Das entscheidende Ausrüstungsstück, das bewaffnete Heimverteidiger immer vergessen


Von Robert Farago, übersetzt von Deep Roots (Schlußbild von Osimandia modifiziert). Das Original The Critical Piece of Kit Armed Home Defenders Always Forget erschien am 15. Oktober 2014 auf Faragos Seite The Truth About Guns.

In aller Herrgottsfrühe hört ihr etwas durch die Küchentür brechen. Warum ist der Alarm nicht losgegangen? Habe ich vergessen, ihn einzustellen? Keine Zeit, sich darum zu sorgen. Ihr schnappt euch eure Brille und eure Schußwaffe, weckt eure bessere Hälfte und setzt euren Heimverteidigungsplan um. Während das Adrenalin durch eure Adern strömt (wie tausend Eisenbahnzüge), zielt ihr und drückt ab. Und schießt vorbei. Vielleicht. Vielleicht habt ihr ihn getroffen. Wer weiß? Zum Glück gibt der Bösewicht Fersengeld. Aber jetzt hört ihr seine Schritte nicht…

Weil ihr taub seid. Falls ihr eine Faustfeuerwaffe abgeschossen habt, klingeln eure Ohren schmerzhaft und blockieren alle Umgebungsgeräusche. Falls ihr eine Schrotflinte abgefeuert habt, seid ihr stocktaub – ein Zustand, der sich mit der Zeit vielleicht selbst repariert oder auch nicht, und selbst wenn, dann vielleicht nur teilweise. Was soll’s. Ihr habt eine tödliche Bedrohung gestoppt. Ihr habt überlebt. Euer Gehör ist ein kleiner Preis dafür. Nur…

Ein weiterer Schurke kommt hinter euch heran und haut euch mit einem Baseballschläger nieder. Oder sticht euch ein Messer in den Rücken. Oder erschießt euch. Während ihr zu Boden fallt, gilt euer erster Gedanke eurer Familie. Die Bullen werden bald hier sein. Früh genug? Gott, ich hoffe es. Euer zweiter Gedanke: aufstehen und kämpfen! Nur daß ihr es nicht könnt. Und irgendwo in eurem Hinterkopf taucht eine weitere Idee auf: wenn ich ihn nur hätte kommen hören.

Euer Gehörssinn ist ein entscheidender Bestandteil der bewaffneten Selbstverteidigung. Er liefert euch einsatzentscheidende Informationen über Ort, Anzahl, Geschwindigkeit, Größe und Richtung von freundlich Gesinnten und potentiellen Bedrohungen. Falls euer Gehörssinn ernsthaft vermindert wird oder ihr ihn verliert – wie es sicherlich der Fall sein wird, wenn ihr eine Feuerwaffe in eurem Haus abfeuert -, verliert ihr eine enorme Menge Situationsbewußtsein. Warum also solltet ihr?

Bewahrt ein Paar elektronischer Gehörschützer bei eurer Selbstverteidigungswaffe auf. Wenn die K. am D. ist,  setzt sie auf, bevor ihr irgend etwas sonst tut. Sie werden nicht nur euer Gehör im Falle eines defensiven Schußwaffengebrauchs schützen, was den fortgesetzten Gebrauch eures Gehörs während des weiteren Ablaufs der Ereignisse ermöglicht, sondern sie verstärken auch Umgebungsgeräusche. Faktisch geben sie euch ein Supergehör – was eure strategischen Fähigkeiten erhöht.

Das Argument gegen das Aufsetzen elektronischer Gehörschützer während bewaffneter Heimverteidigung: je mehr ihr bei einem defensiven Schußwaffengebrauch zu tun habt, desto größer ist die Chance, daß ihr es nicht ordentlich macht. Ihr wollt nicht, daß der Bösewicht euch beim Herumfummeln mit dem Gehörschutz erwischt. Wenn auch gering, könnte die zusätzliche Zeit, die zum Ohrenschützeraufsetzen benötigt wird, euch hinter die Selbstverteidigungskurve bringen.

Diese Kosten-Nutzen-Kalkulation obliegt euch – nachdem ihr das Aufsetzen der Ohrenschützer geübt habt. In eurem Schlafzimmer. Mitten in der Nacht.

Es ist nicht so leicht, wie es sich anhört: die Kombination aus Adrenalin und Schlaftrunkenheit bringt eure manuelle Geschicklichkeit ganz schön durcheinander. Ihr müßt das Ding in einer bestimmten Weise neben eurem Bett plazieren – sodaß der Ein-Aus-Schalter jedesmal, wenn ihr das Kopfband über eure Birne schiebt, an derselben Stelle ist. Und ja, man kann mit aufgesetzten elektronischen Gehörschützern einen Polizeinotruf absetzen.

Ich schätze, E-Gehörschutz ist das Risiko wert. Euer Gehör in der Hitze des Gefechts zu schützen, könnte euer Leben retten. Und ich weiß, daß das seltsam klingt, aber ich würde einen defensiven Schußwaffengebrauch nicht als gewonnen betrachten, wenn ich die Bösewichte zurückgeschlagen und (mehr) von meinem Gehör verloren hätte. Alternativerweise kauft, falls ihr könnt, eine Dose [einen Schalldämpfer; d. Ü.]. Bedenkt, Schalldämpfer sind immer noch verdammt laut; von einem ist mir Tinnitus zurückgeblieben. Daher… warum nicht sowohl elektronischen Gehörschutz als auch einen Dämpfer verwenden?

Über Robert Farago

  Robert Farago ist der Herausgeber von The Truth About Guns (TTAG). Er gründete die Seite, um die Ethik, Moral, geschäftliche Seite, Politik, Kultur, Technologie, Praxis, Strategie und Gefahren von Waffen und den Spaß mit ihnen zu erforschen.

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Ich (Deep Roots) finde auch: Gehörschützer sind

Siehe auch Gespräch mit einem Gunfighter vom Westernautor Charles Frederick Eckhardt, ein Interview, in dem der ehemalige Sheriff Heck Perez aus der Praxis des ernsthaften Schußwaffengebrauchs erzählt, darunter auch über die Sache mit dem Adrenalin:

„Ich hatte wahrhaftig keine Zeit, mich zu fürchten, solange die Schießerei im Gange war, aber als sie vorbei war, musste ich mich hinsetzen, mir zitterten fürchterlich die Knie, und als sie zu zittern aufhörten, musste ich schleunigst aufs Klo rennen. Das ist auch so etwas, das einem die Filme und das Fernsehen immer verschweigen: Es ist alles andere als angenehm, wenn jemand auf einen schießt.

So geht eine Schießerei in Wirklichkeit vor sich, mein Junge, und nicht, wie das im Film gezeigt wird. Bevor es losgeht, kriegt man einen so trockenen Mund, dass man Watte ausspucken könnte, und man hat einen Klumpen im Bauch wie eine Kanonenkugel so groß. Und dann tut man eine kurze Zeitlang einfach, was man zu tun hat, und danach schlottern einem die Knie und man muss dringend aufs Klo. Solche Details werden in den Wildwestromanen und am Fernsehen immer unterschlagen. Wenn du mal darüber schreibst, dann vergiss nicht, auch das zu erwähnen.“

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Nachtrag des Übersetzers:

In VISIER 6-1988 habe ich diesen Info-Kasten gefunden, den ich euch hier als Scan nachreiche:

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Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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15 Kommentare

  1. „Aber jetzt zu etwas ganz anderem…“, wie sie bei Monty Pythons immer wieder gesagt haben.

    Im folgenden gebe ich euch noch einen Austausch wieder, den ich (als Deep Roots) mit branfendigaidd im Kommentarstrang zur Nachveröffentlichung auf „Cernunnos‘ Insel“ hatte:

    branfendigaidd:

    Eine Frage, die von den Ohrschützern abweicht, bei der mich aber trotzdem die Meinung der hier Mitlesenden interessiert, da ich letzthin eine Diskussion darüber im Schiesskeller hatte.

    Wenn ich die Glock halte, dann fasse ich sie im Weaver-Stand so, dass meine schwächere Hand die Schusshand unterstützt und beide Daumen auf der linken Seite parallell übereinander liegen. Anstatt dass ich nun den Zeigefinger der linken Hand um das Griffstück lege, umfasse ich damit den Abzugsbügel. Ich habe das Gefühl, damit einen besseren und stabileren Griff zu bekommen. Andere Schützen dort meinten allerdings, dass das ein schlechter Griff sei, ohne dies begründen zu können. Natürlich hatte es auch noch die Alte-Schule-Schützen, die das Tea-Cupping praktizierten und die ich völlig ignorierte. Nun würde mich aber hier die Meinung der Lesenden interessieren. Zeigefinger der Unterstüzungshand um die Griffhand oder um den Abzugsbügel?

    Für die Antwort danke ich im Voraus und grüsse alle von einer anderen Seite, die hier evtl. mitlesen.

    Deep Roots:

    Hallo, branfendigaidd!

    Diese Pistolenhaltung mit dem Zeigefinger der linken Hand vorn am Abzugsbügel statt an den Fingern der rechten Hand anliegend habe ich in meiner Anfangszeit als Schütze ebenfalls eine Zeitlang praktiziert, bin aber wieder davon abgekommen. Ich hatte das Gefühl, daß dabei die linke Hand einen zu starken seitlichen Zug ausübt, weil der linke Zeigefinger am Abzugsbügel einen deutlich längeren Hebelarm hat als die Finger der rechten Hand am Griff. Bei mir kommt noch hinzu, daß ich eigentlich Linkshänder bin (wodurch die linke Hand stärker ist), aber rechts schieße, weil mein Führungsauge das rechte ist.

    Wenn Du allerdings das Gefühl hast, daß Deine Schießhaltung auf diese Art stabiler ist, wäre das ein paar Vergleichsserien mit jeweils der einen oder anderen Anschlagsart wert, um zu sehen, wie Du besser triffst. Dabei wäre es aber gut, auch welche auf Zeit zu schießen.

    Was sonst noch allgemein gegen die Anschlagsart mit dem Zeigefinger der Unterstützungshand am Abzugsbügel spricht, weiß ich nicht mehr (seinerzeit dürfte ich dazu ein paar Erörterungen in den Waffenmedien gelesen haben), außer dem Umstand, daß man sich damit trainingsmäßig auf Waffen festlegt, die – wie die meisten moderneren Pistolen heute – den entsprechend eckig ausgeführten Abzugsbügel haben. Wenn man in einer Krisensituation statt mit der gewohnten eigenen Waffe mit einer mit rundem Abzugsbügel schießen müßte (ältere Pistolenmodelle und alle Revolver), hätte man ein Umstellungsproblem. Ich kann mich noch erinnern, daß ich in der Zeit, wo ich mir die Finger-vorn-Haltung wieder abgewöhnen wollte, noch eine Weile immer wieder gewohnheitsmäßig so zugreifen wollte.

    Das Tea-Cupping ist allerdings völlig überholt, wie auch das Auflegen des Handgelenks der Schießhand auf das darunter gekreuzte andere Handgelenk, wie es die „Drei Engel für Charlie“ seinerzeit praktiziert haben. Ergänzend zum beidhändigen Standardanschlag habe ich aber für mich den Wert des zusätzlich zu trainierenden Einhandschießens auch für Verteidigungssituationen wiederentdeckt, angeregt durch Andrea Michelis Buch „Die Pistole im Feuerkampf“. Wenn man nämlich beschossen wird, ist es wichtig, in Deckung zu laufen, was meist mehr oder weniger quer zur Richtung des Beschusses erfolgen wird. Um währenddessen quer zur Laufrichtung zurückzuschießen, müßte man beidhändig entweder eine sehr ungünstige Anschlagshaltung einnehmen oder in verdrehter Körperhaltung mit überkreuzenden Schritten laufen, was die Stolpergefahr erhöhen wird. Einhändig kann man die Waffe dagegen gut vom Körper weggestreckt anschlagen. Ein Vergleich macht sicher!

    branfendigaidd:

    Hallo Deep Roots und besten Dank für die hilfreiche Antwort. Ich habe eigentlich immer mit dem Zeigefinger der linken Hand in Laufrichtung geschossen und mir dann irgendwann diesen satten Griff angewöhnt. Einen Vergleich der Schussbilder habe ich nie angestellt.

    Nachdem ich nun Deine Erörterungen gelesen habe, habe ich mal einige Serien mit den verschiedenen Griffen geschossen und dann verglichen. Tatsächlich gibt es mit dem vermeintlich satten Griff mehr Abweichungen gegen Links (bzw. auf der rechten „Körperseite“ des Ziels). Der linke Finger zieht den Lauf tatsächlich leicht nach links und zwar genau aus den von Dir erwähnten Gründen.
    Deine Antwort war also sehr erhellend und ich werde meine Schusshaltung nun wieder umstellen.

    Die Anregung mit dem einhändigen Schiessen finde ich ebenfalls interessant. Aus dem Combat-Schiessen ist man es sich ja mittlerweile ja so gewöhnt, beidhändig zu halten und zu schiessen, dass man sich hier in falscher Sicherheit wiegt. Ich werde in Zukunft auch wieder vermehrt einhändig schiessen und denke, dass die Faustregel Stoppschüsse in stabilem Weaver-Stand nach dem Prinzip „shoot til drop“ und einhändiges Bewegungsschiessen bei Gegenfeuer recht pragmatisch ist.

    Was mir dazu nachträglich noch eingefallen ist: Wenn man zwei oder mehr Faustfeuerwaffen besitzt, von denen mindestens eine einen runden Abzugsbügel hat (z. B. eine moderne Pistole mit eckigem Bügel und einen Revolver mit rundem), dann hätte man das Umstellungsproblem jedes Mal, wenn man von einer Waffe zur anderen wechselt.

    Antwort
  2. Hallo Lucifex. Na, das freut mich, dass Du unsere Konversationen noch so frisch hältst. Ich kann übrigens im Nachgang bestätigen, dass das Schussbild bei konsequentem Verhalten nach Deinen Ratschlägen gleichmässiger und akkurater ist.
    Da ich hin und wieder auch mit einer Ruger 357. Speedsix schiesse, ist mir ebenfalls aufgefallen, dass die Zeigefinger-am-Abzugsbügel-Nummer eine ziemliche Pleite ist. Vor allem bei einer Waffe, die eine derartige Energie freisetzt, ist ein gescheiter Halt bzw. eine ordentliche Laufausrichtung kaum mehr möglich.

    Antwort
  3. Schön, daß meine Ratschläge für Dich von Nutzen waren, branfendigaidd (woraus man auch ableiten kann, daß sie das auch für andere Leser sind, vor allem in Verbindung mit Deiner bestätigenden Rückmeldung hier).

    Ich glaube, diese Nichteignung der Schießhaltung mit dem linken Finger vorn an einem runden Abzugsbügel, wie von Dir mit dem Ruger Speed Six erlebt, dürfte neben dem Verzugsproblem ein Grund für mich gewesen sein, mir diese Haltung wieder abzugewöhnen, weil ich damals bereits vorhatte, mir neben der Pistole auch einen Revolver anzuschaffen.

    Diesen Gehörschützerbeitrag habe ich jetzt hier nachveröffentlicht, weil ich in der näheren Zukunft nach und nach alle meine Donnerstock-Artikel (elf an der Zahl) ebenfalls auf „Morgenwacht“ zu bringen beabsichtige, und da möchte ich immer auf die Wichtigkeit des Gehörschutzes verweisen können.
    Irgendwo habe ich kürzlich auch wieder gelesen, daß Ohrenstöpsel (die ich wegen ihrer Neigung zum Herausfallen ohnehin nicht mag) weniger Schutz bieten als Kapselgehörschützer, weil sie nur die Gehörgänge verschließen, während der Schußknall aber zum Teil auch als Körperschall über die Schädelknochensubstanz ans Innenohr weitergeleitet wird, was die „Mickymausohren“ mit ihren Muscheln durch das Abdecken der Ohrumgebung vermindern. Ganz abgesehen von den Vorteilen, die „hörende“ elektronische Gehörschützer zusätzlich bieten.

    Nachtrag: Zwei der oben erwähnten „Donnerstock-Artikel“ habe ich inzwischen bereits hier nachveröffentlicht, nämlich meine beiden Flintenratgeber

    Teilchenbeschleuniger 1

    und

    Teilchenbeschleuniger 2: Verteidigung mit Kipplauf-Flinten

    Antwort
    • Gegen die Schießhaltung mit dem Zeigefinger der Unterstützungshand vorne am Abzugsbügel spricht sich auch Dipl.-Ing. Manfred Ertl in seinem Artikel Waffenhaltung und Abzugstechnik im gebrauchsmäßigen Schießen aus:

      Folgt man dieser Argumentation, wird klar, warum bei einer zweckmäßigen Waffenhaltung die linke Hand die rechte von vorn umfaßt und leicht nach hinten zieht, während die rechte Hand entspannter ist und ihre Kraft diesem Zug entgegensetzt.

      Ein häufiger Fehler liegt dabei darin, daß sich der Zeigefinger der linken Hand vorn über den Abzugsbügel legt. Von wenigen Ausnahmen bezüglich der Handgröße und Waffenform abgesehen, handelt man sich dadurch nur Nachteile ein. Zum einen besteht dabei immer die Gefahr, daß man über den so abgestützten Zeigefinger beim Abziehen eine Kraft auf die Waffe ausübt, welche die Mündung aus der Zielrichtung schiebt. Zum anderen schwächt man dadurch den Einfluß der linken Hand auf die Rückstoßkontrolle. Warum viele Pistolenhersteller durch eine besondere Gestaltung des Abzugsbügels gerade zu dieser ungünstigen Waffenhaltung verführen, bleibt fraglich. Vielleicht überwiegen hier optische vor funktionalen Gesichtspunkten.

      Antwort
  4. lupus

     /  November 11, 2017

    Das Knallen der Abschüsse sollte man tatsächlich beim Erwerb schon bedacht haben. Wozu braucht man eigentlich die großen Kaliber? Die Glock macht schön Bumm und der 357er reißt einem wirklich die Hand hoch, aber das ist doch eher was für den Spaß auf dem Schießstand…
    Im Haus selbst ist wohl zur Verteidigung das gute alte Kleinkaliber .22 sehr geeignet. Davon wird man kaum taub und die Distancen sind auch nicht so, dass die Schussenergie durch Entfernung reduziert wird. Klar, ein Aktivschützer für die Ohren ist super, aber ich bezweifele, dass der redliche Verteidiger im Ernstfall so sortiert ist, dass er ihn verwenden kann. Insofern ist KK eine Variante, die man meiner Meinung nach ernsthaft in Erwägung ziehen sollte.

    Antwort
  5. Die großen Kaliber nimmt man nicht nur wegen des Spaßfaktors auf dem Schießstand, sondern man braucht sie vor allem auch, um eine einigermaßen ausreichende Stoppwirkung zu haben.

    Der Geschoßenergieverlust durch die Entfernung spielt auf normale Kurzwaffendistanzen auch im Freien keine wesentliche Rolle, wohingegen es gerade bei den geringen Kampfentfernungen in Wohnungen auf eine möglichst rasche Wirkung ankommt, damit ein Eindringling nicht trotz eines Treffers noch schnell heranspringen und den Verteidiger erstechen kann, eher er selber aufgrund der Trefferwirkung umkippt. Und hierfür ist sogar die 9 Para eher an der Untergrenze des Ausreichenden.

    Man denke nur an diesen Fall in Amerika vor ein paar Jahren, von dem ein Video im Internet verbreitet wurde und wo ein weißer Polizist einem Neger, mit dem er im Zuge einer Verkehrskontrolle aneinandergeraten war, achtmal hinterhergeschossen und ihn fünfmal getroffen hat. Erst beim fünften Treffer hat der Neger eine sichtbare Reaktion gezeigt, sich an die Nierengegend gegriffen, ist nach links auf den Rasen abgebogen und nach ein paar weiteren Schritten zusammengebrochen.

    Wie schnell ein Messerangreifer einen Verteidiger aus sieben Metern Entfernung erreichen kann, wird aus diesen beiden „MythBusters“-Videos ersichtlich, die in Verteidigung: Bloß ein Messer, oder? eingebettet sind:

    Sicher, Adam Savage hat dabei in der Ausgangssituation die Pistole noch im Holster und schafft es deshalb nicht immer, Jamie Hyneman zu treffen, ehe dieser ihn mit dem Simulationsmesser erreicht. Wenn man die Pistole schon von Anfang an in der Hand hat, tut man sich leichter, aber andererseits werden die Entfernungen zum Gegner in Wohnräumen meist noch unter sieben Metern liegen, und man kann selbst bei 9-mm-Kalibern nicht mit einer so blitzartigen Ausschaltung des Gegners rechnen, daß dieser einem nicht trotzdem noch das Messer reinstechen kann, wenn man ihn erst in zwei Schritten Distanz trifft.

    In diesem Artikel wird auch ein tödlicher Zwischenfall mit einem afrikanischen „Flüchtling“ im Jahr 1989 geschildert:

    Wie brandgefährlich Messer sein können, zeigt der Polizistenmord in Stuttgart-Gaisburg auf der Gaisburger Brücke: Am 8. August 1989 kontrollierten Schaffner in der Straßenbahn Frédéric Otomo. Er konnte keinen Fahrschein vorweisen, schlug einem Schaffner mehrere Zähne aus und flüchtete. Kurze Zeit später stellten zwei Streifenwagen Otomo auf der Gaisburger Brücke. Fünf Beamte versuchten, Otomo festzunehmen, als dieser nach einem versuchten Fluchtversuch mit einer aufgerollten Zeitung zustieß. Darin verborgen war ein Bajonett, das Otomo bei sich trug. Innerhalb von wenigen Sekunden wurden drei Polizisten verletzt, ein Beamter erhielt dabei einen Stich in die Lunge, konnte selber aber dennoch auf Otomo schießen. Trotz des Treffers gelang es Otomo, einem weiteren Polizisten direkt ins Herz zu stechen, bevor ein ebenfalls verletzter Beamter drei Schüsse auf Otomo abgeben konnte und ihn schließlich tötete. Ein Polizist starb noch am Tatort, sein Kollege eine Stunde später im Krankenhaus, zwei weitere wurden schwer verletzt.

    Eine Kleinkaliberwaffe ist zwar besser als nichts, wenn man nur diese hat (z. B. weil man sich auf das Sportschießen mit .22 lfb spezialisiert und eine zusätzliche Großkaliberwaffe entweder nicht bewilligt bekommen hat oder sie sich nicht leisten kann bzw. will). Aber sich für die Heimverteidigung bewußt auf Kleinkaliber zu beschränken, um sich das Gehörschützeraufsetzen ersparen zu können, halte ich nicht für sinnvoll. Besser ist es, eine Großkaliberwaffe und einen Gehörschutz bereitzulegen, und falls der Eindringling im Ernstfall doch schon so nahe ist, daß man nicht mehr rechtzeitig zum Aufsetzen kommt, nun, dann muß man eben notgedrungen ohne schießen. Mit einer Flinte ist das aber nicht ratsam, denn da befürchte ich wirklich einen bleibenden Gehörschaden. Ausprobieren würde ich’s nicht wollen.

    Antwort
  6. lupus: Im Haus würde ich meine kurzläufige Pumpflinte mit grobem Schrot verwenden. 9mm ist mir da zu unsicher und KK ist viel zu riskant. Wenn einer in meinem Haus ist, dann will ich, dass die Situation so schnell wie möglich neutralisiert und bereinigt ist. Sowas erreicht man aus den von Lucifex beschriebenen Gründen unmöglich mit KK und höchst selten mit 9mm.
    Die .357 würde sicher auch ausreichen, aber die erfordert mehr Zielnahme als die Pumpflinte.
    Zu den Ohrschützern übrigens noch die Anmerkung, dass relativ viele Einsatzkräfte, die in geschlossenen Räumen Feuer eröffnen mussten ohne Ohrschutz, keine Schädigungen am Gehör erlitten und auch über keinen erhöhten Stress wegen des Gehörs berichteten. Es scheint bei einem gewissen Anteil der Menschen einen durch Stress und Adrenalin bewirkten Effekt zu geben, dass das Gehör in solch einer Situation quasi runterfährt.
    Ein interessantes Buch zu diesem Thema ist „On combat“ von Lt. Col. David Grossman und Loren Christensen, die über solche Themen aufgrund eines grossen Erfahrungsschatzes schreiben.

    Antwort
  7. Irgendwo habe ich auch einmal gelesen, daß Einsatzkräfte den Schußknall im Kampfstreß nicht als so belastend wahrnehmen, sondern eher den Mündungsblitz bei schlechten Lichtverhältnissen als störend empfinden. Dabei ist aber zu bedenken, daß polizeiliche Einsatzkräfte meist mit 9 Para oder anderen Kalibern in dieser Klasse schießen, die zwar auch einen ordentlichen Knall machen, aber noch keinen bleibenden Gehörschaden verursachen.

    Das kann ich selber bezeugen, denn wie ich schon damals auf AdS in einem Kommentar zu diesem Artikel geschrieben habe, ist mir selber in meiner Frühzeit als Schütze meine Pistole durch Unachtsamkeit im Zimmer losgegangen (ich hatte sie zu dieser Zeit immer durchgeladen im Waffenschrank aufbewahrt, was in Österreich legal ist, obwohl die Bullen meistens etwas anderes glauben, weil für ihre Dienstwaffen eine von der Munition getrennte Aufbewahrung vorgeschrieben ist). Der Schuß ist damals neben meinem Fuß in den Boden gegangen, und von dem Knall haben mir zwar ordentlich die Ohren geklingelt, aber es ist kein merklicher Gehörschaden zurückgeblieben. Wie stark die vorübergehende Gehörbeeinträchtigung war und wie lang sie gedauert hat, weiß ich nicht mehr; es ist ja schon viele Jahre her, und vielleicht habe ich auch im Schreck und aufgrund der Erleichterung, daß nichts passiert ist, nicht so sehr darauf geachtet.

    Stärkere Kaliber wie .357 Magnum sind da schon eine andere Sache, zumal bei Revolvern auch der aus dem Trommelspalt schießende Gasschlag zum Schußknall beiträgt. Zu dieser Sache mit dem Trommelspalt gibt es übrigens dieses interessante Mythbusters-Video „Handgun Horror“, wo es allerdings um einen Revolver in einem Kaliber jenseits von .44 Magnum geht (ich vermute, .454 Casull, nachdem Jamie Hyneman Sorge gehabt hatte, daß ihm das Ding trotz der Kompensatorbohrungen im Lauf an den Kopf schlagen könnte):

    Ich hatte einmal auf einem Schießstand im Freien einen Schuß mit meinem .357er ohne Gehörschutz abgefeuert, aber danach sofort wieder den Schutz aufgesetzt, denn der Knall war schmerzhaft heftig (wohl auch wegen der Überkopfblende vor mir, von der ein Teil des Knalls reflektiert wurde). In einem geschlossenen Raum muß das noch ärger sein, erst recht, wenn dickere Kaliber oder gar Flinten verwendet werden. Wie gesagt, mit letzteren würde ich es nicht ausprobieren wollen, außer im Notfall, wenn es gar nicht anders geht. Bei den erwähnten Erfahrungen von Einsatzkräften ist auch unklar, wie weit sie das Knallen nur nicht als übermäßig belastend empfanden und wie weit tatsächlich eine Schädigung des Gehörs ausgeblieben oder eingetreten ist. Auf die mechanische Belastbarkeit von Trommelfellen, Gehörknöchelchen und Sinneshärchen im Innenohr kann Adrenalin ja keine besondere Wirkung haben, und auch wenn es da einen winzigen Muskel geben soll, der die Gehörgänge bei Lärmbelastung verengt, so kann dieser doch bei Impulslärm nicht schnell genug reagieren.

    Übrigens ist auch Kleinkaliber nicht ganz ohne: ich hatte einmal im Schießkeller fünf Schuß mit einem .22er-Gewehr ohne Gehörschutz abgefeuert, und obwohl mir das Knallen erträglich erschienen war, hatte ich unmittelbar danach beim Sprechen dieses seltsam „pamstlige“ Gefühl in den Gehörgängen, als ob jedes Wort mit einem „bzzzsssst“ unterlegt sei. Dabei ist dieser Schießkeller viel größer als die meisten Räume in einer Wohnung, und Pistolen sind wegen der kürzeren Läufe noch lauter.

    Noch eine Leseempfehlung: Verteidigungsschießen: Konfrontationen auf extrem kurze Entfernungen von Dipl. Ing. Manfred Ertl

    Antwort
  8. Im Zusammenhang mit der gesetzlichen Situation in Österreich bezüglich der Aufbewahrung von Waffen und Munition in Privathaushalten, die entgegen dem Glauben vieler Polizisten nicht getrennt erfolgen muß, habe ich seinerzeit auf „As der Schwerter“ einen Artikel aus der IWÖ-Zeitschrift nachveröffentlicht, den ich jetzt hier wiedergebe:

    Weiß es die Polizei wirklich nicht besser?

    Von Prof. DI Mag. Andreas O. Rippel, aus Heft 1/2012 der „IWÖ-Nachrichten“, einer Zeitschrift der „Interessengemeinschaft liberales Waffenrecht in Österreich“ (IWÖ).

    Daß legale Waffen von manchen Polizisten in Privathaushalten abgelehnt werden, ist nichts Neues. Immer wieder hört man aus Polizeikreisen, daß privater Waffenbesitz nichts bringen würde, das Opfer würde sich nur selbst in Gefahr bringen. Der Täter würde dem Opfer die Waffen entreißen und gegen das Opfer einsetzen. Diese Sprüche hört man fast gebetsmühlenartig, warum dann aber die Polizei mit Waffen ausgerüstet ist, wird bereits nicht mehr erklärt.

    Den „Vogel abgeschossen“ hat in dieser Anti-Waffenkampagne der Polizei nun der Präventivbeamte am Landeskriminalamt Oberösterreich Ewald Kronawitter. Nach der OÖ Krone vom 24.01.2012 warnt Kronawitter: „Man bringt sich mit einer Schußwaffe im Haus nur selbst in Gefahr.“ Das ist nichts Neues, solche Aussagen kennen wir zur Genüge.

    Es kommt aber noch viel besser: „Denn wer seine Waffe gesetzeskonform verwahrt, der muß sie ohnehin getrennt von der Munition versperrt aufbewahren, berichtet die OÖ Krone nach einem Interview mit Kronawitter.

    Kronawitter: „Dann müßten Opfer – überspitzt formuliert – dem Einbrecher schon sagen, er soll sich bitte etwas gedulden, man müsse erst die Waffe holen und laden“, erklärt der Polizist (OÖ Krone 24.01.2012).

    Interessant, nicht? Woher hat der Herr Präventivbeamte diese Weisheiten? Aus dem Studium des Waffengesetzes? Wohl nicht, denn da steht derartiges nicht einmal ansatzweise drinnen. Aus dem Studium der verschiedenen Waffengesetz-Durchführungsverordnungen? Wohl auch nicht, weil da steht so etwas ebenfalls nicht drinnen. Hat vielleicht die Waffengesetznovelle 2010 eine derartige Verschärfung gebracht? Nein, auch nicht. Auch in die Waffengesetznovelle 2010 wurde eine derartige – wohl auch völlig unsinnige und sinnlose Bestimmung – nicht aufgenommen.

    Um es kurz zu machen: Ich weiß nicht, woher Kronawitter diese Behauptung her hat. Diese Behauptung ist einfach juristischer Unfug. Es gibt keine Bestimmung in Österreich, wonach Waffen von Munition getrennt zu verwahren sind. Waffen und Munition sind einfach sicher zu verwahren, wird eine sichere Verwahrung gewährleistet, dann ist es völlig irrelevant, ob Waffen und Munition getrennt oder gemeinsam verwahrt werden, oder ob die Waffe geladen ist oder nicht.

    Warum behauptet ein hochrangiger Polizeibeamter, ein Präventivbeamter am Landeskriminalamt Derartiges? Auch das kann ich Ihnen leider nicht beantworten. Ich weiß es einfach nicht, woher dieser rechtliche Unsinn genommen wird. Vermuten darf man aber schon, der Herr Polizeibeamte wird wahrscheinlich ein Gegner von legalen Waffen in Privathaushalten sein und da es (auch durch viel Arbeit der IWÖ) bis dato zu verhindern gewesen ist, daß das Bundesgesetz, mit dem der private Besitz von Waffen verboten wird, vom Parlament beschlossen wird, versucht man dem Bürger einen Waffenbesitz einfach mit irgendwelchen Aussagen, seien sie auch völlig falsch, auszureden.

    Es muß sich aber jeder selbst überlegen, ob er es wegen der gesetzeskonformen Aufbewahrung seiner Waffe in geladenem Zustand auf Diskussionen mit kontrollierenden Polizisten, die etwas anderes glauben, ankommen lassen will (mit dem Risiko, daß die Waffe „vorläufig“ bis zur gerichtlichen Klärung beschlagnahmt wird) – oder ob er sicherheitshalber immer in der Zeit, wo wieder mit der Verwahrungskontrolle zu rechnen ist, Waffe und Munition getrennt aufbewahrt, bis die Bullen dagewesen sind.

    Antwort
  9. Im VISIER-Special 22 „Verteidigung mit der Kurzwaffe“ ist ab Seite 82 ein Artikel mit dem Titel „Nur Treffer zählen“ enthalten, aus dem ich nachfolgend Auszüge wiedergebe, die für das hier erörterte Thema „Mannstoppwirkung im Nahbereich“ am relevantesten sind:

    Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Amerikas Handfeuerwaffenspezialisten mit der Frage nach der idealen Munition für die Selbstverteidigungs-Kurzwaffe. Zu einer Entscheidung sind sie allerdings bis heute nicht gelangt. Das überrascht kaum, denn die Universalpatrone, die für jeden Schützen geeignet ist und die jeden Angreifer aus den Pantinen reißt, gibt es nicht.

    Nein, Mister Magnum, auch Ihre .500 Linebaugh-Speziallaborierung mit der bei Vollmond gegossenen Freikugel kann das nicht schaffen. Sie mag ja ungeahnte Energiereserven freisetzen, aber damit erfüllt sie maximal eine der Anforderungen an eine gute Patrone zur Selbstverteidigung – und leider nicht einmal die wichtigste. Denn Geschoßenergie ist nicht der allein seligmachende Faktor. – Sonst könnten wir hier aufhören, die .454 Casull empfehlen und zur Wahl des richtigen Holsters übergehen. Man sollte sich lieber schnell vom Blick in die Geschoßenergie-Spalte im Frankonia-Katalog frei machen, wenn es um die Entscheidung für das richtige Kaliber geht.

    Denn wenn der Jahrzehnte dauernde Gelehrtenstreit in den USA eines gezeigt hat, dann das: Mannstoppwirkung aus Faustfeuerwaffen ist eine Illusion. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kam dann auch die Studie von Evan Marshall und Ed Sanow, „Handgun Stopping Power“. In ihrem Buch hatten die Autoren zahlreiche Schußwaffenzwischenfälle analysiert und die dabei verwendeten Laborierungen im Gelatinebeschuß gegengecheckt, um hinter eine Gesetzmäßigkeit für die ideale Verteidigungspatrone zu kommen. Aber wenn man ihnen auch soweit nicht folgen sollte, so kommen Sanow und Marshall doch letztlich zu den allgemeingültigen Schlüssen: Je größer der Durchmesser des Geschosses und der damit gerissene Wundkanal, desto wahrscheinlicher wird ein wichtiges Organ oder ein Blutgefäß getroffen. Und je größer die Gewebezerstörung und damit der Blutverlust, umso schneller treten Bewußtlosigkeit und Kampfunfähigkeit ein. Die dritte wichtige Regel: Bestimmte Trefferzonen machen eine nachhaltige Wirkung wahrscheinlicher, da sich hier lebenswichtige Organe konzentrieren – mehr allerdings auch nicht.

    „Hohlspitzgeschosse vergrößern durch ihre Expansion lediglich die Wahrscheinlichkeit, daß etwas Lebenswichtiges beschädigt wird, aber sie verwandeln die 9 mm Para nicht in einen Todesstrahl“, wie Evan Marshall klarstellt. Für ihn ist die „Geschoßplazierung der Schlüssel zur Stopping Power“. Mit anderen Worten: Geschoßdurchmesser und Geschoßplazierung sind wichtig, rechnerische Energie kaum. Und eine Garantie gibt es nicht.

    Das gilt auch für die .40 S&W mit Hohlspitzgeschoß. Hierzu ein Beispiel aus Amerikas Verbrechensgeschichte: Zwei Drogendealer treffen kampfbereit aufeinander. Der eine trägt eine Schrotflinte, der andere eine Glock 22 in .40 S&W. Beide verständigen sich darauf, die Waffen wegzulegen. Als der Flintenmann seine Waffe zur Seite stellt, schießt der andere ihm ein 180 grains schweres Federal Hollow-Point in den Körper. Der Beschossene hat aber immer noch Zeit, eine verborgene .45er Pistole zu ziehen und seinerseits den Angreifer niederzuschießen. Den .40er-Treffer überlebt er.

    Bei Hohlspitzgeschossen ist auch zu bedenken, daß deren Hohlspitze sich mit Material der durchschossenen Kleidungsschichten verstopfen kann, mit der Folge, daß die Aufpilzung dann vermindert oder gar nicht stattfindet. Nächster Ausschnitt:

    Für wen die Wahl auf Teilmantel-Geschosse fällt, der sollte sich allerdings keinen Illusionen über deren Deformationsfähigkeit aus Faustfeuerwaffen hingeben: Selbst .44- oder .357-Magnum-TM gehen aus den üblichen zwei- bis vierzölligen Verteidigungsrevolvern kaum auf, solange kein Knochen getroffen wird. Bedeutende Geschoßdurchmesser-Zuwächse sind nicht zu erwarten. Ein weit wichtigerer Vorteil dieser Geschosse: Sie weisen eine geringere Durchschlagsfähigkeit auf als vergleichbare VM-Projektile. Hierdurch nehmen die Umfeldgefährdung und die Wahrscheinlichkeit von Querschlägern etwas ab. Und diese Gefahr ist angesichts der zahlreichen Durchschüsse bei Polizeieinsätzen mit der VM-Munition und der noch größeren Zahl von Fehlschüssen kaum zu unterschätzen. US-Polizeistatistiken gehen beispielsweise von einer Fehlschußquote von 70 % aus – deutsche schweigen…

    Zu Knochentreffern, die für eine deutliche Verformung von Teilmantelgeschossen notwendig sind, kann es bei Brustkorbtreffern mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 40 -50 % kommen, denn die Lücken zwischen den Rippen sind nicht viel breiter als die Rippen selbst, sodaß etwa jeder zweite Schuß eine Rippe treffen oder streifen wird. Neben der Verformung kann ein versetzter Rippentreffer auch dazu führen, daß das Geschoß sich querstellt und dadurch ebenfalls einen größeren Wundkanal reißt. Weiter aus dem VISIER-Artikel:

    Gegen echte Hammerladungen aus kurzläufigen Waffen sprechen sich amerikanische Polizeiexperten noch aus einem anderen Grund aus: Starkes Mündungsfeuer blendet bei Dunkelheit, und der scharfe Knall raubt vorübergehend die Hörfähigkeit – auch das ein taktischer Nachteil. Auf maximale Scheiben-Präzision kommt es dagegen nicht an, da die Verteidigungsentfernung fast immer weit unter sieben Metern liegt. Ebenso unwichtig ist in den allermeisten Fällen die Feuerkraft – eine Revolvertrommel sollte bei den statistisch errechneten zwei bis drei Schuß pro Feuergefecht reichen.

    [….]

    Als absolutes Minimum für Selbstschutzzwecke gelten heute die Neun-Millimeter-Kaliber „Kurz“ [9 x 17 mm], „Ultra“ [9 x 18 mm] und „Makarow“, bei Revolvern die .38 Special. Von den .38er Bleigeschossen kursieren Geschichten, wobei sie die Stirn des Beschossenen nicht durchschlagen konnten und nur eine Furche im Schädel und schreckliche Kopfschmerzen verursachten (etwa bei der Festnahme Heißlers). Als einzige Ausnahme von der Neun-Millimeter-Grenze gilt die .22 l.r., deren Bleigeschoß eine erheblich über ihrer Nennleistung liegende Verwundungswirkung besitzt. Auch hat sie den Vorteil eines kaum wahrnehmbaren Rückstoßes, was schnellste und vor allem zielsichere Doubletten gestattet. Israelische Flugbegleiter setzten sie wegen der schwachen Durchschlagskraft gegen Luftpiraten auch schon während des Fluges ein. Die 7,65 mm Browning und die kleine Schwester 6,35 Br. gehören dagegen zu den nicht empfehlenswerten Kalibern. Zu viele Fälle wurden bekannt, in denen die unmittelbare Wirkung komplett ausblieb. In Amerika erlebt die 7,65 mm zur Zeit ein Revival, da sie durch Deformationsmunition in ihrer Wirkung stark zulegen konnte.

    „Deformationsmunition“ ist auch ein wichtiges Stichwort im Zusammenhang mit der 9 mm Makarow, da man in diesem Kaliber zumindest bei uns kaum etwas anderes als Vollmantelpatronen bekommt. In 9 mm kurz gibt es seit einiger Zeit sogar die starke Critical Defense von Hornady mit 90 grs (5,8 g) schwerem FTX-Hohlspitzgeschoß, in dessen Hohlspitze eine Kugel aus weichem rotem Kunststoff sitzt, die ein Verstopfen mit Kleidungsmaterial verhindert und mit ihrer Verformung das Aufpilzen unterstützt. Davon kostet aber eine 25er-Packung über 30 Euro…

    Antwort
    • Wenn bei Hohlspitzgeschossen, und so etwas ist mir neu, durchgeschlagene normale Bekleidung das Aufpilzen ganz oder nahezu völlig verhindern kann, dann könnte man das Löchlein auch gleich vorher imprägnieren. Die Pferderasse ist dabei ziemlich egal …

      Antwort
  10. Hier bringe ich zur Unterhaltung und Information noch zwei Mythbusters-Videos, das erste über Beschußversuche verschiedener Materialien hinsichtlich ihrer Schutzwirkung, das zweite über Munition mit selbstgefertigten Geschossen aus Zahn- oder Knochenmaterial (laßt euch beim zweiten nicht durch den Titel täuschen: da werden immer abwechselnd die Versuche von Adam und Jamie bezüglich des möglichst effizienten Besteigens von Verkehrsflugzeugen und die ballistischen Experimente von Tory Belleci, Kari Byron und Grant Imahara gezeigt):

    Antwort
  11. Bei der Durchsicht alter Zeitschriften bin ich in VISIER 6-1988 auf einen Infokasten über Gehörschäden durch Knalltrauma („Knochenbrüche im Ohr“) gestoßen, den ich jetzt als Scan an den obigen Artikel angehängt habe.

    Antwort
  12. In demselben VISIER-Heft ist auch dieser Kurzbeitrag über das amerikanische Städtchen Kennesaw enthalten, wo Anfang der 1980er eine Waffenpflicht eingeführt wurde:

    Stadt unter Waffen

    Der kleine Ort Kennesaw vor den Toren Atlantas ist weit über die Grenzen des amerikanischen Bundesstaats Georgia bekannt. Schuld daran sind die Stadtväter von Morton Grove, Illinois, einige Bundesstaaten weiter nördlich. Sie hatten 1981 in ihrer Stadt jeglichen Waffenbesitz verboten, um die Kriminalitäts-Quote zu senken.

    Darvin Purdy, Bürgermeister von Kennesaw, sah daraufhin rot und bezeichnete das Verbot als flagranten Verstoß gegen das in der US-Verfassung verbriefte Recht auf freien Waffenbesitz. Er ordnete also an: Jeder Haushalt von Kennesaw muß mindestens eine gebrauchsfähige Schußwaffe nebst Munition besitzen. Wer gegen dieses Stadt-Gesetz verstößt, riskiert eine Geldstrafe von 200 Dollar und in schweren Fällen sogar eine Gefängnisstrafe bis zu vier Jahren.

    Trotz dieser Strafandrohungen stimmte ein Bürger gegen das Purdy-Gesetz und mußte sich deshalb von der Lokalzeitung „Atlanta News“ vorwerfen lassen, aus purer Publicity-Sucht gehandelt zu haben. Der Polizeichef von Kennesaw dagegen, Dwaine Wilson, steht hinter Purdys Verordnung: „Vor 1982 gab es hier eine Serie schwerer Raubüberfälle und zwei Vergewaltigungen. Seit das Gesetz gilt, ist hier nichts mehr vorgefallen – sogar die Zahl der Einbrüche ist drastisch zurückgegangen.“ Klar: Welcher Einbrecher läßt sich gern von einem bis an die Zähne bewaffneten Familienvater empfangen?

    Noch einer zeigt sich zufrieden mit Purdys Waffen-Pflicht: der Inhaber des einzigen Waffengeschäfts in Kennesaw, „Wildman“ Dent Myers. Der Bürgerkriegsfan, der sich allen Ernstes für den wiedergeborenen Bürgerkriegs-General „Stonewall“ Jackson hält, hat seit Purdys Erlaß zwar nicht mehr Waffen als vorher verkauft, weiß dafür aber, daß „45er und 357er Magnum-Revolver die Lieblingswaffen der Bürger von Kennesaw sind.“ Die Vorliebe der Männer für große Kaliber teilen übrigens auch die Frauen des Orts. Inzwischen zieht es immer mehr Auswärtige in das Provinznest: Das Waffenpflicht-Gesetz scheint ihnen so attraktiv, daß sie dafür den Umzug aus der Großstadt in das Dorf mit einer Kirche und drei Kneipen in Kauf nehmen. Einheimische wie Dent Myers sehen solchen Zuzug eher skeptisch: „Darunter sind auch zu viele Yankees, die nur nach Kennesaw kommen, weil wir das hier so liberal handhaben.“

    Den Ernstfall können die bewaffneten Bürger von Kennesaw auf dem Schießstand der örtlichen Polizei proben, die Schieß-Kurse veranstaltet. „Wir sagen ihnen“, meint Polizeichef Wilson, „wenn Sie fürchten, daß jemand Sie verletzen könnte, ziehen Sie den Abzug und vertrauen Sie im übrigen auf die zwölf Geschworenen.“ Daß das Waffengesetz von Kennesaw auf Kriminelle eine abschreckende Wirkung hat, geben mittlerweile selbst Purdy-Kritiker zu. Die Kriminalstatistik der letzten fünf Jahre, vom FBI 1986 veröffentlicht, beweist, daß die Kriminalität um 71 Prozent zurückgegangen ist.

    Im deutschen Wiki-Artikel über Kennesaw wird das am 1. Mai 1982 beschlossene Waffenpflichtgesetz erwähnt; dabei steht auch, daß das Ignorieren der Waffenpflicht nicht [mehr] unter Strafe steht. Im Abschnitt Kriminalität steht:

    Die Kriminalitätsrate lag im Jahr 2010 mit 93 Punkten (US-Durchschnitt: 266 Punkte) im niedrigen Bereich. Es gab 2 Vergewaltigungen, 5 Raubüberfälle, 13 Körperverletzungen, 110 Einbrüche, 394 Diebstähle und 22 Autodiebstähle.

    Für heutige Verhältnisse und eingedenk der Nähe der vernegerten Großstadt Atlanta ist das wirklich relativ wenig. Interessanterweise wird der Name Kennesaw auf den Cherokee-Ausdruck Gah-nee-sah zurückgeführt, der Friedhof oder Gräberfeld bedeutet. Verbrechergräber, könnte man dabei denken.

    Im Abschnitt Gun Law des englischen Wiki-Artikels über Kennesaw ist das „einzigartige“ Waffenpflichtgesetz in seinen zwei Absätzen wiedergegeben; dort steht auch, daß von der Waffenpflicht diejenigen Haushaltsvorstände ausgenommen sind, die entweder aufgrund körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung an der sicheren Handhabung einer Feuerwaffe gehindert werden, sowie solche, die entweder zu arm sind oder aus Gewissensgründen keine Waffe im Haus haben wollen, und natürlich auch verurteilte Straftäter.

    Wenn man von der Einstellung der Polizei von Kennesaw zur bewaffneten Selbstverteidigung der Bürger liest, könnte einen der Neid fressen. So geht’s also auch, ganz im Gegensatz zu dem, was R. Houck in Law Enforcement & The Hostile Elite über die traurige und schändliche allgemeine Realität der Polizeikräfte in (((Amerika))) und im Großteil des restlichen (((Westens))) schreibt.

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