Die Krabbe und der Sacculina-Krebs

Sacculina-Larven spritzen einen Zellhaufen ins Bein von Krabben. Daraus reift der Parasit, ein rankenähnliches Geflecht, das sich durch den Krabbenleib zieht. Sacculina kontrolliert das Verhalten seines Wirtes und zwingt ihn etwa dazu, die Parasiten-Eier zu pflegen, aus denen neue Larven entstehen.

Sacculina-Larven spritzen einen Zellhaufen ins Bein von Krabben. Daraus reift der Parasit, ein rankenähnliches Geflecht, das sich durch den Krabbenleib zieht. Sacculina kontrolliert das Verhalten seines Wirtes und zwingt ihn etwa dazu, die Parasiten-Eier zu pflegen, aus denen neue Larven entstehen.

Von Deep Roots (ursprünglich veröffentlicht auf „As der Schwerter“)

In GEO kompakt Nr. 33 „Wie Tiere denken“ erschien ein interessanter Artikel mit dem Titel „Die Tücke der Schmarotzer“ von Sebastian Witte (Illustrationen: Tim Wehrmann), aus dem ich diesen aufschlußreichen Abschnitt zitiere:

Bereits die Besiedelung eines fremden Tieres ist eine Herausforderung. Denn die meisten Wirte versuchen, ungebetene Gäste schnell wieder loszuwerden. So haben etwa Wirbeltiere im Laufe der Evolution ein komplexes Immunsystem hervorgebracht, das Eindringlinge erkennt und bekämpft, etwa mit körpereigenen Killerzellen.

Um die Abwehrmechanismen zu neutralisieren, verfügen Parasiten über eine Vielzahl ausgeklügelter Tricks. So tauschen Trypanosomen – kleine Einzeller, die in den Blutbahnen von Säugetieren und Fischen leben – fortwährend bestimmte Eiweißstoffe auf ihrer Zelloberfläche aus. Dadurch präsentieren sie sich dem Wirt in immer neuer Gestalt, der Angriff seiner Abwehrzellen läuft so ins Leere.

Nicht minder effektiv gehen die Pärchenegel vor. Sie halten sich in den Darmvenen ihrer Versorger auf, wo sie wirtseigene Moleküle abfangen und in ihre Körperhülle einbauen. So täuschen sie dem Immunsystem vor, sie seien ein Teil des Wirts und damit gänzlich harmlos.

Einige Fadenwürmer bringen die Körperabwehr gar dazu, sich selbst zu bremsen. Dazu schütten sie ein Protein aus, das den Wirtsorganismus veranlasst, bestimmte körpereigene Zellen zu produzieren: Gebilde, die den Immuneinsatz gegen die Eindringlinge unterdrücken – und so dafür sorgen, dass die Würmer häufig über Monate in ihren Ernährern heranwachsen können.

Nachdem sie die Abwehrkräfte ihres Wirtes erfolgreich überwunden haben, begnügen sich viele Parasiten keineswegs mit einer Koexistenz. Häufig beginnen sie ihre Versorger regelrecht zu beherrschen, sie geradezu in neue Lebewesen zu verwandeln, die nicht anders können, als sich komplett in den Dienst ihres Schmarotzers zu stellen.

Wie perfekt sie dabei vorgehen, lässt sich bei Sacculina beobachten, einer Krebsgattung aus der Nordsee, die in anderen Krebsen parasitiert, etwa in Strandkrabben.

Um in die Krabben zu gelangen, suchen die Larven von Sacculina mit einer langen, hohlen Nadel nach einer weichen Stelle in einer Armbeuge der gepanzerten Tiere. Durch diese Nadel spritzen sie einen Zellhaufen, der einer mikroskopisch kleinen Schnecke ähnelt. Aus dem Gebilde reift der Schmarotzer heran, die Larvenhülle bleibt leer zurück.

Der Parasit lässt sich an der Unterseite der Krabbe nieder, bildet eine Bruttasche aus und wächst von nun an unaufhörlich; dabei treibt er ein fädiges Gespinst aus rankenähnlichen Fortsätzen durch den gesamten Krabbenkörper.

Mit diesen Ranken saugt Sacculina die im Blut der Krabbe gelösten Nährstoffe auf. Der Wirt bleibt am Leben – obwohl der Parasit bald seinen gesamten Körper durchzieht und die Ranken sich bis um seine Augenstiele schlingen.

Der Schmarotzer, der weder Beine noch Augen, weder Maul noch Denkorgan besitzt – mit einem gewöhnlichen Krebs also nichts mehr gemein hat -, schafft es nun, aus seinem Wirt einen gefügigen Roboter zu machen.

Zunächst kastriert er die Krabbe, damit sie keinen eigenen Nachwuchs mehr bekommen kann. Dann verändert er ihren Hormonhaushalt, bis die Krabbe nicht mehr wächst oder etwa in der Lage ist, im Kampf verlorene Scheren nachzubilden. Denn das würde Energie erfordern, die der Parasit für sein eigenes Dasein beansprucht. Während nicht infizierte Krabben sich paaren und Nachwuchs bekommen, ist das befallene Tier nur noch damit beschäftigt, für seinen heimtückischen Gast zu fressen.

Doch damit nicht genug: Die Bruttasche, die Sacculina an der Unterseite des Versorgers geschaffen hat, befindet sich an der Stelle, an der die Krabbe sonst ihren eigenen Nachwuchs austrägt. So hat es für sie den Anschein, als würden in dem Sack ihre eigenen Eier heranreifen. Dementsprechend umsorgt sie das Brutgebilde, putzt den Sack, befreit ihn von Algen und Pilzen.

Wenn aus den Eiern neue Larven schlüpfen, stellt sich die Krabbe auf einen Stein, presst den Nachwuchs stoßweise aus ihrem Körper, rudert mit den Armen und verhilft der neuen Parasitengeneration so auf den Weg.

Sollte eine Sacculina-Larve in einen männlichen Wirt eingedrungen sein, ist sie in der Lage, ihm gleichsam weibliches Verhalten aufzuzwingen. Sie traktiert ihn mit biochemischen Botenstoffen, die bewirken, dass die eigentlich männliche Krabbe sich so fürsorglich um den Parasitennachwuchs kümmert, als sei sie ein Muttertier.

Kommt der Wirt um, muss natürlich auch Sacculina sterben. Trotzdem: Wohl kein anderer Schmarotzer verfolgt das Prinzip Parasitismus so konsequent, verwandelt seinen Versorger derart perfide in einen biologischen Sklaven.

*   *   *

Hier hat die Evolution einen Parasiten hervorgebracht hat, der – obwohl er „weder Beine noch Augen, weder Maul noch Denkorgan besitzt“ – zu solch erstaunlicher umfassender Kontrolle seines Wirtes fähig ist. (Das mit dem eingespritzten Zellhaufen erinnert vom Prinzip her an den „Face Hugger“ im Film „Alien“, der nur eine Zwischenlarvenform darstellt, die nur das Ei im Wirt plazieren soll, wo sich das eigentliche Monster entwickelt, während der „Face Hugger“ abstirbt.) Es gibt viele weitere, die zu ähnlich raffinierten Strategien fähig sind, obwohl, wie es an anderer Stelle im GEO-Artikel heißt, „die meisten von ihnen noch nicht einmal über ein nennenswertes Gehirn verfügen“.

Was kann man nun erst Parasiten zutrauen, die denken und sprechen können und somit in der Lage sind, zu planen, sich bewußt zu koordinieren und das Verhalten ihrer Wirte zu analysieren? „Wohl kein anderer Schmarotzer…“? Nein! Ein kleiner unbeugsamer Stamm hört nicht auf…

Und wer jetzt diesen Parasitenvergleich etwas zu weit hergeholt findet, der sollte den Schluß des oben zitierten Artikels bedenken, wo der Autor nach einer Behandlung der evolutionären Vorteile des Parasitentums schreibt:

Wenig verwunderlich also, dass Forscher inzwischen rund 6.000 Saugwurmspezies, mehr als 40.000 Milbenarten und weit über 300.000 parasitäre Insektenspezies kennen. Dagegen existieren gerade einmal gut 4.500 Säugetierarten.

Diese Zahlenverhältnisse lassen nur einen Schluss zu: Jede größere Spezies auf der Erde trägt mindestens einen ungebetenen Gast auf sich oder in sich, wenn nicht sogar deutlich mehr.

So erfolgreich ist die Lebensform der Parasiten, dass sie ihrerseits nicht davor gefeit sind, Opfer von Schmarotzern zu werden. So kennen Wissenschaftler Mücken, die sich in blutsaugende Mücken bohren; Wespen, die Eier in schmarotzenden Insektenlarven heranreifen lassen; geißelbewehrte Einzeller, die in Aalen hausende Egel befallen.

Und manchmal ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Parasiten der Parasiten zum Lebensraum für einen weiteren Schmarotzer werden.

*   *   *

Und da sollen wir glauben, daß ausgerechnet der Kollektivorganismus namens weiße Rasse davor verschont geblieben ist, daß sich ein Parasit in die ökologische Nische hinein entwickelt hat, die das Schmarotzen in ihr bietet?

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Siehe auch:

HIRNERWEICHER – Der Alptraum der Evolution von Carl Zimmer

Eine Lektion aus der Natur von Kevin Alfred Strom

Die eine Million Helfer des Mossad auf der ganzen Welt von Martin Webster

Israel, das Diaspora-Judentum und wir von Osimandia und Deep Roots

Die Männer der Station Greywater, eine SF-Kurzgeschichte von George R. R. Martin, der auch der Autor der Romanserie „Game of Thrones / Das Lied von Eis und Feuer“ ist

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