Sturmabwehr – Die Attacke auf den Damm

Von Dunkler Phönix und Deep Roots (ursprünglich veröffentlicht am 2. Mai 2015 auf „As der Schwerter“; von mir – DR/Lu – für die Nachveröffentlichung hier teils mit ersatzweisen Bildern und Videolinks versehen).

Einleitung: Die Hungerspiele

Die Buch- und Filmserie „The Hunger Games“ (dt. „die Tribute von Panem“) enthält einige Inhalte, die für uns interessant sein können.

Die Geschichte der Serie ist kurz erzählt: In der Zukunft ist von Amerika nur noch eine Hauptstadt, sowie zwölf eher ländlich organisierte „Distrikte“ übrig. Die Distrikte müssen die Hauptstadt mit allen möglichen Waren beliefern. Während die Bewohner der Hauptstadt in dekadentem Luxus leben, sind die der Distrikte mehr oder weniger Sklaven, die mit knappen Essensrationen, Gewalt und den „Hunger Games“ unter Kontrolle gehalten werden. Die Hungerspiele werden von je einem männlichen und weiblichen Jugendlichen aus allen Distrikten jährlich ausgetragen. Die 24 Teilnehmer werden in eine Arena verbracht, wo sie gegeneinander kämpfen, bis nur noch einer übrig ist.

In der Arena liegen Waffen und Vorräte verteilt, es gibt aber auch Fallen, Tiere und Mutanten, die das „Spiel“ erschweren. Die Arena ist riesig, deswegen ist unklar wie die Veranstalter es schaffen, jede Szene zu filmen, die sich dort abspielt – aber natürlich wird alles live als Unterhaltung für die Leute in der Hauptstadt (und gleichzeitig als makabere Erinnerung, wer der Chef ist, an die Leute in den Distrikten) ausgestrahlt.

Die Heldin Katniss Everdeen aus Distrikt 12 hat von ihrem verstorbenen Vater einige Survival- Fertigkeiten erlernt und geht illegalerweise im Wald jagen. Als ihre kleine Schwester an den Hungerspielen teilnehmen soll, meldet sie sich freiwillig, um an ihrer Stelle in die Arena zu gehen.

Im dritten Teil „Mockingjay“ kämpft Katniss als „Maskottchen“ des zerstört geglaubten Distriktes Nr. 13 und produziert Propagandafilme, um die Bewohner in den Distrikten dazu zu bringen, gegen die Hauptstadt in den Krieg zu ziehen.

Genauer wollen und können wir den Inhalt der Bücher und Filme hier nicht wiedergeben, es wird klar, dass insbesondere die Themengebiete Survival, Unterdrückung und Propaganda für uns von Interesse sein können. Wir empfehlen das vorherige Lesen der Bücher (wenn man wenig Schlaf braucht, schafft man ein Buch pro Tag) und das folgende Schauen der Filme (den ersten Teil fanden wir nicht so gut umgesetzt, der zweite ist besser und der dritte, welcher die erste Hälfte des dritten Buches erzählt, ist ziemlich gut – ein vierter Film wird Ende 2015 folgen).

Der Damm

In diesem Artikel geht es uns um die „Damm-Szene“ aus dem dritten Film der Reihe mit dem Titel: „Mockingjay Part I.“

Man kann sie hier ansehen:

(Es könnte für BRD-User Probleme geben, das Video anzusehen, Urheberrecht und so – den Tor-Browser oder ein ähnliches Programm nutzen oder die untenstehende Zusammenfassung lesen! [Aus Österreich geht es anzusehen – Lu.]).

Die eigentliche „Damm-Szene“ beginnt bei 2:00 min, wir empfehlen aber die ganzen viereinhalb Minuten anzusehen, weil die Szene filmisch sehr interessant ist:

• Katniss singt ein trauriges Lied, das ihr verstorbener Vater ihr beigebracht hat. Ihr Filmteam nimmt sie dabei ohne ihr Wissen auf, und das Militär von Distrikt 13 macht einen Propagandafilm daraus.
• Der (natürlich schwarze) Wissenschaftler „Beetie“ erklärt, dass er den Film in den Distrikten senden konnte, aber nicht in der Hauptstadt, weil deren Abwehrschirm zu stark ist (Erklärung, warum der Damm gestürmt wird).
• Nach einigen Streichersequenzen, die zu dem Lied passen, wird die Stimme von Katniss langsam ausgeblendet und man hört stattdessen einen Chor, der das Lied weitersingt. Dabei sieht man eine Menschenmenge in abgerissenen Klamotten langsam einen Hügel hinaufgehen, sie scheinen so etwas wie Särge zu tragen und das Lied von Katniss zu singen.
• Die Musik wird episch, man sieht die Großaufnahme des Damms. Plötzlich nehmen vier „Peacekeeper“ (Soldaten der Hauptstadt in weiß, gesichtslos, weil behelmt) auf der Hauptstraße des Damms Aufstellung und legen Maschinenpistolen an.
• Nun rennt die Menschenmenge (schätzungsweise fünfzig bis hundert Leute) über die Straße auf die Peacekeeper zu. Diese fangen sofort an, gezielte Salven auf die Rennenden zu feuern.
• Die Perspektive wechselt sehr schnell: Erst „steht“ der Zuschauer hinter den feuernden Soldaten, dann „rennt“ er mit dem Mob mit und sieht, wie links und rechts die „Kameraden“ fallen.
• Dann eine Großaufnahme, durch die man sieht, dass auf der anderen Seite des Damms simultan ein ähnlicher Angriff stattfindet.
• Angreifer, welche eine der Kisten tragen, werden niedergeschossen, andere nehmen die Kiste wieder auf und tragen sie weiter.
• Die Menschenmenge kommt bei den Soldaten an und rennt sie einfach um, die Kisten werden im Innern des Damms deponiert, die Bomben darin scharf gemacht, dann explodiert der Damm.
• Man sieht erst in Großaufnahme, wie in der Hauptstadt die Lichter ausgehen, dann befindet man sich in der sich ebenfalls verdunkelnden Villa des Präsidenten und kann seine Reaktion darauf beobachten.

Im Kontext des Films muss man natürlich auf der Seite der Stürmenden sein, die sich gegen die brutale Unterdrückung durch die Hauptstadt wehren (was auch der – kontextuell nachvollziehbare – Grund ist, dass sich die Angreifer nicht durch die Gewehrsalven und die sterbenden Kameraden von ihrem Vorhaben abbringen lassen).

Beim mehrmaligen Schauen der Szene fiel uns aber auf, dass wir mehr und mehr die Perspektive der „Peacekeeper“ einnahmen und uns fragten, wie denn in einer solchen (hypothetischen) Situation, wenn fünfzig bis hundert „Zombies“ (wie wir die Aufständischen in den anschließenden Diskussionen nannten) auf einen zulaufen, die eigenen Chancen stehen.

Also sind wir nach heißen theoretischen Diskussionen über die Szene die Sache wissenschaftlich angegangen und haben ein Experiment gestartet.

Der Feldversuch

Zunächst einmal haben wir auf einer Wanderung drei verschiedene Teststrecken mit gut 50 extra langen Schritten abgemessen, um auszuprobieren, in welcher Zeit eine Distanz von ca. 50 Metern durchlaufen werden kann. Die ersten beiden Teststrecken verliefen auf einer Asphaltstraße mit dünner fester Schneeauflage und aperen Asphaltflecken dazwischen, einmal über eine ganz flache Kuppe, das andere Mal durch eine ganz flache Senke (ein ebener Abschnitt war auf dieser Bergstraße nicht zu finden). Beide Male haben wir (mit Bergschuhen) im Durchschnitt knapp 15 Sekunden gebraucht. Die dritte Teststrecke war ein Waldweg mit schneebedecktem Wiesenuntergrund, uneben bis bucklig durch Baumwurzeln, wofür wir trotz des leichten Gefälles knapp 20 Sekunden gebraucht haben.

Zu berücksichtigen ist, dass es sicherlich flinkere Läufer geben wird und dass wir zur Zeit der Laufversuche schon zwei Stunden Marsch hinter uns hatten. Man kann aber davon ausgehen, dass man gegen Angreifer, die über ein ungefähr horizontales Wiesenstück anstürmen, ca. 15 bis 20 Sekunden Zeit hätte, bis man von den ersten erreicht wird.

Sodann haben wir in einem Schießkeller zwei Mannzielscheiben (Hübner-Combatscheiben) nebeneinander in ca. 2 m Mittenabstand an die Kugelfänge getackert. Das waren zwar keine beweglichen Ziele, aber zum Ausgleich dafür haben die Mannsilhouetten auch nur ca. 2/3 Lebensgröße (Schulterbreite von einer Ärmelansatznaht bis zur anderen nur 34 cm). Die Entfernung betrug 22 m, was knapp das Mittel war zwischen der Distanz von ca. 50 m, auf die man mit einer Pistole zu schießen beginnen würde, und der eigenen Position. Somit entsprachen auch die Zielaufnahmezeiten und Trefferergebnisse dem Mittel dessen, was im Laufe eines realen Feindansturms von ganz weit bis ganz nah zu erwarten wäre.

Danach erfolgten die Beschussversuche, wobei die Regel war, immer zwei Schüsse auf eine Mannscheibe abzugeben, dann zur zweiten zu wechseln und sie zweimal zu beschießen, um dann wieder zur ersten zurückzukehren, die als weiterer Gegner angenommen wurde, bis die 15 bzw. 20 Sekunden um waren. Start- und Stoppansage erfolgten durch den jeweils Nichtschießenden.

Zunächst wurde mit einer Pistole im normalen Dienstpistolenformat, Kaliber 9 mm Para (Luger), geschossen.

Serie 1: Deep Roots, 15 Sekunden, 16 Schüsse, insgesamt 14 Treffer (7+7).

Die weiteren Testserien liefen dann immer über 20 Sekunden:

Serie 2: Deep Roots, 15 Schuß, 15 Treffer (8+7)
Serie 3: Dunkler Phönix, 15 Schuß, 10 Treffer (6+4)

Als nächstes schossen wir mit einem halbautomatischen Gewehr im Kaliber .22 lfb (mit Zielfernrohr, Vergrößerung auf 8fach, jeweils 20 Sekunden lang:

Serie 4: Deep Roots, 16 Schuß, 16 Treffer (8+8)
Serie 5: Dunkler Phönix, 14 Schuß, 13 Treffer (7+6)

Beim Kleinkaliber-Halbautomaten war das Treffen einerseits durch den Schulteranschlag und das Zielfernrohr erleichtert, andererseits war aber der Schwenk auf das jeweils nächste Ziel durch das enge Gesichtsfeld des ZF erschwert, sodass man oft zuerst über die Mannscheibe hinwegzuschwingen neigte und darauf wieder zurückschwenken musste. Mit einer geringeren Vergrößerung wäre wahrscheinlich bei gleichbleibender Trefferquote eine schnellere Schussfolge möglich gewesen, auch bei einem stärkeren Kaliber mit mehr Rückstoß. Diese Gesichtsfeldproblematik ist ein beachtenswerter Punkt bei der Nahverteidigung mit Zielfernrohrgewehren. Bei zu starker Vergrößerung und engem Gesichtsfeld kann das Ziel und sein Umfeld (weitere Gegner) auch durch den Hochschlag einer großkalibrigeren Waffe aus dem Sichtfeld geraten, sodaß man beim Wiederhinsuchen Zeit verliert.

Trotz aller Vergleichbarkeitsunsicherheiten kann man jedenfalls sagen, daß man in so einer Situation eines rücksichtslosen Ansturms unbewaffneter Angreifer etwa 7 – 8 Gegnern im Schnitt zwei Pistolentreffer verpassen könnte. Die Frage ist, ob die für eine Ausschaltung reichen würden. Bei denen, die man schon auf ca. 50 m trifft, könnte auch ein besser platzierter Schuss reichen, dass der Getroffene zumindest wegen Blutverlust zusammenklappt, bevor er einen erreicht, während im Nahbereich auch eine Nachbehandlung mit weiteren Schüssen erforderlich sein könnte. Einen Angreifer, den man schon unmittelbar vor sich hat, kann man wahrscheinlich auch mit einem einzigen Kopfschuss erledigen.

P. T. Kekkonen schreibt in Suomi KP/31: Die Mähmaschine von Tikkakoski:

Die Erfahrung des Winterkriegs lehrte die Maschinenpistolenschützen, Feuerstöße von 2 -3 Schuß abzugeben, und während des Krieges von 1941 – 1944 war bekannt, daß nicht weniger als fünf oder sechs 9-mm–Kugeln eine ausreichende Dosis Medizin waren. Durch kürzere Feuerstöße verwundete Feindsoldaten konnten oft weiterkämpfen, wenn sie sich vom anfänglichen Schock erholt hatten, selbst wenn sich die Treffer nach einer kurzen Weile als fatal erwiesen.

Dies bezog sich natürlich auf die Verwendung von militärischer Vollmantelmunition, während man in einem Verteidigungsszenario wahrscheinlich wirksamere Hohlspitzpatronen zur Verfügung hat. Dennoch kann auch damit eine größere Trefferzahl nötig sein, wie dieses Video vom Schusswaffengebrauch des Polizisten Michael Slager gegen den Neger Walter Scott zeigt, der nach angeblich 5 Treffern zusammenbrach:

Da wir in den angenommenen 20 Sekunden 15 bis 16 Schuss abgefeuert hatten, was dem normalen Magazininhalt der meisten normal großen 9-mm-Pistolen entspricht, wäre es auch nicht sinnvoll, schon auf eine Entfernung von wesentlich mehr als 50 m mit dem Schießen zu beginnen. Ein Magazinwechsel wäre nur bei deutlich beschränkterer Kapazität von unter 10 Schuss sinnvoll; bei nur etwas weniger als 15 Patronen im Magazin wäre es besser, etwas langsamer zu schießen und zu versuchen, bessere Treffer zu plazieren.

Jedenfalls würde bei einer Bewaffnung mit Pistolen alles ab 10 Angreifern pro verteidigendem Schützen auf einen fatalen Ausgang für letztere hinauslaufen (was auch wieder davon abhinge, ob die Angreifer völlig unbewaffnet sind oder irgendwelche „kalten Waffen“ (Nicht-Schusswaffen) haben, und ob man selber im Nahkampf auf letzteres zurückgreifen könnte – siehe „Die Chancen verbessern“ weiter unten).

Bei einer Verteidigung mit Maschinenpistolen nehmen wir an, dass man in denselben 20 Sekunden etwa 10 ganz kurze Feuerstöße von 3 Schuss abgeben und damit ca. 10 Gegner ausschalten könnte, wonach das Magazin ohnehin leer wäre. Außer bei der Suomi KP/31 oder der Shpagin-Maschinenpistole, deren Trommelmagazine 70 Patronen fassen, womit man 14 Feuerstöße zu 5 Schuss abgeben könnte. Mit Langwaffen (auch halbautomatischen oder Repetiergewehren) könnte man aber schon auf mindestens doppelte Entfernung zu schießen beginnen und hätte somit auch doppelt soviel Zeit zur Abwehr zur Verfügung. Repetiergewehre in Büchsenkalibern wären langsamer zu schießen, würden aber wegen der größeren Präzision eine Feuereröffnung auf noch größere Distanz ermöglichen. Je nach Munitionsart, Funktionsprinzip (Halbautomat oder Repetierer), Zielvorrichtung, Trainingsstand der Schützen und den Geländeverhältnissen dürfte das kritische Verhältnis von Angreifern zu Verteidigern für eine Abwehr mit Langwaffen zwischen 15:1 und 20:1 liegen.

Auswertung

Es wird also absolut deutlich, dass die Szene nicht unrealistisch ist – unter einer Bedingung:

Die „Zombies“ verhalten sich auch wie solche (also wie die „schnellen“ Zombies aus den neueren Filmen, nicht die langsamen aus den alten). Normale Menschen würden von Verwundungen und dem Schock darüber, dass links und rechts die Kameraden sterben, wahrscheinlich in die Flucht geschlagen oder zum Deckungnehmen veranlasst, es sei denn sie wären genauso verzweifelt wie die Aufständischen aus den Distrikten, die nun wirklich nichts zu verlieren haben oder in einer vergleichbaren Situation (fanatisiert nicht nur durch z.B. Propaganda und/oder Hass, sondern auch durch Hunger und Entbehrung).

Umgekehrt müssen die Schützen ebenfalls Fanatiker oder militärische Profis sein, sie schießen ja nicht wie wir auf leblose Ziele, sondern auf echte Menschen und haben wahrscheinlich lähmende Todesangst. In C. F. Eckharts Die Revolverhelden des Wilden Westens: Gespräch mit einem Gunfighter schildert ein alter Sheriff, der im frühen 20. Jahrhundert aktiv war, wie es sich anfühlt, tatsächlich in einem Feuerkampf zu sein:

„Wir gingen also zu seinem Zimmer hinauf und klopften an die Tür, und als er fragte, wer das sei, riefen wir vorschriftsgemäß: ‚Polizei, wir haben einen Haftbefehl für Sie!’ Ich trat neben die Tür zur einen Seite und mein Kollege zur andern Seite, und schon schoss er mitten durch die Tür, genau dorthin, wo eben noch mein Hosenknopf gewesen wäre. Im Korridor hing an einer Kette eine elektrische Lampe, und mein Kollege zerschlug mit dem Revolverlauf die Glühbirne, damit wir kein Licht mehr im Rücken hatten, und dann brachen wir die Tür auf. Er schoss genau zwischen uns durch, aber dabei sahen wir sein Mündungsfeuer und schossen in seine Richtung. Jedesmal, wenn er schoss, konnten wir sein Mündungsfeuer sehen und schossen dorthin. Vermutlich machte er’s genauso. So schossen wir vielleicht vier-, fünfmal hin und her, da gab er plötzlich einen komischen Laut von sich und stand auf. Er war deutlich zu sehen mit dem Fenster im Rücken, aber er schoss nicht, also schossen wir auch nicht. Einen Moment lang dachten wir, er wolle sich ergeben. Er kam auf uns zu, vielleicht zwei, drei Schritte, und dann kippte er nach vorn und fiel aufs Gesicht, und er war mausetot, als wir zu ihm traten. Er hatte drei Schusslöcher in sich, und bis heute weiß ich nicht, wie viele von mir stammten. Wahrscheinlich hat es keine zehn Sekunden gedauert von dem Moment, als wir die Tür auftraten, bis er tot war, aber ich kann dir sagen, es ist mir wie zehn Stunden vorgekommen!

Ich hatte wahrhaftig keine Zeit, mich zu fürchten, solange die Schießerei im Gange war, aber als sie vorbei war, musste ich mich hinsetzen, mir zitterten fürchterlich die Knie, und als sie zu zittern aufhörten, musste ich schleunigst aufs Klo rennen. Das ist auch so etwas, das einem die Filme und das Fernsehen immer verschweigen: Es ist alles andere als angenehm, wenn jemand auf einen schießt.

So geht eine Schießerei in Wirklichkeit vor sich, mein Junge, und nicht, wie das im Film gezeigt wird. Bevor es losgeht, kriegt man einen so trockenen Mund, dass man Watte ausspucken könnte, und man hat einen Klumpen im Bauch wie eine Kanonenkugel so groß. Und dann tut man eine kurze Zeitlang einfach, was man zu tun hat, und danach schlottern einem die Knie und man muss dringend aufs Klo. Solche Details werden in den Wildwestromanen und am Fernsehen immer unterschlagen. Wenn du mal darüber schreibst, dann vergiss nicht, auch das zu erwähnen.“

Die Anstürmenden müssen wie gesagt verzweifelt sein, sonst werden sie höchstwahrscheinlich bei den ersten Toten die Flucht antreten oder zögern und den Schützen die Möglichkeit geben, weitere Schüsse abzugeben (z.B. gezielte auf den Kopf). Sobald der Ansturm verlangsamt wird oder zum Stillstand kommt, ist für die Angreifer alles verloren.

Die Schützen aber müssen sich klar sein, dass egal, wie groß die Magazine der Waffen sind, egal, ob sie noch auf zweite und dritte Schusswaffen zurückgreifen können, die Menge sie innerhalb kürzester Zeit erreichen und einfach umrennen wird.

Die Chancen verbessern

Daher sollten sie, wenn sie überleben wollen, im Gegensatz zu den Soldaten von Panem im Film auch auf den Nahkampf vorbereitet sein.

Das unscheinbare Bajonett (am Gewehrlauf aufgepflanztes Messer) ist eine tödliche Waffe, die allerdings zunächst nur einen einzigen Angreifer aufspießen kann. Bei dem Schwung, den die auf den Schützen zurasenden Zombies haben, wird dieser eine Angreifer den Verteidiger wahrscheinlich trotzdem zu Boden reißen. Da wir wie in der Dammszene von wenigen Verteidigern ausgehen, würde das Bajonett die Peacekeeper auch nicht gerettet haben…

Wir bevorzugen den beidhändigen Nahkampf. Eine sehr gute und günstige Variante ist das Kämpfen mit dem Tomahawk (siehe Orkspalter: Äxte, Beile, Tomahawks) und dem Kampfmesser. Der unbewaffnete Gegner kann die Attacken beider Waffen nicht abblocken, ohne sich schwere Wunden zuzuziehen, er kann nur ausweichen – und um dem Angriff der Waffen auszuweichen und seinerseits Treffer mit Fäusten oder Tritten zu platzieren, muss er mehr als ein wenig Kampfsporterfahrung haben. In unserer Situation würde sich bei einem ersten Abwehren des Ansturms mit den genannten oder ähnlichen Nahkampfwaffen ein „Stau“ bei den Angreifern ergeben, ihr Hauptvorteil – der aus der Geschwindigkeit resultierende Schwung – wäre dahin, alles weitere wäre „man to man combat“ mit Vorteilen für die Bewaffneten, selbst wenn sie in der Unterzahl sind (soweit sie nicht als Einzelne, sondern im Team kämpfen können). Eventuell besteht bei erst einmal gestopptem Ansturm auch wieder die Möglichkeit, nach dem Ausschalten der „ersten Reihe“ ein paar Schritte zurückzuweichen und wieder mit Feuerwaffen zu kämpfen – da die Angreifer gerade nicht rennen, hat jeder von ihnen die Wahl, entweder wieder gegen die Leute vorzurücken, die sich gerade als sehr wehrhaft erwiesen haben oder in die andere Richtung zu verschwinden.

Natürlich besteht trotzdem die Möglichkeit, dass die mit Nahkampfwaffen ausgerüsteten Verteidiger einfach umgerannt werden, wenn die Angreifer schnell genug sind und auch im Nahkampf schwere Verwundungen zu riskieren bereit sind.

Recht exotische Waffen wie Breitschwerter und Speere würden in der Situation noch einen größeren Vorteil ergeben. Vor allem Speere wären die ideale Nahkampfabwehr.

Wer kennt nicht die geniale Abwehr der englischen Kavallerie durch die schottischen Barbaren in Gibsons „Braveheart“, in der die Schotten in einer dilettantischen, aber effektiven, Kopie der griechischen „Hopliten“ Technik schwere Reiterei besiegen?

Wer sie nicht kennt, kann sie hier ansehen:

https://youtube/rdlL65LD6I4

Man braucht natürlich das richtige Holzwerkzeug und ein wenig heute nicht mehr selbstverständliches Wissen über Holzbearbeitung, aber auch in einer Situation, wo man nicht mehr unbedingt auf moderne Technik zurückgreifen kann, sind Speere machbar.

Eine ähnliche Möglichkeit besteht im Anspitzen von massiven Holzpfählen. Auch dafür gibt es ein filmisches Anschauungsbeispiel aus „der 13. Krieger“ (wir haben die Szene auf YT leider nicht gefunden. Es ist der Nachtangriff der „Wenduls“, wo die Nordmänner und Antonio Banderas als Botschafter der Araber die Reiterangriffe mit Pfählen abwehren).

Der Unterschied zu der Schottentaktik ist hier nur, dass die Pfähle der Wikinger etwas massiver (und kürzer) sind als die Speere der Schotten und dass die Nordmänner die Pfähle mit dem Fuß fixieren. Dafür ist überdurchschnittliche Kraft erforderlich, die man sich aber im Sinne einer „ganzheitlichen“ Krisenvorsorge sowieso antrainieren sollte.

Was gegen Kavallerie wirkt, wirkt erst recht gegen unbewaffnete Sprinter…

Eine Variante von dieser Taktik ist das Vergraben der Pfähle in den Boden im 45 Grad Winkel, was natürlich auf Waldboden etwas weniger Mühe kostet als auf der Betonstraße auf unserem Damm. Die Pfähle sollten dann etwas höher aus dem Boden ragen als ein Hürdenläufer springen kann (die Männer bei Olympia springen über 1,10m hohe Hürden). Und es sollte mehr als eine Reihe Pfähle sein, um eine „Stoppwirkung“ zu erzeugen.

Wer sich vorbereiten kann und das entsprechende Material hat, kann auch mit Stacheldraht oder Müll und Gerümpel Barrieren bauen. Die Optimierung dieses Ansatzes ist die Festung, in welcher der Schütze aus erhöhter Position und hinter Deckung auf die Angreifer feuert, was jede Belagerung der Geschichte ohne trojanische Pferde oder Verräter für die Angreifer sehr verlustreich gemacht hat.

Eine weitere Möglichkeit, sich mehr Zeit zu verschaffen, ist das schrittweise Zurückweichen während des Schießens (ausreichend ebenen Untergrund und Hindernisfreiheit vorausgesetzt) – nur sind die Taktiken nicht kombinierbar! Wer in einer Festung herumsitzt, Speere zu den Füßen oder Stacheldraht/ Pfähle vor sich hat, der sollte nicht zurückweichen….

Zusammenfassung

Abgesehen davon, dass der Film natürlich Science Fiction ist, erscheint uns die Dammszene und ihr Resultat – das Überrennen der bewaffneten Schützen durch unbewaffnete Fanatiker – realistisch. Mit Nahkampf- und Verbarrikadierungsmaßnahmen lassen sich die Chancen der Schützen erhöhen, allerdings können die „Zombies“ ihre Gewinnchancen ebenfalls erhöhen, wenn sie nicht zu Fünfzig oder Hundert, sondern zu Zweihundert oder Tausend sind. Je größer ihre zahlenmäßige Überlegenheit ist, desto geringer ist auch das Risiko für jeden einzelnen, während des Sturmangriffs getroffen zu werden, und umso eher werden sie einen solchen auch dann wagen, wenn sie etwas mehr als echte Zombies am Leben hängen.

Und über Mangel an Menschen können sich unsere „Zombies“ ja nun wirklich nicht beschweren…

D.h. man muss sich klar werden, dass bei ausreichender Zahl von Angreifern jeder Schütze, der nicht über schweres militärisches Gerät verfügt (und bei noch größerer Anzahl auch der!), früher oder später überrannt wird.

Nun könnte der Eindruck entstehen, daß wir mit diesen Überlegungen auf Szenarien in der Art von „Heerlager der Heiligen“ anspielen oder abzielen, aber friedlichen Leuten wie uns liegt so etwas natürlich völlig fern, und falls irgendwelche Verlinkungen im Text oder Anhang nach einer Bestätigung obigen Eindrucks aussehen sollten, so wäre das reiner Zufall.

* * * * * * *

Siehe auch:

Das entscheidende Ausrüstungsstück, das bewaffnete Heimverteidiger immer vergessen von Robert Farago
Hülsenfrüchte 1: Schrotpatronen für Faustfeuerwaffen von Deep Roots
Der Schuss durch die Tasche von Peter Ernst Grimm und Hans-Jörg Signer
Was leisten Kleinkaliberpatronen von Marcel Geering
Was man alles aus .38-Special-Revolvern verschießen kann von Thomas Hartl
Ersatzpatronen für 9 mm Para-Pistolen: Welche verdauen sie? von Thomas Hartl
Lauflänge und Anfangsgeschwindigkeit von Thomas Hartl
Die Lauflänge von Faustfeuerwaffen: Sind lange Läufe wirklich besser? von Wiley Clap
Drei Kurze bitte! Zielballistik von Taschenrevolvern in .38 Special und .357 Magnum von Tino Schmidt und Stefan Perey
Leuchtpistolen und ihre Wirkungen von Siegfried F. Hübner

Die Maschinenpistole MP 40/I im scharfen Schuß von Robert Bruce

Suomi KP/-31: Die Mähmaschine von Tikkakoski von P. T. Kekkonen

Teilchenbeschleuniger 1 und 2, zwei Flintenratgeber von Deep Roots
Büchsen-Licht (1): Kleinkalibergewehre von Deep Roots
Büchsen-Licht (2) Unterhebelrepetiergewehre von Deep Roots
Büchsen-Licht (3): Militärische Mausergewehre von Deep Roots
Büchsen-Licht (4): Lee-Enfield-Gewehre von Deep Roots
Büchsen-Licht (5): Preisgünstige Zentralfeuerbüchsen von Deep Roots
Büchsen-Licht (6): Mosin-Nagant-Gewehre von Deep Roots
Büchsen-Licht (7): Steyr-Mannlicher „Scout“ von Deep Roots, unter Verwendung eines Testberichts von Martin Schober
Büchsen-Licht (8): Springfield M 1903, MAS 1936 und Schweizer K 31 von Deep Roots
Büchsen-Licht (9): Praxistest Kurzkarabiner FR 8 von Deep Roots

Orkspalter: Äxte, Beile, Tomahawks von Deep Roots
Kleine Krisenvorsorge von Deep Roots
Informationen für Schießwütige – Waffenrecht in der BRD von Dunkler Phönix
Überlegungen zum Verhalten bei Katastrophen von einem unbekannten Autor, der darin seine Erfahrungen mit der Katrina-Katastrophe und seine darauf beruhenden Überlegungen schildert

Zompocalypse Now: Amerikas Heimtrainer-Tribalismus von Jack Donovan

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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Ein Kommentar

  1. Zu diesem Artikel habe ich jetzt nachträglich doch noch die fehlenden Bilder gefunden und eingefügt. Als Titelbild habe ich aber die animierte gif-Datei belassen statt des originalen statischen, das auch die Peacekeeper in derselben Situation zeigt.

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