Asatru als lebendige Tradition

Von Collin Cleary, übersetzt von Tekumseh. Das Original Asatru as a Living Tradition erschien am 22. Oktober 2015 auf Counter-Currents Publishing / North American New Right. [Das letzte Bild wurde vom Übersetzer eingefügt]

Vorbemerkung des Autors:

Dieser Essay beruht auf einem Vortrag, der vor Mitgliedern der Asatru-Volksversammlung (Asatru Folk Assembly; kurz: AFA) am 16. Oktober, beim Wintertreffen in den Pocono-Bergen gehalten wurde. Ich möchte Steve und Sheila McNallen, Brad Taylor-Hicks und all den anderen für die Einladung danken und für ihre Gastfreundschaft und Freundschaft. Heil der AFA!

New Grange Hall

New Grange Hall

Letzten Monat habe ich die Erwerbung einer neuen Farmhalle durch die AFA mit einem Artikel gewürdigt, der den Titel „Was die neue Farmhalle für uns bedeutet“ trägt. Er wurde auf der Counter-Currents-Webseite veröffentlicht. Darin lege ich an einer Stelle dar:

Es wird faszinierend sein, die neuen Formen künstlerischen Ausdrucks zu sehen, die sich herausbilden werden, sowie Mitglieder der AFA damit beginnen, dieses nüchterne und moderne amerikanische Bauwerk zu verzieren. Und neue Formen der Zeremonie, Theologie und Gemeinschaft werden sich dort auch entwickeln. Alle von ihnen werden das Resultat eines dynamischen Wechselspiels zwischen dem Alten und dem Neuen sein. Diese Arbeit wird sich am Gebäude selbst manifestieren und die neu-alten Formen werden sich im Inneren entfalten. Parallel werden sie diesen Prozess nachvollziehen, der in jedem von uns vonstatten geht, wenn wir lernen, den Göttern unserer Ahnen getreu zu sein.

Ehrlich gesagt wollte ich mit dieser Aussage bewusst provokant sein. Ich wollte die Idee, dass die Neue Farmhalle einfach ein Ort ist, an dem das Alte neu geschaffen wird, scharf in Frage stellen. So eine Idee ist verständlich. Wir neigen dazu, Asatru im Wesentlichen als eine Wiederbelebung von etwas Altem zu sehen, als eine Rückgewinnung von etwas Verlorenem. Das ist es auch, sicherlich. Aber ich möchte vorschlagen, es als viel mehr als das zu sehen. Es ist eine lebende Tradition, nicht etwas, was jemals beendet und abgeschlossen war. Die Teilnahme an dieser Tradition bedeutet für uns, dass wir auch etwas von uns hinzufügen, es sacht in neue Pfade zu lenken. Ich meine, was das ermöglicht, ist genau die Tatsache, dass Asatru eine Volksreligion ist: Eine Religion von und für ein bestimmtes Volk. Das ist etwas, was die Mitglieder der AFA wissen, zumindest unbewusst. Aber womöglich bewerten sie die daraus erwachsenden Vorteile nicht ausreichend positiv.

Tommy Ferguson mit seinem Werk.

Tommy Ferguson mit seinem Werk.

Beginnen wir damit, die Sicht mancher von uns zu prüfen, Asatru sei ein Bündel von Lehren oder Überzeugungen, die wiedergewonnen oder rekonstruiert werden müssten. Sogar in jenen Situationen, in denen ein Asatruer“ seine Religion nicht rein und klar auslegen kann, wird er trotzdem die Bedeutung vieler Aspekte implizit erfassen. Wie kommt das? Die Antwort it recht simpel. Das Christentum hat Asatru verdrängt. Die meisten von uns wurden christlichen Glaubens erzogen. Und sogar für jene Glücklichen von uns, die nicht als Christenerzogen wurden, ist diese Religion die vertrauteste. Darum gibt es die Tendenz, andere Religionen so zu verstehen, wie die Christenheit Religion“ begreift. Wir müssen an dieser Stelle vorsichtig sein, denn diese Neigung ist sehr oft auch dann vorhanden, wenn wir uns ihrer nicht bewusst sind.

Der Religionstyp des Christentums kann als doktrinell oder auf Glaubenssätzen beruhend beschrieben werden. Die andere Sorte von Religion ist völkisch oder ethnisch. Diese Unterscheidung hat damit zu tun, wie die Mitgliedschaft in der Religion definiert ist. Volksreligionen sind bestimmten Völkern oder Rassen eigen. Der Hinduismus und das Judentum lassen sich als Beispiele anführen – und Asatru.  Jemand ist automatisch Mitglied der Religionsgemeinschaft, weil er als Mitglied der ethnischen Gruppe zur Welt kommt. Das wird natürlich sofort folgenden Einwand provozieren: Ist Hochwürden Michael Schmidt, der Baptistenprediger, der neben mir wohnt, automatisch ein Mitglied der Asatru, einfach weil seine Abstammung germanisch ist?“ Die Antwort ist tatsächlich ja“. Aber auf diesen Punkt werde ich später zurückkommen.

Die innige Verbindung zwischen der Volksreligion und dem Volk spiegelt sich in der Sprache. Der Begriff Hinduismus“ ist vom persischen Wort Hindu“ abgeleitet, das eigentlich das indische Volk bezeichnet. Die Etymologie von Judentum ist ähnlich; es leitet sich von einem Wort ab, das einfach Jude“ bedeutet (ein Mitglied des Stammes Judah). Diese Wörter für sich lassen die Unterscheidung von ein Mitglied der Volksreligion“ und ein Mitglied der Ethnie“ nicht zu.

Nun haben unsere Ahnen den Begriff Asatru“ nicht verwendet. Sie hatten überhaupt keinen Namen für ihre Religion – genauso wie Hindus und Juden die Begriffe Hinduismus“ und Judentum“ nicht verwendet haben. Angesichts dessen, daß die unsere eine ethnische Religion ist, würde es mehr Sinn ergeben, daß der Name unserer Religion, wenn sie überhaupt einen haben soll, auf dem Namen des Volkes basiert. (Und wenn unsere Religion einen solchen Namen hätte, wäre der Frage, ob sie völkisch oder universalistisch wäre einfach ausgewichen.)

Robert Taylors Geist-Hof, Washington Island, Wisonsin.

Robert Taylors Geist-Hof, Washington Island, Wisonsin.

Heute können wir auf die Frage eines Hindus, welche Religion wir denn praktizierten, antworten, sie hieße Asatru, und er wird sagen, daß er den Hinduismus praktiziert. Aber man stelle sich vor, wie anders diese Konversation verliefe, fände sie etwa tausend Jahre vor unserer Zeit statt. Keine Namen von Religionen würden ausgetauscht. Vielleicht würden stattdessen die Namen von Göttern genannt werden. Aber es gäbe ein gemeinsames Verständnis, dass jeder die Religion seines Volkes lebt (obwohl sogar das Wort Religion“ vielleicht nicht verwendet würde). Keinem unserer Ahnen würden die Gedanken in den Sinn kommen, Sollte ich vielleicht ein Hindu werden?“ Das hätte nämlich die Bedeutung gehabt, den Stamm zu wechseln. Das ist es, was die Zugehörigkeit zu einer Volksreligion bedeutet.

Der Name Asatru“ lässt natürlich nicht explizit darauf schließen, dass die Religion völkisch ist, aber es sieht so aus, als hätte sich der Name zu sehr eingebürgert, um ihn wieder loszuwerden. Eine unglückliche, ungeplante Konsequenz dieses Wortes ist, dass Asatru“ für die modernen Westler zu einer Abstraktion wird: Eine der vielen religiösen Optionen“, von denen sie naiverweise annehmen, sie könnten aus ihnen nach Belieben auswählen, wie Konsumenten in einem Kaufhaus. All diese Optionen werden natürlich als Glaubenssysteme“ wahrgenommen und als Lehren, die jemand einfach auswählen kann, indem er davon in einem Buch liest.

Religionen, die auf Glaubenssystemen und Lehren beruhen – Religionen wie das Christentum, Islam und Buddhismus -, sind offen für jedermann. Mitglied wird man nicht durch Abstammung, sondern durch ein Bekenntnis zum jeweiligen Glauben, also zu den Lehren resp. den wichtigsten Inhalten. Der Übertritt unseres Volkes zum Christentum war nicht einfach nur der Austausch eines doktrinären Systems (Lehrenbündels) durch ein anderes: Wir haben vielmehr die Wandlung von einer Volksreligion zu einer Glaubensreligion durchgemacht. Und wir haben damit so lange gelebt, dass wir, wenn wir zurückblicken und feststellen wollen, was wir verloren haben, um es zurückzugewinnen – Asatru zurückzugewinnen -, oft unbewußt durch die Linsen der Glaubensreligion auf die Religion unserer Vorfahren blicken und Asatru als eine Menge von Lehrsätzen auffassen, die herausgearbeitet, kodifiziert und solcherart bewahrt werden müssen. Es gibt sogar eine Tendenz, sich die Lieder-Edda als etwas wie eine Bibel vorzustellen. Das ist aus mehreren Gründen ein Fehler; der geringste ist, dass die Eddas aus christlicher Zeit stammen. Der Kernfehler ist aber, dass Asatru weder heute noch jemals zuvor eine Buchreligion ist oder war.

Heute ist einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Volks- und Bekenntnisreligion jener, dass erstere gegenüber Ansichten und Interpretationen sehr tolerant sind, während letztere oft extrem intolerant sind. Man bedenke das Phänomen Hinduismus“. Jeder, der diese Religion und die sogenannte Indische Philosophie“ studiert, hat an einem bestimmten Punkt den Eindruck, absolut überwältigt zu werden: Es gibt so viele Mythen, Kulte, Praktiken, Gebote und Pfade zur Erleuchtung, dass es einen ziemlich irre macht. Viele von ihnen widersprechen sich. Trotzdem sind sie alle hinduistisch. Wenn man einen Hindu fragt, wie viele Götter es gibt, kann man gesagt bekommen, es gäbe 33 – oder 330 Millionen. Oder dass beides stimmt. Man mag erfahren, dass hinter allen Manifestationen, auch solchen der Götter, Brahman steckt. Und dass die Götter eher mythologische Gleichnisse sind, welche die ewige, endgültige Wahrheit erfassbar machen sollen, keine echten Wesen. Ein Hindu, der eine solche Position vertritt, müsste eigentlich als Atheist angesprochen werden. Trotzdem würde er als Hindu akzeptiert werden. Ein anderer Hindu mag glauben, sowohl Brahman als auch die Götter seien real. Und trotzdem würden sich diese beiden Männer mit den völlig entgegengesetzten Überzeugungen unzweifelhaft als Hindus betrachten.

Eine ähnliche Vielfalt von Sichtweisen kann im Judentum gefunden werden. Neben der bekannten Unterteilung zwischen orthodoxen und reformierten Juden, die sich gegenseitig mit größter Wahrscheinlichkeit als Juden anerkennen, findet man enorme Unterschiede in theologischen Angelegenheiten, die oft bis ins Kleinste diskutiert werden. Alleine die Geschichte der Kabbala weist auf enorme Differenzen hin. Es gibt sogar jüdische Kabbalisten, die an Reinkarnation glauben. Und trotzdem verstehen sich die Verfechter all dieser Positionen – mit seltenen Ausnahmen – gegenseitig als Juden.

Die Situation ist eine ganz andere, wenn man sich Christentum und Islam zuwendet. Im Christentum führen größere theologische Unterschiede unvermeidlich zu Spaltungen. Erst in unserer Zeit können Katholiken, die auf Lutheraner blicken, sagen: „Nun, gleichwohl sind wir alle Christen.“ Aber das ist nur deswegen, weil alles, sogar in den Kirchen, so verwässert und vereinfacht wurde, dass die meisten jungen Katholiken und Lutheraner niemals gelehrt bekamen, welche Auffassungen sie trennen. Vor nur hundert Jahren waren diese Unterschiede wohlbekannt. Und Christen unterschiedlicher Sekten glaubten früher (und manche glauben es noch immer), dass diese anderen Christen keine richtigen Christen seien. Und oft glaubten sie ganz ernsthaft, dass diese falschen Christen zur Hölle fahren würden.

Ungefähr seit der letzten Dekade sind die Unterschiede zwischen den islamischen Sekten recht häufig in den Medien – das geht so weit, dass manche Amerikaner mit diesen Unterschieden vertrauter sind als mit jenen, die das Christentum teilen. Wir haben zum Beispiel gelernt, dass manche Muselmanen andere überhaupt nicht als ihresgleichen anerkennen, und recht motiviert sind, sie im Namen der „wahren Religion“ mit dem Schwert zu bekämpfen.

Dazu kommt das bekannte Phänomen der christlichen und islamischen Intoleranz gegenüber anderen Religionen. Wahrhaftig glaubende Christen und Moslems glauben, dass Hindus und Juden in die Hölle kommen – natürlich sofern sie nicht konvertieren. Hindus und Juden mögen ihrerseits Christen und Muselmanen für minderwertige Lebensformen halten, ein Interesse, sie zu bekehren oder sie davon abzuhalten, ihre Religion zu praktizieren, haben sie jedoch nicht.

Was erklärt diese merkwürdige Divergenz zwischen Volks- und Bekenntnisreligionen? Die Toleranz der einen und die Intoleranz der anderen? Es ist ja nun nicht so, dass es daran läge, dass Christen und Muselmanen Monotheisten sind – das sind die Juden auch. Die Antwort ist ganz einfach, dass die Mitglieder einer Volksreligion nicht in der Hauptsache durch die Lehren, sondern durch ihre Ethnizität verbunden sind. Nochmals: Die Bedeutung von „Jude“ und „Hindu“ ist sowohl „Mitglied der ethnischen Gruppe“ als auch „Anhänger der Religion“. Darum empfinden Juden mit radikalen theologischen Unterschieden einander trotzdem als ihresgleichen. Sogar atheistische Juden sind immer noch Juden. Dasselbe gilt, wie ich ausgeführt habe, für Hindus.

Was bedeutet das für uns? Was bedeutet es für Asatru? Sehr einfach gesagt, muss gelten, dass, wenn Asatru eine Volksreligion ist, nicht eine bestimmte Menge von Glaubenssätzen uns elementar verbindet, sondern Blut – gemeinsame Abstammung. Und darum können wir tolerieren, ja sogar feiern, dass es eine unendliche Vielheit von Wegen gibt, wie Asatru interpretiert und entwickelt werden kann. Nichts außer dem Verrat am eigenen Volk – oder der Übernahme eines anderen Bekenntnisses, welches zu solch einem Verrat führen würde – könnte den Vorwurf rechtfertigen, jemand habe aufgehört, Asatru zu praktizieren. Das heißt weiterhin, dass Asatru eine unglaublich reiche und lebendige Religion sein kann und sein soll. Und trotzdem gibt es, wie ich oben hervorgehoben habe, diese Tendenz bei Asatruern, zu denken, das Praktizieren unserer Religion sei davon abhängig, stets in die Vergangenheit zu blicken und den sogenannten kanonischen Quellen treu zu bleiben.

Man betrachte die Haltung vieler Asatruer zu Wagner als ein Beispiel dafür. Ich habe vor einigen Jahren einen Artikel geschrieben, der „Wagners Platz in der Germanischen Tradition“ heißt, in welchem ich argumentiert habe, dass dieser großartige Komponist als moderner Skalde [ein altnordischer Dichter, vergleichbar mit einem Minnesänger; d. Ü.] gesehen werden muss, sogar als der größte aller Zeiten. Aber die geläufigen Bedenken lauten: Wieso musste er die Mythen unbedingt ändern? Nun, die naheliegende Antwort darauf ist: Wieso mussten all die anderen Skalden die Mythen ändern?

Alle skandinavischen Darstellungen der Siegfried- oder Sigurdlegende, an die Wagner anknüpfte, werden heute als Entwicklungen auf Basis – und entsprechende Ausschmückung verlorener deutscher Originale interpretiert. Wenn man die Erzählungen des legendären Helden in der Völsungsaga, der Prosa-Edda, der Lieder-Edda und anderen Quellen vergleicht, muss man zum Schluss kommen, dass sie sich so sehr unterscheiden, wie [die Evangelien nach; d. Ü.] Matthias, Markus, Lukas und Johannes. Es ist völlig sinnlos zu debattieren, welche die „authentische“ Geschichte ist. Jede dieser Quellen ist eine künstlerische Schöpfung. Es handelt sich nicht um selbst-auslöschende [also objektive; nach Leopold v. Ranke; d. Ü.] Versuche, getreu die ursprüngliche Quelle wiederzugeben. Das wäre sogar gegen den germanischen Geist! Nein, sie sind sehr individuelle Kreationen, die bestimmte Grundmythen als Rahmenwerk nutzten, die sie dann ausschmückten und erweiterten, oft auch mit anderen Heldenlegenden und Mythen verknüpften.

Sogar wenn jemand die offenkundige Tatsache einwendet, dass Wagner die Mythen verwendet, um seine eigenen Ideen zu transportieren, ist das irrelevant. Sollen wir annehmen, dass die Autoren der Eddas und Sagas das anders gemacht haben? Sie haben ebenfalls existierendes Material umgestaltet, um zu ihrer eigenen Zeit zu sprechen – und um Wahrheiten sichtbar zu machen, die zeitlos und ewig sind.

[Anm. des Übersetzers zum ersten Satz des vorhergehenden Absatzes: Da bin ich nicht ganz so sicher. Kein Wort gegen Wagner, aber ich meine doch, dass der Blick auf alte Weisheiten und die dahinterstehenden Denkmodelle ganz fruchtbar sein könnte. Den Havamal-Satz mit dem Speer, den man außerhalb des Hauses immer bei sich haben sollte, den Deep Roots immer mal wieder postet, würde ich gern als Beispiel anführen, dass man mit dem Blick auf die (meinetwegen in Klammer) „Originale“ Material für einen Ethos finden kann, der uns verlorengegangen ist und den wir dringend bräuchten. Man muss sich ja nicht ausschließlich darauf konzentrieren.]

Für unsere Ahnen war Asatru etwas, an dessen Schaffung sie aktiv mitwirkten. Und zu dieser Religion zurückzukehren bedeutet für uns, diesen Schöpfungsakt fortzusetzen. Für unsere Ahnen war ihre Religion eine lebende, wachsende Tradition. Und jedes einzelne Mitglied des Volkes hatte die Macht, ganze Teile hinzuzufügen, etwas bloß auszuschmücken oder sogar neu zu gießen. Daher kann die Wiederbelebung oder Neu-Schöpfung von Asatru kein bloßes Zurücklangen in der Zeit und dann die Etablierung alter Formen und Lehren als Evangelium sein. Diese alten Formen und Lehren haben sich über die Zeiten gewandelt und entwickelt.

Dieser Prozess besteht in einer beständigen Oszillation zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Erfüllt von den Traditionen der Vorfahren haben unsere Ahnen neue Herausforderungen gemeistert, die Auseinandersetzung mit neuen Entdeckungen, Inspirationen und Träumen bestanden, indem sie etwas hinzufügten, umwandelten und manchmal alte, überholte Formen ablegten. Was hat diesen Prozess ermöglicht? Noch einmal, die Antwort ist, dass Asatru eine Volksreligion ist. Unsere Ahnen waren nicht nur von Geburt an mit dem Mythengebäude umgeben, nein, die Überlieferung kam von ihnen – und konnte nur von ihnen kommen.

An dieser Stelle berühre ich etwas absolut Wesentliches. Gleichzeitig ist es mysteriös und unmöglich – so glaube ich -, das jemals in vollkommen rationalen Begriffen auszudrücken. Jede Rasse, jede ethnische Gruppe, jeder Stamm ist sowohl im Äußeren als auch im Inneren unverwechselbar. Über die hervorstechenden physiognomischen Eigenschaften hinaus hat jede dieser Entitäten eine ganz eigene Art zu denken, zu fühlen und sich zu bewegen. Jede hat eine unverwechselbare Weise, mit der Natur umzugehen, sich Himmel und Erde vorzustellen, den Unterschieden zwischen Mann und Frau Raum zu geben, mit der allgegenwärtigen Möglichkeit des Todes umzugehen und so weiter. In manchen Fällen sind die Unterschiede gewaltig: Die Unterschiede zwischen irgendeinem Angehörigen eines europäischen Stammes und irgendeinem eines asiatischen, sind sicherlich sehr, sehr groß. Wohingegen die Unterschiede zwischen Angehörigen unterschiedlicher europäischer Stämme vergleichsweise viel kleiner sind, obwohl es dennoch bedeutende Unterschiede gibt.

Wieso existieren diese Unterschiede? Wie sind sie entstanden? Eine Antwort ist, dass die Völker sich verändert haben und sich entwickelt haben, indem sie sich an die jeweiligen klimatischen Verhältnisse angepasst haben. Aber, wie ich sagte, werden die genauen Gründe, wieso diese Unterschiede existieren, womöglich für immer ein bisschen nebulös bleiben. Jedenfalls hat jedes Volk, jeder Stamm seine eigene Religion entwickelt. Und diese Religionen sind der Ausdruck des eigentümlichen Geistes; sie sind mit diesen Idiosynkrasien durchtränkt. Und wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, ist Ásatrú ein Ausdruck des einzigartigen Geistes der germanischen Völker. Es könnte sogar plausibel behauptet werden, dass der Geist der germanischen Völker einfach Ásatrú ist, sofern man seinen Mythos und Überlieferung einfach als eine Weise begreift, auf welche das Volk seinen Geist vor sich selbst abbildet, in einer konkreten Form.

Das bedeutet, dass jeder von uns Asatru in sich trägt. Und das ist ebenso wahr für jene unseres Volkes, die gegenwärtig anderen Glaubensrichtungen anhängen. Es ist jemand einfach deswegen ein Mitglied einer Volksreligion, wenn er als Mitglied dieses Volkes auf die Welt kommt (s. o.). Darum müssen wir lernen, andere, die uns gleichen, als Asatruer zu sehen, die aber nicht wissen, dass sie Asatruer sind. Jene baumlangen, blonden, blauäugigen Mormonen, die rund um Salt-Lake-City umherschwärmen und von Joseph Smith predigen, sind unsere Stammesbrüder, eigentlich geschaffen, Odin und Thor zu verehren. Sie sind nur noch nicht zu jener Klarheit erwacht, in der wir uns befinden. Aber wenn wir alle Asatru in uns tragen, wird sich das zu unzähligen Gelegenheiten zeigen, auch dann, wenn wir bewusst einen anderen Glauben pflegen. Das ist der Hauptgrund für jenes Phänomen, das „Germanisierung des Christentums“ genannt wird. Es umfasst einen sehr langen Zeitraum, der in den entsetzlichen Umbrüchen und Blutvergießen der Reformation gipfelte.

Madonnasatru

Da jeder von uns den Geist Asatrus trägt, ist jeder in der Lage, neue Formen und Entwicklungen von Asatru zu schaffen, die authentisch sind. Natürlich ist einer der problematischen Charakterzüge unseres Volkes unsere Tendenz, sich im Idealismus zu verlieren, in Abstraktionen und so die Verbindung zu unseren Wurzeln zu verlieren. Wie können wir dann sicher sein, dass nicht manche von uns unbeabsichtigterweise Material schaffen, dass den Geist von Asatru pervertiert? Das ist sicherlich möglich. Aber gerade darum ist die oben genannte Oszillation absolut notwendig: Wir müssen zuerst in die Vergangenheit sehen und dann aus dieser Begegnung das Neue fortschöpfen. Unsere Ahnen lebten in einem innigen Bund zur Überlieferung. Wir müssen diese Verbindung wiederherstellen. Aber, um mich zu wiederholen, war die Überlieferung in der Lebensdauer unserer Ahnen in einem ständigen Fluss. Um uns selbst in die Lage zu versetzen, kreative Interpreten zu werden, die diesen Prozess angemessen fortführen können, müssen wir den verlorenen Faden wieder aufnehmen und uns zunächst mit ihm vertraut machen. Sobald dann der Geist von Asatru in uns erwacht ist – sobald wir wieder wissen, wer wir sind, wer unser Volk ist – dann können wir zuversichtlich sein, dass das Neue, das wir hervorbringen, ein authentischer Ausdruck dieses Geistes ist.

Hebt den verlorenen Faden auf – oder findet auf den Pfad zurück, von dem wir abirrten. Um uns zu reorientieren, schlage ich vor, dass wir Asatru nicht als Glauben oder als Bekenntnis verstehen, sondern eher als Pfad oder Weg. So sollten wir mit der Konversion unseres Volkes zum Christentum nicht einen Verlust von Glaubenssätzen verbinden; besser ist das Bild des verlorenen Weges. Oder, wenn es besser gefällt: Wir wurden auf ein falsches Gleis gelenkt.

Auf welche Art ist Asatru ein Pfad? Dieser Begriff ist uns so vertraut geworden, dass wir kaum mehr fühlen, dass es sich hier um eine Metapher handelt. Ein Weg oder Pfad im Wald ist einer, der bewusst geschnitten oder ausgetreten wurde. Der Wald ist die Wildnis. Es ist die Wildnis, die Menschen begegnet und in der sie sich behaupten müssen. Ein Pfad ist unsere Art, durch diese Wildnis zu gehen. Er folgt der Topographie und umgeht Hindernisse. Er ist eine menschliche Erfindung, weil er eben zielgerichtetes Trampeln oder Schneiden verlangt, trotzdem bewahrt der Pfad Wildnis; zugleich ist er unser eigener Weg durch sie hindurch. Pfade werden von denjenigen angelegt, die das Land kennen und die nicht nur durchziehen, sondern in ihm leben wollen.

Nun haben die meisten wirklichen Pfade einen Beginn und ein Ende. Ein Pfad ist regelmäßig ein Weg zwischen zwei bestimmten Punkten. Zum Beispiel kann ein Pfad am Saum des Waldes beginnen, durch ihn hindurch führen und uns auf der anderen Seite wieder freigeben. Die Wildnis als solche, die natürliche Welt die uns umgibt, das Universum, in dem wir uns befinden, hat aber kein Ende. Die metaphorischen Pfade, die durch sie hindurchführen, mögen einen Anfang haben, aber sie können kein Ende haben. Menschen suchen kontinuierlich ihre Wege durch die Wildnis. Es gibt kein Ende in diesem Prozess und daher auch kein Ende des Pfades.

Alle Volksreligionen sind Pfade durch die Wildnis, die von einem bestimmten Volk geschaffen wurden, geprägt von ihrer Auseinandersetzung mit einem bestimmten Teil der Welt. Im Falle von lebendigen Volksreligionen wachsen die Wege; das Volk fährt fort, seinen Weg durch die Wildnis zu bahnen. Es findet neue Wege um Hindernisse herum, durch die neuen (Charakter-)Züge dieser Welt und Begegnungen mit Menschen. Unsere Aufgabe ist, uns selbst wieder auf den Pfad Asatrus zu führen und diesen Pfad fortzusetzen.

Wie ich sagte, ist das sorgfältige Studium dessen, was wir von unseren Ahnen übernehmen können, die notwendige Voraussetzung für uns, den Pfad wieder finden zu können. Von diesem Punkt an braucht es nicht mehr als Imagination. Die alten Geschichten haben die Macht, unsere Vorstellungskraft zu fesseln. Wir wissen das. Das ist der Grund, wieso wir hier [in jenem Saal, in dem die Rede gehalten wurde; d. Ü.] sind. Können wir sogar noch einen Schritt weiter gehen? Können wir diese Geschichten neu erzählen, und – wage ich, es auszusprechen – sie ausschmücken? Denn nichts anderes haben die Autoren der Eddischen Verse und der Sagas getan. Um einen sogar noch radikaleren Vorschlag zu machen: Können wir neue Geschichten, neue Situationen erfinden, welche die Götter und die Helden zum Gegenstand haben? Denn unsere Ahnen haben das auch getan!

Aber wären das nicht bloß erfundene Geschichten? Ja und nein: Die Mythen, die uns überliefert sind, waren auch erfundene Geschichten. Ihre Wahrheit besteht nicht darin, dass die beschriebenen Dinge faktisch geschehen sind; eher darin, dass sie „wahrhaftig klangen“ [rang true; d. Ü.], wie wir sagen. Sie berichteten über Leben und Tod, die Kräfte der Natur, Prüfungen des Menschen, Not und Entbehrung; in einer Art, die unsere Ahnen berührte und die sie billigten.

Daher sage ich: Ja, schaffen wir Geschichten. Unsere Stammesbrüder werden entscheiden, ob sie wahrhaftig klingen. Diejenigen Geschichten, die es tun, werden zu unserem (Überlieferungs-) Schatz hinzutreten. Die anderen werden vergessen werden. Jeder von uns, jedes Mitglied des Volkes, hat die Macht, das zu tun: Sowohl selbst neue Geschichten zu schreiben, wie auch zu entscheiden, welche weiterüberliefert bzw. vergessen werden sollen.

Diejenigen, die unserem Volk angehören, aber diese Tatsache noch nicht sehen können, ebensowenig wie sie wissen, dass sie Asatru in sich tragen, können wir nur gewinnen, wenn sie sehen, dass Asatru ein Weg ist, in der Gegenwart zu leben. Katastrophal wäre es, wenn es so wirkt, als lebten wir in der Vergangenheit. Eine lebendige Religion ist eine, die nicht aufgehört hat, Sinnhaftigkeit in der Welt zu finden und uns im Jetzt zu leiten. Eine tote oder sterbende Religion ist nur für die Vergangenheit von Bedeutung. Ihre Mythen, die in Stein gemeißelt sind, bedürfen der Erklärung, weil sie nicht länger die Macht haben, direkt zu uns zu sprechen.

Die lebendige Religion Asatru beginnt in der Vergangenheit. Um ihren Pfad zu sehen, müssen wir um ihre Wurzeln wissen. Aber so wie es für unsere Ahnen war, muss Asatru ein Pfad sein, der uns durch die Gegenwart in die Zukunft trägt.

*   *   *   *   *   *   *

Siehe auch:

Rassische Zivilreligion von Greg Johnson

Christentum und europäische Identität von Greg Johnson

Yeats’ heidnisches „Second Coming“ von Greg Johnson

Das Wesentliche von Kevin Alfred Strom

Beltane / Walpurgisnacht von Deep Roots, mit Ergänzungen von Lichtschweert

Imbolc: Das Fest zum Beginn der hellen Jahreshälfte von Lichtschwert

Holunder: Früchte vom Baum der Seelen von Miriam Wiegele

Homer: Die europäische Bibel, Teil 1, Teil 2 und Teil 3 von Dominique Venner

Christopher Gérard interviewt Dominique Venner

Das Havamal: des Hohen Lied

Die helfende Hand von Poul Anderson (wieso ich diese SF-Geschichte hier verlinkt habe, wird erst in deren späterem Verlauf erkennbar)

Das geborstene Schwert von Poul Anderson

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