Die Kultur der Kritik (2) – Die Boas’sche Schule der Anthropologie und der Niedergang des Darwinismus in den Sozialwissenschaften

Von Prof. Kevin MacDonald, übersetzt von Deep Roots (ursprünglich veröffentlicht auf „As der Schwerter“). Das Original „The Culture of Critique“ erschien 1998 bei Praeger Publishers und die mir vorliegende Paperback-Ausgabe 2002 bei 1st Books Library (ISBN 0-7596-7222-9). Ich erhebe keinen Anspruch auf eine wie auch immer geartete Vergütung für die Verwendung dieser Übersetzung durch den Verfasser, Professor Kevin MacDonald, für eine Veröffentlichung in Buchform oder in irgendeiner sonstigen Weise.

(I will not claim any reward whatsoever from the author, Professor Kevin MacDonald, should he publish this translation in printed or any other form)

Zuvor veröffentlicht:

Die Kultur der Kritik: Vorwort von Professor Kevin MacDonald

Die Kultur der Kritik: Vorwort von Professor Kevin MacDonald zur ersten Paperback-Ausgabe

Die Kultur der Kritik (1) – Juden und die radikale Kritik an der nichtjüdischen Kultur: Einführung und Theorie

 

Die Boas’sche Schule der Anthropologie und der Niedergang des Darwinismus in den Sozialwissenschaften

Wenn… wir Margaret Meads Coming of Age in Samoa als Utopia behandeln würden, nicht als Ethnographie, dann würden wir es besser verstehen und eine Menge sinnloser Debatten sparen. (Robin Fox, 1989, S. 3)

Mehrere Autoren haben die „radikalen Veränderungen“ angesprochen, die es in den Zielen und Methoden der Sozialwissenschaften als Folge des Einzugs von Juden in diese Fachrichtungen gegeben hat (Liebman 1973, S. 213; siehe auch Degler 1991; Hollinger 1996; Horowitz 1993, S. 75; Rothman & Lichter 1982). Degler (1991, S. 188ff) merkt an, daß die Verlagerung weg vom Darwinismus als fundamentales Paradigma der Sozialwissenschaften aus einer ideologischen Verschiebung resultierte statt aus dem Auftauchen irgendwelcher neuer empirischer Daten. Er merkt auch an, daß jüdische Intellektuelle entscheidend am Niedergang des Darwinismus und anderer biologischer Anschauungen in der amerikanischen Sozialwissenschaft seit den 1930ern beteiligt gewesen sind (S. 200). Die Gegnerschaft jüdischer Intellektueller zum Darwinismus ist seit langem bemerkt worden (Lenz 1931, S. 674, siehe auch Kommentare von John Maynard Smith in Lewin [1992, S. 43]).58

In der Soziologie hatte das Erscheinen jüdischer Intellektueller in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg „ein Ausmaß der Politisierung“ zur Folge, „das den Gründervätern der Soziologie unbekannt war. Es ist nicht nur daß die Namen Marx, Weber und Durkheim jene von Charles Darwin und Herbert Spencer ersetzten, sondern auch daß das Gefühl von Amerika als einvernehmlicher Erfahrung einem Gefühl von Amerika als einer Abfolge von miteinander in Konflikt stehenden Definitionen wich“ (Horowitz 1993, S. 75). In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Soziologie „in solchem Ausmaß von Juden bevölkert, daß es reichlich Witze darüber gab: man bräuchte keine Synagoge; den Minjan [d. h. die für einen gemeinsamen Gottesdienst erforderliche Mindestzahl von Juden] könnte man in den Soziologie-Fakultäten finden; oder, daß man keine Soziologie des jüdischen Lebens bräuchte, weil die beiden synonym geworden seien“ (Horowitz 1993, S. 77). In der Tat entspricht der ethnische Konflikt innerhalb der amerikanischen Soziologie in bemerkenswertem Ausmaß dem ethnischen Konflikt in der amerikanischen Anthropologie, die ein Thema dieses Kapitels ist. Hier wurde der Konflikt zwischen linken jüdischen Sozialwissenschaftlern und einem konservativen, empirisch orientierten protestantischen Establishment ausgetragen, das schließlich in den Hintergrund gedrängt wurde:

Die amerikanische Soziologie hat mit den gegensätzlichen Ansprüchen jener gekämpft, die von physischem Neid befallen waren, und von Forschern… die sich mehr mit den Dilemmas der Gesellschaft befaßten. In diesem Ringen kamen die protestantischen Mandarine der positivistischen Wissenschaft aus dem Mittleren Westen oft in Konflikt mit Juden von der Ostküste, die ihrerseits mit ihren eigenen marxistischen Engagements zu ringen hatten; großartige quantitative Forscher aus dem Ausland, wie Paul Lazarsfeld in Columbia, strebten danach, die Selbstzufriedenheit der einheimischen Erbsenzähler zu stören. (Sennett 1995, S. 43)

Dieses Kapitel wird die ethnopolitische Agenda von Franz Boas hervorheben, aber es ist auch wert, die Arbeit des französisch-jüdischen strukturalistischen Anthropologen Claude Lévi-Strauss zu erwähnen, weil er ähnlich motiviert zu sein scheint, obwohl die französische strukturalistische Bewegung als Ganzes nicht als jüdische intellektuelle Bewegung gesehen werden kann. Lévi-Strauss hat ausgiebig mit Boas interagiert und seinen Einfluß anerkannt (Dosse 1997 I, S. 15, 16). Lévi-Strauss seinerseits war in Frankreich sehr einflußreich, wobei Dosse (1997 I, xxi) ihn als „den gemeinsamen Vater“ von Michel Foucault, Louis Althusser, Roland Barthes und Jacques Lacan beschreibt. Er hatte eine starke jüdische Identität und eine tiefe Sorge wegen des Antisemitismus (Cuddihy 1974, S. 151ff). Als Antwort auf eine Behauptung, daß er „das Musterbild eines jüdischen Intellektuellen“ sei, sagte Lévi-Strauss:

Gewisse mentale Haltungen sind vielleicht unter Juden häufiger als anderswo… Haltungen, die von dem tief empfundenen Gefühl der Zugehörigkeit zu einer nationalen Gemeinschaft kommen, während man weiß, daß es inmitten dieser Gemeinschaft Menschen gibt – immer weniger, wie ich zugebe -, die einen ablehnen. Man hält sein Gespür empfangsbereit, begleitet von dem irrationalen Gefühl, daß man in allen Umständen ein wenig mehr als andere Leute tun muß, um potentielle Kritiker zu entwaffnen. (Lévi-Strauss & Eribon 1991, S. 155 – 156)

Wie bei vielen hier behandelten jüdischen Intellektuellen zielten Lévi-Strauss’ Schriften darauf ab, kulturelle Unterschiede zu bewahren und den Universalismus des Westens zu unterwandern, eine Position, die die Position des Judentums als sich nicht assimilierende Gruppe bestätigt. Wie Boas lehnte Lévi-Strauss biologische und evolutionäre Theorien ab. Er theoretisierte, daß Kulturen wie Sprachen beliebige Kollektionen von Symbolen ohne natürliche Beziehungen zu ihren Trägern seien. Lévi-Strauss lehnte die Theorie der westlichen Modernisierung zugunsten der Idee ab, daß es keine überlegenen Gesellschaften gäbe. Die Rolle des Anthropologen sollte die eines „natürlichen Subversiven oder überzeugten Gegners traditioneller Gepflogenheiten“ in westlichen Gesellschaften sein (in Cuddihy 1974, S. 155), während er die Tugenden nichtwestlicher Gesellschaften respektiert und sogar romantisiert (siehe Dosse 1997 II, S. 30). Der westliche Universalismus und Ideen von Menschenrechten wurden als Masken für Ethnozentrismus, Kolonialismus und Genozid gesehen:

Lévi-Strauss’ bedeutendste Werke wurden alle während des Auseinanderbrechens des französischen Kolonialreiches veröffentlicht und trugen enorm dazu bei, wie es von Intellektuellen verstanden wurde… Seine eleganten Schriften bewirkten eine ästhetische Verwandlung bei seinen Lesern, die subtil dazu gebracht wurden, sich dafür zu schämen, Europäer zu sein… Er beschwor die Schönheit, Würde und nicht reduzierbare Fremdheit der Kulturen der Dritten Welt, die einfach versuchten, ihre Verschiedenheit zu bewahren… Seine Schriften sollten bald den Verdacht unter der Neuen Linken nähren… daß all die universalen Ideen, für die Europa Loyalität beanspruchte – Vernunft, Wissenschaft, Fortschritt, liberale Demokratie – kulturspezifische Waffen seien, dazu gemacht, den nichteuropäischen Anderen seines Andersseins zu berauben. (Lilla 1998, S. 37)

Degler (1991, S. 61) betont die Rolle von Franz Boas in der anti-darwinistischen Umwandlung der amerikanischen Sozialwissenschaft: „Boas’ Einfluß auf die amerikanischen Sozialwissenschaftler in Sachen Rasse kann kaum übertrieben werden.“ Boas führte einen „lebenslangen Angriff gegen die Idee, daß Rasse eine primäre Quelle der Unterschiede sei, die in den geistigen oder sozialen Fähigkeiten menschlicher Gruppen zu finden sind. Er erfüllte seine Mission großteils durch seine unaufhörliche, beinahe unerbittliche Artikulation des Konzeptes der Kultur“ (S. 61.). „Boas entwickelte in Amerika fast im Alleingang das Konzept der Kultur, das mit der Zeit die Rasse wie ein starkes Lösungsmittel aus der Literatur der Sozialwissenschaft löschen würde“ (S. 71).

Boas gelangte nicht durch unparteiische wissenschaftliche Nachforschung über eine schwierige, wenn nicht umstrittene Frage zu der Position… Es gibt keinen Zweifel, daß er ein tiefes Interesse daran hatte, Beweise zu sammeln und Argumente zu entwickeln, die eine ideologische Anschauung – den Rassismus – entkräften oder widerlegen würden, die er als einschränkend für Individuen und für die Gesellschaft nicht wünschenswert betrachtete… es gibt ein beharrliches Interesse daran, seine gesellschaftlichen Werte dem akademischen Zweig und der Öffentlichkeit aufzudrängen. (Degler 1991, S. 82 – 83)

Wie Frank (1997, S. 731) hervorhebt: „Das Überwiegen jüdischer Intellektueller in den frühen Jahren der Boas’schen Anthropologie und der jüdischen Identität der Anthropologen in nachfolgenden Generationen ist in Standard-Geschichtswerken der Disziplin heruntergespielt worden.“ Identifikation als Juden und das Verfolgen vermeintlicher jüdischer Interessen, insbesondere bei der Befürwortung einer Ideologie des Kulturpluralismus als Modell für westliche Gesellschaften, sind das „unsichtbare Thema“ der amerikanischen Anthropologie gewesen – unsichtbar, weil die ethnische Identifikation und ethnischen Interessen ihrer Verfechter durch eine Sprache der Wissenschaft maskiert worden sind, in der solche Identifikationen und Interessen öffentlich illegitim waren.

Boas wurde in einer „jüdisch-liberalen“ Familie aufgezogen, in der die revolutionären Ideale von 1848 einflußreich blieben.59 Er entwickelte eine „linksliberale Haltung, die… gleichzeitig wissenschaftlich und politisch ist“ (Stocking 1968, S. 149). Boas heiratete innerhalb seiner Volksgruppe (Frank 1997, S. 733) und befaßte sich seit einer frühen Zeit in seinem Leben intensiv mit dem Antisemitismus (White 1966, S. 16). Alfred Kroeber (1943, S. 8) erzählte eine Geschichte, „die Boas im Vertrauen mitgeteilt haben soll, die aber nicht verbürgt ist,… daß er, nachdem er in einem öffentlichen Café eine antisemitische Beleidigung hörte, denjenigen, der sie geäußert hatte, zur Tür hinauswarf und gefordert wurde. Am nächsten Morgen bot sein Widersacher an, sich zu entschuldigen, aber Boas bestand darauf, das Duell auszutragen. Ob apokryph oder nicht, die Geschichte paßt absolut zum Charakter des Mannes, wie wir ihn in Amerika kennen.“ In einem Kommentar, der viel über Boas’ Identifikation als Juden wie auch über seine Sicht auf Nichtjuden sagt, erklärte Boas als Antwort auf eine Frage dazu, wie er beruflichen Umgang mit Antisemiten wie Charles Davenport haben könne: „Wenn wir Juden uns dazu entscheiden müßten, nur mit Nichtjuden zusammenzuarbeiten, bei denen bestätigt ist, daß sie zu hundert Prozent frei von Antisemitismus sind, mit wem könnten wir dann jemals wirklich arbeiten?“ (in Sorin 1997, S. 632n9). Außerdem war Boas, wie es unter jüdischen Intellektuellen in mehreren historischen Epochen üblich war, zutiefst von der nichtjüdischen Kultur entfremdet und ihr feindlich gesinnt, insbesondere gegenüber dem kulturellen Ideal der preußischen Aristokratie (Degler 1991, S. 200; Stocking 1968, S. 150). Als Margaret Mead Boas dazu überreden wollte, sie ihre Forschungen auf den Südseeinseln betreiben zu lassen, „stieß sie auf einen sicheren Weg, ihn zur Änderung seiner Meinung zu bewegen. ‚Ich wußte, daß es eines gab, das für Boas mehr zählte als die Richtung, die die anthropologische Forschung nahm. Dies war, daß er sich wie ein liberaler, demokratischer, moderner Mann verhalten sollte, nicht wie ein preußischer Autokrat.’ Die Masche funktionierte, weil sie tatsächlich den Kern seiner persönlichen Werte entdeckt hatte“ (Degler 1991, S. 73).

Ich schließe daraus, daß Boas sich stark als Jude identifizierte und daß er zutiefst wegen des Antisemitismus besorgt war. Auf Grundlage des Folgenden ist es vernünftig anzunehmen, daß seine Befassung mit dem Antisemitismus ein Haupteinflußfaktor bei der Entwicklung der amerikanischen Anthropologie war.

In der Tat kann man schwer die Schlußfolgerung vermeiden, daß ethnischer Konflikt eine Hauptrolle bei der Entwicklung der amerikanischen Anthropologie gespielt hat. Boas’ Ansichten standen in Konflikt mit der damals vorherrschenden Idee, daß Kulturen sich in einer Reihe von Entwicklungsstadien entwickelt hatten, die als Wildheit, Barbarei und Zivilisation etikettiert wurden. Die Stadien wurden mit Rassenunterschieden assoziiert, und die moderne europäische Kultur (und insbesondere, nehme ich an, die verhasste preußische Aristokratie) war das höchste Niveau dieser Abstufung. Wolf (1990, S. 168) beschreibt den Angriff der Boasianer als die Infragestellung „des moralischen und politischen Monopols einer [nichtjüdischen] Elite, die ihre Herrschaft mit der Behauptung gerechtfertigt hatte, daß ihre überlegene Tugend das Ergebnis des Evolutionsprozesses sei.“ Boas’ Theorien sollten auch die rasseorientierten Theorien von Houston Stewart Chamberlain (siehe SAID, Kap. 5) und amerikanischer Eugeniker wie Madison Grant kontern, dessen Buch The Passing of the Great Race (1921, S. 17) sehr kritisch gegenüber Boas’ Forschungen über Umwelteinflüsse auf die Schädelgröße war. Das Ergebnis war, daß „[Boas’ Anthropologie] in Botschaft und Zweck eine ausdrücklich antirassistische Wissenschaft war“ (Frank 1997, S. 741).

Grant charakterisierte jüdische Einwanderer als rücksichtslos eigennützig, wohingegen amerikanische Nordische Rassenselbstmord begingen und zuließen, „mit dem Ellbogen“ aus ihrem eigenen Land gedrängt zu werden (1921, S. 16, 91). Grant glaubte auch, daß Juden eine Kampagne zur Diskreditierung von Rassenforschung betrieben:

Es ist nahezu unmöglich, in den amerikanischen Zeitungen irgendwelche Überlegungen über gewisse Religionen oder Rassen zu veröffentlichen, die hysterisch empfindlich sind, wenn sie namentlich genannt werden… Im Ausland sind die Zustände genauso schlimm, und wir haben die Autorität eines der angesehensten Anthropologen in Frankreich, daß die Sammlung anthropologischer Messungen und Daten unter französischen Rekruten beim Ausbruch des Großen Krieges durch jüdischen Einfluß verhindert wurde, der darauf abzielte, jede Behauptung von Rassenunterschieden in Frankreich zu unterdrücken. (1921, xxxi-xxxii)

Eine bedeutende Technik der Boas’schen Schule bestand darin, allgemeine Theorien zur menschlichen Evolution in Zweifel zu ziehen, wie jene, die Entwicklungsschritte voraussetzten, indem sie die große Vielfalt und die chaotischen Details menschlichen Verhaltens betonte wie auch die Relativität von Maßstäben zur Bewertung von Kulturen. Die Boasianer behaupteten, daß Theorien über kulturelle Evolution auf eine detaillierte Katalogisierung der kulturellen Vielfalt warten müßten, aber in Wirklichkeit gingen im nachfolgenden halben Jahrhundert ihrer Vorherrschaft in der Fachrichtung keine allgemeinen Theorien aus diesen gesammelten Forschungsarbeiten hervor (Stocking 1968, S. 210). Wegen ihrer Ablehnung grundlegender wissenschaftlicher Tätigkeiten wie Verallgemeinerung und Klassifizierung könnte die Boas’sche Anthropologie somit mehr als Anti-Theorie charakterisiert werden statt als eine Theorie zur menschlichen Kultur (White 1966, S. 15). Boas war auch gegen die Erforschung der menschlichen Genetik – was Derek Freeman (1991, S. 198) als seine „obskurantistische Abneigung gegen die Genetik“ bezeichnet.

Boas und seine Schüler befaßten sich intensiv mit der Durchsetzung einer ideologischen Agenda innerhalb des amerikanischen anthropologischen Forschungszweigs (Degler 1991; Freeman 1991; Torrey 1992): Boas und seine Mitarbeiter hatten ein Gefühl der Gruppenidentität, ein Engagement für einen gemeinsamen Standpunkt und eine Agenda, die institutionelle Struktur der Anthropologie zu beherrschen (Stocking 1968, S. 279 – 280). Sie waren eine kompakte Gruppe mit einer klaren intellektuellen und politischen Agenda statt individualistische Sucher nach unparteiischer Wahrheit. Die Niederlage der Darwinisten „war nicht ohne beträchtliche Ermahnungen an ‚jeder Mutter Sohn’ erfolgt, für das ‚Recht’ einzustehen. Genausowenig war sie ohne einigen ziemlich starken Druck erreicht worden, der sowohl auf standhafte Freunde wie auch auf die ‚schwächeren Brüder’ ausgeübt wurde – oft durch die schiere Macht von Boas’ Persönlichkeit“ (Stocking 1968, 286).

Um 1915 kontrollierten die Boasianer die American Anthropological Association und hatten eine Zweidrittelmehrheit in ihrem Vorstand (Stocking 1968, S. 285). 1919 konnte Boas daher verkünden, daß „ der Großteil der anthropologischen Arbeit, die gegenwärtig in den Vereinigten Staaten geleistet wird“ von seinen Schülern in Columbia geleistet wurde (in Stocking 1968, S. 296). Um 1926 wurde jede größere anthropologische Fakultät von Boas’ Schülern geleitet, von denen die Mehrheit Juden waren. Sein Protégé Melville Herskovits (1953, S. 23) merkte an, daß die vier Jahrzehnte der Professur [von Boas] in Columbia seiner Lehre eine Kontinuität verschafften, die es ihm ermöglichte, Schüler zu entwickeln, die mit der Zeit den größeren Teil des bedeutenden professionellen Kerns amerikanischer Anthropologen ausmachten und die schließlich die meisten der größeren anthropologischen Fakultäten in den Vereinigten Staaten bemannten und leiteten. Sie bildeten ihrerseits die Schüler aus, die… die Tradition fortsetzten, in der ihre Lehrer geschult worden waren.

Laut Leslie White (1966, S. 26) waren Boas’ einflußreichste Schüler Ruth Benedict, Alexander Goldenweiser, Melville Herskovits, Alfred Kroeber, Robert Lowie, Margaret Mead, Paul Radin, Edward Sapir und Leslie Spier. Alle aus dieser „um ihren Führer versammelten kleinen, kompakten Gruppe von Gelehrten… “ (White 1966, S. 26) waren Juden, mit der Ausnahme von Kroeber, Benedict und Mead. Frank (1997, S. 732) erwähnt auch mehrere andere prominente jüdische Boas-Schüler der ersten Generation (Alexander Lesser, Ruth Bunzel, Gene [Regina] Weltfish, Esther Schiff Goldfrank und Ruth Landes). Sapirs Familie floh vor den Pogromen in Rußland nach New York, wo Jiddisch seine erste Sprache war. Obwohl er nicht religiös war, interessierte er sich früh in seiner Karriere zunehmend für jüdische Themen und betätigte sich später in jüdischem Aktivismus, insbesondere bei der Gründung eines prominenten Zentrums für jüdische Gelehrsamkeit in Litauen (Frank 1997, S. 735). Ruth Landes’ Hintergrund zeigt auch die ethnische Verknüpfung der Boas’schen Bewegung. Ihre Familie war in der jüdisch-linken Subkultur von Brooklyn prominent, und sie wurde Boas von Alexander Goldenweiser vorgestellt, einem engen Freund ihres Vaters und weiterem prominenten Schüler von Boas.

Im Gegensatz zur ideologischen und politischen Basis von Boas’ Motivation war Kroebers militante Betonung von Umwelteinflüssen und Verteidigung des Kulturkonzepts „gänzlich theoretischer und professioneller Natur“ (Degler 1991, S. 90). Weder seine privaten noch seine öffentlichen Schriften widerspiegeln die Aufmerksamkeit für Fragen der öffentlichen Politik betreffend Schwarze oder die allgemeinen Rassefragen im amerikanischen Leben, die in Boas’ beruflichem Schriftverkehr und seinen Veröffentlichungen so hervorstechend sind. Kroeber lehnte Rasse als analytisches Konzept genauso geradeheraus und gründlich ab wie Boas, aber er kam hauptsächlich durch die Theorie statt durch Ideologie zu dieser Position. Kroeber argumentierte „unsere Sache ist die Förderung der Anthropologie, statt Kämpfe im Namen von Toleranz in anderen Bereichen zu führen“ (in Stocking 1968, S. 286).60

Ashley Montagu war ein weiterer einflußreicher Schüler von Boas (siehe Shipman 1994, S. 159ff). Montagu, dessen ursprünglicher Name Israel Ehrenberg war, war ein öffentlich sehr präsenter Kreuzzügler im Kampf gegen die Vorstellung von Rassenunterschieden in geistigen Fähigkeiten. Er war sich seiner jüdischen Identität auch sehr bewußt und sagte bei einer Gelegenheit „wenn man als Jude großgezogen wird, weiß man, daß alle Nichtjuden Antisemiten sind… ich glaube, das ist eine gute Arbeitshypothese“ (in Shipman 1994, S. 166). Montagu behauptete, daß Rasse ein gesellschaftlich konstruierter Mythos ist. Menschen sind von Natur aus kooperativ (aber nicht von Natur aus aggressiv), und es gibt eine universale Brüderlichkeit unter Menschen – eine nach dem Zweiten Weltkrieg für viele sehr problematische Idee. Erwähnt sollte auch Otto Klineberg werden, ein Professor der Psychologie an der Columbia University. Klineberg war „unermüdlich“ und „erfinderisch“ in seinen Argumenten gegen die Realität von Rassenunterschieden. Er kam an der Universität von Columbia unter den Einfluß von Boas und widmete ihm sein 1935 erschienenes Buch Race Differences. Klineberg „machte es zu seiner Sache, für die Psychologie zu tun, was sein Freund und Kollege in Columbia [Boas] für die Anthropologie getan hatte: seine Fachdisziplin von rassischen Erklärungen für soziale Unterschiede zwischen Menschen zu befreien“ (Degler 1991, S. 179).

Es ist in dieser Hinsicht interessant, daß die Mitglieder der Boas’schen Schule, die das größte öffentliche Ansehen erlangten, zwei Nichtjuden waren, Benedict und Mead.61 Wie in mehreren anderen prominenten historischen Fällen (siehe Kap. 3 u. 4; SAID Kap. 6) wurden Nichtjuden zu den öffentlich sichtbaren Sprechern für eine Bewegung, die von Juden dominiert wurde. Tatsächlich rekrutierte Boas wie Freud Nichtjuden aus Sorge in seine Bewegung, „daß seine jüdische Identität seine Wissenschaft als parteiisch und somit kompromittiert erscheinen lassen würde“ (Efron 1994, S. 180).

Boas entwickelte die Idee zu Margaret Meads klassischer Studie über die Pubertät in Samoa mit einem Auge auf ihre Nützlichkeit in der Debatte über Veranlagung oder Umwelt aus, die zu der Zeit tobte (Freeman 1983, S. 60-61, S. 75). Das Resultat dieser Forschung war Coming of Age in Samoa – ein Buch, das die amerikanische Anthropologie in die Richtung der radikalen Verfechtung des Umwelteinflusses revolutionierte. Sein Erfolg stammte letztendlich von seiner Bewerbung durch Boas’ Schüler in anthropologischen Fakultäten an prominenten amerikanischen Universitäten (Freeman 1991). Dieses Werk und Ruth Benedicts Patterns of Culture waren auch sehr einflußreich unter anderen Sozialwissenschaftlern, Psychiatern und der breiten Öffentlichkeit, sodaß „es um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts für gebildete Amerikaner üblich war, über menschliche Unterschiede in kulturellen Begriffen zu sprechen und zu sagen, ‚die moderne Wissenschaft hat bewiesen, daß alle Menschenrassen gleich sind’“ (Stocking 1968, S. 306).

Boas zitierte selten Arbeiten von Leuten außerhalb seiner Gruppe, außer um sie zu verunglimpfen, wohingegen er wie bei Meads und Benedikts Werk die Arbeiten von Leuten innerhalb seiner Eigengruppe kräftig bewarb und zitierte. Die Boas’sche Schule der Anthropologie ähnelte somit schließlich in einem Mikrokosmos entscheidenden Merkmalen des Judentums als stark kollektivistische gruppenevolutionäre Strategie: ein hohes Maß an Identifikation mit der eigenen Gruppe, Ausschließungstaktiken und Zusammenhalt beim Verfolgen gemeinsamer Interessen.

Die Boas’sche Anthropologie ähnelte zumindest zu Boas’ Lebzeiten auch in einer anderen entscheidenden Weise dem traditionellen Judentum: Sie war stark autoritär und intolerant gegenüber abweichenden Meinungen. Wie im Fall von Freud (siehe Kap. 4) war Boas eine patriarchalische Vaterfigur, die jene stark unterstützte, die ihm zustimmten, und jene ausschloß, die das nicht taten: Alfred Kroeber betrachtete Boas als „einen wahren Patriarchen“, der „als starke Vaterfigur funktionierte und jene schätzte und unterstützte, mit denen er sich in dem Maß identifizierte, wie er fühlte, daß sie sich echt mit ihm identifizierten, aber was die anderen betrifft, distanziert und wahrscheinlich grundsätzlich gleichgültig, in kalter Weise feindselig, falls es der Anlaß erforderte“ (in Stocking 1968, S. 305 – 306). „Boas hatte all die Attribute des Oberhauptes eines Kultes, eines verehrten charismatischen Lehrers und Meisters, ‚buchstäblich angebetet’ von Schülern, deren ‚dauerhafte Loyalität effektiv bestätigt’ worden ist“ (White 1966, S. 25 – 26).

Wie im Fall von Freud war buchstäblich alles, was Boas tat, in den Augen seiner Schüler von monumentaler Bedeutung und rechtfertigte es, ihn unter die intellektuellen Giganten aller Zeiten zu plazieren. Wie Freud tolerierte Boas keine theoretischen oder ideologischen Differenzen mit seinen Schülern. Individuen, die dem Führer widersprachen oder persönliche Zusammenstöße mit ihm hatten, wie Clark Wissler und Ralph Linton, wurden einfach aus der Bewegung ausgeschlossen. White (1966, S. 26 – 27) stellt den Ausschluß von Wissler und Linton als etwas dar, das ethnische Obertöne hatte. Beide waren Nichtjuden. White (1966, S. 26 – 27) meint auch, daß George A. Dorseys Status als Nichtjude bei seinem Ausschluß aus der Boas-Gruppe trotz Dorseys intensiven Bemühungen, ein Mitglied zu sein, relevant war. Kroeber (1956, S. 26) beschreibt, wie George A. Dorsey, „ein amerikanischer Nichtjude und Ph. D. aus Harvard, in die auserwählte Gruppe aufgenommen zu werden versuchte, aber dabei scheiterte.“ Ein Aspekt seines Autoritarismus war, daß Boas maßgeblich daran beteiligt war, die Evolutionstheorie in der Anthropologie zu unterdrücken (Freeman 1990, S. 197).

Boas war der Inbegriff des Skeptikers und ein leidenschaftlicher Verteidiger methodischer Strenge, wenn es um Theorien über kulturelle Evolution und genetische Einflüsse auf individuelle Unterschiede ging, aber „die Beweislast lag leicht auf Boas’ eigenen Schultern“ (White 1966, S. 12). Obwohl Boas (wie Freud, siehe Kap. 4) seine Mutmaßungen in sehr dogmatischer Weise anstellte, „sind seine historischen Rekonstruktionen Schlußfolgerungen, Vermutungen und ungestützte Behauptungen, die vom Möglichen bis zum Absonderlichen reichen. Fast keine ist verifizierbar“ (White 1966, S. 13). Als unerbittlicher Feind von Verallgemeinerung und Theorieaufbau akzeptierte Boas trotzdem völlig die „absolute Verallgemeinerung, zu der [Margaret] Mead nach ein paar Monaten der Untersuchung des Verhaltens von Jugendlichen auf Samoa gekommen war“, obwohl Meads Ergebnisse vorherigen Forschungen auf dem Gebiet widersprachen (Freeman 1983, S. 291). Außerdem ließ Boas ohne Kritik zu, daß Ruth Benedict seine eigenen Daten über die Kwakiutl verzerrte (siehe Torrey 1992, S. 83).

Das gesamte Unternehmen könnte daher als höchst autoritäre politische Bewegung charakterisiert werden, die um einen charismatischen Führer zentriert war. Die Resultate waren außerordentlich erfolgreich: „Die Fachrichtung war als Ganzes innerhalb einer einzigen nationalen Organisation akademisch orientierter Anthropologen vereinigt. Im Großen und Ganzen teilten sie ein gemeinsames Verständnis der grundsätzlichen Bedeutung der historisch konditionierten Vielfalt menschlicher Kulturen bei der Bestimmung des menschlichen Verhaltens“ (Stocking 1968, S. 296). Forschungen über Rassenunterschiede hörten auf, und die Fachrichtung schloß Eugeniker und Rassentheoretiker wie Madison Grant und Charles Davenport völlig aus.

Um die Mitte der 1930er hatte die Boas’sche Sicht auf die kulturelle Bestimmtheit des menschlichen Verhaltens einen starken Einfluß auf Sozialwissenschaftler allgemein (Stocking 1968, S. 300). Die Anhänger von Boas wurden schließlich zu einigen der einflußreichsten akademischen Unterstützer der Psychoanalyse (Harris 1968, S. 431). Marvin Harris (1968, S. 431) stellt fest, daß die Psychoanalyse von der Boas’schen Schule wegen ihrer Brauchbarkeit als Kritik an der euro-amerikanischen Kultur übernommen wurde, und wie wir in späteren Kapiteln sehen werden, ist die Psychoanalyse in der Tat ein ideales Mittel der Kulturkritik. In den Händen der Boas’schen Schule wurde die Psychoanalyse völlig ihrer evolutionären Assoziationen entledigt, und es gab viel größere Zugeständnisse an die Bedeutung kultureller Variablen (Harris 1968, S. 433).62

Kulturkritik war auch ein wichtiger Aspekt der Boas’schen Schule. Stocking (1989, S. 215 – 216) zeigt, daß mehrere prominente Boasianer einschließlich Robert Lowie und Edward Sapir an der Kulturkritik der 1920er beteiligt waren, die sich um die Wahrnehmung der amerikanischen Kultur als übermäßig homogen, scheinheilig und emotional und ästhetisch unterdrückerisch (besonders hinsichtlich der Sexualität) zentrierte. Von zentraler Bedeutung für dieses Programm war die Schaffung von Ethnographien idyllischer Kulturen, die frei von den als negativ wahrgenommenen Merkmalen waren, die der westlichen Kultur zugeschrieben wurden. Unter diesen Boasianern kristallisierte sich die Kulturkritik als Ideologie des „romantischen Primitivismus“, in der bestimmte nichtweiße Kulturen die gewünschten Eigenschaften versinnbildlichten, die westliche Gesellschaften nachahmen sollten.

Kulturkritik war ein zentrales Merkmal der beiden prominentesten boasianischen Ethnographien, Coming of Age in Samoa und Patterns of Culture. Diese Arbeiten sind nicht nur unrichtig, sondern stellen Schlüsselthemen im Zusammenhang mit evolutionären Sichtweisen menschlichen Verhaltens in systematischer Weise falsch dar. Zum Beispiel wurden Benedicts Zuni als frei von Krieg, Mord und Befassung mit der Anhäufung von Reichtum beschrieben. Kinder wurden nicht diszipliniert. Sex wurde sorglos betrieben, mit wenig Sorge um Jungfräulichkeit, sexuelle Besitzgier oder Vertrauen in die Vaterschaft. Zeitgenössische westliche Gesellschaften sind natürlich das Gegenteil dieser idyllischen Paradiese, und Benedict empfiehlt, daß wir solche Kulturen studieren sollten, um „über die vorherrschenden Merkmale unserer eigenen Zivilisation zu urteilen“ (Benedict 1934, S. 249). Meads ähnliche Darstellung der Samoaner ignorierte ihre eigenen Beweise, die im Widerspruch zu ihrer These standen (Orans 1996, S. 155). Negativ wahrgenommene Verhaltensweisen von Meads Samoanern, wie Vergewaltigung und Sorge um Jungfräulichkeit, wurden westlichem Einfluß zugeschrieben (Stocking 1989, S. 245).

Beide dieser ethnographischen Darstellungen sind verheerender Kritik unterzogen worden. Das Bild dieser Gesellschaften, das zum Vorschein gekommen ist, ist weit kompatibler mit evolutionären Erwartungen als die von Benedict und Mead dargestellten Gesellschaften (siehe Caton 1990; Freeman 1983; Orans 1996; Stocking 1989). In der Kontroverse um Meads Arbeit haben manche Verteidiger Meads auf mögliche negative politische Implikationen der Entmythologisierung ihrer Arbeit hingewiesen (siehe z. B. die Zusammenfassung in Caton 1990, S. 226 – 227). Der stark politisierte Kontext der von diesen Forschungen erhobenen Fragen bleibt somit ungebrochen weiter bestehen.

In der Tat war eine der Konsequenzen des Triumphs der Boasianer, daß es fast keine Forschungen über Krieg und Gewalt unter den Völkern gab, die von Anthropologen studiert wurden (Keegan 1993, S. 90 – 94). Krieg und Krieger wurden ignoriert, und Kulturen stellte man sich als aus Mythenschöpfern und Geschenkemachern bestehend vor. (Orans [1996, S. 120] zeigt, daß Mead in ihrer Darstellung von Samoa systematisch Fälle von Vergewaltigung, Gewalt, Revolution und Konkurrenz ignorierte.) Nur fünf Artikel über die Anthropologie des Krieges erschienen während der 1950er. Bezeichnenderweise wurde, als Harry Turney-High 1949 seinen Band Primitive Warfare veröffentlichte, der die Universalität der Kriegführung und ihrer oft fürchterliche Brutalität dokumentierte, das Buch vom anthropologischen Berufsstand völlig ignoriert – ein weiteres Beispiel für die Ausschließungstaktiken, die unter den Boasianern gegen Meinungsabweichler verwendet wurden und die auch für die anderen in diesem Band behandelten intellektuellen Bewegungen charakteristisch sind. Turney-Highs massive Daten über nichtwestliche Völker standen in Konflikt mit dem Bild von ihnen, das von einem hoch politisierten akademischen Berufszweig favorisiert wurde, dessen Mitglieder diese Daten einfach gänzlich aus dem intellektuellen Diskurs ausschlossen. Das Ergebnis war eine „befriedete Vergangenheit“ (Keeley 1996, S. 163 ff) und eine Haltung des „Selbstvorwurfs“ (S. 179), wo das Verhalten primitiver Völker von Anstößigem gesäubert wurde, während das Verhalten europäischer Völker nicht nur als einzigartig böse heruntergemacht wurde, sondern auch als verantwortlich für alle existierenden Beispiele von Krieg unter primitiven Völkern. Aus dieser Sichtweise ist es nur die grundsätzliche Unzulänglichkeit der europäischen Kultur, die eine idyllische Welt frei von Konflikten zwischen Gruppen verhindert.

Die Realität ist natürlich sehr anders. Krieg war und bleibt ein wiederkehrendes Phänomen unter vorstaatlichen Gesellschaften. Untersuchungen weisen darauf hin, daß über 90 Prozent der Gesellschaften Krieg führen, wovon die große Mehrheit sich mindestens einmal pro Jahr in militärischen Aktivitäten betätigen (Keeley 1996, S. 27 – 32). Außerdem „werden, wann immer [anatomisch] moderne Menschen auf dem Schauplatz erscheinen, eindeutige Beweise für mörderische Gewalt häufiger, vorausgesetzt, daß es genügend Begräbnisstätten gibt“ (Keeley 1996, S. 37). Wegen ihrer Häufigkeit und der Schwere ihrer Folgen war primitive Kriegführung tödlicher als zivilisierte Kriegführung. Die meisten erwachsenen Männer in primitiven und prähistorischen Gesellschaften beteiligten sich an der Kriegführung und „erlebten innerhalb einer Lebensspanne wiederholt Kämpfe“ (Keeley 1996, S. 174).

JENSEITS VON BOAS: NEUERE BEISPIELE JÜDISCHER POLITISCHER AGENDAS, DIE DIE SOZIALWISSENSCHAFTLICHE FORCHUNG BEEINFLUSSEN

Der jüdische Einfluß auf die Sozialwissenschaften hat sich weit über Boas und die American Anthropological Association hinaus erstreckt. Hollinger (1996, S. 4) erwähnt „die Umwandlung der ethnoreligiösen Demographie des amerikanischen Universitätslebens durch Juden“ im Zeitraum von den 1930ern bis zu den 1960ern sowie den jüdischen Einfluß auf Trends hin zur Säkularisierung der amerikanischen Gesellschaft und bei der Förderung eines Ideals des Kosmopolitentums (S. 11). Schon in den 1940ern resultierte diese Umgestaltung in „einer säkularen, zunehmend jüdischen, entschieden links der Mitte angesiedelten Intelligenzia, die weitgehend, aber nicht ausschließlich auf den Fachgemeinden der Philosophie und der Sozialwissenschaften beruhte“ (Hollinger 1996, S. 160). Um 1960 machten Juden 20 Prozent der Kollegien amerikanischer Elitecolleges und –universitäten aus und 30 Prozent der „liberalsten“ Kollegien. Zu dieser Zeit stellten Juden, die weniger als 3 Prozent der Bevölkerung verkörperten, 25 Prozent der sozialwissenschaftlichen Kollegien an Eliteuniversitäten und 40 Prozent der liberalen Kollegien, die am meisten veröffentlichten (siehe Rothman & Lichter 1982, S. 103). Jüdische Akademiker unterstützten auch von den 1930ern bis zu den 1950ern mit weit größerer Wahrscheinlichkeit „progressive“ oder kommunistische Parteien. 1948 stimmten 30 Prozent des jüdischen Lehrkörpers für die Progressive Party, verglichen mit weniger als 5 Prozent beim nichtjüdischen Lehrkörper (Rothman & Lichter 1982, S. 103).

Boas, der ein Sozialist war, ist ein gutes Beispiel für die linke Neigung jüdischer Sozialwissenschaftler, und viele seiner Anhänger waren politische Radikale (Torrey 1992, S. 57).63

Ähnliche Verbindungen sind in der psychoanalytischen Bewegung und der Frankfurter Schule für Sozialforschung offensichtlich (siehe Kap. 4, 5) wie auch bei mehreren Kritikern der Soziobiologie, die in diesem Kapitel erwähnt werden (z. B. Jerry Hirsch, R. C. Lewontin und Steven Rose). Die Affinität jüdischer Intellektueller zur Linken ist ein allgemeines Phänomen und ist typischerweise gemeinsam mit einer starken jüdischen Identität und einem Gefühl der Verfolgung spezifisch jüdischer Interessen aufgetreten (siehe Kap. 3).

Stephen Jay Gould und Leon Kamin sind gute Beispiele für diese Trends. Goulds (1992) Ansicht zu gesellschaftlichen Einflüssen auf die Evolutionstheorie wurde in SAID (Kap. 5) erwähnt, und Gould selbst dürfte als primäres Beispiel für diese Verschmelzung persönlicher und ethnopolitischer Interessen beim Betreiben von Wissenschaft erscheinen. Gould ist ein leidenschaftlicher, viel publizierter Gegner evolutionärer Denkansätze zu menschlichem Verhalten gewesen. Wie viele der anderen prominenten Kritiker der Soziobiologie (z. B. J, Hirsch, L. Kamin, R. C. Lewontin und S. Rose; siehe Myers 1990) ist Gould Jude, und Michael Ruse (1989, S. 203) bemerkt, daß es ein sehr hervorstechendes Thema von Goulds The Mismeasure of Man (1981/1996a) war, wie an Erblichkeit orientierte Ansichten zur Intelligenz von „teutonischen Suprematen“ Anfang des Jahrhunderts benutzt worden waren, um Juden zu diskriminieren. Goulds Ansichten zu den IQ-Debatten der 1920er und ihre Verbindung mit der Einwanderungsfrage und schließlich dem Holocaust verdienen nähere Untersuchung. Sie veranschaulichen, wie Geschicklichkeit als Propagandist und ethnischer Aktivist mit einer sehr im Blickfeld stehenden und prestigereichen akademischen Position kombiniert werden kann, um einen bedeutenden Einfluß auf die Einstellungen der Öffentlichkeit in einem Forschungsbereich mit großen Auswirkungen für die öffentliche Politik auszuüben.

Ruse weist darauf hin, daß Goulds Buch sehr leidenschaftlich geschrieben und von Historikern der Psychologie „weithin kritisiert“ wurde, was darauf hindeutet, daß Gould seine Gefühle bezüglich Antisemitismus auf seine wissenschaftlichen Schriften über genetische Einflüsse auf individuelle Intelligenzunterschiede abfärben hat lassen. Ruse fährt wie folgt fort:

Es erscheint mir nicht gänzlich unplausibel zu behaupten, daß Goulds leidenschaftliche Haltung gegen die menschliche Soziobiologie mit der Furcht verbunden war, daß sie ein weiteres Mittel sei, das für antisemitische Zwecke benutzt werden könnte. Ich habe Gould einmal deswegen gefragt… Er wies die Idee nicht gänzlich zurück, neigte aber dazu zu glauben, daß die Gegnerschaft mehr aus dem Marxismus stamme, und wie es sich so ergibt, stammen die meisten amerikanischen Marxisten aus osteuropäisch-jüdischen Familien. Vielleicht spielten beide Faktoren mit. (Ruse 1989, S. 203)

Goulds Bemerkungen zeigen auf, daß die Rolle jüdischer Akademiker in der Bekämpfung darwinistischer Denkansätze bezüglich menschlichen Verhaltens oft gemeinsam mit einem starken Engagement für eine linke politische Agenda aufgetreten ist. Tatsächlich hat Gould zugegeben, daß seine Theorie von der Evolution als durchbrochene Gleichgewichtszustände für ihn als Marxisten attraktiv war, weil sie periodische revolutionäre Umbrüche in der Evolution postulierte statt konservativer allmählicher Veränderung. Gould erlernte seinen Marxismus „auf den Knien seines Daddys“ (siehe Gould 1996a, S. 39), was darauf hinweist, daß er als Teil der jüdisch-marxistischen Subkultur aufwuchs, die in Kapitel 3 besprochen wird. In einem neueren Artikel schwelgt Gould (1996c) in liebevoller Erinnerung an den Forward, eine politisch radikale, aber auch ethnisch bewußte jiddische Zeitung (siehe Kapitel 3) und sagt, daß er sich erinnert, daß viele seiner Verwandten die Zeitung täglich kauften. Wie Arthur Hertzberg (1989, S. 211 – 212) bemerkt: „Diejenigen, die den Forward lasen, wußten, daß die Entschlossenheit der Juden, jüdisch zu bleiben, außer Frage und Diskussion stand.“

Obwohl Goulds Familie keine jüdischen religiösen Rituale praktizierte, hielt seine Familie „an der jüdischen Kultur fest“ (Mahler 1996). Eine üblicher Bestandteil der jüdischen Kultur ist ein Gefühl der historischen Vorherrschaft des Antisemitismus (siehe SAID, Kap. 6), und Goulds Gefühl der historischen Unterdrückung der Juden kommt in seiner kürzlichen Rezension von The Bell Curve (Gould, 1994b) zum Vorschein, wo er Herrnsteins und Murrays (1994) Vorstellung von einer sozial geschlossenen Gesellschaft, in der jeder eine geschätzte Rolle hat, ablehnt: „Sie [Herrnstein und Murray] haben den Stadtjuden und die Bewohner auf der anderen Seite der Straße in vielen dieser idyllischen Dörfer vergessen.“ Gould wirft den historischen westlichen Gesellschaften eindeutig vor, daß sie die Juden nicht in ihre Gesellschaftsstrukturen der hierarchischen Harmonie und des sozialen Zusammenhalts einbezogen haben. In Kapitel 8 werde ich zu der Frage der Unvereinbarkeit des Judentums mit dieser urwestlichen Form der Gesellschaftsstruktur zurückkehren.

Kamin und Gould haben einen ganz ähnlichen Hintergrund in der linken jüdischen Subkultur, die in Kapitel 3 ausführlicher beschrieben wird, und sie teilen mit vielen amerikanischen Juden eine starke persönliche Feindseligkeit gegenüber den Einwanderungsgesetzen der 1920er (siehe Kapitel 7). Kamin, der Sohn eines eingewanderten Rabbis aus Polen, gibt zu, daß „die Erfahrung, als Jude in einer kleinen und vorwiegend christlichen Stadt aufzuwachsen, ihn stark für die Macht des sozialen Umfeldes bei der Persönlichkeitsformung sensibilisierte“ (Fancher 1985, S. 201) – ein Kommentar, der auch darauf hinweist, daß Kamin mit einer starken jüdischen Identität aufwuchs. Während er in Harvard war, trat Kamin der Communist Party bei und wurde Neuengland-Redakteur der Parteizeitung. Nach dem Austritt aus der Partei wurde er 1953 zum Ziel von Joseph McCarthys Anhörungen im Senatsunterausschuß. Kamin wurde der kriminellen Mißachtung des Kongresses angeklagt, weil er nicht alle Fragen des Unterausschusses beantwortete, und wegen Formfehlern freigesprochen. Fancher schreibt über Kamins Arbeit zum IQ, daß sie „wenig Anspruch auf ‚Objektivität’“ habe (S. 212) und meint, daß es eine Verbindung zwischen Kamins Hintergrund und seiner Position zum IQ gibt: „Zweifellos überlegend, daß seine eigene mitteleuropäische Familie [und, wie ich annehme, andere Juden] von den restriktiven Einwanderungsgesetzen hätte ausgeschlossen werden können, schloß Kamin, daß eine arrogante und unbegründete Annahme einer Erblichkeit des IQ dabei geholfen habe, in den 1920ern eine ungerechte Gesellschaftspolitik hervorzubringen“ (S. 208).

Kamin (1974a, b) und Gould (1981/1996a) sind bei der Verbreitung von Desinformation über die Rolle von IQ-Tests in den Einwanderungsdebatten der 1920er an vorderster Front gewesen. Snyderman und Herrnstein (1983, siehe auch Samelson 1982) zeigen, daß Kamin und Gould H. H. Goddards Studie (1917) des IQs jüdischer Einwanderer in der Weise falsch dargestellt hatten, daß sie ergeben habe, daß „83 Prozent der Juden, 80 Prozent der Ungarn, 79 Prozent der Italiener und 87 Prozent der Russen ‚geistesschwach’ seien“ (Kamin 1974, S. 16). Wie Snyderman und Herrnstein (1983, S. 987) hervorheben: „Die ‚Tatsache’, die am häufigsten als Beweis für die nativistische Voreingenommenheit beim IQ angeführt wird, beruhte nicht auf IQ-Testergebnissen, die nicht einmal von ihrem Entdecker als präzise repräsentativ für Einwanderer angenommen wurden oder als einwandfreies Maß für erbliche Fähigkeiten, und es wurde dabei ein Test verwendet, von dem man zu der Zeit wußte, daß er Geistesschwäche bei Erwachsenenpopulationen aller Art übertrieben darstellte.“ In der Tat stellte Goddard (1917, S. 270) fest: „wir haben im Moment keine Daten, aber wir könnten indirekt behaupten, daß es weit wahrscheinlicher ist, daß ihre Verfassung an der Umwelt liegt als an Vererbung“, und er führte in seinem eigenen Werk an, daß Einwanderer nur 4,5 Prozent der Insassen in Einrichtungen für Schwachsinnige ausmachten.

Degler (1991, S. 39) findet, daß Gould eine „gezielte Verfolgung“ von Goddard betrieb (S. 40) und ein falsches Bild von Goddard als „rigiden Erblichkeitsverfechter oder Elitist“ präsentierte. Gould ignorierte Goddards Zweifel und Einschränkungen wie auch seine Aussagen über die Wichtigkeit der Umwelt. Es kann wenig Zweifel daran geben, daß Gould in seinem Unterfangen wissenschaftlichen Betrug beging: Degler (1991, S. 354n16) bemerkt, daß Gould Goddard gerade vor der folgenden Passage zitierte und somit wußte, daß Goddard weit davon entfernt war, in seinen Überzeugungen über die Natur der Schwachsinnigkeit starr zu sein: „Sogar jetzt sind wir weit davon entfernt zu glauben, daß der Fall [ob Schwachsinnigkeit eine einheitliche Eigenschaft ist] abgeschlossen ist. Das Problem ist zu tief, um so leicht erledigt zu werden.“ Trotzdem beschloß Gould, diese Passage zu ignorieren. Gould ignorierte Deglers Kommentare auch in seiner überarbeiteten Fassung von The Mismeasurement of Man von 1996, die unten ausführlicher beschrieben wird.

Außerdem präsentierten Kamin und Gould eine stark übertriebene und weitgehende falsche Darstellung der allgemeinen Einstellungen der Testergemeinde zum Thema ethnischer Gruppenunterschiede in der Intelligenz wie auch der Rolle der IQ-Tests in den Kongreßdebatten dieses Zeitraums (Degler 1991, S. 52; Samelson 1975, S. 473; Snyderman & Herrnstein 1983) – wobei der letztere Punkt durch meine eigene Lektüre der Debatten bestätigt wird. Tatsächlich wurden die Tests sowohl im House Majority Report als auch im Minority Report niemals erwähnt. (Der Minority Report wurde von den beiden jüdischen Kongreßmitgliedern, den Abgeordneten Dickstein und Sabath, geschrieben und unterzeichnet, die den Kampf gegen die Einwanderungsbeschränkung anführten.) Im Gegensatz zu Goulds Behauptung (1981, S. 232), daß „Kongreßdebatten, die zum Beschluß des Einwanderungsbeschränkungsgesetzes von 1924 führten, sich ständig auf die [IQ-] Testdaten der Armee berufen“, stellen Snyderman und Herrnstein (1983, S. 994) fest: „es gibt in dem Gesetz keine Erwähnung von Intelligenztests; Testergebnisse bei Einwanderern erscheinen nur kurz in den Anhörungen des Komitees und werden dann weitgehend ignoriert oder kritisiert, und sie werden in über 600 Seiten Kongreßdebatten nur einmal zur Sprache gebracht, wo sie weiterer Kritik ohne Erwiderung unterzogen werden. Keine der bedeutenden zeitgenössischen Gestalten im Testwesen… wurde zur Zeugenaussage einberufen, genausowenig wurden ihre Schriften in die Urkunde über den Gesetzesbeschluß eingefügt“ (Snyderman & Herrnstein 1983, S. 994). Auch entstand der Drang zur Einwanderungsbeschränkung, wie Samelson (1975) hervorhebt, lange bevor es IQ-Tests gab, und die Beschränkung wurde von einer Vielzahl von Gruppen einschließlich der organisierten Arbeiterschaft aus anderen Gründen als jenen befürwortet, die mit Rasse und IQ zu tun hatten, einschließlich insbesondere dessen, daß es fair wäre, den ethnischen Status quo in den Vereinigten Staaten beizubehalten (siehe Kap. 7).

Samelson (1975) beschreibt mehrere andere Bereiche von Kamins wissenschaftlichem Vergehen, vor allem seine verleumderischen Besprechungen von Goddard,64 Lewis M. Terman und Robert M. Yerkes, in denen diese Pioniere des mentalen Testens so dargestellt würden, als ließen sie politische Überzeugungen auf ihre Daten abfärben. Terman zum Beispiel fand heraus, daß Asiaten Kaukasiern nicht unterlegen seien, Ergebnisse, die er vernünftigerweise so interpretierte, daß sie auf die Unzulänglichkeit kultureller Erklärungen hinweisen würden; diese Ergebnisse sind mit zeitgenössischen Daten kompatibel (Lynn 1987; Rushton 1995). Juden waren auch in Termans Studie über begabte Kinder überrepräsentiert, ein Ergebnis, das in der jüdischen Presse dieser Zeit hinaustrompetet wurde (z. B. The American Hebrew, 13. Juli 1923, S. 177) und mit zeitgenössischen Daten kompatibel ist (PTSDA, Kap. 7). Beide Ergebnisse widersprechen der Theorie der nordischen Überlegenheit.

Kamin (1974a, S. 27) schlußfolgerte auch: „die Verwendung der Volkszählung von 1890 hatte nur einen Zweck, der von den Unterstützern des Gesetzesentwurfs zugegeben wurde. Die ‚Neue Einwanderung’ hatte nach 1890 begonnen, und das Gesetz war dazu bestimmt, die biologisch minderwertigen… Völker Südosteuropas auszuschließen.“ Dies ist eine sehr tendenziöse Interpretation der Motive der Restriktionisten. Wie in Kapitel 7 besprochen, wurde das 1890er Volkszählungsergebnis der im Ausland Geborenen verwendet, weil die Prozentanteile der im Ausland Geborenen 1890 annähernd dem Verhältnis dieser Gruppen in der allgemeinen Bevölkerung mit Stand von 1920 entsprachen. Das prinzipielle Argument der Restriktionisten war, daß die Verwendung der Volkszählung von 1890 fair gegenüber allen Volksgruppen war.

Das falsche Bild der Debatten der 1920er wurde dann von Gould, Kamin und anderen für die Behauptung benutzt, daß das „übermäßig rassistische Einwanderungsgesetz“ von 1924 (Kamin 1982, S. 98) wegen rassistischer Voreingenommenheit beschlossen wurde, die von der IQ-Testergemeinde ausging, und daß dieses Gesetz eine Hauptursache für den Tod von Juden im Holocaust war. Daher schloß Kamin (1974, S. 27), daß „das Gesetz, an dessen Zustandekommen die Wissenschaft des mentalen Testens wesentlichen Anteil beanspruchen könnte, den Tod von buchstäblich Hunderttausenden Opfern der biologischen Theoretiker der Nazis zur Folge hatte. Den Opfern wurde die Aufnahme in den Vereinigten Staaten verweigert, weil die ‚Deutschenquote’ erfüllt war.“ Kamins Darstellung der Intelligenztests des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wurden zum allgemeinen Wissen und erschien wiederholt in Zeitungen, populären Magazinen, Gerichtsentscheidungen und gelegentlich sogar in wissenschaftlichen Publikationen. Meine eigene Bekanntschaft mit Kamins Ideen kam durch die Lektüre eines populären Lehrbuchs über Entwicklungspsychologie zustande, das ich in meinem Unterricht verwendete.

In ähnlicher Weise behauptet Gould eine Verbindung zwischen erblichkeitsorientierten Ansichten zum IQ und dem US-Einwanderungsgesetz von 1924, das die Einwanderung aus Ost- und Südeuropa beschränkte und die Einwanderung zugunsten der Völker Nordwesteuropas beeinflußte. Das Einwanderungsgesetz von 1924 wird dann mit dem Holocaust in Verbindung gebracht:

Die Quoten… verlangsamten die Einwanderung aus Süd- und Osteuropa zu einem Rinnsal. Während der gesamten 1930er strebten jüdische Flüchtlinge, die den Holocaust vorausahnten, die Auswanderung an, wurden aber nicht aufgenommen. Die gesetzlichen Quoten und die fortgesetzte eugenische Propaganda sperrten sie selbst in Jahren aus, in denen die überhöhten Quoten für west- und nordeuropäische Nationen nicht ausgefüllt wurden. Chase (1977) hat geschätzt, daß die Quoten zwischen 1924 und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bis zu 6 Millionen Süd-, Mittel- und Osteuropäer aussperrten (unter der Annahme, daß die Einwanderung mit ihrer Rate von vor 1924 weitergegangen wäre). Wir wissen, was mit vielen geschah, die wegwollten, aber nichts hatten, wo sie hinkonnten. Die Wege zur Vernichtung sind oft indirekt, aber Ideen können genauso sichere Kampfmittel sein wie Gewehre und Bomben. (Gould 1981, S. 233; siehe auch Gould 1998)

Tatsächlich gibt es, obwohl es keine Anzeichen dafür gibt, daß die IQ-Tests oder eugenische Theorien auch nur etwas mehr als trivialen Einfluß auf das Einwanderungsgesetz von 1924 hatten, Hinweise darauf, daß das Gesetz von den Juden als gegen sie gerichtet wahrgenommen wurde (siehe Kap. 7). Außerdem könnte es gut sein, daß Besorgnisse wegen der Juden und ihrer letztendlichen Auswirkung auf die amerikanische Gesellschaft ein Motiv mancher der Nichtjuden war, die für Einwanderungsbeschränkungen waren, einschließlich unter den Intellektuellen Madison Grant und Charles Davenport.

Wegen seines Wunsches, der Publizität entgegenzuwirken, die The Bell Curve erhielt (siehe Gould 1996a, S. 31), brachte Gould 1996 eine Neuauflage von The Mismeasure of Man heraus, mit einem neuen Vorwort, in dem er erklärt: „Möge ich als der nächste Judas Ischariot, Brutus und Cassius inmitten der Hölle im Maul des Teufels landen, wenn ich jemals verabsäume, meine ehrlichste Einschätzung und beste Beurteilung der Beweise für die empirische Wahrheit darzulegen“ (S. 39). Trotz dieses (ziemlich verlegen defensiven) Versprechens wissenschaftlicher Objektivität unternahm Gould keine Schritte, um sich mit den Einwänden seiner Kritiker zu befassen – genau die Art von Verhalten, das man bei einem Propagandisten statt bei einem Wissenschaftler erwartet (Rushton 1997). Der Artikel von Snyderman und Herrnstein, Samelsons Arbeit und Deglers Buch (1991) werden überhaupt nicht zitiert, und Gould zieht seine Aussage nicht zurück, daß die IQ-Tests ein hervorstechender Bestandteil der Einwanderungsdebatten der 1920er war.

Was vielleicht am ungeheuerlichsten von allem ist: Gould äußert das verblüffende Argument, daß er weiterhin jegliche neuere Forschung über den IQ wegen der „flüchtigen und vergänglichen“ Natur der zeitgenössischen Wissenschaft zugunsten der älteren „klassischen“ Forschung ignorieren werde (1996a, S. 22). Das Argument lautet, daß es keinen Fortschritt in der IQ-Forschung gebe, sondern nur eine Wiederholung der gleichen schlechten Argumente – eine Bemerkung, bei der ich bezweifle, daß Gould sie auf jedes andere Gebiet der Wissenschaft anwenden würde. Somit verunglimpft Gould weiterhin Studien, die Gehirngröße mit dem IQ in Verbindung bringen, trotz einer großen Menge gegenteiliger Forschungsergebnisse sowohl vor als auch insbesondere seit seiner Ausgabe von 1981 (siehe untenstehende Zusammenfassung). Unter Verwendung der Magnetresonanztomographie zwecks Erhalt genauerer Vermessungen der Gehirngröße rechtfertigt die moderne Forschung somit die Entdeckungen der Pioniere des 19. Jahrhunderts wie Paul Broca, Francis Galton und Samuel George Morton, die von Gould systematisch verleumdet werden. Wie jedoch Rushton (1997) anmerkt, ließ Goulds überarbeitete Ausgabe offenbar seine Diskussion von 1981 von Arthur Jensens Forschungen über die Korrelation zwischen Gehirngröße und IQ wegen seiner Erkenntnis weg, daß die zeitgenössischen Daten eindeutig eine moderate Assoziation (r > 0,40) unterstützen. Stattdessen bringt Gould in der Ausgabe von 1996 einen Nachdruck seiner Zustimmung zu einer Rezension der Literatur von 1971, die zum Schluß kam, daß es keine Beziehung gab. Goulds überarbeitete Fassung ignoriert somit 25 Jahre Forschung, einschließlich Van Valens Abhandlung (1974), auf der Jensens Ideen beruhten.

In seiner Neubearbeitung behandelt Gould auch einen Artikel von J. S. Michael (1988) nicht, der zeigt, daß Samuel George Morton entgegen Goulds Behauptung seine Daten über Rassenunterschiede bei der Schädelgröße nicht frisiert hatte, ob absichtlich oder nicht. Außerdem enthielt Mortons Forschungsarbeit, obwohl sie „mit Integrität durchgeführt“ wurde (Michael 1988, S. 253), einen Fehler, der eigentlich eine nicht-kaukasische Gruppe begünstigte – ein Fehler, den Gould nicht erwähnte, während Gould selbst systematische Fehler machte und in seinen Berechnungen willkürlich gewählte Prozeduren verwendete. Und Gould tat das in einer Weise, die seine eigene Hypothese begünstigte, daß es keine Rassenunterschiede im Schädelvolumen gibt.

Gould unterließ es auch, seine Verleumdung von H. H. Goddard zu revidieren, in der er behauptete, daß Goddard Fotografien der berühmten Kallilak-Familie manipuliert hätte, um sie geistig zurückgeblieben und bedrohlich aussehen zu lassen. (In seiner Studie hatte Goddard die Kallilaks, die die Nachkommen einer Wirtshauskellnerin und eines aufrechten Bürgers waren, mit den Nachkommen desselben Mannes und seiner Ehefrau verglichen.) Eine nachfolgende Studie von Glenn und Ellis (1988), die lange vor der überarbeiteten Ausgabe erschien, kam jedoch zum Schluß, daß diese Fotografien als „freundlich“ erscheinend beurteilt werden. Um es freundlich auszudrücken: Goulds Vorannahmen über die böswilligen Absichten der IQ-Forscher haben zur Folge, daß er anderen übermäßig Voreingenommenheit zuschreibt.

Schlußendlich unterließ Gould es in der Überarbeitung von 1996, Argumente gegen seine Behauptung zu widerlegen, daß g (d. h. allgemeine Intelligenz) nichts weiter als ein statistisches Artefakt sei (siehe z. B. Carroll 1995; Hunt 1995; Jensen & Weng 1994). Dies ist bemerkenswert, weil Gould sich in seinem Vorwort zur Ausgabe von 1996 eindeutig für seine mangelnde Expertise als Wissenschaftshistoriker oder als Psychologe entschuldigt, aber behauptet, Experte in Faktorenanalyse zu sein. Daß er keine Verteidigung gegen seine wissenschaftlichen Kritiker zuwege bringt, ist daher ein weiteres Beispiel seiner intellektuellen Unehrlichkeit im Dienste seiner ethnopolitischen Agenda. Wie die Rezension der Ausgabe von 1996 durch Rushton (1977) erkennen läßt, strotzt Mismeasure of Man vor sehr vielen anderen Aktions- und Auslassungsfehlern, die alle mit politisch sensiblen Fragen im Zusammenhang mit Rassen- und Geschlechterunterschieden in kognitiven Fähigkeiten zu tun haben.

Gould lehnte auch strikt die Idee ab, daß es Fortschritte in der Evolution gibt, mit einiger Wahrscheinlichkeit wegen seines Glaubens, daß solche Ideen unter deutschen Evolutionisten zum Aufstieg des Nationalsozialismus beigetragen hätten (siehe Robert Richards Kommentare in Lewin 1992, S. 143). Wie von Lewin berichtet (1992, S. 144), gibt Gould einen ideologischen Einfluß auf seine Überzeugungen zu, wiederholt aber seinen Glauben, daß die Trends in Richtung höherer Intelligenz und mehr Hirngröße im allgemeinen Schema der Evolution nicht wichtig sind. (Die Idee, daß Fortschritte in Komplexität für die Evolution wichtig sind, erhält weiterhin eine Menge Unterstützung [Bonner 1988; Russell 1983, 1989; E. O. Wilson {siehe Miele 1988, S. 83}]). Gould gibt jedoch zu, daß es um mehr geht als darum, ob alle Tiergruppen diese Tendenz aufweisen. Dieser Sichtweise liegt Goulds Behauptung zugrunde, daß menschliches Bewußtsein, Intelligenz und der allgemeine Trend zu mehr Gehirngröße in der menschlichen Evolution bloße Zufälle sind und nicht zur Darwin’schen Fitness oder zur Lösung von Anpassungsproblemen in der angestammten Umwelt beigetragen haben (siehe Lewin 1992, S. 145 – 146).65 Seine Ansicht soll daher ein Scharmützel in der Debatte bezüglich Veranlagung und Umwelt im Zusammenhang mit der Intelligenz sein.66

Zusätzlich läßt Dennetts (1993, 1995) verheerende Analyse der von Gould in seinem Krieg gegen den Adaptionismus verwendeten rhetorischen Mittel wenig Zweifel hinsichtlich der grundsätzlichen intellektuellen Unehrlichkeit von Goulds Schriften. Dennett deutet an, daß eine nicht-wissenschaftliche Agenda Gould motiviert, schreckt aber vor dem Versuch zurück, die Gründe für diese Agenda zu analysieren. Gould selbst (1993, S. 317) berichtet von einem Fall, wo der britische Biologe Arthur Cain ihm bezugnehmend auf Gould und Lewontins berühmte anti-adaptionistische Abhandlung „The Spandrels of San Marco and the Panglossian paradigm: A critique of the adaptionist programme“ (1979) vorwarf, „die Normen der Wissenschaft und des intellektuellen Anstands verraten zu haben, indem er etwas bestritt, von dem wir wußten, daß es wahr ist (der Adaptionismus), weil ihm die politischen Implikationen eines darauf beruhenden Argumentes so mißfielen.“

Das Urteil muß lauten, daß Gould in der Tat seine Mitgliedschaft in der „alten und universalen Gesellschaft der Wissenschaftler“ verwirkt hat und sein jenseitiges Leben im Maul des Teufels im Zentrum der Hölle verbringen wird. Jedoch ist es bemerkenswert, daß der prominente Evolutionsbiologe John Maynard Smith (1995, S. 46) trotz des weitverbreiteten Glaubens, daß Gould eine stark politisierte Agenda hat und als Wissenschaftler eigennützig und unehrlich ist, anmerkt: „Er hat unter Nicht-Biologen ein Ansehen als der herausragende Evolutionstheoretiker erlangt. Im Gegensatz dazu neigen die Evolutionsbiologen, mit denen ich sein Werk diskutiert habe, dazu, ihn als einen Mann zu sehen, dessen Ideen so verwirrt sind, daß sie es kaum wert sind, sich mit ihnen abzugeben… All dies wäre egal, würde er nicht Nicht-Biologen ein weitgehend falsches Bild der Evolutionstheorie vermitteln.“ In ähnlicher Weise etikettiert Steven Pinker (1997), ein berühmter Linguist und eine bedeutende Gestalt in der Bewegung der Evolutionspsychologie, Goulds Ideen zum Adaptionismus als „fehlgeleitet“ und „uninformiert“. Er tadelt Gould auch dafür, daß er die weithin bekannte Arbeit von G. C. Williams und Donald Symons nicht zitiert, in der diese Autoren nicht-adaptive Erklärungen für manche menschliche Verhaltensweisen vorgeschlagen haben, während sie nichtsdestoweniger eine adaptionistische Sicht auf das menschliche Verhalten im Allgemeinen einnehmen. Gould hat somit in unehrlicher Weise das Verdienst für die Ideen anderer für sich beansprucht, während er sie in völlig unangemessener Weise benutzt, um das adaptionistische Programm im Allgemeinen zu diskreditieren.

In einem Artikel mit dem Titel „Homo deceptus: Never trust Stephen Jay Gould“ äußert der Journalist Robert Wright (1996), Autor von The Moral Animal (Basic Books, 1994) denselben Vorwurf in einer Debatte um eine offenkundig unehrliche Interpretation der Evolutionspsychologie von Geschlechtsunterschieden durch Gould. Wright stellt fest, daß Gould „die Öffentlichkeit davon überzeugt hat, daß er nicht bloß ein großartiger Schriftsteller, sondern auch ein großer Evolutionstheoretiker ist. Aber in der Spitzenliga der Evolutionsbiologen wird Gould als eine Plage betrachtet – nicht bloß als Leichtgewicht, sondern als einen aktiv konfusen Mann, der das Verständnis der Öffentlichkeit vom Darwinismus verzerrt hat.“ Vielleicht ein falsches Bild, aber eines, das nicht ohne Nutzen bei der Befriedigung politischer, und wie ich annehme, ethnischer Agenden ist.

Ein weiterer prominenter Biologe, John Alcock (1997), liefert eine erweiterte und, wie ich glaube, präzise Analyse mehrerer Aspekte von Goulds rhetorischem Stil: Demonstrationen von Belesenheit – fremdsprachige Redewendungen, Gedichte – die für die intellektuellen Argumente irrelevant sind, aber selbst von seinen Kritikern weithin geachtet werden; Brandmarkung der Gegner mit verunglimpfenden Bezeichnungen, wie „Pop-Wissenschaft“, „Pop-Psychologie“, „Pappkarton-Darwinismus“ oder „fundamentalistische Darwinisten“ (in ähnlicher Weise prangert Pinker [1997, S. 55] Goulds übertreibende Rhetorik an, einschließlich der Bezeichnung der Ideen der Evolutionsbiologie als „‚albern’, ‚erbärmlich’ und ‚entsetzlich simplistisch’ und seiner Verwendung von etwa fünfundzwanzig Synonymen für ‚fanatisch’“); Übersimplifizierung der Argumente seiner Gegner, um Strohmannargumente aufzubauen, wobei der Klassiker die Etikettierung seiner Gegner als „genetische Deterministen“ ist; Schutz seiner eigenen Position durch illusorische Zugeständnisse, um beim Versuch der Einschränkung der Debatte den Anschein von Fairness zu erwecken; Beanspruchung der höheren moralischen Position; Ignorieren relevanter Daten, die allen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft bekannt sind; Vorbringen nicht-adaptionistischer Alternativen ohne Versuch, diese zu prüfen, und Ignorieren von Daten, die adaptionistische Interpretationen stützen; Behauptungen, daß Näherungserklärungen (d. h. Erklärungen, wie eine Eigenschaft auf neurophysiologischer Ebene funktioniert), endgültige Erklärungen (d. h. die adaptive Funktion der Eigenschaft) unnötig machen.

Die Kommentare von Maynard Smith, Wright und Alcock heben den wichtigen Punkt hervor, daß Gould trotz der weitverbreiteten Erkenntnis seiner intellektuellen Unehrlichkeit durch die wissenschaftliche Gemeinschaft stark als öffentlicher Sprecher zu Fragen im Zusammenhang mit Evolution und Intelligenz propagiert worden ist. Wie Alcock (1997) feststellt, macht Gould es als weithin veröffentlichter Harvard-Professor respektabel, ein Anti-Adaptionist zu sein, und ich habe diesen Effekt nicht nur in der gebildeten Öffentlichkeit bemerkt, sondern auch unter vielen Akademikern außerhalb der biologischen Wissenschaften. Er hat Zugang zu sehr prestigereichen intellektuellen Foren gehabt, einschließlich einer regelmäßigen Kolumne in Natural History, und er erscheint zusammen mit Richard C. Lewontin (einem weiteren wissenschaftlichen Aktivisten, dessen Arbeiten hier behandelt werden) oft als Buchrezensent in der New York Review of Books (NYRB). Die NYRB ist seit langem eine Bastion der intellektuellen Linken gewesen. In Kapitel 4 behandle ich die Rolle der NYRB bei der Publikmachung der Psychoanalyse, und in Kapitel 6 wird die NYRB zu den Journalen der New Yorker Intellektuellen gezählt, einer vorwiegend jüdischen Clique, die den intellektuellen Diskurs in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beherrschte. Hier geht es darum, daß Goulds Karriere der intellektuellen Unehrlichkeit nicht in einem Vakuum existiert hat, sondern ein fester Bestandteil einer breit gefächerten Bewegung gewesen ist, die die prestigereichsten intellektuellen Arenen in den Vereinigten Staaten und im Westen dominiert hat – eine Bewegung, die hier als Facette des Judaismus als gruppenevolutionäre Strategie konzipiert wird.

Auf persönlicherer Ebene erinnere ich mich deutlich daran, daß eine meiner ersten denkwürdigen Erfahrungen in der Graduiertenfakultät in den Verhaltenswissenschaften der Kontakt mit der großen „Instinkt“-Debatte zwischen den deutschen Ethologen Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt und mehreren vorwiegend jüdisch-amerikanischen Entwicklungspsychologen war (D. S. Lehrman, J. S. Rosenblatt, T. C. Schneirla, H. Moltz, G. Gottleib und E. Tobach). Lorenz’ Verbindungen zum Nationalsozialismus (siehe Lerner 1992, S. 59ff) waren ein kaum verhüllter Aspekt dieser Debatte, und ich erinnere mich, daß ich das Gefühl hatte, eine Art ethnischen Krieges mitzuerleben statt einer leidenschaftslosen wissenschaftlichen Debatte um die Indizien. Tatsächlich wurden die intensiven, außerwissenschaftlichen Leidenschaften, die diese Fragen in manchen Teilnehmern erregten, gegen Ende dieses außergewöhnlichen Konfliktes offen zugegeben. In seinem Beitrag von 1970 erklärte Lehrman:

Ich sollte nicht auf die irrationalen, emotionsgeladenen Elemente in Lorenz’ Reaktion auf Kritik hinweisen, ohne zuzugeben, daß ich, wenn ich mir meine Kritik dieser Theorie von 1953 ansehe, Elemente von Feindseligkeit wahrnehme, auf die mein Ziel reagieren mußte. Meine Kritik liest sich für mich jetzt nicht wie eine Analyse eines wissenschaftlichen Problems mit einer Bewertung des Beitrags eines bestimmten Standpunktes, sondern vielmehr wie ein Angriff auf einen theoretischen Standpunkt, wobei der Autor des Angriffs nicht daran interessiert war hervorzuheben, welchen positiven Beitrag dieser Standpunkt geleistet hatte.

In jüngerer Zeit, als sich die Debatte weg von der Gegnerschaft zur menschlichen Ethologie und hin zu Angriffen auf die menschliche Soziobiologie verlagert hatte, sind mehrere dieser Entwicklungspsychologen auch zu prominenten Kritikern der Soziobiologie geworden (siehe Myers 1990, S. 225).

Dies soll natürlich nicht die sehr bedeutenden Beiträger dieser Entwicklungspsychologen und ihrer Betonung der Rolle der Umwelt bei der Verhaltensentwicklung bestreiten – einer Tradition, die innerhalb der Entwicklungspsychologie in den Schriften mehrerer Theoretiker einflußreich bleibt, einschließlich Alan Fogel, Richard Lerner, Arnold Sameroff und Esther Thelen. Außerdem muß anerkannt werden, daß mehrere Juden wichtige Beiträge zum evolutionären Denken in Bezug auf Menschen wie auch auf menschliche Verhaltensgenetik geleistet haben, einschließlich Daniel G. Freedman, Richard Herrnstein, Seymour Itzkoff, Irvin Silverman, Nancy Segal, Lionel Tiger und Glenn Weisfeld. Natürlich hat es auch Nichtjuden unter den Kritikern des evolutionsbiologischen Denkens gegeben. Trotzdem weist die ganze Episode deutlich darauf hin, daß es oft wichtige menschliche Interessen gibt, die mit jüdischer Identität zu tun haben und die die wissenschaftliche Debatte beeinflussen. Es liegt hier nahe, daß es eine Konsequenz des Judaismus als gruppenevolutionäre Strategie gewesen ist, diese Debatten in einer Weise zu verzerren, die den Fortschritt in den biologischen und Sozialwissenschaften behindert hat.

Richard Lerner (1992) ist in seinem Final Solutions: Biology, Prejudice, and Genocide vielleicht das unerhörteste Beispiel eines Wissenschaftlers, der dazu motiviert ist, evolutionsbiologisches Denken wegen vermeintlicher Verbindungen zum Antisemitismus zu diskreditieren. (Barry Mehler, ein Protégé von Jerry Hirsch, stellt ebenfalls ausdrücklich diese Verbindungen her, aber er ist akademisch weit weniger prominent und fungiert hauptsächlich als Publizist dieser Ansichten in linksintellektuellen Medien. Siehe Mehler [1984a, b]. Mehler absolvierte die Yeshiva University und organisierte ein Programm, „The Jewish Experience in America 1880 to 1975“, an der Washington University in St. Louis, was auf eine starke Identifikation als Jude hinweist.) Lerner ist ein prominenter Entwicklungsbiologe, und sein Band deutet auf ein intensives persönliches Engagement hin, das auf die Bekämpfung des Antisemitismus durch Beeinflussung der Theorie in den Verhaltenswissenschaften gerichtet ist. Vor der Behandlung der eindeutigen Verbindungen zwischen Lerners theoretischer Sichtweise und seinem Versuch, den Antisemitismus zu bekämpfen, werde ich seine Theorie beschreiben und die Art von überspanntem Denken veranschaulichen, mit dem er die Anwendung des evolutionären Denkens auf menschliches Verhalten zu diskreditieren versucht hat.

Eine zentrale Rolle nimmt in Lerners Programm seine Ablehnung des biologischen Determinismus zugunsten eines dynamischen, kontextbezogenen Ansatzes bezüglich der menschlichen Entwicklung ein. Lerner lehnt auch den Umweltdeterminismus ab, aber es gibt wenig Diskussion der letzteren Ansicht, weil Umweltdeterminismus „vielleicht weniger oft gesellschaftsschädlich“ ist (S. xx). In dieser Hinsicht ist Lerner sicherlich im Irrtum. Eine Theorie, daß es keine menschliche Natur gibt, würde unterstellen, daß Menschen leicht dazu programmiert werden könnten, alle Arten von Ausbeutung einschließlich Sklaverei zu akzeptieren. Aus radikal umweltorientierter Perspektive sollte es egal sein, wie Gesellschaften aufgebaut sind, nachdem Menschen in der Lage sein sollten, jede Art von Gesellschaftsstruktur zu akzeptieren zu lernen. Frauen könnten leicht dazu programmiert werden, Vergewaltigung zu akzeptieren, und Volksgruppen könnten dazu programmiert werden, ihre eigene Beherrschung durch andere Volksgruppen zu akzeptieren. Die Ansicht, daß radikaler Glaube an Umwelteinflüsse nicht gesellschaftlich schädlich ist, ignoriert auch, daß die kommunistische Regierung der Sowjetunion Millionen ihrer Bürger ermordete und später offiziell geförderten Antisemitismus betrieb, während sie auf eine Ideologie des radikalen Glaubens an Umwelteinflüsse eingeschworen war.67

Lerners dynamische Kontextbezogenheit legt Lippenbekenntnisse zu biologischen Einflüssen ab, während sie diese in Wirklichkeit als belanglos und nicht analysierbar darstellt. Diese Theorie hat starke Wurzeln in der oben beschriebenen entwicklungsbiologischen Tradition, und es gibt zahlreiche Verweise auf diese Autoren. Der Sichtweise der dynamischen Konzeptbezogenheit stellt sich Entwicklung als dialektische Wechselwirkung zwischen Organismus und Umwelt vor. Biologische Einflüsse werden als Realität gesehen, aber sie sind letztendlich nicht analysierbar, nachdem sie als untrennbar mit Umwelteinflüssen verschmolzen gesehen werden. Die auffälligste Schlußfolgerung ist die, daß jeder Versuch, genetische Variation als unabhängig analysierbarer Einfluß auf individuelle Unterschiede zu studieren (das Programm der Wissenschaft der quantitativen Verhaltensgenetik) abgelehnt wird. Viele der Kritiker der Soziobiologie sind auch starke Gegner verhaltensgenetischer Forschungen gewesen (z. B. S. J. Gould, J. Hirsch, L. Kamin, R. C. Lewontin und S. Rose). Als besonders schlimmes Beispiel, das praktisch jedes mögliche Mißverständnis grundlegender verhaltensgenetischer Konzepte verkörpert, siehe Gould (1998).

Bemerkenswert ist, daß die dynamische Kontextbezogenheit und ihre Betonung der dialektischen Wechselwirkung zwischen Organismus und Umwelt mehr als nur eine flüchtige Ähnlichkeit zum Marxismus aufweisen. Das Vorwort zu Lerners Buch wurde von R. C. Lewontin geschrieben, dem Populationsbiologen aus Harvard, der einen sehr öffentlichen Versuch unternommen hat, Wissenschaft, linke Politik und Opposition gegen evolutionäre und biologische Theorien über menschliches Verhalten miteinander zu verschmelzen (z. B. Levin & Lewontin 1985; siehe Wilson 1994). Lewontin war (mit Steven Rose und Leon Kamin) der erste Autor von Not in Our Genes (1984) – eines Buches, das mit einer Erklärung des Engagements der Autoren für den Sozialismus beginnt (S. ix) und neben sehr vielen anderen intellektuellen Sünden die Desinformation betreffend die Rolle der IQ-Tests in den Einwanderungsdebatten der 1920er und ihre angeblichen Verbindungen zum Holocaust fortsetzt (S. 27). Tatsächlich bemerkt E. O. Wilson (1994, S. 344), dessen Band Sociobiology: The New Synthesis (Wilson 1975) das Forschungsfeld der Soziobiologie einführte, daß „die Kontroverse [um die Soziobiologie] ohne Lewontin nicht so intensiv gewesen wäre oder so viel weitverbreitete Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte“.

In seinem Vorwort zu Lerners Buch erklärt Lewontin, daß der Entwicklungskontextualismus „die Alternative zu biologischem und kulturellem Determinismus ist. Es ist die Darlegung der entwicklungskontextuellen Sichtweise, welche der wichtige zentrale Punkt von Final Solutions ist, und es ist die volle Ausgestaltung dieses Gesichtspunkts, die ein dringliches Programm für die Gesellschaftstheorie ist. Nirgendwo ist diese Weltsicht prägnanter ausgedrückt worden als in Marx’ dritter These über Feurbach“ (S. ix). Lewontin zitiert weiters eine Passage von Marx, die tatsächlich so etwas wie die Grundidee des Entwicklungskontextualismus ausdrückt. Gould (1987, S. 153) hat auch eine marxistisch-dialektische Sichtweise in den Sozialwissenschaften befürwortet.

Lerner widmet viel von seinem Buch der Darlegung, daß dynamischer Kontextualismus wegen seiner Betonung der Formbarkeit eine politisch akzeptable Sicht auf Rassen- und Geschlechtsunterschiede bietet sowie auch eine vielversprechende Hoffnung auf Beendigung des Antisemitismus. Diese Art eines messianischen, erlöserischen Versuchs, einen universalistischen theoretischen Rahmen zu entwickeln, innerhalb dessen jüdisch-nichtjüdische Gruppenunterschiede in ihrer Bedeutung absinken, ist ein gemeinsames Merkmal anderer vorwiegend jüdischer Bewegungen im zwanzigsten Jahrhundert, einschließlich radikaler politischer Theorien und der Psychoanalyse (siehe Kap. 3, 4). Das gemeinsame Thema ist, daß diese Ideologien ständig von Individuen propagiert wurden, die wie Lerner bewußt eine jüdische ethnische und politische Agenda verfolgen. (Man erinnere sich auch an Goulds Tendenz, die moralisch höhere Position zu besetzen.) Jedoch werden die Ideologien wegen des universalistischen Versprechens befürwortet, die Menschheit zu einem höheren Niveau der Moral zu führen – ein Niveau der Moral, auf dem der Fortbestand der jüdischen Gruppenidentität bloß eine Ausrottung des Antisemitismus ist. Als solcher kann der dynamische Kontextualismus als einer von vielen Versuchen nach der Aufklärung gesehen werden, das Judentum mit der modernen Welt zu vereinbaren.

Es ist keine Frage, daß Lerner stark an den moralischen Imperativ seiner Position glaubt, aber sein moralischer Kreuzzug hat ihn in seinen Versuchen, biologische Theorien im Interesse der Bekämpfung des Antisemitismus zu diskreditieren, weit über die Wissenschaft hinausgeführt.68 Lerner war Mitverfasser eines Artikels im Journal Human Development (Lerner & von Eye 1992), der auf die Bekämpfung des Einflusses biologischen Denkens in der Forschung zur menschlichen Entwicklung ausgerichtet war. Mein Sammelband (Sociobiological Perspectives on Human Development, MacDonald 1988b) wird in prominenter Weise als Beispiel eines evolutionären Ansatzes zitiert, der sich von E. O. Wilsons Arbeit ableitet, und als Standpunkt, der „Unterstützung und Anwendung gefunden“ hat (S. 13). Als ihr Beispiel dafür, wie dieser Standpunkt unterstützt und angewendet worden ist, zitieren Lerner und von Eye die Arbeit von J. Philippe Rushton über Rassenunterschiede in r/K-Fortpflanzungsweisen. Die Folgerung scheint zu sein, daß mein Sammelband irgendwie eine Grundlage von Rushtons Arbeit wäre. Dies ist unrichtig, nachdem 1) der Band niemals Unterschiede zwischen Negroiden und Kaukasiern in der Intelligenz oder irgend einem anderen Phänotyp erwähnte, und 2) das Buch veröffentlicht wurde, nachdem Rushton bereits seine Arbeit über die r/K-Theorie zu Rassenunterschieden veröffentlicht hatte. Jedoch ist die Assoziation zwischen diesem Buch und Rushton sehr wirksam bei der Schaffung einer negativen Bewertung des Buches wegen Rushtons gegenwärtigem Status einer persona non grata als Theoretiker der Rassenunterschiede (siehe Gross 1990).

Der nächste Abschnitt des Artikels von Lerner und von Eye trägt den Titel „Genetic Determinism as Sociobiology’s Key to Interdisciplinary Integration“. In dieser Gegenüberstellung ist die stillschweigende Annahme inbegriffen, daß die Autoren in meinem Sammelband die These des genetischen Determinismus akzeptieren, und tatsächlich werfen Lerner und von Eye am Ende des Abschnitts meinen Sammelband zusammen mit der Arbeit einer Anzahl anderer soziobiologischer Autoren in einen Topf, die glauben sollen, daß Anatomie Schicksal ist, daß Umwelteinflüsse fiktiv sind und daß „die soziale Welt nicht mit menschlichen Genen in Wechselwirkung tritt“ (S. 18).

Wissenschaftler, die mit evolutionären Ansichten zu menschlichem Verhalten in Verbindung stehen, sind in dieser stark politisierten Literatur üblicherweise als genetische Deterministen gebrandmarkt worden. Solche Vorwürfe sind ein fester Bestandteil von Goulds Rhetorik und ein Hauptthema von Lewontin et al.s unverhohlen politischem Not in Our Genes (1984). Ich bezweifle ziemlich, daß irgend einer der in diesem Abschnitt der Abhandlung von Lerner und von Eye zutreffend als genetischer Determinist bezeichnet werden kann (siehe die Replik von Burgess & Molenaar [1993] auf den Artikel von Lerner und von Eye). In der Tat faßt Degler (1991, S. 310) das neuere evolutionäre Denken in den Sozialwissenschaften zutreffend als von „einer vollen Anerkennung der Macht und des Einflusses der Umwelt auf die Kultur“ charakterisiert zusammen. Jedoch möchte ich hier auch betonen, daß dies eine völlig unrichtige Charakterisierung meiner Schriften ist, und es ist schwerlich anzunehmen, daß Lerner das nicht wußte. Zwei meiner Beiträge zu dem Sammelband befassen sich sehr mit Umwelt- und kulturellen Einflüssen auf das Verhalten und mit der Unterbestimmtheit des Verhaltens durch die Gene. Insbesondere bezieht meine theoretische Sichtweise, wie in Kapitel 1 des Sammelbandes beschrieben (MacDonald 1988b), eine starke Position zur Unterstützung der Bedeutung der Formbarkeit in der Entwicklung und zur Bestätigung der Wichtigkeit von kontextbezogenen Einflüssen auf die menschliche Entwicklung. Und in diesen beiden Abschnitten meiner Abhandlung zitiere ich Richard Lerners Arbeit. Jedoch vermeiden es Lerner und von Eye anscheinend sorgfältig, tatsächlich zu beschreiben, was ich geschrieben habe. Stattdessen besteht ihre Strategie in Anspielungen und Schuld durch Verbindung: Indem sie meinen Sammelband ans Ende eines Abschnittes stellen, der sich Autoren widmet, die angeblich genetische Deterministen sind, gelingt es ihnen zu unterstellen, daß alle Autoren in dem Band genetische Deterministen sind. Leider sind solche Anspielungen typisch bei Angriffen gegen evolutionäre Sichtweisen zu menschlichem Verhalten.

Worauf es hier ankommt, ist daß es jeden Grund zur Annahme gibt, daß ein Hauptantrieb bei diesen Angriffen ein Versuch ist, den Antisemitismus zu bekämpfen. Lerner beginnt sein Vorwort zu Final Solutions: Biology, Prejudice, and Genocide mit einer herzzerreißenden Darstellung seiner Kindheit, umgeben von Geschichten über Nazigreuel. „Als jüdischer Junge, der in den späten 1940ern und frühen 1950ern in Brooklyn aufwuchs, konnte ich Hitler nicht entrinnen. Er, die Nazis, die Gestapo, Auschwitz waren überall“ (S. xv). Lerner läßt eine Konversation mit seiner Großmutter wiedererstehen, die beschreibt, welches Schicksal einige seiner Verwandten durch die Nazis erlitten. Er fragt, warum die Nazis die Juden hassten, und seine Großmutter antwortet: „Einfach nur so.“ Lerner erklärt: „In der Zeit, die seit diesem Nachmittag in der Wohnung meiner Großmutter vergangen ist, habe ich gelernt – und mit den Jahren in zunehmendem Maß – wie tief ich von diesen frühen Lektionen über den Genozid durch die Nazis beeinflußt war. Ich verstehe jetzt, daß viel von meinem Leben von meinen Versuchen geformt worden ist, über die Antwort „einfach nur so“ hinauszugelangen“ (S. xvii).

Lerner gibt an, daß er sich für das Studium der Entwicklungspsychologie entschied, weil die Frage von Veranlagung oder Umwelt eine zentrale Rolle in diesem Forschungsfeld und daher auch bei seinem Versuch der Bekämpfung des Antisemitismus spielt. Lerner wählte somit seine Karriere anscheinend wirklich im Bemühen, jüdische Interessen in den Sozialwissenschaften zu fördern. Im Vorwort zitiert Lerner als intellektuelle Einflußgeber buchstäblich die gesamte Liste der oben erwähnten, vorwiegend jüdischen Entwicklungspsychologen und Anti-Soziobiologen, einschließlich Gottleib, Gould, Kamin, Lewontin, Rose, Schneirla (der kein Jude war) und Tobach. Wie unter jüdischen Historikern üblich (siehe SAID Kap. 7), widmet Lerner das Buch seiner Familie: „All meinen Verwandten… Eure Leben werden nicht vergessen werden“ (S. xxii). Es wird eindeutig kein Anspruch erhoben, daß dieses Buch ein leidenschaftsloses wissenschaftliches Unterfangen sei, um eine Theorie der Verhaltensentwicklung auszuarbeiten oder sich mit gesellschaftlichen Konflikten auf ethischer Basis auseinanderzusetzen.

Die zentrale Botschaft von Lerners Buch lautet, daß es eine mögliche Kausalkette gibt, die den Darwinismus mit einer Ideologie des genetischen Determinismus verbindet, mit der Legitimierung des Status quo als biologischem Imperativ, mit der negativen Bewertung von Individuen mit „minderwertigen“ Genotypen, mit der Eugenik und schließlich mit der Vernichtung jener, die minderwertige Gene haben. Dieser Handlungsstrang soll in mehreren historischen Fällen abgelaufen sein, einschließlich der Massaker an den amerikanischen Ureinwohnern und dem osmanischen Genozid an den Armeniern und insbesondere im Holocaust. Es wird nirgends erwähnt, daß eine Ideologie des genetischen Determinismus kaum eine notwendige Vorbedingung für Genozid ist, nachdem es sehr viele historische Beispiele von Genozid in Gesellschaften gibt, wo Darwin unbekannt war, einschließlich der Auslöschung der Amoriter und der Midianiter durch die Israeliten, die im Tanach beschrieben wird (siehe PTSDA, Kap. 3) – Beispiele, die von Lerner ignoriert werden. Genausowenig gibt es Hinweise darauf, daß zum Beispiel die osmanischen Türken mit Darwin bekannt waren oder wissenschaftliche oder sonstige Ansichten über die genetische Bestimmung des Verhaltens hatten.

Lerners Agenda ist die Diskreditierung des evolutionären Denkens wegen dessen Assoziation mit dem Nazismus. Die Logik ist wie folgt (Lerner 1992, S. 17 – 19): Obwohl Lerner zugibt, daß genetische Deterministen keine „Rassisten“ zu sein brauchen und daß sie vielleicht sogar „aufgeklärte“ politische Ansichten haben mögen, behauptet er, daß genetischer Determinismus eine Ideologie ist, die verwendet werden kann, um ihrem Standpunkt wissenschaftliche Glaubwürdigkeit zu verleihen: „Die Doktrin des biologischen Determinismus ist bereit für die Kooptierung durch Proponenten einer solchen politischen Bewegung“ (S. 17). Die Soziobiologie als die jüngste Inkarnation der wissenschaftlichen Rechtfertigung des genetischen Determinismus muß intellektuell diskreditiert werden: „Zeitgenössische Soziobiologen sind gewiß keine Neonazis. Sie befürworten in keiner Weise Genozid und unterstützen vielleicht nicht einmal konservative politische Ansichten. Trotzdem ist die Übereinstimmung zwischen ihren Ideen (besonders hinsichtlich Frauen) und jener der Nazitheoretiker mehr als auffallend“ (S. 20).

Lerner beschreibt die Nazi-Ideologie korrekt als im wesentlichen eine Ideologie der Undurchlässigkeit von Gruppen, „den Glauben, daß die Welt… eindeutig in zwei Hauptgruppen unterteilt werden kann: eine Eigengruppe, die jene umfaßt, welche die besten Eigenschaften der menschlichen Existenz besitzen, und eine Fremdgruppe, die die schlechtesten Eigenschaften der menschlichen Existenz umfaßt. Es kann keinen Wechsel zwischen diesen Gruppen geben, weil das Blut, oder die Gene, sie trennen“ (S. 17). In ähnlicher Weise erklärt Lewontin in seinem Vorwort zu Lerners Buch: „was immer die erzeugenden Kräfte sind, die den Nationalismus am Leben erhalten… sie müssen letztendlich die beständige und unveränderliche Natur der sozialen Identität behaupten… Ausbeuter und Ausgebeutete gleichermaßen teilen das Bewußtsein eines kulturellen und biologischen Erbes, das unauslöschliche Gruppengrenzen absteckt, die über die menschliche historische Entwicklung hinausweisen“ (S. viii).

Lerner und Lewontin verdammen die Soziobiologie, weil sie annehmen, daß die Soziobiologie verwendet werden könnte, um solch ein Ergebnis zu rechtfertigen. Jedoch bedeutet die in SAID (Kap. 1) entwickelte Evolutionstheorie sozialer Identitätsprozesse als Grundlage der Theorie des Antisemitismus genau das Gegenteil: Obwohl Menschen biologisch zu Konflikten zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe prädisponiert zu sein scheinen, gibt es überhaupt keinen Grund zur Annahme, daß Gruppenmitgliedschaft oder Durchlässigkeit von Gruppen genetisch vorbestimmt ist; das heißt, es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß es einen genetischen Imperativ gibt, daß Gesellschaften um undurchlässige Gruppen organisiert sein müssen, und tatsächlich sind prototypische westliche Gesellschaften nicht in dieser Weise organisiert gewesen. Die Forschung über soziale Identität deutet darauf hin, daß Feindseligkeit gegen Fremdgruppen sogar in willkürlich zusammengesetzten Gruppen vorkommt und sogar ohne Konkurrenz zwischen Gruppen. Es ist das herausragende Merkmal des Judaismus gewesen, daß er standhaft Barrieren zwischen Juden als Eigengruppe und der umgebenden Gesellschaft als Fremdgruppe errichtet hat. Aber obwohl man realistischerweise annehmen kann, daß Juden genetisch mehr zu Ethnozentrismus neigen als westliche Völker (siehe PTSDA, Kap. 8; SAID, Kap. 1), ist die Errichtung kultureller Barrieren zwischen Juden und Nichtjuden ein entscheidender Aspekt des Judaismus als Kultur.

Ein hervorstechender Punkt ist hier außerdem, daß weder bei Lerner noch bei Lewontin das große Ausmaß gewürdigt wird, in dem Juden undurchdringliche Gruppen schufen, in denen genetische Blutlinien von höchster Wichtigkeit waren, in denen es Hierarchien rassischer Reinheit gab und in denen genetische und kulturelle Assimilation als Greuel betrachtet wurden (siehe PTSDA an verschiedenen Stellen). Der Judaismus als gruppenevolutionäre Strategie hat Gesellschaften zur Folge gehabt, die von internen Konflikten zwischen undurchlässigen, miteinander konkurrierenden Volksgruppen zerrissen wurden (siehe SAID, Kap. 2 – 5). Trotzdem sind jüdische Kulturpraktiken zumindest eine notwendige Voraussetzung für die Gruppenundurchlässigkeit, die im Judaismus als gruppenevolutionäre Strategie solch eine zentrale Rolle gespielt hat. Es ist daher von höchster Ironie, daß Lewontin und Lerner den Antisemitismus zu bekämpfen versuchen sollten, indem sie sagen, daß ethnische Identifikation und die Durchlässigkeit von Gruppen nicht genetisch bestimmt sind.

Es gibt gute Gründe zu der Annahme, daß die Durchlässigkeit von Gruppen nicht genetisch bestimmt ist, und die in PTSDA behandelten Indizien deuten darauf hin, daß die Juden das seit den Anfängen des Judaismus als gruppenevolutionäre Strategie sehr wohl gewußt haben. Zeitweise haben jüdische Gruppen sich bemüht, eine Illusion der Gruppendurchlässigkeit zu nähren, um den Antisemitismus zu minimieren (siehe SAID Kap. 6). Obwohl es gut möglich ist, daß Juden genetisch dazu prädisponiert sind, undurchlässige ethnische Gruppen zu bilden und der genetischen und kulturellen Assimilation zu widerstehen, gibt es wenig Grund zur Annahme, daß dies genetisch bestimmt ist. Tatsächlich weisen die in PTSDA (Kap. 7, 8) behandelten Indizien auf die zentrale Bedeutung mehrerer kultureller und Umweltfaktoren für den Erfolg des Judaismus als relativ undurchlässige gruppenevolutionäre Strategie hin; intensive Sozialisierung zu einer jüdischen Eigengruppenidentität und Gruppenloyalität, die große Vielfalt von Separationsmechanismen (Kleidung, Sprache, Haartrachten etc.) und die kulturelle Erfindung der erblichen Klassen der Priester und Leviten. Des Weiteren hat die Beseitigung des intensiven kulturellen Separatismus, der für das Judentum in traditionellen Gesellschaften charakteristisch ist, einen langfristigen Niedergang des Diaspora-Judentums zur Folge gehabt. Als Folge davon geben sich jüdische Gruppen in der zeitgenössischen westlichen Welt oft große Mühe, von Mischehen abzuraten und mehr jüdisches Bewußtsein und Bindung unter Juden zu entwickeln. Zu diesem Versuch, die kulturellen Stützen für jüdische Identifikation und Nichtassimilierung wieder einzuführen, gehört oft die Anregung zu einer Rückkehr zum jüdischen religiösen Glauben und zu jüdischen religiösen Ritualen als einziger Weg, den langfristigen Assimilierungsdruck der zeitgenössischen westlichen Gesellschaften abzuwehren (siehe SAID, Kap. 9).

SCHLUSSBEMERKUNG

Ein roter Faden dieses Kapitels war, daß wissenschaftliche Skepsis und das, was man „wissenschaftlichen Obskurantismus“ nennen könnte, nützliche Mittel bei der Bekämpfung wissenschaftlicher Theorien gewesen sind, die einem aus tieferen Gründen mißfallen. Daher fiel die Boas’sche Forderung nach höchsten Standards der Nachweisführung für Verallgemeinerungen über Kultur und für den Nachweis einer Rolle der genetischen Variation in der Entwicklung individueller Unterschiede mit der Akzeptanz einer „Anti-Theorie“ der Kultur zusammen, die grundsätzlich gegen Versuche zur Entwicklung von Klassifikationen und Verallgemeinerungen in dem Forschungsbereich war.69 In ähnlicher Weise hat die theoretische Anschauung der dynamischen Kontextbezogenheit, obwohl sie Verhaltensgenetik und evolutionäre Theorien zur menschlichen Entwicklung wegen Nichterfüllung wissenschaftlicher Standards der Nachweisführung ablehnt, eine Theorie der Entwicklung vorgebracht, in der die Beziehung zwischen Genen und Umwelt eine extrem komplexe und nicht analysierbare Verschmelzung ist. Außerdem ist es ein Hauptthema von Kapitel 5, daß die radikale Skepsis der Frankfurter Schule für Sozialforschung bewußt darauf abzielte, universalistische, assimilatorische Theorien von der Gesellschaft als homogenes, harmonisches Ganzes zu dekonstruieren.

Wissenschaftliche Skepsis bezüglich politisch sensibler Fragen ist auch ein starker Trend in den Schriften von S. J. Gould gewesen (siehe z. B. Gould 1987 an verschiedenen Stellen; Gould 1991, S. 13). Carl Degler (1991, S. 322) sagt von Gould, daß „ein Gegner der Soziobiologie wie Gould in der Tat diese Wechselwirkung [zwischen Biologie und Umwelt] betont, aber gleichzeitig widersetzt er sich beharrlich der Untersuchung der Rolle jedes der wechselwirkenden Elemente.“ Jensen (1982, S. 124) sagt über Goulds Arbeit über die Intelligenztests: „Ich glaube, daß er brillant erfolgreich darin war, all die wichtigen offenen Fragen zu vernebeln, die die heutigen Wissenschaftler wirklich bewegen.“ Diese Art von intellektueller Arbeit zielt darauf ab, die Entwicklung allgemeiner Theorien zum menschlichen Verhalten auszuschließen, in denen genetische Variation eine unabhängig analysierbare kausale Rolle bei der Hervorbringung adaptiven Verhaltens spielt.

Wir haben gesehen, wie R. C. Lewontin Theorien der Verhaltensentwicklung mit marxistischer politischer Theorie verbunden hat. Wie Lerner und Gould befürwortet Lewontin Theorien, die besagen, daß die Natur aus extrem komplexen dialektischen Wechselwirkungen zwischen Organismus und Umwelt besteht. Lewontin lehnt reduktionistische wissenschaftliche Methoden wie quantitative Verhaltensgenetik oder die Analyse von Varianzabläufen ab, weil sie echte Prozesse durch ihre Verwendung von Durchschnitten zwangsläufig allzu sehr vereinfachen (Segersträle 1986). Das Ergebnis ist ein Hyperpurismus, der sich mit nichts weniger als absoluter Gewißheit und absolut korrekter Methodik, Erkenntnislehre und Ontologie zufrieden gibt. In der Entwicklungspsychologie würde solch ein Programm letztendlich zur Ablehnung aller Verallgemeinerungen führen, einschließlich jener, die mit den durchschnittlichen Auswirkungen von Umwelten zu tun haben. Weil jedes Individuum einen einzigartigen Satz von Genen hat und sich ständig in einer einzigartigen und sich ständig ändernden Umwelt entwickelt, würde es wahrscheinlich Gott selber schwerfallen, eine deterministische Darstellung der individuellen Entwicklung zu liefern, und auf jeden Fall muß eine solche Darstellung notwendigerweise, wie eine Boas’sche Theorie der Kultur, weit in die Zukunft vertagt werden.

Durch Übernahme dieser Wissenschaftsphilosophie kann Lewontin Versuche von Wissenschaftlern zur Entwicklung von Theorien und Verallgemeinerungen diskreditieren und somit im Namen der wissenschaftlichen Sorgfalt die Möglichkeit jeglicher politisch inakzeptabler wissenschaftlicher Ergebnisse vermeiden. Segersträle merkt an, daß, während er diese Theorie als Waffe gegen biologische Ansichten in den Sozialwissenschaften verwendete, Lewontins eigene empirische Forschung in der Populationsbiologie fest innerhalb der reduktionistischen Tradition verblieben ist

Goulds und Lewontins (1979) Kritik am Adaptionismus kann auch als Beispiel für die skeptische Stoßrichtung der jüdischen intellektuellen Aktivität gesehen werden. Unter Anerkennung der Existenz von Anpassungen problematisiert das Argument effektiv den Status jeder vermeintlichen Anpassung. Gould (z. B. 1994a) geht dann von der Möglichkeit, daß jede vermeintliche Anpassung einfach eine „Spandrille“ sein könnte, die wie die architektonische Form, von der ihr Name stammt (die Bogenhintermauerung), aus strukturellen Einschränkungen  resultiert, die durch wahre Anpassungen auferlegt werden, zu der bemerkenswerten Behauptung über, daß man den menschlichen Geist als Ansammlung solcher funktionsloser Spandrillen sehen könnte. Wie oben angemerkt, besteht Goulds größere Agenda darin, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, daß das menschliche Gehirn sich nicht entwickelt hat, um Anpassungsprobleme zu lösen – eine Ansicht, die der Anthropologe Vincent Sarich (1995) „Verhaltenskreationismus“ genannt hat. (Bezüglich Mainstream-Ansichten zum Adaptionismus siehe Boyd & Richerson 1985, S. 282; Dennett 1995; Hull 1988, S. 424 – 426; Williams 1985). Tatsächlich hat die Faszination der schlüpfrigen Rhetorik von Goulds und Lewontins „Spandrillen-Artikel“ einen ganzen Band von Essays zur Folge gehabt, die sich dem Sezieren des Schreibstils dieses Artikels widmen (Selzer 1993; siehe insbesondere Fahnestock 1993; siehe auch Joseph Carrols Kommentare [1995, S. 449ff] über das Täuschende von Lewontins Rhetorikstil).

Wissenschaftliche Skepsis ist ein sehr wirksamer Ansatz, nachdem ein sehr grundlegendes Merkmal der Wissenschaft eine Offenheit gegenüber Kritik und eine Forderung ist, daß Argumente durch Beweise zu untermauern sind. Wie E. O. Wilson (1994, S. 345) anmerkt: „Durch Übernahme enger Kriterien für veröffentlichungsfähige Forschungsarbeiten verschaffte Lewontin sich die Freiheit, unbelastet von Wissenschaft eine politische Agenda zu verfolgen. Er übernahm die relativistische Ansicht, daß akzeptierte Wahrheit, sofern sie nicht auf unwiderlegbaren Tatsachen beruht, nichts weiter als ein Spiegelbild der dominanten Ideologie und politischen Macht ist.“70 Ähnliche Themen mit ähnlichen Motiven charakterisieren die Ideologien der Frankfurter Schule und des Postmodernismus, die in Kapitel 5 behandelt werden.

Trotzdem stellt Lewontin (1994a, S. 34) seine ideologisch inspirierten Bemühungen als aus einer Sorge um wissenschaftliche Sorgfalt stammend dar: „Wir verlangen gewisse Regeln für Beweis und Argument, die formal und ohne Bezug zum empirischen Inhalt sind… die Logik der statistischen Schlußfolgerung; die Macht der Wiederholung von Experimenten; die Unterscheidung zwischen Beobachtungen und Ursachenbehauptungen.“ Das Ergebnis ist ein gründlicher Skeptizismus; zum Beispiel sollen alle Theorien über die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern „spekulativ“ sein (Lewontin 1994a, S. 34). In ähnlicher Weise lehnt Gould alle Darstellungen der empirischen Daten auf dem Gebiet der Intelligenztests ab, liefert aber keine Alternativen. Wie Jensen (1982, S. 131) feststellt: „Gould bietet keine alternativen Ideen, die all diese wohlfundierten Beobachtungen erklären. Seine Mission auf diesem Gebiet scheint gänzlich nihilistisch zu sein.“ In ähnlicher Weise merken Buss et al. (1998) an, daß, während die adaptionistische Sichtweise in der Psychologie einen reichhaltigen Bestand an theoretischen Vorhersagen und zahlreiche bestätigende Beobachtungen erbracht hat, Goulds Ideen von Spandrillen und Exaptationen (ein Begriff, der verschiedentlich von Gould verwendet wird, aber vielleicht am häufigsten auf Mechanismen bezogen, die neue biologische Funktionen haben, welche nicht diejenigen sind, die die ursprüngliche Selektion des Mechanismus verursachten) keine theoretischen Vorhersagen und keine empirischen Forschungen zur Folge hatten. Wiederum scheint die Mission etwas zu sein, das man nihilistische Anti-Wissenschaft nennen könnte.

Wie Boas mißt Lewontin die biologisch orientierte Forschung an Menschen an einem extrem rigorosen Standard, ist aber bemerkenswert nachsichtig bei den Standards, die erforderlich sind, um zu beweisen, daß die Biologie sehr wenig Einfluß hat. Lewontin behauptet zum Beispiel, daß „nahezu alle Gender-Biologie schlechte Wissenschaft ist“ (Lewontin 1994a, S. 34), aber auf der nächsten Seite stellt er als offenkundige Wahrheit fest, daß „das menschliche Wesen die Verknüpfung einer großen Zahl schwach wirksamer Ursachen ist.“ Und Lewontin behauptet ohne Argument oder Verweis: „Niemand hat jemals einen Zusammenhang zwischen kognitiven Fähigkeiten und Gehirngröße gefunden“ (S. 34). Zu der Zeit, wo dies geschrieben wurde, hat es mindestens 26 veröffentlichte Studien zu 39 unabhängigen Beispielen gegeben, die eine Korrelation von annähernd 0,20 zwischen Kopfumfang und IQ zeigen (siehe Wickett et al. 1994); es hat auch mindestens 6 veröffentlichte Studien gegeben, die eine Korrelation von annähernd 0,40 zwischen Hirngröße und IQ zeigten, wobei die genauere Technik der Magnetresonanztomographie verwendet wurde, um das Gehirn direkt abzutasten (Andreasen et al. 1993; Egan et al. 1994; Harvey et al. 1994; Raz et al. 1993; Wickett et al. 1994; Willerman et al. 1991). Angesichts dieses Bestandes an Untersuchungsergebnissen ist es mindestens irreführend, solch eine Behauptung zu äußern, obwohl Lewontin (siehe Lewontin 1994b) vermutlich argumentieren würde, daß keine dieser Studien ein akzeptables Niveau wissenschaftlicher Beweiskraft erreicht.

Franz Boas wäre stolz.

ANMERKUNGEN

[Anm. d. Ü.: Im Unterschied zum Buch, wo die Anmerkungen gesammelt am Schluß stehen, füge ich hier die den jeweiligen Abschnitt betreffenden gleich im Anschluß an diesen an.]

  1. Lenz (1931, S. 675) hebt die historische Verbindung zwischen jüdischen Intellektuellen und dem Lamarckismus in Deutschland und deren politische Obertöne hervor. Lenz zitiert eine „extrem charakteristische“ Aussage eines jüdischen Intellektuellen, daß „die Verleugnung der rassischen Bedeutung erworbener Eigenschaften Rassenhass begünstigt.“ Die naheliegende Interpretation solcher Einstellungen ist, daß jüdische Intellektuelle wegen möglicher negativer politischer Auswirkungen gegen die natürliche Selektion waren. Das deutet darauf hin, daß diese Intellektuellen sich über ethnische Unterschiede zwischen Juden und Deutschen sehr wohl im Klaren waren, deren Bedeutung aber aus politischen Gründen leugnen wollten – ein Beispiel von Täuschung als Aspekt des Judaismus als evolutionäre Strategie (SAID Kap. 6 – 8). Tatsächlich merkt Lenz an, daß der Lamarckianer Paul Kammer, der ein Jude war, Selbstmord beging, als er in einem Artikel im angesehenen britischen Journal Nature als wissenschaftlicher Schwindler bloßgestellt wurde. (Die schwarzen Flecken auf Fröschen, welche die Theorie des Lamarckismus beweisen sollten, waren in Wirklichkeit das Ergebnis von Tinteninjektionen.) Lenz stellt fest, daß viele seiner jüdischen Bekannten den Lamarckismus akzeptieren, weil sie glauben möchten, daß sie „in echte Teutonen verwandelt“ werden könnten. Solch ein Glauben kann ein Beispiel für Täuschung sein, nachdem er die Vorstellung nährt, daß Juden „echte Teutonen“ werden können, indem sie, in den Worten eines Kommentators, einfach „Bücher über Goethe schreiben“, obwohl sie ihren genetischen Separatismus beibehalten. In einer Anmerkung (Lenz 1931, S. 674n) tadelt Lenz sowohl die Antisemiten als auch die Juden seiner Zeit, die ersteren dafür, daß sie keinen größeren Einfluß des Judentums auf die moderne Zivilisation akzeptieren, und die letzteren für ihre Verdammung jeglicher Diskussion des Judentums in rassischem Sinne. Lenz stellt fest, daß der jüdische Widerstand gegen Rassendiskussionen „unvermeidlicherweise den Eindruck erweckt, daß sie irgend einen Grund dafür haben, sich vor jeglicher Auseinandersetzung mit rassischen Fragen zu scheuen.“ Lenz bemerkt, daß lamarckianische Einstellungen unter Juden weniger häufig wurden, als die Theorie völlig diskreditiert wurde. Trotzdem akzeptierten zwei sehr prominente und einflußreiche jüdische Intellektuelle, Franz Boas (Freeman 1983, S. 28) und Sigmund Freud (siehe Kap. 4) weiterhin den Lamarckismus, lange nachdem er völlig diskreditiert wurde.
  2. Ich möchte Hiram Caton für seine Kommentare und Hilfe bei der nachfolgenden Behandlung der Boas’schen Schule der Anthropologie danken.
  3. Obwohl Kroeber keine bewußte politische Agenda hatte, dürfte seine Erziehung in einem links-jüdischen Umfeld einen dauerhaften Einfluß gehabt haben. Frank (1997, S. 734) merkt an, daß Kroeber in Schulen ausgebildet wurde, die mit der „Ethical Culture“-Bewegung in Verbindung standen, „einem Ableger des Reformjudentums“, der mit linken Bildungsprogrammen verbunden war und von einer Ideologie einer humanistischen Überzeugung charakterisiert wurde, die sich der gesamten Menschheit annahm.
  4. Torrey (1992, S. 60ff) argumentiert überzeugend, daß die Kulturkritik von Benedict und Mead und ihr Engagement für den Kulturdeterminismus von ihren Versuchen zur Entwicklung von Selbstwertgefühl als Lesbierinnen motiviert war. Wie in Kapitel 1 angegeben, erklären alle möglichen Gründe, warum nichtjüdische Intellektuelle von intellektuellen Bewegungen angezogen werden können, die von Juden dominiert werden, einschließlich der Identitätspolitik anderer Volksgruppen oder in diesem Fall sexueller Nonkonformisten.
  5. Obwohl Freud oft als „Biologe des Geistes“ gesehen wird (Sulloway 1979a) und obwohl er eindeutig von Darwin beeinflußt war und eine universale menschliche Natur behauptete, ist die Psychoanalyse sehr kompatibel mit Umwelteinflüssen und dem von der Boas’schen Schule vertretenen Kulturrelativismus. Freud sah Geistesstörungen als Folge von Umwelteinflüssen, insbesondere der in der westlichen Kultur seiner Zeit so offenkundigen Unterdrückung der Sexualität. Für Freud war das Biologische universal, wohingegen individuelle Unterschiede die Folge von Umwelteinflüssen waren. Gay (1988, S. 122 – 124) stellt fest, daß die Psychiatrie bis zu Freud von einem biologischen Modell beherrscht wurde, in dem geistige Störungen direkte biologische (z. B. genetische) Ursachen hatten.
  6. Stocking (1968, S. 273ff) berichtet von Boas’ Kriegserklärung an eine Gruppe von Anthropologen, die Beiträge zu den Kriegsanstrengungen im Ersten Weltkrieg geleistet hatten. Boas’ Brief, der in der linken Zeitschrift The Nation abgedruckt wurde, bezeichnete Präsident Wilson als Heuchler und die amerikanische Demokratie als Schwindel. Die Gruppe reagierte mit „empörtem Patriotismus“ (Stocking 1968, S. 275), obwohl der Konflikt auch das tiefe Schisma zwischen der Boas’schen Schule und dem Rest des Wissenschaftszweiges widerspiegelte.
  7. Siehe auch Gelb (1986) bezüglich einer aufschlußreichen Diskussion von H. H. Goddards Beteiligung an Tests an Einwanderern.
  8. In jüngerer Zeit akzeptiert Gould (1997) die Idee, daß das menschliche Gehirn als Folge natürlicher Auslese größer wurde. Trotzdem behauptet er, daß die meisten unserer geistigen Fähigkeiten und Potentiale Spandrillen sein könnten. Dies ist vermutlich ein Beispiel für eines von Alcocks (1997) Prinzipien der Gould’schen Rhetorik, insbesondere jenes, seine eigene Position durch illusorische Zugeständnisse zu schützen, um den Eindruck von Gerechtigkeit beim Versuch der Einschränkung der Debatte zu erwecken. Hier räumt Gould ein, daß das Gehirn sich in einer Anzahl von Anpassungen entwickelt haben muß, schlußfolgert aber ohne jeglichen Beweis, daß das Ergebnis großteils eine Ansammlung von Spandrillen ist. Gould führt nie auch nur ein Beispiel einer menschlichen geistigen oder Verhaltensanpassung an und geht sogar so weit, die Behauptung, daß die menschliche Vorliebe für Süßigkeiten angeboren ist, als „Rätselraten“ zu bezeichnen. In Wirklichkeit gibt es einen enormen Fundus von Forschungsergebnissen an vielen Säugetieren, die zeigen, daß die Vorliebe für Süßes angeboren ist (pränatale Ratten und Schafe erhöhen ihre Schluckrate kurz nachdem der Mutter Süßes injiziert wurde; menschliche Neugeborene werden von süß schmeckenden Lösungen angezogen). Zusätzlich sind Gehirnteile und Chromosomenabschnitte lokalisiert worden, die mit der Vorliebe für Süßes zu tun haben.
  9. Wie unten angegeben, stellt ein beträchtlicher Fundus an Forschungsergebnissen eine Verbindung zwischen Gehirngröße und IQ her. Im Rahmen von Goulds Sichtweise kann man diese Forschungsergebnisse akzeptieren, aber dennoch bestreiten, daß Intelligenz ein wichtiger Aspekt der menschlichen Anpassung ist. Es ist interessant festzuhalten, daß Goulds Behauptung mit einer Grundthese dieses Projekts unvereinbar ist: daß ein fundamentaler Aspekt der jüdischen gruppenevolutionären Strategie ein bewußtes Betreiben eugenischer Praktiken gewesen ist, die auf die Hervorbringung einer hochintelligenten Elite und eine Anhebung der durchschnittlichen Intelligenz der jüdischen Population über das Niveau nichtjüdischer Populationen gewesen ist; und daß Intelligenz ein Hauptaspekt der jüdischen Anpassung während ihrer ganzen Geschichte gewesen ist (siehe PTSDA, Kap. 7). Goulds Ansichten über die Wichtigkeit der Intelligenz für die menschliche Anpassung steht somit klar im Widerspruch zu den Ansichten und Praktiken seiner Vorfahren – Ansichten, die im Talmud und in Praktiken, die jahrhundertelang ausgeübt wurden, eindeutig artikuliert werden. Diese Praktiken spielten zweifellos eine direkte Rolle in Goulds Erfolg als beredter, sehr produktiver Professor in Harvard.
  10. Nach Hervorhebung der Zigmillionen Toten als Folge des Sowjetkommunismus stellt Richard Pipes (1993, S. 511) fest: „Der Kommunismus scheiterte, weil er von der irrigen Doktrin der Aufklärung ausging, vielleicht der verderblichsten Idee in der Geistesgeschichte, daß der Mensch bloß ein materielles Gebilde ohne Seele oder angeborene Ideen ist und als solches ein passives Produkt eines unbegrenzt formbaren sozialen Umfelds.“ Obwohl es an dieser Aussage vieles auszusetzen gibt, hält sie die Idee fest, daß radikales Vertreten von Prägung durch die Umwelt hervorragend dazu in der Lage ist, als Ideologie zu dienen, die politischen Regimes zugrunde liegt, welche Massenmord begehen.
  11. Ich sollte festhalten, daß ich beträchtlichen beruflichen Kontakt mit Lerner gehabt habe und er einmal bedeutenden Einfluß auf mein Denken ausgeübt hat. Früh in meiner Karriere schrieb Richard Lerner Empfehlungsschreiben für mich, sowohl wenn ich mich um akademische Stellen bewarb als auch während des Überprüfungsprozesses für meine Professur, nachdem ich fest angestellt wurde. Die Ablehnung des biologischen Determinismus spielt eindeutig eine zentrale Rolle in der theoretischen Grundlage meiner Arbeit in diesem Band und ist auch für meine Schriften auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie charakteristisch gewesen. Tatsächlich habe ich mir alle Mühe gegeben, Lerners Arbeit über die Entwicklungsplastizität in meinen Schriften zu zitieren, und er zitierte etwas von meiner Arbeit über Entwicklungsplastizität in seinem On the Nature of Human Plasticity. Ich habe auch Beiträge zu zwei zusammen mit Lerner herausgegebenen Büchern geleistet (Biological and Psycho-social Interactions in Early Adolescence und Encyclopedia of Adolescence). Außerdem bin ich auch stark von der kontextbezogenen Sichtweise in der Entwicklungspsychologie beeinflußt worden, die mit Urie Bronfenbrenner und Richard Lerner verbunden ist, und habe Lerner in dieser Hinsicht mehrere Male zitiert (siehe mein Social and Personality Development: An Evolutionary Synthesis [MacDonald 1988a, Kap. 9] und Sociobiological Perspectives in Human Development [MacDonald 1988b]). Als Folge dieses Einflusses bemühte ich mich sehr, den Kontextualismus mit einem evolutionären Denkansatz in Einklang zu bringen. Im Rahmen dieser Sichtweise wird die Gesellschaftsstruktur von der Evolutionstheorie unterbestimmt, mit dem Ergebnis, daß die menschliche Entwicklung ebenfalls von biologischen Einflüssen unterbestimmt ist. (Tatsächlich zeige ich in Kapitel 9 von Social and Personal Development: An Evolutionary Synthesis, wie der Nationalsozialismus die Sozialisierung deutscher Kinder beeinflußte, einschließlich der Indoktrination mit Antisemitismus.) Diese theoretische Sichtweise bleibt von zentraler Bedeutung für meine Weltsicht und wird in einigem Detail in PTSDA (Kap. 1) beschrieben.
  12. Antitheoretische Sichtweisen sind in der Anthropologie weit davon entfernt, tot zu sein. Zum Beispiel hat der sehr einflußreiche Clifford Geertz (1973) die Boas’sche partikularistische Tradition in seiner Ablehnung von Versuchen fortgesetzt, Verallgemeinerungen oder Gesetze der menschlichen Kultur zugunsten einer interpretierenden, hermeneutischen Erforschung der subjektiven, symbolischen Bedeutungssysteme zu finden, die für jede Kultur einzigartig sind. Auf das vorliegende Projekt angewandt, würde solch eine theoretische Sichtweise zum Beispiel gründlich untersuchen, welche subjektiven religiösen Bedeutungen das Gebot im Pentateuch, fruchtbar zu sein und sich zu mehren, für Juden hat, sowie ihre Furcht vor Exogamie, statt zu versuchen, die Auswirkungen der Erfüllung dieser Gebote auf Gruppen- und individuelle Fitness zu beschreiben, die genetische Struktur jüdischer Populationen, den Antisemitismus und so weiter.
  13. Es ist in dieser Hinsicht interessant, daß der proto-nazistische Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain einen Versuch startete, die Wissenschaft wegen ihrer vermeintlichen Unvereinbarkeit mit seinen politischen und kulturellen Zielen zu diskreditieren. In einer Aktion, die der wissenschaftsfeindlichen Ideologie der Frankfurter Schule und des zeitgenössischen Postmodernismus (siehe Kap. 5) lange vorausging, behauptete Chamberlain, daß die Wissenschaft eine soziale Konstruktion und der Wissenschaftler wie ein Künstler sei, der eine symbolische Darstellung der Realität versuche. „So stark war sein Beharren auf der mythischen Natur der wissenschaftlichen Theorie, daß er jegliche Wahlmöglichkeit zwischen einem Konzept und einem anderen beseitigte und somit die Tür zur subjektiven Willkürlichkeit weit öffnete“ (Field 1981, S. 296). In etwas, das ich für ein Spiegelbild der Motivation vieler in der gegenwärtigen wissenschaftsfeindlichen Bewegung halte, war Chamberlains Subjektivismus von seinem Glauben motiviert, daß neuere wissenschaftliche Untersuchungen seine rasseorientierten Theorien zu menschlichen Unterschieden nicht unterstützten. Wenn die Wissenschaft mit politischen Agenden in Konflikt gerät, ist der beste Zug die Diskreditierung der Wissenschaft. Wie in SAID (Kap. 5) festgestellt, war Chamberlain aus politischen Gründen auch sehr feindselig gegenüber der Evolutionstheorie eingestellt. Erstaunlicherweise entwickelte Chamberlain in Opposition zum Darwinismus anti-selektionistische Argumente, die ähnliche Argumente moderner Kritiker des Adaptionismus wie Richard Lewontin und Stephen Jay Gould vorwegnehmen, die in diesem Kapitel behandelt werden: Chamberlain sah Darwins Betonung von Konkurrenz und natürlicher Auslese als Aspekte des Evolutionsprozesses als bloß eine anthropozentrische Version des „Dogma von Fortschritt und Vervollkommnungsfähigkeit, angewandt auf die Biologie“ aus dem neunzehnten Jahrhundert (Field 1981, S. 298).

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Fortsetzung: Die Kultur der Kritik (3): Juden und die Linke

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