Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 1)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

 Vorbemerkung des Verfassers: Dies ist eine Geschichte, deren dreieinhalb Jahrzehnte lange „Entstehungshistorie“ damit begonnen hat, daß ich irgendwann Anfang der 1980er den amerikanischen Fernsehfilm „Raubvögel“ („Birds of Prey“) von 1973 gesehen habe. Zu der Zeit kannte ich schon das damals noch recht neue Musikalbum „The Turn of a Friendly Card“ von Alan Parsons Project, und irgendwie haben sich einige Lieder daraus zusammen mit „Raubvögel“ in meinem Kopf zur Grundidee eines SF-Films entwickelt, der im Kern eine Art futuristisches „Raubvögel“ sein sollte, mit „The Turn of a Friendly Card“ als Filmmusik (ich hegte damals den Traum bzw. die Illusion, irgendwann einmal Profi-Filme machen zu können).

Später, nach Aufgabe des Filmertraums, hatte ich die Geschichte irgendwann einmal zu einem Buch verarbeiten wollen, und im Oktober 2017 habe ich mich dazu entschlossen, sie nun endlich in Form eines Blogbeitrags zu verwirklichen, was auch die Integration von „The Turn of a Friendly Card“ und anderer Lieder als eine Art „Filmmusik“ ermöglicht. Im Kern ist die Geschichte immer noch das ursprüngliche Projekt, aber sie ist im Laufe der Jahre doch in mancher Weise zu etwas ganz anderem mutiert.

Dies ist Teil 1 von 4, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch ein Glossar.

Zur Einstimmung vor dem Lesen gibt’s hier das Instrumentalstück The Ace of Swords“ aus The Turn of a Friendly Card“ (jedoch in einem Stück mit „Nothing left to lose“; gesamt 7:10 min.):

 A C E   O F   S W O R D S :   A L L E S   A U F   E I N E   K A R T E

Prolog

Der Große Galaktische Krieg war beendet. So hatten ihn die Menschen genannt, für die es der erste große interstellare Konflikt war, den sie erlebten. Für die anderen Spezies, die im Rahmen der Galaktischen Zivilisation daran teilgenommen hatten, war er bloß ein Maßregelungskrieg gegen die Xhankh gewesen, die sich geweigert hatten, alle Regeln jener lose verbundenen Multispezies-Zivilisation einzuhalten, gegen die sie sich schließlich in einem offenen Krieg gewandt hatten. Wie ihn die Xhankh nannten, für die er mit der schwersten Niederlage ihrer Geschichte und dem Verlust der meisten ihrer Welten geendet hatte, verrieten sie niemandem. Nun sammelten sich die Schiffe der Sieger zur Rückkehr in ihre Heimatsysteme, die Kreuzer der Menschen ebenso wie die gigantischen Kriegsschiffe der älteren Galciv-Mächte, vor denen sie beinahe zwergenhaft wirkten.

Begonnen hatte der Krieg mit einem Streit um das Recht der Nachbarspezies der Xhankh, im von diesen beanspruchten Raumgebiet um den Kohlensack-Dunkelnebel Welten zu besiedeln, die von ihrer Natur her für sie am besten geeignet waren, während die Xhankh sie als neue Heimatwelten uninteressant fanden. Dies war gängige Praxis und entsprach einer der fundamentalsten Regeln der Galaktischen Zivilisation: Nachdem für jede Spezies nur ein Bruchteil aller für Leben bewohnbaren Welten hinsichtlich Schwerkraft, Spektraltyp der Sonne, Jahreslänge und Rotationsdauer sowie chemischer Beschaffenheit ideal war und andererseits die überlichtschnellen Raumschiffe eine weiträumige Erschließung ermöglichten, ließen die raumfahrenden Spezies die für sie suboptimalen Welten ungenutzt, auch wenn sie näher an ihrem Ursprungssystem lagen. Stattdessen kolonisierten sie nur optimale, auch wenn sie weiter entfernt und zwischen die Welten anderer Spezies mit anderen Bedürfnissen eingestreut lagen. Exklusive Hoheitsansprüche auf ein bestimmtes Raumgebiet wurden von der Galciv nur im näheren stellaren Bereich um das Ursprungssystem einer Spezies toleriert. Die Xhankh wollten jedoch aus strategischen Gründen keine Kolonien fremder Wesen zwischen ihren Welten dulden, und weil sie eine der bedeutendsten Mächte in jenem Raumsektor waren, glaubten sie sich in der Position, diesen Standpunkt durchsetzen zu können.

Außerdem hatten die Xhankh sechs Jahrtausende zuvor eine wesentliche Rolle bei der Bekämpfung und schließlichen Ausrottung der Lwaong gespielt, deren Machtbereich einen Großteil der sechshundert Lichtjahre zwischen Sol und dem Kohlensack eingenommen und sich noch ein Stück über Sol hinaus in Richtung des galaktischen Randes erstreckt hatte. Die Lwaong hatten sich überhaupt geweigert, der Galaktischen Zivilisation beizutreten, und weiterhin interstellare Expansion betrieben, wenngleich nicht auf Kosten von Galciv-Mitgliedsmächten. Schließlich war es zum totalen Krieg gekommen, und weil die Xhankh diesen entscheidend zu gewinnen geholfen und dabei nicht nur militärische Stärke gezeigt hatten, sondern seitdem auch einen Teil des ehemaligen Lwaong-Raumes besaßen, der ihnen zusätzliche strategische Tiefe und Ressourcen gab, verhielten sie sich unnachgiebig, schüchterten ihre Nachbarn mit ihren Kampfschiffen ein und setzten auf die Kriegsunwilligkeit der alten Galciv-Spezies.

Nach einer Reihe eskalierender feindseliger Zwischenfälle hatte die Galciv ihre Mitgliedsspezies dann doch zum Krieg gegen die Xhankh aufgerufen, die zunächst nur gemaßregelt, in ihrer Stärke beschnitten und zur vollen Akzeptanz aller Galciv-Prinzipien samt Abtretung aller zuvor umstrittenen Welten in ihrem Raumbereich gezwungen werden sollten. Diesem Aufruf waren anfänglich nur die unmittelbaren Nachbarn der Xhankh nachgekommen, sodaß letztere zunächst bedeutende Anfangserfolge erzielen konnten. Als dann in entfernteren Randbereichen der Galciv-Sphäre auch noch dritte Mächte – eigensinnige Halbmitglieder, widerstrebende Eingliederungskandidaten und offene Feinde – begonnen hatten, alte Rechnungen wieder aufzumachen, hatte es für die Xhankh noch besser auszusehen begonnen. Über diese letzteren Aspekte des frühen Xhankh-Krieges war für die Menschen nur wenig und teils Widersprüchliches zu erfahren gewesen, aber soviel war klar: Die Galaktische Zivilisation sah sich nun in diesem Raumsektor ernstlich in Bedrängnis.

Sie hatte darauf reagiert, indem sie nun doch eine Anzahl weiterer Mitglieder zu einem wenigstens begrenzten Engagement mobilisierte, um zunächst jene zusätzlich aufgeflammten Grenzkonflikte zu bereinigen. Danach hatte sie sich verstärkt gegen die Xhankh wenden und deren Vordringen stoppen können. Der nächste Schritt hatte in der Gewinnung des jüngsten Mitglieds, der Solaren Föderation, für einen Kriegseintritt bestanden.

Die Solare Föderation, ein loser Zusammenschluß aus Euro-Afrikanischer Föderation, Eurasien, Pazifischer Föderation und Panamerikanischer Union, war in der Mitte des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts nach dem Erstkontakt mit den Arrinyi gebildet worden, denen die Menschen als ersten Vertretern der Galciv und als ersten Außerirdischen überhaupt begegnet waren. Zu dieser Zeit hatten die irdischen Mächte gerade mit der Erforschung von Sols Nachbarsternen mittels erster Warpraumschiffe begonnen und dabei auch auf zwei Exoplaneten halbprimitive Menschenpopulationen gefunden, wofür sie keine Erklärung hatten, denn von den Aktivitäten der Lwaong in der Prähistorie wußten sie noch nichts. Die neu eröffnete galaktopolitische Perspektive hatte den Befürwortern einer engeren globalen Integration unter den irdischen Eliten zur Durchsetzung gegenüber den Anhängern der multipolaren Version einer transnationalen Weltordnung verholfen. Danach hatte die Verlockung einer allmählichen Einführung in den technisch-wissenschaftlichen Stand der Galaktischen Zivilisation, die von den Arrinyi und Vertretern der älteren Mächte aus dem geheimnisvollen Inneren der Galciv-Sphäre in Aussicht gestellt worden war, dazu geführt, daß ab 2155 mit der schrittweisen Aufnahme der Menschheit in den uralten interstellaren Zivilisationsverband begonnen wurde.

Als vier Jahrzehnte später Nachrichten über Kämpfe im Raum um den Kohlensack die Menschenwelten zu erreichen begonnen hatten, war man dort zunächst auf Heraushaltung bedacht gewesen, aber die Galciv hatte den Menschen für den Fall einer Kriegsteilnahme auf ihrer Seite einen beschleunigten Technologietransfer versprochen, und dann hatte es mehrere mysteriöse Überfälle auf Erdaußenposten gegeben, die den Xhankh zugeschrieben worden waren.

Darauf war eine massive Kriegspropagandawelle in allen Medien gefolgt, die die Vision vom heroischen Einsatz der Solaren Streitkräfte für Frieden und Sophontenrechte beschworen hatte. Besonders die Arrinyi, die bei den Menschen wegen ihres am ehesten noch einigermaßen humanoiden Äußeren die beliebtesten aller Außerirdischen waren (auch weil man ihnen wegen ihrer andersartigen Lebensbedürfnisse als Bewohner langsam rotierender Welten von K-Typ-Sonnen keinen Appetit auf Menschenwelten zutraute) und die als nächste Nachbarn der Xhankh am meisten von deren Übergriffen betroffen waren, wurden als Opfer präsentiert. Es gab sogenannte Hilfseinsätze irdischer Schiffe, die prompt mit den Xhankh aneinandergerieten, und als 2200 das nächste Jahrhundert eingeläutet wurde, war auch die Solare Föderation voll in den Krieg verwickelt.

Für die Xhankh hatte sich nun das Blatt zu wenden begonnen, aber im Wissen um das Schicksal, das den Lwaong sechs Jahrtausende zuvor unter ihrer maßgeblichen Mitwirkung zugefügt worden war, hatten sie sich mit immer verbissenerer Verzweiflung gewehrt und dabei Kraftreserven mobilisiert, mit denen ihre Gegner nicht gerechnet hatten. So wurde es ein langer, kostspieliger und verlustreicher Krieg, der erst 2247 endete, nachdem den Xhankh ihr Überleben als Spezies auf ihrer Ursprungswelt und im ältesten Drittel ihrer Kolonien zugesichert worden war. Überall sonst in ihrem Imperium wurden sie zur Strafe vertrieben oder ausgelöscht.

In den Nachkriegsjahren hatte es dann große Umwälzungen gegeben. Viele militärische Raumschiffe waren auf dem zivilen Gebrauchtmarkt günstig verkauft worden, und Händler, Forscher und Glücksritter aller Art schwärmten in die stellare Nachbarschaft aus, deren Erdstandard-Welten den Menschen zugesprochen worden waren. Die irdischen Behörden hatten große Mühe, Recht und Ordnung in dem rasch erweiterten menschlichen Aktionsraum durchzusetzen, in dem es auf vielen Menschenwelten mehr oder weniger unabhängige Staaten gab. Denn unter den vielen individuellen Verlierern des Krieges – darunter auch Veteranen, die nicht mehr zurück ins Zivilleben fanden und oft keinen passablen Job angeboten bekamen – gab es auch etliche, die auf neue, alte Art am aufkommenden interstellaren Boom mitnaschen wollten: durch Piraterie. Mit billig gekauften, alten Militärtransportern und Kurierbooten voller Surplus-Ersatzteile durchstreiften sie die ehemaligen Kampfgebiete auf der Suche nach Wracks, aus denen sie noch brauchbare Waffen und Teile ausbauten, um ihre Schiffe aufzurüsten. Oft gelang es ihnen sogar, aufgegebene Kriegsschiffe wieder zu reparieren oder aus den Teilen mehrerer davon neue aufzubauen – Langstreckenraumjäger, Korvetten, Spähkreuzer. So ausgestattet, kaperten sie Schiffe, forderten Schutzgeld von Reedereien und überfielen Siedlungen auf Koloniewelten. Einige der Piraten waren auch Xhankh oder gehörten anderen nichtmenschlichen Spezies an, mit denen die Menschen Kontakt hatten.

Als die Raumpiraterie über ein gewisses Maß hinauswuchs, sannen die irdischen Behörden auf Abhilfe. Da sie nach dem teuren Krieg zu wenig Mittel für ausreichende eigene Anstrengungen hatten, engagierten sie zum einen Kopfgeldjäger, die auf den rauheren Koloniewelten kriminellen Abschaum bekämpfen sollten. Zum anderen stellten sie aber auch Jagdlizenzen für zuverlässige ehemalige Raumjägerpiloten aus, denen man ausgemusterte Überlicht-Langstreckenjäger zu günstigen Preisen überließ und die im Raum Jagd auf die Piraten machen sollten. Ihren Unterhalt sollten sie sich durch Prämien verdienen, welche die Raumfluggesellschaften und die Interessensverbände privater Schiffseigner für beglaubigte Abschüsse ausgesetzt hatten. Außerdem sollten sie von der Solaren Raumflotte für militärisch nutzbare Informationen über die Piraten durch Ersatzteile, Wartungsleistungen, Munition und Geld entlohnt werden. Ein weiterer Nebenverdienst sollte durch private Kurierflüge und andere Transportleistungen erzielt werden, für welche diese schnellen, gut bewaffneten Kampfschiffe, die meist für mehrere Personen eingerichtet waren, sehr gefragt sein würden. Etliche Piloten ergriffen diese Chance und versuchten ihr Glück – mit unterschiedlichem Erfolg.

1) Ace of Swords

Sein Schiff schwebte bereits unter Eigenantrieb über dem Vorfeld der Raumflottenbasis von Syrtis Major, als Ronald Brugger dort eintraf. Der Wachroboter, der seinen Identitäts- und Eigentumsnachweis verlangte, kam in der schwachen Marsschwerkraft mittels seiner MET-Antriebe auf ihn zugeschwebt, während im Hintergrund der riesige Wartungsroboter gerade die letzten Einstellungen vornahm. Nachdem er sich als Schiffseigner legitimiert hatte, flog Brugger seinen Gleiter neben den rechten Lufteinlauf des Schiffs und stieg über die Einlaufoberseite in den geräumigen Kontrollraum, wo er sich auf dem rechten Vordersitz niederließ. Den Gleiter schickte er weg. Auch wenn er sein Raumschiff durch die Bodenluke hätte betreten und durch den Steigschacht hinter dem Besatzungsteil nach oben klettern können, zog er es in diesem Moment vor, die Umstände zu nutzen und seinen neuen Einsatz auf diese Weise zu beginnen.

Der Wartungsroboter war fertig und hatte seine Arme zurückgezogen, und so schloß Brugger das Kanzeldach und löste die Startsequenz der Bordsysteme aus. Bildschirme hellten sich auf, und die Bereitschaft des Schiffsgehirns wurde angezeigt. Der kleinere der beiden Hilfs-Massekonverter sprang an und steigerte seine Leistung auf das Niveau hin, wo er damit den größeren starten konnte. Zur Schonung der Treibstoffvorräte arbeitete er noch mit angesaugter Marsluft, wie es die Konverter auch während des Steigflugs tun würden. Der Wartungsroboter löste sich nun auch vom PCC-Anschluß am Vorderrumpf, über den er bis dahin die Schiffsantriebe gesteuert und mit Strom versorgt hatte.

„Hallo, Acey“, begrüßte Brugger die Schiffs-KI.

„Grüß dich, Ron“, antwortete eine freundliche Altstimme. „Schön, dich wieder an Bord zu haben. Geht’s wieder auf die Jagd?“

„Ja“, sagte er. „zuerst nach Delta Pavonis, dort hör‘ ich mich um und entscheide dann Weiteres. Erstelle schon mal das Flugprogramm dorthin.“

„Du sagst mir, wie ich tun muß, und ich füg‘ mich nach dir“, antwortete die KI. „Fliegst du bis in den Marsorbit wieder manuell?“

„Ja. Los geht’s.“ Mittlerweile liefen beide Hilfs-Massekonverter, und Brugger hob das Schiff ab, richtete es nach Süden aus und stieg mit zunehmender Beschleunigung in den Marshimmel. Er genoß den Anblick des sich stetig weitenden Horizonts, der rotbraunen Landschaft unter ihm, wo schon immer mehr Ergebnisse der langen Terraformierungsbemühungen zu sehen waren: das grüngeäderte Muster vegetationsgesäumter Flußläufe, stellenweise grüne Niederungen und glänzende Gewässerspiegel. Über dem Hellas-Becken, dessen Sohle schon von einem seichten Meer bedeckt war, rollte er das Schiff um neunzig Grad nach steuerbord, um die Rundung des Mars wie eine gewölbte Wand neben sich zu haben und dieses neugeschaffene Meer zu bewundern, an dessen grünen Ufern Menschen sich bereits ohne Sauerstoffmasken aufhalten konnten. Die Orbitalgeschwindigkeit war fast schon erreicht.

Die Ace of Swords war ein hervorragendes Schiff, ein interstellares Jagd- und Bodenangriffsschiff vom Typ Orion II, gut hundert Meter lang, über dreitausend Tonnen Startmasse. Dieses Modell war bei Kriegsende das fortschrittlichste Produkt seiner Art aus irdischer Herstellung gewesen, und Brugger hatte es geschafft, genau jenes Exemplar zu erwerben, das er im Krieg geflogen hatte, eben Acey.

Nun war die Umlaufbahn erreicht, und er schaltete auf automatische Flugsteuerung. Bis Delta Pavonis würde er ab jetzt normalerweise nichts mehr damit zu tun haben, und so hatte er Muße, um sein traditionelles Flugbeginnsritual zu pflegen, das er bisher noch bei keinem Aufbruch zu einem Jagdeinsatz ausgelassen hatte, seit er zufällig an eine Digitalaufzeichnung des uralten Musikalbums The Turn Of A Friendly Card von Alan Parsons Project aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert gekommen war. Während das Schiff weiter aus dem Marsorbit herausbeschleunigte und in steilem Winkel zur Ekliptik dem Sternbild Pavo am Südhimmel zustrebte, um sich weit genug für den Start des Warpantriebs im Sublichtbetrieb aus dem störenden Gravitationseinfluß des Mars zu entfernen, rief Brugger dieses Musikprogramm auf und spielte es beginnend mit dem Instrumentalstück The Ace of Swords ab, um sich zu den Klängen seinen Gedanken hinzugeben.

Am Xhankh-Krieg hatte er erst ab dessen Spätphase aktiv teilgenommen. Begonnen hatte es 2232, als er als Programmentwickler einer relativ kleinen Softwarefirma, die die Mensch-Maschine-Schnittstellen für die damals brandneuen Orion-II-Raumjäger entwickelt hatte, bei Routineeinsätzen der Vorserienschiffe mitgeflogen war, um die Praxiserfordernisse in der Realität kennenzulernen und die Interfaces auf deren Grundlage zur Serienreife zu bringen. Er war damals gerade fünfundzwanzig gewesen, und diese Tätigkeit wurde ihm als Ableistung der Wehrpflicht angerechnet, die damals bereits eingeführt worden war, nachdem der Krieg sich zu einer ungeahnten Intensität aufgeheizt hatte. Man hatte ihm auch eine provisorische Pilotengrundausbildung gegeben, damit er die Orions selbst als Copilot fliegen konnte, und als eine dieser Testmissionen nach einem Feindkontakt unerwartet dramatisch verlaufen war, hatte er sich dabei sehr bewährt und sein Talent als Kampfpilot entdeckt. Nach dem Abschluß der Softwareentwicklung war er Raumflottenoffizier geworden und hatte bis Kriegsende Kampfeinsätze und Patrouillen geflogen.

Im Laufe seiner Kriegskarriere hatte er mehrere brenzlige Situationen überstanden, die dazu beigetragen hatten, daß sein Haar nun graumeliert war, und einige tragische Ereignisse miterlebt. Und in all diesen Jahren war die Ace of Swords sein Schiff gewesen. Schon in alten Zeiten waren Seeleute davon überzeugt gewesen, daß jedes Schiff gewissermaßen eine Seele besaß und daß selbst innerhalb einer Baureihe keines gleich wie das andere war. Piloten in der Luftfahrt hatten oft ähnlich gedacht, und die Besatzungen der hochkomplexen modernen Raumschiffe mit ihren KI-Zentralcomputern waren davon überzeugt, daß es sich bei diesen genauso verhielt.

Zwar war klar, daß die Künstliche Intelligenz der Schiffsgehirne ihre Grenzen hatte und daß es sich dabei nicht wirklich um bewußte Wesenheiten handelte. Dennoch war es aufgrund der hohen Komplexität und der Selbstlernfähigkeit der Schiffs-KIs unvermeidlich und auch objektiv feststellbar, daß jede davon aufgrund ihrer Einsatzerfahrungen und ihres Umgangs mit den jeweiligen Besatzungen ihre eigene Quasi-Persönlichkeit mit individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten entwickelte, sodaß es schwerfiel, sie nicht tatsächlich als Persönlichkeiten zu empfinden. Daß Brugger Acey die Stimme, die Sprachmuster und die Ausdrucksweise seiner von ihm immer auf Distanz verehrten ehemaligen Chefin gegeben und ihr hierfür Mitschnitte seiner Ferngespräche mit dieser eingespeichert hatte, trug zusätzlich dazu bei. Von anderen Piloten wußte er, daß sie aus vergleichbaren Gründen ähnlich persönliche Verhältnisse zu ihren Schiffen entwickelt hatten. In den fünfzehn Jahren Kriegseinsatz war ihm auch keine Zeit für Familiäres geblieben, und als der Krieg zu Ende war, war er vierzig Jahre alt, stand mit trüben Berufsaussichten da und fragte sich, ob er nicht im Leben falsch abgebogen war.

Mittlerweile war The Ace of Swords verklungen, und das Lied Games People Play setzte ein:

Where do we go from here
now that all other children are growin‘ up
And how do we spend our lives
if there’s no-one to lend us a hand?

I don’t wanna live here no more, I don’t wanna stay
Ain’t gonna spend the rest of my life, quietly fading away.

Ah, games people play, you take it or you leave it
Things that they say, Honor Brite
If I promise you the Moon and the Stars, would you believe it
Games people play in the middle of the night.

Where do we go from here
Now that all other children have grown up
And how do we spend our time
Knowin‘ nobody gives us a damn?

I don’t wanna live here no more, I don’t wanna stay
Ain’t gonna spend the rest of my life, quietly fading away.

Games people play, you take it or you leave it
Things that they say just don’t make it right
If I’m telling you the truth right now, do you believe it
Games people play in the middle of the night.

Die Raumflotte hatte keine Verwendung mehr für ihn gehabt; die zivilen Raumfluggesellschaften waren zum einen noch nicht in der Expansionsphase der folgenden Jahre gewesen, hatten ihre Postenbesetzungen zum anderen vorwiegend nach ethnisch-rassischen und Geschlechterquoten vorgenommen und außerdem eher jüngere Bewerber bevorzugt, und in seinem früheren Beruf hatte er den fachlichen Anschluß verloren. Seine ehemalige Chefin, mit der er immer ein sehr freundschaftliches Verhältnis gehabt hatte, hätte ihm zwar dennoch eine Chance auf einen Wiedereinstieg gegeben, jedoch war sie schon sieben Jahre zuvor aus ihrer Firma gedrängt worden, die dann ein Konzern übernommen hatte. So war Ronald Brugger ohne Erwerbsbeschäftigung dagestanden, abgesehen von gelegentlichen Pilotenjobs bei Billigbetreibern, hatte deshalb noch immer keine Familie gründen können und war ohne Zukunftsperspektiven durchs Leben gegangen. Erst durch die aufkommende Raumpiraterie hatten sich ihm neue Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnet, zunächst als Kopfgeldjäger auf den Koloniewelten, wobei er auch zu seinem ersten Schiff Lysithea gekommen war, das er immer noch besaß, und dann durch den Erwerb der Ace of Swords, mit der er nun Piraten im Raum jagte.

In diesen Jahren hatte er auch immer mehr an dem System zu zweifeln begonnen, in dem er lebte. Ein gewisses Unbehagen hatte er schon früher empfunden, das jedoch in der Kriegszeit durch seinen Erdpatriotismus überdeckt worden war und für das er auch keine klaren Gründe hatte nennen können. Bereits in der Schlußphase des Krieges war ihm bei rückwärtigen Stellen eine zunehmende Tendenz zu Korruption und Tolerierung von Inkompetenz aus politkorrekten Rücksichten aufgefallen, wenngleich man dies wegen der Kriegssituation in engen Grenzen halten mußte, und soweit er es mitbekam, war es im zivilen Bereich ähnlich. Nach dem Sieg aber sah man offenbar keine Notwendigkeit mehr für solche Zurückhaltung, und die zunehmende Galaktisierung trug ebenfalls zu dem bei, was Brugger als entfremdende Zersetzung und als Verlust von Heimatgefühl empfand. Eine weitere Grundregel der Galaktischen Zivilisation bestand nämlich in der Migrationsfreiheit für alle Bewohner der ihr angehörenden Welten: Jedes Intelligenzwesen konnte sich überall niederlassen, wo es die Schwerkraft, das Licht, die Atmosphäre und Tageslänge vertrug, sofern es sich an die örtlichen Gesetze hielt. Zwar wurde dies auf den Menschenwelten noch nicht von vielen Außerirdischen in Anspruch genommen, weil die unmittelbaren Nachbarspezies abweichende Lebensbedürfnisse hatten, aber es gab doch schon eine kleine Population von vorübergehend aufhältigen Arrinyi, und von den entfernteren Spezies, die weiter im Inneren der Galciv lebten, fanden immer wieder welche in den Menschenraum. Dies wurde unter Verweis auf das andersartige Fähigkeitsspektrum jener Wesen, das eine vorteilhafte Ergänzung zum menschlichen sein sollte, als wünschenswerte Bereicherung propagiert. Dissidenten wurden als rückwärtsgewandte Speziesisten und erbärmliche Modernisierungsverlierer verunglimpft und weitestmöglich aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt.

Der Mars war auf Bruggers Rückwärtsbildschirm bereits stark geschrumpft, und die Geschwindigkeit nahm weiter zu. Acey schwieg, weil sie wußte, daß er nicht gestört werden wollte. Nun klang Maybe A Price To Pay aus den Lautsprechern:

Something’s wrong in this house today
While the Master was riding the servants devided to play
Something’s wrong in this house today
Something’s been going on, there may be a price to pay.

There’s evil brewing, getting out of control
And I’m helpless, I can’t put it right
Something unrighteous is possessing my soul
And it’s cold in the heat of the night!

Something’s wrong in this house today
While the Sorcerer slept the Apprentice decided to play.
While the Master was hiding the servants decided to play
Might be too much sun, or too much of something in the air
Whatever’s happening, nobody else is aware.

Als Minuten später The Turn Of A Friendly Card begann, aktivierte das Schiff den Warpantrieb in minimalster Sublichtstufe, und der Mars entschwand immer rascher achteraus.

Eine Viertelstunde später verschwanden die Sterne, und der Überlichtflug hatte begonnen.

2) Queen of Altavor

In der großen Halle des menschlichen Raumhafens auf Sanorr befaßten Kapitän Naveen Agbaye und seine Erste Pilotin Catriona Gerling sich mit den letzten Details ihres aktualisierten Flugplans für die Weiterreise entlang des arrinyischen Teils der Centaurus-Achse ins Raumgebiet der Arrinyi. Agbayes Raumhelm, den er auf einem Nebentisch abgelegt hatte, trug das Emblem seines Schiffes, die Silhouette der geflügelten Dämonenkönigin Kirray von Altavor aus der populären Roman- und Filmreihe, nach der sein Schiff benannt war. Diese Raumhelme samt der dazugehörigen Monturen wurden zwar an Bord tatsächlich in bestimmten Situationen verwendet, aber daß er und seine Pilotin sie in dieser Halle vor dem Start trugen, war bloß Show für das Publikum.

Über der kahlen, vom milden gelben Licht der K1-Sonne Harann beschienenen Hochplateaulandschaft, die durch das riesige Fenster zu sehen war, setzte gerade ein Transporter der Transolar Corporation zur Landung an. Jenseits des Horizonts wölbte sich der Planet Cerron, der mit seinem Ringsystem dem Saturn ähnelte, wenngleich er viel kleiner war als dieser, sogar kleiner als der Neptun. Sein venusgroßer Mond Sanorr, der ihn in etwa drei Erdentagen umkreiste, war eine Koloniewelt der Arrinyi, die den Menschen dort neben ihrem Raumhafen am fünfundvierzigsten nördlichen Breitengrad eine territoriale Exklave für die Errichtung eines eigenen Raumhafentraktes abgetreten hatten. Daneben besaß die Solare Föderation in diesem System nur einen kleinen Mond, den äußersten von Cerron. Diesen hatte sie ebenfalls von den Arrinyi bekommen; dort befand sich aber nur eine Basis der Solaren Raumstreitkräfte samt Nachschublager.

In der Halle hielten sich gerade nur Menschen auf. Arrinyi waren keine zu sehen, obwohl sie die Erdstandard-Atmosphäre des Raumhafens durchaus vertrugen. Umgekehrt mußten Menschen im benachbarten Arrinyi-Raumhafen ebenso wie im Freien Atemmasken tragen, da sie von dem hohen Kohlendioxidgehalt einer Atmosphäre nach Arrin-Standard Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel, erhöhte Herzfrequenz und Blutdruckerhöhung bekamen. Die wenigen Besucher, die Ausflüge in die trockene Sand- und Felslandschaft draußen unternahmen, mußten wegen der eisigen Temperaturen, die dort jetzt im Winter der Nordhalbkugel vorherrschten, zusätzlich Thermokleidung tragen.

Eine Stunde später saßen Agbaye und Gerling in der Steuerzentrale der Queen of Altavor und leiteten den Start ein. Als die drei kleinereren Hilfskonverter stabil liefen, hob das riesige Passagierschiff gemächlich ab, stieg zunächst senkrecht auf und wandte sich dabei nach Südost, um ab zwei Kilometer Höhe seinen Steigflug schräg aufwärts ins All fortzusetzen. Der beschneite Südostabfall des Hochplateaus kam in Sicht, an den sich das klimatisch begünstigte Tiefland anschloß, das vom typischen dunklen Blaugrau der Arrin-Vegetation überzogen war. Dahinter erstreckte sich ein von Inseln durchsetzter Ozean.

Nachdem das Schiff die Atmosphäre verlassen hatte, beschleunigte es noch stärker und nahm Kurs auf den nächstäußeren Mond, an dessen Nordpol sich das große Wurmlochportal befand, das dieses Sonnensystem mit dem nächsten entlang der Route in Richtung der arrinyischen Zentralwelten verband. Ein zweites Wurmlochportal am Südpol, durch das die Queen of Altavor gekommen war, war das eine Ende der in menschlichem Besitz befindlichen Wurmlochkette, die nach Sol führte. Für diese waren der Solaren Föderation eine Anzahl alter Wurmlochportale der Lwaong zur Verfügung gestellt worden, die seit dem Ende dieser Spezies unbenutzt auf atmosphärelosen Himmelskörpern überdauert hatten. Auf diese Art hatte noch vor dem Krieg relativ rasch und mit tragbarem Aufwand eine derartige Schnellverkehrsverbindung zwischen Sol und dieser knapp hundert Lichtjahre entfernten Kopfstation ihres arrinyischen Gegenstückes geschaffen werden können, denn die Herstellung von Wurmlochgeneratoren war extrem aufwendig, und die irdische Industrie war erst nach dem Krieg so weit gewesen, selber welche zu bauen.

Wurmlochverbindungen wurden nur auf den wichtigsten Strecken geschaffen, wo die Auslastung den Aufwand rechtfertigte, der sich nicht nur auf den Bau der Generatoren beschränkte, sondern auch die Schaffung der Verbindungen und den Energieaufwand für deren dauernden Erhalt umfaßte. Denn die Dimensionstunnelverbindung konnte nicht auf Distanz von einer Station zur anderen aufgebaut werden, sondern mußte zwischen den beiden beieinander befindlichen Generatorportalen geschaffen werden, welche im Ganzen oder zerlegt mittels Warpraumschiffen in die Mitte einer interstellaren Route verfrachtet und dort nach Herstellung des Wurmlochs auseinanderbewegt und zu den Zielorten geflogen wurden. Dies konnte jedoch nur mit einem Bruchteil der Lichtgeschwindigkeit erfolgen, da Wurmlöcher und Warp-Blasen sich sofort gegenseitig destabilisierten, weshalb die Schaffung einer Verbindung zwischen zwei Sonnensystemen Jahrzehnte in Anspruch nahm. Der passierbare Querschnitt von Wurmlöchern war innerhalb der bauartbedingten Grenzen der Portale sehr variabel; im maximal aufgeweiten Zustand wurden enorme Energiemengen verbraucht, obwohl ein Wurmloch-Korridor die zu seiner Stabilisierung zusätzlich zu Magnetfeldern nötige exotische Materie selbst erzeugt. Selbst der Standby-Modus des kleinstmöglichen Querschnitts brauchte noch viel an Energie, mußte aber trotz dieses Aufwandes zumindest als Minimalverbindung erhalten bleiben.

Neben den größten Wurmlochportalen, die für die Durchquerung mit Raumschiffen geschaffen wurden, gab es kleinere Ausführungen, die man je nach Bedeutung einer Strecke verwendete. Manche waren für die Durchschleusung von Fahrzeugen oder Maschinen dimensioniert, andere konnten bei maximaler Aufweitung gerade von Personen und Stückgut passiert werden, und bei Minimalquerschnitt wurden alle Versionen immer noch für ständig hindurchführende Strom- und Datenkabel, teils auch für Rohrleitungen verwendet. Die kleinsten Varianten reichten gerade für Kommunikationsleitungen, und es war vorgesehen, wenigstens mit solchen nach und nach die meisten ständig bewohnten Menschenwelten mit der Zivilisation zu verbinden.

Eine Gefahr mußte bei solchen Dimensionsportalen allerdings berücksichtigt werden: wenn zuviel Materie auf einmal hindurchging oder sich ihre negative Energie zerstreute, ohne daß vorher auf Standby-Modus heruntergefahren wurde, konnten die Korridore rasch zu kleinen Schwarzen Löchern kollabieren, die normalerweise nahe derjenigen Portalstation entstanden, die um einen winzigen Sekundenbruchteil länger als die andere aktiv blieb. Solch ein Schwarzes Mini-Loch würde zunächst alle Materie in der Nähe der Portale an sich reißen, dann ins Innere des jeweiligen Himmelskörpers sinken und diesen über Jahre oder Jahrzente hinweg von innen auffressen und dabei weiterwachsen. Aus diesem Grund wurden Wurmlochportale nicht auf bewohnten Welten installiert, sondern auf unbewohnten Monden oder Planetoiden in der Nähe der eigentlichen Reiseziele.

All dies war Catriona Gerling, die sich inzwischen allein im Kontrollraum der Queen of Altavor befand, bekannt, wenngleich sie nicht bewußt daran dachte, während sie den Anflug des Schiffes auf das bereits voll aktivierte Wurmlochportal überwachte. Ihr Kapitän hatte sich in den Bereich der Passagiere begeben, um mit diesen Smalltalk zu betreiben und, wie sie vermutete, um den Schiffshostessen nachzustellen. Bei Catriona war ihm mittlerweile klar, daß er bei ihr kein Glück haben würde. Sie seufzte. Nun ja, wenn er meint… Mittlerweile konnte sie bereits in das Wurmloch schauen und sah die dichten Sternballungen des galaktischen Zentrums auf der anderen Seite. Langsam und exakt axial manövrierte das Schiff in das Portal und durch den Korridor und kam auf der anderen Seite im Mondsystem eines jupiterähnlichen Gasriesen heraus, der einen roten Zwergstern gerade außerhalb von dessen potentieller habitabler Zone umkreiste. In diesem Sonnensystem gab es für raumfahrende Zivilisationen nichts Besonderes von Interesse, und so diente es nur als Zwischenstation, um die einzelnen Wurmlochetappen energiesparend kurz halten zu können.

Catriona nahm Kontakt mit der örtlichen Kontrollstation der Arrinyi auf und vereinbarte den Zeitpunkt des nächsten Transits. Anschließend rief sie die Leitstelle des menschlichen Forschungsstützpunkts auf dem Kleinmond vor ihnen an und veranlaßte die Abholung der neuen Besatzungsmitglieder, die bis hierher mitgereist waren. Für die Überwachung des Shuttle-Andockmanövers bestellte sie den Zweiten Piloten Winchell Chang in den Kontrollraum. Nachdem dieser übernommen hatte, machte sie sich auf, um sich mit ihrer Freundin Giulia Rossini vom Sicherheitsdienst zu treffen, die gerade dienstfrei hatte.

Sie fand Giulia in ihrem Quartier. Nachdem die beiden Frauen an der kleinen Galley-Nische stehend je eine Tasse Cappuccino aus dem Getränkespender getrunken hatten, zogen sie sich an das Sichtfenster zurück, wo Giulia sich auf ihre Liege fläzte und Catriona ihr gegenüber in einem bequemen Polstersessel Platz nahm.

Das Gespräch drehte sich zunächst eine Weile um Dienstliches und Bordklatsch. Dann kamen die beiden auf ihre Reise als solche zu sprechen.

„Ich weiß nicht, wie’s dir geht“, sagte Catriona, „aber für mich ist es doch ganz schön aufregend, zum ersten Mal in das Kerngebiet einer älteren Galciv-Spezies zu reisen. Zwei Wochen durch den Arrinyi-Raum, bis nach Arrin, stell dir vor! Und dann auf einer anderen Route wieder zurück.“

„Ja, da werden wir viel zu sehen bekommen“, stimmte Giulia zu. „Ich bin auch schon gespannt auf die letzte Etappe, wo wir abseits der Wurmlochroute per Warp über wenig erschlossene Welten nach Sol zurückfliegen werden.“

„Und dabei stoßen wir nur in die äußerste Schicht der Galciv vor“, warf Catriona ein. „Wer weiß, wie viele hundert oder tausend Lichtjahre es von dort noch bis in ihr Zentrum sind, und was es da alles für Welten und Wesen gibt?“ Sie hielt inne und fuhr dann fort: „Findest du es nicht auch seltsam, daß wir über ein Jahrhundert nach dem Erstkontakt immer noch so wenig über das Innere der Galaktischen Zivilisation wissen; über ihre Geschichte, ihre Entstehung, wie alt sie überhaupt ist? Daß es da nur eine Menge Mythen und Legenden gibt, die genausogut bloß Raumfahrergarn sein könnten?“

Giulia sah nachdenklich drein. „Ja, das kommt mir auch seltsam vor“, antwortete sie dann. „Manche Legenden besagen, daß weiter im Inneren sehr hochentwickelte, mächtige Wesen leben; uralte Spezies, die mit Primitiveren wie uns oder den Arrinyi oder den Sontharr nicht viel zu tun haben wollen und ihre Sphäre hüten. Ich weiß nicht….“ Sie überlegte kurz und sprach dann weiter: „Was ich ebenfalls seltsam finde, ist, daß die Galciv wissenschaftlich und technisch nicht noch viel weiter ist. Sicher, sie waren uns weit voraus, als wir sie trafen, aber man sollte meinen, daß sie bei diesem zeitlichen Vorsprung einen fast unvorstellbaren Stand hätten erreichen müssen. Überleg‘ mal, die haben vor sechstausend Jahren schon interstellare Kriege über Hunderte Lichtjahre geführt! Und das waren die jüngeren Randzivilisationen, die ihr Wissen von noch älteren, fortschrittlicheren bekommen haben.“

„Es muß nicht unbedingt sein, daß sie so viel weiter sein müßten“, wandte Catriona nach kurzem Nachdenken ein. „Der jetzige Stand umfaßt ja schon eine gigantische Wissensmenge, die jede neue Generation von Wissenschaftlern und Technikern erst erlernen, verstehen und überblicken muß. Da noch weitere Möglichkeiten zu finden, die Nettoverbesserungen ohne Nachteile in anderen Bereichen bringen, ist sicher schon nicht mehr leicht. Vielleicht liegt der aktuelle Stand ja schon nahe an den Grenzen dessen, was physikalisch überhaupt möglich ist? Es kann ja nur eine endliche Zahl von Möglichkeiten geben, wie man die Physik und die Naturgesetze für irgendwelche technischen Lösungen und Produkte ausnutzen kann, und die sind vielleicht schon weitgehend ausgeschöpft?“

„Vielleicht hast du recht…“ sinnierte Giulia. „Vielleicht ist es aber auch so, daß jeder fast nur noch darauf wartet, daß eine der anderen Spezies etwas erfindet. Vielleicht haben sie ja schon zu wenig Überblick darüber, was irgendwo schon erfunden oder entwickelt ist, und bevor man mühsam selber eine Innovation schafft, sucht man lieber in den galaktischen Archiven, ob es irgendwo schon etwas in der Art gibt? Vielleicht stecken sie alle schon in dieser innovationsfaulen Mentalität drin, die lieber etwas Erprobtes zum bequemen Kopieren sucht, statt selber zu erfinden, zu entwickeln, zu erforschen? In irgendeinem uralten Science-Fiction-Roman, den ich in meiner Schulzeit gelesen habe, wurde diese Versuchung auch beschrieben und als Honigtopf bezeichnet: verführerisch und nahrhaft, aber dennoch eine Falle.“

„Das wäre auch eine Möglichkeit, die sich mit dem ergänzt, was ich gesagt habe“, räumte Catriona ein. „Aber irgendwo tief drin in der Galaktischen Zivilisation muß es doch eine allerälteste Spezies geben, die alles angefangen hat, oder auch zwei oder drei. Die müßten doch wissen, daß sie die Fortschrittlichsten sind und niemanden haben, von dem sie etwas noch Besseres abkupfern können?“ Sie sah Giulia fragend an.

„Darauf weiß ich keine Antwort“, sagte diese.

Catrionas Kommunikator piepste. Es war Chang. „Miss Gerling, bitte in die Zentrale. Der nächste Transit steht bevor, und ich bin nicht autorisiert, den allein durchzuführen.“

Catriona seufzte. „Ist Captain Agbaye noch immer nicht zurück?“

„Nein.“

„Gut, ich bin gleich da. Bereiten Sie alles vor.“ Sie beendete die Verbindung. „Der Alte läßt sich’s wieder mal gutgehen“, sagte sie zu Giulia und erhob sich.

„Der faule Sack“, grinste Giulia. „Wie mein Chef. Schade, daß wir aufhören müssen.“

Catriona winkte ihr zu. „Baba, bis zum nächsten Mal.“

„Da komme ich dann zu dir und bringe meine Mandoline mit, und du nimmst deine Laute, und wir klimpern und singen gemeinsam.“

„Ich freu‘ mich drauf!“

„Ciao, Filmstar.“

„Erinnere mich bloß nicht daran.“ Catriona ging, und auf dem Weg zum Kontrollraum konnte sie doch nicht anders, als sich daran zu erinnern, wie sie sich als Fotomodell und Sängerin Geld für ihre Pilotenausbildung dazuverdient hatte und dabei als Darstellerin für eine Weltraum-Abenteuerkomödie entdeckt worden war. Versuchen Sie, nicht an ein weißes Kaninchen zu denken

Als Raumpilotin in Ausbildung war sie dafür prädestiniert gewesen, eine Raumfahrerin zu spielen, aber die Freude an einer beginnenden Schauspielkarriere war ihr schon bald durch die ständigen Zudringlichkeiten des notgeilen Produzenten Hershel Gelbfisz verleidet worden, derer sie sich gerade so erwehren hatte können. Dann hatte es Streit wegen Sex-Szenen (auch mit Außerirdischen) gegeben, die Catriona nicht machen wollte und die dann scheinbar aus der Story gestrichen worden waren. Nur daß sie dann beim fertigen Film hatte feststellen müssen, daß diese Szenen doch wieder drin waren, erstellt mit einem lebensechten CGI-Modell von ihr auf Basis der Realaufnahmen – eine Technik, die sonst für Szenen verwendet wurde, die für die Schauspieler zu gefährlich waren. Sie hatte vergeblich um nachträgliche Entfernung prozessiert und nur eine öffentliche Klarstellung des Studios erreicht, daß das keine Realaufnahmen von ihr waren.

Mit diesen Gedanken erreichte sie die Zentrale und trat ein.

3) Schlangenaugen

Fünf Tage nach dem Start vom Mars erreichte die Ace of Swords das knapp zwanzig Lichtjahre entfernte Sonnensystem von Delta Pavonis und ging in den Sublichtwarp über. Durch die Eigentümlichkeiten des Überlicht-Warpfluges war es notwendig, dies bereits weit von den inneren Planeten entfernt und oberhalb der Ebene der Ekliptik zu tun, denn im Überlichtflug war es nicht möglich, aus der Warp-Blase hinauszusehen, und da unvorhersehbare geringe örtliche Variationen der Raumzeitstruktur entlang der Flugroute entsprechende Richtungs- und Geschwindigkeitsabweichungen bewirken konnten, ließ sich die Position bei Ende des Warpfluges nur sehr ungefähr bestimmen. Wenn der solcherart verzerrte Kurs davor zufällig ausreichend nahe an einem Planeten oder Planetoiden vorbeigeführt hatte, konnte die Abweichung sogar sehr groß werden und unerfreuliche Überraschungen mit sich bringen. Ronald Brugger hatte zwar unterwegs in Tagesabständen Beobachtungshalte auf Unterlichtgeschwindigkeit zur Kurskorrektur eingelegt, aber diese Vorsichtsmaßnahme war dennoch notwendig. Nach einer letzten Positionsbestimmung berechnete das Schiff den Endanflugkurs zum gewünschten Zielplaneten und flog mit ständig sinkender Sublichtwarpgeschwindigkeit dorthin.

Pavonia war der vierte Planet des G8-Sterns Delta Pavonis, einer Sonne, die sich bereits im Ansatz der Entwicklung zum Roten Riesen befand. Der dritte Planet war aufgrund dessen bereits eine ausgedörrte, tote Welt, aber Pavonia hatte dies ein für Leben ausreichend warmes Klima beschert. Allerdings hatte der Planet bei seiner Entstehung einen deutlich geringeren Masseanteil an Wasser bekommen als die Erde, mit der Folge, daß seine Oberfläche fast zur Hälfte vom Land bestimmt wurde und es nur eine Anzahl seichter, voneinander getrennter Meeresbecken gab. Was andernfalls Ozeanböden gewesen wären, waren hier weite, von riesigen Flußsystemen durchzogene Tiefländer.

Es war diese Welt gewesen, wo irdische Raumexpeditionen erstmals Nachkommen von Menschenpopulationen vorgefunden hatten, die von den Lwaong auf Welten außerhalb der Erde verpflanzt worden waren. In den Jahrtausenden seither hatten diese sich an die verschiedenen Lebensräume ihrer neuen Welt angepaßt und sich zu vielen verschiedenen Völkern entwickelt, die zur Zeit ihrer Entdeckung auf primitivem bis vorindustriellem Kulturniveau gelebt hatten. Da zu dieser Zeit die Solare Föderation noch nicht existiert hatte, war man sich uneinig gewesen, welcher zukünftige politische Status dieser Völker anzustreben sei. Dies hatte eine Bewegung neo-zionistischer Juden ausgenützt, um in einem unbewohnten, semiariden Gebiet Pavonias am Unterlauf des Heyong, eines Salzwasserstromes, in das tiefstgelegene Meer des Planeten einen neuen Judenstaat zu gründen, nachdem Israel Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts untergegangen war. Dieser neue Staat Astroel hatte sogleich eine Anzahl von Projekten anderer irdischer Gruppen gefördert, die auf Pavonia Stadtstaaten errichteten, welche sich mit einzelnen Eingeborenenvölkern nach dem Prinzip zusammentaten: wir bringen euch moderne Errungenschaften und vertreten euch gegenüber den Außenweltlern, und ihr tretet diese Souveränität an uns ab, bei weitgehender innerer Autonomie für euch. In der Praxis lief es unter diesem moralischen Deckmantel angeblicher Kolonialismusverhinderung auf die Schaffung neuer Offshore-Paradiese für Finanzgeschäfte, Steuerflucht und noch viel zwielichtigere Geschäfte hinaus und wurde von den irdischen Eliten aus den gleichen eigennützigen Gründen wie früher geduldet. Um unverfängliche Gründe für Reisen dorthin zu schaffen, wurden auch Handel und Tourismus gefördert, und auch wenn Astroel und die anderen pavonischen Regime keine Piratenakte in ihrem System duldeten, war es ein offenes Geheimnis, daß sie Piraten stillschweigend einen sicheren Hafen boten.

Hier konnten sie ihre Schiffe warten, Versorgungsgüter aufnehmen, Hehler für ihre Beute finden, Lösegeldverhandlungen führen, ihr Geld anlegen, sich amüsieren, medizinische Behandlung bekommen und sich vielleicht irgendwann zur Ruhe setzen. Pavonia hatte eine ideale Lage als solch ein modernes, interstellares Port Royal: nahe genug an den belebteren interstellaren Routen und an den bewohnten Welten, aber weit genug von Sol entfernt, um von der Solaren Föderation in Ruhe gelassen zu werden.

Auf dieser Welt wollte Brugger Informationen über neueste Entwicklungen in Sachen Piraterie einholen, und so steuerte er als erstes ein astroelisches Orbitalkontrollschiff an, um vor der Landung die Einklarierungsformalitäten zu erledigen. Als er dieses Wachschiff erreichte, zog es auf seiner niedrigen Umlaufbahn gerade über sein Heimatterritorium hinweg, wo Bauten und Straßen an einem noch wasserführenden Mündungsarm des Heyong erkennbar waren. Brugger dockte sein Schiff an einem ausgefahrenen Zugangsarm an und begab sich hinüber, um die Einreise- und Zollbehörde aufzusuchen.

Nachdem er die Formalitäten erledigt und einen Imbiß gegessen hatte, ging er wieder in Richtung der Ace of Swords. Als er dabei an einem großen Panoramafenster vorbeikam, sah er draußen einen weiteren Orion-II-Raumjäger heranschweben. Ganz nah war er bereits, kurz davor, vom Andockarm erfaßt zu werden. Brugger wußte sofort, um welches Schiff es sich handelte, als er an der Seite des Vorderrumpfes die beiden roten Würfel mit den weißen Augen erkannte, die beide mit der Eins nach oben lagen. Es war die Snake Eyes, Elonard Sampsons Maschine.

Da er keinen Wert auf eine Begegnung mit Sampson und seinen Männern legte, ging er sofort an Bord, aktivierte Acey und legte vom Kontrollschiff ab. Es war ohnehin bereits der erste Planetenumlauf seit seiner Ankunft bald vollendet, sodaß es an der Zeit war, hinunterzugehen, wenn er in Saltport landen wollte. Sein Schiff ließ er gesichert im Orbit zurück und nahm stattdessen den kleinen roten Raumgleiter, den er im umgebauten Bombenschacht an der Rumpfunterseite mitführte. Er klinkte aus, manövrierte nach unten aus dem Schacht und leitete die Abstiegsbremsung ein. Bis zum Atmosphäreneintritt war die Geschwindigkeit bereits so weit verringert, daß die großzügig bemessenen Sichtscheiben die Reibungshitze problemlos vertrugen. Eine gute Viertelstunde später zog er über die Gegend hinweg, die er aus dem Orbit gesehen hatte, sah die Türme und Gewächshäuser und das karge Grün am Boden und machte eine Dreiviertelwendung nach Südwesten, bis die Raumhafengebäude von Saltport vor ihm lagen.

Diese waren im Mündungsdelta des Heyong errichtet worden, der aus dem höher gelegenen, größten Meer Pavonias weiter im Norden abfloß, um sich in das ebenfalls große, sehr salzige Dolung-Meer zu ergießen. Jetzt am Höhepunkt der Trockenzeit führte er nur noch wenig Wasser und auf dieser Seite des Deltas gar keines mehr, aber an den mächtigen Salzablagerungen, die teils auch vom Wind verfrachtet worden waren, war zu erkennen, wie stark er bei Hochwasser anschwellen konnte. An dem langgestreckten flachen Raumhafentrakt legten bei normalerem Wasserstand auch die Kreuzfahrtschiffe sowie die Fangboote der Eingeborenen an, die ihre Fänge an extremophilem Getier aus dem nahen Meer anlieferten. Den Gebäuden machte weder das Salz noch das Wasser etwas aus; sie waren dafür gebaut. An ihrer Oberseite öffneten sich die Landeschächte für die Raumfähren, die Passagiere und Fracht zwischen dem Planeten und seinem innersten Mond Eleazar beförderten, auf dem sich die für Personen und mittelgroße Raumschiffe dimensionierten Wurmlochportale der Verbindungen nach Epsilon Indi und Beta Hydri befanden. Auch die suborbitalen Raumschiffe, die die Routen zu anderen Teilen des Planeten bedienten, starteten und landeten in diesen Schächten.

Der rote Raumgleiter wich einem Lastenschweber aus, kurvte auf den Raumhafenturm zu und landete an dessen Fuß auf dem Salz. Brugger stieg aus und betrachtete den Himmel, der von einem Staubsturm über der südöstlich gelegenen Landmasse rot verfärbt worden war. Er nahm die Szenerie eine Weile in sich auf und genoß es, wieder unter freiem Himmel zu stehen und den Wind zu spüren. Dann wandte er sich um und marschierte über das knirschende Salz auf den nächstgelegenen öffentlichen Eingang zu, den ihm die Navifunktion seiner Poctronic anzeigte. Drinnen strebte er den Aufzügen des Turmes zu und fuhr zum großen Panoramarestaurant im fünfzigsten Stockwerk hinauf. Dieses Lokal, das Fifty Up, war eine gastronomische Berühmtheit von Pavonia und deshalb auch jetzt in der schwachen Saison einigermaßen gut besucht. Teils lag dies auch an den Forscherteams, die nach Pavonia kamen, seit auf der toten inneren Nachbarwelt Anzeichen für eine seit Jahrmillionen verschwundene Zivilisation entdeckt worden waren und man nun wissen wollte, ob diese Wesen vor ihrem Untergang auch nach Pavonia gekommen waren.

Brugger ließ sich einen kleinen Tisch in der Nordwestecke der hohen Fensterfront anweisen und eine Speisekarte geben. Er bestellte ein Safranrisotto mit frittierten Dolung-Salzgarnelen, Artischocken und gekochten Muscheln aus dem Heyong und studierte auf seiner Poctronic pavonische Nachrichtenportale und Online-Foren, während er wartete. Als das Essen kam, schaltete er das Gerät aus und widmete sich mit Behagen seiner Mahlzeit. Zwischen den Bissen ließ er seine Blicke über die Landschaft schweifen, sah sich die anderen Gäste an oder betrachtete eine der großen Bildschirmflächen, mit denen die durch das Rauminnere führenden Aufzugs- und Versorgungsschächte verkleidet waren und auf denen wechselnde Bilder verschiedener Sehenswürdigkeiten des Planeten gezeigt wurden. Gerade erschien eine Ansicht des großen Drachenreliefs von Iniye, das aus einer Felswand auf einer Insel weiter oben im Heyong-Strom herausgearbeitet worden war. Dieses hatte die ersten irdischen Forscher sehr in Erstaunen versetzt, weil gewisse Ähnlichkeiten zwischen seinen drei Jahrtausende alten Bildern und anderen Drachendarstellungen überall auf dem Planeten einerseits und Darstellungen von Drachen im ostasiatischen Kulturraum der Erde trotz aller stilistischen Unterschiede unverkennbar waren. Zwar waren die altpavonischen Kunstwerke von naturalistischerem Stil und gaben die Körperverdickung im Bereich der Hintergliedmaßen und die Proportionen der Beine und Arme der realen Vorbilder – der Lwaong, wie sich später herausstellte – realistischer wieder als die asiatischen Darstellungen mit ihren allzu schlangenhaft stilisierten Leibern und kurzen Beinen. Auffallende Übereinstimmungen gab es jedoch bei den Köpfen mit den Hörnern, den Ohren, dem Bart, den Fortsätzen an der Nase und dem differenzierten Gebiß, das eher dem eines Säugetiers ähnelte als dem eines Reptils. Als man dann von den Arrinyi Informationen über die Lwaong erhalten hatte, waren die Zusammenhänge klar geworden, auch zu Elementen der ostasiatischen Folklore, wie dem chinesischen Sprichwort, daß der Drache neun Söhne habe und jeder verschieden sei. Dieses entstammte einer fernen Erinnerung an die Untergliederung der Lwaong in zehn verschiedene biologische Formen, von denen nur die oberste Kaste Nachkommen zeugte: ein System, das Parallelen zu den Nacktmullen und den staatenbildenden Insekten auf der Erde hatte.

Mittlerweile hatte Brugger seine Mahlzeit beendet und Kaffee bestellt. Da sah er am fernen Ende des Restaurants Elonard Sampson und seine drei Besatzungsmitglieder aus dem Aufzugsschacht treten und sich umsehen. Seine Stimmung verdüsterte sich ein wenig, denn er und Sampson hatten während der Kriegszeit kein gutes Verhältnis zueinander gehabt, und auch danach war es nicht besser geworden. Sampson war fraglos ein fähiger Pilot, jedoch undiszipliniert und impulsiv und mehr auf die Pflege seines mojo bedacht als auf Kameradschaft. In die Staffel der Aces hatte er sich nicht wirklich eingefügt und auch bei der Schiffsbenennung mit Ace-Namen nicht mitgemacht, sondern seine Orion stattdessen Snake Eyes genannt. Nur wenige Männer waren mit ihm ausgekommen und hatten mit ihm fliegen wollen, und drei davon begleiteten ihn jetzt. Später war er aus der Staffel ausgegliedert und mit seinem Schiff für Sondermissionen eingesetzt worden. Gegenüber vorgesetzten Offizieren hatte er ein aufsässiges, oft an Insubordination grenzendes Verhalten gezeigt, und all diese Eigenschaften waren wohl auch der Grund gewesen, warum die Raumflotte ihn nach dem Krieg trotz ihrer Politik der ethnisch-rassischen Quoten nicht in ihrem Dienst behalten hatte. Daß man ihm trotz seines problematischen Wesens eine Piratenjagdlizenz erteilt und seinen Raumjäger überlassen hatte, ging wohl darauf zurück, daß man ihn los sein und auf eine Aufgabe ansetzen wollte, bei der er sein Potential nutzbringend einsetzen konnte.

Die vier waren nun auf Brugger aufmerksam geworden und kamen auf ihn zu. Sampson setzte sich ohne zu fragen zu ihm an den Tisch, und seine Begleiter nahmen sich freie Stühle von Nebentischen und taten es ihm gleich.

„Hallo Ron“, begann er und sah Brugger unverwandt in die Augen. „Immer noch der alte Weiße Ritter?“

Immer noch das alte ‚Schlangenaugen‘-Spielchen, dachte Brugger und hielt dem Blick stand. Laut sagte er: „Immer noch, Elonard. Und du hast deine Mühle immer noch nicht in Schießt-kleine-Fische-im-Faß umbenannt?“ Das war eine Anspielung auf Sampsons Vorliebe, Jagd auf relativ unbedeutende Piraten mit kleineren, schwach bewaffneten Schiffen zu machen, die im Vergleich zu den größeren, besser ausgestatteten Banden kleine Fische waren.

„Jemand muß ja auch das machen“, erwiderte Sampson. „Kleinvieh macht auch Mist, und es hat nicht so große Zähne. Das Großwild überlasse ich den Heldenspielern. Ich möcht’s ja noch erleben, daß ich genug Geld auf meinen Konten habe und mich dann auf irgendeinem gemütlichen Planeten zur Ruhe setzen kann.“

Brugger musterte sein Gegenüber. Sampson war ein stattlicher Mann mit mäßig dunklem Teint und leicht negroiden Gesichtszügen, dem man aber auch einen kleinen asiatischen Abstammungsanteil ansah. Zu Sampsons Linker saß ein drahtiger Kerl von euro-asiatischem Aussehen, rechts von ihm einer mit Stirnglatze und Habichtsnase, der überwiegend europäischer Abstammung zu sein schien und ‚Hawk‘ Roehlke genannt wurde, und daneben ein rattengesichtiger dunkler Typ, der seine Gene aus dem gesamten Raum vom Vorderen Orient bis Ostasien zusammengeklaubt zu haben schien. Brugger wußte jedoch, daß seine Mutter von einem der Völker Pavonias stammte.

„Und, hast du schon wieder neues Kleinwild in Aussicht?“ fragte er dann. Das gegenseitige Fixieren ging weiter.

„Derzeit nicht, aber vor kurzem haben wir bei Epsilon Eridani einen abgeschossen. Und du, Großer Weißer Jäger?“

„Noch keinen Elefanten gesehen. Muß erst die Boys zum Kundschaften ausschicken.“

In diesem Moment kam eine Kellnerin herbei und machte Bruggers ungebetene Tischgenossen darauf aufmerksam, daß auf der Ostseite des Restaurants ein Tisch freigeworden sei. Die vier erhoben sich, wandten sich grußlos ab und folgten ihr.

*     *     *

Am nächsten Tag war Bruggers Suche nach einer neuen Mission von Erfolg gekrönt. Er hatte den Auftrag bekommen, eine Geiselübergabe gegen Lösegeld abzuwickeln. Solche Aufgaben wurden ebenfalls von Leuten wie ihm erledigt und waren auf ihre eigene Weise gefährlich. In diesem Fall hatte er eine reiche junge Dame namens Alcyone Poledouris auszulösen, die an Bord eines kleinen Expeditions-Kreuzfahrtschiffes namens Mira im System von Eta Cassiopeiae unterwegs gewesen war, wo dieses von einer Piratenbande gekapert worden war. Das Schiff, die überlebenden Besatzungsmitglieder und die anderen Passagiere waren von den Piraten an eine größere Bande weiterverkauft worden, die die Rückkaufsverhandlungen mit den Schiffseignern und die Lösegeldverhandlungen mit den Angehörigen der Geiseln in die Hand nehmen würde. Alcyone Poledouris behielten sie, weil sie besondere Wünsche hatten.

Ihr Schiff war nämlich ein bewaffnetes Kurierschiff vom Typ Hermes III, das im Krieg der Raumflotte gehört hatte und verlorengegangen war. Die Piraten waren auf irgendeine Weise darangekommen und hatten es wieder betriebsfähig gemacht. Da dieser Typ sehr spät im Krieg eingeführt worden war, gab es kaum andere Verlustexemplare als potentielle Ersatzteilquellen, und weil er immer noch zum moderneren Flottenbestand gehörte, waren die wichtigen Ersatzteile für den Warpantrieb und die Antriebsregelung, die die Piraten brauchten, nicht für den Zivilmarkt freigegeben. Alcyone Poledouris war jedoch die Erbin von Poledouris Astrotech, der Herstellerfirma der Hermes-Baureihe, und daher bestand der Deal der Piraten mit Alcyones Großvater (ihre Eltern lebten nicht mehr) darin, daß eine Lieferung solcher kompakter Hochwertteile nach einer genauen Wunschliste auf irgendeine Weise aus der Produktion abgezweigt, als Ausschuß deklariert oder sonstwie „aus der Buchhaltung verlorengehen“ und ihnen im Austausch gegen die Gefangene übergeben werden sollte. Die Transaktion sollte auf Maanenia stattfinden, dem innersten Planeten von Van Maanens Stern.

Brugger veranlaßte die Übersendung der Teilesätze in mehreren Selbstschwebebehältern von genau für die Unterbringung in seinem Raumgleiter spezifizierten Größen über die Wurmlochverbindungskette bis zu Pavonias Mond Eleazar. Dann startete er nach ein paar Besorgungen vom Planeten zu seinem Schiff hinauf, ließ dieses auf Eleazar mit Wasser für die Massekonverter auftanken und wartete bis zum Eintreffen der Sendung. Nachdem er diese übernommen und verstaut hatte, hob er von dem Mond ab, nahm Kurs auf Van Maanens Stern und beschleunigte in dieser Richtung aus Pavonias Orbitalraum weg. Acey berechnete die Flugdaten für den Transit, fuhr nach Erreichen des ausreichenden Abstands vom Planeten die Warpantriebsanlage hoch und steuerte in zunehmendem Tempo in den interstellaren Raum hinaus.

Sechs Tage später sah Brugger den weißen Zwergstern vor sich. Maanenia näherte sich gerade dem sonnenfernsten Bahnabschnitt. Als die Ace of Swords den Planeten, der gebunden rotierte und deshalb nur aufgrund der Libration einen auf die Dämmerungszone um den neunzigsten östlichen und westlichen Längengrad beschränkten Tag/Nacht-Wechsel kannte, von der Tagseite her anflog, zeigte das Ortungssystem ein Raumschiff im Orbit an, das aber zu klein war, um eine Hermes III zu sein. Bei weiterer Annäherung stellte sich heraus, daß es eine Raumyacht älterer Bauart war, deren Abwärmeabstrahlung so gering war, daß wohl alle Bordsysteme außer dem Ortungssystem und der Funkanlage abgeschaltet waren, was weiters bedeutete, daß sich niemand an Bord befand. Vom Kurierschiff der Piraten war nirgendwo etwas wahrzunehmen.

Das war seltsam. Waren die Piraten nur mit dieser Yacht gekommen, weil ihr eigentliches Schiff technische Probleme hatte, und hatten sich allesamt auf die Oberfläche begeben? Wie wollten sie dann verhindern, daß Brugger die Yacht zerstörte, sobald er nach der Geiselübernahme wieder in den Orbit aufstieg? Oder lauerte ihre Hermes irgendwoanders verborgen, oder hatten sie sich auf andere Weise abgesichert?

Brugger konnte es nicht wissen. Die Abmachung sah ein Treffen bei den Lwaong-Ruinen bei den Koordinaten 25° Nord und 92° Ost vor. Dort ging gerade die Sonne unter, und bis zu seinem Eintreffen würde es schon recht dunkel sein. Er sollte allein in seinem Raumgleiter kommen und sein Schiff in fünf Kilometern Entfernung vom Treffpunkt hinter einem Bergrücken schwebend zurücklassen. Einer der Piraten würde seinerseits in einem Flugwagen kommen und nur Alcyone Poledouris mitbringen. Zur Durchführung des Austauschs würden beide Maschinen auf einer Waldlichtung landen.

Das barg viele unkalkulierbare Möglichkeiten für eine Falle. Brugger hatte ein ganz schlechtes Bauchgefühl, als er über dem blauglitzernden Tagseitenozean den Abstieg aus dem Orbit einleitete. Aber es half nichts, da unten wartete höchstwahrscheinlich eine verängstigte Frau, die altersmäßig seine Tochter sein konnte, und hoffte auf Rettung.

Ihm kam ein Lied aus The Turn Of A Friendly Card in den Sinn, I Don’t Wanna Go Home:

Go back home, you damn fool
Surely you know you can’t win
You should never have come near this place
You should have stayed on the outside, looking in.

It’s too late to turn back
Nobody asked you to try
But they blinded you with diamonds
And all the money that money can buy.

And I’m so afraid of being on my own
But I don’t wanna go home.

Am Horizont vor ihm kamen bereits die Landmassen des östlichen Dämmerungsstreifens in Sicht, zwischen denen sich die Wasserarme wanden, über die der Wasserüberschuß vom höherliegenden, eisbedeckten Nachtseitenozean zum Tagseitenozean abfloß. Die Landflächen dazwischen waren großteils von dunklem Dschungel bedeckt.

You can’t win, you damn fool
You drank all the wine from the cup
And your painted lady’s gone now
And you’re way back on the downside, looking up.

You can’t catch the monkey on your back
Nobody asked you to try
But for every heart they held a spade
And you lost more than money can buy!

And I’m so afraid of being on my own
But I don’t wanna go home.

Er verscheuchte diese Gedanken, während er die Küstenlinie überflog. Bald darauf sah er tief unter sich die Ruinen des Lwaong-Stützpunktes, und das Bild der Telekamera zeigte einen blauen Flugwagen, der auf einem ebenen Gebäudeteil parkte. Über dem bezeichneten Bergrücken kurvte Brugger ein, ließ das Schiff unter dessen Kammlinie sinken und brachte es in den Schwebezustand. Acey war schon mit allen Notfallanweisungen versehen, und so begab er sich durch den Wartungstunnel in der Rumpfunterseite zum ehemaligen Abwurfwaffenschacht und stieg in den bereits beladenen und aktivierten Gleiter. Dann ließ er sich in die hereinbrechende Nacht hinausfallen und flog in Begleitung einer kleinen Sensor- und Funkrelaisdrohne über den Bergkamm nach Süden. Im Osten näherte der Mond sich dem Horizont und tauchte in den Schatten des Planeten ein; nur noch sein oberstes Viertel war von der Sonne beschienen. So groß, wie er wegen seiner Nähe erschien, warf er aber immer noch einiges Licht auf die Landschaft.

Bei den Ruinen hatte der blaue Gleiter seinerseits inzwischen abgehoben und kam auf ihn zu. Auf der vereinbarten Funkfrequenz meldete sich eine Männerstimme:

„Pünktlich, Weltraumheld, das muß man dir lassen. Hast du alles dabei?“

„Ja.“ Brugger kurvte ein, als er den anderen passiert hatte, und hielt nach einem geeigneten Landeplatz Ausschau. „Und meine Passagierin ist bei dir in der Maschine?“

Nach einem kurzen Moment kam eine Frauenstimme über Funk, der man trotz allen Bemühens um Festigkeit ein geringes Zittern anmerkte: „Ja, ich bin hier… Alcyone Poledouris. Danke, daß Sie gekommen sind.“ Sie klang angenehm, und Brugger fühlte sich in der Richtigkeit seiner Entscheidung bestätigt, trotz seines ‚Nackenhärchengefühls‘ herunterzukommen. Ihre Stimme zu hören, hatte eine persönliche Verbindung zwischen ihm und ihr hergestellt. Er würde sie keinesfalls im Stich lassen. Und jetzt spürte er auch bereits die anregende Anspannung einer potentiell bevorstehenden Auseinandersetzung, die es zu bestehen galt. Er war hellwach. Nicht, daß er ein Adrenalinjunkie war, aber…

Nun meldete sich wieder der Pirat. „Ich schlage vor, wir landen dort auf der breiten Kiesbank an der Flußbiegung – wo oberhalb davon dieser Baum übers Wasser hängt.“

Netter Versuch, dachte Brugger. „Und woher weiß ich, daß ihr dort keine Leute postiert habt?“ gab er zurück. „Ich bin als Zweiter hergekommen, habe also keine Gelegenheit für die Vorbereitung eines Hinterhalts gehabt, und daher bestimme ich, wo wir die Übergabe machen. Dort drüben, auf der Lichtung mit dem Felsbuckel dahinter – da landen wir.“ Das war auf der anderen Seite des Flusses, mit einem halben Kilometer Wald dazwischen. Falls die Kerle tatsächlich bei der Kiesbank versteckt waren, würde sie das lange genug aufhalten. Und die Sensordrohne würde sie registieren, wenn sie Fluggeschirre benutzten.

„In Ordnung“, stimmte der Fremde nach kurzem Überlegen zu.

Die beiden Gleiter strebten dieser Lichtung zu und gingen an deren entgegengesetzten Rändern im Unterwuchs nieder. Brugger stieg aus und ging auf die andere Seite der Maschine, um dort die Tür zu öffnen. Dann aktivierte er den ersten Schwebebehälter, der auf dem rechten Sitz lag, und zog ihn ins Freie. Dasselbe tat er dann mit einem kleineren Exemplar, das sich im Fußraum befand.

Währenddessen hatte der andere Kerl, ein dunkelhaariger Europider, das Kanzeldach seiner Maschine nach vorn aufgleiten lassen und seiner Geisel befohlen, auszusteigen. Sie trug nur Dessous, während der Pirat eine dicke, hochgeschlossene Jacke anhatte, und als sie sie ausstieg, wurde erkennbar, daß sie auch barfüßig war. Währenddessen kletterte der Mann auf seiner Seite aus dem Gleiter und stellte sich dahinter auf. „Bleib da stehen“, sagte er zu seiner Gefangenen. Sie hielt inne und lehnte sich an die Maschine. Ihr Gesicht drückte Anspannung, Besorgnis und vorsichtige Hoffnung aus. Brugger erkannte sie als die hübsche, schlanke Brünette mit der üppigen Lockenmähne von den Bildern und Videos, die man ihm übermittelt hatte. Er sah auch, daß die Frau im kalten Nachtwind bereits bibberte. Das war womöglich ein Teil der Taktik des anderen und sollte ihn dazu bringen, aus Mitgefühl für sie bei der Abwicklung übereilt vorzugehen und dabei Fehler zu machen oder etwas zu übersehen. Sie tat ihm wirklich leid, denn auch er fröstelte ein bißchen in der unerwarteten Kälte, aber er drängte beides in den Hintergrund – das Kältegefühl und sein Mitleid – und zwang sich zu ruhigem Handeln.

Der Pirat rief nun über die Lichtung: „Los, laß jetzt den ersten Behälter zu mir herüberschweben. Den kleineren, der kommt in den Fußraum. Laß ihn auf dem linken Sitz landen, damit ich den Inhalt überprüfen kann.“ Mit einem Kontrollkästchen steuerte Brugger den Behälter über die Lichtung zu dem anderen Gleiter hinüber. Nachdem er auf dem Gleitersitz gelandet war, ging der Pirat vor den Bug seiner Maschine und sagte zu seiner Geisel: „Komm jetzt wieder zu mir her, Alcyone. Ich muß die Teile auf Echtheit überprüfen, und dabei kann ich nicht ständig auf dich achtgeben. Ich muß sichergehen, daß du nicht plötzlich zu ihm hinüberläufst, ehe ich die ganze Lieferung habe, und dazu werde ich dich fesseln.“

Sie sah angstvoll drein und öffnete den Mund, um zu protestieren, fügte sich dann aber. Zögernd ging sie zu ihm hin, drehte sich um und kreuzte die Hände hinter dem Rücken. Während der Kerl ihr einen Riemen um die Handgelenke schlang, schien sie mit einer Entscheidung zu ringen, als ob sie jeden Moment losrennen oder Brugger etwas zurufen wollte. „Bitte“, rief sie plötzlich und versuchte sich loszureißen, „Sie… uhmgh! UHHMF!“ Der Pirat, der das offenbar hatte kommen sehen, hatte ihr ein Taschentuch in den Mund gestopft und drückte es der sich nun heftig sträubenden Frau hinein. Brugger griff nach seiner Waffe, aber der andere rief ihm zu: „Steckenlassen! Sonst breche ich ihr den Hals!“ Er hielt sie mit einem Arm vor sich und bog ihr mit der anderen Hand, mit der er ihr das Taschentuch hineindrückte, den Kopf nach hinten und zur Seite. „Außerdem habe ich selber eine Waffe. Ich regle jetzt das mit ihr, und dann regeln wir zwei unser Geschäft, und dann kannst du sie haben.“ Brugger glaubte das zwar nicht mehr, denn das Verhalten der Frau deutete darauf hin, daß etwas faul war und sie das wußte oder zumindest ahnte. Weshalb sollte sie sonst so etwas versuchen, wenn sie damit rechnen konnte, gleich freigelassen zu werden? Aber er konnte momentan nichts unternehmen, denn der Kerl war hinter ihr zu gut gedeckt. In höchster Anspannung beobachtete er ihn und versuchte auch, Geräusche oder Bewegungen im Wald zu entdecken.

Der Bandit hatte die Knebelung inzwischen mit einem schwarzen Tuch komplettiert, das er der Frau zwischen die Zähne gezwängt und in ihrem Nacken verknotet hatte. Anschließend zwang er sie auf die Knie, stieß sie grob in Bauchlage und zerrte ihre Beine so hinter den Bug des Gleiters, daß er dahinter gedeckt war und trotzdem Brugger im Auge behalten konnte, während er auch die Füße der Geisel fesselte. Als er damit fertig war, ging er wieder zur anderen Seite des Cockpits, nahm ein Prüfgerät zur Hand und öffnete den Behälter. Jedes einzelne Stück darin testete er genau, wobei er weiterhin wachsam blieb und Brugger mit seitlich vom Körper abgespreizten Händen dastehen ließ, um Überraschungen vorzubeugen. Zuletzt schloß er den Behälter wieder, bugsierte ihn in den rechten Fußraum und schaltete sein Schwebesystem ab.

Als diese Prozedur mit allen Behältern durchgeführt worden war, auch mit dem dritten, der sich im Gepäckraum des Raumgleiters befunden hatte, und alle im blauen Gleiter verstaut waren, meinte Brugger: „So, jetzt ist es Zeit, daß du sie losmachst, wenigstens an den Füßen, damit sie zu mir kommen kann. Oder steig‘ einfach ein und flieg‘ weg. Mein Teil des Handels ist erfüllt.“

„Das ist er“, meinte der andere, beugte sich ins Cockpit seines Gleiters und betätigte mehrere Schalter.

In diesem Moment stieg von von den Ruinen eine Signalrakete laut zischend auf und explodierte hoch in der Luft mit einem satten Knall. Diese kurze Ablenkung genügte dem Fremden, um eine im Cockpit abgelegte Pistole zu nehmen und einen Laserschuß auf Brugger abzufeuern – jedoch hatte er zu hastig gezielt und knapp danebengeschossen. Brugger hörte hinter sich den typischen gedämpften Bums eines Blastertreffers in Holz, der weniger organisches Material verdampfte als einer in Fleisch. Im nächsten Moment hatte er schon seinen eigenen Blaster gezogen und auf seinen Gegner abgefeuert – und ebenfalls verfehlt. Während der Pirat sich noch hinter seinem Gleiter in Deckung duckte und zum nächsten Schuß anlegte, warf Brugger sich hin und schoß unter dem Gleiter hindurch auf sein Bein. Diesmal traf er – mit einem scharfen Krachen stach eine Plasmaflamme aus verdampftem Gewebe aus dem Schußkanal am Schienbein. Der Bandit kippte mit einem Aufschrei zur Seite und wurde so für Brugger zum Großteil unter dem Gleiter hindurch sichbar. Ehe er noch etwas unternehmen konnte, hatte er schon zwei weitere Schüsse in Brust und Kopf erhalten und sein Leben ausgehaucht.

Brugger rappelte sich auf, achtete zunächst auf Anzeichen weiterer Gegner und steckte dann die Waffe weg, um zu der Frau hinzueilen. Noch während er sie von ihren Fesseln befreite, wurde von den Ruinen her ein leises Summen hörbar, das lauter wurde. Als die beiden in den Raumgleiter stiegen, erhob sich hinter dem Kuppeltrakt der Ruinen das Kurierschiff der Piraten – von der Stelle, wo aus der Luft nur ein eingestürzter Flachdachabschnitt zu sehen gewesen war. Offenbar befand sich darunter ein tiefer in den Untergrund führender Schacht, in dem das Schiff sich verborgen gehalten hatte.

Dieses drehte sich nun nach dem Passieren der Dachöffnung wieder in waagrechte Rumpflage und schwenkte zu der Lichtung herum. Brugger hob den Gleiter eilig vom Boden ab und wandte sich nach Norden. Keine Sekunde zu früh, denn in diesem Moment flammte der Stamm des Baumes zwischen ihnen und dem Schiff auf und zerplatzte unter dessen erstem Laserschuß mit einem Donnerschlag. Der nächste Blitz fuhr duch dichtes Ast- und Blattwerk und streifte, stark gedämpft und gestreut, das Heck des Gleiters. Die Schadensüberwachung ließ kurz einen Warnton mittlerer Stufe ertönen und zeigte die betroffene Stelle auf dem zugehörigen Bildschirm in Rot, das bald wieder auf Braun zurückging. Brugger steuerte den Gleiter unterhalb der Baumkronenhöhe durch den Wald, drückte ihn wenn nötig durch dichte Wedel baumfarnähnlicher Gewächse und hielt Ausschau nach dem feindlichen Schiff. Kurz konnte er die langgestreckte Eiform mit den drei großen Antriebswülsten um das dicke Heck und den drei kleineren hinter dem Bug durch einen dünneren Bereich des Baumkronendickichts erkennen; das Mondlicht glänzte auf seiner Rumpfoberseite. Schon blitzte ein weiterer Laserschuß auf und verwandelte einen dicken Ast über ihnen mit prasselndem Krachen in einen Funkenregen. Für die Piraten war die Lage ähnlich verzweifelt wie momentan für Brugger und seine Begleiterin, denn sie mußten verhindern, daß die beiden den schweren Raumjäger erreichten, gegen den sie praktisch chancenlos sein würden.

Nun waren sie offenbar auf Bruggers Sensordrohne aufmerksam geworden, denn ein grüner Laserblitz zuckte über den dunklen Himmel und verwandelte sie in einen glühenden Meteor, der funkensprühend in den Wald stürzte. Doch diese Unterbrechung der Funkverbindung kam längst zu spät, denn Brugger hatte Acey bereits alarmiert. Als dunkler Schatten kam die Ace of Swords über den nur noch gut drei Kilometer entfernten Bergrücken im Norden und nahm das Kurierschiff mit ihren zehn Flügellasern und den Kinetics unter Beschuß, worauf dieses schleunigst abdrehte und der Deckung eines tief in den Wald eingeschnittenen Flußlaufs zustrebte. Solange es noch in Sichtlinie war, feuerte es weiter mit seinem einzelnen, auf einem drehbaren Rumpfring gelagerten Laserturm zurück, und so lange mußte Brugger mit seinem Gleiter noch zwischen den Bäumen in Deckung bleiben, ehe er zum Eindocken im Schiff aufsteigen konnte. Für diese kurze Zeit klammerten die Piraten sich wohl noch an eine verzweifelte Hoffnung auf Entkommen, denn solange der Gleiter nicht wieder aufgenommen war, war ihr Gegner in seiner Geschwindigkeit beschränkt.

Schließlich gab Acey Entwarnung, und Brugger zog aus dem Wald hoch und übergab ihr die Endanflugsteuerung für das Rendezvousmanöver. Sobald der Gleiter eingeklinkt und die Schachtluke geschlossen war, stiegen seine Insassen aus und liefen eilig durch den Zugangstunnel nach vorn, während das Schiff auf Bruggers mündliche Anweisung hin bereits auf Maximalschub ging und hochzog. Am achteren Abschlußschott des Besatzungsteils hasteten sie die Steigleiter hinauf und kamen zwischen den drei rückwärtigen Sitzen im Kontrollraum heraus, wo schon die beiden Frontscheiben durch die hochgefahrenen Zusatzbildschirme abgedeckt waren, die immer verwendet wurden, wenn Gefahr von Strahlenbelastung im Innenraum bestand. Poledouris war erstaunt darüber, daß niemand an Bord war. Brugger klärte sie kurz darüber auf, wer „Acey“ war, nahm im rechten Vordersitz Platz und wies sie an, sich im linken anzuschnallen. Anschließend fuhr er auch die beiden Seitensichtschirme hoch, damit die Insassen nicht durch Reflexe gegnerischen Laserlichts auf den Flügelgondeln geblendet werden konnten, und hielt dann auf dem Ortungsschirm Ausschau nach dem Feind.

Dieser war bereits etwa sechs Kilometer voraus, und sein Vorsprung war nur deshalb nicht noch größer, weil er den Windungen des Flußtals gefolgt war, um dessen Deckung zu nutzen. Aus seinem stetig steigenden Schiff konnte Brugger ihn nun schon immer wieder kurz wahrnehmen, wenn er um einsehbare Flußbiegungen wischte. Die allgemeine Flugrichtung der Piraten ging nach Südost, und da der Verlauf des Flusses in den kartographischen Datenbanken verzeichnet war, folgte die Ace of Swords ihnen auf direkterem Weg. Die beiden Teilchenstrahlkanonen, die den Großteil ihrer Rumpflänge durchzogen und ihre Mündungen aus dem Bug streckten, waren in der Atmosphäre nicht einsetzbar, und die Kinetics würden auf diese Distanz entweder durch Luftreibung verglühen, ehe sie das Ziel erreichten, oder bei ausreichender Verringerung ihrer Geschwindigkeit eine zu lange Flugzeit haben, um ein immer nur kurz sichtbares, bewegliches Ziel zu treffen. Mit den Lasern blitzte Brugger ihnen jedoch in diesen kurzen Momenten immer wieder eine Salve hinterher. Er konnte sich bereits denken, was sie vorhatten.

„Wie heißen Sie eigentlich?“ fragte ihn seine Begleiterin.

„Ronald Brugger. Äh, Miss Poledouris – ich weiß leider die korrekte griechische Anrede nicht…“

„Bitte nennen Sie mich Alcyone. Und nochmals vielen Dank dafür, daß Sie mich da herausgeholt haben. Was wollten Sie mich eben fragen?“

„Gern geschehen. Für dich bin ich Ron. Sind außer den Piraten noch andere Leute in ihrem Schiff?“

„Niemand mehr. Da war zuletzt nur noch ich. Wirst du sie abschießen?“

„Ja. Dazu muß ich aber erst näher an sie herankommen. Im Weltraum wären sie auf diese Distanz schon erledigt, weil ich da neben den Lasern auch die Teilchenstrahler und die Kinetic-Kanonen einetzen könnte. Aber hier in der Atmosphäre kann ich nur die Laser verwenden, und da wird deren gemeinsame Fokussierung auf einen möglichst kleinen Punkt am Ziel erschwert, weil sich die Vibrationen durch Luftunruhen auf die Lasermontagen übertragen. Außerdem streut die Luft das Laserlicht. Aber dasselbe Problem haben auch die anderen, nur noch mehr, weil ihr außen montierter Laserturm noch stärker vibrieren wird und nur einen Bruchteil der Gesamtleistung meiner zehn Laser hat.“

„Und können wir sie einholen?“

„Nicht leicht, aber früher oder später wahrscheinlich doch. Ihr Schiff hat eine günstigere Aerodynamik, aber meines ein etwas besseres Schubverhältnis. Siehst du da weit vorne das ansteigende Gelände mit den runden Bergkuppen links dahinter?“

Alcyone schaute hinaus. Von links schien der Mond, der aus dieser Höhe noch immer zu sehen war, in flachem Winkel über die Landschaft und ließ alle Erhebungen plastisch hervortreten. Sie sah die bezeichneten Bergkuppen, hinter denen es in der Ferne ständig wetterleuchtete. Dort regnete bereits ein Teil der über der heißen Tagseite aufgestiegenen Luftfeuchtigkeit an einer hohen Vulkankette in heftigen Gewittern ab. „Ja“, sagte sie.

„Davor verläuft ein tiefer, gewundener Fjord, durch den überschüssige Wassermassen aus dem Nachtozean in den Tagozean rauschen, der ein tieferes Niveau hat, weil dort mehr Wasser verdunstet, als hineinregnet oder durch Flüsse hineinfließt. Von hier ist er noch nicht zu erkennen, weil er so tief eingeschnitten ist. Der durchzieht diesen ganzen Landstreifen hier, und weiter im Südwesten münden noch Nebenarme ein. Außerdem stoßen etliche Flußschluchten wie diese hier von beiden Seiten hinzu. Ich vermute, daß sie uns in diesem unübersichtlichen Gewirr abhängen wollen, um dann weit genug davonzuziehen, daß sie unbeobachtet in den Weltraum aufsteigen und dann in den Warp gehen können, ehe wir sie einholen.“

„Aber du kannst doch oberhalb des Fjordeinschnitts fliegen, sodaß du den Windungen nicht folgen mußt und ihnen den Weg abschneiden kannst, oder?“

„Ja, das könnte ich. Aber dann müßte ich sie aus recht großer Überhöhung beschießen, und die Flügellaser haben nur einen begrenzten Schwenkwinkel, sodaß ich dann immer kurz in den Stechflug gehen müßte. Außerdem würde ich sie dann immer wieder aus der Ortung verlieren und nicht sehen, ob sie nicht in irgendeine Nebenschlucht abgebogen sind oder sich mit dem Schiff in einer Höhle oder unter einem Felsüberhang versteckt haben. Die unteren Gesteinsschichten sind nämlich aus Kalk, der von Ergußgesteinen überlagert wurde, und da gibt es etliche Höhleneingänge, wo sie das tun könnten. Aber ich kann etwas machen, womit sie nicht gerechnet haben.“

Ron startete eine weitere Sensordrohne und klinkte dann die beiden kleinen Robotjäger aus, die unter den Außenflügeln hingen und inzwischen fertig programmiert waren. „Die Sonde wird über dem allgemeinen Gelände auf direkterer Route vorausfliegen und einen eventuellen Ausbruch des Gegners nach oben registrieren“, erläuterte er. „Einer der Robotjäger wird sie begleiten und Gelegenheiten nutzen, das Schiff von oben mit seinem Laser und seiner Kinetic-Kanone zu beschießen. Der andere fliegt uns im Fjord voraus – durch seine bessere Wendigkeit kann er das – und wird unser Auge um die Kurven sein. Dadurch haben wir einen Vorteil bei der Zielauffassung, sobald wir auch in Sichtlinie zum Feind kommen. Und natürlich wird er den Kerlen ebenfalls einheizen, wann immer es geht.“

Mittlerweile war der Fjordeinschnitt bereits zu erkennen. Das Kurierschiff raste über das Ende des Flusses hinaus, der in Stromschnellen einem Wasserfall entgegenstürzte, und kurvte nach rechts unten weg. Die Ace of Swords zog nach rechts hoch, schnitt diesen Teil des Flugwegs ab und tauchte in den Fjord, der weit voraus eine Biegung nach links machte. In der Dunkelheit nur undeutlich sichtbar, wälzten sich unter ihnen reißende Wassermassen zum Tagseitenozean hin, wo auf dieser Seite gerade Ebbe war. Die Entfernung zum Gegner betrug jetzt nur noch gut drei Kilometer, und Ron nutzte das nicht nur für einen anhaltenden Laserbeschuß, sondern versuchte es auch mit den Kinetics. Weißglühende Geschoßbahnen flankierten die grünen Laserstrahlen, während von vorn die Antwort folgte, bis der Gegner gleich darauf um die Kurve außer Sicht kam. Sein Beschuß hatte den Rumpf links vorne erhitzt, aber sonst keinen Schaden angerichtet außer einem ausgefallenen Kamerachip, der sogleich automatisch durch ein Reserveexemplar ersetzt wurde. Die Trefferauswertung der automatischen Zielbeobachtung ergab, daß die Kinetics den Gegner erreicht hatten, ohne zu verglühen, und daß ein Teil davon auch getroffen hatte. Auch die Laser hatten bereits Wirkung erzielt: die Spektralanalyse zeigte verdampftes Schiffsmaterial an. Wie groß der Schaden tatsächlich war, ließ sich jedoch nicht feststellen.

Nun war die Kurve da; Acey zog hoch, rollte nach links und raste an der Hunderte Meter hohen Schluchtwand entlang wieder leicht abwärts. Alcyone sog erschrocken Luft ein. Kurz kam das andere Schiff wieder in Sicht; aus seiner Heckdüse leuchteten schwach die Restgase aus seinem Massekonverter, während seine MET-Antriebe nur Abwärme hinterließen. Dann verschwand es nach kurzem Schußwechsel um eine Rechtsbiegung, eine links an dieser Stelle einmündende Seitenschlucht ignorierend. Die Verfolger schnitten diese Ecke über den dazwischenliegenden Bergücken hinweg ab und flogen dahinter wieder in den Fjord. Ohne kartographische Daten wären diese Stunts nicht möglich gewesen, auch nicht mit KI-gesteuerten Schiffen, die wie ein gutes Schlachtroß selbst auf ihren Weg achten konnten.

Erneut kamen die beiden Schiffe in Sichtlinie zueinander, diesmal jedoch zu kurz für einen Waffeneinsatz, ehe der Fjord sich wieder nach links krümmte. Die Robotjäger kamen jedoch immer wieder zum Schuß und trafen auch, ohne vorerst jedoch merkliche Wirkungen außer einer Aufheizung der Außenhülle des Gegners und punktueller Materialverdampfungen und Kinetic-Einschläge zu erzielen. Sie selbst waren durch das Gegenfeuer auch schon stark aufgeheizt, aber noch ohne Schäden. Ein Laserstrahl stach nach der Drohne und erwischte sie, aber in diesem Moment hatte auch die Ace of Swords die Linkskurve hinter sich gebracht, und nun lag ein etwas längerer gerader Fjordabschnitt vor ihnen. Die Entfernung zwischen den Schiffen war auf zweieinhalb Kilometer geschrumpft, und das Feindschiff spritzte nun irgendwelche Fremdmaterialien in seinen Massekonverter ein, um mit dem Ausstoß der unvollständig zerstrahlten Spaltprodukte einen zusätzlichen Raketenschub zu haben, denn aus seiner Düse schoß ein gelblich glühender Strahl. Ron eröffnete sofort das Feuer mit Lasern und Kinetics. Funkenfontänen sprühten vom Heck der Hermes, die einige Sekunden brauchte, um nach dem Drohnenabschuß ihren Laser neu auszurichten, der kurz nach Beginn seines Gegenfeuers ausfiel, offenbar von den Kinetics beschädigt.

In Panik wegen dieser verhängnisvollen Schicksalswendung versuchte der Pilot in eine von rechts einmündende Seitenschlucht auszubrechen, in der ein Nebenfluß in steilen Kaskaden herabrauschte. Die Geschwindigkeit war dafür jedoch zu hoch und die Schluchteinmündung schon zu nahe: das Schiff fetzte in der zu knapp angerissenen Steigflugkurve durch ein paar Bäume am rechten Schluchtausgang, knallte gegen den oberen Rand des gegenüberliegenden höheren Felshanges und stieg als brennendes Wrack steil in den Nachthimmel. Ron zog aus dem Fjord hoch und rollte nach rechts; er und Alcyone sahen zu, wie die Hermes in einer hohen ballistischen Kurve über das Waldland flog, Trümmer verlierend und einen vom Mondlicht erhellten Dampfschweif hinter sich herziehend, und dem Fjord entgegenstürzte, der sich dahinter wieder nach Westen zum Ozean hin wandte. Sie tauchte in einer hohen Fontäne in das Wasser, aus dem noch kurz das Glühen ihrer Brände leuchtete. Als die Ace of Swords über der Absturzstelle kreiste, brodelte dort nur noch ein Dampfblasenschwall aus der Tiefe herauf.

„Wie tief dürfte es hier sein?“ fragte Alcyone.

„Ich weiß nicht“, antwortete Ron und besah sich kurz die Statusanzeigen seines Schiffes und der Robotjäger. Keine Schäden. „Fjorde in Norwegen können über fünfhundert Meter tief sein, stellenweise sogar bis über tausend. Bei diesem hier sind es wahrscheinlich auch mehrere hundert Meter.“ Er aktivierte das Rückholprogramm für die kleinen Maschinen und ließ dafür das Schiff eine Weile mit dem von Osten wehenden Gezeitenwind im Schwebeflug treiben.

„Das Wrack wird also nie mehr zum Vorschein kommen?“

„Bestimmt nicht. Es wird auch von der Strömung ständig zum Ozean hin verschoben werden, und Sedimente werden es überlagern.“

Sie schien erleichtert zu sein. Eine Weile schwieg sie, dann sah sie ihn an und sagte: „Ron, du mußt mir glauben, daß ich da unten bei der Übergabe nicht wußte, was genau sie vorhatten. Beim Start mit dem Gleiter waren meine Augen verbunden, und der Kerl ist eine Weile mit mir herumgeflogen, daher wußte ich nicht, wo ihr Schiff versteckt war. Aber ich war mir fast sicher, daß sie irgendwas Faules beabsichtigten, denn sie hatten davon gesprochen, mich auf Pavonia als Sklavin versteigern zu wollen. Daher bezweifelte ich sehr, daß sie mich wirklich freilassen würden. Ich hatte solche Angst, daß die sich die Teile schnappen und mich trotzdem behalten würden… die haben mir Sachen auf Videos gezeigt… Ron, du würdest nicht glauben, was im Untergrund von Pavonia läuft, was die dort mit Frauen machen… ich hatte jedenfalls keine Ahnung davon.“

„Genaues weiß ich zwar auch nicht“, antwortete Ron, „aber gewisse Grundtatsachen waren mir schon bekannt. Daß die Öffentlichkeit darüber in Unkenntnis gehalten wird, hat mit Political Correctness und Scheu vor Antisemitismusvorwürfen zu tun.“

„Gleichzeitig hatte ich Angst vor dem, was der Kerl tun könnte, wenn ich dich warnen oder zu dir hinrennen würde“, fuhr sie fort. „Deshalb habe ich so lange gezögert, bis es fast zu spät war. Aber jetzt ist es doch gut ausgegangen.“

Ron fiel etwas ein. Er öffnete ein kleines Staufach am Sitz, holte etwas heraus und hielt es ihr hin. „Das ist dein Schlüssel für deine Kabine. Sie liegt ein Deck tiefer auf der linken Schiffsseite neben meiner. Ich habe zwar als Schiffseigner einen Universalschlüssel, aber wenn du ihn innen stecken läßt und herumdrehst, kann ich nicht hinein.“

Sie lehnte sich aus dem Sitz zu ihm hin und nahm den Schlüssel entgegen. „Danke.“

„In der Kabine findest du auch Kleidung und Schuhe zum Anziehen; die habe ich nach Angaben deiner Familie besorgt. Such‘ dir etwas aus.“ Er öffnete die Luke zum Niedergang zwischen den beiden Frontkonsolen. „Da geht’s hinunter. Das Klo und die Naßzelle mit der Dusche sind auf dem Deck darunter, links vorne neben Kabine Fünf. Mach‘ dich frisch und komm‘ dann wieder herauf, dann reden wir weiter.“

Alcyone bedankte sich nochmals, schnallte sich los und verschwand nach unten. Ron ließ sein Schiff tiefer über die Wasseroberfläche hinabsinken, fuhr den Schlauch für die In-situ-Betankung aus und nutzte die Zeit, um seine Tanks wieder zu füllen.

Eine gute halbe Stunde später kam Alcyone wieder herauf und fand ihn in Gedanken versunken vor. Sie setzte sich wieder in den linken Sitz, schnallte sich an und lächelte Ron an. „Jetzt geht’s mir wieder viel besser“, sagte sie. „Das sind schöne Sachen, die du mir besorgt hast.“ Sie trug einen blaugrauen Pulli mit einem bunt gemusterten Halstuch im weiten Rollkragen, dazu eine dunkelblaue Elastikhose mit glänzendschwarzem Gürtel. Ihre Füße steckten in bequemen Bordschuhen.

Das Schiff war inzwischen über die Küstenlinie hinausgetrieben und schwebte in niedriger Höhe über dem breiten Mündungstrichter des Fjords. Ron steuerte es nun langsam über die viele Kilometer breite Wattfläche nach Norden. „Was weißt du eigentlich über diese Raumyacht, die die Piraten hier im Orbit haben?“ fragte er.

„Nicht viel, nur daß sie das legal registrierte Arbeitsschiff der Bande war. Zwei von ihnen sind damit zur Erde geflogen, um die Übergabebedingungen für mich auszuhandeln. Einer davon war der, den du erschossen hast. Der war ein wichtigeres Mitglied.“

Ron erhöhte den Schub und zog das Schiff auf tausend Meter Flughöhe. „Den sehe ich mir jetzt näher an“, sagte er. „Vielleicht hat er das eine oder andere Brauchbare bei sich oder im Gleiter. Und falls er wirklich am ursprünglich vorgeschlagenen Landeplatz Männer postiert hat, dann werden die Kerle jetzt bei dem Gleiter sein, und ich kann sie aus der Luft mit den Lasern rösten.“

Alcyone schauderte. „Was, du willst noch einmal dorthin? Und aussteigen? Was ist, wenn dir dort etwas passiert? Ich wäre doch aufgeschmissen allein ohne dich.“

„Ich werde Acey anweisen, daß sie automatisch mit dir zur Marsbasis zurückfliegt, falls ich draufgehe. Aber keine Sorge, ich werde schon aufpassen, daß das nicht passiert.“

Während des weiteren Fluges bemerkte er am Rand seines Sichtfeldes, daß sie ihn immer wieder von der Seite her ansah, und er erinnerte sich an jene andere junge Frau, die ihn vor Jahren ähnlich angesehen hatte, damals auf diesem Ausbildungsflug nach Maanenia, als er kurzzeitig als Aushilfstrainer für eine zivile Raumpilotenakademie gearbeitet hatte. Und es war ebenfalls ein nächtlicher Atmosphärenflug über dieser Welt gewesen. Er fragte sich, wo sie nun wohl sein mochte, und ob sie noch an ihn dachte.

Wenig später überflogen sie die Lwaong-Ruinen und kreisten langsam über der Umgebung des Landeplatzes. Ein genaues Absuchen mit allen zur Verfügung stehenden Sensoren ergab keinen Hinweis auf menschliche Anwesenheit dort unten. Ron senkte die Ace of Swords vorsichtig in die Waldlichtung, die dafür gerade eben groß genug war, und ließ sie knapp über Grund schweben. Über die Bodenluke stieg er mit gezogenem Blaster aus. Alcyone blieb auf der abgesenkten Zugangsrampe stehen und hielt seine Zweitpistole in der Hand, die er ihr zur Sicherheit gegeben hatte, einen Kompaktblaster mit nur zwei Zentimeter Apertur seiner Laseremitter. Sie sollte die Umgebung im Auge behalten, während er zu der Leiche und ihrem Gleiter hinging, konnte es aber dennoch nicht lassen, ab und zu in seine Richtung zu schauen.

Wachsam schritt Ron über den Unterwuchs, aber es blieb alles ruhig, bis auf vereinzelte Rufe irgendwelcher nachtaktiver Wesen. Der Pirat lag noch da, wie er gefallen war. Das Blut in den hässlichen Schußlöchern war bereits geronnen, und unter seinem Rücken hatte sich eine große Blutlache aus dem Körperdurchschuß ausgebreitet. Der Kopfschuß hatte die Schädelrückseite nicht mehr ganz durchbrennen können, dafür hatte aber die Dampfexplosion viel Hirnmasse nach vorn herausgeschleudert. Ron versuchte den Ekel über den grausigen Anblick zu unterdrücken und durchsuchte die Taschen des Mannes. Neben einigem uninteressanten Krimskrams fand er eine Poctronic samt dazugehörigem Entsperrchip und einen Mehrzweck-Codegeber. Letzteren probierte er am Gleiter aus, dessen Systeme immer noch in Bereitschaft geschaltet waren; die Maschine erkannte die Benutzungsberechtigung, was darauf hoffen ließ, daß damit auch die Yacht in Betrieb genommen werden konnte. Dokumente und ein Notizblock steckten in der rechten Brusttasche, wo sie von dem Blasterschuß durchschlagen worden waren. Nun waren sie verkohlt, blutgetränkt und unbrauchbar. Ron nahm noch die Waffen des Toten – er hatte auch einen Kompaktblaster in einem Schulterholster – und die Magazine dafür an sich und ging wieder zum Schiff. Zusammen mit Alcyone stieg er nach oben in den Kontrollraum und hob ab. Nachdem er Acey angewiesen hatte, in den Weltraum aufzusteigen und eine Bahnangleichung an die dort kreisende Yacht vorzunehmen, setzte er sich mit Alcyone in den Wohnraum vor den Mitteldeckskabinen, wo die beiden sich mit einer überfälligen Mahlzeit stärkten und das weitere Vorgehen besprachen.

„Da ist etwas, um das ich dich bitten möchte“, sagte Alcyone, nachdem Ron seine Absicht mitgeteilt hatte, die Yacht in Besitz zu nehmen und dann zur Erde zurückzukehren. „Einer der Copiloten der Mira hat sich wahrscheinlich während der Kaperung mit einem Beiboot abgesetzt. Als sie uns überfielen, waren wir gerade im niedrigen Orbit um Nivdrac.“ Das war ein großer Mond von Achird Ac, dem dritten Planeten von Eta Cassiopeiae A, wie Ron wußte. „Sie haben mit dem Kurierschiff angedockt und uns geentert, und ein zweites Schiff hat uns aus größerem Abstand mit seinen Waffen bedroht. Dieser Pilot hat bewaffneten Widerstand geleistet, als sie begannen, alle Besatzungsmitglieder zu töten, die zu der Zeit gerade im Kommandoraum waren. Er ist dann verschwunden und war später nie bei uns anderen Gefangenen dabei. Als die Piraten unser Schiff unter Kontrolle gebracht hatten, haben sich alle Beiboote von der Mira gelöst und sind auf Nivdrac hinuntergestürzt. Sie haben ihnen nachgeschossen und anscheinend auch einige getroffen, aber soviel ich aus ihrem späteren Reden mitbekommen habe, waren sie sich nicht sicher, ob dieser Pilot in einem davon drin war und ob sie gerade dieses entscheidend beschädigt haben, oder ob es intakt unten angekommen ist. Mich belastet die Vorstellung, daß dieser Mann schon die ganze Zeit dort einsam festsitzt und auf Rettung wartet, die vielleicht zu spät kommt. Können wir nicht hinfliegen und ihn suchen? Bitte. Ich würde für den Umweg auch bezahlen.“

„Eta Cassiopeiae ist ungefähr sechzehn oder siebzehn Lichtjahre von hier entfernt“, wandte Ron ein. „Dafür würden wir etwa fünf Tage brauchen. Wahrscheinlich werden wir ihn nicht sofort finden, und dann haben wir noch sechs Tage Flugzeit nach Sol vor uns. Deine Familie wäre mindestens eine Woche über unsere erwartete Rückkehrzeit hinaus im Unklaren, wie die Sache ausgegangen ist, und wer weiß, was sie dann für Schritte unternehmen würden?“

Sie dachte kurz nach und sagte dann: „Du könntest doch diese Raumyacht auf einen Kurs nach Sol programmieren und sie mit einer Nachricht an meine Leute dorthin schicken, während wir nach Nivdrac fliegen.“

„Falls ich die Yacht in Betrieb nehmen kann. Hmm, na gut, falls es hinhaut, machen wir es so.“

Sie strahlte. „Danke!“

Eine knappe halbe Stunde später hatten sie sich dem anderen Schiff angenähert. Es hieß Bat Durston, wie ihnen die Aufschrift auf dem vorderen Warpring verriet, und war von einer älteren Bauweise, die noch zwei ringförmige Warpantriebsaggregate aufwies, deren hinteres mit vier Landestützen versehen war. Das Hauptgewicht des als „tailsitter“ ausgelegten, tropfenförmigen Raumschiffs wurde bei der Landung von einem Ring von Landetellern aufgenommen, die an kurzen Teleskoprohren um das dicke, abgeplattete Heck angeordnet waren. Ron manövrierte mit seinem Vorschiff nahe an den senkrecht dazu aufragenden Bug der Durston, oberhalb von deren vorderem Warpring, fuhr den Universal-Andockrüssel aus und ließ ihn an der Notluftschleuse der Yacht einrasten.

Mit dem Codegeber des erschossenen Piraten war es tatsächlich kein Problem, die Bordsysteme der Durston zu aktivieren und sich als Benützungsberechtigter auszuweisen. Nach einer kurzen Inspektion der Yacht kopierte Ron den gesamten Dateninhalt ihres Bordcomputers zwecks späterer Informationsgewinnung in eine Archivdatenbank seines eigenen Schiffes. Dann landete er die Durston in Begleitung von Alcyone wieder auf der Waldlichtung, um den blauen Gleiter samt der Ersatzteillieferung in den kleinen Laderaum zu schaffen, während die Ace of Swords in der Nähe schwebte. Mit Alcyone vereinbarte er, daß die Hermes-Teile als Sonderentgelt in seinen Besitz übergehen sollten, da er aus seiner Kriegszeit noch wußte, wo eine reaktivierbare, verlassene Hermes III zu finden war, für die er sie vielleicht einmal brauchen konnte. Dann stieg er zusammen mit ihr aus, startete die Yacht per Codegeber auf ihren programmierten Kurs zur Erde und sah zu, wie sie sich in den schon heller werdenden Himmel erhob. Von Acey ließ er sich den Raumgleiter für die Rückkehr an Bord herunterschicken. Nach der Aktivierung des Flugprogramms nach Eta Cassiopeiae begaben er und Alcyone sich todmüde in ihre Kabinen und legten sich schlafen.

4) Arrin

Eine Dreiviertelstunde nach der Landung auf Arrin stand Catriona Gerling mit Giulia Rossini und den beiden Schiffshostessen Corlissa Connelly und Madoline Reynaud am Fuß der Ausstiegsrampe der Queen of Altavor und ließ den Blick über den Raumhafen von Mel’arrin schweifen. Die vier hatten soeben die letzten der Passagiere verabschiedet, die sich nun in die nahe Metropole begaben. Die Frauen verwendeten Atemmasken wie die Passagiere, die gerade die gegenüber gelandete Cygnus der CosmoCruise Corporation verließen; die auf dem Vorfeld arbeitenden Männer trugen jedoch Ganzkörperanzüge zum Schutz vor giftigen oder feuergefährlichen Substanzen.

Jenseits der Raumhafengebäude stand die wolkenverhüllte Supererde Lhorrass, deren Mond Arrin war, an ihrer nur wenig veränderlichen Position am Himmel. Dieser wurde vom Licht der tief im Westen stehenden K4-Sonne Lhaynong und von Staubteilchen von einem westlich gelegenen Wüstenhochland rot gefärbt. Die Spätnachmittagshitze des langen Arrin-Tages begann bereits ein wenig nachzulassen, und wenn die vier Frauen nach Dienstschluß zu ihrem eigenen Ausflug in die Stadt aufbrachen, würden die Temperaturen angenehmer sein.

Eine Stunde später war es soweit. Catriona und ihre Freundinnen nahmen ein Lufttaxi nach Mel’arrin und ließen sich im Zentrum absetzen, dessen innerster Teil in einer weiten Flußschlinge lag. Hier hatte in ferner Vergangenheit die Hauptstadt eines primitiven Großreiches gestanden, das nach der Ankunft der legendären Alten vor über siebentausend Erdenjahren durch deren Hilfe zu noch größerer Macht aufgeblüht war und schließlich zwei Drittel von Arrin beherrscht hatte. Von dieser ersten arrinyischen Hochzivilisation war kaum mehr etwas übrig, und die meisten Arrinyi interessierten sich nicht dafür. Doch ihre einstige Metropole existierte immer noch als Zentrum einer verschmolzenen globalen Zivilisation, die sich auf viele Welten fremder Sonnen ausgedehnt hatte und Kontakte zu anderen Intelligenzwesen pflegte. Mel’arrin war eine bunte Synthese der arrinyischen Kultur und der Einflüsse der Galaktischen Zivilisation, und das widerspiegelte sich auch in seiner vielfältigen Bevölkerung.

Neben den hageren, grauhäutigen Gestalten der Arrinyi in ihren hellen, weiten Gewändern begegnete den vier Frauen auf ihrem Stadtspaziergang eine Vielzahl verschiedenartiger Wesen, die nur ihre biologische Eignung für die Umweltverhältnisse auf Arrin gemeinsam zu haben schienen. Giulia fotografierte sie bei jeder Gelegenheit mit ihrer Poctronic. Mit der Zeit fiel den Frauen auf, daß die Fremdweltler untereinander – auch mit Wesen anderer Spezies – mehr Umgang zu haben schienen als mit Arrinyi. Letztere wiederum wiesen eine relativ geringe rassische Variationsbreite auf, dies jedoch in allen Schattierungen.

Eine Weile später saßen sie auf einer Gästeterrasse eines Lokals, das auf die Bedienung von Fremdweltlern eingestellt war und absenkbare transparente Atemluftglocken aufwies, und kosteten ein arrinyisches Heißgetränk, das für Menschen unbedenklich war und auf diese nur anregend wirkte, ohne den berauschenden Effekt, den es auf Arrinyi hatte. Hinter Lhorrass ging gerade hellstrahlend weiß ein Stern auf, der als einziger am immer noch dämmrigroten Himmel sichtbar war. Beta Centauri, dachte Catriona, so nah, so schön und über hundertmal so hell wie Sirius von der Erde aus.

Giulia sah von ihrer Poctronic auf, mit der sie sich eine Zeitlang beschäftigt hatte. „Wißt ihr, was ich rausgefunden habe?“ fragte sie. „Ich habe eben die Bilder, die ich heute von den verschiedenen Wesen gemacht habe, über die Online-Suchmaschine laufen lassen, um sie zu identifizieren. Hier gibt’s ja eine Verbindung zum irdischen Raumhafentrakt und von da zu den Datennetzwerken.“

„Und, was hast du herausgefunden?“ fragte Corlissa, die sich ihr langes weißblondes Haar gerade zu einem dicken Zopf flocht.

„Einige dieser Spezies stammen von Welten aus dem Raumbereich, in dem die Arrinyi ihre Kolonien haben“, erklärte Giulia. „Die sind recht primitiv, und zwar nicht nur von ihrem kulturellen Stand zur Zeit ihrer Entdeckung durch die Arrinyi her. Die sind auch als Intelligenzwesen auf einem primitiven evolutionären Stand. Vergleiche mit Menschen sind schwierig, aber manche von denen sollen kaum intelligenter sein, als es der Homo erectus gewesen sein dürfte. Ich kann mir schwer vorstellen, welche Rolle die hier in dieser Hightech-Zivilisation spielen können.“

„Und die anderen?“ Madoline war nun auch interessiert.

„Die kommen von weiter innen in der Galciv. Drei davon kennt die Xenobiologische Enzyklopädie nicht einmal. Manche sind ebenfalls sehr primitiv, aber andere Arten sollen hochintelligent sein, im Durchschnitt intelligenter als die Arrinyi.“

„Die sind aber anscheinend auch nicht übermäßig helle“, warf Catriona ein. „Der Eindruck, den man von denen bekommt, die man auf Menschenwelten antrifft, dürfte täuschen, weil die überwiegend aus dem besseren Teil ihrer Gesellschaft kommen. Ich habe vor unserer Reise mit drei Leuten gesprochen, die länger hier zu tun hatten, und die meinen, daß die Arrinyi als Ganzes einen Durchschnitts-IQ von deutlich unter hundert haben, vielleicht nicht einmal neunzig. Sie sind sich wegen der Kommunikationsbarrieren und kulturellen Unterschiede nicht sicher, wie weit diese Wahrnehmung zutrifft, aber sie haben allgemein nicht den Eindruck einer Intelligenz, wie man sie von den Trägern einer solchen Zivilisation erwarten würde.“

„Naja, Durchschnitts-IQ unter neunzig, da brauchen wir Menschen auch nicht groß zu reden“, meinte Giulia. „Gesamtzahlen sind im Mainstream schwer zu bekommen, aber ich habe zwei wissenschaftliche Publikationen gelesen, die für die gesamte Bevölkerung der Solaren Föderation auf einen IQ zwischen achtzig und fünfundachtzig kommen.“

„Was – nicht mehr?“ staunte Corlissa. „Das kann ich mir schwer vorstellen.“

„Nun, das kann schon so sein“, wandte Madoline ein. „Wir haben wahrscheinlich einen geschönten Eindruck von der Gesamtsituation, weil wir in einem Milieu von überdurchschnittlich Intelligenten leben, die meist einen IQ zwischen hundertzehn und hundertvierzig haben.“

„Und das sind hauptsächlich Europäer und Ostasiaten und Mischlinge daraus“, ergänzte Giulia. „Der Großteil der Menschheit ist aber ganz oder teilweise von anderer Abstammung. Und dieses Zahlenverhältnis hat sich seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, als die Europäischstämmigen noch ein Drittel der Weltbevölkerung ausmachten, immer mehr verschoben. Im einundzwanzigsten Jahrhundert hat auch der Anteil der Ostasiaten abzunehmen begonnen.“

„Du meinst…“ begann Corlissa vorsichtig.

„…daß hier die Ursache liegt? Ja.“ Giulia hatte eine Grafik auf ihr Display geladen und zeigte sie ihren Freundinnen. „Das ist eine Karte der weltweiten IQ-Verteilung nach Ländern von Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts, als die große globale Migration erst begonnen hatte. Die stammt aus dem Forschungsarchiv des Humanbiologischen Instituts der Föderation – sie ist nicht geheim, sonst würde ich sie auch nicht kennen, aber schwer zu finden. In den Medien wird so etwas nicht präsentiert. Jedenfalls könnt ihr da sehen, welche Korrelation es damals zwischen Ethnie und Intelligenz gegeben hat. Heute wäre das Bild nicht mehr so deutlich, weil sich seither alles so durchmischt hat.“

Catriona räusperte sich. „Vermutet habe ich solche Zusammenhänge auch schon“, sagte sie, „auch wenn ich Informationen wie deine hier noch nicht hatte. In meinem Beruf fallen einem mit der Zeit doch gewisse Muster auf, wenn man bereit ist, sie zu sehen. Zum Beispiel, daß die ethnische Verteilung in den anspruchsvollen Raumfahrtberufen sich stark vom normalen Querschnitt der Weltbevölkerung unterscheidet. Oder bei welcher Art von Leuten man sich häufiger als bei anderen fragt, wie die sich überhaupt dafür qualifizieren konnten. Ein Warpantriebstechniker hat mir einmal erzählt, daß das in Forschung und Entwicklung noch krasser ist und daß sie dort schon Schwierigkeiten haben, genügend wirklich gute Leute zu bekommen.“

Giulia steckte ihr Gerät wieder weg. „In meinem Beruf bekommt man auch solche Einblicke in die Realität. Man muß mißtrauisch sein, und skeptisch gegenüber vordergründigen Darstellungen. Man muß bereit sein, Hinweisen nachzugehen. Und man muß dafür auch einen gewissen detektivischen Sinn mitbringen und entwickeln.“

Nachdem nun ein Anfang beim Brechen der Political Correctness gemacht worden war, erzählten auch Corlissa und Madoline von ihren eigenen Erfahrungen und Eindrücken im Zusammenhang mit der ethnischen Vielfalt. Es stellte sich heraus, daß alle vier insgeheim schon ähnliche kritische Ansichten dazu gehabt hatten. Fünfhundert Lichtjahre von zu Hause entfernt, umgeben von Wesen, die aus völlig fremden Evolutionslinien hervorgegangen waren, offenbarten sie einander nun all jene Gedanken, die sie in der Ausbildung, am Arbeitsplatz oder in den sozialen Medien nicht zu äußern gewagt hatten.

Eine Weile später bezahlten sie und verließen das Restaurant. Die Luft war immer noch warm, sodaß sie sich in ihren kurzen, leichten Sommerkleidern wohlfühlten. Der Boden und die Gebäude strahlten immer noch die Wärme des langen Tages ab, und so würde es noch viele Stunden lang bleiben. Die Arrinyi, die wie alle Lebensformen dieser Welt an deren dreieinhalb Erdentage langen Tag angepaßt waren, hatten sich mit einem kurzen Verdauungsschlaf nach ihrer Spätnachmittagsmahlzeit erholt und schwärmten nun in der Stadt umher, um ihrer halb nachtaktiven Lebensweise entsprechend den milderen Teil der Nacht für ihre Aktivitäten zu nutzen. Erst wenn die zunehmend bitterkalte zweite Nachthälfte näherrückte, würden sie ihrem Biorhythmus entsprechend in einen sechzehn bis achtzehn Stunden langen Tiefschlaf fallen.

Die vier Erdenfrauen hatten jedoch nicht die Absicht, noch viel länger in Mel’arrin zu bleiben, denn sie hatten bereits einen langen Tag hinter sich. Nachdem sie noch ein wenig unter dem exotischen Nachthimmel mit den wenigen sichtbaren Sternen, drei kleineren Monden und der golden strahlenden Kugel von Lhorrass flaniert waren, ließen sie sich ein Lufttaxi kommen und sich von diesem zur Queen of Altavor zurückbringen.

*     *     *

Am nächsten Tag (nach Erdzeitrechnung, nach der sie ihren Tagesablauf immer noch richteten) gingen Catriona und ihre Freundinnen unter dem noch dunklen Himmel durch einen kalten Ostwind über das Raumhafenvorfeld zu einem wartenden arrinyischen Suborbitalraumgleiter, der sie über die erste Etappe eines Ausflugs zu den legendären Fliegenden Städten der Alten befördern würde. Diese riesigen, uralten Bauwerke saßen auf massiven Steinsockeln, die in einem Wüstenhochland weit im Westen des Kontinents verteilt standen, auf dem sich Mel’arrin befand. Da ihre Bewohner keine Flugmaschinen im Umkreis von mehr als hundert Kilometern um ihre Städte duldeten, würde diese restliche Strecke mit Expeditionsfahrzeugen zurückgelegt werden müssen.

Der Raumgleiter hob ab und stieg steil in den Weltraum auf, um dann in eine hohe ballistische Flugbahn nach Westen überzugehen. Auf den Außenbildschirmen an den Rückseiten der Passagiersitze glühte der Bogen der Abenddämmerung am Horizont, dann kam die Sonne wieder in Sicht, und etwa zwanzig Minuten nach dem Start begann der Wiedereintritt in die Atmosphäre. Tief unten lag der Ostabhang des Hochlandes im schrägen Licht des späten Nachmittags, der dort immer noch herrschte, und dahinter breitete sich die Wüste aus. Kurz darauf landete der Gleiter auf der Piste einer Tourismusbasis in der Wüste, und die Passagiere stiegen in die deiachsigen Expeditionsfahrzeuge um.

Die vier Erdenfrauen hatten die vordersten Plätze gleich hinter dem Fahrer und der großen Frontscheibe gebucht, und so konnten sie eine bestmögliche Aussicht genießen, ohne auf Außenbildschirme angewiesen zu sein. Nach gut einstündiger Fahrt durch eine leicht gewellte Sand- und Felslandschaft rollten die Fahrzeuge durch einen Einschnitt in einem niedrigen Felsrücken, und dahinter bot sich den Passagieren der erstaunliche Anblick der gigantischen, fremdartigen Städte auf den dicken Säulen, die sich aus einer weiten Sandebene erhoben. Eine dieser Säulen war leer; wie Catriona wußte, kam es hin und wieder vor, daß eine der Städte zu einer anderen derartigen Säule irgendwo auf dieser Welt flog. Beim Näherkommen wurde der Anblick immer eindrucksvoller, und als die Fahrzeuge die letzte kleine Felsformation davor erreichten, hielten sie an, damit die Passagiere aussteigen und sich die Bauwerke im Freien ansehen konnten. Catriona und ihre Freundinnen bestiegen den Felsbuckel, wobei sie die MET-Schwebefunktion ihrer Expeditionsanzüge zu Hilfe nahmen, und genossen dann von oben die Szenerie.

Laut arrinyischer Überlieferung waren die Alten vor vierzehntausend Arrin-Jahren, also gut sieben Jahrtausenden irdischer Zeit, in genau diesen fliegenden Städten, von denen es insgesamt elf gab, auf ihre Welt gekommen: geheimnisvolle Fremdwesen, von denen immer noch niemand wußte, wie sie aussahen und woher sie stammten. Sie hatten den Arrinyi Technologie und Wissenschaft gebracht, ihnen davon immer nur soviel auf einmal vermittelt, wie sie in einer Generation bewältigen und verstehen konnten, und dabei mit ihnen über Fremdwesen aus mehreren anderen Spezies als Stellvertreter kommuniziert. Dabei war jedoch nicht ausgeschlossen, daß eine dieser Spezies doch die Alten selbst waren, so wie man auch in der Gegenwart nicht sicher sein konnte, ob es sich nicht bei einer der vielen Fremdweltler-Arten, die man auf Arrin antraf, um die Alten handelte – eine Möglichkeit, die Gegenstand vieler Sagen und Legenden war. Die Alten hatten über die Jahrtausende zunächst die Expansion des antiken Imperiums von Mel’arrin gefördert, nach dessen Verfall dann die globale Integration Arrins betrieben und schließlich den Anschluß an die Galaktische Zivilisation und die interstellare Expansion der Arrinyi herbeigeführt. Und in all dieser Zeit hatten die Alten ihre Geheimnisse gewahrt und niemandem Zugang zu ihren Städten erlaubt, an denen von Zeit zu Zeit fremdartige Raumschiffe andockten.

Während die vier Frauen noch standen und schauten, bemerkten sie, daß von hoch oben eine Fliegende Stadt aus dem Himmel herabsank und auf die leere Säule niederschwebte. Dabei war kein Laut zu hören außer dem fernen Rauschen der verdrängten Luft. Kurz darauf erhob sich in der Ferne die dritte Stadt geräuschlos von ihrem Sockel, kam auf die Betrachter zu und glitt in geringer Höhe über die Stadt im Vordergrund hinweg, ehe sie ihren Flug nach Süden in beschleunigtem Aufstieg fortsetzte.

Auf Giulias Vorschlag hin stiegen die Freundinnen auf der Nordseite von der Felsnase ab und wanderten ein Stück auf die freie Sandfläche hinaus, bis sie von der Reiseleitung per Funk informiert wurden, daß es Zeit für die Rückkehr zu den Fahrzeugen war. Bei diesen angelangt, wandten sie sich noch einmal um, um den Eindruck mysteriöser, gigantischer Fremdartigkeit ein letztes Mal in sich aufzunehmen, dann stiegen sie ein.

5) Nivdrac

Nikos Lourákis wandte sich vom Anblick des Riesenplaneten Achird Ac ab und schlenderte ein Stück von dem Beiboot weg, das ihm in den vergangenen einunddreißig Tagen notgedrungen als Zuhause gedient hatte. Das leichte Schneegestöber hatte aufgehört, und so hatte er sich dazu entschlossen, nach draußen zu gehen und sich ein wenig die Beine zu vertreten. Er war zunächst noch unschlüssig, ob er einen längeren Spaziergang unternehmen sollte, aber das Wetter schien tatsächlich aufzuklaren, und so zog er seinen Codegeber aus der Tasche, wandte sich um und schloß die Beibootluke per Funkbefehl. Dann stapfte er auf dem schneebedeckten Eis des kleinen Sees, auf dem sein Boot lag, auf dessen anderes Ende zu.

So fern von der Hauptsonne Eta Cassiopeiae A konnte Nivdrac keine sehr warme Welt sein. Die Hälfte ihrer Ozeanfläche war zugefroren, und jetzt im Mittwinter der Nordhalbkugel herrschten selbst hier nahe dem nördlichen Wendekreis frostige Temperaturen. Die dünne Luft enthielt nur deshalb einen ausreichenden Anteil von Sauerstoff, weil das einheimische Ozeanleben sie schon seit zwei Milliarden Jahren photosynthetisch damit angereichert hatte. An Land gab es hier erst ein spärliches Ökosystem, seit die Lwaong vor sechseinhalbtausend Jahren Lebensformen von den Hochgebirgen und polnahen Breiten ihrer Ursprungswelt angesiedelt hatten. Die größte und bekannteste davon waren die Schneedrachen, denen diese Welt ihren terranischen Namen verdankte und wegen denen Lourákis auch das großkalibrige Projektilgewehr geschultert trug. Diese Raubtiere waren auch ein wesentlicher Grund dafür, daß Expeditions-Kreuzfahrtschiffe wie die Mira dieses Sonnensystem anflogen: deren Passagiere unternahmen Beobachtungs- und Jagdsafaris auf diesem Ostkontinent, wo die Schneedrachen und ihre Beutespezies lebten.

Eine solche Landungsexpedition hatte auch die Besatzung der Mira für ihre Gäste vorbereitet gehabt, und deshalb waren die Beiboote bereit und ausgerüstet gewesen, als der Piratenüberfall begonnen hatte. Die Bande mußte mit ihrem Schiff irgendwo auf der Oberfläche gewartet haben, wahrscheinlich auf dem Westkontinent, denn beim Anflug auf Achird Ac und seine Monde war im Orbit von Nivdrac nichts davon wahrzunehmen gewesen. Sie mußten zwei oder drei kleine Ortungssonden in der Umlaufbahn gehabt haben, die ihnen die Ankunft ihrer Beute gemeldet hatten, und danach waren sie in den Weltraum aufgestiegen und hatten sich ihr genähert. Es war ein Militär-Kurierschiff vom Typ Hermes III gewesen, das ihnen in der Beschleunigung überlegen war, weshalb eine Flucht auf Warpstartdistanz aussichtslos gewesen wäre. Außerdem war vom nächstinneren Mond, der gerade auf der Innenbahn vorbeizog, ein zweites Schiff gekommen, dessen Beschleunigung ebenfalls auf einen militärischen Typ schließen ließ und das sie dann auf Abstand bedroht hatte, für den Fall, daß die Mira unmittelbar vor dem Andocken des Kurierschiffes Abwehrmaßnahmen wie Rammversuche unternehmen würde. Dieses gesamte Vorgehen deutete darauf hin, daß die Bande Informationen über den Flugplan der Mira gehabt hatte, um diesen Hinterhalt so planen zu können.

Nikos Lourákis hatte zu dieser Zeit gerade zusammen mit dem Kommandanten und der Kommunikationsoffizierin Dienst in der Kommandozentrale versehen. Nach der anfänglichen Verblüffung über diesen Piratenakt seitens eines scheinbaren Fahrzeugs der Raumflotte hatte er das Außenteleskop gerade rechtzeitig auf das zweite Schiff gerichtet, um seinen Typ zu identifizieren, ehe es im toten Winkel hinter dem Heck verschwand und das Teleskop durch einen Laserschuß des Kurierschiffs zerstört wurde. Anscheinend war die dabei gewonnene Information für die Piraten ein wichtiges Geheimnis gewesen, denn die ersten zwei von ihnen, die mit Kopfmasken getarnt in die Mira eingedrungen waren, hatten sich sofort zum Kommandoraum begeben, um alle dort anwesenden Besatzungsmitglieder zu töten. Den Kommandanten und die Kommunikationsoffizierin hatten sie sofort erschossen, aber Lourákis, der an der Landung hatte teilnehmen sollen und den als Sicherheitsausrüstung vorgeschriebenen Blaster bereits umgeschnallt trug, hatte sich an einer vom Eingang her nicht sofort einsehbaren Stelle der Zentrale befunden und die Eindringlinge getötet. Der zweite davon hatte ihn jedoch vor seinem Tod noch mit seinem hastig abgefeuerten Laserschuß an der linken Schulter gestreift und ihm eine hässliche Fleisch- und Brandwunde zugefügt, die er jetzt noch ein wenig spürte.

Nach diesem Kampf hatte Lourákis hastig die Tür der Zentrale versperrt und über das Überwachungskamerasystem zugesehen, wie die Piraten die Passagiere und restlichen Besatzungsmitglieder zusammengetrieben hatten. Da sie den Ersten Piloten am Leben gelassen hatten, hatte er daraus geschlossen, daß es ihnen nicht generell um das Töten der Flugbesatzung gegangen war, sondern nur um die Wahrung des Geheimnisses um dieses andere Schiff. Danach hatte er die Aufzeichnungen der Außenkameras – einschließlich des Teleskops – von den Angreifern auf einen Datenchip kopiert und war durch einen engen Wartungstunnel, der das gesamte Schiff durchzog und auch von der Zentrale aus zugänglich war, zu dem Raum gekrochen, von dem aus die Zugänge zu den Beiboot-Buchten abgingen. Da niemand dort war, hatte er an der Leitstandkonsole für alle fünf Beiboote das Notabsetzprogramm aktiviert und ihren zeitverzögerten automatischen Start in dichtestmöglicher Folge programmiert. Den Beginn der Startsequenz hatte er so angesetzt, daß er gerade rechtzeitig in das dritte steigen und sich im Pilotensitz anschnallen konnte, ehe es aus seiner Bucht katapultiert wurde. Das kleine Raumfahrzeug hatte sich gleich danach für den Atmosphäreneintritt ausgerichtet und mit Höchstleistung unter Einsatz des magnetodynamischen Plasmabremsschirms zu verzögern begonnen, und da die Mira sich auf einer sehr niedrigen Umlaufbahn knapp über der Atmosphäre befunden hatte, war auch kurz darauf der erste Luftwiderstand zu spüren gewesen.

Lourákis hatte bewußt alle fünf Boote gestartet und sich in das mittlere gesetzt, denn er hatte damit gerechnet, daß die Piraten einen Fluchtversuch argwöhnen und das erste Boot beschießen würden, vielleicht danach auch das zweite. Dann, so hatte er gehofft, würden sie vermuten, daß alle leer waren bis auf das letzte, in dem derjenige sitzen würde, der sie alle gestartet hatte, und auf dieses letzte schießen. Erst danach würden sie auch das vierte und zuletzt das dritte unter Feuer nehmen. Von seinem Boot aus hatte er nicht mitverfolgen können, wie es den anderen ergangen war, aber da er nicht abgeschossen worden war, mußte sein Kalkül richtig gewesen sein. Vielleicht hatte es auch eine kurze Verzögerung bei der Entscheidung über die Feuereröffnung gegeben. Außerdem hatte die Bucht von Beiboot 3 sich auf der Seite befunden, die von dem immer noch angedockten Kurierschiff der Piraten abgewandt gewesen war, das dadurch einen eingeschränkten Schußwinkelbereich gehabt hatte. Erst als der Atmosphäreneintritt schon voll im Gange gewesen und sein Boot hinter einer Scheibe aus Plasma durch die obersten Atmosphärenschichten gerast war, hatten sie auf ihn zu schießen begonnen. Zu dieser Zeit hatte ihn jedoch bereits das Plasma ausreichend geschützt, das die Laserstrahlen großteils absorbiert hatte, denn selbst mit Frequenzverdoppelung konnten die Laserstrahlen der Gegner nicht den Vakuumfrequenzbereich erreichen, mit dem ionisiertes Gas ungehindert durchdrungen werden konnte. Der Beschuß hatte jedoch ausgereicht, um den ohnehin schon stark belasteten Hitzeschild durch die Explosionen des schlagartig erhitzten Plasmas und die zusätzliche Aufheizung dauerhaft zu schädigen. Dieses Beiboot würde keinen Atmosphäreneintritt mehr machen.

In Oberflächennähe hatte er dann auf eine teilweise eisbedeckte Bucht eines großen Sees zugesteuert und dabei ein stark schwankendes Flugverhalten vorgetäuscht für den Fall, daß er immer noch aus dem Orbit beobachtet wurde. Dann hatte er seine Maschine nahe am Eisrand ins Wasser stürzen lassen, sie unter das Eis manövriert und auf dem Grund des seichten Gewässers aufgesetzt. Dort hatte er zwei Tage lang abgewartet, ehe er wieder aufgetaucht und zu seinem nunmehrigen Aufenthaltsort geflogen war. Dann hatte das lange, einsame Warten begonnen. Ihm war klar gewesen, daß auf der Erde so bald niemand von seiner möglichen Anwesenheit hier erfahren und ein Schiff zur Rettung schicken würde. Auch kamen zu dieser Jahreszeit nur selten Expeditionsschiffe nach Nivdrac. Dennoch hatte er sein Notrufsignal von Anfang an ständig laufen lassen, während er sich auf ein längeres Ausharren eingestellt hatte. Energie würde nicht so schnell ein Problem werden, denn der Vorrat an Wasserstoff, mit dem der einfache Konverter des Bootes betrieben wurde, war für einen Wiederaufstieg in den Orbit bemessen. Das Kritischste war die Nahrung, denn obwohl er allein von einem Lebensmittelvorrat zehren konnte, der für sieben Personen und eine Notfrist von einer Woche bemessen war, hatte er davon bereits knapp zwei Drittel verbraucht. Wenn seine Rettung noch mehr als zwei Wochen auf sich warten ließe, würde er hungern müssen.

Inzwischen hatte er das Ende des zugefrorenen Sees beinahe erreicht. In dem Geländeeinschnitt, durch den der Bach floß, der ihn speiste, ging gerade ein heller, gelboranger Stern auf. Das war die zweite Sonne dieses Systems, wie Lourákis wußte, ein K7-Zwerg mit nur sechs Prozent der Leuchtkraft von Sol und zur Zeit fast doppelt so weit entfernt wie Pluto von der Erde. Während er den fernen, glühenden Punkt betrachtete, ertönte in seinem Helmfunk plötzlich das Anrufsignal, und eine männliche Stimme meldete sich: „Beiboot Mira 3, hier Ace of Swords. Wir empfangen Ihr Notsignal. Kommen!“

Lourákis war so überrascht, daß er beinahe ausgerutscht und hingefallen wäre. Er wußte, daß die Funkanlage des Bootes, mit der er über Comlink verbunden war, bereits eine automatische Empfangsbestätigung gesendet hatte, aber er ließ trotzdem hastig das Mikrofon vorklappen und antwortete: „Ace of Swords, hier Mira 3, Zweiter Pilot Nikos Lourákis. Bin ich froh, Sie zu hören! Wie weit sind Sie noch entfernt?“

„Knapp zweihunderttausend Kilometer. Wir sind erst vor kurzem über Ihren Funkhorizont gekommen. In… fünfundsiebzig Minuten sind wir bei Ihnen; der Anflug wird von Osten erfolgen.“

Ehe er noch antworten konnte, war eine weibliche Stimme zu hören: „Hier Alcyone Poledouris. Ich bin auch froh, Sie zu hören, und daß wir Sie so schnell gefunden haben. Geht es Ihnen gut?“

„Despinis Poledouris! Sie sind frei? Na, das freut mich erst! Ja, mir geht es gut. Es war nur schon sehr langweilig hier. Ich gehe jetzt zurück zum Boot und erwarte Sie dort. Alles Weitere können wir später besprechen. Ende.“

*     *     *

Dreißigtausend Kilometer von Nivdrac entfernt erhöhte die Ace of Swords ihre Abbremsung auf fünf g. Seit dem Abschalten des Warpantriebs war sie mit senkrecht zum Kurs aufgerichtetem Rumpf geflogen, sodaß ihre interne Gravoanlage nur einen Teil der Verzögerung zu kompensieren brauchte; der Rest war Ersatzschwere für ihre Insassen. Ronald Brugger betrachtete auf seinem Frontschirm die Sichel der größer werdenden Welt vor ihnen, deren Nachtseite von Eta Cassiopeiae B und dem Schein eines weiter außen vorbeiziehenden Nachbarmondes schwach erhellt wurde. Alcyone war noch einmal kurz nach unten gegangen. In den vergangenen fünf Tagen war sie abwechselnd sehr zurückgezogen und dann wieder gesprächsbedürftig gewesen. Ron hatte ihre Rückzugsphasen genutzt, um den kopierten Datenbestand der Bat Durston und die Poctronic des erschossenen Piraten nach brauchbaren Informationen zu durchsuchen.

Wie er ohnehin halb erwartet hatte, war auf dem Computer der Durston nichts Verwertbares enthalten gewesen. Das war naheliegend, denn nachdem die Bande die Yacht als legales Arbeitsschiff verwendet hatte, war sie wohl darauf bedacht gewesen, daß im Falle behördlicher Durchsuchungen nichts Belastendes zu finden war. Die Poctronic jedoch war wesentlich interessanter. Der Pirat, ein gewisser Saul Bremer, hatte darauf eine Menge potentiell aufschlußreicher Daten gespeichert, darunter die Koordinaten häufig angeflogener Sonnensysteme, diverse Kontaktdaten, natürlich alle unter Decknamen, die Ron nichts sagten, sowie Zugangsinformationen zu einem Untergrund-Infonetzwerk, das von Piraten, anderen Kriminellen und deren Kunden und Geschäftspartnern genutzt wurde. Auch die Zugangsschlüssel zu diversen Bankkonten Saul Bremers, sowohl auf der Erde als auch auf Pavonia, waren darauf gespeichert, und Ron gedachte diese für sich zu nutzen, sobald er Gelegenheit dazu hatte.

Kurz vor Beginn des Atmosphäreneintritts kam Alcyone wieder herauf und schnallte sich im linken Vordersitz an. Ron hatte wieder die Kontrolle von Acey übernommen und steuerte selbst, um bei solchen Manövern in Übung zu bleiben. Weißrosa leuchtender Plasmadunst begann sich vor dem Schiff auszubreiten, und der Flug wurde durch die Dichtevariationen der Luft unruhig. Mit sinkender Geschwindigkeit verblaßten die Leuchterscheinungen allmählich wieder, und weit unten wurde das in flachem Winkel beleuchtete Relief einer Landschaft in Weiß-, Grau- und Brauntönen erkennbar.

Nikos Lourákis stand bei seinem Beiboot und spähte über das Eis des Sees nach Osten, wo inzwischen eine Wolkenbank aufgezogen war. Direkt über dem Einschnitt, in dem er zuvor Eta Cassiopeiae B gesehen hatte, zeichnete sich ein dunkler Punkt vor den Wolken ab und kam rasch näher. Als das Schiff schon beinahe über der kleinen Bachschlucht war, konnte er seine Umrisse erkennen und stutzte plötzlich. Verdammt, das war doch… Er nahm sein Gewehr von der Schulter und ging hinter dem Beiboot in Deckung. „Du bist doch dieses Schwein mit dem anderen Schiff!“ rief er über Funk. „Aber mich wirst du nicht kriegen!“

Was?“ fragte Ron verdutzt. „Was reden Sie da?“ Und Alcyone fragte: „Wie meinen Sie denn das?“

„Da war doch ein zweites Schiff, das uns während des Piratenüberfalls in Schach gehalten hat“, meldete Lourákis sich wieder zu Wort. „Ich weiß nicht, ob Sie das mitbekommen haben, Despinis Poledouris. Ich habe es mit dem Teleskop beobachtet und auch aufgezeichnet. Das war eine Orion II wie die, in der Sie jetzt sitzen. Solche Militärschiffe werden nur an lizenzierte Privatpersonen übergeben. Und der Kerl, mit dem Sie unterwegs sind, ist nun zurückgekommen, um mich als Zeugen auszuschalten.“

„Das glaube ich nicht“, sagte Alcyone. „Der Mann, mit dem ich fliege, hat doch die Piraten mit ihrem Schiff vernichtet.“

„Überlegen Sie doch, Lourákis“, warf Ron schnell ein, „wenn ich wirklich der wäre, für den Sie mich halten, dann würde ich Sie doch zusammen mit Ihrem Boot gleich von hier aus mit meinen Bordwaffen erledigen. Ich wäre dann auch nicht so angekündigt gekommen, sondern hätte vielleicht nach Anpeilen Ihres Notsignals abgewartet, bis bei Ihnen Nacht ist und Sie sicher im Boot sind. Und dann hätte ich Sie mit einem überraschenden Feuerüberfall vernichtet. Aber damit Sie vorerst einmal beruhigt sind, werde ich jetzt beidrehen, damit meine Waffen nicht mehr auf Sie gerichtet sind.“

Die Ace of Swords war keine zweihundert Meter mehr vom Beiboot entfernt und in niedriger Höhe langsam nähergekommen. Jetzt drehte sie sich quer und wies Lourákis ihre rechte Seite zu, wobei sie sich gegen den leichten Ostwind in der Schwebe stabilisierte. Ron ließ sie bis auf wenige Meter über dem Eis herabsinken.

Lourákis nahm sein Gewehr aus dem Anschlag und kam hinter dem Beiboot hervor. „Anscheinend sind Sie wirklich nicht der Pirat, für den ich Sie gehalten habe“, sagte er. „Diese andere Orion hatte nämlich große rote Markierungen vorn an der Rumpfseite; aber Ihre nicht.“

Rote Markierungen?“ fragte Ron. „Etwa Würfel?“

„Kann sein, vielleicht auch nicht. So genau konnte ich das auch durch das Teleskop nicht erkennen. Aber ich habe die Aufzeichnungen auf einem Datenchip und kann sie Ihnen zeigen.“

„In Ordnung. Wenn Sie einverstanden sind, steige ich jetzt aus und komme zu Ihnen.“

„Ich begleite dich!“ sagte Alcyone schnell.

„Gut“, stimmte Lourákis zu, sicherte sein Gewehr und lehnte es an das Boot. Er sah zu, wie das Raumschiff seine Bodenrampe ausfuhr und noch tiefer herabsank, bis es damit fast das Eis berührte. Kurz darauf stiegen zwei Gestalten aus, ein Mann und eine Frau, die er als diejenige erkannte, die er bei den Kapitänsdinners an Bord der Mira kennengelernt hatte. Die beiden stapften zu ihm herüber, und gemeinsam betraten sie das Beiboot, wo er den Datenchip aufbewahrte.

Wenig später befanden sie sich an Bord der Ace of Swords und ließen während des Steigflugs in die Umlaufbahn die Aufnahmen des anderen Orion-Jägers über Aceys Bildverbesserungsprogramm laufen. Dieses konnte sie ausreichend vergrößern, daß Ron das Schiff anhand der roten Würfel als die Snake Eyes erkannte. Nun erinnerte er sich, daß in den Kontaktdaten auf Saul Bremers Poctronic auch jemand mit dem Decknamen Snake vorkam, und ihm wurden die wahrscheinlichen Zusammenhänge klarer. Offenbar kooperierte Elonard Sampson mit manchen Piraten auf diese und vielleicht auch andere Weise. Mit seinen Abschüssen kleinerer Teilnehmer in diesem Gewerbe räumte er seinen Partnern Konkurrenten aus dem Weg und verschaffte sich mit den Prämien gleichzeitig ein legales Einkommen. Und als registrierter Piratenjäger und Eigentümer einer Orion II würde es ihm höchst ungelegen kommen, wenn er von einem seiner Opfer identifiziert und gemeldet würde. Nun, bei seiner nächsten Landung auf einer Föderations-Raumbasis würde er eine unangenehme Überraschung erleben.

Auf dieser Welt war ihre Mission nun in doppeltem Sinn erfolgreich beendet, und so besprach Ron mit Acey den Rückflug nach Sol und erteilte ihr dann Anweisung, aus dem Orbit zu beschleunigen und auf Warpkurs zu gehen. Alcyone beobachtete ihn dabei genau. „Du liebst dieses Schiff“, stellte sie dann fest.

Er sah sie überrascht an und lächelte dann schwach. „Den Eindruck kann man schon gewinnen, was? Nun, es läßt sich schwer beschreiben, welche Beziehung man mit der Zeit zu seinem Vogel entwickelt…“ Er hielt inne und sah nach vorn. „Mach uns mal ein bißchen Musik, Acey. Du weißt schon, was jetzt passen würde.“

„Klar doch.“ Die Beschleunigung nahm zu, und Heavy Metal, ein Lied eines Don Felder aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert, erklang.

Fire it on up and let’s cruise a while
Leave your troubles far behind
You can hedge your bet on a clean Corvette
To get you there right on time
Now if you’re ready to dive into overdrive
Baby, the green lights are on
It’s like you’re running your brain on some high octane
Every time she reaches fully blown

„Won’t you take that ride on heavy metal?“ sang Ron nun mit und grinste zu Alcyone hinüber, die ihn verwundert ansah. „It’s the only way that you can travel down that road – Satisfied on heavy metal, Baby won’t you ride, ride it until it explodes…“

My oh my, how this lady can fly
Once she starts rollin‘ beneath you
You know you just can’t lose, the way she moves
You wait for her to finally release you
It’s not a big surprise to feel your temperature rise
You’ve got a touch of redline fever
‚Cause there is just one cure that we know for sure
You just become a heavy metal believer

Won’t you take that ride on heavy metal?
It’s the only way that you can travel down that road
Satisfied on heavy metal
Baby won’t you ride, ride it until it explodes…

*     *     *

Fortsetzung: Teil 2

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

22 Kommentare

  1. Ich habe mich jetzt doch dazu entschlossen, alle drei bisher fertigen Teile auf einmal rauszuhauen, statt sie bis ungefähr nächstes Wochenende verteilt zu bringen, wo vielleicht die Fertigstellung von Teil 4 nicht mehr weit weg ist.

    Wen’s interessiert, der kann sich jetzt alles Vorhandene nach eigener Einteilung durchlesen, so wie er Zeit und Lust hat, und wen’s nicht interessiert, den interessiert’s eben nicht. („Ah, hell“, sagte Ivanova als Kommandantin eines White-Star-Schiffes, nicht wissend, daß das auf Minbari „Dauerfeuer“ heißt.)

    Mit Teil 4 wird es mindestens noch eine Woche bis zehn Tage dauern, wahrscheinlich aber länger. Da ich die vier Teile in zusammenhängender Folge veröffentlichen möchte, wird in der Zwischenzeit hier nichts anderes erscheinen.

    Antwort
  2. Harald

     /  Juni 10, 2018

    Vielen Dank für die Veröffentlichung, Deep Roots. Der Text ist angenehm und leichtgängig zu Lesen, sehr spannend und unterhaltend. Ich denke, ich werde die beiden anderen veröffentlichten Teile gleich heute lesen.

    Die Bilder sind sehr passend ausgewählt, die Bildersuche alleine hat sicherlich eine gute Zeit gedauert, falls sie nicht schon seit längerer Zeit in einem Archiv schlummerten.

    Hershel Gelbfisz, Astroel … Die ideologische Nutzlast ist ausreichend dünn verteilt, um den Text bei Halbaufgewachten erfolgsversprechend einsetzen zu können. „Unpolitische“ oder politisierte Kosmopoliten würden meiner Einschätzung nach, von dem explizit angesprochenen (((Thema))) wahrscheinlich abgeschreckt werden.

    Interessant wäre es, Reaktionen auf Verlinkungen in anderen Websites zu untersuchen, um eine breitere Datenbasis zu bekommen,wie direkt und wie hoch quantifiziert die Nutzlast sein darf.

    Einen längeren abschließenden Kommentar werde ich nach Veröffentlichung des 4. Teils abgeben, auf den ich schon gespannt warte.

    Antwort
  3. Freut mich, daß Dir die Geschichte bisher gefällt, Harald! Von Dir habe ich übrigens in Teil 3 ein paar Sätze in einen Dialog eingebaut (und in einem anderen Dialog ein paar von Richard von „ahnenreihe“).

    Die Bildauswahl war tatsächlich aufwendig, auch wenn ich viele davon schon in einem nach Künstlern sortierten Archiv von SF-Bildern hatte. Einige davon haben auch Anregungen zu Einzelheiten in der Handlung geliefert. Insgesamt sind es 32 Bilder für alle Teile der Geschichte und vier für das Glossar. Die meisten (14) sind von Jim Burns, dessen Gaussi-Raumjäger aus Harry Harrisons Buch „MECHANISMO“ ich mir immer als das Raumschiff des Protagonisten vorgestellt hatte. Drei sind von Chris Foss (die Astroel-Bilder, wegen der Davidssterne, mit denen Foss seine Fahrzeuge gerne versieht), drei von Angus McKie (die Arrin-Bilder, was eine passende stilistische Gemeinsamkeit ergibt) und je eines von John Berkey, David Hardy, Peter Goodfellow, Peter Elson, Luke Campbell und Osimandia. Der Rest ist von mir unbekannten Künstlern.

    Angus McKies „Thrall of Hypno“ kenne ich übrigens aus Stewart Cowleys sehr kurzer (1 Seite plus Bild) TTA-Geschichte „Die Stadt-Schiffe von Alpha“, die wohl kaum ein Leser mehr kennen wird und die mich zum Abschnitt über die fliegenden Städte auf Arrin angeregt hat. Eine zufällige Parallele zu einer anderen Geschichte habe ich erst entdeckt, nachdem ich mich schon für Eta Cassiopeiae / Achird als Handlungsort von Kapitel 5 entschieden und mir die Welt Nivdrac mit ihren yer’shiyangischen Schneedrachen als Mond eines saturnähnlichen Planeten ausgedacht hatte. Im englischen Wiki-Abschnitt Eta Cassiopeiae in fiction bin ich auf das hier gestoßen:

    Dave Smeds‘ „The War of the Dragons“ series takes place on Tanagaran, an Earth-like moon orbiting a gas giant (Motherworld) which orbits a star called Achird. This star has an orange companion that is visible during the day known as the Sister, but it is not made explicit if this is in fact Eta Cassiopeiae.

    Die Figur des Elonard Sampson hat nichts mit dem Sänger César Sampson zu tun, von dessen Existenz ich zu der Zeit noch gar nichts wußte.

    Aufwendig waren auch die astronomischen Recherchen zu „Ace of Swords“: fast alle der beschriebenen Sterne und Braunen Zwerge gibt es in Wirklichkeit, und ich habe ihre Systeme so beschrieben, daß sie mit nichts im Widerspruch stehen, was nach meinem Wissen derzeit über sie bekannt ist.

    Antwort
  4. Jouri

     /  Juni 14, 2018

    Obwohl ich kein ausgesprochen, begeisteter Leser von Science Fiction bin, muß ich doch gestehen, daß die Geschichte leicht lesbar und fesselnd geschrieben wurde. Haralds Meinung kann ich nur teilen. Mein Kompliment. Ich freue mich schon auf dem vierten Teil.

    Antwort
  5. Danke für das Lob, Jouri! Zusammen mit den positiven Beurteilungen von Harald und Richard (letzterer auf einem anderen Kanal) zeigt mir das, daß die schwache Resonanz, die meine Geschichte bei der hiesigen Leserschaft gefunden hat, nicht etwa an mangelnder Qualität liegt, sondern am allgemeinen Desinteresse meiner Leser an Science Fiction, das mir schon früher immer wieder aufgefallen ist, auch schon auf „As der Schwerter“. Auch die Liste von SF-Links, die ich in diesem Kommentar als Lesevorrat für die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel gepostet hatte, ist weitgehend unbeachtet geblieben.

    In den nunmehr knapp zwei Wochen seit der Veröffentlichung des ersten Teils sind für „Ace of Swords: Alles auf eine Karte“ bisher folgende Zugriffszahlen zusammengekommen (bei durchschnittlich tausend Zugriffen auf „Morgenwacht“ insgesamt pro Tag):

    Teil 1: 434 Klicks, wobei wahrscheinlich ein beträchtlicher Teil auf nochmaliges Anklicken wegen der nachfolgend im hiesigen Strang erschienenen Kommentare entfällt.

    Bei Teil 2 waren es 79 Klicks.

    Teil 3 kam auf 155 Zugriffe, wobei mir schon wieder dieses unverständliche Phänomen auffällt, daß bei mehrteiligen Geschichten die mittleren Teile übersprungen werden, um schnell mal weiter hinten reinzuschauen, wie das denn ausgeht bzw. weitergeht. Wer so wenig Interesse oder Aufmerksamkeitsspanne für eine Geschichte aufbringt oder so im Social-Media-Zeitstreß steckt, sollte es nach dem ersten Teil gleich bleiben lassen.

    Das schon am 16. Mai veröffentlichte Glossar ist bisher nur 64mal angesehen worden, obwohl ich in mehreren Kommentaren darauf hingewiesen habe und es oben unter der Kopfzeile neben „About“ verlinkt ist.

    Wenn man bedenkt, daß selbst von den wirklich Interessierten etliche aus Zeitgründen nicht jeden Teil in einem Zug durchgelesen, sondern sich vielleicht abschnittsweise zu Gemüte geführt haben werden, so waren es anscheinend nur etwa fünfzig, die von „Ace of Swords“ alle bisher erschienenen Teile gelesen haben. Vielleicht wäre es anders, wenn die Geschichte in der Art eines „Stahlfront“-Romans gestrickt wäre: wenn darin irgendeine geheime reichsdeutsche Macht mit Flugscheiben, Messerschmitt- und Focke-Wulf-Raumjägern und Heinkel- und Junkers-Transportern im Weltraum herumfliegen würde. Aber so eine Geschichte ist „Ace of Swords“ nicht.

    Ich ziehe für mich daraus jedenfalls die Konsequenz, daß ich erstens keine der angedachten weiteren Geschichten aus dem Galciv-Universum mehr schreiben werde und zweitens auch die seit mindestens 2011 beabsichtigte SF-Geschichtenreihe um die Weiße Allianz und die Kosmopolitische Föderation aufgebe, die in einer näheren und technisch weniger weit fortgeschrittenen Zukunft angesiedelt gewesen wäre. Für diese Reihe hatte ich schon einiges an Vorarbeit geleistet, darunter viele Bilder ausgewählt und etliche auch selber erstellt, von denen ich diese drei in meinen Woodwardantriebs-Artikel eingefügt hatte:

    Mit „Ace of Swords: Teil 4“ wird es noch etwas dauern. Nach dieser „meh“-Reaktion auf die Veröffentlichung der ersten drei Teile hatte ich zunächst gar keine Lust mehr, den vierten Teil fertigzustellen, von dem nur noch das Schlußkapitel und der Epilog fehlen, und ich hatte schon überlegt, Teil 1 bis 3 auch wieder zu löschen, falls ich das Projekt aufgegeben hätte (es war deshalb ein schwerer Fehler, überhaupt etwas zu veröffentlichen, bevor alles fertig ist). Erst Harald und Richard haben mich wieder motiviert, die Geschichte doch noch für die wenigen zu vollenden, die sie zu schätzen wissen. Inzwischen hat mich aber eine andere Arbeit aus meinem 3D-Umfeld eingeholt, die ich erst erledigen muß (vielleicht schaffe ich es dieses Wochenende), ehe ich mich wieder in das Fertigschreiben vertiefen kann.

    Antwort
    • Da sehe ich mich veranlaßt mitzuteilen, daß es mir bisher sehr zugesagt hat, aus Zeitgründen bin ich erst am Ende des ersten Teiles. Und eingeräumt, daß SF im Unterschied zu meiner Jugendzeit, wo ich schier alles solches mit Genuß verschlang, nicht mehr so sehr mein Ding ist.
      Auch ist das Lesen an sich im Rückgang: Vor ein paar Jahren, von Harm Bengen („Cartoonist“ auf Neudeutsch): Stehen so ein paar Jugendliche herum: „Ich hab neulich gelesen, daß …“ – „Du hast waaas?“

      Antwort
  6. Harald

     /  Juni 23, 2018

    Zum Thema Interesse an Science Fiction, am Beispiel meiner selbst:

    Ich kann mich gut erinnern, dass ich in der Zeit ohne Internet und einem Wissenstand, der primär von Systemmedien angefüttert wurde, ein erheblich größeres Interesse an Science Fiction und generell anderen Zukunftszenarien besaß. Der Grund dafür liegt in der Rückschau betrachtet wohl daran, dass ich naiv von einer positiven Zukunft ausgegangen bin. Zweifel waren zu dieser Zeit schon immer wieder gekommen, meistens wenn offensichtlich wissenschaftlicher Schwachsinn zu Biologie und Gesellschaft in den Massenmedien groß bejubelt wurden.

    Im Rahmen des Aufwachens durch fundierte Quellen wie AdS und einer ganzen Reihe von weiteren Erlebnissen „da draußen“ wurde mir immer stärker die extreme Gefahr für uns, unsere Kinder und unsere Rasse bewusst. Damit einhergehend ist auch mein Interesse an Science Fiction zurückgegangen, bis zu einem Punkt, an dem es kaum noch vorhanden war. Wieso sollte ich mir auch eine Zukunft ausmalen, von der ich annehmen muss, dass sie extrem negativ für uns sein wird und das aktuelle Problem drängender ist und erst mal gelöst werden muss, bevor man sich über die Zukunft Gedanken machen kann.

    Im Prinzip hatte Pils dies in der Diskussion (siehe https://morgenwacht.wordpress.com/2018/02/10/tavernenrunde-6-jahresbeginn-2018/#comment-4332 ) ja ebenfalls angebracht und ich denke, dass Pils mit dieser Meinung sicher unter den Stammlesern nicht alleine steht.

    Man muss sich nichts vormachen: der aktuelle Stand der Dinge gibt mehr als genug Anlass über die Gegenwart und über die nächste Zukunft nachzudenken. Gewissermaßen fressen die aktuellen Probleme unsere Energie auf, die wir für eine langfristige Planung der Zukunft benötigen.

    Mir ist im Laufe der Zeit aber klar geworden, dass diese Fokussierung auf die Gegenwart problematisch ist. Zum einen wirken wir dadurch auf Außenstehende genau wie die rückwärtsgerichteten Zukunftsfeinde, als die wir in den Medien dargestellt werden. Und haben ohne eigene langfristige Zukunftspläne wenig Zuspruch gerade von jungen Volksgenossen zu gewinnen oder generell von Volksgenossen, die einen positiven Blick auf die Zukunft haben. Aus diesem Grund sind Deine Texte über den Woodward Antrieb aber auch „Ace of Swords“ wichtig, den sie zeigen, dass wir die Pioniere sein sollten, die ein neues Kapitel in der Geschichte der Erde einläuten werden.

    Ähnliches gilt sicherlich für Unterhaltungsmedien allgemein. Wer über die Probleme und Hintergründe der Vermischungspropaganda aufgeklärt ist, wird es als unangenehm empfinden, in den Unterhaltungsmedien immer wieder auf diese zu stoßen. Außerdem erscheint durchaus auch mir die Beschäftigung mit Unterhaltung angesichts der großen aktuellen Probleme als fragwürdig – leider beim zweiten Nachdenken ein gefährlicher Schluss. Wir können (((ihnen))) nicht den Raum in den Unterhaltungsmedien kampflos überlassen.

    Abschließend sei außerdem noch der Zeitgeist erwähnt. Ich denke, dass die Herr der Ringe Trilogie einen massiven Verlust an Popularität von Science Fiction bewirkt hat, einfach weil die Aufmerksamkeit abglenkt auf Fantasy umgelenkt wird. Die alten Serien wie Star Dreck, Terminator aber auch aktuell Star Wars verlieren. Sie sind gewissermaßen verbrannt. Generell ist das Interesse an Science Fiction daher meiner Einschätzung erheblich niedriger als noch in den 80ern. Und gerade viele Aufgewachte wird es eher in historische Romane oder Fantasy ziehen, in der in vielen Fällen unerfüllten Hoffnung, dort der JWO Propaganda zu entgehen.

    Antwort
  7. Ja, Harald, die Zukunftsvisionen, von denen wir in unseren jüngeren Jahren noch geträumt haben, erscheinen aus heutiger Sicht wenig wahrscheinlich und werden von der heutigen Science Fiction auch kaum mehr angeboten, und das, was angeboten wird, ist seither immer stärker mit JNWO-Propaganda verseucht worden. (Mit „positive Zukunftsvisionen“ meine ich solche, in denen es die weißen Völker noch gibt, auch wenn sie durch irgendwelche Feinde bedroht sein mögen). Und selbst bei den Romanen, Filmen und Fernsehserien aus der „guten alten Zeit“ fallen einem mit unserem heutigen Bewußtsein schon schädliche Propagandabotschaften auf, mindestens in der Form, daß es so gut wie nie souveräne weiße Völker gibt, sondern mindestens eine „vereinte Erde“, wenn nicht überhaupt ein interstellares Imperium, und daß das anders als z. B. in „Ace of Swords“ als etwas Gutes oder der normale Trend der Geschichte dargestellt wird.

    Im allerersten „Star Wars“-Film zum Beispiel bestanden die Rebellen noch fast ausschließlich aus weißen Menschen und hatten eine großteils männliche Führung. Bis zu den aktuellen Filmen hat sich das zu einem immer größeren Anteil von Nichtweißen und Nichtmenschen verschoben, und die Rebellen werden jetzt von „Katzenmuttis“ (in die Jahre gekommenen, mutmaßlich kinderlosen GutmenschInnen) angeführt. Allgemein war es in früheren SF-Geschichten bis mindestens in die 1970er-Jahre selbstverständlich, daß die Zukunftsgesellschaften darin weitgehend wie heute aus weißen Menschen bestehen werden. Dagegen hatte z. B. der ranghöchste weiße Erdenmann in „Deep Space Nine“, Chief O’Brien, folgende Leute in der Hierarchie über sich: einen schwarzen Kommandanten, eine außerirdische Vizekommandantin, einen arabischen Stationsarzt, eine außerirdische Wissenschaftsoffizierin und einen völlig fremdartigen Formwandler als Sicherheitschef.

    Dennoch haben selbst SF-Geschichten der „guten alten Art“ auch für heute und die Zukunft noch einen Wert, im Sinne meines Schlußabsatzes in diesem Kommentar zu Osimandias „Wissen bewahren“:

    Und als Fan von Science Fiction meine ich, daß Geschichten aus diesem Genre vielleicht einmal wichtig sein könnten, um daran zu erinnern, daß die weißen Völker einst von Zukünften geträumt haben, in denen ihre Nachkommen das Sonnensystem erforschen und gar zu anderen Sternen fliegen, um fremde Welten zu besiedeln – und daß sie sich zugetraut haben, solche Zukünfte auch zu verwirklichen.

    Darüber hinaus haben Geschichten im Allgemeinen und SF-Geschichten im Speziellen noch einen Wert, wegen dem wir den Bereich der Unterhaltung nicht (((ihnen))) überlassen sollten. Einen interessanten Denkanstoß hat mir diesbezüglich der Schluß des Artikels „Geschöpfe des Feuers: Wie uns das Kochen zu Menschen machte“ in „bild der wissenschaft“ 12-2017 gegeben:

    Geschichten am Lagerfeuer

    Die Ju/‘hoan-Wildbeuter (ältere Bezeichnung: !Kung-Buschmänner) leben großteils noch so wie die Jäger und Sammler vor Hunderttausenden von Jahren. Bereits 1974 war die US-Anthropologin Wiessner im südafrikanischen Botswana bei ihnen zu Gast gewesen und hatte 174 Tag- und Nacht-Gespräche protokolliert. Zwischen 2011 und 2013 ergänzte sie ihre Notizen durch digitale Gesprächsaufnahmen in Botswana und Namibia.

    Tagsüber, während der Jagd und der Suche nach essbaren Beeren und Knollen, drehten sich die Unterhaltungen der Ju/‘hoansi meistens um praktische Themen mit häufig wirtschaftlichem Hintergrund, um die Fleischverteilung, um die Rangordnung im Clan – oder um einen Dorn im Fuß. „Doch abends am Lagerfeuer ging es um Themen, die die Vorstellungskraft anregten und Erinnerungen an Vergangenes wachriefen, sowie um die Beziehungen untereinander“, so Wiessner. Die abendliche Kommunikation bestand zu 80 % aus Geschichten. Sie handelten von den Erlebnissen anderer Ju/‘hoansi, von falschem und richtigem Verhalten, von gegenseitigem Vertrauen, von Abenteuern auf weiten Reisen und auch von der Kosmologie der Ju/‘hoansi – ihren Vorstellungen von der Entstehung der Welt und der Menschen.

    Der Oxforder Anthropologe Robin Dunbar ist von Wiessners Arbeit hingerissen: „Ihre Daten legen nahe, dass Feuer und die Entwicklung der Sprache mehr miteinander zu tun haben als bisher angenommen. Sprache und Feuerstellen könnten eine Co-Evolution durchlaufen haben.“ Geschichten anhören fördert das Gedächtnis, die Fantasie und das Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt anderer. Diese Kulturtechniken waren so elementar für die Evolution des Menschen wie das Besänftigen knurrender Mägen. Die Indizien sind überzeugend, dass Feuer für beides der Katalysator war.

    Selbst so urtümliche, primitiv lebende Menschen wie die Buschmänner haben also ein Bedürfnis nach fantasieanregenden Geschichten über Reisen in ferne Länder, und in diese Geschichten werden auch Lehren über richtiges und falsches Verhalten eingewoben. Das scheint ein allgemeinmenschliches Bedürfnis zu sein, und nachdem es auf der Erde keine unerforschten Länder mehr gibt, deckt für uns moderne Menschen die Science Fiction den Bedarf nach Geschichten aus fremden Umgebungen (für unsere Vorfahren erfüllten Geschichten über Reisen in unentdeckte Länder auf der Erde oder mythologische Erzählungen diesen Zweck). Zudem kommt sie unserer Neigung entgegen, uns gedanklich mit der Zukunft zu beschäftigen und Visionen für sie zu entwickeln – etwas, das primitiven Menschen noch fremd war, deren Lebensumstände sich selbst über Generationen so gut wie gar nicht änderten, sodaß es für sie nicht vorstellbar war, wie anders das Leben in Jahrhunderten oder Jahrtausenden sein könnte.

    Aus diesen Gründen ist es für die Juden naheliegend, unser Denken über die Zukunft mit ihren Vorstellungen zu besetzen und uns Geschichten zu präsentieren, in denen ihre Zukunftsvisionen verwirklicht sind oder vor aus ihrer Sicht schlechten Entwicklungen „gewarnt“ wird, oder aus deren zukünftiger Perspektive unsere eigene Zeit als schlecht dargestellt wird. Wenn man sich näher damit befaßt, stellt man mit Erschrecken fest, in welchem Ausmaß die Science Fiction schon seit dem frühen 20. Jahrhundert immer mehr von Juden beeinflußt worden ist – von jüdischen Autoren, Filmemachern und Verlegern.

    Siehe zum Beispiel diese Liste jüdischer Autoren fantastischer Literatur, die aber sicher nicht vollständig ist (Walter M. Miller z. B. wird darin weiter oben wie Stanislaw Lem unter den Katholiken gelistet und war laut Wiki ein Konvertit zum Katholizismus, aber wer seine Geschichte „Bedingt menschlich“ [„Conditionally Human“] kennt, wird ahnen, von welcher „Glaubensgemeinschaft“ er konvertiert ist):

    http://www.adherents.com/lit/sf_other.html#Jews

    Oder diese Rezension des Buches „The Stars of David: Jewish Science Fiction“, die der Autor Peter Marmorek so beginnt:

    Let’s face it, when it comes to science fiction, Jews wrote the bible. And they wrote a lot else besides. Ursula Le Guin says that the Frankenstein myth (and Mary Shelley) are the mothers of invention of science fiction, and she may be right (she usually is). But the Frankenstein myth is a variant on the Golem story, the story of a man created without a human soul, and it goes back over a thousand years in Jewish folklore before Shelley created her version, on that dark and stormy night in Switzerland.

    Oder diese Leseprobe aus dem Buch „Partners in Wonder: Women and the Birth of Science Fiction, 1926-1965“, in der aufgezeigt wird, welchen Einfluß jüdische Verleger wie Donald A. Wollheim oder Hugo Gernsback im Bereich der SF-Magazine gehabt haben, die vor der größeren Verbreitung von SF-Büchern bedeutsam für die Entwicklung der SF waren.

    Viele nichtjüdische SF-Autoren oder Filme/Serienmacher sind auch durch Juden beeinflußt worden, entweder durch persönliche Kontakte (Gene Roddenberry z. B. war eng mit Isaac Asimov befreundet) oder indem sie in ihrer Jugend die Werke früherer jüdischer „Größen“ gelesen haben, ehe sie selber mit dem Schreiben anfingen.

    Aus diesen Gründen wäre es wichtig, auch auf dem Gebiet der SF Alternativen zu jüdischem und jüdisch beeinflußtem Material zu haben, und das müssen gar nicht immer explizit pro-weiß-nationalistische oder JWO-kritische Sachen sein, sondern es wären auch Geschichten wertvoll, die bloß das Bedürfnis nach fantastischer Unterhaltung auf gesunde Weise decken und keine jüdischen Gifte enthalten.

    Den Rückgang des Angebotes an SF-Büchern bemerke ich auch immer wieder in Buchhandlungen; was dort ausliegt, hat oft nur einen Bruchteil des Umfangs wie früher. Und zu dem, was es noch gibt, finde ich keinen Bezug mehr.

    Eine Erklärung für die Verschiebung des Angebots von der SF zur Fantasy (einschließlich Vampirgeschichten) und weg von dem, was Jungs und (jungen) Männern gefällt, hat vor Jahren „stratomunchkin“ abgegeben, ein Deutscher, der früher auch auf AdS (damals noch „Counterjihad“) kommentierte. In seinem trotz des deutschen Titels „nachtalbenbunker“ englischsprachigen Blog hatte er geschrieben, daß es daran liegen könnte, daß in den Lektoraten der Verlage, wo entschieden wird, was veröffentlicht wird, fast nur junge Frauen arbeiten, und die würden halt auswählen, was ihnen gefällt. Die würden aus den ländlichen Gegenden des amerikanischen Mittelwestens in die großen Städte an der Ost- und Westküste strömen, weil ihnen eingeredet wird, daß das hip sei, und dort sind sie dann billige Arbeitskräfte für die Verlage. Außerdem könne man Fantasy eher auch Männern verkaufen als SF an Frauen. Und diese Umstände seien auch der Grund dafür, daß Autoren sich so häufig an Endlos-Serien machen: wenn da einmal ein Band veröffentlicht und erfolgreich ist, hat man einen Fuß in der Tür und kann eher Fortsetzungen verkaufen, während man sich bei separaten Romanen jedesmal wieder darum bemühen muß, daß er genommen wird.

    Antwort
    • Ich bin gerade auf diesen Kommentar zum Artikel „Judaism is a ‚science fiction‘ religion“ auf avakesh gestoßen (fette Hervorhebung von mir):

      Yeah, no Jewish science fiction writers. Because I guess S. Y. Agnon, Poul Anderson, Isaac Asimov, Chayim Bloch, Ben Bova, Michael Chabon, Jack Dann, Avram Davison, Edward Einhorn, Harlan Ellison, Cynthia Ozick, Joel Rosenberg, Robert Silverberg, Isaac Bashevis Singer, Harry Turtledove, Allan Weiss, and Jane Yolen are all gentiles? (My goodness: two of those people on that list won Nobel Prizes for literature!)
      B“H, Jews have excelled in many different fields — including science fiction. The percentage of science fiction authors who are Jewish far outstrips the percentage of Jews in the general population.

      Poul Anderson – der ist also auch (((einer))). Ein harter Schlag.

      Antwort
  8. Jouri

     /  Juni 24, 2018

    Hallo Lucifex, ich würde mich freuen, wenn ich den 4. Teil lesen könnte. Ein Löschen der bereits veröffentlichten 3 Teile wäre für mich bedauerlich. Ich war mir lange nicht der Ursache meiner Idiosynkrasie gegenüber den meisten SF-Geschichten klar. Ich denke aber heute, daß der Grund hierfür der Umstand ist, daß wir Deutsche da eigentlich gar nicht vorkommen, obwohl unser Beitrag zur Raumfahrt überragend war. Schon gar nicht wurden wir positiv besetzt. Ich gebe gerne zu, daß mein Wissen über das Genre recht begrenzt ist. Daher kann es durchaus Bücher geben, in denen das Gegenteil der Fall ist.

    Antwort
  9. Kelte

     /  Juni 25, 2018

    Hallo!
    Ich weiß, es werden keine Kommentare außer jener der “Stammleser/Kommentatoren veröffentlicht. Darum geht es mir auch gar nicht. Ich war auch schon bei AdS meist nur stiller Mitleser.

    Ich möchte an dieser Stelle nur einfach mal Danke sagen, daß du mit Morgenwacht die Arbeit und den Geist von As der Schwerter fortführst. DANKE!!!
    Allerdings vermisse ich die Artikel und Kommentare von Osimandia (bitte nicht falsch verstehen).

    Zum anderen finde ich es traurig, daß “Ace of Swords: Alles auf eine Karte“ offenbar so wenig Anklang findet. Mir gefällt die Geschichte sehr gut und fiebere dem 4. Teil entgegen. Ich kann verstehen das dich das frustriert.
    Aber es ist eben so, daß Sci-Fi wohl immer weniger Anklang findet.

    Außerdem ist gerade Fußball-WM (ein Sport dem ich wiederum nichts abgewinnen kann, erst recht seit Merkel den Sport politisch mißbraucht).

    Gruß und Alles Gute, auch an die Kommentatoren!

    Antwort
  10. Wer eine SF-Geschichte mit einem deutschen Helden und mehreren Co-Helden aus anderen weißen Völkern lesen möchte, die sich in einer vielfaltsverdorbenen „New Space Order“ zu behaupten versuchen, kann sich ja einmal „Die Wächter von Avalon“ ansehen. Das ist eine von mir verfaßte „Fan fiction“-Fortsetzung zu Stewart Cowleys „Spacewreck“-Geschichte „Kinder der Götter“. Wer die ebenfalls lesen möchte, liest sie besser zuerst, um Spoiler zu vermeiden und einen allgemeinen Hintergrund vermittelt zu bekommen.

    Antwort
    • Jouri

       /  Juli 8, 2018

      Hallo Cerrunnos, vielen Dank für den guten Ratschlag. Ich habe beide Geschichten gelesen und würde mich über eine Fortsetzung von Avalon freuen.

      Antwort
    • Gern geschehen, Jouri. Zu „Die Wächter von Avalon“ wollte ich tatsächlich bereits voriges Jahr im Anschluß an die Veröffentlichung eine längere, komplexere Fortsetzung („Die Monde von Kentros“) beginnen, wieder mit etlichen Bildern, diesmal hauptsächlich von David Schleinkofer. Nach einigen Vorarbeiten dafür habe ich dieses Projekt aber leider aus hauptsächlich beruflich bedingtem Zeitmangel auf unbestimmte Zeit verschieben müssen; ich hoffe jedoch, daß ich es in der näheren Zukunft doch noch verwirklichen kann.

      Antwort
    • „Die Wächter von Avalon“ möchte ich auch einmal hier nachveröffentlichen, der Mehrheit der SF-Muffel unter meinen Lesern zum Trotz. Das werde ich aber erst nach Veröffentlichung des vierten Teils von „Ace of Swords“ und mindestens irgendeines thematisch anders gelagerten Beitrags tun.

      Vom Schlußkapitel von „Ace of Swords“ habe ich inzwischen elf Seiten geschafft, konnte aber zuletzt am Dienstag der Vorwoche daran arbeiten. Seither hatte ich viel um die Ohren, und nichts Erfreuliches. Ob ich für heute noch in die Gänge komme, weiß ich nicht.

      Antwort
  11. Keine Sorge, Jouri und Kelte, der vierte Teil kommt. Ich habe bereits mit der Arbeit am Schlußkapitel begonnen; ob ich Teil 4 noch am kommenden Wochenende veröffentlichen kann, ist aber noch nicht sicher.

    Die auf „Morgenwacht“ nachveröffentlichten Artikel von Osimandia sind in der Autorenkategorie „Osimandia“ zu finden. Bei etlichen davon sind auch Kommentare von ihr wiedergegeben; neue Osi-Kommentare erscheinen (unter einem anderen Pseudonym, das die alten Hasen unter den Lesern kennen, das ich aber wegen mitlesender Feinde nicht verrate) nach wie vor im Siechkobel.

    Ein Grund, warum Science Fiction gerade unter Rechten anscheinend so wenig Anklang findet, könnte auch sein, daß ein Teil dieser Szene gewissen Narrensaum-Theorien anhängt: flache Erde, Hohlwelt alias Innenwelt-Kosmos, Glashimmel in 100 km Höhe, keine Atomenergie, da E=mc² vom Juden Einstein formuliert und daher „Lüge“, gängige Kosmologie ein “pseudoreligiöses jüdisches Lügensystem” aus der Kabbala, Wissenschaft allgemein „in die Köpfe gekippter jüdischer Müll“, beginnend mit dem heliozentrischen Weltbild, und weiß Odin was noch alles…

    Ich weiß nicht, wie groß der Anteil der Rechten ist, die so denken, aber solchen Leuten wird nichts an Geschichten liegen, in denen kugelförmige Planeten im Umlauf um Lichtjahre voneinander entfernte Sonnen oder fusionsgetriebene Raumschiffe vorkommen.

    Die Ablenkung durch die Fußball-WM könnte eventuell auch ein Grund für das flaue Leserinteresse für „Ace of Swords“ sein, obwohl die WM zur Zeit der Veröffentlichung der ersten drei Teile noch nicht begonnen hat, wenn ich mich richtig erinnere. Für Fußball kann ich mich auch nicht begeistern (übrigens vermute ich, daß ein gewisser Halbkoreaner jetzt über die heutige Niederlage Deutschlands gegen Südkorea frohlocken wird).

    Antwort
  12. Kelte

     /  Juni 27, 2018

    @ Lucifex:
    Danke für den Hinweis auf die Nachveröffentlichungen.
    Ist aber eigentlich nicht nötig. Ich habe (soweit ich weiß) alle Artikel vom SchwertAsBlog, inklusive der Kommentarstränge, abgespeichert. Es könnten höchstens ein paar Kommentare der letzten 1-2 Tage fehlen, da das Aus von AdS damals (für mich) sehr überraschend kam.

    Warum Sci-Fi unter Rechten keinen (bzw. wenig) Anklang findet vermag ich nicht zu sagen.
    Das aber unter Rechten diese Hohl/Flach/Innenwelt-Spinnereien u.ä. immer wieder auftauchen bzw. sogar Anklang findet, verblüfft mich irgendwie. Ich habe Rechte eigentlich immer als die besser gebildeten und aufgeklärten (im Sinne von: Argumenten und Beweisen offen) wahrgenommen.

    Das diese Themen in manchen Blogs immer wieder auftauchen halte ich für gezielte Maßnahmen um die rechten Blogs ins lächerliche zu ziehen.
    Trotzdem unfassbar das es teilweise sogar geglaubt wird. Du hast ja gerade die Hohlwelt-Theorie mit dem Segelschff-Vergleich (Masten, die zuerst zu sehen sind/zuerst verschwinden) sehr anschaulich widerlegt.

    Antwort
  13. Bertinia

     /  Juni 29, 2018

    Hallo Lucifex,

    ich möchte zunächst einmal gerne sagen, daß ich es sehr schade fände wenn du deine SF Geschichten löschst, gerade angesichts der liebevollen Ausschmückung des GalCiv-Universums. Je mehr Geschichten man schreibt, desto detailreicher wird ein Fantasy-Universum, und so erkennt man, daß du schon viel Zeit mit der Erschaffung dessen verbracht hast. Vor allem die moralische Komponente gepaart mit den technischen SF-Teilen kann Lesern einige Gedanken „mundgerecht“ zuzuführen. Eine Bekannte von mir tut dies so ähnlich mit Kindergeschichten, um Kindern komplexe Entscheidungswege zu verdeutlichen, die sonst durch verschwurbelte Pseudo-Moral und die üblichen Parolen und Schlagworte in falsche Wege gelenkt werden könnten. Wobei ich das Grundprinzip meine, wertvolle Erfahrungen anschaulich zu präsentieren, um einen Aha-Effekt zu erzeugen, der sich einprägt, und dazu anregt, jene hohlen Parolen zu hinterfragen.

    Andererseits möchte ich sagen, daß ich zum Beispiel in diesem wirklich schönen Sommer wenig Zeit mit Lesen verbringe (ich habe bis jetzt nur das Glossar gelesen, war aber zweifellos sehr beeindruckt), wenn es so spät dunkel wird, ist ja meist schon Schlafenszeit. Ich verbringe die Tage eher draußen am See und versuche die schönen und positiven Seiten des Lebens zu genießen, womit ich auch sagen will, daß der Sommer wohl generell eine eher schwierige Zeit für Veröffentlichungen ist. Vielleicht mußt du deinem Kinde einfach etwas Zeit geben.

    Zum Thema der SF-Verdroßenheit unter Rechten möchte ich zuletzt noch anmerken, daß die erfolgreichsten Veröffentlichungen eher Dystopien sind, die wohl die Verdroßenheit gegenüber der aktuellen Welt bedienen, um sie am Ende in eine positive Perspektive kristallisieren zu lassen. Ich denke, daß die strikte Einhaltung des Prinzips „Vorstellung, Problemstellung, Konflikt, Lösung“, mit einer sparsamen aber konzentrierten „Lösung“ am Ende sich erfahrungsgemäß als erfolgreich gezeigt hat, zusätzlich zum Element eines bis zuletzt unklaren Gut-und-Böse Schemas. Dies gibt m.M.n. einen starken Lerneffekt (ich glaube dies ist dir auch wichtig), und erscheint am ehesten als unparteiische, und somit rechtmäßig wirkende Darstellung.

    Übrigens kommt sogar beim JEDEM Eingeben von Text auf dieser Seite ständig die Nachricht „Übertragen von GoogleAds“ und co., was auch den Browser extrem verlangsamt.

    Schönen Sommer an alle.

    Antwort
  14. Bertinia

     /  Juni 29, 2018

    habs gerade probiert, sogar beim scrollen, mache ich irgendwas falsch, ich benutze den Tor Browser.

    Antwort
  15. Hallo, Kelte und Bertinia!

    Ist ja interessant, Kelte, daß du all diese AdS-Sachen noch gespeichert hast. Da hätte ich gleich eine Bitte an Dich: könntest Du bei Gelegenheit ein paar davon, die ich nicht mehr habe, als Kommentare übermitteln? Die würden zwar vielleicht wegen der Länge zunächst im Spamordner verschwinden, aber auch dort kann ich sie herausholen und als Nachveröffentlichungen aufbereiten.

    Da wären einmal zwei verlorene Übersetzungen von mir, die bei meiner Großen Datenverlustkatastrophe nach dem Computerwechsel im Anschluß an die AdS-Löschung verlorengegangen sind und die ich bei meiner letzten Datensicherung davor nicht dabei hatte, weil ich sie erst danach erstellt habe:

    – Die Übersetzung von Francis Carr Begbies The Trouble with Tommy (das könntest Du im Kommentarstrang zu Tanstaafls Tommy-Robinson-Artikel posten; die Bilder wären egal, weil ich sie aus dem Original holen kann), und
    – die Übersetzung von The Jewish „Schindlers“, ebenfalls von Francis Carr Begbie (das könnte im Kommentarstrang zu meinem Artikel Warum Juden für „Vielfalt“ sind gepostet werden).

    Sodann gibt es noch zwei „Star-Dreck“-Beiträge von Dunkler Phönix (SD 10 und 11), die ich nie selber auf Festplatte hatte; der eine behandelte die Terminator-Filme und der andere irgendeine Fernsehserie (das könnte „The 100“ gewesen sein). Die könntest Du in den Strang zu DPs letztem hier nachveröffentlichten SD-Artikel plazieren, Star Dreck 9: Die Star-Trek-Filmreihe.

    Es eilt aber nicht, falls Du das machen möchtest. Diese Beiträge würde ich ohnehin erst irgendwann nach der Veröffentlichung des vierten Teils von „Ace of Swords“ einstellen.

    Bei „Ace of Swords“ habe ich heute zwei kleine Ergänzungen vorgenommen (das kommt davon, wenn man eine Geschichte schon in Teilen veröffentlicht, bevor alles fertig ist):
    Beim Weiterschreiben am Teil 4 hat sich die Notwendigkeit ergeben, den beiden Robotjägern unter den Flügeln der Ace of Swords individuelle Namen zu geben, und da habe ich mich für Knight und Queen entschieden. (Ursprünglich hatte ich an „Fimm und Jimm“ gedacht, aber das wäre doch etwas zu unernst gewesen.) Die Vorstellung dieser Namen habe ich in Kapitel 10 in den Dialog mit den „Kindern“ eingefügt.
    Im Zuge dessen ist mir dann die Idee gekommen, auch die erste Nennung des Schiffsnamens Ace of Swords in Teil 1 mit dem Link zur englischen Erläuterung der Tarotkarte „Ace of Swords” zu unterlegen.

    Die Sommer- und Ferienzeit könnte eine zusätzliche Ursache für die geringen Klickzahlen bei den bisher veröffentlichten „Ace of Swords“-Teilen sein, aber die Hauptursache ist sie sicher nicht. Es könnte aber schon sein, daß gerade so lange Veröffentlichungen um diese Jahreszeit weniger gern gelesen werden.

    Das mit den Dystopien ist ein interessanter Punkt. Im Goodreads-Strang zu Clifford D. Simaks SF-Roman „Way Station“ schreibt „Evgeny“ in seiner Rezension:

    I am overfed on grimdark fantasy. I keep wishing all people living in yet another grimdark fantasy universe would commit suicide to put themselves (as well as their readers) out of their non-stop misery. I am overfed on dystopian future. Speaking about dystopian romances in particular I always want to shout out loud to their heroes at the end, „This is not going to be Happily Ever After; your dystopian world is here to stay and there is no happiness to be had in there!!!“.

    This book gives something I can really appreciate: hope. I really forgot the last time I saw any sign of hope in a modern science fiction story. This is particularly curious in light of the fact that it was written during the time of Cuban Missile Crisis. Actually some of the things in there strongly point to that particular historical event.

    This raises one important question: we were optimistic during the height of the Cold War. This is most definitely not the only example of optimistic science fiction written during that time. Now the war is over and all we can think of is bleak post-apocalyptic future without a single ray of hope in it. Why?

    Meine Übersetzung:

    Ich habe grimmig-dunkle Fantasy satt. Ich wünsche mir ständig, daß all die Leute, die in noch einem weiteren grimmig-dunklen Fantasieuniversum leben, Selbstmord begehen, um sich (sowie ihre Leser) aus ihrem Nonstop-Elend zu erlösen. Ich habe dystopische Zukünfte satt. Insbesondere bei dystopischen Liebesgeschichten möchte ich den Helden am Ende laut zurufen: „Dies wird nicht ‚und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage‘ sein; eure dystopische Welt wird bleiben, und darin gibt es kein Glück!!!“

    Das Buch gibt etwas, das ich wirklich schätzen kann: Hoffnung. Ich habe wirklich vergessen, wann ich das letzte Mal irgendein Hoffnungszeichen in einer modernen Science-Fiction-Geschichte gesehen habe. Dies ist besonders seltsam im Licht der Tatsache, daß es am Höhepunkt der Kubakrise geschrieben wurde. Tatsächlich verweisen einige der Dinge darin stark auf dieses bestimmte historische Ereignis.

    Dies erhebt eine wichtige Frage: wir waren während der Hoch-Zeit des Kalten Krieges optimistisch. Dies ist ganz bestimmt nicht das einzige Beispiel für optimistische Science Fiction, die während dieser Zeit geschrieben wurde. Nun ist der Krieg vorbei, und alles, woran wir denken können, sind düstere post-apokalyptische Zukünfte ohne einen einzigen Hoffnungstrahl darin. Warum?

    Ja, warum ist das so?

    Ich habe ebenfalls den Verdacht (auch schon früher geäußert), daß die verschiedenen Spinnertheorien in der rechten Szene als Mittel im Umlauf gebracht werden, um erstens Rechte, Nationale lächerlich erscheinen zu lassen, wenn sie darauf anspringen, und zweitens um Verschwörungstheorien allgemein zu diskreditieren. „Spinnerte Verschwörungstheorien schaden den zutreffenden Verschwörungstheorien“, habe ich am Schluß meines Kosmokabbalakäse-Artikels geschrieben. Im dortigen Strang habe ich in diesem Kommentar auch das von Kelte erwähnte Beispiel mit den Segelschiffsmasten und der Kugelgestalt der Erde (die auch den Wikingern und alten Griechen schon bekannt war) gebracht. Und in diesem gleich anschließenden Kommentar habe ich mich ausführlich mit der Flacherde-Spinnerei befaßt.

    Daß die Rechten die Gescheiteren sind, habe ich früher auch geglaubt, zweifle inzwischen jedoch sehr daran. Wie Luftpost in diesem Tavernenkommentar sinngemäß geschrieben hat, ist Dummheit überparteilich, und ich glaube sogar schon, daß es auf Seiten der Rechten die ärgeren Deppen gibt als bei den Linken und Gutmenschen. Zur Entschuldigung Letzterer kann man wenigstens anführen, daß sie seit ihrer Kindheit mit der allgegenwärtigen Systempropagandaflut mitgeschwommen sind, die von allen Seiten kommt und zudem auch teilweise an normalerweise guten Wesenszügen andockt, die für das Falsche mißbraucht werden. Unter den Rechten gibt es aber leider zu viele, die sich zwar mehr oder weniger von dieser JWO-Propaganda gelöst haben und sich dann aber völlig unnötig in andere Blödheiten verrennen, die nicht auf diese breit angelegte Weise vom System propagiert, sondern nur von irgendwelchen Randfiguren verzapft werden oder die sie sich selber zusammenreimen. Zudem haben diese Spinnereien meist null Zusammenhang mit unsren wirklichen Problemen: mit Globalismus, Zudringlingsflut, Multikulti, Rassenvermischung, Genderbenderei, demographischem Niedergang oder Kulturzersetzung.

    Manches davon, zum Beispiel die Reichsflugscheibengläubigkeit, ist auch „geistige Flucht ins La-la-Land“, wie noricus das einmal formuliert hat: weil alles so düster ist und aussichtslos erscheint, hofft man auf die Rettung durch die Nazi-Ufos aus der Antarktis. Voriges Jahr hatte ich kurzzeitig beruflich mit jemandem zu tun, der ernsthaft glaubte, es sei deshalb niemand mehr auf dem Mond gelandet, weil dort die Reichsdeutschen mit ihren Flugscheiben sitzen und niemanden landen lassen. („Wo es eine Verschwörungstheorie gibt, da gibt es auch eine Verschwörung“, sagte er.)

    Bei vielen gibt es auch eine Neigung, als Zugehörigkeitsritual zur „Wahrheitsbewegung“ (haha!) zu bekunden, daß man „denen aber auch schon gar nichts mehr glaubt“, verbunden mit der Eitelkeit, anderen „Verschwörungstheoretikern“ Erkenntnisse voraus zu haben („was, du glaubst noch an die kugelförmige Erde? Schlafschaf!“), verbunden mit der Sensationslust, auf etwas möglichst Abgefahrenes draufgekommen zu sein, wie es „wirklich ist“.

    Manchmal kommt mir vor, daß der Begriff „Narrensaum“ eine Fehlbezeichnung ist; daß das kein Saum ist, sondern fast schon ein Mainstream, und daß das, was Blogs wie „Morgenwacht“ oder „As der Schwerter“ repräsentieren, eher ein schmaler Grat zwischen der Tiefebene der Narren und der Tiefebene der sich für aufgewacht haltenden Halbschlafschafe (Siechkobel, Edelrechte, Libertärenblogs, koschere Counterjihadis) ist.

    Antwort
  16. Jouri

     /  Juli 22, 2018

    Danke Lucifex für die Übersetzung des vierten Teiles.

    Antwort
  17. Ich lese gerade die Goodreads-Seite über Marion Zimmer Bradleys SF-Roman „Hunters of the Red Moon“ („Jäger des Roten Mondes“), und da mußte ich bei dieser Kurzrezension von David Nix über den Schlußabsatz schmunzeln, der eigentlich auch auf meinen obigen Roman zutrifft (vom Ursprung her ist „Ace of Swords“ ja auch jahrzehntealt):

    Because this is a decades-old novel, the writer wrote in a style no longer favored by readers. That includes techniques such as writing in complete sentences, using big words, and omitting gratuitous detail during sexual encounters. If you can accept that style, then you will love this story. If you can’t, then you always have Manga.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: