Amalek: Der ewige Feind des jüdischen Volkes

Gustave_Doré_Morte_Agag

Aus den Gesprächen des Lubawitscher Rebbe Menachem M. Schneerson, übersetzt von Deep Roots. Die von Eli Touger ins Englische übersetzte Fassung Amalek: The Perpetual Enemy of the Jewish People ist auf TheRebbe.org erschienen. (Das Titelbild „Der Tod Agags“ von Gustave Doré, das die Tötung Agags durch Samuel/Shmuel zeigt, wurde ebenso wie die Links im Text vom Übersetzer eingefügt.)

AMALEK: DER EWIGE FEIND DES JÜDISCHEN VOLKES

Wiederkehrende Motive

Der Konflikt zwischen Haman und Mordechai, der zum Wunder von Purim führte, wurzelte in Ereignissen, die viele Jahrhunderte früher stattfanden. Haman führte seine Abstammung auf Agag, zurück, den König von Amalek. (1) Mordechai und Esther waren Nachkommen der königlichen Familie Shauls, des ersten Königs von Israel. Als die Juden Ägypten verließen, war Amalek die erste Nation, die sie angriff. Als Folge davon wurde den Juden befohlen (2): „Wenn G-tt euch von all euren Feinden befreien wird… löscht die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel aus.“

Mehrere Jahrhunderte später, nachdem Shaul zum König gekrönt wurde, befahl der Prophet Shmuel ihm so, G-ttes Befehl zu erfüllen: (3) „Zerschlage Amalek und zerstöre völlig alles, was ihm gehört. Und habe kein Mitleid mit ihm; töte Mann und Frau, Kleinkind und Säugling, Ochse und Schaf, Kamel und Esel.“

Shaul versammelte das jüdische Volk und führte Krieg gegen die Amalekiter, schlachtete die gesamte Nation ab und zerstörte ihren Besitz. Jedoch „hatte er Mitleid mit Agag und den erlesensten Schafen und Rindern…,“ (4) und brachte sie mit sich zurück. Shmuel tadelte Shaul hart dafür: „Weil du das Wort G-ttes zurückgewiesen hast, hat Er dich als König abgelehnt.“ (5) Obwohl Shmuel Agag dann tötete, konnte Agag in der Zeitspanne zwischen seiner Gefangennahme durch Shaul und seinem Tod ein Kind zeugen. Dieses Kind war der Vorfahre von Haman. (6)

Der Amalek in uns

Der Tanach ist kein bloßes Geschichtsbuch. Über seine Chronik vergangener Ereignisse hinaus versorgt er uns mit Einsichten, die unseren gegenwärtigen Dienst an G-tt verbessern können.

Obwohl der Name Amalek eine Nation bezeichnet, die tatsächlich existierte, beschreibt er auch einen Charakterzug in uns selbst. Genauso wie Amalek in direkter Gegnerschaft zum jüdischen Volk stand, widersetzt sich der von Amalek symbolisierte Wesenszug den Grundlagen unseres göttlichen Dienstes.

Der Midrasch (7) beschreibt die Natur dieses Wesenszugs in seinem Kommentar zu dem Vers (8) „Erinnert euch, was Amalek euch antat… als ihr aus Ägypten kamt, wie er auf euch unterwegs traf und all die Schwachen abschnitt, die hinter euch hertrotteten.“ Der Midrasch erläutert, daß das hebräische Wort lre („er stieß auf euch“) auch übersetzt werden kann als „er kühlte euch ab.“ Amalek repräsentiert die kalte Rationalität, die uns alles in Frage stellen läßt, was wir tun oder erleben. (9)

Über den Intellekt hinausgehen

Um völligen Dienst an G-tt zu erreichen, müssen wir über unsere eigenen intellektuellen Beschränkungen hinausgehen. Daher erklärte das jüdische Volk, bevor es die Thora empfing: Naaseh VeNishma – „Wir werden tun und wir werden zuhören.“ (10) „Wir werden tun“ bezieht sich auf den Wunsch, G-ttes Willen auszuführen, und „wir werden zuhören“ auf das Bemühen, G-ttes Gebote intellektuell zu verstehen. Indem sie „Wir werden tun“ vor „wir werden zuhören“ erklärten, bedeuteten unsere Vorfahren, daß sie G-ttes Willen ohne Zögern oder Zweifel erfüllen würden, ob sie ihn verstünden oder nicht. Ebenso muß unsere Hingabe an die Thora zu allen Zeiten über die Grenzen unseres Verständnisses hinausspringen.

Eine Hingabe dieser Größenordnung wird von unserem inneren Amalek herausgefordert, der uns sagt: „Akzeptiere die Thora auf jeden Fall, aber warte, bedenke sorgfältig, wie viel genau du studieren kannst, und welche mitzvos genau du erfüllen kannst. Nimm den Mund nicht zu voll.“

Innerhalb dieses Kontexts können wir die numerische Äquivalenz zwischen Amalek und dem Wort safek verstehen, dem hebräischen Wort für „Zweifel“. (11) Amalek verursacht Zweifel und Zögern, was die Inbrunst unseres göttlichen Dienstes abkühlt. Sieg in unserem inneren Krieg gegen Amalek bedeutet, uns dem Dienst an G-tt ohne Vorbehalte zu widmen, die Thora mit Sorgfalt und Begeisterung zu befolgen, die nicht durch unsere Vernunft eingeschränkt sind.

Ein historischer Fehler

Auf dieser Grundlage können wir verstehen, wie Shauls Fehler, Agag und Amaleks auserlesene Herden leben zu lassen, mit dem von Amalek personifizierten Charakterzug verbunden ist. Shaul hatte nicht die Absicht, gegen G-ttes Willen zu verstoßen. Er war ein völlig gerechter Mann, „G-ttes Auserwählter“. (12) Indem sie seinen erhabenen Charakter in ihrem Kommentar zu dem Vers (13) „Shaul regierte bereits ein Jahr“ beschreiben, erklären unsere Weisen (14), „Shaul war wie ein einjähriges Kind, das nie die Sünde gekostet hat.“

Shauls Fehler in seiner Behandlung Amaleks lag in der Befolgung der Diktate der Vernunft. Zum Beispiel verschonte er die Herden, um sie G-tt als Opfer darzubringen, unter dem irrigen Eindruck, daß dieser Dienst G-ttes Absicht vollständiger erfüllen würde. Indem er die Tiere Amaleks als Opfer darbrachte, wollte er zeigen, daß sogar die Elemente der Welt, die sich G-ttes Willen zu widersetzen scheinen, für Gutes verwendet werden können.

Diese Rationale, wenn auch ehrenwert, ging gegen das ausdrückliche Gebot, das G-tt durch Seinen Propheten übermittelt hat. Daher, antwortete Shmuel gegenüber Shaul, „ist (G-tt) zu gehorchen besser als ein Opfer.“ (15) G-tt und Sein Wille sind unendlich und können von unserem begrenzten Intellekt nicht begriffen werden. Sich ihm mit Vernunft allein zu nähern, läßt Raum für den Irrtum. Selbst wenn kein wirklicher Fehler gemacht wird, ist unser Dienst mangelhaft, denn die Beschränkungen unseres Verständnisses hindern uns daran, eine Beziehung zu den unendlichen Dimensionen der G-ttlichkeit herzustellen. Der einzige Weg, wie wir uns mit diesen Ebenen der G-ttlichkeit verbinden können, besteht darin, ein Potential in uns zu verwirklichen, das ähnlich unbegrenzt ist.

G-ttes Joch akzeptieren

Nur durch kabbalas ol, das Akzeptieren des Jochs von G-ttes Souveränität mit einfacher, bedingungsloser Hingabe zu akzeptieren, können wir eine vollständigere Bindung zu G-tt herstellen. Kabbalas ol führt uns über unser begrenztes Selbst hinaus und bringt das unendliche g-ttliche Potential unserer Seelen hervor.

Diese Qualität wurde durch Shauls Nachfolger David verkörpert, der seine Haltung zum göttlichen Dienst in dem Vers (16) beschreibt: „Ich habe mich beschwichtigt und beruhigt.“ Chassidus weist darauf hin, daß das Wort Domamti („Ich habe mich beruhigt“) eine gemeinsame Wurzel mit Domaim hat, das „ein lebloses Objekt“ bedeutet. In anderen Worten, David ist so weit über sein eigenes natürliches Selbst hinaus transzendiert, daß es auf das Niveau eines leblosen Objekts erniedrigt wurde; er wurde zu egozentrischem Verhalten unfähig.

Berichtigung der Vergangenheit

Die Qualität des kabbalas ol widerspiegelt sich auch im Narrativ von Purim. Denn es war die Hingabe des kabbalas ol, die die Niederlage Hamans, des Nachkommens von Amalek, herbeiführte. Darauf wird in der Bezeichnung Mordechais als HaYehudi („der Jude“) (17) angespielt. Wörtlich bedeutet dieses Wort „ein Nachkomme des Stammes Jehuda“, Davids Stamm, wohingegen Mordechai in Wirklichkeit ein Benjaminit und Verwandter Shauls war. In gleicher Weise wird das gesamte jüdische Volk die ganze Megillah [jidd. „Rattenschwanz“] hindurch Yehudim genannt, ohne Unterscheidung nach Stammesherkunft. Denn eine der Ableitungen dieses Wortes hat eine gemeinsame Wurzel mit Hoda’ah, das zurückhaltende Anerkennung bedeutet – d. h., G-tt mit kabbalas ol zu dienen.

Denn in der Tat zeigten Mordechai und Esther eine völlige und bedingungslose Hingabe an G-ttes Willen, selbst wenn sie durch die härtesten Bedingungen herausgefordert werden. Sie ermutigten ihre Mitjuden, sich G-tt in teshuvah zuzuwenden und ihre Befolgung der Torah selbst unter der Bedrohung durch Hamans Verordnung zu stärken.

Ihr Beispiel hat eine zeitgenössische Frische an sich. Auch wir leben im Exil, und unsere Hingabe an die Torah und an mitzvos wird von widersprechenden Stimmen von außen und einem sanftzüngigen „Amalek“ im Inneren herausgefordert, was Zweifel und Zögern in unser Leben schleichen läßt. Durch kabbalas ol jedoch können wir diese Hindernisse überwinden und unseren Dienst an G-tt weiter sensibilisieren. Und genauso wie kabbalas ol in der Zeit von Purim dem jüdischen Volk „Licht und Freude, Frohsinn und Ehre“ brachte, so wird es auch in unserer Zeit Erfolg und Segen bringen und unseren Status in der Welt verbessern.

Adaptiert aus Likkutei Sichos, Band III Parshas Zachor.

Fußnoten:

1)  Targum Sheni zu Esther 3:1.

2)  Devarim 25:19.

3)  I Shmuel 15:3.

4)  Ebd. 15:9.

5)  Ebd. 15:23.

6)  Megillah 13a; Chochmas Enosh zu I Shmuel 15:32.

7)  Midrash Tanchuma, Parshas Ki Seitzei, sec. 9.

8)  Devarim 25:17-18.

9)  Vgl. Sefer HaMaamarim 5679, S. 294.

10)  Shmos 24:7. Unsere Weisen verkünden, daß der Krieg gegen Amalek eine der notwendigen Vorbereitungen für die Übergabe der Thora war. In ähnlicher Weise erklären unsere Weisen (Shabbos 88a), daß die Juden die Thora bis zur Zeit von Purim nicht voll akzeptierten.

11)  Sefer HaMaamarim 5679, a. a. O.

12)  I Shmuel 10:24.

13)  o. zit. Werk, 13:1

14)  Yoma 22b.

15)  I Shmuel 15:22.

16)  Tehillim 131:2.

17)  Esther 2:5.

18)  Ebd. 3:6; 4:13-14, 16; 8:9, 11, 13, 16, 17.

19)  Ebd. 8:16.

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3 Kommentare

  1. Deep Roots

     /  Juli 26, 2016

    Das erste, das mir damals beim Übersetzen dieses Textes aufgefallen ist, war der Widerspruch zwischen dem Gebot, „die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel auszulöschen“, und jenen bis zum heutigen Tag gültigen zwei Geboten der orthodoxen Juden (neben 611 anderen), die wie folgt lauten:

    ● Sich der Heimtücke der Amalekiter zu erinnern.
    ● Nie die Niederträchtigkeiten der Amalekiter zu vergessen.

    Aus jüdischer Sicht hängt das natürlich mit der „Notwendigkeit“ zusammen, das dritte der drei mit den Amalekitern zusammenhängenden Gebote einzuhalten, was nicht möglich wäre, wenn man die Amalekiter wirklich vergessen würde:

    ● Die Nachkommen der Amalekiter auszulöschen.

    Das richtet sich natürlich gegen uns, denn wie man schon am Beispiel von Haman und den 75.000 mit ihm abgeschlachteten angeblichen Amalekitern (dem Massaker, das zu Purim gefeiert wird) gesehen hat, ist es für die Juden praktisch, so ein Erbschurkenvolk in der Überlieferung zu haben, zu dessen Wiedergängern man jedes mißliebige Volk erklären kann, welches dann nach Jahwes Willen gnadenlos ausgerottet werden muß.

    Und natürlich ist mir die Parallele zwischen der im Judentum geforderten völligen und gedankenlosen Ergebung in den Willen Jahwes (jetzt wollte ich schon schreiben „Allahs“) und derselben Haltung im Islam aufgefallen. Was dem Juden kabbalas ol, ist dem Moslem allein schon der Name seiner Religion, denn „Islam“ kommt vom arabischen Verb „aslama“ („übergeben“, „sich ergeben“) und bedeutet sinngemäß „Unterwerfung (unter Allah)“.

    Wie der Herr, so das Gscherr – wie die Erfinder des Jahweglaubens, so auch ihre Kampfhundsekte aus Mekka.

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  2. Deep Roots

     /  Juli 26, 2016

    Ach ja: Revilo Oliver schreibt in Die Herabkunft des Islam nicht umsonst:

    „Wie das Christentum, ist der Islam im Grunde ein jüdischer Kult für Goyim.“

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    • Kleiner Eisbär

       /  Juli 28, 2016

      Oder wie auf AdS öfters zu lesen war: Die beiden abrahamitischen Ablegerreligionen…

      Antworten

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