Neubetrachtung der russischen Pogrome im 19. Jahrhundert, Teil 1: Rußlands Judenfrage

Von Andrew Joyce, übersetzt von Deep Roots. Das Original Revisiting the 19th-Century Russian Pogroms, Part 1: Russia’s Jewish Question erschien am 8. Mai 2012 im Occidental Observer. Dies ist Teil 1 von 3.

 

Die antijüdischen Unruhen oder „Pogrome” im Rußland des späten 19. Jahrhunderts stellen eine der entscheidendsten Perioden in der modernen jüdischen Geschichte, wenn nicht der Weltgeschichte, dar. Ganz offensichtlich hatten die Unruhen demographische Konsequenzen für westliche Länder – etwa 80 % der heutigen Diaspora-Juden im Westen sind Nachkommen jener Juden, die Rußland und seine Umgebung im Zeitraum von 1880 – 1910 verließen. Aber das vielleicht dauerhafteste Vermächtnis dieser Zeit war die Steigerung des jüdischen „nationalen Selbstbewußtseins” und die beschleunigte Entwicklung „moderner internationaler jüdischer Politik” [1]

Die Pogrome selbst sind von (hauptsächlich jüdischen) Historikern durchgehend als „irrationale Manifestationen von Hass gegen Juden“ dargestellt worden [2], wo bäuerliche Mobs die unwissentlichen Gelackmeierten böswilliger russischer Amtsträger waren. Andere Erklärungen sind so sehr ohne Beweise und ohne Logik, daß sie die Gutgläubigkeit bis zum Bruchpunkt strapazieren. Zum Beispiel hat Professor Donald G. Dutton von der University of British Columbia behauptet, daß die Mobs nicht von „der plötzlichen schnellen Zunahme der jüdischen Stadtbevölkerung, dem außergewöhnlichen wirtschaftlichen Erfolg russischer Juden oder der Verwicklung von Juden in russischen revolutionäre Politik“ motiviert waren, sondern vielmehr durch die „Ritualmordlegende“ [3]

Wenig oder keine Geschichtsschreibung ist dafür verwendet worden, die Schichten von „Flüchtlings“-Geschichten abzuschälen, um zu enthüllen, was im Russischen Reich vor und während der Unruhen wirklich geschah. Dieser Mangel an wissenschaftlicher Nachforschung kann zumindest teilweise einem großen Widerwillen jüdischer Historiker zugeschrieben werden, die Pogrome in irgendeiner Weise jenseits des bloß Oberflächlichen zu untersuchen. Zusätzlich ist offen von historischer Nachforschung von Nichtjuden zu dem Thema abgeschreckt worden. Als zum Beispiel ukrainische Historiker Hinweise entdeckten, die bewiesen, daß zeitgenössische Medienberichte über jüdische Todesfälle in dieser Nation übertrieben waren, reagierte die jüdische Genealogie-Webseite „JewishGen“ mit der Aussage: „Wir glauben, daß [diese Tatsachen] mehr als irrelevant sind, weil es die öffentliche Aufmerksamkeit vom Hauptthema ablenkt: der genozidalen Essenz der Pogrome.“

Es sollte hier genügen festzustellen, daß diese Antwort der ganzen Essenz historischer Forschung widerspricht – die Geschichte so zu enthüllen, wie sie wirklich geschah, ungeachtet der unbequemen Wahrheiten, die darin liegen mögen. Die Aussage könnte man so übersetzen: „Lassen wir nicht zu, daß die Tatsachen einer guten Geschichte in die Quere kommen.” Auch fehlt, wie dieser Text zeigen wird, der Tendenz, die Unruhen als „genozidal“ darzustellen, völlig die Grundlage. Der Soziologieprofessor Michael Mann von der University of California Los Angeles hat umfangreiche Beweise geliefert, die darauf hindeuten, daß „die meisten Täter nicht daran dachten, die Juden insgesamt zu beseitigen.“ [4]

Die Anspielung von JewishGen auf Völkermord sollte auch als Teil eines allgemeineren Problems in der modernen jüdischen Geschichtsschreibung gesehen werden. Statt die Pogrome als Produkte spezifischer örtlicher Umstände zu sehen, bei denen Juden zumindest eine indirekte Rolle spielten, hat es eine Tendenz gegeben, sie zu Vergleichszwecken zu benutzen. John Klier erklärt, daß bei Verwendung in vergleichendem Sinn „Beispiele fast ausschließlich aus dem 20. Jahrhundert herangezogen werden, und diese Ereignisse werden dann in die frühere Periode von 1881-1882 hineingelesen“, was jede objektive historische Forschung schwierig macht und das Vorhandensein irgendeiner nichtexistenten „pan-europäischen“ Malaise bei antijüdischen Handlungen impliziert.

Trotzdem wird diese Serie von Essays danach streben, die Mythen abzuschälen, ein paar Fäden der Wahrheit aus dem Schleier zu zupfen, der diese Ereignisse verhüllt. Ermutigenderweise ist in dieser Hinsicht bereits mit etwas Arbeit begonnen worden. I. M. Aronsons Behauptung, daß die Pogrome „im einen oder anderen Ausmaß von Elementen innerhalb der Regierung selbst geplant oder gefördert“ wurden [5], ist in den letzten Jahren durch die konzertierte Arbeit einer kleinen Zahl nichtjüdischer Historiker, insbesondere des Professors für hebräische und jüdische Studien John Doyle Klier vom University College London, ein Todesstoß versetzt worden. In seiner Arbeit Russians, Jews, and the Pogroms of 1881-2 von 2005 behauptet Klier: „Die zeitgenössische Forschung hat den Mythos verscheucht, daß russische Amtsträger für die Anstiftung, Zulassung oder Billigung der Pogrome verantwortlich waren.“ [6]

Diese Serie von Essays wird versuchen, weiter zu gehen, in der Überzeugung, daß die Fakten der Ereignisse für die historische Forschung vorrangig bleiben, statt eine „ablenkende“ Bedeutungslosigkeit zu sein. Die Serie wird mit einer Erläuterung der Ursprünge von Rußlands „Judenfrage” beginnen. Nachfolgende Artikel werden sich  mit den Pogromen selbst befassen und damit, wie Mythen und Übertreibungen unsere  Vorstellung von ihnen verpestet haben. Schlußendlich werde ich untersuchen, warum diese Mythen entwickelt wurden, und die allgemeineren Implikationen von Mythen in der jüdischen Geschichte.

Teil 1: Rußlands Judenfrage

Im Jahr 1772 orchestrierte das Russische Reich die erste Teilung Polens, „löschte ein großes Königreich von der geopolitischen Landkarte Europas, das sich im siebzehnten Jahrhundert über weite Bereiche zwischen Preußen und der südlichen Ukraine erstreckt hatte.“ [7]

Bezeichnenderweise beaufsichtigte das Russische Reich dabei auch „die Auflösung des größten jüdischen Kollektivs der Welt.” [8] Das polnische Judentum wurde in drei Teile aufgeteilt – jene in Posen kamen unter die Herrschaft Preußens, jene in Galizien unter die Herrschaft Österreichs, und jene im eigentlichen Polen kamen unter die Herrschaft des Russischen Reiches. [9]“ Im eigentlichen Polen betrieb die polnische Öffentlichkeit Innenschau und suchte hektisch nach den Gründen für den Ruin der Nation, und dabei, erklärt Israel Friedlander, „konnte das jüdische Problem nicht anders, als sich ihrer Aufmerksamkeit aufzudrängen.” [10]

Untersuchungen, die von Sonderkommissionen durchgeführt wurden, entdeckten, daß das polnische Judentum in den Jahrzehnten vor der Aufteilung eine demographische Explosion erlebt hatte, wobei die Juden nun fast 20 % der gesamten Bevölkerung ausmachten. Zusätzlich wurde entdeckt, daß Juden volle 75 % der polnischen Exporte kontrollierten und daß viele sich nun aus überbevölkerten Stadtzentren auf das Land ergossen und ihren Lebensunterhalt mit der Monopolisierung des Spirituosenverkaufs an die Landbevölkerung verdienten. [11] Um 1774 erreichten russische Amtsträger Beschwerden von nichtjüdischen Kaufleuten, die behaupteten, daß jüdische ethnische Netzwerkerei das Exportmonopol stützte und daß dieses Monopol in Kürze schlimme Konsequenzen für den Konsumenten haben würde. [12] Diese Enthüllungen waren die entscheidenden Motivationsfaktoren bei der Entscheidung, Warschaus Juden im Jahr 1775 zu vertreiben, und bis zum frühen 19. Jahrhundert gab e seine Art Pattsituation zwischen Polen und Juden. [13] Napoleons Gründung des Fürstentums Warschau im Jahr 1807 trug wenig zur Änderung der Situation bei, da Napoleon sich der örtlichen Einstellung anschloß, demzufolge Juden nicht von der neuen Verfassung profitieren sollten, solange sie nicht „ihre seltsamen Eigentümlichkeiten beseitigt hatten.” [14] Im Jahr 1813 machte sich die Regierung des Fürstentums daran, das jüdische Monopol auf Spirituosen zu brechen, allen Juden zu verbieten, Alkohol in den Dörfern zu verkaufen, und der Aktivität „Zehntausender” jüdischer Spirituosenhändler in den Provinzen ein Ende zu machen. Es überrascht nicht, daß das polnische Judentum keine Tränen vergoß, als das Fürstentum 1815 nach Napoleons gescheitertem Invasionsversuch in Rußland aufgelöst wurde.

Ende 1815 wurde der Wiener Kongreß abgehalten. Das Ziel des Kongresses war, der Bildung eines neuen autonomen polnischen Königreichs unter der Herrschaft Rußlands seine Genehmigung zu geben. Obwohl der Großteil des polnischen Judentums innerhalb des neu gegründeten Königreichs verblieb, strömten auch Zigtausende weiter in andere Gebiete des Russischen Reiches und führten damit ein unbehagliches Zeitalter belasteter russisch-jüdischer Beziehungen herbei. Die unmittelbare Reaktion der russischen Regierung auf den Zugewinn solch großer und unerwünschter jüdischer Populationen war die Verhinderung des Eindringens dieser Populationen in die alten russischen Territorien, und die Lösung, zu der man kam, war eine der Eindämmung. Eine neue Art von Siedlungen wurde in den Provinzen entlang der Westgrenze geschaffen, und sie wurde als der „Ansiedlungsrayon“ bekannt. Obwohl dem Ansiedlungsrayon eine große Menge negativer Konnotationen zugeschrieben worden ist, war er keine undurchdringliche Festung. Bestimmten Juden wurde erlaubt, außerhalb dieser Provinzen zu wohnen, sie konnten Handelsmessen besuchen, und Juden durften sogar an russischen Universitäten studieren, vorausgesetzt, daß sie die Quoten nicht überschritten. Um 1860 wohnte mehr als die Hälfte des Weltjudentums im Ansiedlungsrayon.

Nach dem Wiener Kongreß dienten Juden, wo immer sie im Russischen Reich wohnten, überwiegend „in einer Vielzahl von Mittelsmannrollen“. In manchen Städten „war das jüdische Kaufmannselement dem christlichen zahlenmäßig überlegen“ und es gab eine allmähliche Bewegung hin zur Wiedererlangung des Spirituosenhandels. [15] Laut Klier fand man um 1830, daß weißrussische Juden den Handel in diesem Land „total dominierten“. [16] Es war weitgehend Kliers Arbeit in den späten 1980ern, die die Ursprünge der russisch-jüdischen Beziehungen vor 1914 wahrhaft zu beleuchten begann. Klier, in eine katholische Familie in Kansas geboren, „lehnte ab, was man die Anatevka-Frömmeleien und –Vereinfachungen nennen könnte. In einem Buch nach dem anderen hob er hervor, daß das, was die Zaren und ihre Minister vor allem anderen wollten, dahin ging, daß die jüdischen Siedlungen geordnet und produktiv seien.“ [17] Klier betonte weiters, daß der vielverleumdete Ansiedlungsrayon einfach die einzige Reaktion war, mit der die russische Administration aufwarten konnte, da sie es mit der „verwirrenden Frage“ zu tun hatte, wie man mit dem „Fanatismus des ultra-orthodoxen Judentums“ umgehen sollte, das völlig „unassimilierbar für offizielle Zwecke“ war.“ [18]

1841 wurden Untersuchungen in Rußlands jüdischen Gemeinden durchgeführt, und die nachfolgenden Berichte wiesen auf drei bedeutende Probleme hin. Das erste war die hartnäckige jüdische Abweichung in Kleidungsstil, Sprache und religiöser und gemeinschaftlicher Organisation. Die Idee, die diese Abgehobenheit von der nichtjüdischen Gesellschaft untermauerte, der „Auserwählten“-Status der Juden und ein begleitender ethnischer Chauvinismus, soll besonders schädlich für jüdisch-nichtjüdische Beziehungen gewesen sein, besonders wenn er bestärkt wurde durch „ein System der Bildung von Männern, das dazu gedacht war, antichristliche Interpretationen des Talmud einzuimpfen.“ [19] Das zweite, damit verwandte Problem war, daß jüdische Wirtschaftspraktiken ebenfalls in dieser Abgehobenheit wurzelten. Der Talmud „ermutigte und rechtfertigte uneingeschränkte wirtschaftliche Ausbeutung, die auf dem Betrügen und Ausnutzen der Nichtjuden beruhte“, [20] in einer Bestätigung von Max Webers Theorie der „inneren“ und „äußeren“ Ethik, bei der „Mitglieder einer geschlossenen sozialen Einheit unterschiedliche moralische Maßstäbe unter ihresgleichen anwenden verglichen mit jenen, die in Beziehung zu Fremden angewandt werden.“ [21] Der dritte Aspekt der russischen „Judenfrage“ war das Thema der jüdischen Loyalität. Die Juden des Russischen Reiches hatten offenkundig den Kahal des polnischen Judentums vor der Teilung beibehalten. Der Kahal war ein formales System jüdischer Gemeinschaftsführung und –regierung, das völlig vom russischen Staat getrennt war. Obwohl er vom Staat wegen seiner Steuereintreiberfähigkeiten stillschweigend toleriert wurde, war die jüdische Loyalität gegenüber dem Kahal absolut und ging über das bloß Fiskalische hinaus. Fast alle Juden wandten sich weiterhin an jüdische Gerichte.

John Klier erklärt, daß nach diesen Enthüllungen „der Staat und die Gesellschaft einen Konsens teilten, daß die Juden reformiert und in gute Untertanen des Reiches umgewandelt werden konnten und mußten.“ [22] Unter Zar Alexander I. (1801 – 1825) hatte es Versuche gegeben, Juden dazu zu ermutigen, produktiveren wirtschaftlichen Tätigkeiten nachzugehen. Großzügige Zugeständnisse waren gegenüber Juden gemacht worden in der Hoffnung, daß sie ihre Mittelsmannrollen aufgeben würden, wie auch ihre Destillerien und Tavernen in den Provinzen, und Arbeit in landwirtschaftlichen Kolonien aufnehmen würden. Klier erklärt, daß das „Eingebettetsein der Juden im Wirtschafts- und Sozialleben der imperialen Grenzländer sicherstellte, daß das jüdische Wirtschaftsleben trotz gesetzlicher Initiativen weitgehend unverändert blieb.“ [23]

1844 begann die russische Regierung unter Nikolaus I. mit einem Programm von Reformen und Gesetzen, die dazu bestimmt waren, die jüdische Exklusivität abzubauen und die Juden der Nation voller in die russische Gesellschaft einzugliedern. Es überrascht nicht, daß die Regierung zuerst den Kahal ins Visier nahm und ihn als „illegale Untergrundstruktur“ verbot. [24] Die Bedeutung des Verbots des Kahal ging über die Inangriffnahme des Problems der jüdischen Loyalität hinaus. Man hatte das Gefühl, daß die wechselseitige Unterstützung, die der Kahal bot, wirtschaftliche Auswirkungen gehabt hatte – „es war die durch den Kahal gebotene wechselseitige Unterstützung, die sicherstellte, daß Juden jedem Konkurrenten mehr als gewachsen waren, selbst dem Erz-Ausbeuter des russischen Dorfes, dem Kulaken.“ [25] Die Bürgerrechte jeglicher „Juden, von denen man meinte, daß sie sich produktiv betätigten“, wurden erweitert, obwohl es wenige gab, die das in Anspruch nahmen. Nikolaus I. dachte sich sogar die Einrichtung staatlich finanzierter jüdischer Schulen aus und unterstützte sie, in der Hoffnung, daß solche Einrichtungen zur Entwicklung eines progressiveren und integrativeren russischen Judentums führen würden. Zum Pech für Nikolaus war das, was sein System hervorbrachte, ein Kader jüdischer Intellektueller, die dem Staat zutiefst feindlich gesonnen waren.

Zar Alexander II setzte die Bemühungen Mütterchen Rußlands fort, ihre Juden um sich zu sammeln. Er schaffte 1861 die Leibeigenschaft ab. Er lockerte die Bemühungen zur Veränderung des wirtschaftlichen Profils des russischen Judentums, erweiterte die Rechte gebildeter Juden und von Großhändlern. Sein Programm war eines, das auf Versöhnung ausgerichtet war, ein Verzicht auf den Stock zugunsten der Karotte. Das Bildungswesen wurde den Juden voll geöffnet, und Juden durften unter den Geschworenen russischer Gerichte sitzen. Die Bedingungen für Ansiedlung und Mobilität im Ansiedlungsrayon wurden weiter gelockert. Klier erklärt: „Juden wurden sogar zum Subjekt mitfühlender Besorgnis unter den öffentlichen Meinungsführern. Vorschläge für die völlige Emanzipation der Juden wurden in der Presse verbreitet erörtert.“ [26]

Diese Maßnahmen waren jedoch von einem wachsenden Unbehagen wegen der Art begleitet, wie die Juden Rußlands sie ausnützten. Es gab wenig Dankbarkeit, und die Maßnahmen führten nicht die großen Veränderungen herbei, die man erhofft hatte. Die nationalistische Revolte der Polen im Jahr 1863 und die Tatsache, daß man herausfand, daß eine große Zahl reicher Juden einige der Rebellen finanziert hatte, warf neuen Zweifel auf die jüdische Loyalität. Nachdem sie die Landbevölkerung emanzipiert und eine paternalistische Besorgtheit um die ehemaligen Leibeigenen angenommen hatte, betrachtete die Regierung auch mit Schrecken die Schnelligkeit, mit der die „Juden die schlichten und unwissenden Landbewohner ausnutzten und sie auf eine jüdische Leibeigenschaft reduzierten.“ [27] Es wurde auch schnell offenkundig, daß Juden trotz der neuen Militärgesetze durch ihre überwiegende Vermeidung des Militärdienstes auffielen. Als Vergeltung ging die Regierung resolut gegen ländlichen Wirtshausbesitz vor und führte speziell für Juden strengere Rekrutierungsprozeduren ein. Es ist behauptet worden, daß Juden zu dieser Zeit auch der Landbesitz verboten wurde, aber Klier liefert Beweise dafür, daß Juden immer noch jeden bäuerlichen Grundbesitz kaufen konnten, der wegen Steuerrückständen versteiget wurde, wie auch jeden Grundbesitz innerhalb des Ansiedlungsrayons, der nicht der russischen Oberschicht gehörte. [28]

Bis zum Ende der Herrschaft von Alexander II. war die Desillusionierung über die Politik der Regierung bei der Handhabung der Judenfrage weitverbreitet. Die große Mehrheit der Juden hatte stur an den unproduktiven Gewerbszweigen festgehalten, blieb bei ihrer Abneigung gegen die russische Kultur und weigerte sich, jeglichen sinnvollen Beitrag zur russischen Gesellschaft zu leisten. Eine Stimmung der Resignation ging durchs Land. Manche Zeitungen befürworteten sogar eine Abschaffung des Ansiedlungsrayons, wenn auch nur, damit diese Region die Last der Juden nicht allein tragen müßte. Andere Zeitungen äußerten sich dagegen, „aus Furcht um das Wohlergehen der Landbevölkerung zu einer Zeit, in der ihr kulturelles Niveau sie zu einem leichten Ziel für Ausbeutung machte.“ [29] Währenddessen begannen Juden, die höheren Bildungseinrichtungen zu überschwemmen. In Odessa gab es Berichte, daß Juden in einer Schule nach der anderen „Christen von den Schulbänken vertrieben“ und „die Schulen füllten.“ [30]

Am Vorabend der Ermordung von Alexander II. blieb Rußlands Judenfrage unbeantwortet. Jahrzehnte an Gesetzen hatten wenig dazu beigetragen, die Natur des russischen Judentums zu ändern, das ethnisch, politisch und kulturell homogen blieb. Die neue jüdische Intelligenzia hatte sich gegen die Hand gewandt, die sie fütterte, und förderte nicht die Anpassung ihrer Mitjuden, sondern verteidigte sie statt dessen und setzte sich für ihre Interessen ein. Im Sinne von Bildungs- und gesellschaftlichen Chancen war den Juden ein Zoll gegeben worden, und sie hatten sich eine Meile genommen. Sie hatten die Schulen überflutet und zu einer Gruppe entstehender jüdischer Kapitalisten beigetragen. 1879 betrieb eine rabbinische Kommission Lobbying bei den russischen Behörden um volle Emanzipation, eine bedrohliche Aussicht für jene, die sich um das Wohlergehen der russischen Landbevölkerung sorgten.

Als der Bruchpunkt kam, erschien er nicht aus dem Äther, sondern aus seinem historischen Hintergrund. In Teil 2 werden wir die unmittelbareren Ursprünge der antijüdischen Unruhen untersuchen, und wie die Unruhen abliefen. Wir werden mit kleinlichen Ablenkungen aufräumen, Mythen mit Tatsachen zerstören, und wenn wir uns in den Ansiedlungsrayon wagen, tun wir das nun mit einer vollständigeren Sicht auf den Juden, den wir dort finden.

Anmerkungen:

[1] John Klier, Russians, Jews, and the Pogroms of 1881-2, (New York: Cambridge University Press, 2011) S. xiii.

[2] Jack Glazier, Dispersing the Ghetto: The Relocation of Jewish Immigrants Across America (New York: Cornell University Press, 1998)  S. 9.

[3] Donald Dutton, The Psychology of Genocide, Massacres and Extreme Violence (New York: Prager, 2007 ) S. 40

[4] Michael Mann, The Dark Side of Democracy: Explaining Ethnic Cleansing (Cambridge: Cambridge University Press, 2005) S.142.

[5] I.M. Aronson, ‘Geographical and Socioeconomic factors in the 1881 Anti-Jewish Pogroms in Russia,’ Russian Review, Vol.39, No.1 (Jan. 1980) S.18.

[6] Klier, Russians, Jews, and the Pogroms of 1881-2, S. xiv.

[7] Israel Bartal, The Jews of Eastern Europe: 1772-1881, (Tel Aviv, Verteidigungsministerium, 2005) S. 23.

[8] ebd., S. 24.

[9] Israel Friedlander, The Jews of Russia and Poland, (New York: G.P. Putnam, 1915), S. 84.

[10] ebd.

[11] ebd., S. 85.

[12] Simon Dubnow, History of the Jews in Russia and Poland, (Bergenfield: Avontayu, 2000), S.173

[13] ebd.

[14] ebd., S. 87.

[15] Simon Dubnow, History of the Jews in Russia and Poland, (Bergenfield: Avontayu, 2000), S.173

[16] John Klier, Pogroms: Anti-Jewish Violence in Modern Russian History, (Cambridge: Cambridge University Press, 2004) S. 4.

[17] http://www.guardian.co.uk/news/2007/oct/26/guardianobituaries.obituaries

[18] http://www.guardian.co.uk/news/2007/oct/26/guardianobituaries.obituaries

[19] Klier, Russians, Jews, and the Pogroms of 1881-2, S. 3.

[20] ebd.

[21] Jacob Katz, Exclusiveness and Tolerance: Jewish-Gentile Relations in Medieval and Modern Times (Oxford: Oxford University Press, 1962) S. 56.

[22] ebd.

[23] Klier, Russians, Jews, and the Pogroms of 1881-2, S. 4.

[24] ebd.

[25] ebd.

[26] Klier, Russians, Jews, and the Pogroms of 1881-2, S. 5

[27] Klier, Russians, Jews, and the Pogroms of 1881-2, S. 5

[28] ebd.

[29] ebd., S. 6

[30] ebd.

*   *   *   *   *   *   *

Und nun noch etwas, auf das ich hier beim Recherchieren zum Thema „Kahal“ gestoßen bin. Gebt euch das:

Der „Kahal“ ist die lokale jüdische Gemeinde.

„Die nichtjüdische Bevölkerung seines Bereiches gleichsam als Fische des Sees ansehend, verkauft der Kahal den Juden Teile dieses merkwürdigen Besitzes zu sehr verwunderlichen Bedingungen.

Dem in die Geheimnisse des Kahal Nichteingeweihten mag der Verkauf, von dem hier die Rede ist, unverständlich erscheinen. Hier folgendes Beispiel: Auf Grund seiner Rechte verkauft der Kahal dem Juden N. das Haus, welches nach bürgerlichen Gesetzen unbestrittenes Eigentum des Nichtjuden M. ist, ohne Wissen und Einverständnis des letzteren. Welchen Vorteil hat N. hierbei? Was kaufte er für das dem Kahal bezahlte Geld?

Durch Legalisierung des Kaufvertrages mit dem Kahal erhielt der Jude N. die „Chasaka“ (Besitzrecht) über das Eigentum des Christen M., kraft dessen er als einziger das Recht erwarb, konkurrenzlos versuchen zu können, sich dieses Hauses zu bemächtigen, wie im Kaufvertrage ausdrücklich erwähnt: „mit welchen Mitteln denn auch immer“. Bis zur endgültigen Besitzergreifung hat ausschließlich N. das Recht, das Haus zu mieten, dort einen Laden aufzumachen oder dem Hauswirt und anderen Bewohnern dieses Hauses Geld zu leihen usw.

Es kommt jedoch auch vor, daß der Kahal einem Juden zur Ausbeutung einen Menschen ohne unbewegliches Eigentum verkauft. Hier die Worte des Gesetzes über das merkwürdige Recht der „Maaruphia“ (Schulchan Aruch, Choschen ha-Mischpat § 156, 5): „Wenn ein Mensch (d. h. Jude) einen Nichtjuden zur Ausbeutung besitzt, so wird an einigen Plätzen den anderen Juden verboten, mit dieser Person in Verbindung zu treten und den Ausbeutenden zu stören. An anderen Orten ist es jedem erlaubt, mit der betreffenden Person in Beziehungen zu stehen, ihm Geld zu leihen, mit ihm zu handeln, ihn sich günstig zu stimmen und ihn von jenem (dem ersten Juden) abspenstig zu machen; denn das Eigentum des Nichtjuden ist wie herrenloses Gut, und wer sich seiner zuerst bemächtigt, hat ein Anrecht darauf.“ Jacob Brafmann – Das Buch vom Kahal – 1. Band, 1928, S. 30

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Fortsetzung:

Mythen und die russischen Pogrome, Teil 2: Erfindung von Greueltaten

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