ergreifen müssen. Der Berg wird zu Mohammed gehen müssen, weil Mohammed zu Hause schon genug zu tun hat!“

„Was?“ sagte Flinx.

„Vergiß es. Ein archaisches Sprichwort. Selbst unser materialistischer Kapitän ist Mitglied.“

„Das habe ich schon vermutet. Glaubt er auch an Gott?“

„Schwer zu sagen“, meinte Tse-Mallory nachdenklich. „Es ist auch nicht wichtig. Mich interessiert viel mehr, ob Gott an ihn glaubt, weil ich das Gefühl habe, daß wir Hilfe brauchen werden, und zwar jede Hilfe, die wir kriegen können, ehe diese Reise vorbei ist.“

„Und was ist mit dem Pitarkrieg?“ drängte Flinx.

„Oh, das. Morgen, hm? Ich könnte jetzt etwas zu trinken gebrauchen. Ich habe schon lange nicht mehr eine so lange Vorlesung gehalten, seit… nun, lange eben.“

Und wie versprochen, setzte er am nächsten Morgen bei Tee und Gebäck seine Erzählung fort. Man fängt im Weltraum schnell an, sich zu langweilen. Aber seine Zuhörerschaft hatte jetzt zugenommen. Mit Ausnahme von Wolf waren jetzt alle im Salon versammelt. Wolf hatte Wache an den Instrumenten.

„Ich bin auch mit den Einzelheiten vertraut“, warf Malaika ein, den Arm besitzergreifend um Sissiphs Hüften gelegt. „Aber ich glaube, ich würde Ihnen gern zuhören, juu ya. Ich weiß, daß meine Version nicht stimmt!“ Er lachte brüllend.

„So“, sagte Tse-Mallory und ahmte damit unbewußt ihren Gastgeber nach. „Etwa fünf T-Dekaden nach dem ersten Kontakt zwischen Terranern und Thranx wuchsen die Beziehungen zwischen den beiden Zivilisationen immer schneller. Aber beide Seiten betrachteten einander immer noch mit gewissem Argwohn. Der Kontakt zwischen den beiden religiösen Gruppen war noch in seinem Frühstadium. Die Verschmelzung war damals nur der Gedanke einiger Visionäre beider Rassen. Sie befanden sich gegenüber den ‚Patrioten‘ beider Seiten noch erheblich in der Minderzahl.

Dann kam der erste Kontakt der Terraner mit den Pitar. Jene Rasse bewohnte zwei dicht besiedelte Planeten im Orionsektor. Sie waren ein völlig unerwarteter Faktor, eine fremde Rasse, die auf nullkommaneunsechsdrei Prozent menschlich war. Wirklich eine bemerkenswerte und bisher unerreichte Übereinstimmung. Äußerlich waren sie praktisch mit der Menschheit identisch. In ihrem Aussehen kamen sie als Rasse dem terranischen Schönheitsideal sehr nahe. Die Männer waren hochgewachsen, muskulös und sahen ungewöhnlich gut aus. Die Frauen waren hundertprozentig feminin und wenigstens so attraktiv wie die Männer. Die Menschheit durchlief eine kurze hysterische Periode, in der alles, was auch nur entfernt pitarianisch wirkte, geradezu sklavisch imitiert wurde. Die Pitar selbst schienen sehr herzlich, wenn auch etwas nervös und eigensüchtig. Endlose Beteuerungen gegenseitiger Hilfe und unsterblicher Freundschaft wurden zwischen den beiden Rassen ausgetauscht.

Die Pitar waren in wissenschaftlich-technischer Hinsicht hoch entwickelt und taten es in einigen Bereichen der Erde überraschend gleich. In der Waffentechnik beispielsweise. Die Gründe für diese offensichtliche Diskrepanz in ihrer scheinbar friedliebenden Zivilisation wurden erst später offenkundig. Leider zu spät. Sie schien auch einen überproportionalen Einfluß auf ihre gesellschaftliche Struktur zu haben.

Die Freundschaft zwischen Menschen und Pitar entwickelte sich ebenso schnell wie die zwischen Menschen und Thranx. Einige Jahre nach dem ersten Kontakt landete zufällig ein Trampfrachter in einer großen, aber abgelegenen humanoiden Kolonie. Treetrunk, oder Argus V, wie man heute sagt. Offenbar war die ganze Kolonie, etwa sechshunderttausend Seelen, total und rücksichtslos von einer unbekannten Lebensform ausgelöscht worden. Auf dem ganzen Planeten war kein Mann, keine Frau und kein Kind am Leben geblieben. Und es gab keinerlei Frauenleichen. Die Gründe dafür sollten später bekannt werden. Nun, von all den anderen intelligenten Rassen liefen Beileidsbezeugungen ein, natürlich auch von den Pitar. Sie waren zumindest so empört wie alle anderen. Die meisten Rassen schickten dann Späher aus, um diese neue bösartige Rasse zu lokalisieren, ehe sie selbst Opfer ähnlicher Grausamkeit wurden.

Zwei Monate später fand man einen Mann in einem uralten improvisierten Rettungsboot auf Kreisbahn um einen der Monde des verwüsteten Planeten. Ein Kreuzer der Unop-Patha – kennt jemand diese Rasse? – befand sich damals zufällig dort auf Streife und nahm die schwachen Funksignale des Rettungsbootes auf. Sie hatten vorher noch nie einen geisteskranken Menschen gefunden und wußten nicht recht, was sie mit ihm anfangen sollten, bis sie ihn den nächstgelegenen menschlichen Behörden übergeben konnten. Und das war zufälligerweise die große Forschungsgruppe, die Treetrunk nach Beweisen und Spuren absuchte. Nach einem Monat intensiver Behandlung gelang es, den armen Teufel wieder so weit herzustellen, daß er eine Aussage machen konnte.

Sie brauchten eine Weile, um seinen Bericht zu begreifen. Die Monate hilflosen Dahintreibens im Weltraum, die Angst, einem feindlichen Schiff zu begegnen – nach einer Weile die Angst, überhaupt keinem Schiff zu begegnen – und das, was er auf dem Planeten selbst gesehen hatte, hatten seinem Geist geschadet. Es war ein Glück, daß ihm der Mut fehlte, Selbstmord zu begehen. Der erschütternde Bericht, den er erstattete, ist so oft aufgezeichnet und dokumentiert worden und mir persönlich so widerlich, daß ich die unangenehmen Teile davon übergehe.

Der Feind hatte ohne Warnung zugeschlagen, den Tod auf die unvorbereitete Bevölkerung niederregnen lassen. Da der Planet keine regulären Streitkräfte besaß – oder solche benötigte -, war er völlig hilflos. Die Polizeiboote taten ihr Bestes, erwiesen sich aber, wie nicht anders zu erwarten, als nutzlos. Alle Bitten um Gnade, Verhandlungen, ja um die Annahme einer Kapitulation wurden ebenso aufgenommen wie erbitterter Widerstand. Als alle Gegenwehr niedergeschlagen und alle Hilfsmittel der interstellaren Kommunikation völlig zerstört waren, landeten die Invasoren in Schiffen von unbestimmt vertrauter Konstruktion, um das zu inspizieren, was von der besiegten Kolonie übriggeblieben war.

Unser einziger Überlebender war ebenso überrascht wie alle anderen gewesen, als aus den Luftschleusen der landenden Boote bewaffnete pitarianische Truppen herausgestürmt kamen. Sie waren in ihrer Vernichtung der übrigen menschlichen Bevölkerung gnadenlos und behandelten sie, als wären sie die niedrigsten, ekelhaftesten Organismen im ganzen Universum. Zwar eigneten sie sich ein paar Wertgegenstände und dergleichen an, aber größtenteils schien ihnen das Morden um seiner selbst willen zu gefallen. An diesem Punkte drohte unser Augenzeuge wieder in den rettenden Wahnsinn zu verfallen. Die Psychiater, die ihn behandelten, meinten, wenn er geistig gesund geblieben wäre, so wäre es ihm nie gelungen, mit all den anderen Belastungen seiner Flucht fertig zu werden, wie zum Beispiel völligen Nahrungsmangel über beinahe eine Woche. Die Pitar waren gründlich. Sie trugen Lebensdetektoren bei sich, um Überlebende ausfindig zu machen, gleichgültig, wie gut sie sich versteckten, und machten alles nieder.

Unser Zeuge hatte in einer Kleinstadt in der Nähe des Äquators gelebt. Er war früher einmal Schiffsingenieur gewesen und hatte sich ein kleines veraltetes Rettungsboot gekauft, an dem er in seiner Freizeit zu seinem Vergnügen herumbastelte. Es gehörte wohl ein Verrückter dazu, um zu glauben, daß dieses Wrack es je bis zum nächstgelegenen Mond schaffen würde. Jedenfalls war es ihm gelungen, das winzige Schiff mit Vorräten zu versehen und zu starten, ehe die feindlichen Truppen seine Heimatstadt erreichten. Offensichtlich rechneten die Kriegsschiffe auf Kreisbahn nicht mehr mit einem Boot von der Oberfläche des Planeten. Alle Raumhäfen waren zerstört worden und sämtliche Handelsschiffe mit Doppelka-Antrieb auf Parkorbit waren bei dem Versuch zu entkommen vernichtet oder von pitarianischen Kommandos übernommen worden. Niemand rechnete damit, daß jemand einen Fluchtversuch in den Weltraum unternehmen würde. Die Monde sind unbewohnbar, und sonstige Planeten, auf denen menschliches Leben gedeihen kann, gibt es in dem System nicht. Möglicherweise waren sie auch gar nicht darauf eingerichtet, ein Antriebssystem, so winzig und so altmodisch wie das seine zu entdecken. Jedenfalls schaffte er die Flucht durch ihre nach außen gerichteten Radarschirme, steuerte sein Boot in einen Orbit um den ersten Mond. Er rechnete in Wirklichkeit nie damit, gerettet zu werden. Alles, woran sein verwirrter Geist denken konnte, war, den Greueln dort unten zu entkommen. Es war schieres Glück, daß er doch gerettet wurde. Das war der wesentliche Inhalt seines Berichts. Unter den ekelerregenden Einzelheiten, die die Psychosonden aus ihm herauspreßten, war auch noch, was die Pitar mit den Leichen all der verschwundenen Frauen angefangen hatten. Das war so widerlich, daß die Behörden sich bemühten, es vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten. Aber wie das in solchen Fällen meist geschieht, drang doch etwas durch. Die allgemeine Entrüstung, die sich erhob, breitete sich weit aus. Es kam nicht einmal zu einer formellen Kriegserklärung, weil die meisten Mitglieder des terranischen Kongresses auch Reserveoffiziere waren und einfach aufsprangen und zu ihren Schiffen rannten.

Die riesige Armada, die sich dann sammelte, raste in das System von Pitar. Zur allgemeinen Überraschung verteidigten sich die Pitarianer nur von ihren planetarischen und Satellitenstützpunkten aus. Im Weltraum waren ihre Schiffe den menschlichen nicht gewachsen, selbst wenn man einmal davon absah, daß sie sich hoffnungslos in der Minderheit befanden, aber die Pitarianer hatten offenbar mit einer solchen Eventualität gerechnet und deshalb hatten ihre Wissenschaftler ein Defensivbollwerk aufgebaut, das die Waffen der Sternenschiffe nicht durchschlagen konnten. Ein Auszehrungskrieg entwickelte sich, den die Pitarianer dadurch zu gewinnen hofften, indem sie den Preis hochtrieben. Das Ergebnis war eine Blockade, die sie vom restlichen Universum abschnitt, oder, wie manche das etwas höflicher ausdrückten, sie wurden in den Zustand ‚zwangsweiser Quarantäne‘ versetzt.

Es erweckte den Anschein, als würde die Lage ewig so bleiben, aber das galt nur bis zum Eingreifen der Thranx. Wie die meisten übrigen intelligenten Rassen hatten auch die Thranx Einzelheiten des Massakers von Argus V gehört. Im Gegensatz zu den meisten anderen aber waren sie fest entschlossen, etwas Wirksames zu unternehmen, als sich bloß an der Blockade zu beteiligen. Für die Thranx gab es den Ausschlag, was die Pitarianer mit den menschlichen Frauen gemacht hatten. Auf den Thranxwelten werden Frauen noch mehr als ein Objekt der Verehrung und des Respekts betrachtet als selbst auf den galantesten humanoiden Planeten. Das ist ein Erbe ihrer Urväter, aus jener Zeit, als es noch eine einzige eierlegende Königin gab, die man schützen und nähren mußte.

So schlossen die Thranx ihre Flotten denen der Menschen an. Zunächst hatte dies keine andere Wirkung als eine ohnehin schon perfekte Blockade zu intensivieren. Und dann kam es zu den ersten Durchbrüchen. Schließlich entwickelte man auch Geräte, um die pitarianischen Verteidigungsschirme zu durchbrechen. Zu dieser Zeit neigten die Homanx-Wissenschaftler auch dazu, wenigstens den Versuch zu unternehmen, zumindest einen Teil der pitarianischen Zivilisation intakt für Studien zu bewahren. Sie hatten gehofft, eine Erklärung für ihre extreme rassische Paranoia zu finden. Aber so wie die Stimmung auf den menschlichen Planeten war, erwies sich dies als unmöglich. Es gibt auch Grund zu der Annahme, daß die Pitarianer selbst dies nicht zugelassen hätten. Ihre Krankheit ging zu tief. Jedenfalls kämpften sie bis zur letzten Stadt.

Noch heute legen drei Planeten Zeugnis von jenem Krieg ab, leer und verbrannt. Ein menschlicher und zwei pitarianische Planeten. Man besucht sie nicht oft, nur besonders neugierige oder ungemein morbide Gemüter zieht es dorthin.

Die wissenschaftlichen Teams, die die Ruinen von Pitar durchsuchten, gelangten zu dem Schluß, daß diese Rasse völlig außerstande war, Begriffe wie Gnade, Mitgefühl, Offenheit und Gleichheit oder ähnliche abstrakte Konzepte zu begreifen. Die Pitarianer hielten sich selbst für die einzige Rasse, die es wert war, im Universum zu existieren. Sobald sie einmal alles Wissen gestohlen hatten, würden sie sich selbst so weit erniedrigen, um von den barbarischen Menschen zu borgen – nur, um sie anschließend zu vernichten. Als nächstes hätten die anderen intelligenten Rassen der Galaxis auf ihrem Vernichtungsprogramm gestanden, die Thranx eingeschlossen. Mit ihnen verglichen, sind unsere augenblicklichen Mitbewerber, die AAnn, ausgesprochen friedfertig.

Zum Glück waren die Pitarianer im großen und ganzen bei weitem nicht so intelligent wie die AAnn. Ihre Waffenentwicklung überstieg ihre rassische Reife bei weitem, und ihre Überheblichkeit war größer als ihre Klugheit. Ich habe mich oft gefragt, ob der Pitar-Homanx-Krieg nicht der entscheidende Ansporn für die Verschmelzung war. Es gab gemeinsamen Haß auf die Pitarianer, ja, dann die Dankbarkeit, die die Menschheit für die Hilfe der Thranx empfand, und die Angst, daß vielleicht irgendwo dort draußen zwischen den Sternen weitere psychopathische Mörder wie die Pitarianer lauern könnten.“

Als Tse-Mallory geschlossen hatte, herrschte eine Weile Schweigen in dem eleganten Salon.

„Nun“, sagte schließlich Atha, „jetzt bin ich dran im Cockpit. Ich gehe besser und löse Wolf ab.“ Sie erhob sich aus dem Polstersessel und ging nach vorne.

Ndiye, ndiye.“ Der Handelsherr beugte sich vor und musterte Sissiph lüstern. „Komm, mein pakadoge, kleines Kätzchen. Wir haben dieses nette Buch, das du mitgebracht hast, erst zur Hälfte durch, und ich bin ganz gespannt darauf, wie es sich weiterentwickelt. Selbst, wenn es bloß Bilder sind. Sie entschuldigen uns doch, meine Herren?“

Das Mädchen führte ihn kichernd aus dem Salon.

Tse-Mallory begann die einzelnen Etagen ihres Tridi-Schachs aufzubauen, während Truzenzuzex die Karten mischte und die blauen, roten und schwarzen Steine aufbaute.

Flinx blickte zu dem Soziologen auf. „Sie haben doch nicht an dem Pitar-Homanx-Krieg teilgenommen, oder?“

„Aber nein, mein Junge, nein! Ich gebe zwar zu, daß ich gealtert bin, manchmal -selten – sogar, daß ich alt bin, aber so archaisch – nein, nie! Aber ein Großvater von mir nahm teil. Ich glaube, alle unsere Vorfahren haben das in der einen oder anderen Weise getan. Deine nicht?“

Flinx stand auf und strich sich geistesabwesend über die Hosen. Der Pelz, mit dem der Boden bedeckt war, blieb gerne daran hängen. „Bitte entschuldigen Sie mich, meine Herren, mir fällt ein, daß ich Pip heute abend noch nicht gefüttert habe, und ich möchte nicht, daß er ungehalten wird und anfängt, an meinem Arm herumzuknabbern.“

Er wandte sich um und ging in den Korridor hinaus. Tse-Mallory blickte ihm mit seltsamer Miene nach, zuckte dann die Achseln und wandte sich wieder dem Spiel zu. Er war am Zuge.

*     *     *

„Total und herrlich fremd“… In diesem Propagandavortrag zugunsten von Universalismus und speziesübergreifender politischer „New Space Order“ fällt mir schon wieder die Verwendung des Begriffs „Rasse“ auf, wo es um verschiedene Spezies geht, die noch dazu separat entstandenen Evolutionslinien aus den Biosphären verschiedener Welten entstammen und biologisch weniger miteinander verwandt sind als mit allen anderen Lebensformen ihrer jeweils eigenen Welt. In Werken nichtjüdischer SF-Autoren ist das vielleicht großteils sprachliche Schlamperei, aber bei Juden argwöhne ich die Absicht, allein schon mit dem Wort „Rasse“ eine Vorstellung größerer biologischer Nähe zwischen Fremdspezies zu erzeugen, als es bei Verwendung zutreffender Bezeichnungen der Fall wäre.

Da begegnen die Menschen also Fremdwesen, die in ihrer Natur den großteils als Iiih-Tiere empfundenen irdischen Insekten ähneln, aber beide Spezies fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Die Insektoiden wissen aufgrund ihres angeblichen natürlichen Gespürs besser als wir, was politisch und juridisch für uns gut ist, als ob das nicht schon zwischen Menschenrassen, die unter einem gemeinsamen Staats- und Rechtssystem leben, nicht funktionieren würde. Dafür finden die Thranx halt unsere Sportarten und unsere Tänzer super.

Dann kommt es zum Kontakt mit Außerirdischen, die zu über 99 % mit den Menschen übereinstimmen, die deshalb von ihnen begeistert sind – bis sich herausstellt, daß die Pitar extreme Xenophobe sind, denen selbst die ihnen so ähnlichen Menschen wegen des geringen Unterschieds ein Graus sind, sodaß sie sie grausam und heimtückisch ausrotten wollen. Und siehe – die von den Menschen so verschiedenen Thranx sind diejenigen, die ihnen am wirksamsten militärisch helfen und gemeinsam mit ihnen diese „krankhaften rassischen Paranoiker“ ausrotten.

In weiterer Folge kommt es nicht bloß zu einer vertrauensvollen Kooperation oder Allianz mit den Thranx, sondern sogar zu einer Verschmelzung der beiden Zivilisationen, einschließlich der gegenseitigen Überlassung von Lebensräumen, die den jeweils anderen besser zusagen: auf der Erde leben Thranx im Amazonasgebiet und im Kongobecken, weil ihnen das feuchtheiße Klima behagt (als ob dort nicht schon Neger bzw. Indios leben würden), und dafür wohnen Menschen auf den kühlen, trockenen Hochländern von Thranxwelten wie Hivehom. Dieser Verbund aus Menschen und Thranx entwickelt sich zu einer gutwilligen interstellaren Hegemonialmacht ähnlich der Föderation in „Star Trek“, der sich nach und nach auch andere Alien-Spezies anschließen. Solch eine Auflösung von Grenzen samt Schaffung einer Gemengelage vieler verschiedener ethnisch, rassisch, kulturell oder religiös definierter „Identitäten“ unter einer gemeinsamen Regierung ist genau das, was im Interesse der Juden ist, weshalb ihr Stammesgenosse Feinberg/Foster seine auf interstellare Dimensionen erweiterte Vision davon entwickelt hat.

Die Währung des Commonwealth heißt übrigens wieder einmal „Credit“ und kann bei bargeldlosen Zahlungen mittels „Kreditmeter“ genannten Kästchen ausgetauscht werden (wie man es auch uns als „Zukunftslösung“ aufdrängen will, siehe meinen Artikel Heute „Mobilgeld“ in Afrika, morgen Bargeldabschaffung in Europa), auch wenn es daneben immer noch Münzen gibt.

Und wie die Klingonen, Romulaner und Cardassianer im Trekiversum sind die Feinde dieses „guten“ kosmopolitischen Gemeinwesens ein kriegerisches Eine-Spezies-Imperium: die AAnn.

Alan Dean Foster, von dessen jüdischer Identität ich erst im Zuge meiner Recherchen für diesen Artikel erfahren habe, hat 1983 zu Das Tar-Aiym Krang ein „Prequel“ mit dem Titel For Love of Mother-Not geschrieben (deutsch „Flinx“, 1989), das ich erst viel später kennenlernte. Für mich ging die Flinx-Saga damals mit den chronologisch als Nächstes auf Krang folgenden Büchern weiter, von denen ich Bloodhype (1973, deutsch „Vorposten des Commonwealth“, 1982), The End of the Matter (1977, deutsch „Der Kollapsar“, 1980) und Orphan Star (1977, deutsch „Der Waisenstern“) kenne (Letzteres erst seit Kurzem durch eine heruntergeladene PDF der Originalfassung, Link siehe unten). Von den späteren Flinx-Romanen kenne ich noch Flinx in Flux (1988, deutsch „Long Tunnel“, 1990) und eben Sliding Scales (deutsch „Flucht ins Chaos“, 2009), Trouble Magnet (2006, deutsch „Nichts als Ärger“, 2010) und Patrimony (2007, deutsch „Patrimonium“, 2010). Diesen mir bekannten Teil der Flinx-Reihe werde ich im nächsten Teil meines Homanx-Vierteilers in deutlich geraffterer Form behandeln:

NWO-Propaganda in SF-Romanen: Alan Dean Fosters „Homanx“-Reihe (2) – Mehr Flinx

Als ergänzenden Lesestoff siehe

die Goodreads-Seite über „The Tar-Aim Krang“,

Orphan Star (PDF, 148 Seiten), die 1977 erschienene unmittelbare Fortsetzung zu Das Tar-Aiym Krang

meinen Artikel NWO-Propaganda in SF-Romanen: Robert Silverbergs „Nach all den Jahrmilliarden“

Ein Schrei des jüdischen Hasses: Wie eine gehirngewaschene Weiße auf die Zerstörung der weißen Rasse hingearbeitet hat von Luke O’Farrell (über Ursula K. Le Guin und ihre „Erdsee“-Romane)

sowie die SF-Kurzgeschichte Die helfende Hand von Poul Anderson.

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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Ein Kommentar

  1. Ich habe jetzt nachträglich eine Übersichtskarte des Homanx-Kosmos eingefügt (gleich oberhalb des Bildes mit dem landenden Shuttle), die ich soeben auf der Seite mit dem Kurita-Kinoshita-Antrieb gefunden habe.

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