Als der Konsens zerbricht: das Ende der Römischen Republik

Aus GEO EPOCHE Nr. 50 „ROM: Die Geschichte der Republik“

Jahrhundertelang eilt Rom von Sieg zu Sieg, beherrscht schließlich fast das gesamte Mittelmeer. Und doch scheitert die Republik. Der Historiker Bernhard Linke über die Gründe für deren Niedergang:

GEO EPOCHE: Herr Professor Linke, die Römische Republik hat mehr als 400 Jahre bestanden, länger als irgendeine andere Republik der Weltgeschichte. Was macht ihren Erfolg aus? Ihre militärische Schlagkraft?

Bernhard Linke: Eher ihre enorm starke Mittelschicht.

Das müssen Sie uns erklären.

Die Römische Republik ist eigentlich eine Agrargesellschaft, selbst die Oberschicht rekrutiert sich traditionell aus Landbesitzern, die meisten Römer sind und bleiben während der gesamten Antike Bauern. Und diese Bauern sind autark. Der Familienvater führt den Hof, darf Eigentum erwerben und verkaufen, darf richten über seine Sklaven, sogar über seine Frau, seine Kinder. Der pater familias übernimmt also staatliche Aufgaben. Das sind freie, unabhängige Männer, die das auch bleiben wollen.

Was hat das mit dem Erfolg der Republik zu tun?

Es ist das Fundament, denn diese Bürger stellen die Soldaten. Sie kämpfen für ihre Freiheit, für ihre Eigenständigkeit. Und sie kämpfen für Beute. Deswegen folgen sie den Feldherren der senatorischen Oberschicht in den Krieg. Die innenpolitischen Verhältnisse bleiben stabil, weil die Republik ab etwa 340 v. Chr. expandiert, sehr viel Beute da ist, sehr viele Ressourcen akquiriert werden – und weil sich die senatorische Oberschicht damit „Zufriedenheit“ bei der Mittelschicht sichern kann. Zugleich haben alle in dieser Beutegemeinschaft verbundenen Bürger das Gefühl, den anderen Völkern überlegen zu sein. Dieses Selbstverständnis macht die Römer unglaublich stark.

Der Konsens hält aber nicht ewig. 133 v. Chr. erschlagen Senatoren nach einem Machtkampf den Volkstribun Tiberius Gracchus. Die Feldherren Sulla und Caesar werden später zu Diktatoren. Was bringt das Erfolgssystem ins Wanken?

Das ist immens kompliziert. Zunächst einmal beginnt mit dem 2. Jahrhundert v. Chr. eine Zeit der tiefgreifenden Verwerfungen. Während des Zweiten Punischen Krieges bringt Hannibal den Römern gewaltige Verluste bei. Wenn unsere Schätzungen richtig sind, kommen allein in den ersten Kriegsjahren ungefähr 25 Prozent der wehrfähigen Bevölkerung um. Zugleich sind etwa zwei Drittel aller Senatoren gefallen. Die alte Oberschicht ist geschwächt. Die nachwachsende Generation ist weitgehend ausradiert. Mehr als 100 Senatorenposten müssen nun mit Leuten aus völlig neuen Familien besetzt werden.

Ein gewaltiger Traditionsbruch.

Es herrschen schwierige Verhältnisse im Senat. Die alten Familien sehen sich sogar gezwungen, die Neuen mit Sittengesetzen dazu zu bringen, sich wie richtige Senatoren zu verhalten. Anschließend gewinnen die Römer zwar in kürzester Zeit den Osten dazu, Makedonien wird 168 v. Chr. zerschlagen, das kleinasiatische Seleukidenreich düpiert – doch dann geschieht Erstaunliches: Die römische Oberschicht hört auf zu erobern.

Warum?

Das wissen wir nicht. Leider bricht auch Livius – unsere Hauptquelle – hier ab. Aber eines ist gewiss: Die Oberschicht nutzt die äußeren Ressourcen immer weniger, es kommt kaum noch Beute nach Rom.

Wie steht die Mittelschicht dazu?

Die römischen Bauern sitzen spätestens seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. auf sehr fruchtbaren Böden, die meisten Bürger sind wohl gut ernährt. Die Kinder haben große Chancen, erwachsen zu werden. Die Kriege haben aber bisher auch dazu geführt, dass die Gesellschaft nicht zu stark anschwillt und keine Tendenzen der Verarmung da sind – denn gefallene Soldaten konkurrieren nicht mit ihren Geschwistern daheim, können nicht heiraten, keine Kinder zeugen.

Nüchtern betrachtet investieren die Römer also bis 168 v. Chr. – bei allem persönlichem Leid, das damit für die Familien verbunden war – ihren demografischen Überschuss in die Kriege. Nun aber findet die demografische Entlastung nicht mehr statt. Dadurch, dass weniger Männer im Krieg fallen, heiraten mehr Frauen, es gibt deshalb mehr Söhne, die ein Stück Land besitzen wollen. Wenn aber eine Parzelle gerade einmal dazu ausreicht, eine einzige Familie zu ernähren, dann kann der Pater familias alles Land an nur einen Sohn vererben, die anderen verarmen. Stellen Sie sich vor, welcher Hass innerhalb dieser Familien daraus entsteht, wenn einer alles bekommt und die anderen nichts.

Weite Teile der Mittelschicht rutschen ab in die Unterschicht der Besitzlosen?

Richtig. Dazu kommt, dass die Oberschicht nun immer größere Ackerflächen in Italien bewirtschaftet. Ein Verteilungs- und Preiskampf um Land beginnt, bei dem viele Kleinbauern nur noch bedingt mithalten können.

Da setzen die Landreformen von Tiberius Gracchus an.

Genau. 180 v. Chr. war noch weitgehend alles im Lot – 30 Jahre später aber haben wir die erste Generation, die den demografischen Druck spürt. Scipio Aemilianus etwa, der für das Jahr 147 v. Chr. zum Konsul gewählt wird, nimmt Freiwillige mit auf die Strafexpedition gegen Karthago – offensichtlich gibt es nun in der Mittelschicht sehr viele Söhne, die lieber freiwillig in den Legionen dienen, als das Heer der Besitzlosen in den Städten zu vergrößern. Und in diesem Armeelager in Nordafrika hält sich auch der junge Tiberius Gracchus auf. Sein Schwager Scipio hat in mitgenommen.

Hat Gracchus hier schon erkannt, wie es um die Landbevölkerung steht?

Gut möglich. Spätestens aber zurück in Rom wird er gesehen haben, dass immer mehr Besitzlose und verarmte Kleinbauern in die Hauptstadt drängen. Das ist eine explosive Mischung. Und da es keine Expansion mehr gibt, kann die senatorische Oberschicht die Probleme auch nicht mehr auf Kosten Dritter lösen.

Gracchus versucht als Volkstribun, die wachsende Verarmung der bäuerlichen Mittelschicht durch die Umverteilung von Land einzudämmen.

Damit hat er zumindest sein Thema gefunden, um sich als Politiker zu profilieren. So viel ist aber klar: Mit Gracchus kehrt auf einmal die Politik in das Leben der römischen Bürger zurück. Seine Reformen betreffen alle Römer.

Damit legt er sich mit der Elite an. Viele Senatoren sind ja zugleich Großgrundbesitzer.

In der Tat. Aber er weiß die Massen in der Hauptstadt auf seiner Seite. Das ist ein ungeheures Machtpotenzial. Wir müssen uns Rom im späten 2. Jahrhundert v. Chr. als antike Megacity vorstellen. Viele arme Stadtrömer leben unter katastrophalen Bedingungen, während ihre Verwandten auf dem Land gar nicht so schlecht dran sind. Da kommen dann Überlegungen auf wie: „Wir haben doch das Weltreich erobert, unsere Großväter, Väter. Und jetzt müssen wir unter solch prekären Bedingungen leben.“ Diesen Diskurs über Ungerechtigkeit nimmt Gracchus auf.

Und provoziert den Senat.

Durch sein Vetorecht kann ein Volkstribun das gesamte politische Leben lahmlegen. Das tut Tiberius Gracchus ja auch, um seine Reformen durchzudrücken. Er übergeht den Senat, mischt sich in die Außen- und Finanzpolitik ein. Aufgrund seiner extremen Konfliktbereitschaft fürchten viele Senatoren, dass er sich zum Alleinherrscher in Rom aufschwingen will – und deshalb ermorden sie ihn. Tiberius‘ Bruder Gaius Gracchus versucht zehn Jahre später als Volkstribun ein ähnliches Reformprogramm. Um sich seiner zu entledigen, verhängt der Senat 121 v. Chr. sogar den Notstand. Erstmals kämpfen innerhalb Roms nun bewaffnete Truppen gegen Bürger. Die Gewalt hält Einzug in die Politik, und diese Gewalt geht vom Senat aus.

Die Zeit des Konsenses und der Beutegemeinschaft ist vorbei?

Das Vertrauen der Bürger in den Senat nimmt dramatisch ab. Im populus Romanus regt sich Widerstand. Es ist sozusagen die Rückkehr der Ständekämpfe, wie es sie im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. zwischen den Patriziern und Plebejern gegeben hat. Wieder gibt es Gesellschaftsschichten, die miteinander um Einfluss auf die Geschicke des Staates ringen, um politische Macht. Nur sind es jetzt mehr Fraktionen als nur Patrizier und Plebejer. Die Gesellschaft spaltet sich in zahlreiche politische Gruppierungen. Und wahrscheinlich verschärfen sich die Probleme über die nächsten 30 Jahre noch. Das zeigt der Reformversuch des Volkstribuns Marcus Livius Drusus 91 v. Chr. Er verspricht unter anderem den italischen Verbündeten das Bürgerrecht.

Und er erleidet das gleiche Schicksal wie die Gracchen.

Sein ungeklärter Tod führt 91 v. Chr. zum ersten Bürgerkrieg der römischen Geschichte. Die italischen Bundesgenossen erheben sich gegen Rom. Auf einmal kämpfen Leute gegeneinander, die zuvor Seite an Seite gestritten haben – die Bundesgenossen stellen ja 60 Prozent der römischen Armee. Dieser Krieg ist nach der teilweisen Verarmung der Mittelschicht und dem Schicksal der Gracchen die dritte, und wenn Sie mich fragen, schlimmste gesellschaftliche Verwerfung, die zum langsamen Niedergang der Republik führt. Eine mentale Verrohung ohne Beispiel ist die Folge. Die Loyalität der Bürger untereinander und die Bindung zum Staat sinken.

In Ihren Ausführungen spielt das Militär keine Rolle. Was sagen Sie zu den Thesen vieler Ihrer Kollegen, dass es vor allem ehrgeizige Feldherren waren, die der Republik den Todesstoß versetzten?

Die alten Überlegungen laufen darauf hinaus, dass man sagt, es habe wegen der weitgehenden Verarmung der Mittelschicht einen Mangel an Soldaten gegeben. Immer mehr Besitzlose müssen nun verpflichtet, ausgerüstet, nach ihrem Kriegsdienst versorgt werden. Wir haben es also mit Leuten zu tun, die von einer Bürgerarmee zu einer Soldateska herabsinken, die nur noch ihren eigenen Vorteil im Auge hat. Ihre Treue gehört demjenigen, der ihnen Beute verspricht. Mit dem ziehen sie dann sogar gegen Rom. Ehrlich gesagt, halte ich das für nicht überzeugend…

nun ja, Sulla und Caesar haben sich mit Hilfe ihrer Truppen an die Spitze der Republik gesetzt

Gaius Marius und Gnaeus Pompeius, zwei durchaus gewaltbereite Feldherren, haben es nicht getan. Und bei Sulla wie auch bei Caesar entstehen die Bürgerkriege in der Innenpolitik. Die verarmten Soldaten, die es durchaus gegeben hat, sind nicht der Auslöser, sie sind Mittel zum Zweck. Die Republik geht nicht am Militär zugrunde.

Woran denn?

An der Unfähigkeit der senatorischen Oberschicht. Die Aristokraten kündigen auf fast allen Ebenen die Solidargemeinschaft auf. Aus der Sicht vieler Bürger droht die Macht des Senats immer mehr zu einer kollektiven Tyrannei zu werden, die nur dadurch behoben werden kann, dass ein Einzelner die Rechte der breiten Bevölkerung schützt. Ganz so wie es Augustus später vorgeführt hat. Aber daran ist nichts militärisch. Wir Heutigen reduzieren Rom immer auf Legionen, auf Adler, auf Schwerter und kämpfende Truppen. Wir betonen immer das Militärische, doch für die römische Politik war es gar nicht so wichtig.

Seltsam für einen Staat, der fast das gesamte Mittelmeer erobert hat.

Den republikanischen Römern ist der Reichsgedanke völlig fremd. Dieser kommt erst in der Kaiserzeit auf. Nach außen sind sie immer aggressiv gewesen, um sich zu profilieren, um Beute zu machen. Zugleich sieht man im alltäglichen Rom innerhalb der geheiligten Stadtgrenze aber keine einzige Waffe, keine Uniform, nichts. Diese Gesellschaft hat eine merkwürdige Ambivalenz.

Eine Ambivalenz, wie sie ja auch Oktavian, der sich später Augustus nennt, zeigt. Der tritt als 18-jähriger das Erbe Caesars an, lässt Hunderte Gegner ermorden und wandelt sich dann zum Friedensfürsten.

Oktavian hat recht bald verstanden, dass er nur gewinnen kann, wenn er den Senatoren ihr Gesicht lässt. Nicht ohne Grund verleiht der Senat ihm 27 v. Chr. den Ehrentitel Augustus, „der Erhabene“. Augustus schafft eine kommunikative Monarchie. Das ist sein Geheimnis. Er stellt den Konsens wieder her: mit einer starken Leitung des Staates, die den einzelnen Römer aber nicht bedroht. Unter seiner Herrschaft kann man wieder Bürger sein, Bürger und nicht Untertan.

Und deswegen begehrt auch keiner gegen ihn auf?

Genau. Für den Pater familias auf dem Land und damit für das Gros der Bevölkerung ändert sich mit dem Ende der Republik tatsächlich kaum etwas.

*   *   *

Prof. Dr. Bernhard Linke, 50, lehrt an der Ruhr-Universität Bochum. Die Republiken der Antike gehören zu seinen Forschungsschwerpunkten. Das Interview führten Julia Kreische und Dr. Anja Fries.

*     *     *

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Ein Kommentar

  1. Jouri

     /  November 24, 2018

    Eine recht gute Beschreibung Roms. Ich möchte nur anmerken, daß die Republik Venedig es gar auf eine Lebenszeit von rund 1.000 Jahren gebracht hat. Nicht schlecht für eine Republik.

    Antwort

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