Hans Breuer, der jüdische Wanderschäfer und „Flüchtlings“-Schmuggler

Der „österreichische“ Wanderschäfer Hans Breuer.

Von Patrick Kingsley, übersetzt von Deep Roots alias Lucifex. Das Original Austrian shepherd who drives refugees across border to safety erschien am 20. September 2015 in The Guardian. (Titelbild ganz oben vom Übersetzer eingefügt; die beiden Bilder im Guardian-Artikel sind inzwischen von einem Dateityp, den WordPress nicht übernimmt, und das im Original verlinkte erste Video, wo Hans Breuer mit einer Gruppe syrischer Palästinenser jiddische Volkslieder singt, ist inzwischen nicht mehr verfügbar.)

 

Hans Breuer unter Dutzenden von Menschen, die heimlich Hunderte von Flüchtlingen durch Ungarn nach Österreich gebracht haben.

Während er durch die Dunkelheit raste, eine Meile nördlich von Ungarns Grenze zu Serbien, kämpfte Hans Breuer mit seinem Satellitennavigationssystem. In makellosem Deutsch beharrte das Satnav darauf, daß er nach Westen fahren solle, entlang der direktesten Route zu seiner Heimat in Österreich. Aber Breuer hatte andere Vorstellungen und schlingerte einen Feldweg entlang, den das GPS nicht erkannte.

Begleitet von sanftem Tadel seitens des Satnav schaltete der 61jährige seine Scheinwerfer aus, sodaß niemand sehen würde, wohin er gefahren war. Dann holperte und kurvte er über unmarkierte Bauernwege und Schafhirtenpfade, die schließlich nach Westen führten, aber weg von den Hauptstraßen. Nach 20 Minuten hielt er in einem Feld an und wandte sich an eine Decke auf dem Rücksitz. „Okay“, sagte Breuer zu der Decke. „Ihr könnt jetzt rauskommen.“ Unter dem Stoff kamen drei Köpfe zum Vorschein – eine syrische Kurdin, Galbari al-Hussein, und ihre beiden Kinder, Hussein und Shahed.

Plötzlich überschwenglich, strahlte Breuer vor Vergnügen. „Freunde meiner Mutter entkamen den Nazis, indem sie vorgaben, Mitglieder der SS zu sein. Mein ganzes Leben lang diese Geschichte zu hören, ist das, was mich auf diese Situation vorbereitet hat.“

Diese Situation war dennoch eine, die Breuer nun selbst vertraut war. In den letzten Wochen ist Breuer einer von Dutzenden gewöhnlicher Österreicher und Ungarn gewesen, die heimlich Hunderte Flüchtlinge aus dem südlichen Ungarn ins östliche Österreich fuhren. Sie haben nun damit aufgehört – die Schließung von Ungarns Südgrenze bedeutet, daß weniger Flüchtlinge aus Serbien ins Land kommen. Stattdessen strömen die Migranten nach Kroatien, dann weiter nach Slowenien und Österreich, wo laut dem österreichischen Roten Kreuz allein am Samstag 13.000 Menschen einreisten.

Bevor die ungarische Grenze geschlossen wurde, hatten Flüchtlinge oft Tage eines ungewissen Schwebezustands in Ungarn vor sich, gingen der Polizei oft auf kalten Feldern in die Falle oder wurden in Lagern wie Tiere in Käfige gesteckt. Indem er sie aufsammelte, sobald sie die ungarische Grenze überquerten, gab Breuer Flüchtlingen eine Chance, dieser Erniedrigung zu entgehen, ohne daß sie ihr Leben in die Hände von Schmugglern legen mußten.

Es war dieses Unterfangen, das Breuer und drei Kurden spät in einer Sonntagnacht auf ein dunkles Feld nahe der serbisch-ungarischen Grenze brachte. Sie überlebten die erste Herausforderung: der ungarischen Grenzpolizei zu entgehen. [Anm. d. Ü.: man beachte die Wortwahl „überleben“ – als ob die ungarischen Grenzer sie umgebracht hätten!] Nun stehen ihnen weitere 190 Meilen holpriger Hinterstraßen bevor, ehe sie die relative Sicherheit Österreichs erreichen, wo Breuer in einem entlegenen Waldland wohnt, in einer Hütte ohne fließendem Wasser. Sollten sie auf dem Weg dorthin geschnappt werden, drohen Breuer Jahre im Gefängnis.

Aber es ist ein Ergebnis, von dem Breuer das Gefühl hatte, daß es das Risiko wert sei, nachdem der Kampf so persönlich ist. Sein Vater, ein jüdischer Dissident, floh kurz vor dem Zweiten Weltkrieg aus Österreich nach Britannien. Auf seinem Weg zum Aufsammeln der Familie Hussein röten sich Breuers Augen, wenn er die beiden Zeiten miteinander vergleicht.

„Es bringt mich wieder und wieder zum Weinen, wenn ich an meinen Vater denke, an seine Situation, und an die anderer Migranten – und ich bringe sie mit diesen Leuten in Verbindung. Freunde meiner Eltern, Juden, versuchten [vor dem Zweiten Weltkrieg] in die Schweiz auszuwandern, aber die Schweizer brachten sie wieder zu den Nazis an die Grenze zurück. Es gibt zu viel Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Situationen – eine vor 70 Jahren, und eine jetzt.“

Nirgendwo ist diese Synergie ergreifender als in Breuers Auto, auf dem Rückweg nach Hause. In Österreich bereits wohlbekannt, erlangte Breuer kürzlich internationale Aufmerksamkeit, als er ein Video von sich hochlud, wo er im Chor mit einer Wagenladung syrischer Palästinenser jiddische Volkslieder sang.

Während Europas Regierungen weiterhin beim Leiden der Flüchtlinge wegschauen, ist diese ungewöhnliche kulturelle Melange schnell zu einem Symbol eines anderen, menschlicheren Europa.

In dieser Nacht versucht Breuer etwas Ähnliches. Um alle aufzumuntern, singt er eine neue Komposition – eine weitere jiddische Melodie zu einem Text über die Notlage von Flüchtlingen.

„All meine Schuhe sind an der ungaaaarischen Grenze in Fetzen gegangen“, singt Breuer zur Melodie eines jüdischen Hochzeitsliedes. „Mazedonier schossen mit Tränengas auf uns, um Ooooordnung zu schaffen. Sie nahmen uns zwangsweise die Fingerabdrücke ab – und nahmen uns unsere Telefoooone weg. Wir müssen auf dem Boden schlafen – kann es in meinen Kno-ooochen spüren.“

Er bricht ab. „Schaut“, lächelt er, „es ist work in progress, okay?“

Heute nacht ist das gemeinsame Singen ebenfalls eine im Gange befindliche Arbeit. Die Husseins sind erschöpft: sie sind erst vor acht Tagen aus dem Land von ISIS entkommen und sind ein Risiko eingegangen, indem sie in dieses Auto stiegen. Sie sind weniger scharf auf das Singen und mehr darauf, nach Deutschland zu kommen. „Wir haben Angst, wir sind von allem verängstigt“, sagt Galbari, in der Dunkelheit sitzend. „Bitte können wir einfach weiterfahren.“

Aber eine Freundschaft wird geschlossen, als Breuer sich vorstellt. „Mein Name ist Hans“, sagt er, und ich bin ein Schafhirte, ein Sänger und ein Jude.“ Von hinten kommt eine warme und sofortige Reaktion. „Juden, Moslems, Christen – das ist nicht wichtig“, sagt Galbari. „Wir sind alle Menschen.“

Breuer fährt weiter durch die Nacht und verläßt sich dabei auf seine 40 Jahre als Schafhirte. Breuer bezeichnet sich als Österreichs letzten Wanderschäfer; mit seiner Familie treibt er Hunderte Juraschafe quer durch öffentliches Land in Österreich. Es ist ein Beruf, der ihm nicht nur einen unerschütterlichen Glauben an das Recht des Menschen gegeben hat, ungehindert über die Erde zu streifen – sondern auch ein reiches Wissen darüber, wie Bauernland parzelliert ist, und wie Pfade darin verwoben sind.

In diesem Teil Ungarns, weiß Breuer, war das Land historisch in Gemeinschaftsbesitz, was bedeutet, daß die Felder ein reiches Netzwerk von Pfaden und Feldwegen beherbergen, die den modernen Autofahrer eine lange Strecke in Richtung Österreich bringen können, ohne daß er eine Hauptstraße benutzen muß. „Es ist eine wundervolle Landschaft“, sagt er bewundernd. „Alle Straßen sind miteinander verbunden!“

Und so kommt es, daß Breuer sich fünf Stunden später, um 2 Uhr morgens, der österreichischen Grenze näherte, von niemandem bemerkt und angehalten. Er findet eine winzige Straße, die die Trennlinie zwischen Österreich und Ungarn überquert, die Art von Weg, die nur einem Einheimischen bekannt ist. Dann schwang er das Auto über die Grenze, entlang eines Weges, der dem GPS unbekannt war.

„Der Hirte“, sagt Breuer, während die Syrer hinten schlummern, „ist zu Hause.“

*   *   *   *   *   *   *   *

Siehe auch:

Warum Juden für „Vielfalt“ sind von mir

Israel unterstützt offiziell die Invasion aus der Dritten Welt von Rosemary Pennington

Die jüdischen Ursprünge der Bewegung für offene Grenzen von Andrew Joyce

Mein Vetter und ich gegen den europäischen Fremden von Tanstaafl

Vor dem Todesstoß von Kevin Alfred Strom

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