Vom Fluch der Magie

Albert Atcho lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1990 in Bingerville an der Elfenbeinküste. Seine Mission: Teufelsaustreibungen. Besessene wurden in seinen Sitzungen allerdings nicht – wie sonst üblich – gequält, bestraft oder sogar getötet. Sie durften nach der befreienden Beichte zurück in ihre Dörfer gehen.

Von David Signer, ursprünglich erschienen in GEO 9-2006. Die Bilder sind eine Auswahl aus denen im Originalartikel.

Vor zwölf Jahren betritt David Signer zum ersten Mal das Zimmer eines traditionellen afrikanischen Heilers. Sieht blutbespritzte Wände, Töpfe mit Kräutersud, Kaurischnecken. Eine unheimliche Welt, deren Rätsel der Schweizer Ethnologe fortan in vielen Feldstudien zu ergründen sucht. Der Zauber, weiß er heute als Eingeweihter zu berichten, wirkt tatsächlich – wenn auch anders als gedacht. Er macht Angst vor Veränderung. Er lähmt die Entwicklung Afrikas.

ZÜRICH, SEPTEMBER 2002. „Madame Coulibaly, Abengouru“ steht als Absender auf einem Brief, der eines Tages in meinem Postkasten liegt. „Lieber David“, schreibt sie, „mit großem Bedauern senden wir diese Neuigkeiten: Dein Freund Tiegnouma Coulibaly ist am 16. September gestorben. Wir sind hier, seine zwei Frauen und fünf Kinder, und es fehlen uns sogar die Mittel, um Essen einzukaufen.“

Tränen treten mir in die Augen. Tiegnouma Coulibaly war ein Heiler, den ich zu Beginn meiner mehrjährigen Feldforschung in Westafrika kennen lernte – und der im Laufe unserer Zusammenarbeit mein europäisches Weltbild pulverisierte. Ich rätsele, wie er ums Leben gekommen sein mag. Als ich seine Frauen erreiche, sagen sie nur: „Wir haben ihn eines Morgens tot in seinem Bett gefunden.“

ABENGOURU, OKTOBER 1994. Ich bin zum ersten Mal in der staubigen Provinzstadt der Elfenbeinküste. Für eine ethnologische Studie suche ich den Kontakt zu traditionellen Heilern, „Féticheurs“. Sie besitzen in Westafrika einen zwiespältigen Ruf. Einerseits gelten sie tatsächlich als Heiler, was vor allem bedeutet „Anti-Hexer“, weil viele Krankheiten auf Hexerei zurückgeführt werden. Andererseits traut man ihnen aber auch zu, anderen zu schaden, und sei es nur, um den eigenen Klienten zu verteidigen. Die Suche nach einem Féticheur ist also alles andere als harmlos, sondern eher so, als ob man sich nach dem nächsten Waffenladen erkundigte.

In einem Ministerium lerne ich einen Beamten kennen. Er erzählt von einem Hexer, der sich in Sekundenschnelle nach Paris begab, um dort seinen eigenen Sohn aufzufressen, weil der nichts von seinem Lohn an seine Familie in Afrika schickte.

„Er fraß ihn wirklich auf?“

„Natürlich nicht buchstäblich“, sagt der Mann, der zwischen seinen vielen Stapeln vergilbter Dokumente sitzt. „Er hat die Seele seines Sohnes, sein unsichtbares Doppel, wie wir sagen, zerstört. Der Junge starb nicht sofort, aber er verlor nach und nach alle Lebenskraft.“

„Und dann?“ frage ich. „Wurde der Vater verhaftet?“

Der Beamte lacht über meine Naivität, aber erklärt geduldig: „Niemand kann beweisen, was er getan hatte. Sein Körper lag ja die ganze Nacht hier neben seiner Frau. Sein Double war nach Paris geflogen. Hexerei ist unsichtbar.“ Und für den Fall, daß ich immer noch nicht begreife, fügt der Mann hinzu: „Wir zwei plaudern hier nett miteinander. Aber niemand kann ausschließen, daß einer von uns jetzt, in diesem Moment, den anderen verhext.“

An diesem Nachmittag erhalte ich meine erste Ahnung vom Zusammenhang zwischen sozialem Aufstieg, Neid und Hexerei; von einem Albtraum, der die Menschen von Dakar im Senegal bis Daressalam in Tansania verfolgt. Sozialwissenschaftler und Entwicklungsexperten nehmen ihn jedoch erst seit kurzem wahr. Was die Afrikaner „Hexerei“ nennen, ist keine bloße Phantasmagorie, sondern soziale Realität. Hexerei ist eine Metapher für von Mißgunst geprägte Sozialbeziehungen: Es soll dir nicht besser gehen als mir. Auch wenn man den Glauben an fliegende Väter, die nachts ihre Söhne am anderen Ende der Welt heimsuchen und auffressen, nicht teilt, so ist doch die zerstörerische Kraft des Neides im subsaharischen Afrika unübersehbar. Der Druck der Verwandtschaft auf jeden, der etwas hat, ist unerbittlich. Die Bittsteller sind nie zufrieden. Und die Verwandtschaft ist tendenziell unendlich.

Ethnologische Forschung über Féticheure, über Heiler und Hexer, befaßt sich also keinesfalls mit einer spirituellen Randerscheinung, sie führt vielmehr direkt ins Herz des afrikanischen Psycho- und Sozialsystems.

Die Gabe zur Hellsichtigkeit hat Eze Emmanuel Ohaha aus Nigeria von seinen Vorfahren geerbt. Beim Wahrsagen bedient sich der Heiler verschiedener Hilfsmittel: Mit den Glocken ruft er Geister, die ihm Beistand leisten sollen; um sie besser sehen zu können, hat er sich weiße Ringe um die Augen gemalt.

AM NÄCHSTEN MORGEN bringt der Beamte meine Freundin Nadja und mich zu Tiegnouma Coulibalys Haus, das diesem von einem Politiker zur Verfügung gestellt wurde. Der Mann kandidiert für das Bürgermeisteramt und hat den Heiler als magischen Wahlkampfhelfer engagiert. So kam er aus seinem Heimatland Mali an die Elfenbeinküste.

Coulibaly ist knapp 30 Jahre alt, trägt Jeans und ein Hemd mit der amerikanischen Flagge darauf – und rast mit seinem Motorrad mitten ins Wohnzimmer hinein, in das eine seiner Ehefrauen uns gebeten hat. „Ich kann die Maschine nicht draußen lassen, zu viele Gauner!“ Nach dem Essen zieht er ein dunkelgelbes Gewand aus roher Baumwolle an, bestickt mit in Leder gefaßten Amuletten, die ihn nicht nur gegen Geisterattacken, sondern auch gegen Gewehrkugeln schützen sollen.

Er führt uns in ein fensterloses Hinterzimmer. Der Zementboden ist übersät mit Kräuterbüscheln, Wurzeln, Kerzen, Sandhaufen, Tierfellen, Stoffbeuteln, Tontöpfen, Plastikflaschen und Gläsern, die mit braunen Flüssigkeiten, Samen und Rindenstückchen gefüllt sind. Von der Decke baumelt eine Kürbisschale mit einer braunen Masse, die aussieht wie Kot. Schließlich erkenne ich ein schläfriges Huhn zwischen all den obskuren Objekten. Die blauen Wände sind blutbespritzt, überall hängen Notizzettel mit einer Art Strichcode.

Wir setzen uns auf eine Strohmatte. Coulibaly kramt aus einem Leinensäckchen ein Dutzend Kaurischnecken hervor. Die weißen Gehäuse dienten in Westafrika früher als Zahlungsmittel. Sie sind als Orakel geeignet, weil sie deutlich unterscheidbare Unter- und Oberseiten besitzen, auf die sie beim Wurf zu liegen kommen. Coulibaly spuckt ein paar Mal leicht auf die Kaurischnecken und reicht sie mir. Er fordert mich auf, „hineinzusprechen“, das heißt, ihnen ganz leise meine Fragen anzuvertrauen, egal, in welcher Sprache.

Meine Freundin Nadja ist Diabetikerin. Ich frage die Kauris unter anderem, ob Coulibaly etwas dazu sagen kann, ob er vielleicht ein traditionelles Heilmittel kennt. Dann gebe ich ihm die Gehäuse zurück und muß 205 Francs CFA hinzufügen, nach heutigem Kurs etwa einen halben Euro.

Damit habe ich meine Rolle als Forscher überschritten. Natürlich muß ich mich fragen lassen, ob der Wissenschaftler als Klient noch Distanz und Objektivität bewahren kann. Aber um es kurz zu machen: Es bleibt einem Ethnologen bei diesem Thema keine andere Wahl. In dem System Hexer-Heiler-Verhexter gibt es keine Beobachterrolle. Man begibt sich in das System und redet darin. Oder gar nicht – beziehungsweise bloß über oberflächliche Praktiken: „Muß man vier oder fünf Kaurischnecken begraben? Ein Huhn opfern oder ein Schaf?“ Nur: Wäre das wichtig?

Coulibaly wirft die Kauris zusammen mit den Münzen vor sich auf die Bastmatte, studiert die Anordnung, nimmt sie in einem schwungvollen Wisch wieder auf und wirft sie erneut. Dann sagt er: „Du hast Träume, die dir Angst machen. Das sind die Geister, die dich heimsuchen. Du mußt ein Opfer darbringen: einen weißen Hahn, sieben weiße Kolanüsse, Kuhmilch. Ich werde dir in einem Tontopf einen Zaubertrank zubereiten.“

Es stimmt, ich habe häufig Albträume, denke ich. Aber wer hat die nicht? Ich halte den Mund.

Coulibaly wirft die Kauris erneut. „Deine Mutter denkt und denkt. Sie ist unruhig. Etwas verfolgt sie. Wann fahrt ihr zurück? Ihr müßt etwas für sie mitnehmen.“

„In einem Monat.“

„Zu spät. Ich muß sofort etwas für sie tun. Wir werden ein weißes Wickeltuch für sie vergraben, dann wird sie sich beruhigen.“

Nach einem weiteren Wurf sagt er: „Eine Frau in deiner Familie ist zuckerkrank.“

Ich denke natürlich an Nadja.

Doch Coulibaly fährt fort: „Sie magert ab. Sie hatte mehrere Kinder, aber ihre Ehe ging in die Brüche. Ihr ehemaliger Mann ist tot.“

Das trifft auf meine Großmutter zu. Nur daß ihr Ex-Mann noch lebt. Allerdings liegt er, wie ich später erfahren werde, zu jener Zeit im Krankenhaus. Und daß meine Mutter – ihr geht es tatsächlich nicht gut – träumt, er müsse sterben.

Später werde ich das noch oft beobachten: Heiler machen keinen Unterschied zwischen Fantasie, Traum und Wirklichkeit. Manchmal beschreiben sie etwas als Realität, das nur in der Innenwelt passiert. Manchmal reden sie von Träumen und treffen dabei Tatsachen. Am Ende der Sitzung spreche ich Coulibaly auf Nadjas Diabetes an, den er nicht erkannt hat. Er fragt, welche Symptome sie habe.

„Keine“, sagt sie, „solange ich Diät halte und regelmäßig Insulin spritze.“

„Eben“, erwidert Coulibaly, „dann ist die Krankheit für die Kauris auch nicht sichtbar.“

Der Ablauf dieser Konsultation ist typisch. Der Heiler stellt keine Fragen an den Klienten. Sein Ehrgeiz liegt vielmehr darin, alles mit seiner Orakeltechnik herauszufinden. „Was der Patient sagt, ist unwichtig“, erklärt mir Coulibaly später. „Denn entweder er lügt. Oder er kennt die Wahrheit gar nicht.“

Traditionelle Heiler sehen auch keinen Unterschied zwischen medizinischen, psychologischen, sozialen oder spirituellen Problemen. Denn sie alle sind auf Hexerei oder den Einfluß von Geistern zurückzuführen und müssen mit Medikamenten, Amuletten und durch Opfergaben behandelt werden.

Nach der Konsultation gehen wir zusammen auf den Markt, um die Zutaten für die Behandlung zu kaufen. Dann zieht sich Coulibaly zurück, wir treffen ihn am Abend wieder.

„Ich habe am Nachmittag im Wald gearbeitet, für deine Mutter“, sagt er mir. „Es war hart, ich bin noch nicht fertig. Ich habe das weiße Tuch an einem Baum aufgespannt, um das Böse von ihr wegzuziehen und aufzufangen. Morgen werde ich das Tuch vergraben. Der Baum wird sterben, aber deine Mutter wird gesund werden.“

Die anderen Objekte, die er präpariert hat, liegen verstreut um eine hölzerne Fetischfigur. „Sie heißt Tschamatschigi“, sagt Coulibaly. „Großer Chef.“ In einer Ecke des Behandlungszimmers liegt ein Huhn mit zusammengebundenen Füßen. Coulibaly durchtrennt die Schnur und fordert mich auf, dem Tier in die Augen zu schauen. Dann schneidet er ihm die Kehle durch und läßt sein Blut über Tschamatschigi tropfen.

Anschließen überreicht Coulibaly mir einen Tontopf, der mit Wurzeln, Rindenstückchen und blutigen Hühnerfedern gefüllt ist. „Du mußt das mit Wasser aufkochen, abkühlen lassen und eine Woche lang täglich ein Glas davon trinken.“ Außerdem soll ich ein in Zeitungspapier gewickeltes Päckchen bei einem Schuster in Leder einnähen lassen und als „Gris-Gris“ am Hosenbund tragen, zur Abwehr allgegenwärtiger Hexer. Nadja erhält eine Goldkette zum Schutz vor einem aufsässigen Geist, 100 Kaurischnecken für ein erfolgreiches Jahr sowie einen Silberring, der Neider abschrecken soll.

„All diese Utensilien haben uns ein kleines Vermögen gekostet!“ sage ich mit einem vorwurfsvollen Unterton.

„Ein Opfer muß ein bißchen weh tun, damit es wirkt“, erwidert Coulibaly.

IN DEN FOLGENDEN TAGEN nehme ich den Zaubertrank zu mir. Erst habe ich Coulibalys Äußerung über meine Albträume belächelt, aber dann geschieht etwas Seltsames. Sie verschwinden. Seit meiner Kindheit hat mich der Nachtmahr Woche für Woche verfolgt. Jahre der Psychoanalyse konnten ihn mir nicht austreiben – aber dieser Brühe, die stinkt wie Jauche, gelingt es. Bis heute ist der böse Traum nicht zurückgekehrt.

Coulibaly faßt – wie die meisten afrikanischen Heiler – den Begriff Medikament in einem sehr weiten Sinn auf. So wird etwa auch ein Silberring als Medikament bezeichnet. Allerdings bliebe ohne die Hilfe Tschamatschigis ein Ring nur ein Ring, eine Kette nur eine Kette. Erst der Fetisch verleiht den Dingen jenes unsichtbare „Mehr“, das sie zu heilkräftigen Wundermitteln macht, nur ein erfahrener Féticheur wie Tiegnouma Coulibaly weiß diesen Energietransfer zu vollziehen. Auch pflanzliche Präparate nützen wenig, solange sie nicht magisch aufgeladen werden. Und bei den Gris-Gris spielt es zwar eine Rolle, mit welchen Ingredienzen sie gefüllt werden (in meinem Fall, wegen der blutigen Träume, sind es rote), aber wirksam werden sie erst durch den Beistand der Geister.

Die Opfer dienen unterschiedlichen Zwecken. Sie sollen, auf der spirituellen Ebene, Geister und Hexer besänftigen. Sie sind aber auch ganz reale Almosen: Wir essen am Abend der Konsultation nur die Innereien des geopferten Huhns; den Rest, die besten Stücke, schenkt Coulibaly der Witwe im Nachbarhaus. Eine solche öffentliche Geste der Großzügigkeit soll außerdem potentiell Mißgünstige versöhnlich stimmen.

Nicht nur in den Dörfern vieler afrikanischer Länder macht man Hexer für Armut, Unglück und Krankheit verantwortlich. Auch in Millionenstädten fürchten die Menschen böse Geister. Allein Weiße seien vor ihnen sicher, sagen diese drei Heilerinnen aus Kinshasa: Die westliche Kultur immunisiere gegen jeden Zauber.

ZÜRICH, DEZEMBER 1995. Ich habe Coulibaly einige Fotos geschickt, die ich in Afrika aufgenommen habe. Wenige Tage später erreicht mich ein Brief, in dem der Heiler mir mitteilt, er sei mithilfe der Fotos zu dem Schluß gekommen, ich müsse einen weißen Widder opfern, dazu 75 Gramm Münzen und 185 weiße Kauris. Dies alles möglichst schnell, vor Ende Dezember, denn es gehe um ein glückliches Neues Jahr.

Ich werde wütend. Zum einen über die unterschwellige Drohung. Und: Eigentlich müßte Coulibaly wissen, daß ich in einer europäischen Großstadt keinen Widder opfern kann. Ich schreibe zurück, daß wir uns zur Zeit keine großen Ausgaben leisten können, da sich der Erfolg, den er Nadja versprochen hat, noch nicht eingestellt habe.

Aber ich verspüre Angst, und ich habe ein schlechtes Gewissen wegen meiner Weigerung. Das System von Hexerei und Gegenhexerei hat mich gepackt – nicht zuletzt nach der geglückten Behandlung meiner Albträume. Wie groß muß die Abhängigkeit der Afrikaner von Schutzzauberern sein, wenn sie sich schon bei einem Außenstehenden wie mir so schnell aufbaut?

SANDÉGUÉ, MÄRZ 1996. Ich bin zu Besuch in einem kleinen Dorf an der Elfenbeinküste. Hier lebt Dah Konwiré, ein bekannter Heiler. Angeblich kann er mit Worten ein Huhn töten. Er bringt den Geistern von meinem mitgebrachten Gin dar, und sie teilen ihm mit, daß sie bereit seien, mir, dem Fremden, ihre Macht zu demonstrieren.

Am nächsten Morgen kaufe ich auf dem Markt ein Huhn und bringe es zu Konwirés Hütte. Sein Sohn legt das Tier auf den Boden und begießt einen Fetisch, eine amorphe Lehmfigur, mit dem Gin. Hinter ihm sitzt der Vater und läutet ein Glöckchen, um die Geister anzulocken. Dann gibt der Sohn etwas Gin in ein Glas, mischt ein Pulver hinzu und nimmt einen Schluck von dem Gebräu. Er ergreift das Huhn, hält es Kopf voran über den Fetisch und murmelt: „Geister, ich opfere euch dieses Huhn. Kommt und nehmt seine Seele und sein Blut.“ Diesen Spruch wiederholt er eine Minute lang, während der Alte fortwährend das Glöckchen läutet. Dann läßt der Sohn das Huhn vor den Fetisch fallen. Es ist tot.

„Das“, sagt man mir später, „könnte er auch mit einem Menschen machen.“

Diese Aussage erstaunt mich mittlerweile nicht mehr. Ob Magie „schwarz“ oder „weiß“ ist, ist häufig nur eine Frage der Perspektive, und Heiler wie Coulibaly erinnern mich in ihrer Amoralität oft an Anwälte, wenn nicht an gedungene Mörder. Sie führen Aufträge ihrer Kunden aus. Einmal spreche ich Coulibaly auf die weit verbreitete Angst vor Menschenopfern an (in einigen Quartieren in Lagos weigern sich Kinder aus Angst vor Ritualmördern manchmal, zur Schule zu gehen). Er sagt nur: „Kleine Wünsche erfordern kleine Opfer, große Wünsche erfordern große Opfer. Für eine Lohnerhöhung reicht ein Schaf. Aber wenn ein Bürgermeister Minister werden will…“

Ob Heiler wie Dah Konwiré oder Coulibaly tatsächlich in der Lage sind, durch schwarze Magie jemanden zu töten? Dumme Frage? Hexerei ist eine Realität, nicht unbedingt eine „materielle“ – sicher aber eine soziale. Vielleicht kann man es am besten so beschreiben: Der Neid prallt am Beneideten nicht ab, sondern richtet in seiner Seele etwas an, was in Afrika „Verhexung“ genannt wird.

In Abengouru lerne ich die 20jährige Juliette kennen. Sie stammt aus einem Dorf nahe der Grenze zu Ghana und ist ein „Hexereiflüchtling“. Nach dem Abitur litt sie plötzlich an einer Sehstörung: „Ich ging zum Arzt, aber der sagte, medizinisch sei alles in Ordnung. Um eine Brille zu kaufen, fuhr ich in die Hauptstadt. Aber kaum war ich von meiner Familie fort, sah ich wieder klar.“

Ihr ältester Bruder sei bei einem Unfall gestorben, so die offizielle Erklärung. „Aber als man ihn tot in seinem Wagen fand“, erzählt Juliette, „war sein Herz herausgerissen.“ Ihre fünf anderen Brüder sind im Ausland. Sie kommen nicht mehr zu Besuch, aus Angst, daß sie ein ähnliches Schicksal ereilen könnte. Geschichten wie diese höre ich während meiner Forschungsjahre wieder und wieder.

Bei den Bamileke in Kamerun wird zwei Monate nach der Bestattung der Schädel eines Verstorbenen exhumiert und im Wohnhaus aufgestellt. Den Toten, nicht etwa einen Gott, beten die Hinterbliebenen an und bringen seinem Schädel Opfer dar. Der Mann mit dem Kopfputz aus Hörnern wacht darüber, daß sie diesen Pflichten nachkommen.

DIE AFRIKANISCHE GESELLSCHAFT, besonders die dörfliche, ist zugleich egalitär und hierarchisch organisiert. Egalitär: Wer aus dem heimischen Milieu ausbricht oder ältere Brüder oder Schwestern überrundet, wird bestraft, sofern er die Überholten nicht gebührend entschädigt. Der Aufsteiger muß die Unterschiede in Einkommen und Status nivellieren.

Hierarchisch bedeutet: Niemand darf mit Höhergestellten rivalisieren. Widerrede gegenüber einem Dorfältesten oder einem Politiker wird rasch als Respektlosigkeit aufgefaßt. Der Reiche oder Mächtige wird also – wie eine biologische Tatsache – akzeptiert. Nicht aber derjenige, der zu mehr Wohlstand oder Macht drängt. Nur letzteres provoziert Neid. Hexerei ist demnach auch ein Mittel, den Status quo einer Gesellschaft zu erhalten, Ehrgeizige „herunterzuholen“ und Wandel zu unterdrücken.

Es gibt nur zwei Wege, der Hexereibedrohung zu entkommen: Man macht sich klein und verharrt an seinem zugewiesenen Platz. Oder man versucht sein Glück in der Ferne – wobei allerdings nie sicher ist, daß einen die Mißgunst der Familie nicht doch irgendwann einholt.

Der afrikanische brain drain – das Auswandern vieler Aufwärtsstrebender – erklärt sich auch aus diesem System heraus: Den Ehrgeizigen wird zu Hause das Leben zur Hölle gemacht. Wenn sie fort sind, können sie die Hierarchie nicht mehr stören. Zugleich kann die Verwandtschaft noch mehr aus ihnen herausholen als zuvor. Dabei sind die Erwartungen oft überzogen. Viele Afrikaner stellen sich vor, es sei spielend einfach, in Deutschland oder Frankreich Millionen zu verdienen. „Stimmt es, daß man bei euch nur auf ein paar Knöpfe drücken muß, und dann kommen Geldscheine aus der Hausmauer?“, fragt mich einmal jemand in einem Dorf.

Fallen die Überweisungen an die Daheimgebliebenen niedriger aus als erwartet, nimmt man an, der Auswanderer sei geizig geworden: „Kaum geht es ihnen gut, vergessen sie die Familie.“ Eine mehr oder weniger offene Hexereidrohung dient dann als Druckmittel oder Sanktion. Der Heiler tritt in diesem System vordergründig als Retter auf. Indem er aber alle Probleme und Krankheiten als Ergebnis von Hexerei deutet, vor der man sich wiederum nur durch Opfergaben schützen kann, sorgt er vor allem dafür, daß das System aufrecht erhalten bleibt.

Ein afrikanischer Heiler ist zugleich weniger und mehr als ein Arzt: Er ist Seelsorger, Therapeut, Zeremonienmeister, eine Art Performance-Künstler – aber auch ein Ökonom, Spezialist für Lastenverteilung. Die mal implizite, mal explizite Lektion, die er seinen Klienten erteilt, lautet: Aufsteigen ist gefährlich. Kann der andere nicht in irgendeiner Form teilhaben an deinem Erfolg, wird Neid heraufbeschworen. Dieser kann tödlich sein. Am meisten mußt du dich vor der eigenen Familie vorsehen. Sie ist wie eine Seilschaft: Der Obere kann den Unteren vor dem Absturz retten. Aber der Untere kann den Oberen auch mit in den Abgrund ziehen.

Die extreme Solidarität, der Zwang zur Einebnung der Unterschiede mag im Dorf sinnvoll und gerecht sein. Aber unter den Bedingungen der Marktwirtschaft führen sie zur Lähmung jeglichen Unternehmergeistes. In Mali gibt es die Redensart: „Mißerfolg wird verziehen. Erfolg nicht.“

TIENGOLO, AUGUST 1997. Coulibaly hat mich eingeladen, in bei einem Familienbesuch zu begleiten. Er ist Angehöriger der Bambara, der größten Volksgruppe in Mali. Sein Heimatdorf Tiengolo liegt im Westen des Landes, in Bélédougou, einer Region, die als besonders „rückständig“ gilt und deren Bewohner den Ruf haben, sehr abergläubisch zu sein. „Da, wo ich herkomme, gibt es weder Kirchen noch Moscheen“, sagt Coulibaly gern. Und ebenso stolz: „Ich habe noch nie eine Schule von innen gesehen. Meine Schule war der Busch.“

Die Geschichte seiner Kindheit, die er mir eines Abends beim dritten Guinness erzählt, klingt abenteuerlich: „Ich habe viel gelitten, wie alle guten Heiler. Bis ich sieben Jahre alt war, war ich gelähmt. Dann entführten mich Geister in den Busch, wo ich drei Jahre verbrachte. Meine Eltern dachten, ich sei tot, und hielten ein Begräbnis ab. Ich ernährte mich von den Früchten des Waldes, und die Geister zeigten mir die Medikamente. Dann kehrte ich, am Tag, als meine Großmutter starb, geheilt zurück. So wurde ich Féticheur.“

Die Sehergabe habe er von seinem Vater geerbt, sagt Coulibaly. Doch die Begegnung mit dem Alten ist desillusionierend. Er ist fast blind, liegt betrunken und halbnackt unter dem Vordach seiner Hütte und albert herum.

„Zwecklos“, sagt Coulibaly nur und macht sich konzentriert wie ein Schachspieler daran, Geschenke im Dorf zu verteilen: Zucker, Schnaps, Seife, Reis, Batterien, Mayonnaise. Besonders die 100 Kolanüsse – die Früchte sind ein Genußmittel – müssen nach einem Schlüssel unter die Leute gebracht werden, den sich Coulibaly während der dreitägigen Reise hierher sorgfältig zurechtgelegt hat. Bloß keinem das Gefühl geben, zu kurz zu kommen! Das könnte Palaver, Ranküne provozieren.

Obwohl Coulibaly als Féticheur zu den wenigen gehört, die sich dank ihrer anerkannten Randposition Tabubrüche und Normverstöße erlauben können, fürchtet er Neid und daraus resultierende Attacken wie jeder andere Rückkehrer. Kaum sind alle Geschenke verteilt, fahren wir zu meiner Überraschung sofort wieder in die nächste Provinzstadt, wo wir fortan übernachten.

„Ich habe vier Lehrlinge“, sagt mir Coulibaly. „Aber meine Söhne sollen nicht Heiler werden. Es ist zu hart.“

Hart, weil ein Heiler wie ein Krieger auf einem unsichtbaren Schlachtfeld agiert. Beständig ist er in Konflikte um Leben und Tod verwickelt und riskiert, zwischen die Fronten zu geraten. Hexen zu entlarven, ist zum Beispiel ein Hochseilakt: Deckt er sie nicht auf, ist sein Klient bedroht. Deckt er sie auf, wenden sie sich vielleicht gegen ihn selbst. Und leicht gerät einer wie Coulibaly seinerseits in den Verdacht der Hexerei. Denn nur wer auch zu hexen weiß, kann ein guter Anti-Hexer sein.

„Sangoma“ heißen die Medizinfrauen in Südafrika. Mary Thandumani aus dem Distrikt Libode zählt zu den bekanntesten. Heilen bedeutet für sie, verloren gegangene Harmonie zwischen Patient und Welt wiederherzustellen. Bevorzugt verordnet sie beispielsweise zu gleichen Teilen Arzneimittel in den Farben Schwarz und Weiß.

IM LAUF DER JAHRE, die ich mit ihm im Behandlungszimmer und auf Reisen verbringe, entdecke ich hinter dem Draufgänger einen anderen Coulibaly, einen mißtrauischen, von Ahnungen und Albträumen heimgesuchten Menschen, der überall Verschwörung und Niedertracht wittert.

Einmal erwähne ich bei einem Abendessen, ich erwartete den Besuch meiner Mutter. Er schreckt von seinem Teller auf: „Wir werden die Kauris konsultieren, um zu sehen, ob sie deinen Namen schädigen will.“ Ich beschwichtige ihn, aber er beharrt darauf: „Bei uns kommt alles Schlechte von der Familie.“

Ein anderes Mal ist er dabei, als jemand einen Brief für mich abgibt. „Zerreiße ihn“, sagt er bestimmt. „Es könnte etwas drin sein.“ Ich weigere mich. Der Brief stammt von einer Freundin, die ich kurz zuvor verlassen habe. Er nimmt den Brief an sich, eine Ecke des Papiers zwischen Daumen und Zeigefinger, hält ihn zum Fenster hinaus und schüttelt ihn aus. „Ich weiß, was vorgeht“, sagt er, „ich habe selbst Kundinnen, die sich an ihren Männern rächen wollen.“

Eric de Rosny, ein französischer Jesuit, der seit Jahrzehnten in Afrika lebt, beschreibt in seinem Buch „Die Augen meiner Ziege“ seine Initiation bei einem kamerunischen Heiler mit Worten, die zu Coulibalys dauerndem Alarm-, ja Kriegszustand passen. „Plötzlich ist der so sehr erwartete Augenblick da: Meine Augen öffnen sich, die Menschen bringen einander um. Das nehme ich visuell ganz deutlich wahr. Sehen heißt zuallererst, daß einem die Gewalt zwischen den Menschen offenbar wird.“

Auf unseren Reisen suchen wir oft andere Heiler auf. Für Coulibaly ist das eine Art Werkspionage. Er gibt nie preis, daß er selbst Heiler ist, und von 50 Wahrsagern, die wir besuchen, erkennt es nur ein einziger in seinem Sandorakel – und Coulibaly streitet es vehement ab.

„Wenn man weiß, daß ich Féticheur bin, und jemandem passiert etwas, könnte man mir die Schuld geben“, erklärt er sein Inkognito. „So aber kann mir keiner etwas nachweisen. Wenn ich jemanden verwünschen will, dann verwandele ich mich in etwas, das sich dem Opfer im Traum zeigt. Es ist kleiner als ein Mensch, wie ein Geist. Der Betroffene wird Angst haben und schreien. Die anderen sehen es nicht. Sie werden sagen, er ist verrückt geworden. Aber das stimmt nicht, er wird gefressen.“

Und Coulibaly lacht dreckig.

Fast größer noch als die Angst, ein Opfer schwarzer Magie zu werden, ist im subsaharischen Afrika die Furcht, der Schadenszauberei bezichtigt zu werden. Und sie ist berechtigt. Die Schuld für Armut, Arbeitslosigkeit oder Alkoholismus sucht man immer beim anderen. Und häufig bei den Schwächsten in der Gesellschaft. Nicht wenige mittellose Eltern verstoßen ihre Kinder, weil diese angeblich hexen – und so verantwortlich sind für die familiäre Misere. Exorzisten nehmen sich dann der „Besessenen“ an, um sie während öffentlicher Teufelsaustreibungen brutal zu quälen.

BOUAKÉ, SEPTEMBER 1998. Ich wohne in der Nähe des Busbahnhofs in der Stadt im Landesinneren der Elfenbeinküste. Täglich gehe ich zum Telefonhäuschen von Abou Quattara. Der junge Mann verkauft auch Limonade und Kassetten, vermittelt Taxis und spediert in Zusammenarbeit mit den Busfahrern Geld in entfernte Städte. Quattara hat alle Voraussetzungen, um im Leben weiterzukommen. Er zeigt Initiative, ist intelligent, sprachgewandt und gebildet. Ein aufgeklärter Muslim, ledig, der nicht trinkt und nicht raucht.

Eines Tages sagt er resigniert zu mir: „Es lohnt sich für mich überhaupt nicht, zu arbeiten. Ende des Monats stehe ich mit den gleichen leeren Taschen da wie ein Nichtstuer.“ Denn jeden Tag kommen zehn Leute, die gratis telefonieren wollen. Weitere zehn wollen Geld leihen, und noch einmal zehn versuchen im Laden Geld zu stibitzen. „Sie sehen die Banknoten und denken: Der kann uns doch wohl etwas abgeben!“ Was, wenn er all den „Brüdern“ und „Schwestern“ die Gefälligkeiten verweigerte? – „Sie würden mich fertig machen.“

Das ist wörtlich zu nehmen. Die selbst ernannten Verwandten würden in Quattaras Kabine hocken und ihn mit ihrem Gejammer in den Nervenzusammenbruch treiben. „Du mußt mit allen freundlich sein, denn du weißt nie, mit wem du es zu tun hast“, sagt er. „Sie können deinen Namen durch den Dreck ziehen. Hexen sind überall.“

Wie schwierig muß es sein, etwas auf die Seite zu legen, wenn man ständig aufgefordert wird, zu teilen. „Tas-toi, jaloux!“ – „Schweig, Neider!“ steht auf einem Aufkleber, den in Westafrika viele Autos und Mofas tragen. Und im Senegal gibt es eine Redensart: „Wenn ich dein Geld nicht fressen kann, dann fresse ich dich.“

Die Beziehung, mit der sich solche gesellschaftlichen Verhältnisse beschreiben lassen, ist jene zwischen Herr und Knecht. Der Arme partizipiert am Wohlstand der Reichen nicht, indem er ihm nacheifert oder auf die Barrikaden steigt, sondern indem er sich unter seinen Schutz begibt, an seine Wohltätigkeit appelliert und ihm dafür Gehorsam und Bewunderung schenkt.

Die kamerunische Ökonomin Axelle Kabou stellt in ihrem Buch „Weder arm noch ohnmächtig“ die These auf, Afrika nehmen gegenüber dem Westen die passive, infantile Haltung eines bettelnden Klienten gegenüber einem allmächtigen Patron ein: „Die Afrikaner sind die einzigen Menschen auf der Welt, die noch meinen, daß sich andere als sie selbst um ihre Entwicklung kümmern müssen.“

Die Vorwürfe Afrikas an ein „geiziges, ausbeuterisches, neokoloniales Europa“ wären dann die Kehrseite dieser Haltung: eine Art kollektive Hexereidrohung. Sie bringt dem Kontinent vielleicht Entwicklungsgelder ein oder Schuldenerlasse, aber taugt kaum als langfristige Wachstumsstrategie.

„Weißt du, warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt?“ fragte mich einmal ein Soziologe in Burkina Faso. „Bei euch entstanden die Wolkenkratzer, weil irgendwann einmal jemand ein zweistöckiges Haus baute. Das weckte den Ehrgeiz des Nachbarn, der ihn mit einem dreistöckigen Haus übertrumpfte und so weiter. Das nenne ich fruchtbaren Neid. Baut hingegen in einem afrikanischen Dorf jemand einen zweiten Stock, gibt es sicher einen, der sagt: ‚Für wen hält sich der Kerl eigentlich?’ und ihn verhext.“

ZÜRICH, DEZEMBER 2005. Der Kontakt zu Coulibalys Familie ist abgebrochen. Ich sitze in einem Industrievorort im Wohnzimmer einer Frau, die behauptet, Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen zu können. Eine Stunde lang erzählt sie Nichtsagendes. Aber dann nimmt sie plötzlich einen Schwarzen in einem gelblichen Gewand wahr. „Es ist jemand, der sich in seiner Kultur sehr genau auskennt, der weiß, wie etwas geschieht und warum.“

Sie beschreibt ihn in allen Details, Größe, Figur, die auffällige Lücke zwischen den Vorderzähnen: Coulibaly. „Niemand weiß genau, wie er gestorben ist. Es ist nach einem Streit mit einem anderen Medizinmann passiert. Als er etwas zusammenmischte, um sich zu schützen, hat er einen Fehler gemacht. Er ist erstickt.“

Sie sagt, seine Familie sei verstreut, aber eine seiner Frauen sei in sein Dorf zurückgekehrt und praktiziere jetzt dort, was sie von ihm gelernt habe. Mir macht Coulibaly heftige Vorwürfe, daß ich nicht mehr regelmäßig Opfer darbringe.

Ganz der Alte, denke ich.

*   *   *    Ende des Artikels von David Signer    *   *   *

In Ergänzung zu dem von David Signer angesprochenen Punkt mit den überzogenen Erwartungen der Afrikaner bezüglich ihrer Einkommenschancen in Europa bringe ich (Deep Roots / Lucifex) hier einen kurzen Ausschnitt aus dem Artikel „Die Ennedi-Expedition, Teil 2“ von Uwe George in GEO 8-2004, aus dem auch das Bild samt Text stammt:

Mit einem Berg bedenklich verschnürter Bündel und mit Dutzenden von Passagieren obenauf fährt ein libyscher Lastwagen in die Oase von Ounianga ein. Am dortigen Grenzposten des Tschad muß der Fahrer seine Fracht zur Inspektion komplett abladen.

[…] Vor uns schwankt ein libyscher Lastwagen auf der Piste. Seine Beladung ist rekordverdächtig. Die etwa 50 Passagiere hoch oben auf dem Dach des Lastwagens, geklammert an jene Seile, die all die Ballen, Säcke und Fässer zusammenhalten, ducken sich, um nicht von den ebenso spitzen wie messerscharfen Blättern der Dattelpalmen an der Strecke verletzt oder gar runtergewischt zu werden.

Als wir eine halbe Stunde später vor dem Zollplatz von Ounianga halten, eilt der Fahrer des Lastwagens auf mich zu. Er hat mich vor fast einem Jahr am libyschen Grenzposten Ain Dua gesehen. Seither hat er die Sahara dreimal durchquert und, wie er hinzufügt, durch die Güte Allahs überlebt.

Auf dem Platz sammelt sich eine Menge an. Viele der Menschen hier stammen aus dem Süden des Tschad, aber auch aus Nigeria, dem Sudan. Sie warten auf eine Gelegenheit zur Weiterfahrt nach Norden, erst einmal nach Libyen und dann irgendwie, irgendwann nach Europa.

Ein Mann aus Kamerun hält mir einen französisch beschrifteten Papierfetzen hin: Irgend jemand hat ihm aufgeschrieben, was er in „Allemagne“ alles an Zuwendungen erwarten könne, vom Kindergeld, Wohngeld bis zur Sozialhilfe, wobei diese als „salaire“, als Gehalt, aufgeführt ist.

*   *   *   *   *   *   *

Siehe auch:

Willkommen im Dschungel: Unamusement Park erforscht den Kongo (1), Teil 2, Teil 3 und Teil 4 von Unamused

Moral und abstraktes Denken von Gedaliah Braun

Der schwarze Grundzustand von Colin Liddell

Die Torheit der von Weißen gesponserten Entwicklung von Alex Kurtagic

Ja, Afrika muss zur Hölle gehen von Alex Kurtagic

Haiti darf nicht wiederaufgebaut werden von Alex Kurtagic

Ein weißer Lehrer spricht Klartext von Christopher Jackson

Zeit zu gehen – Frankreich ist verloren von Robert Marchenoir

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  1. Eingeräumt, ich bin solchen Gedankengängen gar nicht völlig abhold. Nähere Ausführungen dazu nur auf Wunsch.
    Aber die damit verbundenen Namen – Felicitas Goodman, David Signer, (Michael Harner habe ich noch nicht eruiert…) riechen eben doch ein wenig nach Knoblauch.

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