Fukuyama über Identitätspolitik

Von Greg Johnson, übersetzt von Tekumseh. Das Original Fukuyama on Identity Politics erschien am 11. Januar 2019 auf Counter-Currents Publishing.

Francis Fukuyama: Identity. Contemporary Identity Politics and the Struggle for Recognition. (Identität. Zeitgenössische Identitätspolitik und ihr Ringen um Anerkennung). London: Profile Books 2018.

 

Francis Fukuyama ist der am meisten hervorstechende lebende neokonservative Intellektuelle. Ich habe sein Werk seit 1992, als er sein erstes Buch, The End of History and the Last Man. (Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch) veröffentlichte, bewundert und davon profitiert. Darum war ich etwas besorgt zu hören, dass er mit großer Geschwindigkeit ein neues Buch geschrieben hatte, um den Wind aus den Segeln Weißer Identitätspolitik zu nehmen.

Hat Fukuyama einen gröberen Fehler im White Nationalism entdeckt, der uns zu einem Überdenken unserer Positionen oder sogar ihrer Preisgabe bringen würde? Die Antwort ist nein. Tatsächlich ist Identity ein sehr nützliches Buch für White Nationalists, weil Fukuyama praktisch jede essentielle Prämisse für unsere Position einräumt, aber seine Argumente, um unseren schlussendlichen ethnonationalistischen Schlüssen zu widerstehen, sind extrem schwach.

Rechte Identitätspolitik ist in der menschlichen Natur angelegt.

Das wichtigste Zugeständnis, das Fukuyama macht, ist, dass Identitätspolitik in der menschlichen Natur angelegt ist und darum niemals ausgemerzt werden kann.

Die moderne liberal-globalistische Auffassung ist, dass Politik in letzter Konsequenz in rationalem Eigennutz besteht. Im Leben geht es nur darum, die Vernunft einzusetzen, um die eigenen Wünsche zu erfüllen; Liberalismus und Globalismus folgen daraus notwendig. Liberalismus ist einfach ein Rahmen, um den Individuen die Verfolgung ihrer privaten Interessen durch freie Verträge zu ermöglichen. Aber weil Vernunft eine universelle Eigenschaft ist, und alle Menschen die gleichen Grundbedürfnisse haben, gibt es keinen Grund, wieso das liberale System sich nicht über den ganzen Globus erstrecken sollte.

Liberalismus ist darum gegen alle politischen Identitäten gerichtet, die seine globale Ausdehnung verhindern; besonders die Bindung an bestimmte Rassen, Nationen, ethnischen Gruppen und religiösen Gemeinschaften, die ausschließliche Wahrheit behaupten. Linke (Liberale) halten solche Anhänglichkeiten einfach für nicht fundierte Stimmungen und Aberglauben aus der Vergangenheit, die wir abschütteln müssen und können, indem wir uns weiterentwickeln und in eine immer perfektere linke Zukunft fortschreiten.

Linke haben eine zwiespältige Strategie, wenn sie sich mit diesen partikularen kollektiven Bindungen auseinandersetzen.

Zuerst trachten sie danach, „kollektivistische“ Identitäten in einem Säurebad aus egoistischem Individualismus aufzulösen. Individualisten werden gelehrt, alle nicht-gewählten Identitäten und Verpflichtungen als eine Form von Gewalt, die ihnen von ihren Eltern und der Gesellschaft angetan wird, anzusehen. Kollektive Identitäten sind bloße Bürden, deren man sich spätestens dann entledigt, wenn man als Individuum in der Lage ist, die eigenen Werte zu wählen und die eigenen Identitäten zu konstruieren.

Im nächsten Schritt müssen ihre Objekte in allumfassende Kollektive universalisiert werden, weil die weltoffenen Empfindungen nicht gänzlich der menschlichen Seele entwurzelt werden können. Wenn man also darauf besteht, mehr als ein selbstsüchtiger Hersteller-Konsument zu sein, wird man angehalten, sich als ein Mitglied „einer Rasse, der menschlichen Rasse“, als einen „Weltbürger“ zu sehen. Und wenn man der Verlockung des Glaubens nicht widerstehen kann, bekommt man etwas passendes Ökumenisches, Eklektisches und Tolerantes.

Da gibt es aber ein Problem. Unsere Bindung an partikuläre Kollektive ist nicht einfach ein unfundiertes Überbleibsel aus der Vergangenheit. Da gibt es keine falschen Meinungen, die durch bessere Wahrheiten ersetzt werden können. Diese sind keine untauglichen Werkzeuge, die man mit tauglichen austauschen kann. Sie sehen für Linke nur so aus, weil sie eine übersimplifizierte, zweiteilige Vision des menschlichen Geistes haben: Verlangen und Vernunft; letztere lässt sich definieren, als einfach ein technisch-instrumentelle Vermögen, das Verlangen stillen hilft.

Der menschliche Geist ist jedoch komplexer. Wie Fukuyama ausführt, argumentiert Sokrates in Platons Politeia, dass die menschliche Seele drei unzerlegbare Teile hat. Zu Vernunft und Verlangen tritt ein weiterer Teil hinzu, den Sokrates thymos nennt, und der üblicherweise mit „Geist“ übersetzt wird [im Englischen; d. Ü.]. Thymos ist nicht „Geist“ in einem übersinnlichen oder gespenstischen Sinne. Es ist eher wie „Teamgeist“, „Korpsgeist“ oder „Kampfgeist“. Thymos ist die Kapazität, sich leidenschaftlich mit partikulären Dingen zu identifizieren.

Man kann eine thymotische Bindung zum eigenen Selbstbild, formen; das ist das Ehrgefühl. Man kann eine thymotische Bindung zur eigenen Familie, Gemeinschaft, Stadt, zum Sportteam, zur politischen Partei, ethnischen Gruppe etc. entwickeln. Man kann sogar thymotische Bindungen zum eigenen Nationalstaat, Reich oder Rassen aufbauen. Thymos kann darum als Liebe zum Eigenen beschrieben werden: Die natürliche, normale und ganz und gar moralische Präferenz für das, was nahe ist, gegenüber dem, was fern ist; für was vertraut ist gegenüber dem, was fremd ist; für Verwandte gegenüber Unbekannte; für Landsleute gegenüber Fremden etc.

Manche Menschen binden sich sogar thymotisch an die Menschheit als Ganzes, an andere Spezies und den ganzen Planeten. Sogar liberale Universalisten, die niemals von Thymos gehört haben, haben thymotische Bindungen.

Weil Thymos eine leidenschaftliche Identifikation mit etwas Besonderem ist, gibt es stets das Potential für gewalttätige Konfrontationen zwischen jenen, die sich leidenschaftlich mit unterschiedlichen Besonderheiten identifizieren. Darum ist für Platon Thymos die Grundlage des Politischen. Aus dem gleichen Grund ist Thymos die Basis für Carl Schmitts Behauptung, dass Politik stets mit wir und sie, Freund und Feind befasst ist. [5]

Das trifft auch auf liberale Universalisten zu, die behaupten, die ganze Menschheit zu repräsentieren, keine Feinde zu kennen und jedermann zu lieben, weil liberale Universalisten eben durchaus Feinde haben: Jeden, der eine Bindung an kleinere Kollektive hat. Linke hassen Nationalisten mit einer besonderen Intensität als Feinde der Menschheit.

Wenn das Politische in der leidenschaftlichen Identifikation mit Kollektiven wurzelt, ist das Politische unausweichlich Identitätspolitik. Da ist keine Alternative für Identitätspolitik. Die drei einzigen Fragen in diesem Zusammenhang sind (1) entweder die identitäre Natur des Politischen zuzugeben oder sie zu leugnen, (2) unabhängig davon, ob die Identitäten, an denen wir festhalten real sind oder Trug und (3) ob eine bestimmte Identität die Basis für eine funktionale politische Ordnung sein kann oder nicht.

Fukuyama ist äußerst überzeugend, wenn er verficht, dass der liberale Individualismus als politische Theorie scheitert, weil er den Aspekt des Thymos komplett übersieht. Es gibt aber Probleme mit Fukuyamas Sichtweise von Thymos.

Erst einmal stellt er Thymos primär als hegelianisch verstandenes Ringen um Anerkennung vor. Thymos ist natürlich die Wurzel für das Ringen um Anerkennung, aber gleichzeitig mehr als das. Es ist die leidenschaftliche Bindung zum Eigenen, und zwar der Sinn fürs Selbst ebenso wie für die Kollektive, mit denen man sich identifiziert. Das Ringen um Anerkennung tritt nur hinzu, wenn Selbstbilder oder Gruppen aneinanderprallen.

Zweitens akzeptiert Fukuyama Hegels Vorstellung, wie das Ringen um Anerkennung von einer Gesellschaft, in der ein einziger Mann frei ist, zu einer führt, in der manche Männer frei sind und schließlich eine Gesellschaft entsteht, in der alle Männer frei sind. Es werden sozusagen mehr und mehr Männer resp. Menschen (men) verlangen, dass andere ihre Würde respektieren und diesen Respekt im Recht festschreiben; und zwar so lange, bis alle Menschen solchen Schutz bekommen haben.

Entgegen Alexandre Kojève gibt es jedoch keinen Grund zu glauben, dass die Ausweitung der Anerkennung der menschlichen Würde zu einem „universellen homogenen Staat“ führt, anstatt zu einer Welt, in der es viele unterschiedliche Völker und Staaten gibt, welche die Freiheit aller Menschen anerkennen. Ein einziger homogener Staat würde nur entstehen, wenn die Forderung für größere politische Anerkennung mit einem radikalen Individualismus verbunden wäre, die sämtlichen leidenschaftlichen Identifikationen mit partikularen Interessen verböte.

Fukuyama identifiziert jedoch gleiche Anerkennung mit universeller Anerkennung, was die Anerkennung aller Menschen zu bezeichnen scheint, aber auch die Anerkennung aller Menschen durch einen einzigen universalen Staat. Dann schließt er, dass die Forderung nach partikularer Anerkennung mit der demokratischen Gleichheit unvereinbar ist:

[Hegel] schreibt, dass die einzige rationale Lösung für den Wunsch nach Anerkennung die universale Anerkennung ist, in der die Würde jedes Menschen anerkannt würde. Universelle Anerkennung wurde seit jeher in Frage gestellt durch andere partikulare Formen der Anerkennung, die auf Religion, Nation, Sekte, Rasse, Ethnizität, Geschlecht oder dem individuellen Anspruch einzelner, überlegen zu sein, beruhten. Der Aufstieg der Identitätspolitik in modernen liberalen Demokratien ist einer der Hauptbedrohungen, denen sie gegenüberstehen und sofern wir unseren Weg hin zu einem universaleren Verständnis der menschlichen Würde nicht wieder einschlagen können, werden wir uns dazu verdammen, den Konflikt immer fortzusetzen. (S. XVI).

Es gibt jedoch überhaupt keinen notwendigen Konflikt zwischen demokratischer Gleichheit und starken rassischen, ethnischen oder nationalen Bindungen. Tatsächlich war der Nationalismus im 19. Jahrhundert oft mit den Kräften des Liberalismus, Republikanismus und dem Ringen um Demokratie verbunden. Auch heute ist der Anstieg des Nationalismus, der Fukuyama so alarmiert, stark populistisch, das heißt, genuin demokratisch. Man kann glauben, dass alle menschlichen Wesen unveräußerliche Rechte haben, dass aber andere Rassen und Kulturen nicht gut zur eigenen Gesellschaft passen; dass sie jedoch Gesellschaften finden oder schaffen können, die besser zu ihnen passen; eben weil die Anerkennung universaler Menschenrechte keine bestimmte, universale, für alle gültige politische Ordnung voraussetzt.

Identitätspolitik ist nur eine Bedrohung für die liberale Demokratie, wenn man voraussetzt, dass liberale Demokratie inhärent multikulturell ist. Ein rassisch und ethnisch homogener Staat kann leicht gleichzeitig in seiner einzigartigen Identität wurzeln und ausgesprochen demokratisch und egalitär sein. Identitätspolitik ist nur eine Bedrohung für die liberale Demokratie, wenn sie rassisch und ethnisch divers ist; in diesem Fall würden unterschiedliche Identitäten politische Konflikte bringen, welche die Einheit, die jeder funktionale Staat notwendig braucht, untergraben und auf diese Weise die Forderung nach abstrakteren Prinzipien als Quellen der Einheit bedingen.

Fukuyama behandelt den Multikulturalismus als einen gegebenen Faktor, weil sein übergeordnetes Ziel ist, zu zeigen, wie speziell multikulturelle, multirassische Formen der liberalen Demokratie sich gegen weiße Identitätspolitik schützen können, die auf Wiederherstellung oder Schaffung homogenerer Gesellschaften gerichtet ist.

Linke Identitätspolitik ist Trug.

Wie ich oben bereits notiert habe, haben wir, wenn Identitätspolitik unvermeidbar ist und wir dieses Faktum anerkennen, nur mehr zwei Entscheidungen zu treffen, einerseits (1) ob Identitäten real oder Trug sind und (2) ob partikulare Identitäten die Grundlagen von funktionalen politischen Ordnungen sein können.

Ein weiteres Zugeständnis gegenüber White Nationalists ist Fukuyamas Argument, dass obwohl manche Formen der Identitätspolitik naturgegeben sind und darum unausrottbar, andere Formen der Identitätspolitik in einer falschen evangelikalen, liberalen, romantischen Konzeption der menschlichen Natur wurzeln, die uns in innere (natürliche) und äußere (sozial konstruierte) Selbste unterteilt und behauptet, dass das innere Selbst der Sitz des Werts ist und seine Autorisierung für alles geben muss, was es durch die anderen erfährt. Das ist die Wurzel des modernen ausgesprochenen Individualismus und die radikalste Form der Identitätspolitik, in der gelangweilte, entfremdete oder geistig kranke einfach Identitäten für sich erfinden oder wählen und verlangen, dass die Gesellschaft sie akzeptiert und ihnen Bestätigung zukommen lässt.

Fukuyama lässt anklingen, dass er die Idee akzeptiert, das Selbst sei ein soziales Konstrukt. Das ersetzt individuellen Subjektivismus mit sozialem Subjektivismus. Soziale Konventionen sind, ganz natürlich, mit funktionalen politischen Ordnungen konsistenter. Aber ich weise die Idee zurück, das Selbst wäre konstruiert, sowohl individuell als auch kollektiv. Vielmehr ist das Selbst zunächst und besonders eine objektive Realität, die gebildet wird, wenn Ei und Spermazelle sich verbinden und die sich über das ganze Leben hinweg entfaltet.

Unsere erste Natur ist die Genetik, Kultur ist unsere zweite Natur. Aber unsere Gene stellen den Rahmen für die Kultur dar, die wir aufnehmen können. Darüber hinaus lehnen wir Kultur ab, die uns eine Identität aufzwingen will, die nicht zu uns passt. Unsere Eltern und unsere gleichrangigen Sozialkontakte werden versuchen, uns zu sagen, wer wir als Kinder sind und das kann mit dem zusammenprallen, wer wir wirklich sind. Aber mit der Zeit passen Individuen zunehmend ihr Selbstbild und ihr Leben an ihre objektiven Naturen an. Darum wird unsere zweite Natur ein Medium, durch das unsere erste Natur sich aktualisiert. Idealerweise sollte unsere Kultur zu unserer Natur passen und ihr schmeicheln, wie ein wohlgeschneiderter Anzug.

Kurzgefasst gibt es in dieser griechischen Konzeption der Ethik eine bedeutungsvolle Unterscheidung zwischen dem inneren und dem äußeren Selbst. Aber das innere Selbst ist objektiv. Es wandelt sich von potentiell zu tatsächlich. Es ist nicht konstruiert. Außerdem ist das innere Selbst nicht der Ort allen Wertes, obwohl die Selbstaktualisierung das Ziel des Lebens ist. Die Gesellschaft ist wertvoller als das Individuum. Darum muss die Selbstaktualisierung mit Tugenden und Gesetzen übereinstimmen, die mit dem Allgemeinwohl der Gesellschaft harmonieren. Wenn nun eine picklige Mimose aus dem Kinderzimmer kommt und verkündet, dass sie ein pansexuelles Einhorn ist, hat eine anständige Gesellschaft das Recht „Nein“ zu sagen – und ihn gegebenenfalls in eine Kadettenschule zu schicken, um den Gestank von ihm zu blasen. Eine anständige Gesellschaft sagt nicht „werde, was du bist“ zu Soziopathen und geborenen Verlierern. [Der Übersetzer wittert einen dezenten Widerspruch…]

Expressiver Individualismus als Nihilismus.

Ein drittes wertvolles Zugeständnis stellt Fukuyamas Argument dar, dass expressiver Individualismus das soziale Gefüge zerstört und Individuen in eine Sinnkrise stürzt, die das Fundament für das Wiedererstarken von Nationalismus und normativen Kulturen legt:

Das Problem mit diesem Verständnis von Autonomie ist, dass geteilte Werte der wichtigen Funktion dienen, das soziale Leben zu ermöglichen. Wenn wir nicht einen kulturellen Minimalkonsens teilen, können wir nicht bei gemeinsamen Aufgaben kooperieren und werden unterschiedliche Institutionen als legitim ansehen; ….

Das andere Problem mit diesem expansiven Verständnis der menschlichen Autonomie ist, dass nicht jeder ein nietzscheanischer Übermensch ist, dessen Ziel die Neubewertung aller Werte ist. Menschen sind in starkem Ausmaß soziale Wesen, deren emotionale Neigung sie dazu führt, mit den Normen konform zu gehen, die sie umgeben. Wenn ein stabiler, geteilter moralischer Horizont verschwindet und durch eine Kakophonie von widerstreitenden Wertesystemen ersetzt wird, frohlockt die überwältigende Mehrheit von Menschen nicht ob ihrer neugefundenen Entscheidungsfreiheit. Eher fühlen sie intensive Unsicherheit und Entfremdung, weil sie nicht wissen, was ihr wahres Selbst ist. Die Identitätskrise führt in die entgegengesetzte Richtung des expressiven Individualismus‘, nämlich hin zur Suche nach einer gemeinsamen Identität, welche das Individuum wieder in eine soziale Gruppe einbindet und wieder einen klaren moralischen Horizont schafft. Dieses psychologische Faktum legt das Fundament für Nationalismus.

Die meisten Leute haben keine unendlichen Tiefen der Individualität, die nur ihnen gehört. Was sie für ihr wahres inneres Selbst halten, wird tatsächlich durch ihre Beziehungen zu anderen Menschen aufgebaut. (S. 55f.)

Man beachte, dass Fukuyama die Idee, dass Individuen ihre eigenen Identitäten konstruieren, für die Idee fallen lässt, dass Gesellschaften Identitäten konstruieren und auf die Individuen aufprägen. Das Individuum ist nur eine tabula rasa auf der die Gesellschaft schreibt. (Es ist natürlich schwer zu sagen woher der Inhalt, der den Individuen aufgeprägt wird, kommt, sofern die Gesellschaft bloß eine Ansammlung von unbeschriebenen Blättern ist.) Diese radikale Form des sozialen Konstruktivismus wird nicht verfochten. Sie wird nur implizit vertreten, aber wie wir sehen werden, ist es die Schlüsselannahme, auf der seine Alternative des Bürgernationalismus, die er dem White Nationalism entgegenstellt, beruht.

Von einem biologischen Blickwinkel aus gesehen, hat jedes Individuum eine Natur, die ihm alleine zukommt. Das Gerede von „unendlichen Tiefen“ ist nicht mehr als liberal-romantisches Gequatsche. Jede reale Identität ist finit/festgelegt. Biologisch gesehen, ist das wahre Selbst jedoch sehr stark mit anderen Menschen verbunden und zwar nicht, weil sie eine Identität auf unserem unbeschriebenen Blatt festschreiben, sondern weil sie die gleichen Gene teilen.

Wie ich im Manifest des White Nationalism im Kapitel „Was ist falsch an der Vielfalt?“ darlege, ist die Basis des Nationalismus genetische Ähnlichkeit. Wie J. Philippe Rushtons Theorie der Genetischen Ähnlichkeit besagt, sind Zuwendung, Harmonie und Altruismus zwischen Individuen – die sämtlich unbedingt notwendig für das Gedeihen einer Gesellschaft sind – sämtlich Ableitungen der genetischen Ähnlichkeit. Darum werden die harmonischsten Gesellschaften aus genetisch ähnlichen Menschen bestehen und die disharmonischsten aus genetisch diversen Menschen – und zwar auch, wenn diese Menschen Sprache und Kultur teilen. Kulturelle Vielfalt steuert einfach ein ganzes Bündel von Problemen bei. Fukuyamas bevorzugte Position des Bürgernationalismus, nämlich eine künstliche kulturelle Uniformität über im zunehmenden Maße genetisch diverse liberale Demokratien zu legen, ist darum oberflächlich. Es ist nicht einmal eine halbe Lösung.

Die Theorie der genetischen Ähnlichkeit ist ein mächtiges Werkzeug für die Einschätzung, welche Identitäten mit funktionalen politischen Ordnungen übereinzustimmen sind. Marxisten behaupten, dass ökonomisch definierte Klassen die Handlungsakteure der Geschichte sind. Aber Nationen haben sich als stärker als Klassen gezeigt. Die Neue Linke hat die weiße Arbeiterschicht großteils im Stich gelassen und trachtet nun danach, Frauen, sexuelle Minderheiten und Nicht-Weiße als neue Handlungsakteure der Geschichte zu organisieren. Aber es wird immer klarer, dass Rasse über „Schwesterschaft“ und die im Wesentlichen fiktionalen Gemeinschaften, die angeblich unter sexuellen Minderheiten existieren, triumphiert. Das heißt, dass das Ringen zwischen Links und Rechts immer mehr den Charakter eines Kampfes zwischen Weißen und Nicht-Weißen annehmen wird.

Aber die zunehmende Rassifizierung der Politik sollte uns nicht für die Tatsache blind machen, dass Rassen als solche keine natürlichen politischen Einheiten sind. Die ideale politische Einheit ist ein kulturell abgegrenztes Volk. Rassische Gemeinsamkeit ist eine notwendige Voraussetzung für eine Nation, aber es ist keine hinreichende. Rasse alleine ist vor allem eine biologische Kategorie. Nur ein kulturell besonderes Volk ist ein politischer Akteur.

Die Probleme mit linker Identitätspolitik.

Ein anderes wichtiges Zugeständnis ist, dass Fukuyama eingesteht, dass die Linke die Weiße Arbeiterschicht in den Westlichen Nationen für Flüchtlinge, Immigranten, Nicht-Weiße, sexuelle Minderheiten und Feministen im Stich gelassen hat.

Fukuyama versichert, dass „nichts falsch an Identitätspolitik als solcher ist; es ist eine natürliche und unvermeidliche Antwort auf Ungerechtigkeit. Sie wird nur problematisch, wenn Identität auf gewisse Weisen interpretiert oder festgelegt wird“ (S. 115). Wie Fukuyama schreibt, „hat jede marginalisierte Gruppe eine Wahl, ihre Identität weiter oder enger zu sehen. Sie kann verlangen, dass die Gesellschaft ihre Mitglieder gleich wie die der dominanten Gruppe behandelt“ [gleiche Rechte u. Pflichten] oder sie könnte ihren Mitgliedern eine separate Identität versichern und Respekt für diese als unterschiedlich zur Mainstream-Gesellschaft verlangen. (S. 107).

Fukuyama meint, dass die von der Linken organisierte Koalition der Randgruppen fordern sollte genau gleich wie jeder andere in den Westlichen Gesellschaften behandelt zu werden. Er macht eine Reihe von Einwänden zur gegenwärtigen Identitätspolitik der Linken.

Erstens beklagt Fukuyama die Abwendung der Linken von ökonomischem Marxismus zugunsten des Kulturmarxismus‘: „Die Agenda der Linken verschiebt sich auf die Kultur: Was nun zerschlagen werden musste, war nicht die gegenwärtige politische Ordnung, welche die Arbeiterklasse ausgebeutet hat, sondern die Hegemonie der westlichen Kultur und Werte, welche die Minderheiten zuhause und in Entwicklungsländern unterdrückte“ (S. 113). Daher, „wurde Identitätspolitik für manche Progressive ein billiger Ersatz für ernsthaftes Nachdenken darüber, wie man den dreißigjährigen Trend in den meisten liberalen Demokratien hin zu größerer sozioökonomischer Ungleichheit umkehren könnte“ (S. 115).

Das macht Fukuyama Sorgen, weil er anerkennt, dass linke Identitätspolitik rechte Identitätspolitik antreibt. Obwohl Fukuyama ganz und gar dem neoliberalen Paradigma verschrieben ist, das jene Oligarchie bevorzugt, die ihn fürs Schreiben bezahlt, tut er eine Minute so, als mache er sich Gedanken mit steigender sozialer Ungleichheit. Man sieht deutlich, er möchte, dass die Linke sich wiederum dem Kampf für die Arbeiterklasse zuwendet; und zwar nicht, weil ihm die soziale Gerechtigkeit am Herzen liegt, sondern weil er glaubt, dass der White Nationalism eine größere Bedrohung für das gegenwärtige System darstellt als die alte Linke.

Fukuyamas zweiter Einwand ist, dass der Fokus linker Identitätspolitik „auf neueren und enger definierten Randgruppen […] die Aufmerksamkeit von älteren und größeren Gruppen ablenkt, deren ernste Probleme ignoriert werden“ (S. 116). Im Speziellen beklagt Fukuyama, dass die Linke die Weiße Arbeiterschicht im Stich gelassen hat. Erneut macht er sich keine Sorgen um weiße Leute oder soziale Gerechtigkeit per se. Er möchte die Linke einfach darum für weiße Arbeiter eintreten sehen, weil sie andernfalls zur populistischen Rechten überlaufen werden.

Fukuyamas drittes Problem mit linker Identitätspolitik ist, dass ihr Anheizen der Fortschreibung unterschiedlicher Identitäten durch nicht-verhandelbare Forderungen für soziale Anerkennung „die freie Rede bedrohen kann und – umfassender gesehen, jenen rationalen Diskurs, der notwendig ist, um eine Demokratie zu erhalten“ (S. 116). Er spricht natürlich von politischer Korrektheit. Aber schon wieder ist seine Hauptbefürchtung hinsichtlich der politischen Korrektheit, dass sie eine mächtige Kampagnen-Waffe für populistische Rechte ist: „Indem er die politische Korrektheit so frontal angegriffen hat, hat Trump eine kritische Rolle in der Verschiebung des Fokus gespielt, von der Identitätspolitik der Linken, wo sie entstand, zur Rechten, wo sie nun Fuß fasst“ (S. 119).

Viertens führt Fukuyama aus, dass die Linke Identitätspolitik die linke Koalition fraktioniert, was sie schwächt. Das ist ein Argument, das von Fukuyamas Freund und Mit-Neocon Mark Lilla stammt, der tatsächlich als Linker spricht. In Fukuyamas Mund ist es natürlich nicht ernst gemeint. Er kümmert sich nicht um die Harmonie in der Demokratischen Partei. Er möchte die Demokraten nur davon überzeugen, dass sie die Identitätspolitik zurückfahren, weil sie damit den rechten Populismus nähren.

In seiner fünften Anmerkung legt Fukuyama endlich seine Karten auf den Tisch: „Das letzte und vielleicht bedeutendste Problem mit Identitätspolitik, wie sie gegenwärtig auf der Linken praktiziert wird, ist, dass sie den Aufstieg der Identitätspolitik von rechts stimuliert hat“ (S. 117f.). Dann klappert Fukuyama die Schreckgespenster Trump, Unite the Right und Europäischen Faschismus ab.

Fukuyama führt aus, dass linke Identitätspolitik so lange sichere Erfolge verspricht, wie die weiße Mehrheit nach universalistischen Regeln spielt und wieder und wieder den Forderungen der Linken entspricht. Aber sobald die weiße Mehrheit in Begriffen ihrer eigenen Identitätspolitik denkt, wird die liberale Demokratie zwischen den Blöcken weißer und nicht-weißer Identität zerquetscht:

Liberale Demokratien haben sehr gute Gründe, sich nicht um eine Reihe von niemals verschwindenden Identitätsgruppen herum zu organisieren, die für Außenstehende nicht zugänglich sind. Die Dynamik der Identitätspolitik ist, mehr vom Gleichen zu stimulieren, sowie die Identitätsgruppen beginnen, einander als Bedrohungen wahrzunehmen. Anders als Kämpfe um ökonomische Ressourcen, sind Identitätsforderungen normalerweise nicht verhandelbar: Rechte auf soziale Anerkennung aufgrund von Rasse, Ethnizität oder Geschlecht beruhen auf fixen biologischen Charakteristika und können nicht für andere Güter eingetauscht werden oder in irgendeiner Weise eingeschränkt werden. (S. 122).

Fukuyamas Alternative zu Identitätspolitik von Links und Rechts ist:

…nicht die Idee der Identität aufzugeben, welche zu sehr Teil der Denkweise moderner Leute und ihrer umgebenden Gesellschaften ist. Die Lösung ist, größere und umfassendere nationale Identitäten zu definieren, welche der de facto Vielfalt von liberalen demokratischen Gesellschaften Rechnung tragen. (S. 122).

Was ermöglicht es, inklusivere Identitäten zu „definieren“? Das ist in letzter Konsequenz sozialer Konstruktivismus. Man erinnere sich, dass Fukuyama sich gegen Identitäten ausspricht, die auf „Rasse, Ethnizität oder Geschlecht … beruhend auf fixen biologischen Charakteristiken“ aufbauen. Man beachte die schlampige Sprache an dieser Stelle. Niemand behauptet, dass Ethnizität eine „fixe biologische Kategorie“ ist und sich auf „Gender“ (soziales Geschlecht) anstatt „Sex“ (biologisches Geschlecht) zu beziehen, soll nichts anderes tun, als zu bestreiten, dass das Geschlecht eine fixe biologische Kategorie ist. Entgegen dieser Sicht, versichert Fukuyama, dass „Identitäten nicht biologisch determiniert“ sind. (S. 122). Das stellt Technokraten ein unbeschriebenes Blatt für die Konstruktion einer neuen Identität, passend zur liberalen Demokratie, zur Verfügung.

Was ist diese Identität? Fukuyamas Antwort ist: Liberaler demokratischer Universalismus, der universelle homogene Staat; das ist die originäre Anti-Identitätspolitik, nun in einem Akt der atemberaubenden Unverschämtheit umgetauft, um eine Form der Identitätspolitik zu sein.

Liberale Demokratie zur „Identität“ jeder Gesellschaft zu machen, heißt im Grunde genommen, einen Selbstmordpakt zu schließen. Man stelle sich vor, wenn Norwegen alles, was speziell norwegisch ist, aus der kulturellen Identität striche und sich stattdessen ganz der liberalen Demokratie verschriebe, inklusive der maximalen Offenheit gegenüber Fremden und Zuwanderern. Man stelle sich vor, jede andere Nation täte dasselbe. Dann ein paar Jahrhunderte abwarten, bis Migration, Vermischung und Handel ihre Magie gewirkt haben.

Am Ende wird es kein Norwegen oder Schweden oder Dänemark mehr geben. Es wird kein Europa, Afrika oder Asien mehr geben. [Der Übersetzer führt an, dass das rassische Bild etwa Afrikas sich überhaupt nicht verändern würde. Es würden ja keine weißen Massen dorthin ziehen.] Es wird einfach einen universalen homogenen Staat geben, bevölkert von einem universalen homogenen braunen Slum-Bewohner. Aber wie jede Dritte-Welt-Gesellschaft wird er in der Lage sein, eine kleine, aber sagenhaft reiche soziopathische Oligarchie zu erhalten, welche den Knechten auf ihrer globalen Plantage die liberale Demokratie predigt.

Wer will diese Zukunft verhindern? Der soll heute damit beginnen, Identitätspolitik zu treiben.

Fortsetzung: Fukuyama über Vielfalt

Fußnoten

[1] Meine Zitate stammen aus der Edition des Vereinigten Königreichs. Die US-Ausgabe hat einen anderen, tendenziöseren Untertitel: Identität: Die Forderung nach Würde und die Politik des Ressentiments (New York: Farrar, Straus and Giroux 2018).

[2] Vergleiche meine „Reflexionen zu Carl Schmitts“

https://www.counter-currents.com/2011/02/reflections-on-carl-schmitts-the-concept-of-the-political/

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Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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