Die Mars-Chroniken: Nächtliche Begegnung

Von Ray Bradbury. Das Original „August 2002: Night Meeting“ ist eine Kurzgeschichte aus „The Martian Chronicles“ von 1950. Die hier wiedergegebene deutsche Übersetzung stammt aus der deutschen Ausgabe „Die Mars-Chroniken“ in der Übersetzung von Thomas Schlück und Wolfgang Jeschke, Heyne-Buch Nr. 3410, 2. überarbeitete Auflage 1974. Das Titelbild „The Martian Chronicles“ von Michael Whelan wurde von mir (Lucifex) eingefügt.

(Anm. von Lucifex: Ich habe die deutsche Fassung mit dem Originaltext verglichen und festgestellt, daß die Übersetzung recht vollständig und vorlagengetreu ist; nur an drei Stellen habe ich nicht ganz dem Original entsprechende Wörter gegen die richtigen ausgetauscht. Die Geschichte selbst beschreibt einen Mars, wie man ihn sich in den frühen 1950ern noch vorstellen konnte; als heutiger Leser kann man sie sich ja auf einen außersolaren Planeten übertragen vorstellen, der eben so ist. Dies wäre auch die geeignetste Herangehensweise für eine eventuelle Verfilmung.)

 

Vor der Fahrt in die blauen Berge hielt Tomás Gomez noch an der entlegenen Tankstelle.

„Ziemlich einsam hier draußen, wie?“ fragte Tomás.

Der alte Mann wischte über die Windschutzscheibe des kleinen Lastwagens. „Es geht.“

„Wie gefällt es Ihnen auf dem Mars, Opa?“

„Gut. Gibt immer etwas Neues. Als ich letztes Jahr raufkam, hab ich keine großen Dinge erwartet und keine Ansprüche gestellt und wollte mich auch nicht überraschen lassen. Wir müssen die Erde vergessen, wir müssen vergessen, wie es da unten war. Wir müssen uns ansehen, was wir hier haben und wie anders alles ist. Das Wetter zum Beispiel. Schon das Wetter macht mir hier verdammt Spaß. Ist eben marsianisches Wetter. Heiß wie die Hölle am Tage, kalt wie die Hölle in der Nacht. Ich beschäftige mich viel mit den andersartigen Blumen und dem andersartigen Regen. Ich wollte mich auf dem Mars zur Ruhe setzen, mir ein Plätzchen suchen, wo alles anders ist. Ein alter Mann braucht das. Das junge Volk will nichts mehr von ihm wissen, und seine Altersgenossen langweilen ihn zu Tode. Also hielt ich es für das Beste, mir ein Fleckchen zu suchen, das so anders ist, daß ich nur die Augen aufzumachen brauche und schon etwas zu sehen habe. Hier die Tankstelle hab ich mir besorgt. Wenn das Geschäft zu lebhaft wird, suche ich mir weiter oben eine andere alte Straße, auf der es noch ruhiger ist und wo ich ausreichend verdiene und noch Zeit habe, all das Fremde in mich aufzunehmen.“

„Sie machen’s richtig, Opa“, sagte Tomás. Seine braunen Hände ruhten locker auf dem Steuerrad. Er fühlte sich wohl. Er hatte zehn Tage hintereinander in einer der neuen Kolonien gearbeitet und hatte jetzt zwei Tage frei und war auf dem Weg zu einer Party.

„Mich überrascht gar nichts mehr“, sagte der alte Mann. „Ich sehe mich nur um. Ich registriere. Wenn man den Mars nicht so nehmen kann, wie er ist, sollte man gleich wieder zur Erde fliegen. Hier oben ist alles verrückt – der Boden, die Luft, die Kanäle, die Eingeborenen (ich hab noch keine gesehen, aber es sollen sich ja noch welche herumtreiben), die Uhren. Sogar meine Uhr ist komisch. Auch die Zeit ist völlig verdreht. Manchmal komme ich mir vor, als wäre ich ganz allein, als gäbe es außer mir keine Seele auf dem ganzen verdammten Planeten. Ich könnte in solchen Momenten glatt wetten, allein zu sein. Manchmal komme ich mir etwa acht Jahre alt vor, ganz winzig zusammengequetscht, und alles ist riesig. Mein Gott, hier ist wirklich der richtige Ort für einen alten Mann. Hält mich munter und zufrieden. Wissen Sie, was der Mars ist? Er ähnelt einem Geschenk, das ich vor siebzig Jahren zu Weihnachten gekriegt hab – weiß nicht, ob Sie so etwas schon mal gesehen haben. Kaleidoskope hießen die Dinger, eckige glitzernde Glasstücke und Stoff und Perlen und schönes Zeug. Man hielt es ins Sonnenlicht und schaute hindurch, und es stockte einem der Atem. Was für Formen! Also, so ist auch der Mars. Genießen Sie ihn. Lassen Sie ihn, wie er ist. Mein Gott, wissen Sie, daß diese Straße hier von den Marsianern vor über sechzehn Jahrhunderten gebaut wurde und immer noch gut in Schuß ist? Das wären ein Dollar und fünfzehn Cents, vielen Dank und gute Nacht.“

Tomás fuhr leise lachend auf der Landstraße weiter. Es war eine lange Straße, die in die Dunkelheit zwischen den Hügeln führte, und er hielt das Steuer und langte dann und wann in seinen Eßkorb und nahm sich ein Bonbon. Er war etwa eine Stunde gleichmäßig gefahren, und es war kein anderer Wagen auf der Straße und kein Licht, nur die Straße, die unter ihm dahinraste, das Summen, das Dröhnen, und der Mars dort draußen, so ruhig. Der Mars war immer ruhig, doch heute war er stiller als je zuvor. Die Wüstenstriche und leeren Meere glitten an ihm vorüber, und die Sterne bewegten sich über den Bergen.

Es lag heute abend ein Geruch von Zeit in der Luft. Er lächelte und verweilte bei dieser Fantasievorstellung. Ein interessanter Gedanke. Wie roch die Zeit überhaupt? Nach Staub und Uhren und Menschen. Und wenn man sich fragte, welches Geräusch die Zeit machte, so klang sie wie Wasser, das in einer dunklen Höhle dahinströmt, und wie weinende Stimmen und Erdschollen, die auf hohle Sargdeckel fallen, und wie Regen. Um den Gedanken weiterzuspinnen, wie sah die Zeit aus? Die Zeit sah aus wie Schneefall in einem schwarzen Raum oder wie ein Stummfilm in einem alten Kino oder wie hundert Milliarden Gesichter, die wie unzählige Neujahrsballons herabsinken, immer tiefer hinab ins Nichts. Ja, so roch und klang die Zeit und so sah sie aus. Und heute – Tomás hielt eine Hand in den Fahrtwind des Lastwagens – heute abend konnte man die Zeit beinahe fühlen.

Er steuerte seinen Wagen zwischen Hügeln aus Zeit. In seinem Nacken begannen sich die kleinen Härchen aufzurichten, und er starrte angestrengt nach vorn.

Er erreichte eine kleine tote Marsstadt, stellte den Motor ab und ließ die Stille von allen Seiten auf sich eindringen. Er saß da, ohne zu atmen, und betrachtete die weißen Gebäude im Mondlicht. Unbewohnt seit Jahrhunderten. Vollkommen und makellos. Zerstört, gewiß – aber gleichwohl vollkommen.

Er startete den Motor und fuhr noch etwa eine Meile, ehe er wieder stoppte, ausstieg und seinen Eßkorb zu einem kleinen Vorsprung trug, von dem aus er die eben durchfahrene Stadt überschauen konnte. Er öffnete seine Thermosflasche und goß sich eine Tasse Kaffee ein. Ein Nachtvogel flog vorüber. Tomás fühlte sich ausgezeichnet.

Etwa fünf Minuten später ertönte ein Geräusch. Oben in den Hügeln, wo sich die alte Straße dahinschlängelte, war eine Bewegung zu sehen und ein schwaches Licht, dann hörte er ein Murmeln.

Tomás wandte sich langsam um, seinen Kaffeebecher in der Hand.

Zwischen den Hügeln tauchte ein seltsames Etwas auf.

Es war eine Maschine, die aussah wie ein jadegrünes Insekt, wie eine Gottesanbeterin – ein Gebilde, das zierlich durch die frische Luft eilte. Überall an seinem Körper schimmerten undeutlich zahllose Diamanten und Rubine, deren Facettenaugen lebhaft glitzerten. Die sechs Beine der Maschine erzeugten auf der alten Straße ein Geräusch wie leiser, schwächer werdender Regen, und auf dem Rücken der Maschine saß ein Marsianer mit Augen wie geschmolzenes Gold. Er sah auf Tomás herab, als ob er in einen Brunnen schaute.

Tomás hob automatisch die Hand und dachte: Hallo! Die Lippen bewegte er nicht, denn das Wesen war tatsächlich ein Marsianer. Doch Tomás hatte in den blauen Flüssen der Erde geschwommen, während Fremde seines Weges kamen, und er hatte schon oft mit fremden Menschen in fremden Häusern gegessen, und stets war das Lächeln seine Waffe gewesen. Eine Pistole hatte er nicht bei sich. Und er spürte auch jetzt kein Verlangen danach, trotz des kleinen Angstknotens, der sich in der Gegend seines Herzens zusammenzog.

Auch die Hände des Marsianers waren leer. Einen Augenblick lang schauten sie sich durch die Kälte an.

Schließlich rührte sich Tomás.

„Hallo!“ rief er.

„Hallo!“ rief der Marsianer in seiner Sprache.

Sie verstanden einander nicht.

„Haben Sie ‚Hallo‘ gesagt?“ fragten beide.

„Was haben Sie gesagt?“ fragten sie, jeder in seiner Sprache.

Ihr Gesichtsausdruck verdüsterte sich.

„Wer sind Sie?“ fragte Tomás auf Englisch.

„Was machen Sie hier?“ fragte der Fremde auf Marsianisch; seine Lippen bewegten sich.

„Wohin wollen Sie?“ fragten sie und sahen ratlos aus.

„Ich heiße Tomás Gomez.“

„Ich heiße Muhe Ca.“

Keiner der beiden verstand die Namen, doch als sie sich auf die Brust klopften, wurde die Bedeutung der Worte klar.

Und dann lachte der Marsianer. „Moment!“ Tomás spürte eine Berührung am Kopf, doch keine Hand hatte ihn angefaßt. „Na bitte!“ sagte der Marsianer auf Englisch. „Das ist schon besser!“

„Sie haben meine Sprache gelernt? So schnell?“

„Kleinigkeit!“

Das nun folgende Schweigen machte beide verlegen, und sie schauten auf den Becher Kaffee, den Gomez in der Hand hielt.

„Neu?“ fragte der Marsianer und beäugte ihn und den Kaffee und meinte vielleicht beides.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“ fragte Tomás.

„Bitte.“

Der Marsianer glitt von seiner Maschine.

Ein zweiter Becher wurde hervorgeholt und gefüllt, dampfend voll. Tomás hielt ihn dem Fremden hin.

Ihre Hände trafen sich – und fuhren wie Nebelschwaden durcheinander hindurch.

„Gott im Himmel!“ rief Tomás und ließ den Becher fallen. „Im Namen der Götter!“ sagte der Marsianer in seiner Sprache.

„Haben Sie das gesehen?“ flüsterten sie beide.

Sie waren entsetzt und fröstelten.

Der Marsianer bückte sich, um den Becher aufzuheben, doch er konnte ihn nicht greifen, er griff durch ihn hindurch.

„Jesus!“ sagte Tomás.

„Das kann man wohl sagen.“ Der Marsianer versuchte mehrmals, den Becher zu fassen, doch vergeblich. Schließlich richtete er sich auf und überlegte einen Augenblick. Dann zog er ein Messer aus dem Gürtel.

„He! Lassen Sie das!“ brüllte Tomás.

„Irrtum – fangen sollen Sie es!“ sagte der Marsianer und warf das Messer. Tomás legte die Hände zusammen. Das Messer fiel durch ihn hindurch zu Boden. Tomás bückte sich, um es aufzuheben, doch er konnte es nicht greifen und fuhr schaudernd zurück.

Jetzt sah er den Marsianer vor dem Hintergrund des Himmels. „Die Sterne!“ sagte er.

„Die Sterne!“ sagte der Marsianer, der seinerseits Tomás anschaute.

Die Sterne schimmerten deutlich durch den Körper des Fremden, und sie waren eingewoben in sein Fleisch wie Lichtflecken in der dünnen, phosphoreszierenden Membran eines gallertartigen Fisches. Im Magen und in der Brust des Marsianers funkelten Sterne wie violette Augen und funkelten durch seine Handgelenke wie Juwelen.

„Sie sind ganz durchsichtig!“ sagte Tomás.

„Und Sie auch!“ sagte der Marsianer und trat zurück.

Tomás befühlte seinen Körper und war beruhigt, als er die Wärme spürte. Ich bin wenigstens lebendig, dachte er.

Der Marsianer berührte sich an der Nase und an den Lippen. „Mein Körper ist real“, sagte er halblaut. „Ich lebe.“

Tomás starrte den Fremden an. „Aber wenn ich wirklich bin, müssen Sie tot sein.“

„Nein!“

„Ein Gespenst!“

„Ein Phantom!“

Sie zeigten aufeinander, während das Licht der Sterne in ihren Gliedern wie Dolchklingen und Eiszapfen und Glühwürmchen brannte. Dann fingen sie wieder an, sich zu betasten, und beide fanden nichts Ungewöhnliches, außer daß sie erhitzt, erregt, betäubt, verblüfft waren und der andere, ah! dieser andere da drüben ein irreales, gespenstisches Prisma, in dem das gebündelte Licht ferner Welten aufblitzte.

Ich bin betrunken, dachte Tomás. Ich darf morgen niemandem davon erzählen, nein, nein.

Sie standen auf der alten Straße. Keiner bewegte sich.

„Woher kommen Sie?“ fragte der Marsianer schließlich.

„Von der Erde.“

„Was ist das?“

„Da!“ Tomás deutete mit einem Kopfnicken zum Himmel.

„Wann?“

„Wir sind vor über einem Jahr gelandet, wissen Sie das nicht?“

„Nein.“

„Und von Ihren Leuten sind alle tot – bis auf wenige Ausnahmen. Vertreter Ihrer Rasse sind selten, wissen Sie das?“

„Das ist nicht wahr.“

„Jawohl, tot! Ich habe die Toten selbst gesehen. Schwarz, in den Zimmern, überall in den Häusern. Alle tot, Tausende.“

„Das ist ja zum Lachen! Wir leben doch!“

„Mein Lieber, Sie haben eine Invasion am Hals und wissen es nicht. Sie müssen entkommen sein.“

„Ich bin nicht entkommen; es gab überhaupt keinen Grund zur Flucht. Was soll Ihr Gerede? Ich bin eben jetzt auf dem Weg zu einem Fest unten am Kanal bei den Eniallbergen. Ich war gestern abend schon dort. Sehen Sie nicht die Stadt?“ Der Marsianer hob den Arm.

Tomás folgte der Bewegung und sah die Ruinen. „Aber die ist doch schon seit vielen tausend Jahren verlassen.“

Der Marsianer lachte. „Verlassen? Ich habe gestern dort übernachtet!“

„Und ich bin letzte Woche dort gewesen und vorletzte Woche, und eben bin ich wieder durchgefahren. Sie liegt in Schutt und Asche! Sehen Sie nicht die eingestürzten Säulen?“

„Eingestürzt? Natürlich sehe ich sie, ganz deutlich sogar im Mondlicht, aber es ist doch alles in Ordnung mit ihnen.“

„Überall liegt Staub auf den Straßen.“

„Die Straßen sind sauber!“

„Die Kanäle sind leer.“

„Die Kanäle sind voller Lavendelwein!“

„Alles ist tot!“

„Alles lebt!“ widersprach der Marsianer und lachte noch lauten. „Sie täuschen sich, wirklich. Sehen Sie dort die Jahrmarktlichter? Dort finden Sie Boote so schlank wie Frauen und wunderschöne Frauen, die so schmal wie Boote sind, Frauen mit sandfarbenem Haar, Frauen mit Feuerblumen in den Händen. Deutlich sehe ich die kleinen Gestalten, die in den Straßen herumlaufen. Und dahin will ich jetzt, zum Fest. Wir sind bestimmt die ganze Nacht auf dem Wasser; wir singen und trinken und lieben uns. Sehen Sie’s denn nicht?“

„Mein Lieber – diese Stadt ist so tot wie nur irgend etwas. Fragen Sie doch die Leute aus meiner Gruppe. Ich will heute abend noch zur Grünen Stadt – das ist die neue Kolonie, die wir gerade an der Illinois-Landstraße gebaut haben. Sie müssen sich irren. Wir haben dreihunderttausend Meter Oregon-Bretter heraufgeschafft und ein paar Tonnen guter Stahlnägel, und daraus wurden die beiden schönsten Dörfer zusammengezimmert, die man sich nur vorstellen kann. Heute abend weihen wir einen der Orte ein. Raketen kommen von der Erde und bringen unsere Frauen und Freundinnen. Es findet ein großer Tanz auf der Tenne statt, und es gibt Whisky…“

Der Marsianer war unruhig geworden. „Und das alles soll da drüben…?“

„Da stehen die Raketen.“ Tomás führte den anderen auf den Hang und deutete hinab. „Sehen Sie’s?“

„Nein.“

„Verdammt, da sind sie doch! Sehen Sie nicht die langen silbrigen Körper?“

„Nein!“

Jetzt lachte Tomás. „Sie sind ja blind!“

„Ich kann sehr gut sehen. Sie sind derjenige, der nichts wahrnimmt.“

„Aber Sie sehen doch wenigstens die neue Stadt, ja?“

„Ich sehe nur einen Ozean bei Ebbe, das ist alles.“

„Mein Lieber, das Wasser ist vor viertausend Jahren verdunstet.“

„Wirklich, nun reicht es aber.“

„Es stimmt, lassen Sie sich’s gesagt sein.“

Der Marsianer machte ein sehr nachdenkliches Gesicht. „Nochmal. Sie sehen die Stadt nicht so, wie ich sie beschreibe? Die weißen Säulen, die schlanken Boote, die festlichen Lichter – oh, wie deutlich ich das alles sehe! Und hören Sie mal! Ich kann das Singen hören. Es ist gar nicht weit.“

Tomás lauschte und schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Und andererseits sehe ich nicht, was Sie mir beschreiben. Also…“

Wieder erschauderten sie. Ein eisiger Hauch fuhr ihnen über den Rücken.

„Wäre es möglich…?“

„Was?“

„Haben Sie gesagt ‚vom Himmel‘?“

„Erde.“

„Erde, ein Name, nichts“, sagte der Marsianer. „Aber… als ich vor einer Stunde über den Paß kam –“ er fuhr sich mit der Hand über den Nacken – „war mir plötzlich…“

„Kalt?“

„Ja.“

„Und jetzt?“

„Das gleiche. Komisch. Es war alles so seltsam“, sagte der Marsianer, „das Licht, die Berge, die Straße. Ich spürte das Seltsame, ich spürte die Straße, das Licht, und einen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, ganz allein zu sein auf dieser Welt.“

„Ich auch!“ sagte Tomás, und ihm war plötzlich, als spräche er mit einem lieben alten Freund, dem er sich anvertraute und mit dem er sich an dem Thema erwärmte.

Der Marsianer schloß die Augen und öffnete sie wieder.

„Das kann nur eins bedeuten. Die Zeit. Ja. Sie sind ein Gespenst aus der Vergangenheit.“

„Nein, Sie kommen aus der Vergangenheit“, sagte der Mann von der Erde, der in Ruhe überlegt hatte.

„Sie sind Ihrer Sache so sicher. Wie wollen Sie beweisen, wer aus der Vergangenheit stammt und wer aus der Zukunft? Welches Jahr haben wir?

„Zweitausendundeins!“

„Was bedeutet mir das?“

Tomás überlegte und zuckte die Achseln. „Nichts.“

„Ich hätte Ihnen genausogut sagen können, daß wir das Jahr 4 462 853 S.E.C. haben. Das bedeutet nichts, absolut nichts für Sie. Wo ist die Uhr, die uns den Stand der Sterne anzeigt?“

„Aber die Ruinen sind der Beweis! Sie beweisen, daß ich die Zukunft bin; sie beweisen, daß ich lebe und Sie tot sind!“

„Aber mein ganzer Körper widerlegt das. Mein Herz schlägt, mein Magen ist hungrig, mein Mund hat Durst. Nein, nein, keiner von uns ist tot oder lebendig. Wir stehen eher zwischen diesen beiden Polen. Zwei Fremde, die sich in der Nacht begegnen, das ist es. Zwei Fremde bei einer zufälligen Begegnung. Ruinen, haben Sie gesagt?“

„Ja. Haben Sie Angst?“

„Wer möchte schon in die Zukunft schauen, wer möchte das wirklich? Man kann sich ohne weiteres mit der Vergangenheit auseinandersetzen, aber wenn man sich vorstellt – die Säulen sind – eingestürzt, sagen Sie? Und das Meer ohne Wasser, und die Kanäle trocken und die jungen Mädchen tot und die Blumen verwelkt?“ Der Marsianer schwieg einen Augenblick, dann blickte er in die Ferne. „Aber da sind sie doch! Ich sehe sie! Reicht das nicht? Was Sie auch sagen, man wartet in diesem Moment auf mich.“

Und auf Tomás warteten die fernen Raketen und die Stadt und die Frauen von der Erde. „So kommen wir nie auf einen Nenner“, sagte er.

„Wenn wir uns darüber einig sind, ist das schon etwas“, sagte der Marsianer. „Was macht es schon aus, ob wir wissen, wer die Vergangenheit und wer die Zukunft darstellt, solange wir nur beide leben. Was kommen muß, kommt – morgen oder in zehntausend Jahren. Woher wollen Sie wissen, daß jene Tempel nicht die zerfallenen Reste Ihrer Zivilisation sind, zehntausend Jahre in der Zukunft? Sie wissen es nicht, also forschen Sie auch nicht weiter. Aber die Nacht ist kurz. Da unten brennen die festlichen Feuer, und die Vögel fliegen am Himmel.“

Tomás streckte die Hand aus. Der Marsianer tat es ihm nach. Ihre Hände berührten sich nicht; sie verschmolzen miteinander.

„Werden wir uns wiedersehen?“

„Wer weiß? Vielleicht in einer anderen Nacht wie dieser.“

„Ich würde gern Ihr Fest mitmachen.“

„Und ich wünschte, ich könnte Ihre neue Stadt besuchen und mir die Schiffe ansehen, von denen Sie gesprochen haben, und die Menschen. Ich würde gern wissen, was alles so passiert ist.“

„Auf Wiedersehen“, sagte Tomás.

„Gute Nacht.“

Auf seinem grünen Metallfahrzeug ritt der Marsianer still in die Hügel. Der Mann von der Erde wendete seinen Wagen und schlug ebenso wortlos die andere Richtung ein.

„Himmel, was für ein Traum!“ seufzte Tomás, die Hände auf das Steuerrad gelegt, und dachte an die Raketen, die Frauen, an den scharfen Geschmack des Whisky, die Virginia-Tänze und die Party.

Was für eine seltsame Vision, dachte der Marsianer, während er durch die Dunkelheit ritt, und er dachte an sein Fest, an die Kanäle, die Boote, die goldäugigen Frauen und die Lieder.

Die Nacht war dunkel. Die Monde waren untergegangen. Das Sternenlicht glänzte auf die leere Landschaft herab, auf der nichts mehr zu sehen oder zu hören war, absolut nichts. Und so blieb es die ganze kalte dunkle Nacht hindurch.

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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Ein Kommentar

  1. Und wieder einmal „Fridays for Fiction“, um der Minderheit der SF-Interessierten unter meinen Lesern ab und zu auch etwas in dieser Richtung zu bieten.

    Diese Geschichte habe ich vor drei Jahren für Nord-Licht aufbereitet, und hier führe ich sie einer Nachverwertung zu.

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