Syrien im Würgegriff / „Schmutziges Spiel“

Von Manuel Ochsenreiter, erschienen in der Deutschen Militärzeitung (DMZ), Ausgabe 84 Nov-Dez 2011. (Ursprünglich von mir auf „As der Schwerter“ eingestellt; den Anstoß für die heutige Nachveröffentlichung hier hat Osimandia mit diesem Kommentar über die kurze zeitgeschichtliche Erinnerung der meisten Leute geliefert.)

 

Seit dem Frühling 2011 steht Syrien im Fokus der weltweiten Medienberichterstattung. Die Regierung gehe mit brutaler Gewalt gegen friedliche Demonstranten vor, so die Berichte im Westen. Geopolitisch befindet sich das Land in einer schwierigen Situation. Die Kriegsdrohungen gegen Damaskus werden immer lauter.

„Gott sei mit euch“, predigt Michael Moore von New York aus in Richtung Syrien. „Ich weiß, daß ihr erfolgreich sein werdet.“ Der US-amerikanische Filmemacher drückt der „syrischen Demokratiebewegung“ die Daumen. Michael Moore wurde vor allem bekannt durch seine harsche Kritik an den US-amerikanischen Militäroperationen gegen Afghanistan und Irak. In Washington gilt er als „Linker“, als Regierungskritiker, als Nervensäge mit Kamera. Filme wie „Bowling for Columbine“, in dem er die US-Waffenlobby aufs Korn nimmt, machten Michael Moore legendär. „Fahrenheit 9/11“, in dem er die US-Regierung unter George W. Bush heftig kritisiert und ihr vorwirft, quasi mitverantwortlich für die Anschläge des 11. September 2001 zu sein, wurde zum erfolgreichsten Dokumentarfilm aller Zeiten. Moore ist ein Idol der weltweiten Skeptikerszene. Wenn er der „syrischen Demokratiebewegung“ Gottes Segen wünscht, wenn sich ausgerechnet seine Worte kaum noch von denen der US-Außenministerin Hillary unterscheiden, dann darf man sich den Tag rot im Kalender ankreuzen. Die Skeptiker hören auf, Skeptiker zu sein.

Was ist los in Syrien? Wer sich informieren möchte, landet schnell bei den Berichten des arabischen Nachrichtenkanals Al-Dschasira und westlicher Sender, die vom „Volksaufstand“ in Syrien gegen das „Assad-Regime“ berichten. Zu sehen sind verwackelte Videos, aufgenommen mit Mobiltelefonen, verkratzte Telefonstimmen von „Augenzeugen“ berichten über die „Brutalität“ von Armee- und Polizeikräften gegen „friedliche Demonstranten“. In der Türkei, unmittelbar an der syrischen Grenze, befänden sich „überfüllte Flüchtlingslager“, aus Ankara wettert der türkische Ministerpräsident gegen Damaskus, er hat sogar Panzer an die syrische Grenze verlegt – eine unverhohlene Kriegsdrohung. Auch die „Arabische Liga“, eine Bündnisorganisation der arabischen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens, nimmt Damaskus in die Mangel. Syriens Mitgliedschaft in der „Arabischen Liga“ wurde „ausgesetzt“. In Washington halten rechte und linke Falken einen militärischen NATO-Einsatz gegen Syrien angesichts des libyschen Umsturzes für immer verlockender.

Iran und Libanon

Nur noch zwei Staaten in der Region stehen an der Seite Syriens: der Iran und der Libanon. Die westlichen Kommentatoren wundert das kaum. Der Iran sei selbst ein „Schurkenstaat“ und Syrien einer der wenigen treuen Verbündeten Teherans überhaupt. Und der Libanon befinde sich in einer Art „Geiselhaft“ der schiitischen und wiederum Iran-nahen Hisbollah, der „Partei Gottes“, deren Name in den europäischen Medien kaum noch ohne den Zusatz „terroristisch“ genannt wird.

Während Europa von Horrornachrichten aus Syrien überschwemmt wird und Politiker aller Parteien fordern, man müsse den „Druck auf Damaskus“ erhöhen, berichten syrische Zeitungen von drei Soldaten, die an einer Ölpipeline nahe der Stadt Homs eine 25-Kilo-Bombe fanden und entschärften. Der Sprengsatz war mit einer Fernsteuerung versehen und gut getarnt an der Röhre angebracht. Wenige Wochen zuvor sprengte bereits eine Bombe ein 15 Meter langes Loch in eine syrische Ölpipeline nahe der Stadt Talkalakh. „Terroristengruppen“, so die syrischen Nachrichten, versuchten, die syrische Wirtschaft zu schwächen, um die Krise weiter zu verschärfen. Von beiden Vorfällen konnte man in der Bundesrepublik Deutschland nichts lesen. Und auch nichts von den Waffenlieferungen, die über die türkische und libanesische Grenze an „Aufständische“ in Syrien gehen. Immer wieder gelingt es den syrischen Sicherheitskräften, Waffenschmuggler zu stellen, bevor diese ihre Fracht an die „Regimegegner“ ausliefern können. Wofür brauchen „friedliche Demokratieaktivisten“ Schnellfeuergewehre, Nachtsichtgeräte, Sprengstoff, Granaten und reaktive Panzerbüchsen, bevorzugt aus der RPG-Reihe? Handelt es sich in Wirklichkeit um den Kampf ausländisch finanzierter und ausgerüsteter Milizen gegen die Staatsmacht? Das ist zumindest die Position des syrischen Staatsrundfunks. Fast täglich zeigt man dort Begräbnisse von im Kampf getöteten Polizisten und Soldaten – Bilder, die man im Westen ebenfalls nicht zu Gesicht bekommt.

Die mangelhafte Berichterstattung ist brandgefährlich, da die Regierungen Europas diese zur Grundlage ihrer Entscheidungen machen. Dabei passieren immer wieder Pannen. Im Sommer strahlte der französische Kanal FRANCE 24 ein angebliches Telefoninterview mit der syrischen Botschafterin in Paris, Lamia Chakkour, aus. Sie trete von ihrem Amt zurück, da sie keine Regierung repräsentieren könne, die mit „brutaler Gewalt gegen unbewaffnete Zivilisten“ vorgehe. Die Nachricht hatte nur einen Schönheitsfehler: Die Frau am Telefon war offensichtlich gar nicht Lamia Chakkour. Die syrische Botschaft dementierte den angeblichen Rücktritt der Botschafterin noch am gleichen Tag – doch da war die Nachricht bereits weltweit auf Sendung. Natürlich trete Chakkour nicht zurück, von „brutaler Gewalt gegen unbewaffnete Zivilisten“ wisse sie nichts.

„Sofortige Freilassung“ eines Phantoms

Und auch in der Bundesrepublik Deutschland nehmen die Berichterstattung und die politischen Reaktionen mittlerweile geradezu groteske Züge an. Bis heute kann man eine Erklärung des Menschenrechtsbeauftragten des Deutschen Bundestages, Markus Löning (FDP) auf der offiziellen Netzseite des Auswärtigen Amtes finden, in der er sich für die „sofortige Freilassung“ der „syrischen Bloggerin Amina Abdallah“ einsetzt. Wörtlich heißt es:

„Die noch vor wenigen Tagen von Präsident Assad persönlich erklärte Generalamnestie, die ausdrücklich auch für politische Gefangene gelten soll, wird durch die offensichtliche Verschleppung von Amina Abdallah als Scheinmaßnahme entlarvt. Auf ernstgemeinte und durchgreifende Reformen wartet die syrische Bevölkerung bisher vergebens. Ich fordere die syrische Führung auf, die Repression gegen die Zivilbevölkerung unverzüglich einzustellen und Amina Abdallah sofort freizulassen.“

Nur: Eine „Amina Abdallah“ existierte überhaupt nie. Die junge lesbische Frau aus Damaskus war in Wahrheit ein US-Amerikaner mittleren Alters, der in Schottland lebt. Die ganze Geschichte von der „mutigen Internetaktivistin“, die „verschleppt“ worden sei, war frei erfunden. Sämtliche großen Medien berichteten über die Irreführung. Löning, der dieser Ente aufgesessen ist, hielt es offensichtlich bis heute nicht für notwendig, sich zu korrigieren oder sich gar zu entschuldigen. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes erklärte lediglich, daß man von einer Nichtregierungsorganisation auf den Fall Abdallah aufmerksam gemacht worden sei und sofort reagiert habe, da solche Vorfälle ja „nicht untypisch“ für Syrien seien.

Und auch aus den „Flüchtlingslagern“ wird allerhand Merkwürdiges berichtet. Offiziellen Angaben zufolge nahm die Türkei 10.000 syrische Flüchtlinge im grenznahen Gebiet bei sich auf – und wurde von Brüssel dafür gelobt. Die „humanitäre Geste“ sei vorbildhaft, sagten auch deutsche Politiker in Richtung Ankara. Doch mittlerweile sind viele syrische Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückgekehrt und stellen plötzlich ein ganz anderes Bild der Situation dar. Sie behaupten, sie hätten eigentlich gar nicht vorgehabt, ihre Dörfer in Richtung Türkei zu verlassen – bis „bewaffnete Männer“ gekommen seien und sie „ zu ihrem Schutz“ dazu aufgefordert hätten. Die Frauen berichten von Vergewaltigungen durch Regimegegner und auch durch türkische Soldaten in den Lagern. Man habe versucht, die Flüchtlinge an der Rückkehr nach Syrien zu hindern – die Vergewaltigungen seien mit Kameras aufgenommen worden, um die Frauen zu erpressen: „Wenn du gehst, erfahren alle in deinem Dorf, daß du eine Prostituierte bist“, habe man gedroht. Im westlichen Fernsehen wird das nicht gezeigt. Und auch Markus Löning hat bislang nicht protestiert.

Fake-Eldorado im Libanon

In einem Flüchtlingslager im Nordosten des Libanon geht es wiederum etwas entspannter zu. Zwei Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), die eine Reportage über syrische Flüchtlinge schreiben wollten, trauten ihren Augen nicht. Denn dort kann man die guten Stories einfach „kaufen“. Syrer bieten dort Geschichten an und frisieren diese je nach Bedarf des Mediums. Vom angeschossenen Demonstranten bis zum desertierten Soldaten ist alles im Angebot. Die Journalisten der FAZ gehen nicht darauf ein, sondern berichten statt dessen über das Fake-Eldorado an der libanesisch-syrischen Grenze, wo mehr oder weniger schauspielbegabte Syrer für westliche Kameras gerne die „demokratische Opposition“ mimen. Aber andererseits drängt sich die Frage auf: Wieviele Berichte von angeblichen Augenzeugen, von desertierten Soldaten, von Folteropfern und Häftlingen sind so entstanden?

Die syrische Regierung sieht das Land derzeit in einem Abwehrkampf gegen ein ausländisches Bündnis unter Führung Washingtons, um in Damaskus einen „Regime Change“ herbeizuführen. Seit Jahren werden oppositionelle Gruppen in Syrien von den USA großzügig gesponsert. Das ist kein Geheimnis. So ist den Daten der Enthüllungsplattform Wikileaks zu entnehmen, daß das US-State Department seit 2006 jährlich mindestens sechs Millionen Dollar an syrische Oppositionsgruppen bezahlte. Seit spätestens Juni werden die Daumenschrauben noch mehr angezogen. US-Außenministerin Hillary Clinton sprach bereits von „Krieg“ – und nahm den türkischen NATO-Partner in die Pflicht. Die Gefahr eines Krieges steige, „wenn die syrischen Truppen nicht sofort ihre Angriffe und Provokationen einstellen“, erklärte Clinton Ende Juni. Und auch in der Bundesrepublik Deutschland mehren sich die Stimmen, die offen einen Krieg gegen Damaskus befürworten. Ausgerechnet die linksliberale „Zeit“ setzte sich an die mediale Spitze der Kriegsbefürworter. Der Westen solle „nicht darauf verzichten, Assad mit einer militärischen Option drohen zu können“, schreibt dort der Journalist Frank Jansen. Bereits seit dem Libyen-Konflikt trommelt man bei der Zeit für militärische Abenteuer der Bundeswehr im arabischen Raum. Die „Erfolge“ der Amerikaner und Franzosen im Kampf gegen Gaddafi beflügeln jetzt die Schreibtisch-Strategen der Hamburger Wochenzeitung. Gegen Damaskus wollen auch sie dabeisein – und zwar als Propagandisten in ihren Redaktionsstuben.

Ein Zusammenbruch Syriens würde gut in die geopolitischen Konzepte Washingtons passen. Dem Iran ginge ein wichtiger Bündnispartner verloren, was vor allem für die USA und Saudi-Arabien von Bedeutung ist. Und die Türkei würde wohl die Gelegenheit nutzen, ihren politischen Einfluß im Rahmen der neo-osmanischen Träume im arabischen Raum massiv auszubauen.

Doch für die Syrer dürfte dies ein wahres Horrorszenario werden. Denn schnell würde sich herausstellen, wer tatsächlich hinter den „demokratischen Kräften“ steckt. Von saudi-arabischen Fernsehsendern aus predigen radikal-islamische Geistliche bereits, daß der „Tag der Rache“ dann komme und kündigen ein wahres Schlachtfest an. Die immerhin sieben Prozent Christen des Landes, die als besonders treue Assad-Unterstützer gelten, dürften dann Geschichte sein. Und auch den Alewiten, denen die Assad-Familie angehört, wird es an den Kragen gehen. „Alewiten ins Grab, Christen nach Beirut“, lautet einer der Sprechchöre bei Demonstrationen gegen die Regierung in Syrien. Die Parallelen zum Irak sind nicht zu übersehen: Mit der „Befreiung“ durch die Amerikaner im Jahr 2003 begann dort eine massive Christenverfolgung durch radikal-islamische Milizen. Kirchen brannten, Priester wurden ermordet, Bomben explodierten an hohen christlichen Feiertagen. Die Folge war ein bis heute anhaltender Exodus irakischer Christen. Auch Deutschland erklärte sich bereit, irakische Christen aufzunehmen – ohne die Ursache ihrer Flucht zu analysieren.

Heute Umsturz, morgen Flüchtlinge

Es steht zu befürchten: Deutsche Menschenrechtspolitiker wie Markus Löning, die sich heute zu den Propagandisten eines Umsturzes in Damaskus machen lassen, werden sich morgen dafür einsetzen, daß große Kontingente von Flüchtlingen aus Syrien in der Bundesrepublik Deutschland untergebracht werden. Politische Weitsicht ist etwas anderes.

MANUEL OCHSENREITER

* * * * * * *

Und hier noch ein Interview aus derselben Ausgabe der „Deutschen Militärzeitung“:

„Schmutziges Spiel“

Syrien: Khaled al-Kassamani im DMZ-Gespräch

Khaled al-Kassamani, geboren 1970 in Beirut, ist der Pressesprecher der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (SSNP) im Libanon. In Syrien wurde die SSNP in den frühen 1950ern eine politische Kraft, sie wurde aber bis 1955 völlig unterdrückt und erst 2005 legalisiert, als sie in die von der syrischen Baath-Partei geführte Nationale Fortschrittsfront eintrat. Mit zirka 90.000 Mitgliedern ist sie die größte legale Partei Syriens, abgesehen von der regierenden Baath-Partei.

DMZ: Herr al-Kassamani, in den etablierten Medien Europas lesen wir, daß in Syrien derzeit ein Volksaufstand gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad stattfindet und daß das syrische Militär mit äußerster Brutalität gegen die Bevölkerung vorgeht…

Al-Kassamani: Das ist das, was die westlichen Medien tagtäglich schreiben. Interessanterweise waren die Schreiber nie in Syrien, woher sollen sie also wissen, was dort vor sich geht? Ich habe jedenfalls bislang weder einen „Volksaufstand“ noch ein „brutales Vorgehen des Militärs gegen die Bevölkerung“ sehen können. Seit Präsident Baschar al-Assad das Amt nach dem Tod seines Vaters übernommen hat, reformiert er das Land Stück für Stück. Doch das wird im Westen geflissentlich ignoriert.

DMZ: Es heißt aber immer, Präsident al-Assad baue seine diktatorische Herrschaft immer weiter aus…

Al-Kassamani: Das ist schlichtweg falsch. In Syrien finden seit Jahren Konferenzen statt, bei denen sich Oppositionelle treffen und diskutieren. Allerdings: Sie wollen den Staat reformieren und nicht beseitigen, daher finden diese Treffen ohne westliche politische Einflußnahme statt. Und sie werden von der Regierung nicht behelligt. Vielleicht berichtet man im Westen deshalb nicht darüber?

DMZ: Doch woher kommen dann die Berichte über die ausufernde Gewalt in Syrien?

Al-Kassamani: Es gibt ein Aufflackern von Gewalt in Syrien. Aber das hat wiederum nichts mit den demokratischen Prozessen dort zu tun. Der Westen sieht nach den Protesten in Nordafrika auch in Syrien die Chance, einen „Regime Change“ herbeizuführen. Doch hier ist die Situation eine gänzlich andere als beispielsweise in Ägypten. Die syrische Bevölkerung steht mehrheitlich hinter der Regierung und unterstützt ihren Präsidenten. Syrien ist gleichzeitig Verbündeter Rußlands und hat im Unterschied zu Jordanien und Ägypten mit Israel nach wie vor keinen Frieden geschlossen. In den Augen Washingtons und Tel Avivs ist Damaskus also ein Störfaktor. Wir wissen, daß in den letzten Wochen viele Waffen an sogenannte Regimegegner geliefert wurden, es kam zudem zu Gefechten zwischen Armee- bzw. Polizeikräften und Terroristen. Doch davon liest man in den westlichen Medien nichts. Stattdessen heißt es immer wieder, die Regierung bekämpfe brutal einen Volksaufstand. Die Gewalt, die von außen nach Syrien importiert wird, nutzt der Westen für seine Ziele. Und die westlichen Medien spielen dieses Spiel mit. Es ist ein schmutziges Spiel mit Blut und dem Leben der Menschen hier in Syrien.

DMZ: Eine der Hauptinformationsquellen über die Situation ist doch der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira, der in Katar seinen Sitz hat. Das ist kein westlicher Sender…

Al-Kassamani: Gerade Al-Dschasira gehört dennoch zu jenen Sendern, die ein Bild von Syrien in der Welt verbreiten, das schlicht und einfach falsch ist. Fatal ist, daß sich wiederum viele westliche Politiker und Journalisten auf die vermeintliche Seriosität von Al-Dschasira verlassen. Dabei weiß vor allem hier im Nahen Osten jeder, wofür dieser Sender steht: Er hat sein Hauptquartier in Katar, einem absolutistisch-islamischen Emirat. Al-Dschasira ist eine Desinformationswaffe, mit deren Hilfe Staaten wie das säkulare, fortschrittliche Syrien diskreditiert werden sollen. Dabei ist diese Senderpolitik geradezu grotesk: Einerseits wird Syrien wegen angeblicher Demokratiedefizite in die Mangel genommen, andererseits verschont der gleiche Sender die rückwärtsgewandten islamischen Emirate und Saudi-Arabien, die weder Gewaltenteilung noch politische Meinungsvielfalt kennen, von jeglicher Kritik. Al-Dschasira sitzt in einem Staat, in dem die absolute Macht nur vom Vater zum Sohn übergeht. Gleichzeitig kritisieren die Kommentatoren die Situation in wesentlich fortschrittlicheren Staaten wie Syrien als „zu wenig demokratisch“. Wie paßt denn das zusammen?

DMZ: Das würde ja bedeuten, daß der Westen und die „rückwärtsgewandten islamischen“ Staaten im Falle Syriens die gleiche Agenda verfolgen. Wie paßt das denn zusammen?

Al-Kassamani: Das paßt nicht nur im Falle Syriens. Jeder weiß doch, daß Gruppen wie beispielsweise „Al-Kaida“ heute gar nicht existieren würden, hätten die Amerikaner, Pakistanis und auch Saudis in den 1980er Jahren nicht massiv islamistische Dschihadisten in Afghanistan unterstützt. Eben gerade durch diese unselige Kooperation sind viele radikal-islamistische Gruppen erst stark geworden. Und genau das erleben wir jetzt gerade mit der internationalen Kampagne gegen Syrien. Der Westen arbeitet wieder Hand in Hand mit radikalen Islamisten, und Syrien leidet unter der Gewalt des aufflackernden Terrorismus.

DMZ: Woher kommen die „Terroristen“?

Al-Kassamani: Die meisten der Kämpfer kommen aus dem Ausland nach Syrien „hereingesickert“. Wir wissen, daß darunter viele radikale Islamisten von der arabischen Halbinsel sind, einige sehr Kampferfahrene kommen aber auch aus Afghanistan und Pakistan. Unterstützung bekommen sie auch aus der Türkei und von einigen radikal-islamischen Gruppen im Libanon. Immer wieder ist es in den letzten Wochen den syrischen Behörden gelungen, illegale Waffentransporte für die radikalen Anti-Regierungs-Milizen zu stoppen.

DMZ: Was würde in Syrien geschehen, wenn Präsident al-Assad tatsächlich den Aufständischen weichen muß?

Al-Kassamani: Wie die Mehrheit der Syrer hoffe auch ich, daß das nicht geschehen wird. Denn Syrien würde im eigenen Blut untergehen. Sollten jene an die Macht gelangen, die jetzt mit ausländischer Hilfe mit Waffengewalt gegen die Regierung kämpfen, dann werden wir eine „Säuberung“ erleben. Alle, die als Unterstützer der Regierung von Baschar al-Assad gelten, würden gnadenlos verfolgt und getötet werden. Vor allem die Alewiten und die Christen würde das hart treffen. Denken Sie nur an den Irak. Nach der „Befreiung“ durch den Westen mußten die Christen plötzlich das Land verlassen, weil sie dort nicht mehr sicher waren. Auch dort haben die radikalen Islamisten Rückendeckung durch den Westen. Doch auch global könnte ein Fall Syriens gefährliche Auswirkungen haben.

DMZ: Was meinen Sie damit?

Al-Kassamani: Die Terroristen nehmen zwar gerne das westliche Geld, Waffen und logistische Unterstützung, bleiben aber radikale Islamisten. Sie werden die Gewalt weitertragen. Man muß doch nur schauen, was nach dem Abzug der Sowjets in Afghanistan geschah. Die radikalislamischen Kräfte, die vom Westen massiv unterstützt worden waren, kämpften danach an anderen Orten weiter. Sogar in Europa. Während des Bosnienkrieges in den 1990er Jahren waren Dschihadisten auf bosnisch-muslimischer Seite im Einsatz. Das könnte auch nach einem Fall Syriens geschehen. Gut ausgebildete und bewaffnete Terroristen könnten Europa ins Visier nehmen. Auch Deutschlands innere Sicherheit wird dadurch berührt. Das sollte man nicht vergessen.

DMZ: Welche Auswirkungen hätte ein Regimewechsel in Damaskus auf die Nachbarstaaten des Landes?

Al-Kassamani: Alles, was in Damaskus geschieht, hat mehr oder weniger Auswirkungen auf Syriens Nachbarstaaten, vor allem aber auf den Libanon. Verschiebt sich die Macht in Richtung radikal-sunnitischer Kräfte in Damaskus, könnten sich auch die radikalen Sunniten im Libanon gestärkt fühlen. Dies wiederum könnte zu einem neuen Bürgerkrieg im Libanon führen. Verschärfend kommt hinzu, daß viele Christen aus Syrien in die christlichen Gebiete im Libanon flüchten könnten – und damit für neuen Konfliktstoff sorgen. Der Libanon hat bereits einen 15jährigen brutalen Bürgerkrieg hinter sich.

DMZ: Aber auch die Arabische Liga, in der alle arabischen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens organisiert sind, setzt Damaskus unter Druck. Syriens Mitgliedschaft wurde „ausgesetzt“…

Al-Kassamani: Schauen Sie doch einfach mal, wer die wirtschaftlich stärksten Staaten in der Arabischen Liga sind: Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Kuwait. All diese Staaten sind enge Verbündete der USA. Und sie sind allesamt absolutistische Emirate. Für sie stellt Syrien als moderner Staat, in dem Frauen kein Kopftuch tragen müssen und andere Religionen außer dem sunnitischen Islam erlaubt sind, einen Störfaktor dar. Sie blicken nach Syrien durch die Brille Washingtons.

DMZ: Aber auch die Türkei rückte von Syrien ab, obwohl sich die Beziehungen zwischen Ankara und Damaskus zunächst intensivierten. Nun ließ der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sogar einmal Panzer an der türkisch-syrischen Grenze auffahren und beherbergt in Istanbul einen syrischen „Nationalen Übergangsrat“ nach libyschem Vorbild.

Al-Kassamani: Die türkische Politik ist kaum überraschend. Ankara bekommt nach wie vor seine Direktiven von der NATO und den Amerikanern. Die Türken machen, was die Amerikaner ihnen sagen.

DMZ: Aber die Amerikaner werden den Türken kaum gesagt haben, daß diese Israel – ebenfalls ein enger Verbündeter der USA – so scharf verbal attackieren sollen…

Al-Kassamani: Die Türkei folgt hier ihrer anderen Agenda, dem alten osmanischen Traum. Das Tor in das Herz der arabischen Welt liegt in Palästina. Ankara glaubt, daß man mit solchen verbalen Attacken gegen Israel die Herzen der Araber gewinnen kann, um wieder Einfluß im Nahen Osten zu gewinnen. In gewisser Weise geht es um eine Erneuerung des Osmanischen Reiches.

DMZ: Unterstützen die Araber diese türkische Politik?

Al-Kassamani: Nein, die meisten Araber durchschauen dieses Spiel. Die Erinnerungen an die 400jährige Herrschaft der Türken über die Araber sind noch wach. Und glauben Sie mir: Dorthin will niemand zurück. Die Türken herrschten mit brutalen Mitteln, die arabischen Patrioten und Freiheitskämpfer jener Jahre wurden von den osmanischen Machthabern gefoltert und getötet. Zudem leben viele Armenier mit uns zusammen, deren Vorfahren der türkischen Verfolgung nur knapp entkommen konnten. Wir wissen also, daß man den türkischen Angeboten nicht trauen kann und darf.

DMZ: Herr al-Kassamani, vielen Dank für das Gespräch.

* * * * * * *

Siehe auch:

White Man’s Burden des Haaretz-Journalisten Ari Shavit, der darin mehrere jüdisch-amerikanische Neocons zu deren Umgestaltungsplänen für den Nahen Osten interviewt
Twitterer der Welt, vereinigt euch!, Teil 1, Teil 2, Teil 3
und Teil 4, worin Kerry Bolton die globalistischen Hintergründe des „Arabischen Frühlings“ beleuchtet
Warum der Westen in Libyen intervenierte: War dies eine Überraschung?
von John Graham

Die Gaswolke der westlichen Intervention von Colin Liddell

Die Irakkrise von Greg Johnson

ISIS von Osimandia

IS sagt Juden den Kampf an von Raniah Salloum (worin offen zugegeben wird, daß es die Bewegung „Islamischer Staat“ im Jahr 2012 noch gar nicht gab)

UNO enthüllt Israels Unterstützung für ISIS von Enza Ferreri
Die neo-osmanische Türkei: eine feindliche islamische Macht
von Srdja Trifkovic
Warum Araber Kriege verlieren
von Norvell B. DeAtkine; in diesem Zusammenhang ist dieser Artikel vor allem hinsichtlich der darin geschilderten kniffligen Machtbalancespiele interessant, zu denen arabische Herrscher sich gegenüber den vielen religiösen, ethischen und Clan-Gruppen in ihrem Land gezwungen sehen

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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3 Kommentare

  1. Was an diesem an sich interessanten und aufschlußreichen Doppelbeitrag leider auffällt, ist die völlige Ausklammerung Israels (außer als „Opfer“ türkischer Verbalattacken) und jüdischer Neocons im Westen als Faktoren bei der Kriegstreiberei in Syrien. Dieses Defizit ist für koscher-deutschnationale Publikationen wie die DMZ typisch und einer der Gründe, warum ich diese Zeitschrift nach einer Weile nicht mehr gekauft und noch später meine gesamte Sammlung (mit Ausnahme von ein paar Heften) weggeworfen habe.

    Antworten
    • bertinia

       /  April 12, 2019

      Hallo lieber Lucifex,

      Deine klare Linie in Ehren, aber denkst du nicht, da gehst du vielleicht etwas zu streng mit der DMZ ins Gericht, weil ja das offene Anssprechen der Probleme wohl das Ende dieser Zeitung bedeutete?

      Antworten
    • Sicher kann man von einer offen und unter Klarnamen der Redakteure in der BRD verkauften Zeitschrift nicht verlangen, daß sie das Judenthema kritisch anspricht, so wie wir das hier im Schutz der Anonymität tun können, oder amerikanische Webseiten (z. B. Counter-Currents) im Schutz des First Amendment. Da hast Du schon recht, daß sie sich das gar nicht leisten könnten, weil sie dann Schwierigkeiten bekämen oder überhaupt dichtgemacht würden.

      Aber das ist eben die wohl unvermeidliche Problematik bei Publikationen wie der DMZ, daß dadurch ein schiefes Bild vermittelt wird: über die Gegner Deutschlands im Zweiten Weltkrieg darf sehr wohl negativ eingefärbt geschrieben werden, und es dürfen diesen Ländern (z. B. Frankreich oder Großbritannien) dauerhafte deutschfeindliche Ziele unterstellt werden – aber der jüdische Einfluß auf all diese Länder bleibt ausgeblendet. Somit wirkt diese selektive Darstellung ablenkend vom Judenproblem und lenkt den Zorn national gesinnter Deutscher auf die ehemaligen Kriegsgegner, so wie ein Stier immer nur auf das Cape des Toreros losgeht statt auf den Torero selbst; und es werden Grundlagen für Feindschaft gegen andere weiße Völker geschaffen, die eine Einigkeit gegen nichtweiße Widersacher aller Art behindert und bei Bedarf wieder genutzt werden kann, um zu neuem innerweißen Brudermord anzustiften.

      Ich habe den Verdacht, daß solche Publikationen genau deswegen geduldet werden (oder vielleicht sogar geschaffen wurden) und in dieser koscheren Weise deutschnational sein dürfen.

      P.S.: Und natürlich kamen in der DMZ auch immer wieder jüdische „Experten“ wie Uri Milstein und Martin van Creveld zu Wort.

      Antworten

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