Die alte Saat geht wieder auf

Von Elke Papouschek, aus „Servus in Stadt & Land“, Ausgabe Oktober 2014.

Erntezeit in den Gärten der Arche Noah. Aber in Schiltern geht es nicht um die Früchte, sondern um deren Samen. Sie helfen, fast vergessene Nutzpflanzen am Leben zu erhalten. Anbau erwünscht!

Wenn sich das Gartenjahr dem Ende zuneigt und sich die goldenen Tage des Altweibersommers aneinanderreihen, wird im Kamptal Saatgut geerntet, getrocknet, gewogen, verpackt und beschriftet – sorgfältig und mit Übersicht, wie in einer Drogerie aus längst vergangenen Zeiten.

Franco Baumeler, gebürtiger Schweizer mit einem großen Herz für alte Kultursorten und Leiter des Arche-Noah-Schaugartens in Schiltern, führt durch die Beetreihen, den Hang hinauf zum kleinen Maisfeld. Die Hüllblätter der Kolben sind längst braun und trocken. „Eigentlich hätten wir die ja schon geerntet, aber für euch haben wir noch ein paar Tage gewartet“, erzählt er, ehe er zwei Kolben ausbricht und die trockenen Blätter zurückbiegt.

Weißgelb und steinhart sind die einzelnen Körner. Aber so müssen sie sein – denn in der Arche Noah wird nicht zu kulinarischen Zwecken geerntet, sondern um alte Kulturpflanzen und Sorten zu erhalten, die andernfalls verschwinden würden.

ALTE SORTEN SIND SAMENFEST

Die bunte Vielfalt in den Obst- und Gemüseabteilungen des Lebensmittelhandels täuscht: Es gibt zwar viel Exotisches – doch die Verarmung von Kultursorten in unseren Breiten nimmt ungebremst ihren Lauf. „Wir kennen eine grüne, lange und kerzengerade Frucht und nennen sie Gurke, aber das war’s dann schon“, meint Gebhard Kofler-Hofer, der in Schiltern für Führungen und Vorträge verantwortlich ist. „Tatsächlich gibt es Dutzende verschiedene Arten: Schlangengurken, Wachsgurken, Schwammgurken, Scheibengurken. Gurken sind eine große Familie.“

Seit mehr als 20 Jahren setzt sich die Arche Noah für Sorten ein, die vor Generationen noch naturnah angebaut wurden, dann aber verschwanden, weil in der Landwirtschaft Ertrag vor Qualität gereiht wurde und Gleichförmigkeit vor Formenvielfalt. Das galt auch für den „Wachauer Weißen“, jene Maissorte, von der Franco Baumeler gerade zwei Kolben ausgebrochen hat.

In Schiltern wird der Mais zur Arterhaltung angebaut. Ob die Samen gut ausgereift und trocken sind, erkennt man – außer an den Hüllblättern – an den harten Körnern. „Man reibt einfach die Kolben gegeneinander, dann fallen die Körner heraus“, erklärt Franco Baumeler den simplen Vorgang der Saatgutgewinnung.

Alte und regionale Gemüsesorten haben einen großen Vorteil: Sie sind nicht nur optimal an die lokalen Klimaverhältnisse und Böden angepasst. Man kann sie auch weitervermehren, denn sie sind „samenfest“. Sogenanntes F1-Saatgut dagegen muss man jedes Jahr neu kaufen. Zwar könnte man auch von den daraus gezogenen Hybriden Samen ernten. Deren Nachkommen behielten jedoch die Eigenschaften der Elternpflanzen nicht einheitlich bei.

„Uns ist wichtig, dass Saatgut im Kreislauf bleibt“, erklärt Gebhard Kofler-Hofer. „Am besten nicht bei uns, sondern dort, wo es hingehört – bei den Landwirten und Hobbygärtnern, die mit uns zusammenarbeiten. Ob diese Pflanzen durchwegs heimisch sind, ist dabei gar nicht so wichtig.“

BEREICHERUNGEN AUS ALLER WELT

Denn Pflanzen sind immer schon um die Welt gereist, wurden in andere Länder mitgenommen und dort angebaut. Das Eiskraut etwa, ein unscheinbares Pflänzchen mit säuerlichem Geschmack, ist heute für uns so neu wie es der Paradeiser [die Tomate] unseren Ahnen am Ende des Mittelalters war. Als Salat und dekoratives Kräutlein hat es aber Potenzial. Wie auch der Malabarspinat, dessen runde, fleischige Blätter sich für Salate und Spinatgemüse eignen und wie junge Maiskolben schmecken. Beide Arten sind gleichzeitig auch hübsche Zierpflanzen mit rosa Blüten.

Die Wurzelknollen der Yacón erntet man dagegen erst nach dem ersten Frost. In den Anden werden sie seit Jahrhunderten als Salat oder Gemüse zubereitet. Der aromatisch süße Geschmack ist mit einer Honigmelone oder Birne vergleichbar.

Man muss all diese weit gereisten Nutzpflanzen nur immer wieder anbauen und sie durch Samengewinnung am Leben erhalten – dann haben sie auch in unseren Beeten eine glorreiche Zukunft.

FAST VERGESSENE SORTEN: ACHT RARITÄTEN, DIE DEN GEMÜSEGARTEN BEREICHERN

DER WEG ZUM SAATGUT FÜR DAS NÄCHSTE JAHR:

Paradeiser [Tomaten] und Gurken: Nur vollreife Früchte verwenden, das Fruchtfleisch mit Samen herauslösen und in einem feinen Sieb gut abspülen. Die Samen in ein Glas füllen, verschließen und an einem warmen Ort 2 – 3 Tage stehen lassen. Durch die Gärung wird die keimhemmende Schicht um die Samen abgebaut. Danach mit Wasser auffüllen und dieses, nachdem die Samen zu Boden gesunken sind, abgießen. Die Samen nochmals in einem feinen Sieb gut abspülen und auf einem saugfähigen Papier luftig und warm trocknen.

Paprika und Chili: Hier muss keine Keimschutzschicht entfernt werden. Die Samen aus der vollreifen Frucht lösen und wie oben beschrieben mehrere Tage trocknen lassen.

Samenband: Wer sich im Frühjahr das Vereinzeln der Jungpflanzen ersparen möchte, kann Saatgutbänder anfertigen. Dazu die Samen von Paradeisern oder Paprika im Abstand von zirka 5 cm auf die Bahnen von Toilettenpapier auflegen, festdrücken, einrollen und dunkel und kühl aufbewahren. Im Frühjahr zum Vorziehen in Saatkisterln oder in Balkonkisterl auslegen und mit etwas Erde bedecken.

Salat, Lauch, Karotten und Kräuter: Die Pflanzen bis zur Blüte auswachsen lassen und – sobald sie trocken sind – abschneiden, dann verkehrt herum aufhängen. Darunter ein Blatt Papier legen, das die ausgefallenen Samen (leichtes Schütteln hilft) auffängt.

Erbsen und Bohnen: Samen erst ernten, wenn die Schoten vollkommen trocken und brüchig sind.

Saatgut lagern: Für gute Haltbarkeit muss das Saatgut trocken und luftdicht verschlossen gelagert werden. Temperaturen zwischen 0 und 10° C, mit einem möglichst geringen Schwankungsbereich sind ideal. Hohe Temperaturen können zum vorzeitigen Keimen des Saatguts führen. Die Gefäße müssen luftdicht verschließbar sein: zum Beispiel Marmelade- und Einkochgläser, Metall- und Kunststoffdosen. Wichtig ist völlige Dunkelheit!
Saatgut nur in Räumen lagern, die vor Lebensmittelschädlingen wie Mäusen, Motten oder Käfern sicher sind.
Tipp: Die Behälter mit Art und Sortennamen sowie dem Jahr der Ernte beschriften.

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Leseempfehlungen:

Wachset und mehret euch: Pflanzenvermehrung selbst gemacht von Veronika Schubert

Die EU-Saatgutverordnung als Vorbereitung einer neuen Hungerwaffe von mir (als Deep Roots)

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Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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