Mythen und die russischen Pogrome, Teil 2: Erfindung von Greueltaten

Von Andrew Joyce, übersetzt von Deep Roots. Das Original Myth and the Russian Pogroms, Part 2: Inventing Atrocities erschien am 11. Mai 2012 im . Dies ist Teil 2 von 3.

Zuvor erschienen: Neubetrachtung der russischen Pogrome im 19. Jahrhundert, Teil 1: Rußlands Judenfrage

Nachdem wir uns in der Geschichte von Rußlands Judenfrage geerdet haben, ist es für uns nun Zeit, unsere Aufmerksamkeit den antijüdischen Unruhen der 1880er zuzuwenden. Der folgende Essay wird den Leser zuerst mit dem Standardnarrativ dieser Ereignisse versorgen, das von jüdischen Zeitgenossen und der Mehrheit der jüdischen Historiker vorgebracht wurde – ein Narrativ, das sich im öffentlichen Bewußtsein überwiegend durchgesetzt hat. Die letztere Hälfte des Essays wird der Analyse des jüdischen Narrativs gewidmet sein, und der Erläuterung, wie die Ereignisse wirklich geschehen sind. Andere Aspekte des jüdischen Narrativs werden in späteren Beiträgen dieser Serie untersucht werden. Während eine Arbeit wie diese unter schwere Kritik seitens gewisser Segmente der Bevölkerung geraten kann, die sie vielleicht als „revisionistisch“ verurteilen, kann ich nur sagen, daß „Revisionismus“ jeder historischen Arbeit am Herzen liegen sollte. Wenn wir die Geschichten blindlings akzeptieren, die uns überliefert werden, werden wir wahrscheinlich zum Opfer dessen werden, was auf wenig mehr als ein glorifiziertes „Stille Post“-Spiel hinausläuft. Und wenn wir das Recht des Historikers tabuisieren, Geschichte im Licht neuer Forschungen und neuer Entdeckungen neu zu interpretieren, dann haben wir uns weit von allem entfernt, was wahrer Wissenschaft ähnelt.

Das jüdische Narrativ

Im Jahr 1881 produzierte das „Russo-Jewish Committee“ (RJC), ein Arm von Britanniens jüdischer Elite, massenhaft ein Pamphlet mit dem Titel „The Persecution of the Jews in Russia“ [„Die Verfolgung der Juden in Rußland“] und begann es durch die Presse, die Kirchen und zahlreiche andere Kanäle zu verbreiten. Um 1899 wurde es ausgeschmückt und als kurzes Buch veröffentlicht, und heute sind digitalisierte Ausgaben online frei erhältlich. [1] Bis Anfang des 20. Jahrhunderts hatte das Pamphlet sogar ein vierseitiges Journal mit dem Titel Darkest Russia – A Weekly Record of the Struggle for Freedom [„Finsterstes Rußland – Ein wöchentliches Protokoll des Kampfes um Freiheit“] hervorgebracht, das sicherstellte, daß der durchschnittliche britische Bürger nicht weit kam, ohne an die „Schrecken“ erinnert zu werden, denen sich die russischen Juden gegenübersahen. [2] Daß diese Publikationen massenproduziert wurden, sollte einen Hinweis auf ihren Zweck geben: Es ist klar, daß diese Publikationen eine der ehrgeizigsten Propagandakampagnen in der jüdischen Geschichte darstellten, und kombiniert mit ähnlichen Anstrengungen in den Vereinigten Staaten zielten sie darauf ab, die Aufmerksamkeit der westlichen Nationen zu gewinnen und sie „aufzuklären“ und den Vorrang der „jüdischen Seite der Geschichte“ sicherzustellen. Darin inbegriffen war nicht nur ein Wunsch, antirussische Einstellungen zu provozieren, sondern auch eine reichliche Menge Mitgefühl für die schikanierten Juden – Mitgefühl, das notwendig war, um sicherzustellen, daß massenhafte jüdische Kettenmigration in den Westen ungestört und ungehindert durch Nativisten vor sich ging. War denn nicht der bigotte Nativist nur einen Schritt vom herumwütenden Kosaken entfernt?

Das erste Element des vom RJC vorgebrachten Narrativs ist im Wesentlichen eine Manipulation der Geschichte russisch-jüdischer Beziehungen. Es vertrat die Auffassung, daß die Juden Osteuropas jahrhundertelang unterdrückt wurden, ihr ganzes Leben „von der Wiege bis zur Bahre von restriktiven Gesetzen behindert wurde.“ [3] Es wurde behauptet, daß die Russen ein ungeschriebenes Gesetz hätten: „Daß kein russischer Jude einen Lebensunterhalt verdienen soll.“ [4] Russische Juden haben laut dem Russo-Jewish Committee nichts weiter gewollt als an der russischen Gesellschaft teilzuhaben, sind aber wieder und wieder als „Häretiker und Fremde“ zurückgewiesen worden. Der Ansiedlungsrayon ist eine undurchdringliche Festung, wo jeder Jude „leben und sterben muß.“ In dieser Interpretation der Geschichte russisch-jüdischer Beziehungen inbegriffen ist die Überzeugung, daß „die Quelle und der Ursprung all der Mißstände, welche das russische Judentum plagen“, nichts mit den Juden selbst zu tun hat, sondern alles mit der Kirche, dem Staat und dem Ansiedlungsrayon zu tun hat. Im Wesentlichen war die Misere der Juden das Resultat von nichts weiter als irrationalem Hass. Juden nehmen in diesem Narrativ eine sanftmütige und passive Rolle ein und haben nichts anderes angestellt als Juden zu sein. Sie werden auch als die einzigen Opfer russischer Gewalt präsentiert. Es gibt keine Anerkennung der gescheiterten russischen Versuche, die jüdischen Mauern der Exklusivität einzureißen und die Juden als Brüder anzunehmen. Eigentlich gibt es gar keine Erwähnung der Mauern der Exklusivität. Die Pogrome selbst brachen laut dem jüdischen Narrativ nach der Ermordung von Alexander II. aus, als Schock, Zorn und ein Wunsch nach Rache diesen irrationalen, wurzellosen Hass an die Oberfläche brachte.

Das zweite Element des jüdischen Narrativs ist, daß die Regierung und das kleine Beamtentum irgendeine Rolle bei der Organisation und Leitung der Pogrome zu spielen hatte. Viel Verachtung wird auf die Regierung gehäuft, und auf das untere Beamtentum, von dem es hieß, daß es von „einer chronisch antisemitischen Sichtweise“ befallen gewesen sei. Es wurde behauptet, daß es der Regierung, als die Unruhen begannen, „überhaupt nicht leid tat, daß sich die Erregung des Volkes an den Juden Luft machte.“ [5] In Bezug auf die restriktiven Maigesetze waren die Autoren gezwungen zuzugeben, daß sie nie wirklich durchgesetzt worden waren, blieben aber dabei, daß „die Maigesetze, ob moderat oder rigoros angewandt, dennoch im russischen Gesetzbuch blieben.“ [6]

Das dritte Element des jüdischen Narrativs ist, daß die Pogrome genozidal waren, und daß sie von Gruppen organisiert und begangen worden waren, die die Auslöschung der Juden anstrebten. Die 1899er Ausgabe von „The Persecution of the Jews in Russia“ enthielt eine Kopie eines ausführlichen Briefes, der mit Datum 5. November 1890 von Nathan Joseph, dem Sekretär des RJC, an die London Times geschrieben wurde. In dem Brief behauptete Joseph, daß unter den gegenwärtigen Umständen „Hunderttausende ausgelöscht werden könnten“, [7] und daß russische Gesetze bezüglich der Juden „ein Instrument der Folter und Verfolgung“ darstellten. In Summe wurde behauptet, daß die Juden Rußlands unter „einem Todesurteil“ lebten, und es wurde weiters behauptet, daß „die Exekutionen weitergehen.“ Der Brief endet mit einem Appell an „das zivilisierte Europa“, zu intervenieren, Rußland zu züchtigen und den zu Opfern gemachten Juden zu helfen. [8]

Das vierte Schlüsselelement des jüdischen Narrativs ist, daß die Pogrome von extrem brutaler Natur waren. Zeitgenössische Medienberichte waren die Quelle der meisten Greuelgeschichten, angeblich von frisch eingetroffenen „Flüchtlingen“ gesammelt, die vor dem Russo-Jewish Committee Aussagen über die Pogrome gemacht hatten, vor denen sie geflohen waren. In diesen Berichten, die sehr regelmäßig sowohl von der New York Times als auch von der London Times gebracht wurden, wurde den Russen vorgeworfen, die teuflischsten Greueltaten in enormstem Ausmaß begangen zu haben. Jeder Jude im Russischen Reich war bedroht. Männer waren skrupellos ermordet worden, Kleinkinder waren gegen Steine geschmettert oder lebendig in ihrem eigenen Zuhause geröstet worden. Während einer britischen parlamentarischen Anhörung zu den Pogromen im Jahr 1905 behauptete ein Rabbi Michelson, daß „die Greueltaten so teuflisch gewesen waren, daß sie nicht einmal in den barbarischsten Annalen der barbarischsten Völker Parallelen finden konnten.“ [9] Die New York Times berichtete, daß während des Pogroms von 1903 in Chisinau „Babies von dem rasenden und blutdürstigen Mob buchstäblich in Stücke gerissen wurden.“ [10]

Ein verbreitetes Thema in den meisten zeitgenössischen Greuelgeschichten war die brutale Vergewaltigung jüdischer Frauen, wobei die meisten Berichte abgehackte Brüste erwähnten. Es gab buchstäblich Tausende einander gleichende Berichte, in denen behauptet wurde, daß Mütter neben ihren Töchtern vergewaltigt wurden. Es gibt einfach nicht genug Platz, um ausführlich aus diesen Artikeln zu zitieren, aber sie zählen Tausende und sind für jeden mit Zugang zu den digitalisierten Archiven jeder großen Zeitung verfügbar, oder zu den Mikrofilmeinrichtungen an größeren Bibliotheken. Zusätzlich behaupten diese Artikel, daß ganze Straßenzüge, die von Juden bewohnt wurden, dem Erdboden gleichgemacht worden waren, und daß die jüdischen Viertel von Städten systematisch in Brand gesteckt worden waren.

Der „Greueltaten“-Aspekt des Narrativs ist weiterhin von jüdischen Historikern vorgebracht worden. Zum Beispiel behauptet Anita Shapira in ihrem in Stanford veröffentlichten Land and Power: The Zionist Resort to Force, 1881-1948, daß „jede Serie neuer Unruhen schlimmer war als die vorhergehende, als ob jedes Blutbad eine Erlaubnis für ein noch schlimmeres Massaker lieferte.“ [11] Shapira spielt weiters darauf an, daß die Ermordung jüdischer Babies während der Pogrome häufig war, und erklärt, daß eine verbreitete Sorge russischer Juden lautete: „Werden sie Mitleid mit den kleinen Babies haben, die nicht einmal wissen, daß sie Juden sind?“ [12] Sie schließt einen bestimmten Abschnitt über Pogromgewalt mit der Erklärung, ohne Verweis auf irgendwelche Beweise, daß es „zahlreiche Akte der Vergewaltigung gab“ und daß „viele massakriert wurden – Männer, Frauen und Kinder. Die Grausamkeit, die diese Tötungen kennzeichnete, fügte dem Gefühl des Schreckens und Schocks, das sich in ihrem Gefolge verbreitete, eine besondere Dimension hinzu.“ [13] Joseph Brandes behauptet in seinem 2009 erschienenen Immigrants to Freedom, ohne Beweise zu zitieren, daß Mobs „Frauen und Kinder aus den Fenstern [ihrer Häuser] warfen“ und daß „Köpfe mit Hämmern eingeschlagen wurden, Nägel wurden in Körper getrieben, Augen wurden ausgequetscht… und Petroleum wurde über die Kranken gegossen, die man in Kellern versteckt fand, und sie wurden zu Tode verbrannt.“ [14]

Ein weiteres entscheidendes Element des jüdischen Narrativs ist, daß Rußland barbarisch, unwissend und unzivilisiert ist verglichen mit den jüdischen Bürgern des Landes. Von Rußland heißt es, daß es im „mittelalterlichen Entwicklungsstadium“ verweilt [15], und im Vergleich zur „unwissenden und abergläubischen Landbevölkerung“ [16] werden Rußlands Juden als Vorposten der westlichen Zivilisation präsentiert – sie sind urban und „intellektuell“. Die Publikation des RJC behauptete, daß die Universitätsquoten, die erlaubten, daß 5 % der Studentenschaft aus Juden bestand, ungenügend für eine „intellektuelle Rasse“ waren. Erstaunlicherweise wird behauptet, „die Wurzel der ganzen Angelegenheit ist rassische Arroganz“, [17] obwohl diese Arroganz natürlich von den Russen ausgehen soll.

Das RJC warf der Regierung kriminelle Sympathie vor, den örtlichen Behörden allgemein kriminelle Tatenlosigkeit und manchen der Truppen aktive Teilnahme. Die Situation, behaupteten sie, war einfach so hoffnungslos und die Möglichkeit der Auslöschung war so groß, daß der einzige Ausweg darin bestand, daß die zivilisierten Nationen des Westens ihre Türen aufrissen und diese armen „Hebräer“ einließen.

Und zu einem großen Ausmaß ist dies genau das, womit die Kirchen, die Politiker und die Medien einverstanden waren. Diese Kapitulation vor manipuliertem Gewissen leitete die größte Migration in der jüdischen Geschichte ein, mit tiefgreifenden Konsequenzen für uns alle. Aber es gab nur ein kleines Problem – der überwiegende Großteil dieses Narrativs war ein berechneter, geplanter und meisterhaft beworbener Schwindel, gefördert von der bereitwilligen Teilnahme russisch-jüdischer Auswanderer, die ihren eigenen Zugang zum Westen erleichtern und „Hilfsgeld von Westeuropa und Amerika“ erhalten wollten. [18]

Die „Greueltaten“

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit zuerst den Geschichten über Greueltaten zu. Vor jeglichen größeren Berichten über Gewalt wurde die britische Öffentlichkeit bereits darauf vorbereitet, die russische Regierung zu hassen und das jüdische Narrativ zu akzeptieren. John Doyle Klier weist darauf hin, daß der Daily Telegraph zu der Zeit in jüdischem Besitz und besonders „scharf“ in seinen Berichten über die russische Behandlung der Juden vor 1881 war. [19] Auf den Seiten dieser Publikation hieß es: „Diese russischen Greueltaten sind  erst der Anfang. … Die russischen Offiziellen selbst billigen diese Barbareien.“ [20] Ungefähr zu dieser Zeit etablierte sich in Kontinentaleuropa der preußische Rabbi Yizhak Rülf als „Vermittler“ zwischen dem Ostjudentum und dem Westen, und laut Klier war eine seiner Spezialitäten die Verbreitung „sensationalisierter Berichte über Massenvergewaltigungen.“ [21]

Andere Hauptquellen von Geschichten über Pogromgreuel waren die New York Times, die London Times und die Jewish World. Es war die Jewish World, welche die Mehrheit dieser Geschichten lieferte, nachdem sie einen Reporter ausgeschickt hatte, „um Gebiete zu besuchen, die unter Pogromen gelitten hatten.“ [22] Die meisten anderen Zeitungen druckten einfach nach, was der Reporter der Jewish World ihnen schickte. Die von diesen Zeitungen gebrachten Greuelgeschichten provozierten eine globale Empörung. Es gab große öffentliche Proteste gegen Rußland in Paris, Brüssel, London, Wien und sogar in Melbourne, Australien. Jedoch „waren es die Vereinigten Staaten, wo die öffentliche Empörung ihren Höhepunkt erreichte.“ Der Historiker Edward Judge erklärt, daß die amerikanische Öffentlichkeit angespornt wurde durch Berichte über „brutales Zusammenschlagen, Mehrfachvergewaltigungen, Zerstückelung von Leichen, sinnlose Schlächtereien, qualvolles Leiden und unerträglichen Kummer.“ [23]

Wie jedoch John Klier feststellt, bringen die Berichte des „Sonderkorrespondenten“ der Jewish World „verblüffende Probleme für den Historiker.“ [24] Während seine Reisebeschreibung als „plausibel“ beschrieben wird, wird den meisten seiner Berichte „von den Archivaufzeichnungen glattweg widersprochen.“ [25] Seine Behauptung, daß zwanzig Aufrührer während eines Pogroms in Chisinau 1881 getötet wurden, ist durch Aufzeichnungen, die zeigen, daß es in dieser Stadt zu dieser Zeit „keine bedeutenden Pogrome und keine Todesfälle gegeben hat“, als Erfindung nachgewiesen worden. [26] Andere Behauptungen, daß er auf seinen Reisen Erschießungen von Landbewohnern erlebt habe, sind wegen der großen Zahl kleinerer Ungenauigkeiten in jenen Berichten völlig diskreditiert worden.

Weiters stellt Klier fest, daß die vom Korrespondenten der Jewish World gesammelten Greuelgeschichten, die in weiterer Folge so einflußreich bei der Manipulation der westlichen Wahrnehmung der Ereignisse waren, „mit extremer Vorsicht“ behandelt werden müssen. [27] Der Reporter „stellte die Pogrome dramatisch dar, als von großem Ausmaß und unmenschlich in ihrer Brutalität. Er berichtete von zahlreichen Schilderungen, wo Juden in ihren Häusern lebendig verbrannt wurden, während die Behörden zusahen.“ [28] Es gibt Hunderte von Fällen, wo er auf die Ermordung von Kindern, die Verstümmelung von Frauen und das Abbeißen von Fingern verweist.

Klier erklärt: „Die einflußreichsten Schilderungen des Autors, angesichts ihrer Wirkung auf die Weltmeinung, waren seine Schilderung der Vergewaltigung und Folterung von Mädchen, die nur zehn oder zwölf Jahre alt waren.“ [29] 1881 berichtete er von 25 Vergewaltigungen in Kiew, von denen fünf tödliche Folgen gehabt haben sollen, in Odessa behauptete er 25 und in Elisavetgrad behauptete er 30. [30] Vergewaltigung spielte in den Berichten eine wichtige Rolle, nicht weil Vergewaltigungen häufig waren, sondern weil Vergewaltigung „noch mehr als Mord und Plünderung“ dafür bekannt war, „im Ausland besondere Empörung zu erzeugen.“ Klier stellt fest: „Jüdische Mittelsmänner, die Pogromberichte ins Ausland kanalisierten, waren sich der Wirkung von Berichten über Vergewaltigungen sehr wohl bewußt, und sie spielten in ihren Schilderungen eine wichtige Rolle.“ [31] Die beiden dramatischsten und grausigsten Schilderungen kamen aus Beresowka und Borispol. Tatsächlich wurden die Berichte, als das Jahr sich seinem Ende näherte, immer grausamer und brutaler in den Details, die sie vermittelten.

Es gibt dafür natürlich einen Grund. Klier erklärt, daß die Aufzeichnungen zeigen, daß das RJC, als die nichtjüdische Öffentlichkeit der Berichte müde zu werden begann und ihre Gedanken den kommenden Weihnachtsfeierlichkeiten zuwandte, eine bewußte und kalkulierte Entscheidung traf, „das russische Judentum vor den Augen der Öffentlichkeit zu halten.“ [32] Ein entscheidender Bestandteil dieser Strategie war, die Schilderungen des Sonderkorrespondenten zu nehmen und sie in einer angeseheneren Zeitung mit höherer Auflage zu veröffentlichen. Sie entschieden sich für die Londoner Times, die bereits zu „kritischer redaktioneller Nörgelei über die russische Regierung“ prädisponiert war. Klier erklärt weiters, daß diese offenkundig falschen Berichte „garniert mit dem Prestige der Times und ohne jegliche Zuordnung, nachfolgend als separates Pamphlet veröffentlicht und in eine Vielzahl europäischer Sprachen übersetzt… zur definitiven westlichen Version der Pogrome wurden.“ [33]

Als zunehmend entsetzlichere Greuelgeschichten die Aufmerksamkeit der nichtjüdischen Öffentlichkeit wieder fesselten, fand sich die britische Regierung unter Druck zum Eingreifen. Die britische Regierung wählte jedoch einen vorsichtigere Herangehensweise und unternahm ihre eigenen unabhängigen Untersuchungen der Ereignisse im Russischen Reich. Ihre Ergebnisse, die als ein „Blaubuch“ veröffentlicht wurden, „präsentierten eine Schilderung der Ereignisse, die in starkem Widerspruch zu der von The Times gebotenen stand.“ [34] Der bemerkenswerteste Aspekt der unabhängigen Nachforschung ist die offene Bestreitung von Massenvergewaltigungen. Im Januar 1882 erhob Generalkonsul Stanley Einspruch gegen alle Details, die in den von The Times veröffentlichten Berichten enthalten waren, und erwähnte insbesondere die haltlosen „Schilderungen der Vergewaltigung von Frauen.“ [35] Er erklärte weiters, daß seine eigenen Ermittlungen enthüllten, daß es während des Pogroms von Beresowka keine Vergewaltigungsfälle gegeben hatte, daß Gewalt selten war und daß der Großteil der Unruhen auf Sachbeschädigung beschränkt war. Im Verhältnis zu den Sachschäden in Odessa schätzte Stanley sie auf etwa 20.000 Rubel und wies die jüdische Behauptung rundweg zurück, daß der Schaden sich auf über eine Million Rubel belief.

Vizekonsul Law, ein weiterer unabhängiger Ermittler, berichtete, daß er Kiew und Odessa besucht hatte und nur schließen konnte: „Ich sollte abgeneigt sein, jeglichen Geschichten über Frauen zu glauben, die in jenen Städten belästigt worden sind.“ [36] Ein anderer Ermittler, Colonel Francis Maude, besuchte Warschau und sagte, daß er Greuelgeschichten, die von dieser Stadt ausgingen, „keine Bedeutung beimessen“ konnte. [37] In Elisavetgrad wurde entdeckt, daß statt ganzer Straßenzüge, die dem Erdboden gleichgemacht wurden, nur eine kleine Hütte ihr Dach verloren hatte. Es wurde weiters entdeckt, daß sehr wenige Juden, falls überhaupt welche, vorsätzlich getötet worden waren, obwohl einige an Verletzungen starben, die sie bei den Unruhen erhalten hatten. Diese waren hauptsächlich das Ergebnis von Konflikten zwischen Gruppen von Juden, die ihre Gasthäuser verteidigten, und Aufrührern, die Alkohol suchten. Die kleine Zahl von Juden, die vorsätzlich getötet worden waren, waren labilen Individuen zum Opfer gefallen, die von jüdischen Spirituosen betrunken waren – Vorwürfe mörderischer Absicht unter den Massen waren einfach unbegründet und nicht durch Beweise fundiert.

Als diese Berichte öffentlich gemacht wurden, erklärt Klier, stellten sie „einen schweren Rückschlag für die Protest- und Hilfsaktivitäten des RJC dar.“ [38] Die Times war zum Zurückrudern gezwungen, reagierte aber boshaft (und bizarr) mit der Erklärung, daß die Empörung des Landes dennoch gerechtfertigt sei, selbst wenn die Greueltaten „die Kreationen der Volksfantasie waren.“ [39] (Erinnert das nicht an die in Teil 1 dieser Serie erwähnte Reaktion von JewishGen auf ukrainische Entdeckungen?!)

Die Enthüllungen kamen zu einer schlechten Zeit für das RJC, das zu der Zeit die britische Regierung dazu zu bewegen versuchte, „in irgendeiner Weise im Interesse des verfolgten russischen Judentums zu handeln.“ [40] Es verlegte sich auf die Wiederveröffentlichung seines Pamphlets über die Verfolgung in Rußland (in der Times) zweimal in einem Monat, vermutlich im Glauben, daß platte Wiederholung genügen würde, um greifbare Beweise zu überwinden. Klier erklärt, daß die Texte Beispiele „meisterhafter“ Propaganda waren, da sie die Glaubwürdigkeit der Konsuln der Regierung zu untergraben versuchten, während sie kriecherisch an „das weise und edle Volk von England“ appellierten, das „wissen wird, welches Gewicht solchen Verleugnungen und Widerlegungen zugemessen werden sollte.“ [41] Das RJC bot sein eigenes „unterstützendes Beweismaterial von unbestreitbarster Art“, obwohl natürlich die genaue Quelle dieses Beweismaterials nicht näher spezifiziert wurde als „Personen, die hohe offizielle Positionen in der jüdischen Gemeinschaft einnehmen“ und „jüdische Flüchtlinge“.

Im Wesentlichen wurden die Menschen westlicher Nationen ersucht, eher einem anonymen Rabbi auf der anderen Seite der Welt zu glauben als identifizierbaren Vertretern ihrer eigenen Regierung. Die Texte, stellt Klier fest, „malten das vertraute Bild von Mord und Vergewaltigung“, und trotz der entlarvenden Aussagen der Konsuln „wurde eine Anzahl von Mutter-Tochter-Vergewaltigungsfällen, die bereits so viel dazu beigetragen hatten, die britische öffentliche Meinung zu empören, noch einmal wiederholt.“ [42] Obwohl die Beantragung einer britischen Regierungsintervention scheiterte, trug das RJC im Kampf um die öffentliche Meinung „eindeutig den Sieg davon“, und die Times und das RJC blieben gute Bettgenossen.

Die Konsuln waren empört. Stanley wiederholte, daß seine intensiven Ermittlungen, die er zu einem großen persönlichen Preis mit einer schweren Beinverletzung durchführte, veranschaulichte, daß „Schilderungen der Times über das, was an jedem dieser Orte stattfand, die größten Übertreibungen enthalten, und daß die Schilderung dessen, was an manchen dieser Orte stattfand, absolut unwahr ist.“ [43] Er erzählte, daß ein Rabbi in Odessa „nicht von irgendwelchen Belästigungen von Frauen dort gehört“ hatte, und daß der Gegenstand von fast jedem Pogrom, das er untersucht hatte, einfach „Plünderung“ war.“ [44] Erzürnt von den Lügen, die in Britannien und Amerika in Umlauf waren, ging Stanley „direkt bis an höchste Stelle“, interviewte staatliche Rabbis, fragte nach Beweisen und bereiste die Stätten von Pogromen. In Odessa, wo eine Fülle von Geschichten über Greueltaten ihren Ursprung hatte, konnte er „einen Todesfall bestätigen, aber kein Plündern von Synagogen oder Anzünden von Opfern.“ Es gab keine Beweise, daß auch nur eine Vergewaltigung stattgefunden hatte. Ein staatlicher Rabbi gab zu, daß er von keinen Belästigungen von Frauen in Beresowka gehört hatte und versicherte Stanley weiters, daß er „mit reinem Gewissen eindeutig bestreiten konnte, daß dort während der Unruhen des letzten Jahres irgendwelche Todesfälle oder Vergewaltigungen stattgefunden hatten.“ [45]  Er schickte seinen Bericht wiederum an seinen Vorgesetzten in London, mit einem Vermerk: „Dies stimmt mit all den Informationen überein, die ich erhalten und Eurer Lordschaft weitergeleitet habe, und die ich für glaubwürdiger halte als anonyme Briefe in der Times.“ [46]

Trotz Stanleys besten Bemühungen ist das vom RJC vorgebrachte, von Greuelgeschichten erfüllte jüdische Narrativ unveränderlich in westlichen Vorstellungen von den Pogromen haften geblieben. Das Blaubuch wurde von den sichtbareren und oft wiederholten Geschichten des RJC und Organisationen wie ihm rund um den Globus erstickt worden. Nur durch die jahrzehntelange Forschungsarbeit von John Klier ist einige auf Wissenschaftlichkeit und Beweise in Archiven begründete Revision möglich gewesen. Im Lichte dieses Beweismaterials kann man nur schlußfolgern, daß Geschichten von Vergewaltigung, Mord und Verstümmelung „mehr Legenden als Tatsachen“ waren. [47] Jedoch verbleibt die Aufgabe, andere Aspekte des jüdischen Narrativs weiter zu zerlegen und zu analysieren und die wahren Motive hinter seiner Schaffung zu suchen.

Anmerkungen (Anm. d. Ü.: danach gibt’s noch Links!):

[1] http://archive.org/stream/persecutionofjew00russ

[2] Max Beloff, The Intellectual in Politics: And other essays, (London: Taylor and Francis, 1970) S.135

[3] The Persecution of the Jews in Russia, (London: Russo-Jewish Committee, 1899), p.3.

[4] ebd., S. 4

[5] The Persecution of the Jews in Russia, (London: Russo-Jewish Committee, 1899), S. 5

[6] ebd., S. 8

[7] ebd. S. 36

[8] ebd. S. 38.

[9] Anthony Heywood, The Russian Revolution of 1905: Centenary Perspectives (New York: Routledge, 2005) S. 266.

[10] “Jewish Massacre Denounced,” New York Times, April 28, 1903, S. 6

[11] Anita Shapira, Land and Power: The Zionist Resort to Force, 1881-1948 (Stanford: Stanford University Press, 1999), S. 35

[12] ebd. S. 34.

[13] ebd.

[14] Joseph Brandes, Immigrants to Freedom, (New York: Xlibris, 2009) S.171

[15] The Persecution of the Jews in Russia, (London: Russo-Jewish Committee, 1899), S. 4

[16] The Persecution of the Jews in Russia, (London: Russo-Jewish Committee, 1899), S. 30

[17] ebd.

[18] Albert Lindemann, Esau’s Tears: Modern Anti-Semitism and the Rise of the Jews (Cambridge: Cambridge University Press, 1997) S. 291.

[19] John Doyle Klier, Russians, Jews and the Pogroms of 1881-82, S. 399

[20] ebd.

[21] ebd.

[22] ebd. S. 400

[23] Edward Judge, Easter in Kishinev: Anatomy of a Pogrom (New York: New York University Press, 1993) S. 89.

[24] John Doyle Klier, Russians, Jews and the Pogroms of 1881-82, S. 400

[25] ebd. S. 401

[26] ebd.

[27] ebd.

[28] ebd.

[29] ebd.

[30] ebd.

[31] ebd., S.12

[32] ebd., S. 404

[33] ebd.

[34] ebd., S. 405. (Correspondence Respecting the Treatment of Jews in Russia, No. 1 und 2, 1882, 1883)

[35] John Doyle Klier, Russians, Jews and the Pogroms of 1881-82, S. 405

[36] ebd.

[37] ebd.

[38] ebd., S. 405.

[39] ebd.

[40] ebd.

[41] ebd., S. 406.

[42] ebd.

[43] John Doyle Klier, Russians, Jews and the Pogroms of 1881-82, S. 407.

[44] John Doyle Klier, Russians, Jews and the Pogroms of 1881-82, S. 408.

[45] ebd.

[46] ebd.

[47] ebd., S.13.

*   *   *   *   *   *   *

Siehe auch:

”Kartoffel werden” , ein sehr interessanter Strang in den „Korrektheiten“

A White Guide to the Jewish Narrative von Tanstaafl

Psalm 137, den die Juden gern von sich auf andere projizieren

*   *   *

Fortsetzung:

Mythen und die russischen Pogrome, Teil 3 – Die jüdische Rolle

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