Tod im Atlantik: Die deutschen Auswanderer der „Love and Unity“

Von Christina Krätzig, erschienen im GEO-Juniheft 2013.

Einem Geisterschiff gleich schlingert die „Love and Unity“ („Liebe und Einheit“) durch die Dunkelheit. Kein Steuermann hält sie vor dem Wind. Die Segel schlackern, Böen und Wellen treiben hier, weit draußen auf dem Atlantik, mit dem Zweimaster ihr Spiel. Kein Kapitän blickt prüfend in den Sternenhimmel, menschenleer ist das mondbeschienene Deck in dieser Novembernacht den Jahres 1731.

Im Frachtraum aber drängen sich hundert Elendsgestalten aneinander. Emigranten aus der Pfalz, aus Baden und Württemberg, die meisten nehmen schon nicht mehr wahr, dass ihr Schiff keine Fahrt macht. Sie spüren nur noch den Schmerz in ihren Bäuchen, den nahenden Hungertod.

Die „Love and Unity“ ist ein Schiff der Verdammnis, ein Fliegender Holländer auf einer Reise, die kein Ende nehmen will. Länger als ein Vierteljahr ist sie ihren Passagieren ein Gefängnis auf See. Dabei hat die Fahrt nur vier bis sechs Wochen dauern sollen, so hatte es der Kapitän versprochen.

Im August ist die „Love and Unity“ in einen Sturm geraten, im September hat der Kapitän den Reisenden die Rationen gekürzt, im Oktober sind die ersten Passagiere verhungert. Und kein Ende dieser Fahrt der Verzweiflung ist in Sicht.

Zu den Armseligen, die da unter Deck vegetieren, gehören auch Frauen und Kinder, der elfjährige Georg Jungmann unter ihnen. Sein Vater ist Bürgermeister in Hockenheim am Oberrhein gewesen, bevor er mit seiner Familie an Bord dieses Seelenverkäufers gegangen ist. Nicht Not hat die Jungmanns ins Ungewisse getrieben, es sind diese Briefe gewesen: Von einem endlosen und menschenleeren Land war darin die Rede, gesegnet mit fruchtbaren Böden und mildem Klima. Und jeder Siedler könne mehr als genug davon bekommen.

Überstürzt hat der Bürgermeister Hab und Gut verkauft, um aufzubrechen. Er ahnt nicht, dass viele dieser Briefe, die in seiner Heimat von Hand zu Hand gehen, Fälschungen sind. Geschrieben von skrupellosen Händlern, die mit jedem Auswanderer mehr verdienen. Jetzt sind Georgs Stiefmutter und zwei seiner Geschwister tot, er selbst und sein zweijähriger Bruder liegen im Sterben.

Die Passagiere erhalten kaum noch Wasser vom Kapitän und so gut wie nichts mehr zu essen. Ein Napf Grütze pro Tag muss reichen für eine fünfköpfige Familie.

Und die Jungmanns haben kein Geld, um zusätzlich etwas Essbares zu kaufen. Oder das, was an Bord der „Love and Unity“ nun als Nahrung gilt: Mäuse zu sechs Pence, Ratten für anderthalb Schilling – anderthalb Tageslöhne eines Zimmermanns.

Jede Nacht sterben Menschen. Abends flehen sie ihre Mitreisenden um Nahrung an, morgens werden ihre von den Ratten angefressenen Leichen nackt über Bord geworfen. Nicht einmal einen Sandsack bekommen sie, der ihre Körper hinab in die Fluten zöge. Eltern müssen ihre Söhne und Töchter, Kinder ihre Mütter und Väter davontreiben sehen.

Kapitän Jacob Lobb behauptet, er sei gezwungen, die Rationen so stark zu kürzen, weil sein Schiff aufgrund widriger Winde zu wenig Fahrt mache; sonst sei am Ende gar nichts mehr übrig.

Und das Wort des Kapitäns ist an Bord Gesetz, seine Macht nahezu uneingeschränkt. Der Brite gehört einer Seefahrernation an, auf deren Schiffen eiserne Disziplin und blinder Gehorsam herrschen – auch für zahlende Passagiere. Doch nicht alle Passagiere glauben den Worten Jacob Lobbs.

Zu den größten Zweiflern zählt der 30-jährige Samuel Schwechheimer aus Altlußheim bei Speyer. Er entstammt einer angesehenen Familie; Landbesitzer, Gastwirte, Bürgermeister – die Stimme eines Schwechheimers hatte stets Gewicht in der Heimat. Und auch an Bord ist Samuel bald Sprecher der Schicksalsgemeinschaft.

Er ist noch einigermaßen bei Kräften und will das Verhalten von Kapitän und Mannschaft nicht hinnehmen. Die Passagiere werden getreten, geschlagen, verhöhnt. Gerade hat die Mannschaft einen jungen Mann blutig geprügelt, weil er um Nahrung für seine Mutter bat. Einem anderen hat sie das Notizbuch entrissen, als wollte sie jedes Zeugnis über die Zustände an Bord vernichten.

Entgegenkommende Schiffe lässt der Kapitän passieren, ohne Verpflegung nachzukaufen. Er und seine Männer zeigen auch keinerlei Mangelerscheinungen. Die Crew hat genug zu essen. Und zu trinken: Ständig sind die Seeleute berauscht. Sie haben sogar die privaten Weinvorräte der Passagiere geplündert, sechs Fässer, die für den Weiterverkauf bestimmt gewesen sind.

In Schwechheimer keimt ein Verdacht: Verzögert der Kapitän die Reise absichtlich? Bereits nach zwei Wochen auf See hat er schließlich verkündet, die Überfahrt nach Amerika sein zur Hälfte geschafft. Und jetzt ist noch immer kein Land in Sicht.

Schwechheimer lauscht in die Nacht. Er hört das Knarren der Planken und das Wimmern der Kinder, und er hört die Segel flattern. Er spürt, wie sich die „Love and Unity“ in unregelmäßigem Rhythmus aufrichtet und wieder neigt. Doch macht sie auch Fahrt?

Gemeinsam mit einigen Mitreisenden schleicht sich Schwechheimer an Deck. Das ist Passagieren nachts streng verboten: auf Flüche und Schläge sind die Widerspenstigen gefasst. Doch alles bleibt still. Der Vollmond beleuchtet ein menschenleeres Deck. Schwechheimer ist sich nun sicher; er notiert: „Der Kapitän, dieser verruchte Seelenmörder, will uns alle verhungern lassen, um in den Besitz unserer Güter zu kommen.“

*     *     *

Am 27. November 1731: Land in Sicht! Endlich, endlich! Im trüben Winterlicht können die Passagiere eine flache Küstenlinie hinter weißen Stränden ausmachen. Amerika. Irgendwie bringen sie den Kapitän dazu, einen Hafen anzusteuern, obwohl Lobb sie mit einer Pistole bedroht. Was genau sich an diesem Tag an Bord der „Love and Unity“ ereignet, bleibt im Dunkeln. Samuel Schwechheimer und seine Gefährten schweigen dazu, Lobb wird später von einem Putschversuch schwadronieren.

Jedenfalls kommen jetzt Küstenbewohner mit Lebensmitteln zum Schiff. Die Passagiere glauben sich gerettet. Doch der Kapitän verbreitet die Legende, bei den Gespenstergestalten an Bord handele es sich um Ungläubige, um Wilde, nicht jedenfalls um Christenmenschen, mit denen man Mitleid haben müsse. So unterbindet er den Kontakt zwischen den Einheimischen und seinen Passagieren, von denen keiner ein Wort Englisch spricht, keiner um Hilfe zu rufen wagt, um über die Zustände an Bord zu berichten.

*     *     *

Einen solchen Alptraum hat sich keiner der Passagiere vor Beginn der Reise ausmalen können. Die Männer, Frauen und Kinder an Bord sind frühe Pioniere; die Zeit der transatlantischen Massenauswanderung wird in deutschen Landen erst ein Jahrhundert später beginnen. Und so gibt es auch kaum zuverlässige Erfahrungsberichte für jene, die ans Fortgehen denken.

Werbeschriften aber zirkulieren, wie etwa das 1706 verfasste „Goldene Buch der Auswanderung“. Darin schreibt ein deutscher Vikar, der selbst nie in Nordamerika gewesen ist: „Geht nach Carolina, und all eure Mühen und Sorgen werden euch genommen.“ Die englische Königin bezahle die Überfahrt und schenke jedem Siedler ein Stück Land, so dringend würden Kolonisten gesucht. Und niemand müsse sich dort mehr der Willkür eines Fürsten beugen.

Nach dem Hungerwinter 1708 folgen mehr als 13.000 Menschen diesem Heilsversprechen und stürmen London – in der Hoffnung, die britische Krone werde für ihre Weiterreise sorgen. Doch die überraschten Briten schicken jeden Zweiten zurück. Ein Viertel wird nach Irland verfrachtet, ein weiteres Viertel nur gelangt nach Amerika.

Doch Freiheit?

Im Hudson-Tal müssen die „Palatines“ unter harten Bedingungen Baumharz für die Teer- und Pechproduktion gewinnen, um die Überfahrt abzuarbeiten. Palatines –  das ist ab diesem Zeitpunkt ein Synonym für alle deutschsprachigen Auswanderer, weil die meisten in dieser ersten Welle aus der Pfalz stammen. Ein Brite namens William Penn hat hier (wie auch anderswo in Europa) für sein Projekt die Werbetrommel gerührt: für eine Kolonie namens Pennsylvania, drüben in Amerika.

Samuel Schwechheimer entschließt sich 20 Jahre nach den Ereignissen um 1708, seiner Heimat den Rücken zu kehren. Schwere Not lastet auf den Menschen an Neckar und Rhein. Die Winter gehören zu den kältesten des Jahrtausends, die Sommer sind oft verregnet, Missernten und Hungersnöte machen Leben und Überleben schwer.

Zudem kommt die Region am Oberrhein politisch nicht zur Ruhe. Sie besteht aus Kleinstaaten, deren Herrscher ständig gegeneinander oder gegen die benachbarten Franzosen Krieg führen. Kurfürsten und Herzöge pressen die Bauern in ihre Armeen, sodass die Felder nicht mehr bestellt werden. Soldaten plündern Vorräte, stehlen Vieh, verwüsten Felder.

Auch Schwechheimers Familie leidet. Drei seiner vier Kinder aus erster Ehe sterben, schließlich auch seine Frau.

1729 heiratet er ein zweites Mal, seine Frau Katharina wird schwanger, das Kind kommt mitten in den Reisevorbereitungen zur Welt, im bitterkalten Januar 1731; es stirbt, wenige Tage bevor die Familie aufbricht. In gedrückter Stimmung verlassen sie das Dorf: Samuel, Katharina und der achtjährige Konrad, Samuels Sohn aus erster Ehe; außerdem Samuels Onkel Georg, dessen Frau und zwei erwachsene Söhne.

*     *     *

Das Auswandererfieber hat die gesamte Region ergriffen. Im Nachbarort Hockenheim packt jetzt Bürgermeister Jungmann seine Sachen, der auf die gefälschten Briefe aus Amerika hereingefallen ist. Wie so viele andere.

Für alle beginnt die Reise nach Amerika auf einem Binnenschiff, neckar- und rheinabwärts nach Rotterdam. Allein für die 500 Flusskilometer benötigen die Reisenden sechs Wochen. Grund sind die Zollstationen an den vielen Grenzen jener Zeit: 36 Mal muss das Schiff anlegen, wird es kontrolliert.

Ende Mai erreichen die Emigranten Rotterdam, mit 50.000 Einwohnern bereits eine Großstadt und wichtigster Einschiffungshafen für die Palatines. Ein ganzer Wirtschaftszweig rankt sich hier um das Geschäft mit der Hoffnung auf Amerika: Im Auftrag britischer Reeder schicken holländische Makler ihre Agenten in süddeutsche Städte. Dort beschäftigen diese ein Heer von Werbern. „Abgedankte Soldaten, bankrotte Rentmeister und Offiziere und allerlei andere nichtsnutzige Gesellen“, wie ein Zeitgenosse schimpft.

Die Werber erhalten für jeden Kunden, den sie heranschleppen, ein Kopfgeld. Sie bestechen die Wächter an den Stadttoren, um Informationen über durchreisende Bauern, arbeitslose Bergleute oder wandernde Handwerksgesellen zu bekommen. Sogar Bettlern machen sie die Auswanderung schmackhaft. Denn der sogenannte Deutschenhandel öffnet selbst den Armen ein Tor ins vermeintliche Paradies. Nur: Wer nichts hat, reist auf Kredit – und wird nach der Ankunft, noch an Bord des Schiffes, in die Zwangsarbeit verkauft.

*     *     *

„Häufiger geschieht es, dass die Kaufleute in Holland mit ihrem Kapitän und den Werbern eine geheime Absprache treffen, sodass sie die Schiffe nicht nach Pennsylvanien fahren, wo die Leute hinwollen, sondern dahin, wo sie gedenken, die Menschen besser zu verkaufen.“ So steht es in einem Bericht, geschrieben zwei Jahrzehnte nach Schwechheimers Amerikafahrt.

Voller Zuversicht beginnt er seine Reise an der Seite von 150 anderen, die voller Hoffnung sind. Im Hafen von Rotterdam stehen die Emigranten zum ersten Mal vor der „Love and Unity“: einem umgebauten Frachtschiff, etwa 30 Meter lang. Kapitän Lobb verlangt sechs Goldstücke pro Person für die Überfahrt, zwei zahlbar im Voraus, vier einen Monat nach Ankunft. Eine Summe, für die ein Zimmermann ein halbes Jahr arbeiten muss.

Mit einem Dolmetscher handelt Schwechheimer im Namen der ganzen Gruppe einen Vertrag mit dem Kapitän aus. Gewissenhaft regelt er darin die Reisebedingungen: von der Größe der Schlafplätze (45 mal 180 Zentimeter) über die Zahl der Toiletten (zwei) bis hin zu einem Speiseplan. Dreimal wöchentlich soll es laut Vertrag Fleisch geben, täglich Brot, Wasser und Bier. Schwechheimer lässt auch eine Klausel einfügen, der zufolge niemand für die Schulden von Mitreisenden haftbar gemacht werden kann. Offenbar hat er immerhin von solchen verbrecherischen Praktiken gehört, die auf manchen Auswandererschiffen herrschen.

Und schon im Hafen von Rotterdam kommen den Reisenden Gerüchte über ihren Kapitän zu Ohren: Lobb soll ein „notorischer Bösewicht“ sein, der Passagiere in die Zwangsarbeit verkaufe. Einigen von Schwechheimers Gefährten wird die Sache unheimlich, doch es ist zu spät. Der geschlossene Vertrag ist für beide Seiten bindend. Und schließlich lassen sich die Skeptiker beruhigen. Ein angesehener Rotterdamer Bürger gibt für den Kapitän eine Ehrenerklärung ab. Am 24. Juni 1731 sticht die „Love and Unity“ in See.

Philadelphia, die Hauptstadt Pennsylvanias, ist ihr Ziel. Die Kolonie ist rund 50 Jahr zuvor von ebenjenem William Penn gegründet worden, der Ende des 17. Jahrhunderts durch halb Europa gereist ist, um Siedler zu gewinnen. Auf dem Tourneeplan des britischen Kolonisators hat auch Schwechheimers Heimat gestanden; in Heidelberg, Mannheim, Worms hat Penn die freiheitliche Gesellschaft gepriesen, die er in Amerika errichten wolle. Sein Werben hat Philadelphia zum beliebtesten Ziel der Palatines gemacht, wo auch einige der Passagiere der „Love and Unity“ zur Zeit ihrer Reise schon Verwandte haben.

*     *     *

Leinen los! Es wird den Passagieren schnell klar, welche Härten sie auf einem Auswandererschiff erwarten. In einem Zeitzeugenbericht wird das einmal so beschrieben: „An Bord entsteht ein jammervolles Elend, Gestank, Dampf, Grauen, Erbrechen, mancherlei Seekrankheiten, Fieber, Ruhr, Kopfweh, Hitze, Verstopfungen des Leibes, Geschwülste, Skorbut, Krebs, Mundfäule und dergleichen, welches alles von alten und sehr schar gesalzenen Speisen und Fleisch, auch von dem sehr schlimmen und wüsten Wasser herrührt, wodurch viele elendig verderben.“

Und weiter: „Dieser Jammer steiget alsdann aufs Höchste, wann man noch zwei bis drei Tage Sturm ausstehen muss, wobei das Schiff alle Augenblicke von einer Seite zur anderen schlägt, dass die so eng zusammengepackten Leute in den Bettstätten übereinandergeworfen werden, Kranke wie Gesunde.“

Nach zwei Wochen auf See gerät auch die „Love and Unity“ in einen Sturm. Wenig später beginnen Kapitän und Mannschaft, den Auswanderern die Rationen zu kürzen. Nach fünf Monaten in der Gewalt des Kapitäns sind von den 150 Passagieren nur noch 58 am Leben. In den sechs Tagen, die Lobb sie vor der amerikanischen Küste am Bord festhält, sterben weitere 15, darunter der zweijährige Johannes Jungmann, ein Bruder des Bürgermeistersohns Georg.

Georg aber überlebt und kriecht am 2. Dezember 1731 von Bord. Die Einheimischen, entsetzt über die in ihrem Hafen treibenden Leichen, haben den Schiffsführer gezwungen, die letzten Überlebenden von Bord zu lassen. „Drei oder vier Tage später“, schreibt Schwechheimer, „und wir wären allesamt tot gewesen.“

Die 43 Geretteten kommen in Privathäusern unter, wo man sie aufpäppelt. Die Auswanderer sind jedoch keineswegs in Philadelphia gelandet, sondern 400 Kilometer nordöstlich, auf der Insel Martha’s Vineyard, die vor der Küste von Massachusetts liegt. Hier gibt es keine deutsche Gemeinde, keiner der erschöpften Emigranten kennt hier eine Menschenseele.

Samuel Schwechheimers Familie ist vermutlich die einzige, die vollzählig überlebt. Aber ihr wie den anderen Geretteten droht nun der Kapitän, sie an Land in Ketten legen zu lassen, bis die gesamten Fahrtkosten bezahlt sind – auch die der Toten. Er zwingt die fünf Wortführer der Gruppe, einen neuen Vertrag zu unterschreiben. Reine Erpressung: Die Auswanderer sollen insgesamt noch einmal 248 Goldstücke zahlen, damit Lobb ihren Besitz herausgibt und sie von allen weiteren Verpflichtungen entbindet. Der Text ist auf Englisch verfasst; ohne ihn zu verstehen, unterzeichnen Schwechheimer und die anderen.

Einen zehnjährigen Jungen aus Walldorf verkauft Lobb in die Zwangsarbeit. Um für seine eigene Überfahrt und die seiner toten Eltern zu bezahlen, wird der Kleine elf Jahre schuften.

Dann lassen die Bewohner von Martha’s Vineyard endlich einen deutschsprachigen Dolmetscher und Rechtsbeistand aus dem 120 Kilometer entfernten Boston kommen. Und mit seiner Hilfe bringen die Auswanderer den Kapitän und seine Crew vor Gericht – damals ein unerhörter Schritt. Halb verhungert, der Sprache nicht mächtig, oft nicht einmal des Lesens und Schreibens kundig, verlangen diese zerlumpten Gestalten von einem britischen Gericht Beistand gegen einen britischen Kapitän!

*     *     *

Die Gerichtsakten im Fall „Palatines vs. Lobb“ dokumentieren minutiös, was die Pfälzer dem britischen Menschenhändler vorwarfen.

Das Verfahren beginnt im Januar 1732. Die öffentliche Meinung ist auf Seiten der Auswanderer. Zeitungen berichten über den Fall. Sie drucken Schwechheimers herzzerreißenden Brief an einen deutschen Geistlichen, in dem er die Ereignisse an Bord der „Love and Unity“ schildert. Auch das Gericht in Boston entscheidet zu ihren Gunsten. Es verurteilt Lobb zur Herausgabe des Besitzes seiner ehemaligen Passagiere.

Hundertfachem Mord angemessen ist das Urteil gewiss nicht. Doch die meisten Überlebenden beschließen, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Vielleicht, weil ihnen die Kraft für weitere Auseinandersetzungen fehlt. Am 12. April segeln 34 von ihnen weiter nach Philadelphia.

Samuel Schwechheimer aber will Gerechtigkeit. Gemeinsam mit den anderen Wortführern von der „Love and Unity“ kehrt er nach Martha’s Vineyard zurück. Dem Grüppchen geht das Bostoner Urteil nicht weit genug, und so strengen sie einen zweiten Prozess an. Diesmal verklagen sie den Kapitän wegen der „barbarischen und ungerechten Behandlung der Passagiere“ und wegen Mordes an zwei noch im Hafen verstorbenen Kindern.

Doch Lobb und seine Männer schwören, dass alle Anschuldigungen „bösartige Verleumdungen teuflisch denkender Personen“ seien. Die Einwanderer verlieren den Prozess.

Und es kommt noch schlimmer.

Nun reicht der Kapitän seinerseits Klage ein. Er fühlt sich diffamiert und drängt auf Einhaltung des Zusatzvertrags, dem zufolge die Passagiere ihm noch 248 Goldstücke schulden. Schwechheimer und die anderen Unterzeichner jenes Papiers, das ihnen der Kapitän auf Martha’s Vineyard untergeschoben hat, werden am 1. Mai 1732 verhaftet.

Monatelang sitzen sie im Gefängnis. Dann entscheidet das Gericht abermals zugunsten des Kapitäns. Und erst in der nächsten Instanz bekommen die Palatines endlich Recht: Am 12. September 1732 kommen alle fünf frei. Fast zwei Jahre nach ihrem Aufbruch können sie das neue Leben endlich beginnen.

Im gleichen Monat geht Kapitän Lobb an die Öffentlichkeit. In der Londoner Zeitung „The Gentleman’s Magazine“ behauptet er, während der Überfahrt nach Neuengland hätten die Passagiere sein Schiff in ihre Gewalt gebracht. Er selbst und seine Mannschaft hätten sich tagelang vom Fleisch einiger Ratten und dem seines eigenen Hundes ernähren müssen.

*     *     *

Samuel Schwechheimer lässt sich mit seiner Frau Katharina und seinem Sohn Konrad in German Valley nieder, 65 Kilometer westlich von New York. Hier leben bereits einige deutsche Familien. Schwechheimer erwirbt eine Farm direkt am Raritan River und rodet den Wald. Das versprochene Idyll findet er, nach seinen erhaltenen Briefen zu schließen, aber nicht. Bären und Giftschlangen stattdessen. Und auch menschenleer, wie versprochen, ist das Land keineswegs. Die Indianer, die hier leben, sind den Siedlern feindlich gesinnt, würden die Neuankömmlinge am liebsten vertreiben.

Während Schwechheimer, allen Widrigkeiten zum Trotz, seine Farm aufbaut, erreichen immer mehr Landsleute die Kolonien. Die britischstämmige Bevölkerung reagiert mit einer Welle der Fremdenfeindlichkeit.

Allen voran Benjamin Franklin, der spätere Gründervater der Vereinigen Staaten.

Als Herausgeber der „Philadelphia Gazette“ hatte Franklin noch mitfühlend über Schwechheimers Schicksal berichtet. Jetzt aber, 20 Jahre später, beschuldigt er die Migranten, sich nicht integrieren zu wollen: „Warum sollen wir ertragen, dass die pfälzischen Bauerntrampel in unsere Siedlungen einfallen und durch ihre Zusammenrottungen uns ihre Sprache und ihre Sitten aufzwingen?“, fragt er. „Diese Fremden werden in kurzer Zeit so zahlreich sein, dass sie uns germanisieren, anstatt dass wir sie anglisieren.“

Dennoch: Im 18. Jahrhundert strömen immer mehr Palatines nach Amerika; wohl 120.000 sind es bis zum Beginn des Unabhängigkeitskrieges 1775. Zu diesem Zeitpunkt hat Schwechheimer mit 74 Jahren ein für damalige Verhältnisse fast biblisches Alter erreicht. Er stirbt einige Jahre später, mit weiteren elf Kindern aus dritter Ehe, gesegnet mit 73 Enkeln und 25 Urenkeln bei seinem Tod.

Die erste Volkszählung in den neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika ergibt, dass fast jeder zehnte hier deutschstämmig ist. Wie jener Samuel S., der 1759 die britische Staatsbürgerschaft annahm und sich dabei in Swackhamer umbenannte. Heute führen 3000 Menschen in den USA und in Kanada ihren Stammbaum auf ihn zurück.

Sie gehören zu den mehr als 40 Millionen Amerikanern mit deutschen Wurzeln.

Horrorschiff und Liebesglück

60 Jahre Recherche: Wie die Geschichte der „Love and Unity“ neu entdeckt wurde

282 Jahre nachdem die „Love and Unity“ Amerika erreichte, kniet ein Mann vor einem Gedenkstein im Gras. Der Stein erinnert an Samuel Swackhamer, „Erster Siedler in Middle Valley“. Eine Flechte droht die Inschrift zu überwuchern. Der Mann kratzt sie mit einem Taschenmesser ab. Es ist Gene Swackhamer, Samuels Nachfahr in sechster Genration, der seit Jahrzehnten das Leben des tapferen Passagiers von der „Love and Unity“ erforscht. „Über Samuels Schicksal in Amerika hatten wir schon viel herausgefunden, über seine Herkunft aber lange nichts“, erinnert sich Gene.

Doch eines Tages klingelte das Telefon in Genes Küche in Maryland. „Eine Frau fragte, ob ich Samuels Nachfahr sei“, erzählt er. „Als ich bejahte, erklärte sie, dass ihre Vorfahren mit dem gleichen Schiff nach Amerika gelangt seien wie Samuel.“ Die damals 60jährige Nancy Schanes aus Delaware war wie Gene auf der Suche nach dem Herkunftsort eines deutschen Vorfahren. Nach jahrelangen Recherchen fand sie dessen Namen auf einer Passagierliste und entdeckte auch einen Hinweis auf das Drama der Überfahrt. Hartnäckig folgte sie dieser Spur – und stieß dabei im Staatsarchiv von Massachusetts auf die Prozessakten, die während der Auseinandersetzungen zwischen den Passagieren und dem Kapitän der „Love and Unity“ geführt worden waren. Aus den Texten konnten sie die Ereignisse auf dem Schiff rekonstruieren.

Gene Swackhamers Forschung schien unterdessen in einer Sackgasse zu stecken. Wo lebte Samuel vor der Überfahrt? 2009 beauftragt er die Agentur „Routes to the Roots“ im niedersächsischen Oldenburg mit weiteren Recherchen. Deren Inhaber Wolfgang Grams begleitet Gene und dessen Frau Sharon im Sommer 2009 nach Altlußheim – dem Heimatort ihres Vorfahren, im dem noch immer zahlreiche Schwechheimers leben. Eine transatlantische Familienzusammenführung.

Schon 2010 kehrt Gene nach Deutschland zurück. Er will die Altlußheimer für sein neuestes Projekt begeistern: eine Erbgut-Analyse möglichst vieler Swackhamers und Schwechheimers, um die genauen Verwandtschaftsbeziehungen zu klären. Seine Tochter Jill, die ihn auf dieser Reise begleitet, verfolgt andere, sinnlichere Familienprojekte: Sie verliebt sich in einen jungen Englischlehrer aus der Heimat ihrer Ahnen. Der lebt nun mit der Nachfahrin von Samuel Schwechheimer in Maryland – und gehört damit zu den über 10.000 Deutschen, die noch heute Jahr für Jahr in die USA auswandern.

*   *   *   *   *   *   *   *

Siehe auch:

Amerika: Land der Freien und Tapferen, oder des Oligarchen und des weißen Sklaven? von John Lilburne

The Palatine’s Appeal, eine am 15. Februar 1732 in The Pennsylvania Gazette abgedruckte englische Übersetzung des Briefes, den die Überlebenden der „Love and Unity“ an den deutschen Pastor Weys schrieben

Weiße Sklaverei: Man kann die Wahrheit nicht widerlegen von David Sims

Interessant sind auch diese beiden Videos der jungen Amerikanerin Kelly („Kelly does her thing“), in denen sie den Pennsylvania-Deutschen Doug Madenford über die Pennsylvania-Deutschen und die Amish (denen Madenford nicht angehört) befragt:

 

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Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offe

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7 Kommentare

  1. Die englische Königin bezahle die Überfahrt und schenke jedem Siedler ein Stück Land, so dringend würden Kolonisten gesucht.

    Wenn man da „englische Königin“ durch „Angela Merkel“ ersetzt und „ein Stück Land“ durch „ein Haus“, dann klingt das erstaunlich „modern“.

    Antwort
  2. Die gleiche Verasche hat man bei uns mit Jamaike durchgezogen. Siehe hier:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Siedlung_in_Jamaika
    Allerdings steht in den Wiki-Artikel nicht das die Hälfte der Deutschen nach Ankunft in Jamaikaim im Anblick der Endtäuschung direkt weiter nach Brasilien fuhren.

    Antwort
  3. A propos Jamaika: In die Gegenrichtung haben (((sie))) ab 1948 ein ganz ähnliches Spiel mit jamaikanischen Negern getrieben, die mit schwärmerischen Zeitungsberichten vom Leben in Großbritannien zur Auswanderung dorthin verleitet wurden, natürlich auf Schiffen einer jüdischen Reederei.

    Siehe dazu Die SS Empire Windrush: Die jüdischen Ursprünge des multikulturellen Britannien von Andrew Joyce.

    Faktisch wurde die Empire Windrush [ein ehemaliges deutsches KdF-Schiff] von einem jüdischen Kriegsminister an einen jüdischen Eigentümer übergeben, erhielt von einem jüdischen Verkehrsminister grünes Licht zur Steigerung der Profite, indem man damit begann, Nichtweiße nach Britannien zu bringen, und wurde von Medien im jüdischen Besitz mit einer Armee erwartungsfreudiger Passagiere versorgt.

    Antwort
    • Ja ich kenne den Aufsatz über die Monte Rosa,
      aber damals hatten die Neger wenigstens noch Anzüge an als man sie nach Europa verschifft hat.

      Antwort
  4. Eingestanden, ich hielt mich für einen abgebrühten Zyniker, den nichts mehr allzu sehr überraschen könnte – aber das ist starker Tobak.
    Vielleicht aber auch ein Beispiel für den Nachteil von Zwergstaatentum, wie es z.B..Gerhard Bauer vertritt … – man ist dann der Urschwisch für jedermann.

    Antwort
  5. Hat dies auf Chaosfragment rebloggt und kommentierte:
    „White Slavery“ und „Coffin-Ships“ sind dem Erzähler zwar schon länger nicht unbekannt, aber dieses Grauen, diese Perfidie – das sollte man gelesen haben!

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  6. Nicht mein Haß – mein Ekel war es, der mir hungrig am Leben fraß.

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