Volkssagen aus Österreich: Die Perchtl

frau-perchta

Von Lichtschwert, ursprünglich veröffentlicht auf Nord-Licht.

 

Die heutige Nacht auf den Dreikönigstag ist die letzte der Rauhnächte, die „Perchtlnacht“, in der nach dem alten Volksglauben die Frau Perchta, auch Perchtl oder Berchtl genannt, umgehen soll. Es gibt viele Sagen um sie; diese hier stammt aus Niederösterreich:

DIE BERCHTL-OHRFEIGE

In den Rauhnächten, in denen nach dem Volksmund alle Geister los sind und ihr Unwesen treiben, zieht auch die Frau Berchtl um und wandert über Berg und Tal. Sie erscheint bald als riesiges, uraltes Weib, bald in Gestalt einer schönen Dame von edlem Aussehen. Doch stets trägt sie als untrügliches Zeichen eine lange Nase. Um die Mitternachtsstunde hält sie gerne Einkehr in den Bauernhäusern, erfreut sich am Glück der Menschen und segnet die Wohnplätze der Guten. Den emsigen Mägden schenkt sie Spindeln und spinnt zuweilen selbst des Nachts für sie, so daß am Morgen alle Spulen gefüllt sind.

Doch wehe, wenn sie merkt, daß in einem Hause die Faulheit regiert! Trägt die spitze Kunkel des Spinnrades zu Silvester noch Flachs vom vergangenen Jahr, so verwirrt sie voll Zorn das Garn, besudelt den Rocken und zertritt die Spindeln. In einem solchen Haushalt ruht das ganze kommende Jahr kein Segen auf der Arbeit. Darum scheuern die klugen Mägde gegen Jahresende stets gründlich Haus und Hof und nehmen sorgfältig den Flachs, der nicht abgesponnen wurde, vom Rocken herab, damit ihnen ja nichts übel ausgelegt wird.

Am Berchtltag, dem Vorabend des Dreikönigstages, trippeln hinter der Frau Berchtl in langer Reihe die armen, zarten „Zoderwascherln“ einher; es sind dies die Seelen der ungetauft verstorbenen Kinder. In manchen Gegenden will es der Brauch, an diesem Abend nach der Mahlzeit eine Schüssel voll Semmelmilch für die Berchtl und ihre Kinder auf den geeckten Tisch zu stellen. Setzt sie sich dann mit den Zoderwascherln nieder und nippt von der Milchspeise, so will sie dabei unbeobachtet sein. Dem Neugierigen, der es wagt, sie zu belauschen, kann es übel ergehen.

Lebte da in einem Dorf im Ybbstal vor vielen Jahren ein fauler Knecht. Der saß einmal am Abend vor dem Dreikönigstag im Wirtshaus und ging erst spät von dort durch die Nacht nach Hause. Schnee lag über Berg und Tal, und ein eisiger Wind pfiff ihm um die Ohren.

Als er gerade über die Brücke schritt, die über die Ybbs führt, hörte er ein seltsames Raunen und Rauschen. Neugierig wandte er sich um und sah die Berchtl mit ihren Kinderchen des Weges kommen. Die armen Zoderwascherln waren nur mit einem Hemdchen bekleidet und folgten zitternd ihrer Führerin. Eines der Kinder konnte mit der übrigen Schar nicht Schritt halten und blieb ein Stück hinter den anderen zurück.

Mit diesem müden Kind hatte der Knecht Mitleid. Er fragte es: „Gelt, du armes Zoderwascherl, du kannst nimmer mit?“

Da lächelte das Kindlein vor Glück und erwiderte: „Ich danke dir, daß du mir einen Namen gegeben hast; nun bin ich erlöst!“ Darauf verschwand es im Dunkel der Nacht.

Die Frau Berchtl aber drehte sich flink um und gab dem Mann, der sie um ein Kindchen gebracht hatte, eine solche Ohrfeige, daß man lange Zeit die Spuren ihrer Finger an seiner Wange sehen konnte.

Die Ohrfeige hatte den Knecht jedoch noch nicht klug gemacht. Als er nach Hause kam, plagte ihn der Fürwitz, die Frau Berchtl bei ihrem nächtlichen Treiben zu belauschen. Hastig schritt er in die Stube, schlüpfte in den großen, noch warmen Zimmerofen und sah unverwandt zur Tür hin. Auf einmal wurde diese geöffnet, und ein altes, zerlumptes Mütterlein mit schneeweißem Haar trat keuchend über die Schwelle. Ein Heer zarter Kinder folgte ihr in langem Zug, und es schien, als ob die kleinen Dinger in der Stube gar keinen Platz fänden.

Nachdem auch das letzte Kind seine Füßchen über die Schwelle gesetzt hatte, schloß Frau Berchtl wortlos die Tür, machte Licht und setzte sich mit einem Teil ihrer Begleitung an den Tisch, um von der Semmelmilch zu kosten, die die Bäuerin bereitgestellt hatte. Nachdem sich die alte Frau gelabt hatte, stand sie auf und ging musternd in der Stube umher. Dabei betupfte sie mit den Fingern den Tisch, die Ofenbank und die Truhen und prüfte, ob auch gründlich Staub gewischt worden war. Hierauf humpelte sie zu den Spinnrocken und betrachtete sie sehr genau. Von dem einen, auf dem ein wenig Werg hing, riß sie alles herunter und zertrat die Spindel. Als sie aber einen anderen in vollster Ordnung fand, ließ sie das Rädchen schnurren und spann selbst ein schönes Stück Faden.

Während sie arbeitete, zupfte ein Kindchen sie an ihrem bunten Rocke und sagte: „Mutter, dort aus dem Ofen blitzen zwei Lichtlein heraus!“

„So? Lauf hin und lösche sie aus!“ erwiderte Frau Berchtl.

Da trippelte das Zoderwascherl heran und blies in das Ofenloch hinein. Der Knecht schrie auf – Frau Berchtl hatte ihm das Augenlicht genommen.

Am nächsten Tag erzählte der geblendete Knecht überall sein Unglück. Da riet ihm der Pfarrer, der in solchen Dingen Bescheid wußte: „Leg dich übers Jahr in der Berchtlnacht wieder in den Ofen, vielleicht gibt dir die Berchtl das Augenlicht zurück.“

Ein volles Jahr irrte der Knecht in völliger Blindheit umher. Als aber die Dreikönigsnacht anbrach, begab er sich in das nämliche Versteck und wartete.

Es dauerte nicht lange, da wurde die Tür wie von Geisterhänden aufgestoßen, und er vernahm leises Getrippel. Nach einer Weile sagte dieselbe Kinderstimme, die er das Jahr zuvor vernommen hatte: „Mutter, heute brennen keine Lichtlein im Ofen!“

Darauf sagte Frau Berchtl: „So zünd sie halt wieder an!“ Hurtig huschte das Kindchen zum Ofen und leuchtete mit einem Wachskerzchen ins Ofenloch hinein. Der Knecht stieß einen hellen Freudenschrei aus – er hatte sein Augenlicht wieder!

Als er kurze Zeit darauf aus dem Ofenloch hervorkroch, fand er wohl noch die zurückgelassenen brennenden Wachskerzlein, doch von Frau Berchtl und ihrem Gefolge war nichts mehr zu sehen.

*   *   *

In meiner Kindheit waren die Zoderwascherln durchaus noch sprichwörtlich, etwa in Form des mütterlichen Tadels: „Du kummst daher wia a Zoderwascherl!“ Auch in dieser Sage aus Tirol sind sie im Gefolge der Frau Perchta unterwegs:

DER BAUER MIT DER HACKE

In der Nacht vor dem Dreikönigstag ging einmal ein Bauer aus dem Virgental von Windisch-Matrei heim. Es war so stockdunkel, daß er die Finsternis mit den Händen hätte greifen können. Als er nun weiter ins Tal hineinkam, pfiff ihm ein eiskalter Wind, der Schnee vor sich hertrieb, entgegen, und es war dem guten Mann, der sonst eben nicht zu den furchtsamen Hennen gehörte, alles eher als heimelig zumute. Er sagte deshalb, als er die Brücke erreicht hatte, von der er es nicht mehr weit bis zu seinem Hause hatte, fein andächtig: „Gott sei Lob und Dank!“ Aber da hörte er mit einemmal drüben auf der anderen Seite ein seltsames Gemurmel von vielen Stimmen; es war, als käme die wilde Jagd daher. Er hatte die Absicht, auf jeden Fall einer nächtlichen Begegnung auszuweichen, möge es sein, was es wolle, und stieg eiligst unter die Brücke hinab. Dort setzte er sich auf einen Stein, bis zu dem das Schneegestöber nicht gekommen war.

Bald danach vernahm er auch schon viele Schritte auf der Brücke, und als sie diese verlassen hatten, sagte eine weibliche Stimme: „Wartet, Kinder! Unter der Brücke ist ein Stock, in den muß ich diese Hacke hauen!“ Und schon stand die Frau Perchtl vor dem Bauern und schlug eine Hacke derart kräftig in sein Knie, daß sie fest darin steckenblieb. Die gespenstische Frau verschwand hierauf wie Nebel in der Sonne. Nun ächzte und stöhnte der Mann und wollte das Eisen aus dem Knie ziehen; es war aber vergeblich. Traurig humpelte er nach Hause und suchte von da an Hilfe bei vielen Ärzten weit und breit. Doch keiner konnte ihm helfen, und die Hacke blieb, ohne ihm besondere Schmerzen zu machen, in seinem Knie.

Als beinahe ein Jahr vergangen war, hatte der Bauer einen guten Einfall. Diesem zufolge ging er in der Dreikönigsnacht wieder zur Brücke hinaus und setzte sich auf denselben Stein. „Vielleicht kommt die Perchtl heuer neuerdings und holt sich die Hacke hier ab!“ dachte er bei sich – und wirklich, er täuschte sich nicht.

Um die Mitternachtstunde hörte er sie mit ihrem ganzen Gefolge über die Brücke gehen, und als sie drüben waren, sagte sie: „Wartet! Voriges Jahr habe ich da unten in einen Stock meine Hacke gehauen, die muß ich mir jetzt mitnehmen!“ Kaum hatte sie das gesagt, stand sie auch schon bei dem Bauern, zog schnell das Eisen aus seinem Knie und war alsbald wieder verschwunden.

Da jetzt der Bauer nicht einmal mehr spürte, wo die Hacke gesteckt war, wurde er froh und ging voller Freude hinaus. Diesmal war er lustiger als vor einem Jahr.

Noch lange danach versuchte er zu ergründen, warum Frau Perchtl gerade ihn heimgesucht hatte und was sie wohl damit bezweckte. Schließlich meinte er, sie wollte ihm vielleicht zeigen, daß man auch unverschuldet von einem Unheil betroffen werden könne, daß aber Geduld und gute Eingebungen auch schwere Heimsuchungen zu heilen vermögen.

Rauhnachtsagen:

Steiermark – Die wilde Jagd

Perchtlsagen:

Steiermark – Die Frau Perchtl

http://www.sagen.at/index.html

*   *   *

Gefunden:  hier

Siehe auch Volkssagen aus Österreich: Rauhnächte

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