Ägypten: Verfall, als Sieg verkleidet

Von Brett Stevens, übersetzt von Deep Roots. Das Original Egypt: Decay Disguised as Victory erschien am 10. Februar 2011 bei Counter-Currents Publishing.

Die Geschichte ist uns so vertraut wie unsere Lieblingsfilme aus Hollywood und Romane von Stieg Larsson: böse Industrielle, üblicherweise mit faschistischen Tendenzen, herrschen grausam über ein Land und unterdrücken das unschuldige Volk.

Ein paar einsame tapfere Stimmen heben sich heraus, werden eine Zeitlang ignoriert, dann kommt das Volk zu ihnen und vereinigt sich, und der daraus resultierende Mob stürzt den Diktator und rettet die Lage. Juhuu! Tuuut!

Der Film endet, bevor man sieht, wie sich das weiterentwickelt, denn 20 Jahre des Wiederaufbaus einer Regierung zu filmen ist nicht nur für die meisten Leute stinklangweilig, sondern erfordert auch, daß man sich ein paar harten Wahrheiten stellt. Es wird Blut fließen.

Während die ägyptischen Unruhen voranschritten, machte die Freßgier der Medien aus „unzufriedenen Studenten, die Ziegelsteine werfen“ eine ausgewachsene Revolution des Volkes für die Große Gerechtigkeit, und dann waren die Aufrührer so schlau, das genauso zu nennen.

Aber während die Tage verstrichen, ist mehr von der wahrlich interessanten Struktur unterhalb der Oberfläche aufgetaucht:

In einem Interview für den amerikanischen Nachrichtensender CNN, das morgen gesendet werden soll [d.Ü.: d. h. am 12. Februar], sagte David Cameron: „Ich denke, was wir brauchen, ist eine Reform in Ägypten. Ich meine, wir unterstützen Reformen und Fortschritt im Rahmen der breiteren Stärkung von Demokratie und Bürgerrechten und Rechtsstaatlichkeit.“

Die US-Regierung ist zuvor ein Unterstützer von Mr. Mubaraks Regime gewesen. Aber die durchgesickerten Dokumente zeigen das Ausmaß, in dem Amerika pro-demokratische Aktivisten in Ägypten unterstützt hat, während es Mr. Mubarak öffentlich als wichtigen Verbündeten im Nahen Osten lobte.

In einer geheimen diplomatischen Depesche, die am 30. Dezember 2008 abgeschickt wurde, vermerkte Margaret Scobey, die US-Botschafterin in Kairo, daß oppositionelle Gruppen angeblich geheime Pläne für einen „Regimewechsel“ entworfen hätten, der vor den für September dieses Jahres angesetzten Wahlen hätte stattfinden sollen. – The Telegraph

Die USA benutzt ihre Anti-Kultur als neutralisierende Kraft. Wenn eure Regierung Ansichten hat, die uns nicht gefallen oder auch nur vielleicht nicht gefallen könnten, dann exportieren wir unseren unfähig machenden Lebensstil zu euch. Wenn es auch in eurem Land Demokratie, Konsumismus und Narzissmus gibt, dann werdet ihr sein wie wir: unfähig zu handeln außer in Umständen, wo „er uns zuerst angegriffen hat“, und immer passiv-aggressiv.

Nur daß ihr, nun, keine Supermacht seid, daher könnt ihr nicht mal halbwegs effektiv sein. Aber euer Volk wird sich für glücklich halten. Es wird McDonald’s und Coca Cola, „Freiheit“ (die niemand definieren wird), sexuelle Befreiung, Sozialstaat etc. haben. Alle Annehmlichkeiten werden gratis sein. Ihr werdet sie mit der ältesten Bestechung gekauft haben, die die Menschheit kennt. Das wird sie und euch als Nation ineffektiv, dekadent und höchstwahrscheinlich willfährig gegenüber den Wünschen eurer Lieblings-Supermacht halten.

Ein guter Aufwiegler – oder Verkäufer – weiß, daß jede Person auf Erden einen schwachen Punkt hat. Irgendetwas ist nach ihrer Weltsicht nicht richtig, daher können sie manipuliert werden. Diese unansehnlichen Haare gefallen Ihnen nicht? Sie halten es für schrecklich, wie wir die Eskimos behandeln? Hätten Sie gern, daß die Straßen rosa angemalt wären? Nun denn: wir haben eine Lösung (Produkt) für Sie!

Als Folge davon neigen Revolutionen dazu, ideologische Ausdrucksformen für psychologisches Unbehagen zu finden. In Ägypten war es nicht „Freiheit“ – es war eine wachsende Bevölkerung, was bedeutet, daß die Leute sich gegenseitig von den Bedürfnissen der jeweils anderen unterdrückt fühlten, und sie wollen mit Annehmlichkeiten bestochen werden, wenn sie in einer sterbenden Gesellschaft leben werden müssen:

Die Wahrheit ist, daß es für die begrenzten Ressourcen des Landes einfach zu viele Menschen gibt. Als Mubarak 1981 an die Macht kam, waren es 44 Millionen. Heute sind es 83 Millionen, und die meisten leben in einem schmalen Streifen im Niltal, der nur etwas mehr als drei Prozent des Landes einnimmt.

Die Regierung muß den Bestand an Wohnbauten verdoppeln, die Straßen- und Schienennetze verdoppeln, und in einem Wüstenland mit wenig Regen die Bewässerung stark erweitern, um die Bevölkerung zu ernähren.

Ägypten muß zum größten Weizenimporteur der Welt werden. Die Inflation der Nahrungsmittelpreise liegt jetzt bei 17 %, und Ökonomen sagen, daß der Lebensstandard niedriger ist als 1911, als nur 12 Millionen Münder zu füttern waren.

Erst letzten November warnte der Ökonom Hamdi Abdel-Azim: „Wenn der Anstieg der Nahrungsmittelkosten weitergeht, wird es eine Explosion des Volkszorns gegen die Regierung geben.“

Abgesehen davon ist Mubarak sich schon seit langem der dräuenden Krise akut bewußt. 2008 verzierten Transparente die Straßen von Kairo und baten: „Bevor ihr noch ein Baby hinzufügt, stellt sicher, daß seine Bedürfnisse gesichert sind.“ – The Express

Überbevölkerung findet nicht wegen Regierungen statt, besonders nicht wegen totalitären Regierungen. Sie findet statt, weil Regierungen nicht totalitär genug sind, um die Fortpflanzung zu regulieren, wie es in China gemacht wurde. Mubarak „beschwor“ seine Bevölkerung, aber wenn er die Revolution abwenden wollte, müßte er Abtreibungen obligatorisch machen, bis die Bevölkerung unter Kontrolle wäre. Stattdessen bekommt er diese Revolution.

Menschen haben eine widerliche Gewohnheit, ihre verdeckten Wünsche und Frustrationen als ideologische Bedürfnisse zu verkleiden. Ideologie dürfte als Folge davon die toteste Kategorie menschlicher Ideen sein, weil die meisten Ideologien Rechtfertigungen für Resultate zu sein scheinen, die die tatsächlichen Impulse zu diesem Resultat verbergen.

Es erinnert mich an das College, als ungefähr im zweiten Studienjahr die meisten männlichen Schüler „feministisch“ wurden, um an dem sexuellen Smorgasbord teilhaben zu können, das vor unseren Augen paradierte. Wenn man das Richtige in versponnener konzeptueller Sprache sagt, bekommt man das richtige Ergebnis in praktischer irdischer Realität.

Die Regierung der Vereinigten Staaten und das Volk von Ägypten verbergen sich beide hinter „Freiheit“ und „Demokratie“ als Ausreden für die Manipulation einer schlimmen Situation in eine schlimmere. Was geschieht, wenn der Volksgeschmack sich der Gewalt zuwendet? Niemand dachte zu der Zeit daran; zukünftige Geschichtsbücher werden es offenbaren.

Ursprüngliche Quelle: http://www.amerika.org/politics/egypt-decay-disguised-as-victory/

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Siehe auch:

Ägyptens wahre Probleme: Niedriger IQ und eine Kultur des Mißtrauens von Joe Webb

Twitterer der Welt, vereinigt euch! (Teil 3) von Kerry Bolton

White Man’s Burden, ein von mir übersetztes Haaretz-Interview von Ari Shavit mit den jüdisch-amerikanischen Neocons Bill Kristol, Charles Krauthammer und Thomas Friedman zum (((amerikanischen))) „Regime change“-Aktivismus im arabischen Raum

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Ein Kommentar

  1. Anfang der 90er ging es in Algerien recht heftig zu, man las dazu, daß die ihre Zahl von 1960 – 1990 verdreifacht hätten…

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