Wir sind nicht eure Waffen, wir sind Frauen

Amanda Kijera

Amanda Kijera

Von Amanda Kijera, übersetzt von Deep Roots (Schlußbild vom Übersetzer eingefügt).

Das Original We are not your weapons – we are women erschien am 23. April 2010 auf AlterMedia:

http://blogs.alternet.org/speakeasy/2010/04/23/we-are-not-your-weapons-we-are-women/

(mit Dank an War Blogger für den Link!)

 

Vor zwei Wochen, an einem Montagmorgen, begann ich etwas zu schreiben, von dem ich dachte, daß es ein sehr kluger Leitartikel über Gewalt gegen Frauen in Haiti werden würde. Der Fall wurde, wie ich glaubte, von Frauenorganisationen übertrieben dargestellt, die zusätzliche Ressourcen brauchten. Immer engagiert für die Bewahrung der Würde schwarzer Männer in einer Welt, sie sie ständig stereotyp als gewalttätige Wilde darstellt, sah ich diesen Text als eine weitere Gelegenheit, „the man“ im Namen meiner Brüder zu bekämpfen. In dieser Nacht, bevor ich den Artikel fertigstellen konnte, wurde ich auf einem Dach in Haiti von einem genau jener Männer, mit deren Verteidigung ich den Großteil meines Lebens verbracht hatte, festgehalten und wiederholt vergewaltigt.

Er schmerzte. Das Erlebnis war beinahe mehr, als ich ertragen konnte. Ich bettelte ihn an, aufzuhören. In Angst, daß er mich töten würde, bat ich ihn, mein Engagement für Haiti zu honorieren, als Bruder im gemeinsamen Kampf für ein Ende unserer gemeinsamen Unterdrückung, aber vergeblich. Es kümmerte ihn nicht, daß ich eine Schülerin von Malcolm X war. Er sagte mir, ich solle den Mund halten, und schlug mir dann ins Gesicht. Überwältigt, gab ich den Kampf nach etwa der Hälfte der Nacht auf.

Als ich die Hilflosigkeit meiner Situation akzeptierte, schmiß ich das Haiti-Armband beiseite, das ich über ein Jahr lang so stolz getragen hatte, und zusammen mit ihm meine Träume von der menschlichen Befreiung. Irgendjemand, sagte ich mir, würde immer größer und stärker sein als ich. Als Frau ist mir mein Platz im Leben von Geburt an zugeschrieben worden. Ein chinesisches Sprichwort besagt, daß „Frauen wie das Gras sind, dazu da, um daraufzutreten.“ Der Gedanke tröstete mich, während er mich gleichzeitig erschaudern ließ.

Ein gefährlicher Gedanke. Andere wie er haben Bewegungen entgleisen lassen, Bewußtsein entmutigt und den Fortschritt jahrhundertelang aufgehalten. Ihn als Wahrheit zu akzeptieren, signalisiert den Anfang vom Ende des Lebens einer Person – oder Gemeinschaft – und ihrer Fähigkeit zur Selbstliebe. Resignation bedeutet Trägheit, und während der letzten zwei Wochen habe ich in ihr gewohnt. Zu meinen Nachbarn hier gehören Frauen aus der ganzen Welt, aber es sind die Frauen afrikanischer Abstammung, und besonders haitianische Frauen, die mich dazu bewegen, nun zu schreiben.

Wahrlich, ich habe als Journalistin und Menschenrechtsaktivistin die vielen Ungerechtigkeiten erlebt, die schwarzen Männern in dieser Welt zugefügt werden. Der Schmerz, das Trauma und die Wut, die aus Ausbeutung geboren werden, sind Schrecken, mit denen ich jeden Tag meines Lebens gerungen habe. Sie bringen einen dazu, daß man zurückschlagen möchte, wütend für das kämpfen will, was von ihrer persönlichen Würde im Gefolge solcher Dinge übrigbleibt. Schwarze Männer haben jedes Recht auf den Zorn, den sie als Reaktion auf ihre Position in der globalen Hierarchie empfinden, aber ihr Zorn ist fehlgeleitet.

Frauen sind nicht die Quelle ihrer Unterdrückung; es ist die unterdrückerische Politik und das bisher noch nicht in Angriff genommene weiße Patriarchat, das immer noch die globale Bühne dominiert. Weil Frauen – und besonders farbige Frauen – gezwungen sind, die Hauptlast der Reaktion schwarzer Männer auf die Misere der schwarzen Männer zu tragen, haben die internationale Gemeinschaft und jene Nationen, die von der Unterdrückung kolonisierter Völker profitiert haben, eine Verantwortung dafür, Frauen den Schutz zu geben, den sie brauchen.

Die Vereinten Nationen, westliche Frauenorganisationen und die haitianische Regierung müssen sofort den Frauen in Haiti die Mittel geben, die sie brauchen, um Zentren gegen häusliche Gewalt und für Krisen nach Vergewaltigungen zu bauen. Hört auf, schwarze Familien zu spalten, indem ihr nur an Frauen verteilt, was nur den Groll und die Frustration von Männern in Haiti steigert. Bietet sowohl Frauen als auch Männern Jobausbildungsprogramme, die Selbstversorgung ermöglichen im Gegensatz zu fortgesetzter Abhängigkeit von Weißen. Und schließlich gebt zu, daß die Frage der Rassenintegration immer noch auf internationaler Ebene behandelt werden müßte, und findet dann einen Weg, sie zu behandeln!

Ich ging nach dem Erdbeben nach Haiti, um die Haitianer zur Selbständigkeit zu befähigen. Ich ging hin, um sie an das Viele zu erinnern, was Afrikanischstämmige zur Welt beigetragen haben, und an ihre erstaunliche Widerstandsfähigkeit und Stärke als Volk. Nicht einmal stellte ich mir vor, daß ich selber ein Gefäß für die Wut eines schwarzen Mannes auf die weiße Welt werden würde, aber ich wurde zu einem solchen. Während ich mich am Verhalten meines Bruders störe, bin ich dankbar für die Erfahrung. Sie weckte mich auf, ließ mich auf tieferer Ebene den Schrecken verstehen, mit dem meine Schwestern täglich zu tun haben. Mit dem in der Hand finde ich es in Ordnung, wenn ich für haitianische Frauen und für mich spreche, indem ich sage, daß wir nicht eure Bauern im Schachspiel sein werden, rassisch, politisch, ökonomisch oder sonstwie.

Wir sind Frauen, keine Kriegswaffen. Dankenswerterweise gibt es Organisationen hier in Haiti, die weiterhin für die Menschenrechte von Frauen kämpfen, wie MADRE, SOFA und Enfofanm.

Statt zuzulassen, daß ich in solcher Weise benutzt werde, und im Gegensatz dazu, der Frustration und Bitterkeit nachzugeben, die aus solch einer Erfahrung entstehen kann, entschied ich mich dafür, statt dessen weiterhin zu lieben und aufzuklären. Meine Brüder können für die Realitäten von Frauen in Haiti und überall auf der Welt sensibilisiert werden, wenn ihnen diese präsentiert werden, indem man ihre eigenen Zusammenstöße mit Rassismus und Unterdrückung als Ausgangspunkt benutzt.

Man muß sie dazu bringen, die gefährliche Wahrscheinlichkeit zu verstehen, daß der Unterdrückte zum Unterdrücker wird, wenn keine Bewußtseinsveränderung stattfindet und wenn kein Ende des Traumakreislaufs geschieht. Ich habe die Absicht zu erleben, daß es geschieht… indem ich weiterhin furchtlos mit Gerechtigkeit im Sinn lebe und arbeite, durch die Schaffung eines sicheren Raumes für Frauen in Haiti und durch die Schaffung von Programmen für haitianische Männer, die auch ihre Bedürfnisse berücksichtigen. Waffen vernichten, Dialog trägt Früchte.

Es ist die Frucht, an der ich jetzt interessiert bin, egal wie seltsam oder zerschrammt sie erscheinen mag.

peta-lion

 

Einleitungskommentar des Übersetzers:

Es ist die Frucht, an der ich jetzt interessiert bin, egal wie seltsam oder zerschrammt sie erscheinen mag. (It’s the fruit I’m interested in now, no matter how strange or bruised it might appear.“

Da kommt einem Fiesling wie mir doch gleich wieder der Begriff „strange fruit“ in den Sinn…

Also wirklich, dieses hirnverbrannte Sumpfhuhn ist schon ein extrem krankes Exemplar! Lesenswert sind auch die Kommentare im Originalstrang; zwar gibt es auch dort etliche linksindoktrinierte, rasseblinde Erweckungskandidaten, aber unsere Seite ist dort auch recht gut vertreten und teilt ordentlich aus. Einer der Kommentatoren hat mich mit seiner mehrmaligen Verwendung des Ausdrucks „monkey boy“ für Amanda Kijeras Vergewaltiger „schwarzen Bruder“ zu dieser kreativen Bearbeitung eines Textes von Gordon Lightfoot inspiriert:

The monkey boy will understand,

he holds a promise in his hand.

And if you meet him you must be

The victim of my supremacy.

Sing for her a song,

Monkey of the dawn.

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