Der Mythos des Feminismus der ersten Welle

SuffragePoster

Von Aedon Cassiel; Original: The Myth of First-Wave Feminism, erschienen am 1. August 2016 auf Counter-Currents Publishing.

Übersetzt von Cernunnos

 

War es unterdrückerisch, Frauen das Wahlrecht zu verweigern? Lassen Sie es mich von vornherein klarstellen: das Thema dieses Essay ist nicht, ob Frauen jetzt das Wahlrecht haben sollten. Mein Argument ist eines, das hypothetisch dazu in der Lage sein sollte, einen reinen Egalitären zu überzeugen, der glaubt, daß die „menschliche Natur“ in ihrem Kern, unter ihren äußeren Ausdrucksformen, die durch äußere Umstände eingeschränkt werden, eine Art von austauschbarem, einheitlichem „Stoff“ ist. Ich kann die Meinung von jemandem ändern, der glaubt, daß Männer und Frauen nicht einmal psychologisch verschieden sind und der völlig zufrieden mit der Gleichstellung ist, die wir heute erreichen konnten.

Im feministischen Narrativ wird die Verweigerung des Wahlrechts für Frauen durch das Patriarchat oft als die „Ursünde“ dargestellt – als der offenkundigste Akt von Frauenfeindlichkeit, dessen Existenz eine Bewegung von Frauen erforderte, die sich als Frauen organisierten, um ihm ein Ende zu setzen, was das Bewußtsein über eine ganze Reihe anderer Formen patriarchaler Unterdrückung in Bewegung setzte, die es ebenfalls erforderten, daß Frauen sich als Frauen organisierten. Es ist wichtig, im Auge zu behalten, daß es drei völlig getrennte Fragen sind, ob man denkt, daß es gut ist, daß Frauen jetzt das Wahlrecht haben, ob man denkt, daß es gut ist, daß Frauen das Wahlrecht erlangten, als sie es taten, und ob man denkt, daß es zu der Zeit falsch war, daß Frauen das Wahlrecht verweigert wurde. Die Frage, auf die ich mich hier konzentrieren möchte, ist weder die erste noch die zweite, sondern die dritte. Frauen wurde nicht im 21. Jahrhundert das Wahlrecht verweigert, sondern im 19. und 20. Und es gibt bemerkenswerte Unterschiede zwischen diesen Zeiten.

Der erste relevante Unterschied ist die Art von Arbeit, die getan werden mußte. Der zweite relevante Unterschied liegt in den verfügbaren Informationsquellen und Arten von Informationen. Der dritte ist der Fortschritt der Wissenschaft. Um es schlichter auszudrücken: der amerikanischen Gesellschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts fehlten drei Dinge, die wir heute für selbstverständlich halten: Jobs, die Frauen mit ihrer körperlichen Ausstattung genauso leicht bewältigen konnten wie Männer; Fernsehen, Internet und Radio; und die Geburtenkontrolle.

Im Alltagsleben gab es für verheiratete Paare einfach keine Möglichkeit, die Geburt von Kindern aufzuschieben. Sofern Paare nicht gänzlich auf Sex verzichteten, würden Kinder unterwegs sein. Und die meisten Frauen wollten damals wie heute Kinder. Bei weitem der Hauptgrund dafür, daß Menschen auf Kinder verzichten, ist Geld. Währenddessen war die Arbeit, die erforderlich war, um in den Fabriken Geld zu verdienen, körperlich intensiv fordernd. Arbeiter pflegten 12 oder 14 Stunden pro Tag zu arbeiten, 6 Tage pro Woche, mit wenig Ruhezeiten. Laufende Maschinerie erzeugte enorme Hitze, freiliegende und bewegliche Teile und das Fehlen von Sicherheitsvorschriften bedeuteten schwere Verletzungen. Noch in den Anfang des 20. Jahrhunderts hinein hatten die Vereinigten Staaten eine der höchsten arbeitsbezogenen Todesraten der Welt.

Um es klarzustellen, viel von unserem Bild über die angeblichen Grausamkeiten der industriellen Revolution kommt buchstäblich von der marxistischen Propaganda – die ihrerseits unkritisch von den Propagandakampagnen ländlicher Landbesitzer übernommen wurde, die unzufrieden darüber waren, daß sie Arbeiter verloren, als Menschen freiwillig das noch härtere Landleben zugunsten von Industrien in der Stadt verließen. So hart das Leben in den Fabriken im Vergleich zu heute war, so sahen es zahllosen Menschen dieser Zeit offenkundig als den Alternativen vorzuziehen, die für sie tatsächlich verfügbar waren. Capitalism and the Historians enthält fünf Essays von fünf verschiedenen Wirtschaftshistorikern, von denen jeder das Leben von Arbeitern auf dem Land detailliert schildert, um ein realistischeres Bild davon zu geben, was die industrielle Revolution tatsächlich für die Menschen bedeutete, die zu der Zeit lebten. In Wirklichkeit strebten manche Frauen ebenfalls eine Arbeit in den Fabriken an, weil ein besserer Weg zur Erhaltung ihrer Familien war als das Land. Dennoch ist in dem Ausmaß, wie die Arbeitsteilung Männer an diese Arbeitsplätze brachte, während sie Frauen zu Hause ließ, dies an und für sich kaum eine Unterdrückung von Frauen. Um es so auszudrücken: das Patriarchat in England erließ im Jahr 1842 nicht Gesetze, die Frauen und Kindern das Arbeiten unter Tage in den Kohlenbergwerken verboten, nur weil Männer egoistischerweise diese Luxusjobs für sich behalten wollten.

Es war eine völlig natürliche Arbeitsteilung – der effizienteste Weg zur Verwirklichung der tatsächlichen Präferenzen echter lebender Individuen unter den Umständen dieser Zeit -, daß die meisten Männer sich hauptsächlich auf körperliche Arbeit konzentrierten, während die meisten Frauen sich hauptsächlich darauf konzentrierten, Kinder zu gebären und aufzuziehen. Das Leben im 19. Jahrhundert war für Frauen nicht immer luxuriös, aber es war auch für Männer nicht wirklich luxuriös. Damals waren wie heute die große Mehrheit der Menschen, die am Arbeitsplatz verletzt oder getötet wurden, Männer [http://www.bls.gov/news.release/cfoi.nr0.htm]. Und wenn es das ist, was „Patriarchat“ ist, dann war das „Patriarchat“ wohl ein besserer Deal für Frauen als für Männer. Wie viele heute lebende Menschen würden sich dafür entscheiden, 14 Stunden pro Tag 6 Tage die Woche in einem Kohlenbergwerk zu arbeiten, statt zu Hause Kinder aufzuziehen, wenn sie die Wahl hätten?

Nun bedenken Sie: was betraf die Regierungspolitik während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts?

Im Wesentlichen „regelte“ die Regierungspolitik zwei Dinge: die Wirtschaft und den Krieg.

Fabriken, in denen vorwiegend Männer schufteten, und den Krieg, an dem ausschließlich Männer beteiligt waren.

Und ohne Internet oder Fernsehen oder auch nur Radiostationen (die erste Radionachrichtensendung wurde tatsächlich nur ein paar Wochen nachdem die Frauen 1920 das Wahlrecht erlangten, gesendet) hatte eine Frau, die keine direkte Erfahrung mit Fabrikarbeit oder Krieg hatte, außer den Zeitungen keine Informationsquellen, die ihr Wahlverhalten leiteten. Diese Bedingungen haben sich offensichtlich geändert – die meisten von uns würden sagen, zum Besseren. Aber hat es angesichts dieser Bedingungen irgendeinen Sinn, daß Frauen in einer Politik etwas zu sagen haben, die Industrien regelt, in denen die meisten nicht arbeiteten, und Kriege, in denen allein Männer kämpften und starben? Ich glaube, die richtige Antwort lautet „nein.“

Wenn es also nicht „unterdrückerisch“ ist, daß die Arbeitsteilung die meisten Frauen zu Hause hielt, während sie fast nur Männer in die Fabriken schickte, weil dies großteils eine natürliche Folge der körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern war (hauptsächlich weil Frauen schwanger werden und es keine Geburtenkontrolle gab); und wenn es nicht „unterdrückerisch“ war, Männer, aber nicht Frauen, in den Krieg zu schicken; und wenn es nicht „unterdrückerisch“ ist, das Wahlrecht auf Menschen zu beschränken, die am direktesten von der Politik betroffen sind, über die abgestimmt wird… dann war gar nichts Unterdrückerisches daran, Frauen das Wahlrecht zu verweigern.

*   *   *

Natürlich ist diese Geschichte übermäßig vereinfacht. Gab es manche Frauen, die in den Fabriken arbeiteten und daher ein direktes Interesse an der Politik hatten, die über sie beschlossen wurde, und die keine Mitsprache durch Wählen hatten? Sicher.

Aber das Bild einer Welt, in der den Frauen einfach flächendeckend das Wahlrecht verweigert wurde, bis 1920 der 19. Verfassungszusatz beschlossen wurde, ist ebenfalls krass übersimplifiziert.

Wyoming hatte den Frauen bereits volle drei Jahrzehnte früher das Wahlrecht gewährt, und  Colorado war diesem Beispiel nur drei Jahre danach gefolgt. Tatsächlich hatten die Frauen zu der Zeit, als der 19. Verfassungszusatz beschlossen wurde, bereits in fast allen Bundesstaatten westlich des Mississippi das volle Wahlrecht, und in einigen anderen: Washington, Oregon, Montana, Idaho, Kalifornien, Nevada, Utah, Arizona, Wyoming, Colorado, South Dakota, Kansas, Oklahoma, Michigan und New York. Arkansas and Texas gaben Frauen das Wahlrecht in Vorwahlen; Nebraska, North Dakota, Illinois und Vermont gewährten Frauen das Wahlrecht bei Präsidentenwahlen. Und die erste weibliche Präsidentschaftskandidatin bewarb sich tatsächlich noch früher – im Jahr 1872.

Und gleichzeitig scheinen wir vergessen zu haben, daß vielen Männern bis ins späte 19. Jahrhundert und ins frühe 20. Jahrhundert ebenfalls das Wahlrecht verweigert wurde. Vor 1918 waren zum Beispiel in Großbritannien annähernd 40 % aller Männer nicht stimmberechtigt. Und diese Männer waren großteils dieselben Männer, die in Kriegen zu töten und zu sterben gezwungen wurden, bei denen sie nichts zu sagen hatten. Wenn es eine Form von Unterdrückung war, daß ein paar Frauen in Fabriken arbeiteten, ohne das Recht, über die Wirtschaft abzustimmen, dann war es eine noch größere Unterdrückung, großen Zahlen potentieller Soldaten das Wahlrecht zu verweigern. Wenigstens hat niemand jemals Frauen unter Androhung von Gefängnis zur Arbeit in den Fabriken eingezogen, ob sie es wollten oder nicht.

Aber wissen Sie was? Genau zur selben Zeit, in der große Zahlen von Männern tatsächlich gezwungen wurden, in Kriegen zu töten und zu sterben, bei denen sie nicht das geringste zu sagen hatten, führten die Suffragetten Kampagnen dafür, daß das Wahlrecht ausschließlich auf Frauen ausgedehnt wurde. Ich fordere jede Feministin heraus, oder jeden, der gern den Feminismus mit den Worten kritisiert: „Nun, es war einmal eine gute, notwendige Sache, aber jetzt hat es sich in etwas ganz anderes verwandelt“, eine Aussage von irgendeiner Suffragette zu finden, die echt darüber verärgert war, daß Männer in Kriegen starben, über die abzustimmen sie keine Möglichkeit hatten, und die die Umstrukturierung des gesamten Wahlrechtssystems forderte statt einfach die Ausdehnung des Wahlrechts auf Frauen.

Sie werden sie nicht finden. Damals wie heute verlangten Feministinnen nie dieselben Rechte und Pflichten wie Männer. Sie wollten „gleiche“ Rechte erlangen. Aber sie wollten nie Bergleuten und Soldaten gleichgestellt sein. Sie wollten nur einer ausgewählten Untergruppe privilegierter Männer „gleich“ sein. Und während sie nach Rechten schrien, verlangten sie nie die entsprechenden Pflichten. Genausowenig verlangten sie, daß Männer um jene Pflichten erleichtert würden.

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(Quelle der Übersetzung:  hier)

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