Midrash Rabbah Lamentations 2.2.4: Eine jüdische Klage über einen antiken Holocaust

Aus dem Jerusalemer Talmud, übersetzt von Lucifex. Quelle: Midrash Rabbah Lamentations 2.2.4 (auf der Seite Livius.org [„Articles on ancient history”] ).Link gefunden in diesem Artikel von Kevin Alfred Strom auf National Vanguard.

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Simon ben Kosiba, mit Zunamen Simon bar Kochba („Sohn des Sterns“) war ein jüdischer Messias. Zwischen 132 und 135 [n. Chr.] war er der Führer des letzten Widerstandes gegen die Römer. Nach dem Ende der katastrophalen Rebellion nannten ihn die Rabbis „Bar Kozeba“, was „Sohn der Lüge“ bedeutet.

Einer der Texte, die sich mit der Revolte von Bar Kochba befassen, ist ein Midrasch (Kommentar zu einem historischen Werk) über Lamentations. Die Übersetzung [ins Englische] wurde von A. Cohen erstellt.

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Midrash Rabbah Lamentations 2.2.4

[1] Als Rabbi Aqiba Bar Kozeba erblickte, rief er aus: „Dies ist der Messias-König!“ Rabbi Johanan ben Torta erwiderte: „Aqiba, Gras wird in deinen Wangen wachsen, und er wird noch immer nicht gekommen sein!“ [Dieser berühmte Austausch ist auch im palästinensischen Talmud, Ta’anit 4.5, zu finden.]

[2] Achtzigtausend Trompeter belagerten Bethar, wo Bar Kozeba sich befand, der zweihunderttausend Männer mit einem amputierten Finger bei sich hatte. [Es ist nicht bekannt, was das bedeutet. Wahrscheinlich ist es ein Zeichen der Loyalität.] Die Weisen sandten ihm die Nachricht: „Wie lange wirst du die Männer Israels noch entstellen lassen?“

Er fragte sie: „Wie sonst sollen sie geprüft werden?“

Sie antworteten: „Laß jedem, der keine Zeder aus dem Libanon ausreißen kann, die Aufnahme in dein Heer verweigern.“

Er hatte daraufhin zweihunderttausend Männer von jeder Klasse, und als sie zur Schlacht schritten, riefen sie: „Oh Gott, hilf uns weder, noch entmutige uns!“

Dies steht geschrieben: Wirst du es nicht tun, Gott, der du uns verstößest und ziehest nicht aus, Gott, mit unserm Heer? [Psalm 60.12]

Und was pflegte Bar Kozeba zu tun? Er fing die Geschosse der feindlichen Katapulte auf einem seiner Knie auf und schleuderte sie zurück, wobei er viele der Feinde tötete. Deswegen machte Rabbi Aqiba seine Bemerkung. [Die Bemerkung, daß Bar Kozeba die Geschosse der feindlichen Katapulte auf einem seiner Knie auffing und sie zurückschleuderte, bezieht sich vielleicht darauf, daß die Juden römische Katapultgeschosse wiederverwendeten. Dies würde darauf hindeuten, daß die Juden ihre eigene Artillerie zu bauen verstanden.]

[3] Dreieinhalb Jahre lang umzingelte der Kaiser Hadrian Bethar. In der Stadt war Rabbi Eleazar von Mode’ein, [Er wird auch in anderen Texten erwähnt, und Münzen sind gefunden worden, die zeigen, daß er als Hohepriester ausgewählt wurde.] der ständig Sackleinen trug und fastete und täglich betete: „Herr des Universums, sitze nicht heute zu Gericht!“, sodaß Hadrian an Heimkehr dachte. [Eleazars Gebet machte es unmöglich, Bethars Befestigungen einzunehmen.]

Ein Kutäer [ein abwertendes Wort zur Bezeichnung eines Samariters; die Einwohner Samarias durften in den römischen Hilfstruppen dienen] ging [zum Kaiser], fand ihn und sagte: „Mein Herr, solange dieser alte Hahn sich in Asche wälzt, werdet Ihr die Stadt nicht erobern. Aber wartet auf mich, denn ich werde etwas tun, das Euch ermöglicht, sie heute zu unterwerfen.“

Er ging sofort durch das Stadttor, wo er Rabbi Eleazar fand, der dort stand und betete. Er tat so, als würde er Rabbi Eleazar von Mode’in ins Ohr flüstern. Leute gingen zu Bar Kozeba und informierten ihn: „Dein Freund, Rabbi Eleazar, möchte Hadrian die Stadt übergeben.“

Er ließ den Kutäer zu sich bringen und fragte: „Was hast du zu ihm gesagt?“

Er antwortete: „Wenn ich es dir sage, wird der Kaiser mich töten, und wenn ich es dir nicht sage, wirst du mich töten. Es ist besser, wenn ich mich selbst töte und die Geheimnisse der Regierung nicht preisgegeben werden.“

Bar Kozeba war überzeugt, daß Rabbi Eleazar die Stadt übergeben wollte, daher ließ er diesen, nachdem er sein Gebet beendet hatte, zu sich bringen und fragte ihn: „Was hat dir der Kutäer gesagt?“

Er antwortete: „Ich weiß nicht, was er mir ins Ohr flüsterte, noch habe ich irgendetwas gehört, denn ich stand im Gebet da und weiß nicht, was er sagte.“

Bar Kozeba geriet in Zorn, trat ihn mit seinem Fuß und tötete ihn. Eine himmlische Stimme ertönte und verkündete: „O unnütze Hirten, die die Herde verlassen! Das Schwert komme auf ihren Arm und auf ihr rechtes Auge!“ [Sacharja 11.17]

Es wurde ihm mitgeteilt: „Du hast den Arm Israels gelähmt und sein rechtes Auge geblendet, daher soll dein Arm verdorren und dein rechtes Auge dunkel werden!“

Sogleich führten die Sünden [des Volkes] dazu, daß Bethar eingenommen wurde. Bar Kozeba wurde erschlagen und sein Kopf zu Hadrian gebracht. Er fragte: „Wer tötete ihn?“

Ein Kutäer sagte zu ihm: „Ich tötete ihn.“

„Bringe mir seine Leiche“, befahl er.

Er ging und fand eine Schlange, die seinen Hals umschlang. Daher rief Hadrian aus, als man ihm dies erzählte: „Wenn nicht sein Gott ihn getötet hätte, wer hätte ihn überwinden können?“ [Die Worte sind vielleicht authentisch, aber es ist wahrscheinlicher, daß Hadrian sich auf andere Menschen bezog. In der mündlichen Tradition ist es nicht ungewöhnlich, daß berühmte Taten oder Worte sich um den größten Helden „sammeln“.]

Und auf ihn wurde der Vers angewandt: „Kommt’s nicht daher, daß ihr Fels [Kefar] sie verkauft hat und der HERR sie dahingegeben hat?“ [Deuteronomium 32.30]

[4] Da waren zwei Brüder in Kefar Haruba, die dort keinen Römer passieren ließen, weil sie ihn töteten. Sie sagten: „Die Schlußfolgerung aus der ganzen Sache ist, daß wir Hadrians Krone nehmen und auf unser Haupt setzen müssen.“

Sie hörten, daß die Römer auf sie zukamen, und als sie gegen sie auszogen, begegnete ihnen ein alter Mann und sagte: „Möge der Schöpfer eure Hilfe gegen sie sein!“

Sie erwiderten: „Laß ihn uns weder helfen noch uns entmutigen!“

Ihre Sünden führten sofort dazu, daß sie erschlagen wurden. Ihre Köpfe wurden zu Hadrian gebracht, der fragte: „Wer tötete sie?“

Ein Kutäer antwortete: „Ich erschlug sie.“

Und der Kaiser befahl ihm, ihre Leichen zu holen.

Er ging und fand eine Schlange, die sich um ihre Hälse ringelte. Daher rief Hadrian aus, als man ihm dies erzählte: „Wenn ihr Gott sie nicht erschlagen hätte, wer hätte sie überwinden können?“

Und auf sie wurde der Vers angewandt: „Kommt’s nicht daher, daß ihr Fels [Kefar] sie verkauft hat und der HERR sie dahingegeben hat?“ [Deuteronomium 32.30]

[5] Rabbi Jonathan sagte: „Die Stimme ist die Stimme Jakobs“ [Genesis 27.22] – die Stimme der Not, die von Kaiser Hadrian verursacht wurde, der achtzigtausend Myriaden menschlicher Wesen bei Bethar erschlug. [Anm. d. Ü.: Eine Myriade = 10.000; achtzigtausend Myriaden sind also achthundert Millionen – und das in einer ländlichen Kleinstadt im antiken Judäa! Laut Wikipedia wird die gesamte Weltbevölkerung vor zweitausend Jahren auf 170 bis 400 Millionen geschätzt.]

[6] Sie erschlugen die Einwohner, bis die Pferde bis zu den Nüstern in Blut wateten, und das Blut wälzte Steine (in der Größe von 284 Litern) dahin und floß ins Meer, das es bis in eine Entfernung von sechs Kilometern färbte. (Falls Sie denken, daß Bethar nahe am Meer liegt: lag es nicht in Wirklichkeit sechzig Kilometer davon entfernt?)

Nun besaß Hadrian ein großes Weingut von 46 Kilometer im Quadrat, von Tiberias bis Sepphoris, und sie umgaben es mit einem Zaun, der aus den Erschlagenen von Bethar bestand. Und es wurde verfügt, daß sie nicht begraben werden sollten, bis ein bestimmter Kaiser an die Macht kam und ihre Bestattung befahl.

Rabbi Huna sagte: „An dem Tag, an dem den Getöteten von Bethar das Begräbnis erlaubt wurde [durch den Kaiser Antoninus Pius (Digests 48.8.11)], wurde der Segensspruch Der du freundlich bist und freundlich handelst eingeführt – Der du freundlich bist, weil die Leichen nicht verwesten, und freundlich handelst, weil ihnen das Begräbnis gewährt wurde.“

[7] Rabbi Johanan sagte: „Die Gehirne von dreihundert Kindern wurden an einem Stein zerschmettert [Anm. d. Ü.: schon wieder eine Variante von Psalm 137!], und dreihundert Körbe mit Hülsen von Gebetsriemen wurden in Bethar gefunden, und jede Hülse hatte eine Kapazität von 2130 Litern.“

Rabbi Gamaliel sagte: „Es gab fünfhundert Schulen in Bethar, und in der kleinsten davon gab es nicht weniger als dreihundert Kinder. Sie sagten immer: ‚Wenn die Feinde gegen uns anrücken, werden wir mit diesen Schreibgriffeln hinausgehen und sie erstechen.‘ Als jedoch die Sünden des Volkes dazu führten, daß die Feinde kamen, wickelten sie jeden Schüler in sein Buch ein [Anm. d. Ü.: damit werden wohl Schriftrollen gemeint sein] und verbrannten ihn, sodaß ich allein übrigblieb.“

Er trug sich selbst den Vers vor: „Mein Auge zog meine Seele in Mitleidenschaft wegen all der Töchter meiner Stadt.“ [Lamentations 3.51. Die „Töchter“ sind die Einwohner von Bethar.]

 

Diese Seite wurde im Jahr 2000 angelegt; zuletzt modifiziert am 14. Oktober 2016.

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5 Kommentare

  1. Die Gedanken sind frei,
    wer kann sie erraten,
    sie fliehen vorbei
    wie nächtliche Schatten.
    Kein Mensch kann sie wissen,
    kein Jäger erschießen,
    mit Pulver und Blei:
    die Gedanken sind frei.

    Ich denke, was ich will,
    und was mich beglücket,
    doch alles in der Still,
    und wie es sich schicket.
    Mein Wunsch und Begehren
    kann niemand verwehren
    es bleibet dabei:
    die Gedanken sind frei.

    Wohlgemerkt: die Gedanken zu bestimmten Dingen sind nur frei, solange sie Gedanken bleiben. Sobald sie im öffentlichen Raum niedergeschrieben sind, wo Feinde sie mitlesen können, ist es im Rahmen dieses Systems mit der Freiheit vorbei.

    Anklänge an den Psalm 137 („Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an dem Stein!“) gibt es auch in jüdischen Schilderungen der Pogrome in Osteuropa. Und das Verbrennen ist auch immer wieder ein Thema, auch bei dem, was Juden mit ihren Feinden tun lassen.

    Antwort
  2. Die Stelle mit Rabbi Eleazar, „der dort stand und betete“, hat mich auf den Gedanken gebracht, die Gebetshaltungen der drei abrahamitischen Religionen miteinander zu vergleichen:

    Christen knien, Moslems werfen sich überhaupt nieder und berühren mit der Stirn den Boden – aber im Judentum, von dem diese beiden Ablegerreligionen abstammen, ist als Gebetshaltung das Stehen vorgeschrieben (bei langen Gottesdiensten dürfen die Teilnehmer auch sitzen).

    Ich glaube nicht, daß die heidnischen Europäer ihre Götter auf Knien angebetet haben; vielmehr werden sie das wohl meist auch aufrecht stehend getan haben.

    Antwort
    • Ende der Siebziger hörte ich zum ersten Mal von Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt, dank unseres 1988 emeritierten und 1994 verschiedenen Biologieprofessors, zu Ostzeiten in der sogenannten LDPD, nach der Wende in der schandbaren FDP.
      Zur Sache: Die Gebetshaltung der Grobjuden ist in einer bestimmten Phase nichts anderes als die passive Paarungshaltung der meisten Primaten, naturgemäß der Weibchen, wobei die unterlegenen Jungmännchen einiger Arten, Paviane z.B., dieselbe auch – als Unterwerfungsgeste – einnehmen (so, wie Caniden die Kehle darbieten) – und das überlegene Männchen – symbolisch (hoffentlich nur!) kurz aufreitet.
      Auch begrüß(t)en bei manchen afrikanischen Völkern, den Fulbe u.a., die Mädels hochrangige Personen mit einer Verbeugung, wobei sie beim Verbeugen dieser Person aber ihre i.d.R. fleischigen Pobacken zuwenden /zuwandten.

      Antwort
    • Da ist also die Bezeichnung „Arschhochbeter“ umso treffender…

      Antwort
  3. Das erinnert mich an diesen Dialog aus John Morressys SF-Roman Labyrinth zwischen den Sternen zwischen dem Raumkapitän Kian Jorry vom Volk der gerissenen, ränkeschmiedenden k’Turalp’Pa und seinem Diener Axxal vom Volk der Quespodonen, das überall als ungeheuer stark, aber dumm gilt, über die unterschiedlichen Schöpfungsmythen der galaktischen Völker:

    „Ich bin wie ich bin, Jorry. Ich kann mich nicht ändern, obwohl ich allenfalls manche Leute täuschen könnte.“

    „Immer noch Angst vor Keoffo, ja?“

    „Manchmal schon“, gab der Quespodon zu, „und manchmal wieder denke ich an die alten Geschichten und kann bloß darüber lachen. Die taugen nur für Kinder.“

    „Was gibt es denn in deinem Volk für Geschichten über seinen Ursprung?“

    „Vor langer Zeit, als das erste Über-Wesen, der Herr aller Sterne, Bewohner für seine Welten schuf, fing er damit an, daß er alle guten Eigenschaften sammelte, die er den Völkern geben konnte“, begann Axxal, „und dann nahm er immer eine Eigenschaft und schuf sich eine Rasse dazu, die sich ihrer erfreuen konnte. Für die Tapferkeit machte er die Skeggjatten, für den Stolz die Lixianer, für die Klugheit die k’Turalp’Pa, für Schnelligkeit die Malellanen, für die Geschicklichkeit die Quipliden, und immer so weiter für alle bekannten Rassen der Galaxis, bis auf die Quespodonen. Endlich war nur noch die Kraft übrig, und der Herr der Sterne beschloß, noch etwas zu warten, ehe er die letzte Rasse schuf. Er legte sich schlafen, und als er schlief, kam Keoffo, der Täuscher. Er war neidisch auf den Herrn der Sterne und wollte ein Volk ganz für sich allein, dem er seine Streiche spielen konnte. Er stahl die letzte gute Eigenschaft und machte den ersten Quespodon. Doch der Herr der Sterne erwachte, bevor Keoffo fertig war. In seinem Zorn schlug er Keoffo mit seiner Meßlatte – daher hinkt Keoffo – und warf ihn aus der Wohnstätte der Über-Wesen hinaus. Im Fallen schleuderte Keoffo die Quespodonen, die er gemacht hatte, auf die Welt, die Dumabb-Paraxx heißt – die unfertige Welt. Es war ein tiefer Fall, und sie schlugen hart auf, und die Beulen sind noch bei allen ihren Abkömmlingen zu sehen.“

    „Dieser Keoffo scheint ja ein Scherzbold von der sauren Sorte zu sein“, bemerkte Jorry munter. „Unter seiner Herrschaft würde ich nicht gern leben mögen.“

    „Das ist ja nur eine Geschichte.“

    „Das sagst du so, Axxal. Ich glaube, für dich ist es mehr als eine Geschichte; doch das ist deine Sache, nicht meine. Sag mal, lernen alle Quespodonen diese Geschichte?“

    „Jawohl.“

    Jorry grunzte nachdenklich, nickte und schwieg eine Zeitlang. Dann sagte er: „Jetzt werde ich dir dafür eine andere Schöpfungsgeschichte erzählen. Die stammt von den Thorumbianern. Collen hat sie mir einmal vorgesungen.“ Jorry trank einen Schluck Wasser, räusperte sich, nippte nochmals am Wasser, legte die Füße auf den Tisch und stimmte ein melodisches Lied an:

    „Schöpfer nahm trockenes Ried,
    Benetzte es mit dem Speichel seines Mundes,
    Schuf die langen, dürren Leute,
    Nannte sie Lixianer.
    Schöpfer sah sie prüfend an, war noch nicht zufrieden,
    Nahm die runden Kiesel aus dem Flußbett,
    Trocknete sie mit dem Hauch seines Mundes,
    Schuf die harte, runde Rasse,
    Nannte sie Quespodonen.“

    „Das stimmt nicht, Jorry. So wurden die Quespodonen nicht geschaffen.“

    „Spielt doch keine Rolle. Ich glaube ja auch nicht deinen Bericht über die Schöpfung der k’Turalp’Pa, aber ich habe nichts dazu gesagt. Ich lasse jetzt das andere aus und singe gleich den Schluß“, sagte Jorry ungeduldig und sang weiter:

    „Schöpfer sah sich alle seine Geschöpfe an,
    Alle Rassen auf allen Welten,
    Und mit keiner war er zufrieden.
    Da nahm er schwarze Erde von den hohen Bergen,
    Knetete sie mit seinen starken Händen,
    Tropfte dunkles Blut aus seinen Adern dazu,
    Trocknete das Ganze in der Sonne,
    Sprach es an mit starken Worten,
    Und die schwarzen Gebilde bewegten sich und beteten den Schöpfer an.
    Und Schöpfer war zufrieden.
    Nun hatte er die Thorumbianer.
    Sie waren sein Volk auf ewig.
    Da war er zufrieden.“

    „Das mit den Quespodonen stimmt zwar nicht, aber die Geschichte ist gut“, gab Axxal zu. Eine Weile schwiegen sie, dann fragte Axxal verwirrt: „Warum gibt es so viele Geschichten, und jede ist anders? Warum gibt es nicht nur eine?“

    „Weil sie alle nur herumraten.“

    „Treib doch nicht immer deinen Spott mit mir, Jorry.“

    „Das ist kein Spott. Ich habe mich lange in dieser Galaxis herumgetrieben, und ich habe niemanden getroffen, der genau weiß, wie und warum alles angefangen hat. Niemand weiß die Wahrheit, Axxal – das ist die Antwort auf deine Frage. Und wenn jemand die Wahrheit wüßte – warum sollte er sie verraten?“

    Verwirrt runzelte Axxal die Stirn und entgegnete: „Warum denn nicht? Wäre es nicht gut, wenn wir alle wüßten, warum wir da sind?“

    „Du redest wie ein Einsiedler vom Urush-Val-Zul. Tatsache ist: wir wissen es alle. Tief im Innern, wenn wir es auch nicht zugeben, wissen wir es. Wir leben, um alles zu bekommen, was wir bekommen können und es zu behalten, solange wir können. Das ist der Sinn des Lebens. Jeder will alles haben, was er kriegen kann.“

    Axxal schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht, Jorry. Wenn man so denkt, wird das Leben hart.“

    „Das Leben ist auch hart, mein Junge. Ein Quespodon sollte das besser wissen als jeder andere.“

    „Aber es kann doch ein gutes Leben sein. Manchmal helfen doch die Leute einander.“

    „Aber nicht die von meinem Volk.“

    „Was hat denn dein Volk für eine Schöpfungsgeschichte?“

    „Wir haben uns nie die Mühe gemacht, uns eine auszudenken.“

    „Aber habt ihr euch niemals gefragt, wie ihr auf die Welt gekommen seid und warum?“

    „Wichtig ist für uns einzig und allein, daß wir da sind, Axxal. Woher wir kommen, das können wir doch nicht ändern – warum sollen wir uns also darüber den Kopf zerbrechen? Laß das. Denk an die Geschichte der Thorumbianer.“

    „Warum?“

    „Vergleich sie mit deiner. Da wirst du manche interessante Unterschiede finden.“

    „Unterschiede kann jeder finden. Es sind ja die Geschichten zweier verschiedener Rassen.“

    „Ganz recht. Die Thorumbianer sind ein stolzes Volk, die Quespodonen dagegen –“ Jorry brach ab und blickte Axxal erwartungsvoll an, als wolle er ihn auffordern, den Gedanken zu Ende zu denken. Als der Quespodon nicht antwortete, fuhr Jorry fort: „Also denk darüber nach, Axxal. Sag mir, wenn dir etwas eingefallen ist.“

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