Die Ursprünge des schwedischen Multikulturalismus

Von F. Roger Devlin, übersetzt von Lucifex. Das Original The Origins of Swedish Multiculturalism erschien am 23. September 2017 in The Occidental Observer.

How Sweden became Multicultural

M. Eckehart

Helsingborg, Sweden: Logik Förlag, 2017

Diese kurze (96seitige) Studie der historischen Ursprünge von Schwedens multikultureller Politik wurde vor zehn Jahren auf Schwedisch veröffentlicht, ist aber soeben für die Englisch lesende Öffentlichkeit verfügbar gemacht worden. Sie ist keine Geschichte der Einwanderung in Schweden, was eine viel längere Behandlung erfordern würde, sondern der Verbreitung und des Triumphs der multikulturellen Idee. Massive außereuropäische Einwanderung fand erst danach statt, teilweise als Folge dieser Verschiebung im Denken.

In den frühen 1960ern, als die Geschichte beginnt, waren die bedeutendsten ethnischen Minderheitengruppen im Land von nordeuropäischer Abstammung: Finnen waren am zahlreichsten, gefolgt von Esten und den Samen oder Lappen, die in Nordschweden selbst heimisch waren.

Aber nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begannen andere einzutreffen. 1963 – 1964 wurden Forderungen nach Einwanderungsbeschränkung laut. Dies half eine Reihe von Debatten in der Presse über den Status ethnischer Minderheiten in Schweden auszulösen. Man ist sich allgemein einig, daß die 1975 formell eingeführte multikulturelle Politik ihre Ursprünge in diesen Debatten hatte; aber wie der Autor der vorliegenden Studie aufzeigt, sind der Hintergrund der Debattierenden und ihre Motive selten untersucht worden.

Ihr Initiator und wichtigster Beitragender war David Schwarz (1928 – 2008), ein in Polen geborener Jude, der 1950 wegen medizinischer Behandlung im Zusammenhang mit Typhus und Tuberkulose, die er sich als Insasse eines Konzentrationslagers in Deutschland zugezogen hatte, nach Schweden kam.

Am 21. Oktober 1964 veröffentlichte Schwarz in Dagens Nyheter, einer von mehreren schwedischen Tageszeitungen, die von der in jüdischem Besitz befindlichen Bonnier-Gruppe herausgegeben wurden, „Das Ausländerproblem in Schweden“, worin er schrieb:

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Schweden relativ restriktiv hinsichtlich der Aufnahme von Flüchtlingen. Der Bedarf an Arbeitskräften war nicht so groß wie heute, und manche Berufszweige fürchteten ausländische Konkurrenz. Aber zum Ende des Krieges änderte sich die Einstellung der Regierung, und im Laufe der Zeit wurden 14.000 Juden und viele andere aus den deutschen Konzentrationslagern hierher übersiedelt. Gleichzeitig kamen Zehntausende baltische Flüchtlinge und mehrere tausend Staatenlose, die vor den Russen flohen. Seit damals hat Schweden weiterhin Ausländer aufgenommen […] In anderen Worten, Schweden erhielt eine große Gruppe von Menschen, annähernd 400.000, die nicht im Land geboren waren.

Schwarz argumentierte weiters, daß Einwanderergruppen keinem Assimilationsdruck ausgesetzt sein sollten; man sollte sie bedingungslos ihre kulturelle Eigenart beibehalten lassen. Er empfahl die Ernennung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zwecks Formulierung einer kulturpluralistischen Einwanderungs- und Minderheitenpolitik.

Eine Woche später schrieb Schwarz‘ Mitjüdin Inga Goldfarb in Unterstützung seiner Position und behauptete, daß Schweden „ein Bedürfnis nach unterschiedlichen Kulturgruppen“ hätte und daß deren Anwesenheit „unserem Leben neuen Inhalt geben“ würde. Solche vagen, nicht auf Fakten gestützten Aussagen sollten für die Debatte typisch werden.

Der Autor der vorliegenden Studie zählt zwischen 1964 und 1968 siebzehn separate Debatten über Einwanderung und Minderheitenpolitik in prominenten schwedischen Zeitungen und Magazinen, bestehend aus insgesamt 118 Artikeln. Schwarz persönlich schrieb 37 davon allein oder als Mitverfasser, oder 31 % der Gesamtzahl. Er initiierte auch nicht weniger als zwölf der Debatten; niemand anderer initiierte mehr als eine.

Wenn man weitere jüdische Beiträge hinzuzählt, finden wir, daß diese kleinste der etablierten Minderheitengruppen in Schweden für 46 Artikel oder 39 % der Gesamtzahl verantwortlich war, trotzdem sie weniger als 1 % der Bevölkerung des Landes ausmachte. Alle jüdischen Beitragsverfasser befürworteten die multikulturalistische Position. Der Autor hat mit der Zusammenstellung dieser objektiven Daten einen wertvollen Dienst erwiesen, denn die Diskussion der jüdischen Rolle bei der Förderung des Multikulturalismus in Schweden (wie auch anderswo) ist oft als „Verschwörungstheorie“ abgetan worden.

Ethnische Schweden trugen 19 Artikel zu den Debatten bei, oder 16 % der Gesamtzahl, und waren auf beiden Seiten zu finden. Es könnte jedoch bedeutsam sein, daß die drei Schweden, die die multikulturalistische Position am meisten unterstützten, die meisten ihrer Artikel gemeinsam mit Juden schrieben.

Andere Gruppen trugen 38 Artikel (32 %) bei, und 15 Artikel sind als „unbekannt“ eingestuft (z. B. Leitartikel ohne Namensangabe). Nach den Juden unterstützten Esten den Multikulturalismus am stärksten. Drei katholische eingewanderte Beitragsautoren argumentierten tatsächlich gegen die multikulturelle Position.

Falls die in Eckehards Buch zitierten Passagen repräsentativ sind, dann scheinen die von den Multikulturalisten eingesetzten Argumente nicht sehr anspruchsvoll gewesen zu sein. „Sterile Homogenität“ wurde mit „Bereicherung“ kontrastiert. Gesteigerte Einwanderung in der Zukunft war angeblich „unvermeidlich“. Schwarz behauptete, daß das Aufgeben der ethnischen Interessen der Schweden im Inland diesen helfen würde, dieselben Interessen international zu fördern. Er stellte den Kulturpluralismus als eine Vorbedingung für die Kooperation zwischen Gruppen und einen Schlüssel zur Vermeidung von Konflikten dar, wenngleich ohne zu erklären, wie Assimilation Konflikte hervorbringen könnte, und unter Ignorieren der sozialwissenschaftlichen Daten zu den vielen Kosten des Multikulturalismus, einschließlich vermehrten Konflikten, weniger Bereitschaft, zu öffentlichen Gütern beizutragen, etc.

Vielleicht sollten wir über die Armut solcher Argumentation nicht überrascht sein. Es war nie das Ziel von Minderheitenaktivisten, den Schweden die (zweifelhaften) Vorteile einer pluralistischen Gesellschaft zu bringen, sondern nur, daß schwedische ethnische Interessen ihren eigenen Platz machen.

Schwarz war sehr deutlich darin, die Verantwortung für gute Beziehungen zwischen Gemeinschaften ausschließlich der schwedischen Mehrheit zuzuweisen, und schrieb z. B.: „Es ist die Verantwortung der Gastlandbevölkerung, sicherzustellen, daß die heimtückische Verleumdung von Ausländern (‚Sie nehmen unsere Häuser‘, ‚sie nehmen unsere Jobs‘ etc.) aufhört“ – womit er im Grunde vorschlug, daß empirische Daten über die Auswirkungen der Einwanderung auf den Arbeitsmarkt, auf ökologischen Druck und den Wohnungsmarkt nicht erlaubt sein sollten.

Der bedeutendste Vertreter der assimilationistischen Position war der ethnische Schwede Michaёl Wächter, der z. B. schrieb:

Assimilation ist nicht nur eine Möglichkeit, sondern auch die Lösung, die auf lange Sicht die konfliktfreieste und daher glücklichste für die meisten Menschen und das Land ist. In der schwedischen Gesellschaft sind die Bedingungen für Assimilation außergewöhnlich gut. In Wirklichkeit ist das genau das, was manche Individuen Sorge macht, die in ihren eigenen ethnozentrischen Ideen gefangen sind, und daher rufen sie um Hilfe, um ihre eigenen lokalisierten Interessen zu schützen.

Dennoch könnte Wächter einige unnötige Kompromisse gemacht haben, z. B. indem er Schwarz‘ Behauptung akzeptierte, daß die Verantwortung für die Beziehungen zwischen den Gruppen bei den Schweden liegt: „Es sollte keine Forderungen an die Minderheiten geben, sich zu assimilieren. Die Forderung sollte lauten, daß die Gesellschaft mehr Möglichkeiten für Assimilation schafft.“

Eckehart merkt an: „Das Argument, daß fremde Minderheiten sich assimilieren lassen würden, und daß solch eine Assimilation praktisch möglich sei, wurde bei wiederholten Anlässen von den Assimilationisten zur Sprache gebracht und war einer der Hauptgründe dafür, daß sie die Debatte verloren.“ Dies mag hinsichtlich der nordeuropäischen Minderheiten dieser Zeit plausibel gewesen sein, besonders bei deren geringen Zahlen; heute sind über 30 % von Schwedens Bevölkerung ausländischer Herkunft, und zu den größten Gruppen gehören Syrer, Iraker und Somalis.

Die öffentliche Diskussion über Einwanderung und Minderheitenfragen wurde von gesteigerter politischer Aktivität auf demselben Gebiet begleitet, mit einem Durchschnitt von dreißig relevanten Gesetzesentwürfen, die zwischen 1965 und 1968 jedes Jahr in die schwedische Legislatur eingebracht wurden. Im Vergleich dazu gab es im Zeitraum von 1945 – 1960 einen Durchschnitt von drei Gesetzesentwürfen pro Jahr.

Eine Überprüfung der von den verschiedenen politischen Parteien in den 1960ern eingenommenen Positionen bietet einige Überraschungen. Die Rechtspartei [Högerpartiet] war die aktivste bei der Vorlage von Gesetzesentwürfen im Zusammenhang mit Einwanderung. Im August 1968 nahm die Partei das erste politische Programm an, das ausgiebige Unterstützung für ethnische Minderheiten in Schweden vorschlug. Diese Partei änderte ihren Namen danach in „Gemäßigte Partei“.

Die Sozialdemokraten – mit der entscheidenden Ausnahme des aufgehenden Sterns Olof Palme – waren zuerst skeptischer gegenüber dem neuen Trend, als man erwarten könnte. David Schwarz erzählte einmal, daß er kurz vor der Einleitung der ersten Zeitungsdebatte den sozialdemokratischen Außenminister Torsten Nilsson bei einer öffentlichen Veranstaltung gefragt hatte, wie die Regierung das Minderheitenproblem zu lösen bestrebt sei; Nilsson hatte einfach gesagt: „Sie werden zu Schweden werden oder anderswohin übersiedeln müssen.“

Hans Hagness, ein sozialdemokratischer Abgeordneter, gab am 9. Dezember 1966 im Parlament die folgende Erklärung ab:

Es ist natürlich im Interesse der Arbeitgeber, billige Arbeitskräfte zu vermehren und die Löhne niedrig zu halten, und dies ist die Motivation gewesen, die von den bürgerlichen Zeitungen unterstützt worden ist. Sie haben auch rührselige Geschichten über Deportationen organisiert und darüber, wie schlecht wir uns deswegen fühlen sollten. Aber man kann eine Politik nicht auf rührseligen Geschichten in liberalen Zeitungen aufbauen; stattdessen sind wir verpflichtet, eine bewußte Politik im Interesse des durchschnittlichen Arbeiters zu verfolgen.

Kurz, die schwedische Linke dachte immer noch in Begriffen der sozialen Klasse.

1966 erreichte David Schwarz ein Treffen mit dem sozialdemokratischen Premierminister Tage Erlander durch dessen Redenschreiber Olle Svenning. Svenning erinnerte sich später:

Der alte Premierminister stimmte dem Treffen zu und brachte seinen beträchtlich jüngeren Assistenten Olof Palme mit. [Schwarz] erklärte, wie wichtig der Multikulturalismus sei, daß Schweden bereits eine Nation von Einwanderern sei und daß die Forderung nach sprachlicher und religiöser Toleranz stark anwuchsen. Palme, der in einer multikulturellen und mehrsprachigen Umgebung aufgewachsen war, verstand, worüber David sprach.

Im folgenden Jahr verkündete Palme, nun Bildungsminister, in einer Rede im Stockholmer Jüdischen Zentrum unter Lob für Israel und die Sehnsüchte von Zionisten seine Befürwortung des Multikulturalismus. Aber dieser gleiche Mann war so feindselig gegenüber jeglicher Zurschaustellung von schwedischem Patriotismus, daß er Abneigung gegenüber Schwedens unschuldigen Feiern zum Tag der Fahne äußerte! Zwei Jahre später folgte Palme Erlander als Schwedens Premierminister nach.

Ein weiterer entscheidender Wendepunkt auf dem Weg zum schwedischen Multikulturalismus kam 1967, als der Schwedische Gewerkschaftsbund seine Gegnerschaft umkehrte. Dennoch bleiben die Gründe für diesen folgenschweren Gesinnungswandel unklar; der Historiker Thomas Gür hat geschrieben:

In der Literatur, die sich mit der schwedischen Einwanderungspolitik befaßt, habe ich keine Darstellungen gefunden, die den Hintergrund und die Motive für die Haltung [des Gewerkschaftsbundes] in der Sache genauer beschreiben. Genausowenig gibt es irgendeine Erklärung in Arbeiten, die sich mit der Geschichte [des Gewerkschaftsbundes] befassen.

Wie anderswo im Westen verlagerte die schwedische Linke ihr Denken von einem klassenbasierten Gesellschaftsmodell zu einem, das sich um Rasse und Volkszugehörigkeit zentrierte. Wir haben gewiß auch anderswo gesehen, wie die materiellen Interessen von Gewerkschaftsmitgliedern der ethnopluralistischen Ideologie geopfert wurden: insbesondere bei Amerikas AFL-CIO.

Das Endergebnis der Debatten und der politischen Aktivität des Zeitraums von 1964 – 1968 war die Ernennung des Untersuchungsausschusses für Einwanderung durch das schwedische Parlament, mit der Aufgabe, den Status von Einwanderern und Minderheiten in Schweden zu studieren. Die Empfehlungen dieser Körperschaft wurden 1974 veröffentlicht und deckten sich fast perfekt mit den Argumenten von David Schwarz und anderen Multikulturalisten.

Die Empfehlungen des Untersuchungsausschusses für Einwanderung wurden zur Grundlage des Gesetzesentwurfs 1975:26 der Regierung, der formell erklärte, daß „Schweden keine Nation mehr war, die von der schwedischen Kultur dominiert wird, sondern eine kulturpluralistische Gesellschaft, wo man verschiedene Minderheitenkulturen gedeihen lassen würde.“ Das Gesetz wurde 1975 im schwedischen Parlament einstimmig beschlossen. Es war nur elf Jahre her gewesen, daß David Schwarz seinen ersten Essay veröffentlichte.

Wie Eckehart hervorhebt, wird die Dynamik, die zu dem schnellen Triumphmarsch des Multikulturalismus in Schweden führt, perfekt in dieser Beobachtung des Ethnologen Frank Salter ausgedrückt:

Minderheiten haben einen Vorteil im ethnischen Konkurrenzkampf, indem sie mehr mobilisiert sind als Mehrheiten. Mobilisierung ist die Bereitschaft, für eine Sache Opfer zu bringen, zum Beispiel, indem man Geld, Zeit und Arbeit zur Verfügung stellt. Sogar eine kleine Gruppe mit begrenzten Ressourcen kann einen überproportionalen Einfluß ausüben, wenn ihre Mitglieder stark mobilisiert sind und ihre Gegner, wenn auch zahlenmäßig überlegen, gleichgültig sind.

Es hat sich herausgestellt, deß der Fluch demokratischer Staaten in unserer Zeit nicht die „Tyrannei der Mehrheit“ ist, wie von Alexis de Tocqueville vorhergesagt, sondern eine „Tyrannei der Minderheiten“ – stark motivierter und politisch aktivistischer Minderheiten über naive und selbstzufriedene einheimische Mehrheiten.

Wie der Autor bemerkt, bringen nahezu alle politischen Veränderungen Gewinner und Verlierer hervor. In der Verlagerung von einer assimilationistischen zu einer multikulturellen Politik gewannen in Schweden lebende Nicht-Schweden einen Sieg, indem sie die einheimische schwedische Bevölkerung dazu brachten, die Souveränität über das einzige geographische Gebiet auf der Welt abzutreten, das allein für das schwedische Volk und die schwedische Kultur bestimmt war.

*   *   *   *   *   *   *

Siehe auch:

Die jüdischen Ursprünge des Multikulturalismus in Schweden von Kevin MacDonald

Die Kultur der Kritik (7): Jüdische Mitwirkung an der Gestaltung der amerikanischen Einwanderungspolitik von Kevin MacDonald

Barbara Lerner-Spectre: „Ohne Multikulturalismus wird Europa nicht überleben“ von mir (Lucifex)

Die jüdischen Ursprünge der Bewegung für offene Grenzen von Andrew Joyce

Finden Sie die Korrelation: Reichtum versus Einwanderung von Dennis Mangan

Der freie Markt und Einwanderung: Zwei Gedankenspiele von Ted Sallis

Wie entsteht ein Meinungsumschwung? von Michael Springer mit einem Vor- und Nachwort von mir (Deep Roots)

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