Wardrunas Skald

Das Album-Cover

Von A. Graham, übersetzt von Lucifex. Das Original Wardruna’s Skald erschien am 5. Dezember 2018 auf Counter-Currents Publishing. (Die Links im Text und die Musikvideos im Anhang wurden vom Übersetzer eingefügt.)

Wardruna
Skald
Indie Recordings/By Norse Music, 2018

Das neueste Album der norwegischen Band Wardruna, Skald, ist eine Hommage an die altnordische Dichtkunst, die zehn akustische Balladen enthält, welche vom Mitgründer der Band, Einar Selvik, live eingespielt wurden. Das Begleitheft enthält die originalen Texte (die meisten sind in Altnordisch) und ihre jeweiligen englischen Übersetzungen sowie eine kurze Einführung in die altnordische Skaldendichtung, die vom isländischen Philologen Bergsveinn Birgisson geschrieben wurde (ein Skalde war im alten Skandinavien jemand, der Gedichte über heldenhafte Taten verfaßte und vortrug).

Selvik schreibt, daß Skald „live im Studio aufgenommen wurde, in der Absicht, die kompromißlose Energie einer Livedarbietung einzufangen, statt auf eine makellose und ausgefeilte Ausdrucksform abzuzielen“ und daß es sich „daran macht, der alten Kunst eine Stimme zu geben, die einst das Herzstück der nordischen mündlichen Traditionen war, präsentiert so wie sie heute in den Händen eines bescheidenen zeitgenössischen Skalden Gestalt annimmt.“

Die schlichte, minimalistische Klanglandschaft von Skald kennzeichnet eine Abweichung gegenüber Wardrunas früheren Werken. Selviks Stimme wird auf dem Großteil des Albums von nichts als einer Kravik-Leier begleitet (eine taglharpa kommt in einem Lied ebenfalls vor, und der erste Titel beginnt mit den Klängen eines bukkehorns). Sein Gesangstalent zeigt sich hier voll. Seine Stimme ist reich und volltönend und hat eine große emotionale Tiefe. Sie beschwört die Vorstellung herauf, einen ergrauten Wikinger Geschichten am Feuer erzählen zu hören.

Einar Selvik

Die Lieder behandeln einen breiten Themenbereich: den Tod geliebter Menschen, die Götter und die Schöpfung und die Rolle des Skalden. Die Texte stammen aus verschiedenen Quellen, einschließlich eines Gedichts von Bragi Boddason, der Völuspá, Ragnars saga loðbrókar (zwei Strophen, die Ragnar Lothbroks Tod in einer Schlangengrube beschreiben) und eine Klage von Egill Skallagrimsson. Drei Lieder in dem Album („Helvegen“, „Fehu“ und „Voluspá“) sind alte Wardruna-Lieder, die hier in auf das Wesentliche reduzierter „skaldischer“ Form präsentiert werden. Der Text für „Gravbakkjen“ wurde von Selvik verfaßt und zur Melodie eines traditionellen Begräbnisliedes gesungen.

Die besten Lieder auf dem Album sind „Ormagardskvedi“, „Ein sat hon uti“ und „Voluspá“. Auch ist „Sonatorrek“, geschrieben von Egill Skallagrimsson nach dem Tod seines Sohnes und hier a capella gesungen, besonders bewegend.

Die Völuspá ist kein Skaldengedicht (es ist das erste Gedicht der Liederedda), aber das Heft bemerkt, daß „sehr wohl Skalden hinter der Edda-Dichtung gewesen sein könnten, genauso wie bei der Skaldendichtung und besonders hinter visionären Gedichten wie der Völuspá. Der entscheidende Unterschied ist, daß diese Skalden anonym und in ihren epischen Gedichten nicht so persönlich präsent sind.

Der früheste bekannte Skalde ist der Hofdichter Bragi Boddason aus dem neunten Jahrhundert, dessen Ragnarsdrápa für das älteste überlebende altnordische Gedicht gehalten wird (obwohl das Heft darauf hinweist, daß poetische Kenningar zu dieser Zeit schon lange in Gebrauch gewesen waren). Die Skaldendichtung ist charakterisiert durch ein komplexes Versmaß, Alliterationen, Binnenreime, eine oft surrealistische Bildsprache und eine Fülle von Kenningar. Sie nimmt für gewöhnlich die Form von Eulogien an, die Könige, Herren und so weiter preisen, von Schildgedichten (die die Bilder auf einem Schild beschreiben) oder Trauerliedern für Begräbnisse. Die Rolle der Musik bei ihrer Darbietung ist unbekannt, aber sie könnte von der Harfe oder Leier begleitet gewesen sein.

Birgisson schreibt über den Skalden:

Der altnordische Skalde war viel mehr als ein Poet im modernen Sinne des Wortes. Worte hatten Gewicht in der mündlich geprägten Gesellschaft, wo die Ehre höchste Bedeutung hatte. Der Skalde war eine öffentliche Stimme, jemand, der den Ruf anderer mit seinen Worten erhöhen oder zerstören konnte. Schmähgedichte wurden als so mächtig angesehen, daß sie mit dem Tod bestraft werden konnten. Die Rolle des Skalden war facettenreich. Ein Skalde diente in der Funktion des Genealogen, des Nachrichtenreporters, des Historikers, des Kriegsverherrlichers, des Ratgebers und Weisen, des Überträgers traditioneller Mythen und Heldenlegenden, des Psychologen, des Liebhabers, des Tricksers, des Satirikers und des Diplomaten, oft gleichzeitig.

Die Wikinger sahen die Dichtkunst als ein Geschenk der Götter und als eine Form von flüssiger Weisheit, ähnlich dem Wasser aus Mimirs Brunnen. Man dachte, daß Skalden vom Dichtermet getrunken hatten, einer magischen Substanz, die aus dem Blut von Kvasir geschaffen wurde (eines weisen Wesens, das aus dem Speichel der Asen und der Wanen geboren wurde). Nach seiner Erschaffung wurde der Met im Zentrum eines Berges verborgen. Eines Tages beschloß Odin, ihn zu stehlen; als er nach Asgard zurückkehrte, um ihn auszuspucken, fielen ein paar Tropfen auf Midgard (die Erde) unter ihm hinab. Dies hielt man für die Quelle aller dichterischen Inspiration. Bragi Boddason spielt darauf in seiner Beschreibung des Skalden als „Yggs Bierträger“ im ersten Lied des Albums an.

Skald gibt dem Zuhörer eine Vorstellung davon, wie wichtig die Dichtkunst den Wikingern war. Poesie wird nun als unmännliche Freizeitbeschäftigung stereotypisiert, aber die Wikinger sahen sie als heilige Bestrebung und verehrten Skalden als Helden. Skalden wurden mit Kenningar wie „ Töter der Sturmsonne“, „Verschlucker des Himmelsrades“ und „Schiffsschmied Odins“ beschrieben. Sie kämpften oft in Schlachten und wurden in Sagas für ihre Taten gepriesen. Zum Beispiel erzählt Egil’s Saga vom Leben und den Taten von Egill Skallagrimsson.

Trotz der Tatsache, daß Selvik einmal den „Rassismus“ verurteilte, ist seine Musik stark an rechten Idealen ausgerichtet. Wardruna zeigt einen tiefen Respekt für die nordische Kultur und das nordische Erbe, und sie sind in ihrem Sound und ihrer Ästhetik implizit weiß. Ihre Musik berührt eine Saite in der nordeuropäischen Psyche und hat die Macht, Weiße aus ihrem Schlummer aufzurütteln.

Birgisson schreibt im Heft:

In unserer eigenen Zeit, in der die Helden alter Zeiten und die altnordische Kultur zunehmend vergessen werden, in einer Gesellschaft, die sich großteils mit sich selbst und dem Alltäglichen beschäftigt, ist es nie wichtiger gewesen, wieder auf die Worte unserer Vorfahren zurückzukommen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was wirklich ist, und die eigene Menschlichkeit zu behalten.

Mögen wir den Mann ehren, der den Worten unserer Vorfahren Flügel gibt.

Skald ist eine bewegende Hommage an die altnordische Skaldentradition und die altnordische Kultur im Allgemeinen. Es unterscheidet sich von Wardrunas vorherigen drei Alben, besitzt aber eine ähnliche urtümliche Kraft. Ich empfehle es Neofolk/“pagan folk“-Fans und jedem, der sich für die Wikinger und die altnordische Dichtung interessiert. Falls Wardruna neu für euch ist, seht auch ihre Runaljod-Trilogie an. Einar Selviks zwei Alben mit Ivar Bjørnson (Skuggsjá und Hugsjá) sind ebenfalls sehr hörenswert.

*   *   *   *   *   *   *   *

Anhang des Übersetzers: Hier sind die Musikvideos zu den vier von A. Graham hervorgehobenen Stücken aus Skald -„Ormagardskvedi“

„Völuspá“:

„Ein sat hon uti“:

„Sonatorrek“:

Siehe auch:

Das Havamal: des Hohen Lied

Die Mythologie und Religion der Wikingerzeit von Rudolf Simek

Der Lebenskampf in der Prosa-Edda von Guillaume Durocher

Das Wikingererbe am Beispiel Island (1) und Teil 2 von Jeffrey L. Forgeng und William R. Short

Warum Musik? Ein Blick auf Kunst und Propaganda von Elizabeth Whitcombe

sowie Poul Andersons Fantasyroman „Das geborstene Schwert“, der im ostenglisch-dänischen Wikingermilieu spielt:

„Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“

Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend

Das geborstene Schwert (2): Valgard

Das geborstene Schwert (3): Nach Trollheim

Das geborstene Schwert (4): Schwerttanz

Das geborstene Schwert (5): Tyrfing

Das geborstene Schwert (6): Jötunheim

Das geborstene Schwert (7): Finale

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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4 Kommentare

  1. „Poesie wird nun als unmännliche Freizeitbeschäftigung stereotypisiert, aber die Wikinger sahen sie als heilige Bestrebung und verehrten Skalden als Helden.“

    Es sieht leider so aus, als sei auch die Romanliteratur auf dem Weg zu einer ähnlichen Stereotypisierung, der sie zwischendurch auch schon im 19. Jahrhundert ausgesetzt war. Gegenwärtig werden Romane aller Kategorien – sogar Science Fiction – von mehr Frauen als Männern gelesen. Siehe dazu den von mir übersetzten Artikel von Lakshmi Chaudhry auf IN THESE TIMES, Why Hemingway Is Chick-Lit: Women read more fiction than men (ja, ich weiß, (((Lisa Zunshine)))…):

    „Wenn Frauen zu lesen aufhören, wird der Roman tot sein“, erklärte, Ian McEwan letztes Jahr im Guardian. Der britische Romanautor kam zu diesem ziemlich düsteren Schluß, nachdem er sich in einen nahegelegenen Park gewagt hatte im Versuch, Romane zu verschenken. Das Ergebnis?

    Nur eine „feinsinnige männliche Seele“ nahm sein Angebot an, während jede Frau, an die er herantrat, „begierig und dankbar“ war, dasselbe zu tun.

    So unwissenschaftlich McEwans Experiment auch sein mag, so wird seine These durch eine Anzahl von Umfragen erhärtet, die in Britannien, den Vereinigten Staaten und Kanada durchgeführt wurden, wo Männer lumpige 20 Prozent des Marktes für Romanliteratur ausmachen. Anders als die Götter des literarischen Establishments, die – sowohl als Autoren als auch als Kritiker – vorwiegend männlich bleiben, sind ihre bescheidenen Leser überwiegend weiblich.

    In den letzten Jahren haben verschiedene Experten diese sogenannte „fiction gap“ als Gelegenheit benutzt, um ihre Lieblingstheorien darüber aufzutischen, wie Männer und Frauen ticken. Der bisher letzte ist der Kolumnist David Brooks von der New York Times, der die Gelegenheit ergriff, um seine spezielle Sorte von Gender-Essentialismus feilzubieten. Seine Kolumne vom 11. Juni unterteilte willkürlich alle Bücher in saubere Jungs/Mädels-Kategorien – „Im Männerbereich der Buchhandlung gibt es Bücher, die meisterhafte Männer beim Besiegen des Bösen beschreiben. In der Frauenabteilung gibt es Romane über … nun, ich schätze, Gefühle und so Zeug.“ Seine pauschalen Behauptungen widersprechen völlig den Forschungen der Verlagsindustrie, die zeigen, daß, wenn „chick-lit“ [„Weiberliteratur“] als das definiert wäre, was Frauen lesen, der Begriff die meisten Romane einschließen müßte, einschließlich jener, die als Macho-Territorium betrachtet werden. Eine Umfrage von 2000 ergab, daß Frauen über alle Genres einen größeren Prozentanteil ausmachten als Männer: Spionage/Thriller (69 Prozent), Allgemein (88 Prozent), Mystery/Detektivromane (86 Prozent) und sogar Science Fiction (52 Prozent).

    Brooks‘ wahre Agenda ist jedoch nicht die Verspottung von Frauenliteratur, sondern Werbung für das neueste konservative Gesprächsthema: politisch korrekten Liberalen die Schuld an einem „feminisierten“ Schullehrplan zu geben, der Jungen „in Highschool- und Collegeaussteiger verwandelt, die das Lesen hassen.“ Laut Brooks haben wir kleine Jungen mit „New-Wave“-Romanen über „introspektiv verdrossene junge Frauen“ belastet, wenn ihnen mit passend maskulinen Schriftstellern wie Ernest Hemingway besser gedient wäre. „Kurz gesagt, es könnte sein, daß biologische Fakturen Lesegeschmäcker beeinflussen, selbst wenn man die Kultur berücksichtigt“, behauptet Brooks. „Das Problem ist, daß es selbst nach der jüngsten Aufmerksamkeitswelle dafür, warum Jungen zurückfallen, immer noch intensiven sozialen Druck gibt, nicht über biologische Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen zu reden (fragt Larry Summers).“

    Es ist ein bizarrer Logiksprung nötig, um gegenwärtige Schullehrpläne mit den Lesegewohnheiten erwachsener Männer in Verbindung zu bringen. Außerdem gibt es keinen Hinweis darauf, daß Männer „das Lesen hassen“ – Frauen lesen bloß mehr Erzählungen. Männer übertreffen Frauen um mindestens zehn Prozentpunkte, wenn es um das Lesen von Sachbüchern geht – sicherlich eine gute Nachricht für den Bestsellerautor von Bobos in Paradise.

    Fairerweise muß man sagen, daß Konservative wie Brooks nicht die einzigen öffentlichen Stimmen sind, die bei der Erklärung der „fiction gap“ auf biologischen Determinismus zurückgreifen. Die Psychologin Dorothy Rowe sagte dem Observer, daß Frauen Erzählungen mögen, weil sie eine reichere und komplexere Fantasie haben. „Frauen haben immer zu verstehen versucht, was andere Menschen tun, weil Frauen sich immer ihren Weg durch die Familie verhandeln mußten“, sagte sie. „Sie haben ihre Macht immer dadurch gewinnen müssen, daß sie eine ziemlich gute Vorstellung davon hatten, was in anderen Menschen vorgeht, und dieses Wissen nutzten, um sie zu bestimmten Dingen zu veranlassen.“ Ganz abgesehen von der unbeabsichtigten Implikation, daß der Feminismus wahrscheinlich McEwans schlimmste Befürchtungen erfüllen wird – d. h., den Roman umzubringen – reproduzieren solche Argumente die schlimmste Art von Gender-Stereotypen: Frauen als sensible, emotional intelligente Kreaturen; Männer als gedankenlose Deppen.

    Die kognitive Literaturkritikerin Lisa Zunshine, deren multidisziplinäres Feld die Einsichten integriert, die von der Kognitionswissenschaft für das bessere Verständnis von Romanliteratur geboten werden, bietet eine bescheidenere und nuanciertere Hypothese. Ihr Buch Why We Read Fiction argumentiert, daß Erzählungen als Literaturform uns Vergnügen bieten, weil sie unsere Fähigkeit des Gedankenlesens aktivieren, „ein Begriff, der von Kognitionspsychologen austauschbar mit ‚Theory of Mind‘ verwendet wird, um unsere Fähigkeit zu beschreiben, das Verhalten von Menschen im Sinne ihrer Gedanken, Gefühle, Überzeugungen und Wünsche zu erklären.“ Romanliteratur läßt uns also „verschiedene mentale Zustände ausprobieren.“

    Frauen genießen das Lesen von Geschichten mehr als Männer (im Gegensatz zum bloßen Lesen von „Gefühlen und so Zeugs“), weil „sie allgemein mehr Input für ihre Theory-of-Mind-Anpassungen haben wollen“, sagt Zunshine. „Sie wollen viel mehr als Männer andere „Geister in Aktion“ erleben – was eine andere Art der Definition von ‚Empathie‘ ist.“

    Zunshine unterstreicht die Tatsache, daß solche Kognitionsforschung auf „durchschnittlichen statistischen Punkteergebnissen“ beruht und keine Anleitung darüber bietet, was individuelle Männer oder Frauen lesen mögen. Außerdem ist der biologische Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Theory-of-Mind klein und erklärt wahrscheinlich nur eine „etwas größere“ Vorliebe für Erzählungen bei Frauen.

    Aber in einer Kultur, die von polarisierenden Botschaften über Gender durchdrungen ist, können solche kleinen Unterschiede zu riesigen Ungleichheiten vergrößert werden. Wenn das Lesen von Romanen heute mehr „girly“ zu sein scheint – wegen von Frauen dominierten Buchclubs oder einer Verlagsindustrie, die zunehmend auf ihre treuesten Kunden, d. h., Frauen, ausgerichtet ist -, dann werden Männer das mit geringerer Wahrscheinlichkeit tun. Das ist zum Teil der Grund, warum Jonathan Franzen besorgt darüber war, von Oprah befürwortet zu werden. Franzen sagte zu NPR: „Ich hatte einige Hoffnung, in Wirklichkeit ein männliches Publikum [für The Corrections] zu erreichen, und ich habe mehr als einen [männlichen] Leser bei Signierungen in Buchläden sagen hören: ‚Wenn ich Sie nicht gehört hätte, wäre ich von der Tatsache abgeschreckt worden, daß es etwas ist, das von Oprah ausgewählt wurde. Ich denke, diese Bücher sind für Frauen. Ich würde es nie anrühren‘.“

    Zu den verzweifelten Bemühungen, den Roman zu „machoisieren“, gehört Penguins „Good Booking“-Kampagne, die schöne Models – wen sonst? – ausschickte, um Preise von bis zu 1000 Pfund monatlich an jeden britischen Mann unter 25 zu vergeben, der in flagrante mit einem ihrer testosteronfreundlichen Titel erwischt wurde. Der Werbeslogan? „Was Frauen wirklich wollen, ist ein Mann mit einem Penguin.“

    Abgesehen vom Sex mit schönen Models sind Männer auch sozialisiert, Aktivitäten ausfindig zu machen, die Status verleihen, wozu heutzutage traurigerweise nicht das Lesen von Romanen gehört. Laut dem Romanautor Walter Kirn: „Wenn Romanautoren kulturell unsichtbar geworden sind – zumindest für Männer von heute -, dann teilweise deshalb, weil das Leben eines Romanautors wenige Belohnungen für das traditionelle männliche Ego bietet. Es geht nicht um Macht, Ruhm und Geld“, im Unterschied zu der Vergötterung, die unsere Kultur Rap-Stars, Sportlern und Filmschauspielern vorbehält.

    Schaut jetzt nicht so, aber wir sind jetzt vielleicht wieder auf dem Weg zurück ins 19. Jahrhundert, als der Roman als ein frivoler Zeitvertreib mit niedrigem Status für Damen mit Freizeit betrachtet wurde, ungeeignet für echte Männer. Wie Margaret Atwood in einer Rede von 1998 hervorhob: „Den Entwicklungsweg des Romans nachzuverfolgen heißt, dem Kampf des Romanautors zu folgen – auch oder vielleicht besonders des männlichen Romanautors -, ernstgenommen zu werden, das heißt, die Wahrnehmung seiner auserwählten Form von jener eines Stücks albernen Froufrous in den höheren, männlicheren Bereich der groß geschriebenen Kunst anzuheben.“ Dieses Projekt schaltete im 20. Jahrhundert in den Schnellgang – so sehr, daß um 1935 Ernest Hemingway unbekümmert erklären konnte: „Alle moderne amerikanische Literatur kommt von einem Buch von Mark Twain namens Huckleberry Finn“ – und es erreichte seinen Höhepunkt während der brusttrommelnden Beat-Bewegung.

    Aber lasen Männer mit größerer Wahrscheinlichkeit Romane, als Jack Kerouac die literarische Welt beherrschte? Die Antwort ist unklar, hauptsächlich weil die Forschung der Industrie auf diesem Gebiet bis in die letzten Jahrzehnte erratisch gewesen ist. Daher ist es schwer, eine definitive Verbindung zwischen der Größe der männlichen Leserschaft und dem Status festzustellen, der der Romanliteratur in der Gesellschaft gewährt wird – zumindest im Laufe der letzten 100 Jahre. Genausowenig wissen wir, ob diese Trends in anderen, nicht-englischsprachigen Kulturen auch gelten.

    Klar ist, daß der Roman zu seinen Ursprüngen als feminines Hobby zurückzukehren scheint und daher in Gefahr ist, von seinem hohen künstlerischen Sitz gestürzt zu werden. In seiner Erklärung der Entscheidung seiner Zeitung, Romanrezensionen drastisch zu verringern, sagte der Redakteur der New York Times Bill Keller einem Kolumnisten von Poynter: „Die spannendsten Ideen tendieren dazu, in der Welt des Sachbuchs zu sein.“ Andere, wie der Buchkolumnist Phillip Marchand vom Toronto Star, zitieren gern ihre Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert wie den Dichter Samuel Taylor Coleridge – „Wo das Lesen von Romanen als Gewohnheit vorherrscht, verursacht es im Laufe der Zeit die völlige Zerstörung der geistigen Kräfte“ – um zu schließen: „Und wenn die Sachliteratur Beispiele für frischen und präzisen Gebrauch der Sprache bieten kann, gibt es im Fall männlicher Leser keinen Grund, darauf zu beharren, daß sie der Romanliteratur Platz macht.“

    Es ist also eine gute Sache, daß die großen männlichen Romanautoren sich immer noch darauf verlassen können, daß wir Mädels ihre literarischen Karrieren finanzieren.“

    Autsch.

    Das könnte auch erklären, warum Geschichten hier auf „Morgenwacht“ meist unterdurchschnittlichen Leserzuspruch erhalten (neben einem anderen möglichen Grund, daß die meisten nicht hierherkommen, um Geschichten zu lesen). Leser nationaler Blogs werden mehrheitlich männlich sein, und während Science-Fiction-Fans leider überwiegend Schlafschafe oder überhaupt mehr oder weniger (((verstrahlt))) sind, interessieren (deutsche) Rechte sich anscheinend nicht sehr für Science Fiction, sofern sie nicht als plumpe Nazi-Wunscherfüllungswixerei daherkommt wie die Stahlfront-Romane.

    Ich werde es mir aber dennoch auch in Zukunft nicht ganz verdrießen lassen, für die Minderheit der SF-interessierten Geschichtenliebhaber unter meinen LeserInnen immer wieder einmal solchen Lesestoff ins Angebot zu nehmen.

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  2. Fackel

     /  Dezember 8, 2018

    In der 4. erweiterten Auflage im Buch „Germaniens reine Seele“ von Rainer Schulz, der, wie er in seinem Vorwort schreibt, keine neuen Erkenntnisse der Germanenforschung – gleich welcher Richtung – darlegen will, sondern bewußt die alte, heute teilweise schwer auffindbare Literatur verwendet, um die in ihr überlieferte heidnische Religion, die Sitte, die Moralvorstellungen und das Rechtsverständnis wieder in unser Bewußtsein zu führen, wird gleich im ersten Kapitel auch vom Schicksal der Skalden und Barden geschrieben und wie es ihnen im erstarkenden Christentum des Deutschlands um 600 erging, welches das Heidentum immer mehr verdrängte.

    „[…] Ganz gefährlich für den germanisch deutschen Glauben war die Einführung des Kirchengesanges durch Papst Gregor den Großen, welcher an die Stelle des Gesanges der Skalden und Barden trat. […]“

    „[…]„Das Bardentum samt den Heldenliedern, die die Skalden in den Halgaldomschulen nach uralten Überlieferungen erdichtet hatten, wurde trotzdem zurückgedrängt. Nur ein kleiner Teil konnte sich nach Skandinavien retten. Die meisten alten Bardenlieder sind verloren und vergessen. Diejenigen Skalden, welche sich unter Otto I. wieder hervorwagten, wurden vom Papst als Ketzer verfolgt.

    Papst Gregor I. rechnete es dem Bischof Desiderius von Vienne als größtes Verbrechen an, daß er heidnische Bücher las. Papst Sylvester II. hatte es den Menschen zur Pflicht gemacht, alle bardischen und skaldischen Schriften als Zauberbücher zu verbrennen. Sie waren in Runen – den „Zaubercharakteren“ – geschrieben, von denen nur noch die Sagen berichten. Auch in den „Merseburger Zaubersprüchen“ begegnen wir ihnen.
    Die Halgaldome und die dort befindlichen Schulen wurden geschlossen bzw. mit Klosterbauten überlagert. So wurde Deutschland systematisch entschult, und […].

    „[…] Die Rundtürme der Halgaldome wurden zu Klosterkirchen umgebaut. Seither haben wir das Phänomen, daß diese angeblich ältesten christlichen Kirchen Rotunden sind. Heute lehrt man uns, daß alle diese wunderbaren sächsisch-germanischen Hallenbauten im Stil der norwegischen Fürstenhallen römisch oder slawisch seien oder von den christlich-mönchischen Baukooperationen errichtet worden seien. […]“

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    • Fackel

       /  Dezember 8, 2018

      Ders. S. 12
      „[…] In den Mysterienschulen, in den heiligen Halgadomen, den Hag-All-Domen, wurde das Wissen und Handeln in den heiligen Rhythmen hoher Gesänge gelehrt. Wie unter anderem Tacitus berichtet, mußten Jünglinge und Jungfrauen bis zu 15.000 Verse als lebendiges Wissen erlernen. […]“

      Ders. S. 36
      „[…] Trotz alledem, inszwischen hatte sich in Deutschland die Zunft der Minnesänger gebildet. Sie waren die wiedererstandenen Barden und Skalden und einer ihrer besten sang: „Untreu hält Hof und Leute, Gewalt fährt aus der Beute, so Fried als recht sind todeswund…“

      Sie hatten die alten Lieder bewahrt und ließen sie aufs neue entstehen. Das Wort Minne bedeutet aber nicht, wie man uns heute einreden will, „Liebesdienst“. Ein Minnesänger sei also ein Liebesdiener am Hof und erfreue die Fräuleins dort. (Natürlich gab es auch reine Liebeslieder.) Nein, Minne bedeutet vielmehr „Gedenken“, nämlich das Gedenken an die alte, die wahre Religion.
      Der wohl Bekannteste war von ihnen war Walther von der Vogelweide, welcher nach alter Überlieferung auch der Fem-König, der „Heimliche Kaiser“ gewesen sein soll. Unser beliebtes „Kaiserbrötchen“ mit dem Fünfstern in der Mitte – dem Erkennungszeichen der Feme – weist uns in diese Zeit.

      Die Nachfolger der Minnesänger als die Priester des deutschen Glaubens an die unsterblichen Ideale wurden die Meistersänger. Und nach diesen wuchs der deutsche Dichterwald der Deutschen empor, in dem sich jeder einzelne als Barde und Skalde fühlte, obwohl auch er als Besitzloser zu dem „Völklein auf der Heide“ gebannt war. Aber das Volk der Dichter und Denker hatte es immer noch nicht verlernt, seine Dichter und Denker zu ehren.
      Einer der letzten Großen war Ulrich von Hutten. […]“

      Antworten
  3. Zustimmung: „Minne“ ist schwedisch „Gedächtnis“ – im Rechnerwesen „Speicher“. Hugin und Munin sind „Gedank“ und „Gedenk“ – Gedanke und Gedächtnis.

    Antworten

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