Haiti darf nicht wiederaufgebaut werden

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Von Alex Kurtagic, übersetzt von Deep Roots. Das Original „Haiti Must Not be Re-Built” erschien am 25. Januar 2010 auf „The Occidental Observer“ (wo es aber inzwischen keine Kurtagić-Artikel mehr gibt, daher ist der Link nun funktionslos):

http://www.theoccidentalobserver.net/authors/Kurtagic-Haiti.html

Tag um Tag werden unsere Gehirne von den Medien mit dem Horror aus Haiti bombardiert. Während ich nicht wünsche, daß eine gleichartige Katastrophe meine Freunde und meine Lieben befällt, so kann ich doch nicht anders, als über die Reaktion der westlichen Regierungen mit den Augen zu rollen.

Ich störe mich nicht an den Initiativen zur Erlassung der Auslandsschulden von Haiti, nachdem ich genug vom modernen Bankwesen verstehe, um zu wissen, daß die Banken nichts außer Gewinnen verlieren, wenn sie einen sogenannten „Kredit” abschreiben: Wenn Banken einen „Kredit” vergeben, dann verleihen sie keine wirklichen Vermögenswerte, die sie in ihrem Besitz haben, sondern erzeugen in Wirklichkeit eine elektronische Fiktion, aus nichts und von nichts besichert, mit ein paar Tastendrucken und Mausklicks auf einem Computer. Aus diesem und anderen Gründen, die ich später behandeln werde, stimme ich der Idee voll zu, die Kredite an Haiti abzuschreiben.

Es stört mich auch nicht, wenn westliche wohltätige Organisationen den Opfern Beistand leisten, vorausgesetzt, die besagten Organisationen sind private Institutionen, die von privaten, freiwilligen Spendern finanziert werden.

In Übereinstimmung mit dem Kongreßabgeordneten Ron Paul stört es mich jedoch, wenn eine westliche Regierung wie die von Barack Obama in den Vereinigten Staaten das Geld ihrer Steuerzahler einem Wiederaufbauprogramm in diesem Teil der Welt zu widmen beabsichtigt. Dies nicht so sehr, weil die westlichen Länder alle technisch bankrott sind, und das schon seit Jahren: immerhin haben wir immer noch die materiellen Mittel und das intellektuelle Rüstzeug, um uns aus unserer wirtschaftlichen Misere herauszuziehen. Nein. Sondern weil ein Wiederaufbau Haitis einfach die Fehler der Vergangenheit wiederholen würde, die schlüssig und von Beispielen andernorts unterstützt gezeigt haben, daß jede Anstrengung zur Ermutigung einer ehemaligen Kolonie, die jetzt von Schwarzafrikanern geführt wird, eine Gesellschaft westlichen Stils zu werden, komplett mit Rechtsstaatlichkeit, blühender Marktwirtschaft, Eigentumsrechten, Industrieproduktion, modernen Kommunikationsmitteln und dergleichen, vergeblich und kontraproduktiv ist. Haiti darf nicht wiederaufgebaut werden.

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Die Zahl der Todesopfer in Haiti — die gegenwärtig auf 200.000 geschätzt wird — mag von einem Erdbeben verursacht worden sein, aber sie hätte nicht so hoch sein müssen. Walter E. Williams, Professor der Ökonomie an der George Mason University, wies vor ein paar Tagen darauf hin, daß

Nordkaliforniens Loma-Prieta-Erdbeben von 1989 stärker war, 7,1 auf der Richter-Skala erreichte und 63 Tote und 3.757 Verletzte zur Folge hatte. Das Erdbeben von 1906 in San Francisco erreichte 7.8 auf der Richter-Skala, etwa die achtfache Stärke des Bebens von Haiti, und kostete 3.000 Menschenleben.

Daß die Zahl der Toten in Haiti 3.000mal höher war als die des Loma-Prieta-Bebens und 66mal höher als in San Francisco, liegt weniger an einem „besonders grausamen und unbegreiflichen Kataklymus” als vielmehr am mangelnden Arbeitsethos der Haitianer, an ihrer Korruption und fehlenden Fähigkeit zum Vorausplanen.

Es stimmt, Haiti ist eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt und das ärmste der westlichen Hemisphäre, wo 80 % unter der Armutsgrenze leben und 54 % in elender Armut; und daß sich in unserer Welt die Kalamitäten bei fehlendem Geld nur vervielfachen — ohne Geld ist es schwierig, irgendetwas zu tun. Aber Haiti war nicht immer arm. Im 18. Jahrhundert war Haiti, damals unter französischer Herrschaft und Saint-Domingue genannt, die reichste französische Kolonie in der Neuen Welt. Seine enorm profitablen Plantagen produzierten Zucker, Kaffee, Baumwolle und Indigo und zogen zigtausende französische Siedler an. Die Verarmung von Haiti, der ersten von Schwarzen regierten Republik des Planeten, mit einer Bevölkerung, die zu 95 % schwarz ist, hat seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1804 stattgefunden. Im Kampf um die Unabhängigkeit wurden nahezu 200 Plantagen niedergebrannt oder zerstört, und 24.000 der damals 40.000 weißen Siedler wurden getötet.

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Seit damals hat es 32 Staatsstreiche gegeben, die Wälder sind vernichtet worden, die Bevölkerung ist explodiert, und Haiti ist unter den 179 Ländern des Transparency International Corruption Perceptions Index fast ganz nach unten gerutscht. In der Tat ist die Situation zeitweise so chaotisch geworden, daß die Vereinigten Staaten in drei separaten Fällen gezwungen waren, Truppen zu entsenden: 1915 (bis 1934), in welchem Zeitraum die Vereinigten Staaten ein riesiges Wiederaufbauprogramm finanzierten; 1958, als die Vereinigten Staaten wieder einmal versuchten, Haitis wirtschaftliche Infrastruktur aufzubauen, und 1994 (bis 1996), als noch ein Wiederaufbau unter den Bezeichnungen Operation Uphold Democracy und Operation New Horizons stattfand.

Die Situation vor dem Beben war um nichts besser als vor einem Jahrhundert. Im Jahr 1900 berichtete Hesketh Pritchard, ein Forscher und Mitglied der Royal Geographic Society, in seinem Buch “Where Black Rules White: A Journey Across and About Hayti”:

Was den Reisenden an Hayti am meisten erstaunt, ist daß sie dort alles haben. Fragen Sie, wonach Sie wollen, die Antwort ist ausnahmslos: ‘Ja, ja, wir haben es.’ Sie besitzen alles, was eine zivilisierte und fortschrittliche Nation wünschen kann. Elektrisches Licht? Sie zeigen stolz auf ein Kraftwerk auf einem Hügel außerhalb der Stadt. Konstitutionelle Regierung? Eine Abgeordnetenkammer, die per Volkswahl gewählt wird, ein Senat, und all die ausgeklügelten Utensilien des Gesetzes: man kann sie alle hier finden, anscheinend alle. Institutionen, Kirchen, Schulen, Straßen, Eisenbahnen . . . auf dem Papier ist ihr System makellos . . . wenn man dem Trugbild des Hörensagens Glauben schenkt, können sich die Haitianer des Besitzes aller wünschenswerten Dinge brüsten, aber bei näherem Hinsehen neigen diese erfreulichen Anblicke dazu, ein anderes Aussehen anzunehmen.

Sie stehen zum Beispiel in dem, was einmal ein Gebäude war, aber jetzt ein spindelbeiniges Gespenst seines früheren Selbst ist. Ein einzelner Mann, der ein gebrochenes Bein pflegt, räkelt sich auf dem schwarzen Erdboden; ein Stapel hölzerner Betten ist in der nördlichen Ecke aufgehäuft; Regen hat in der Mitte des Raumes eine Pfütze gebildet, die sich immer weiter ausbreitet, während der letzte Schauer vom Dach tropft. Irgendwelche dreckigen Leintücher liegen zu einem klebrigen Knäuel zusammengedreht auf zwei Betten, von denen eines umgeworfen ist. Ein großer eiserner Waschbottich steht im offenen Eingang.

Also wo befinden Sie sich? Es wäre unmöglich zu erraten. Tatsächlich befinden Sie sich im Militärkrankenhaus der zweitwichtigsten Stadt von Hayti, einer vom Staat unterstützten Einrichtung, in der die Soldaten der Republik angeblich von allen fleischlichen Leiden geheilt werden . . .

Es war dasselbe mit dem elektrischen Licht. Das Kraftwerk war da, aber es funktionierte nicht. Es war dasselbe mit den Kanonen [der Armee]. Es gibt Kanonen, aber sie gehen nicht los. Es war dasselbe mit ihren Eisenbahnen. Sie wurden ‘vorangetrieben’, aber sie machten nie Fortschritte. Es war dasselbe mit allem

Pritchards Bericht ist oft mitfühlend gegenüber den Haitianern, aber dennoch, das Bild, das sich ergibt, ist sehr negativ. Im letzten Kapitel schloß der Forscher:

Der gegenwärtige Zustand von Hayti gibt die bestmögliche Antwort auf die Frage, und wenn man bedenkt, daß das Experiment ein Jahrhundert gedauert hat, wohl auch eine endgültige. Ein Jahrhundert lang hat sich dort die Antwort in Fleisch und Blut herausgearbeitet. Der Neger hat seine Chance gehabt, ein faires Spielfeld und keine Begünstigung. Er hat die schönste und fruchtbarste der karibischen Inseln für sich gehabt; er hat den Vorteil exzellenter französischer Gesetze gehabt; er hat ein gemachtes Land geerbt, mit Cap Haitien als sein Paris . . . Hier war ein weites Land, mit Fruchtbarkeit gesegnet, ein Land mit Holz, Wasser, Städten und Plantagen, und in dessen Mitte war der schwarze Mann freigestellt, sich sein eigenes Heil zu erarbeiten. Was hat er aus den Chancen gemacht, die ihm gegeben wurden? . . . Heute kommen wir in Hayti zur wahren Crux der Frage. Am Ende von hundert Jahren der Versuche – wie regiert der schwarze Mann sich selbst? Welchen Fortschritt hat er gemacht? Absolut keinen. Wenn er sich der Aufgabe des Regierens annimmt, tut er das nicht in der Absicht, das öffentliche Wohl zu fördern, sondern um seine eigene Tasche zu füllen. Sein Motto ist immer noch: „Rupfe das Huhn, aber gib acht, daß es nicht schreit“. Korruption hat sich in jedem Teil und jedem Amt der Regierung ausgebreitet. Fast alle der Übel des Landes können zu ihrer Quelle in der Tyrannei, der Unfähigkeit und Unredlichkeit derer zurückverfolgt werden, die sich am Steuer des Staates befinden . . . Kann der Neger sich selbst regieren? Hat er die angeborene Fähigkeit dazu? . . . So wie die Dinge heute stehen, kann er sich gewiß nicht selbst regieren.

Ein Jahrhundert später könnten wir zu Recht zu einem ähnlichen Schluß kommen.

Nachdem ich dies gesagt habe: ich bin nicht hier, um simplistische konservative Argumente zu wiederholen, die den Haitianern die Schuld an ihrer mißlichen Lage geben und Lösungen vorschreiben, die auf Demokratie, Liberalisierung, Bildung, Investitionen, Rechenschaftspflicht, Transparenz und offenen Märkten beruhen. Es gibt keinen Zweifel, daß die Haitianer, wie die subsaharischen Afrikaner, die Architekten ihrer eigenen Mißgeschicke sind; aber es ist unredlich, die verschiedenen Völker der Welt danach zu beurteilen, wie gut sie einem europäischen Standard entsprechen. Wie ich hier und anderswo argumentiert habe, sind nicht alle Völker der Welt dazu bestimmt, genau wie wir zu sein. Und sicherlich brauchten oder gar wünschten nicht alle, genau wie wir zu sein.

Port au Prince vs Soweto: Schwarze Herrschaft sieht auf beiden Seiten des Atlantiks gleich aus.

Port au Prince vs Soweto: Schwarze Herrschaft sieht auf beiden Seiten des Atlantiks gleich aus.

Im 19. Jahrhundert waren die Erforscher des subsaharischen Afrika — der Heimat der Vorfahren der Haitianer — schockiert über das Fehlen von Zivilisation in traditionellen schwarzafrikanischen Gesellschaften. Die Unzivilisiertheit letzterer war jedoch nicht das abnormale Ergebnis gescheiterter Staaten oder der Zinssätze der Weltbank, weil es diese damals nicht gab: es war ihr Normalzustand. Unbeeinflußt von europäischen oder arabischen Kulturen waren dies prähistorische Stammesgesellschaften, die niemals eine Schriftsprache entwickelt, Geschichte aufgezeichnet, Geld benutzt, Kalender geführt, Straßen erhalten oder irgendeinen Bedarf nach Administration oder Gesetzbüchern gehabt hatten. Diese Gesellschaften existieren heute noch im afrikanischen Busch, und falls sie sich in den letzten 50.000 Jahren merklich oder überhaupt geändert haben, dann haben sie sich sicherlich nicht in unsere Richtung verändert. Offensichtlicherweise waren die Merkmale, die uns Europäer charakterisieren und die wir so hoch schätzen, für das Überleben im subsaharischen Busch nicht wesentlich; und weitergedacht, was Europäer normal und natürlich finden, finden Schwarzafrikaner abnormal und künstlich. Ideologien von Fortschritt und Modernität — kennzeichnende Produkte des liberalen europäischen Geistes — sind dem schwarzen Mann nie eingefallen, auch wenn er sie nachträglich für instrumentell nützlich befand. Es überrascht daher nicht, daß sich die Zustände, wenn ein Nationalstaat unter schwarze Herrschaft gestellt wird, schnell verschlechtern: bestenfalls können Schwarze die äußeren Formen des europäischen Systems simulieren, aber niemals ihre Substanz.

Mit dem im Hinterkopf sollte es offensichtlich sein, daß ein Wiederaufbau Haitis eine Zeitverschwendung wäre. Ich würde es auch eine Form des Imperialismus nennen. Daß das westliche politische Establishment das nicht anerkennt und dementsprechend handelt, selbst wenn unsere Politiker es tief im Inneren wissen, liegt mehr an Ideologie als an Unwissenheit über die Fakten.

Die Linke hat einen religiösen Glauben an den Fortschritt. Und, auch wenn sie es nicht erkennt, ihr Denken ist zutiefst eurozentrisch. Infolgedessen interpretiert die Linke die Geschichte als einen Prozeß, in dem Menschen — im wesentlichen Europäer mit exotischen Hautfarben und geringfügigen Abweichungen in der Physiognomie — sich vom Schlechteren zum Besseren entwickeln, gemessen an Werten, die für Europäer und niemand sonst wichtig sind. Wenn der Fortschritt ausbleibt, geben die von sich selbst eingenommenen, nabelschauenden Linken den Europäern die Schuld und sehen es als das Produkt der unvollkommenen Umsetzung linker Theorien. Leider sind moderne Konservative von der Linken beeinflußt worden und bevorzugen lediglich eine kapitalistische und pragmatische — statt sozialistische und utopische — Interpretation der linken Fortschrittsideologie. Das Ergebnis ist eine Kampagne für immer mehr Hilfe und Entwicklung, genährt von dem Glauben, daß sich die Dritte Welt (einschließlich sogar Haitis) mit genügend Geld, Bildung und Chancen schließlich an Europa annähern wird. Für die Linke ist der Tagtraum die universale Gleichheit; für die Konservativen größere Märkte für kapitalistisches Unternehmertum.

Voodoo: deutlich afrikanisches Aroma

Voodoo: deutlich afrikanisches Aroma

Ohne ein radikales Eugenikprogramm wird das Fortschrittsutopia jedoch ein phantastischer Traum bleiben.

Hinsichtlich der Totenzahlen in Haiti gebe ich natürlich den Spaniern und Franzosen die Schuld, weil sie Sklaven gekauft und in die Karibik verschifft haben, um sie auf ihren Plantagen arbeiten zu lassen. Hätten sie auf diese schändliche Praxis verzichtet und sich stattdessen auf ihre eigenen Muskeln verlassen, wäre Hispaniola heute eine immens reiche Insel, gut vorbereitet auf jede Naturkatastrophe. Abgesehen von solch verrückten Plänen wie dem Rücktransport von 9 Millionen Haitianern nach Afrika, schlage ich jedoch vor, daß das Beste, was wir in diesem Stadium tun können, darin besteht, daß wir nicht wiederaufbauen, sondern den Abbruch vollenden. Subsistenzlandwirtschaft, ebenerdige Lehmbehausungen von einfacher Bauweise, keine Motorfahrzeuge, keine Elektrizität, kein Geld, keine Bücher, keine industriell gefertigten Werkzeuge, und – am wichtigsten – keine Feuerwaffen, kein Handel oder westliches Eingreifen, ist das zu befolgende Modell. Laßt die Haitianer alle Überbleibsel der europäischen Zivilisation verlieren und sich auf eine Weise reorganisieren, die mit ihren Gaben, Sensibilitäten und ihrer ererbten Kultur harmoniert. Laßt sie ihren eigenen Gleichgewichtspunkt finden, selbst wenn er stark von unserem abweicht. Es ist nichts falsch an Voodoo oder einer vorindustriellen Agrargesellschaft, wenn es das ist, was für die in ihr lebenden Menschen funktioniert.

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