Rezension: Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora“ [Teil 3]: „Englischer literarischer Antisemitismus“

Von Andrew Joyce, übersetzt von Deep Roots. Das Original Review: Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora“ [Part 3]: „English Literary Anti-Semitism“ erschien am 22. Februar 2013 im „Occidental Observer“.

Zuvor erschienen:

Rezension: Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora: A History of Anti-Semitism in England“, Teil 1

Rezension: Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora“ [Teil 2]: „Mittelalterlicher englischer Antisemitismus“

Illustration aus „The Prioress‘ Tale“

Illustration aus „The Prioress‘ Tale“

Wir setzen unsere Analyse von Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora“ fort, indem wir unsere Aufmerksamkeit einem der umfangreicheren Abschnitte des Buches zuwenden – einem Kapitel, das sich mit dem befaßt, was Julius für Englands einzigartig hasserfüllten Beitrag zur Weltliteratur hält. Im ersten Teil dieser Analyse erforschten wir den Hintergrund des Autors, seine Geschichte als jüdischer ethnischer Aktivist und auch, durch einige seiner Aussagen und bibliographische Informationen, Aspekte seiner Psychologie. Es ist bereits demonstriert worden, daß diese psychologische und in gewissem Sinne auch politische Sichtweise sowohl Julius’ Wahrnehmung der Geschichte der Juden in England wie auch seine Schriften über diese Geschichte beeinflußt. Dies ist am offensichtlichsten in dem Faden des Opfertums, den Julius grob durch einen Großteil des Buches webt.

Heimtückischer sind jedoch die Fälle, die wir im zweiten Teil der Analyse gesehen haben, wo Julius vorsätzlich Beweise ignorierte, weil sie nicht dem entsprachen, wovon er glaubt, daß es so war, und auch, weil sie nicht dem entsprachen, was er andere glauben machen möchte. Julius hat damit gezeigt, daß er ein Propagandist ist, der zu dem Getrommel beiträgt, daß der Westen böse ist.

Julius eröffnet sein Kapitel mit einer Darstellung der Bedeutung der Klagelieder Jeremias’ [Lamentationes] in der jüdischen Tradition. Das Buch, das Juden als Megillat Eicha bekannt ist, hält den Verlust Jerusalems und die Zerstörung des Tempels durch die Babylonier fest. Laut Julius (S. 144) erneuert seine Rezitation durch Juden jedes Jahr am Fastentag Tishah be’Av

die jüdische Erinnerung an das babylonische Exil und an jene anderen Momente nationalen Unglücks, derer man sich konventionsgemäß an diesem Tag erinnert – unter anderem die Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 [n. Chr.] und die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492. In seiner langsamen Summierung von Katastrophen ermutigt Tishah be’Av dazu, Katastrophen als die definierende Qualität der Existenz in der Diaspora zu betrachten… Der Tradition zufolge wurden die Juden an Tishah be’Av aus England vertrieben. An diesem Tag sollen die Juden sich auch an diese Katastrophe erinnern.

Abgesehen von den Auswirkungen dieses jährlichen Festivals des Opfertums auf die Gruppenidentität und Gruppenpsychologie schreibt Julius, daß ein zentraler Aspekt der Megillat Eicha eine Erinnerung an die Babylonier sei, wie sie ihren Sieg über die Juden feierten, indem sie sie in ihre Lieder und Spötteleien einbezogen.

Dieses Feiern über die Besiegten ist wichtig, weil laut Julius der angeblich antijüdische englische Literaturkanon aus der Zeit nach der Vertreibung wenig mehr ist als das Feierlied von Engländern, die ihren Feind besiegt haben und sich dieses Sieges für immer in ihrer Kunst erinnern werden. Es kommt Julius nicht in den Sinn, daß die Vorstellung, daß der berühmte literarische Ausstoß von einem der weltgrößten Produzenten des geschriebenen Wortes sich um die Juden drehe, ein Beweis für ein wahrlich pathologisches Ausmaß von Ethnozentrismus ist.

Stattdessen schreibt Julius (S. 149), daß die Juden nach der Vertreibung herausfanden,

daß sie zum Stoff für Lieder geworden waren. Dies gehört zu den bittersten Folgen für sie. Die Bedrohung, die sie darstellten (oder als die sie wahrgenommen wurden), kann nun zeremoniell beschworen werden… Diese Lieder oder Balladen, die endlos wiedererzählt werden und die den Besiegten das Pathos ihrer Niederlage verweigern, folgen sowohl auf Akte der Barbarei, wie sie auch selbst barbarisch sind. Sie sind mitleidlos; sie können verfolgerisch sein.

Wir können schnell sehen, daß das Gefühl des Opfertums, das in den vorherigen Abschnitten des Buches so offensichtlich ist, weiterhin gewohnheitsmäßig aus jedem Absatz trieft. Julius schreibt (S. 149):

Englands ehemalige Juden hätten sich versammeln können, um solch ein Klagelied [wie die Eicha] anzustimmen, während sie in ihren überseeischen Zufluchtsorten über die entstehende Literatur ihres ehemaligen Heimatlandes nachdachten, eine Literatur, die Texte verbreitete, in denen die Verbrechen räuberischer Juden aufgedeckt und ihre Täter bestraft werden.

Eine sorgfältige Zählung der Werke, die sechshundert Jahre überspannen und von denen Julius behauptet, daß sie antijüdischen Inhalt hätten, kommt auf insgesamt sechzehn, einschließlich Titeln wie Bram Stokers Dracula, das keine Verweise auf Juden oder das Judentum enthält. Das ist kaum die „Verbreitung“, die Julius postuliert, und kaum ein Beweis für einen vorherrschenden antisemitischen nationalen „Diskurs“.

Die jüdische Unfähigkeit, englische Literatur über den engen Bereich des ethnischen Interessen hinaus zu bewerten, ist in keiner Weise auf Julius beschränkt. Es gibt reichlich Beweise, daß diese Fäule in der breiteren Gesamtheit des akademischen Judentums endemisch ist:

Derek Cohens und Deborah Hellers Jewish Presences in English Literature [1]

Bryan Cheyettes Constructions of ‘the Jew‘ in English Literature and Society [2] und sein Between Race and Culture: Representations of ‘the Jew’ in English and American Literature [3]

Harry Levis Jewish Characters in Fiction: English Literature [4]

James Shapiros Shakespeare and the Jews [5]

Edgar Rosenbergs From Shylock to Svengali: Jewish Stereotypes in English Fiction [6]

Gary Levines The Merchant of Modernism: The Economic Jew in Anglo-American Literature [7]

Heidi Kaufmans English Origins, Jewish Discourse, and the Nineteenth-Century British Novel [8]

Esther Panitz’ The Alien in the Midst: images of Jews in English Literature [9]

Edward Calischs The Jew in English Literature: As Author and as Subject [10]

Matthew Bibermans Masculinity, Anti-Semitism, and Early Modern English Literature [11]

Eva Holmbergs Jews in the Early Modern English Imagination [12]

Phillip Aronsteins The Jews in English Poetry and Fiction [13]

Nadia Valmans The Jewess in Nineteenth-Century British Literary Culture [14]

Frank Felsensteins Anti-Semitic Stereotypes: A Paradigm of Otherness in English Popular Culture [15]

Jonathan Freedmans The Temple of Culture: Assimilation and Anti-Semitism in Literary Anglo-America [16]

Sheila Spectors British Romanticism and the Jews: History Culture and Literature [17] Anna Rubins Images in Transition: the English Jew in English Literature, 1660-1830 [18]

Dies stellt nur die Spitze eines sehr großen und imposanten Eisbergs dar. Dies sind nur einige der Autoren und ihrer Bücher – die Artikel können zu Hunderten gezählt werden.

Bemerkenswert ist nicht nur das Ausmaß, in dem Juden in der Lage gewesen sind, diese riesige akademische Industrie trotz ihrer geringen Zahl und der Enge des Themas zu finanzieren und aufrechtzuerhalten (dieselben Literaturwerke kommen in jeder „Studie“ vor), sondern auch, daß die meisten der genannten Individuen in der Lage waren, ihre unqualifizierten und repetitiven Texte von der Presse elitärer Universitäten veröffentlichen zu lassen.

Wie wir im Fall von Julius gezeigt haben, sollte dies nicht als Gradmesser für wissenschaftliche Leistung, Integrität oder Qualität aufgefaßt werden. Es erhebt jedoch interessante Fragen über die akademische Verlagsindustrie und ihren Auftragsvergabe- und Begutachtungsprozeß. Als ich die Anzahl dieser Bücher bemerkte, die von der Stanford University Press veröffentlicht wurden, war ich nicht wirklich sprachlos durch die Enthüllung, daß sie einen einzigen Redakteur für „Geschichte und jüdische Studien“ haben. [19] Die beiden sind, so scheint’s untrennbar geworden. Dieselbe Praxis gibt es bei der Cambridge University Press [20], und wahrscheinlich bei vielen anderen. Der Begutachtungsprozeß spielt auch eine Rolle dabei, was veröffentlicht wird und von wem, und nachdem ich in Teil 1 das ethnische Schulterklopfen für Julius’ Buch beschrieben habe, sehe ich keinen Grund, hier auf dem Punkt herumzureiten. Kehren wir zu Julius zurück.

Julius behauptet (S. 150),  daß Darstellungen von Juden in der englischen Literatur einzigartig sind, weil sie einen Teil eines „verfolgerischen Diskurses“ darstellen, der „Juden vor Gericht stellt“ und eine „Neigung, schlecht von Juden zu denken“ fördert. Julius täuscht kurz Objektivität vor, indem er erklärt (S. 159): „Es wäre falsch zu behaupten, daß englischer literarischer Antisemitismus Werke umfaßt, in denen England seine Hand als antisemitische Nation zeigte.“ Aber dies läuft gegen die Stoßrichtung des Rests seiner 827seitigen Hymne auf das Opfertum, und es wird von seinen nachfolgenden Behauptungen (S. 53) einfach überwältigt, daß „England der Hauptförderer, und in der Tat wie manche das Gefühl haben, der Erfinder des englischen Antisemitismus war“ und (S. 151) „Der englische literarische Antisemitismus hat seinen eigenen Existenzmodus. Er hat seine eigene innere Geschichte… seine eigenen inneren Gesetze, seine eigenen besonderen Eigenschaften.“ In einem engstirnigen und logisch gequälten Absatz (S. 151) gibt Julius englischen Literaturwerken, insbesondere Chaucers The Prioress’s Tale, Shakespeares Der Kaufmann von Venedig und Dickens’ Oliver Twist, die Schuld an der bloßen Tatsache, daß „der literarische Antisemitismus entstand.“

Aus diesem Grund werde ich mich ganz besonders mit diesen drei Werken befassen und dann ein weiteres Mal zeigen, daß Julius’ Wahrnehmung durch seine eigene Psychologie verdreht ist und daß er in seinen Bemühungen, die Wahrnehmung seiner Leser zu beeinflussen, zu den unfeinen und unwissenschaftlichen Methoden der Verzerrung und Manipulation gegriffen hat.

Julius über „Antisemitismus in der englischen Literatur“

Eine der größten Herausforderungen, vor denen Julius beim Konstruieren dieses Buches stand, war die Postulierung irgendeines Anscheins einer Kontinuität im englischen Hass auf Juden. Dies war am heikelsten bei seinem Versuch, die Erfahrung der Juden vor der Vertreibung von 1290 mit den Einstellungen in Verbindung zu bringen, die die Engländer angeblich während der 366jährigen Abwesenheit der Juden angeblich gegen diese hegten. Einfach zu sagen, daß die Engländer mit ihren Leben weitermachten, war undenkbar, weil es bedeutet, daß Probleme schnell gelöst sind, wenn Juden gehen – und daher unter anderem, daß antijüdische Handlungen oder Ansichten vielleicht eine Grundlage in echten Problemen wie Ressourcenkonkurrenz haben. Für Julius war die Vertreibung der Juden aus England, wie ich in Teil 2 einigermaßen detailliert erläutert habe, das Ergebnis von irrationalem Hass, spezifisch: theologisch motiviertem Hass seitens der Kirche, bösartigem Hass seitens eines sie mißbrauchenden und erpresserischen Monarchen und krankhafter Hass seitens einer fanatischen Bauernschaft, die Ritualmordfantasien hegte. Die Tatsache, daß die Meinung vieler Historiker und die große Menge harter Beweise, die wir haben, dieser Wahrnehmung völlig widerspricht, hatte keine Wirkung auf Julius’ Wunsch, seine schwache These als feststehende Tatsache zu bewerben.

Beim Übergang zu der Zeit nach der Vertreibung mußte Julius also diese Irrationalität mit der englischen Literatur in Verbindung bringen. Er tut das, indem er schwache Argumente postuliert, durch Verzerrung und Weglassung (siehe unten) und indem er wiederholt auf psychoanalytische Journale und die Schriften seines entschieden unwissenschaftlichen Idols Sigmund Freud zurückgreift (S. 179, 187, 191). Julius behauptet, daß die Hauptverbindung zwischen der englischen Einstellung vor der Vertreibung und dem englischen literarischen Ausstoß nach der Vertreibung ein fanatisches Festhalten am Ritualmordnarrativ sei. Er behauptet entdeckt zu haben (S. 153), daß „der englische literarische Antisemitismus eine ungewöhnliche Integrität und Geschlossenheit hat… Der Ritualmordvorwurf ist das weitgehend unbemerkte Hauptthema dieses Diskurses.“ In einem sehr infantilen Denkanfall behauptet Julius (S. 154), daß englische Literaturwerke dieses Hauptthema vom Ritualmordvorwurf teilen können, indem sie einfach „die wesentliche Struktur des Vorwurfs nachbilden oder bestimmte Aspekte davon entwickeln – sagen wir, jüdische Kriminalität oder jüdischen Legalismus.“

Somit könnte laut dieser Definition sogar eine Geschichte, in der ein Jude vorkommt, der sich penibel an Regeln hält, oder ein jüdischer Autodieb, als Teil des Ritualmorddiskurses gesehen werden. Solch eine These ist schon durch ihre Weitgefaßtheit unbrauchbar.

Was Julius und die Horde anderer jüdischer Literatur-„Wissenschaftler“ hier wirklich behaupten, ist ihre Feindseligkeit gegenüber allem, was keine positive Reflektion über Juden in der Literatur ist, was nicht nur arrogant und unvernünftig ist, sondern auch ein weiteres Anzeichen für ein krankhaftes Maß an Ethnozentrismus. Ihre Bemühungen haben die doppelte Funktion, das Vermächtnis der englischen literarischen Vergangenheit zu beschmutzen und Autoren in der Gegenwart in Ketten zu legen, die sich gezwungen fühlen, negativ dargestellte jüdische Charaktere in ihren Werken zu vermeiden. Es ist klar, daß es nicht Antisemitismus ist, der das Hintergrundgeräusch bildet, vor dem diese Juden ihr Leben führen, sondern das rhythmische Wettern der Eicha selbst; das bankrotte Erbe dessen, was der englische Historiker Arnold Toynbee als „die fossilen Überreste der syrischen Gesellschaft“ bezeichnete. [21]

Wenden wir uns nun Julius’ Diskussion von Chaucers The Prioress’s Tale zu. Für Julius sind die Absicht und Aufnahme der Geschichte klar. Er behauptet (S. 170), daß die Geschichte für die Engländer „spezifische Wahrheiten“ über Juden bestätige, einschließlich „daß es sowohl in der Natur der Juden und in Übereinstimmung mit ihren Gesetzen sei, Christen zu hassen und danach zu streben, ihnen zu schaden“, und daß „England sich glücklich schätzen solle, keine Juden mehr zu haben.“ Julius beschäftigt sich hier wiederum intensiv mit der Einbildung christlicher Reaktionen.

In Teil 2 kommentierte ich diese Beschäftigung mit der Imagination brutaler Gewalt gegen Juden. Hier (S. 170) stellt er sich vor, daß „die Geschichte ihr englisches Publikum mit Gedanken an Gefahren fesselt, die für sie nicht mehr real sind.“ Dies ist eine reine Mutmaßung von Julius, und er bietet dafür keinen Beweis, oder überhaupt irgendeinen für seine Vermutungen. Diese im ganzen Buch eingestreuten Nebenbemerkungen dienen jedoch dazu, den Leser in seine Denkweise hineinzutreiben. Es ist eine grobe und primitive Form von Manipulation. Julius verabsäumt zu erwähnen, daß The Prioress’s Tale die kürzeste und am wenigsten bedeutende Geschichte aus Chaucers Canterbury Tales ist. Sie wird aufgrund ihrer Kürze und der fehlenden strukturellen und thematischen Verfeinerung oft in standardmäßigen Kritikerwerken zu den Canterbury Tales weggelassen. [22] Ihre Anerkennung rührt fast ausschließlich von der hysterischen Aufnahme her, die sie von aufeinanderfolgenden Generationen verärgerter Juden erfahren hat. Wo der Text sorgfältig untersucht worden ist, weichen die Interpretationen von Juden und Nichtjuden radikal voneinander ab. In seinem The Art of the Canterbury Tales hat Paul Ruggiers taktvoll angemerkt, daß, während „manche Wissenschaftler“ den Text nur wegen seiner „Bigotterie“ zur Kenntnis genommen haben, „das, woran wir uns zu erinnern neigen, eine Geschichte von transzendenter Unschuld ist, die in Chaucers süßesten Versen geäußert wird. Das Thema, das sogar durch die schrecklichen Details von gestreckten und gevierteilten Schurken hindurchkommt, ist jenes der besonderen Beziehung der Unschuld zur Weisheit.“ [23] Elizabeth Robertson, außerordentliche Professorin für Englisch an der University of Colorado, erwähnt in ihrem Kapitel über Aspects of Female Piety in the Prioress’s Tale („Aspekte weiblicher Frömmigkeit in The Prioress’s Tale“) den jüdischen Aspekt nur einmal und sehr kurz. [24] Die Geschichte ist, wie es scheint, nur für Juden wichtig.

Julius’ Analyse sinkt mit seiner Behandlung von Shakespeares Der Kaufmann von Venedig (S. 178 – 181) weiter in die Ignoranz ab. Julius, der immer noch seine kindischen Nebenbemerkungen feilbietet, erklärt (S. 178), daß das Stück durch die Jahrhunderte hindurch benutzt worden sei, „um unwürdige Jubelstimmung zum Schauspiel der Erniedrigung eines Juden zu fördern.“ Das Stück soll „einen schlechten Juden zeigen; es hält uns dazu an, schlecht von ihm und damit von allen Juden zu denken; weiters regt es uns dazu an, schlecht vom Judaismus zu denken.“ (S. 183 – 184) Julius scheint es nicht für angebracht zu halten, diese logisch tendenziöse Schlußfolgerung näher auszuführen oder sie zu rechtfertigen. Stattdessen zitiert er in einem Abschnitt, der uns über die englische Aufnahme des Stückes aufklären soll, den entschieden nichtenglischen August Wilhelm von Schlegel mit den Worten, daß er „einen leichten Anflug von Judaismus“ in allem erkennen könne, was Shylock sagt und tut.

Die Probleme mit diesem Zitat beschränken sich nicht auf den Verweis auf einen Deutschen, der nie einen Fuß nach England gesetzt hat, und den starken Eindruck, den wir bekommen, daß Julius keine Ahnung hat, wer von Schlegel war. Tatsächlich ist das hier dar geringste Problem, denn Julius betreibt hier ein weiteres Mal vorsätzliche Irreführung seiner Leser. Das Zitat stammt aus Jonathan Bates The Romantics on Shakespeare („Die Romantiker über Shakespeare“). Ich besitze zufällig dieses Buch, daher war eine kurze Überprüfung des Zitats leicht. Unser guter Freund Mr. Julius hat wieder einmal herumgedoktert und nach seinem eigenen Geschmack Dinge weggelassen. Die Erwähnung eines „leichten Anflugs von Judaismus“ ist nur der letzte Teil eines vollen Satzes, dessen ersterer Teil völlig im Widerspruch zu Julius’ These steht (S. 183 – 184), daß der Charakter als allgemein repräsentativ für alle Juden gedacht sei; denn er lautet: „Shylock ist jedoch alles andere als ein gewöhnlicher Jude: er besitzt eine deutliche und originelle Individualität.“ [25] Warum zitiert Julius nicht die englischen Romantiker, deren Kommentare zum Kaufmann von Venedig im selben Kapitel frei verfügbar sind? Weil seine These durch ihre Analyse abgeurteilt wird. William Hazlitt betont (Bate, S. 450), daß Shakespeares „Jude mehr als halb Christ ist. Sicherlich liegen unsere Sympathien öfter bei ihm als bei seinen Feinden.“

Was ist mit der Aufnahme des Stückes durch sein Publikum? Gibt es Beweise, die Julius’ Einbildungen von englischen Männern und Frauen bestätigen, die sich an der Erniedrigung eines Juden ergötzen? Julius selbst möge das Kapitel lesen, in dem Heinrich Heine, der eine Aufführung in London ansah, dies zu sagen hat (Bate S. 456): „Als ich das Stück sah, das in der Drury Lane aufgeführt wurde, brach eine neben mir stehende schöne, blasse Engländerin am Ende des vierten Aktes in Tränen aus und rief an mehreren Stellen: ‚Dem armen Mann wird Unrecht getan!’ Sie hatte ein klassisches Gesicht und große dunkle Augen, die ich nicht vergessen konnte, denn sie hatten für Shylock geweint.“

Natürlich können wir sicher sein, daß Mr. Julius und seine ethnischen Mit-Aktivisten von diesem Material und vielem anderem wie das wissen. In diesem Fall werden Tränen für Shylock einfach ignoriert, und das Narrativ vom antisemitischen Publikum, das sich an der Bestrafung eines Juden weidet, wird befördert, trotzdem die Bilanz der Tatsachen das Gegenteil bezeugt.

Was ist mit Julius’ Wahrnehmung von Charles Dickens’ Oliver Twist? Nun, die Geschichte ist nichts weiter als eine Ritualmordgeschichte, in der (S. 199) „ein harmloser christlicher Junge seine Mutter verlor und dessen Leben in Gefahr gerät, als er in die Hände eines sinistren Juden fällt, der aber durch ein Wunder gerettet wird, während der Jude festgenommen und hingerichtet wird.“ Der Roman ist (S. 200) „eine christliche Fabel“, bestehend aus (S. 201) „einem Prozeß gegen die Juden.“ Fagins Hinrichtung wird „in einer Art Ekstase erlaubter Grausamkeit“ ausgeführt (S. 202). Die Geschichte tut nichts weiter, als „mit der Assoziation ‚Kinder/Juden/Gefahr’ zu spielen.“ Zusammengenommen repräsentieren Shylock und Fagin „ein Charaktergefängnis, aus dem zu entkommen wirkliche Juden immer noch zu kämpfen haben“ (S. 204).

Es ist passend, daß Julius „wirkliche Juden“ erwähnt, denn obwohl er uns glauben machen möchte, daß Fagin einem verkommenen und hasserfüllten Geist entsprungen sei, sind Wissenschaftler sich einig, daß Dickens für seine journalistische Sorgfalt bekannt war. Aus seiner Sammlung von Briefen wissen wir, daß er oft unter den Juden in deren eigenen Bezirken in London unterwegs war, um ihr Verhalten aus nächster Nähe zu beobachten. [26] Philip Collins, einer der vorrangigsten Dickens-Experten der Welt und Autor von Dickens and Crime, schreibt von der „Genauigkeit von Oliver Twist als Einführung in das großstädtische Verbrecherleben dieser Zeit. Fagin beruhte, wie jeder sah, auf dem berühmten jüdischen Hehler Ikey Solomon, und seine Methoden der Beschäftigung und Ausbildung von Jungen als Taschendiebe waren die übliche Praxis und blieben es mehrere Jahrzehnte lang.“ [27]

Julius kümmert es nicht, daß im Fall von Isaac (Ikey) Solomon die Assoziation ‚Kinder/Juden/Gefahr’ im ganz realen Fall eines räuberischen Juden wurzelte, der christliche Kinder benutzte, um seinen Durst nach unrecht erworbenem Reichtum zu stillen. Er gibt seinen Lesern keinen Hinweis darauf, daß Dickens’ Fagin irgendetwas anderes als eine Karikatur war.

Was ist mit der Aufnahme von Fagins Hinrichtung? Gab es, wie Julius behauptet, „Ekstase“? Collins bestätigt durchgehend (Collins, S. 128, 224, 305), daß Dickens eine zwiespältige Haltung zur Todesstrafe hatte und daß, sobald Oliver sicher ist, Sykes und Fagin „ihn als Opfer ersetzen.“ Zu Dickens’ Darstellung von Fagins letzter Nacht merkt Collins an (S. 205): „Der Großteil seiner Leser war von dieser Passage entsprechend ergriffen.“ John Bowen und Robert Patten schreiben in Charles Dickens Studies, daß Dickens „von den moralischen und psychologischen Auswirkungen der Einkerkerung fasziniert war, und er erforscht sie mit großer Sensibilität in Figuren wie Fagin.“ [28]

Wie wir jedoch gesehen haben, scheinen Wahrheit und Wissenschaftlichkeit Julius und seinesgleichen nicht viel zu bedeuten. Sie werden weiterhin eine Massenproduktion ihrer groben Manipulationen betreiben. Die Eicha leiert ständig weiter.

Anmerkungen:

[1] D. Cohen & D. Heller, Jewish Presences in English Literature, (McGill-Queen’s University Press, 1990).

[2] B. Cheyette, Constructions of ‘the Jew’ in English Literature and Society, (Cambridge University Press, 1995).

[3] B. Cheyette, Between Race and Culture: Representations of ‘the Jew’ in English and American Literature, (Stanford University Press, 1996).

[4] H. Levi, Jewish Characters in Fiction: English Literature (BiblioBazaar, 2010).

[5] J. Shapiro, Shakespeare and the Jews, (Columbia University Press, 1997).

[6] E. Rosenberg, From Shylock to Svengali: Jewish Stereotypes in English Fiction, (Stanford University Press, 1960).

[7] G. Levine, The Merchant of Modernism: The Economic Jew in Anglo-American Literature, (Routledge, 2003).

[8] H. Kaufman, English Origins, Jewish Discourse, and the Nineteenth-Century British Novel, (Cambridge University Press, 2009).

[9] E. Penitz, The Alien in the Midst: images of Jews in English Literature, (Fairleigh Dickinson University,1981).

[10] E. Calisch, The Jew in English Literature: As Author and As Subject (Kessinger, 2006).

[11] M. Biberman, Masculinity, Anti-Semitism and Early Modern English Literature, (Ashgate, 2004).

[12] E. Holmberg, Jews in the Early Modern English Imagination, (Ashgate, 2012).

[13] P. Aronstein, The Jews in English Poetry and Fiction, (Schocken, 1938).

[14] N. Valman, The Jewess in Nineteenth-Century British Literary Culture, (Cambridge University Press, 2007).

[15] F. Felsenstein, Anti-Semitic Stereotypes: A Paradigm of Otherness in English Popular Culture, (John Hopkins University Press, 1999).

[16] J. Freedman, The Temple of Culture: Assimilation and Anti-Semitism in Literary Anglo-America, (Oxford University Press, 2002).

[17] S. Spector, British Romanticism and the Jews: History, Culture and Literature, (Palgrave, 2002).

[18] A. Rubin, Images in Transition: the English Jew in English Literature, 1660-1830, (Greenwood Press, 1984).

[19] http://www.sup.org/authors/authors.cgi?x=editors

[20] http://authornet.cambridge.org/information/proposalus/hss/

[21] A. Toynbee, A Study of History, Volume 1, Section VIII, S. 135-139 (Oxford University Press, 1988).

[22] Für ein Beispiel siehe D. Traversi, The Canterbury Tales: A Reading (Toronto: The Bodley Head, 1983).

[23] P. Ruggiers, The Art of the Canterbury Tales, (Madison, Milwaukee: University of Wisconsin Press, 1967), S.183.

[24] E. Robertson, „Aspects of Female Piety in the Prioress’s Tale,” in S. Ellis, Chaucer: The Canterbury Tales, (Longman, 1998), S.189-206.

[25] J. Bate, The Romantics on Shakespeare, (Penguin, 1997), S.456.

[26] M. House and G. Storey, The Letters of Charles Dickens: Volume II: 1840-1841,'(Oxford University Press, 1969), S.118. Er schreibt einem Freund, daß er im August 1840 unter „den Juden von Houndsditch“ herumgestreift sei.

[27] P. Collins, Dickens and Crime: Third Edition, (Palgrave, 1995), S.262.

[28] J. Bowen & R. Patten, Charles Dickens Studies, (Macmillan, 2006), S.160.

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Ebenfalls lesenswert:

Eine Rezension von „Warum die Deutschen? Warum die Juden?” — Teil 1, Teil 2 und Teil 3 von Brenton Sanderson auf „The Occidental Observer“.

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