Tsushima, 27. Mai 1905: Die Katastrophe in der Koreastraße

Tsushima 1905 japanisch-russisch

Von Deep Roots, zusammengestellt im wesentlichen auf Basis folgender Quellen: „Seeschlachten des 20. Jahrhunderts“ von George Bruce (1976, ISBN 3 7979 1872 0), „Jane’s Kriegsschiffe des 20. Jahrhunderts“ von Bernard Ireland (1997, ISBN 3-86047-592-4) und einem Artikel in der Zeitschrift „Militär & Geschichte“ Ausgabe Februar/März 2012. Auf „Morgenwacht“ nachveröffentlicht anlässlich des 111. Jahrestages der denkwürdigen russisch-japanischen Seeschlacht von Tsushima.

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Im Morgengrauen des 27. Mai 1905 dampfte die russische Ostseeflotte durch schwere See langsam in den Eingang der Tsushima-Straße zwischen Korea und Japan. Acht Monate zuvor hatte sie Kronstadt zu ihrer 18.000 Seemeilen langen Fahrt um die Welt verlassen, die die Zerstörung der japanischen Seemacht im Fernen Osten zum Ziel hatte. Jetzt aber, wo sie ihrem Ziel in den Heimatgewässern des Feindes nahe war, hoffte nahezu jeder ihrer Offiziere einschließlich des Oberbefehlshabers Admiral Roschdestwenskij, daß die Flotte einer Schlacht ausweichen und von den Japanern unentdeckt durch das Japanische Meer nach Wladiwostok laufen könne.

Der Russisch-Japanische Krieg hatte seinen Ursprung im Zusammenprall der beiden rivalisierenden Mächte im Jahre 1903 in der Mandschurei, in China und Korea. Im Februar 1904 brach Japan die diplomatischen Beziehungen ab und griff ohne formelle Kriegserklärung die russische Flotte in Port Arthur an. Danach landeten japanische Truppen auf der Halbinsel Liautung, besiegten die dort stehende russische Armee und hatten im Mai Dairen besetzt.

Der daraus resultierende Krieg war für die russische Marine ein Desaster. Der Befehlshaber der russischen Pazifikflotte, Admiral Makarow, starb im April, als er seine Schiffe gegen die Japaner führte und sein Flaggschiff, die Petropawlowsk, auf eine Mine lief. Sein Tod wog vermutlich schwerer als der Verlust des Schlachtschiffes. Das Kommando übernahm Admiral Witthöft (Vitjeft), der vier Monate später einen weiteren Ausfall anführte, nachdem Admiral Togo den Russen in ständigen Flottenzusammenstößen im Gelben Meer und im Japanischen Meer Verlust auf Verlust zugefügt hatte. In der zweitägigen Schlacht im Gelben Meer wurden fünf russische Schlachtschiffe zerstört und das Wladiwostok-Geschwader nach Port Arthur zurückgetrieben. Dabei wurde Admiral Witthöft am 10. August getötet, als eine japanische Schlachtschiffgranate den Turm seines Flaggschiffs Zarewitsch traf. Dieses lief langsam ab und wurde in China interniert. Der Rest der Flotte wich in den Hafen zurück; alle Schiffe wurden später an ihren Liegeplätzen von den Haubitzen des japanischen Heeres versenkt. Nach schweren Kämpfen ergab sich am 2. Januar 1905 die Besatzung von Port Arthur. Nur zwei Monate später fiel die wichtige Stadt Mukden mit einem Verlust von 30.000 toten und 90.000 verwundeten Russen, weitere 40.000 Russen gerieten in Gefangenschaft.

Internationale Verträge hinderten die Russen daran, Schlachtschiffe ihrer Schwarzmeerflotte durch die Dardanellen zu schicken, sodaß nur noch die Ostseeflotte große Schiffseinheiten abstellen konnte, um im Fernen Osten einzugreifen. Vier der fünf Schlachtschiffe der Borodino-Klasse wurden auf die Reise rund um die Welt vorbereitet. Die Ostseeflotte, die in Frankreich gebaute moderne Ossljabja und drei veraltete Schlachtschiffe wurden durch eine bunte Kollektion von Kreuzern und alten Panzerschiffen unterstützt.

Admiral Sinov Roschdestwenskij (links) und Admiral Heihachiro Togo

Admiral Sinov Roschdestwenskij (links) und Admiral Heihachiro Togo

Admiral Roschdestwenskij, ein Günstling des Zaren, wurde als Oberbefehlshaber für diesen Einsatz ausgewählt, obwohl er noch nie eine Flotte im Gefecht befehligt hatte. Die besten Seeleute Rußlands waren bereits mit ihren Schiffen im Kampf gegen Japan untergegangen oder schmachteten in den feindlichen Kriegsgefangenenlagern. Der größte Teil der Bemannung des sogenannten 2. Pazifischen Geschwaders bestand aus gerade eingezogenen Rekruten, die von ihren ersten Erfahrungen des Lebens auf einem Kriegsschiff verwirrt waren, aus Reservisten, die seit Jahren nicht mehr zur See gefahren waren, und aus Revolutionären, die die örtlichen Behörden loswerden wollten. Letztere machten sich alsbald daran, an Bord der Schiffe des Geschwaders einen aufrührerischen Geist zu schaffen.

Schon bald nach der Abreise Ende September 1904 hielten Roschdestwenskij und seine Offiziere, die den Japanern offenbar zugetraut hatten, ihnen um die Welt herum entgegenzufahren, in der Nacht zum 21. Oktober die in der Nordsee fischende englische Trawlerflotte aus Hull für eine Flottille japanischer Zerstörer. Die ganze Flotte eröffnete in einer wilden Schießorgie das Feuer auf die Fischdampfer, von denen sie einen versenkte und drei weitere beschädigte. Zwei Fischer wurden getötet, mehrere andere verletzt. Nachdem sie ihren furchtbaren Irrtum erkannt hatten, unterließen es die Russen, zu stoppen und Hilfe zu leisten.

England, dessen Sympathien ohnehin bei seinem Verbündeten Japan lagen, sah den Vorfall als empörende Gewalttätigkeit an und drohte, da keine befriedigende politische Entschuldigung einging, mit einem Gegenschlag der Flotte. Die vereinigten Heimat- und Mittelmeerflotten spielten mit den Russen bei deren Weiterfahrt in Richtung Spanien Katz und Maus. Schließlich blieben vier russische Offiziere in Vigo zurück, um vor einem internationalen Gerichtshof in Hull zu erscheinen, und der Vorfall wurde beigelegt. [Wodurch in Großbritannien schon zuvor eine Grundlage für eine antirussische Stimmung geschaffen wurde, wird in Andrew Joyces Artikelserie Neubetrachtung der russischen Pogrome im 19. Jahrhundert, Teil 1: Rußlands Judenfrage, Mythen und die russischen Pogrome, Teil 2: Erfindung von Greueltaten und Mythen und die russischen Pogrome, Teil 3 – Die jüdische Rolle erhellt, und wie es kam, daß die dafür verantwortlichen Leute in Großbritannien so einflußreich werden konnten, erläutert Willam Joyce in Historischer Hintergrund zum Zweiten Weltkrieg.] Er erschwerte indessen die Fahrt der Flotte um die Welt noch mehr, da sich viele neutrale Staaten weigerten, Hafenrechte für die immer wieder notwendige Bekohlung zu gewähren, und daß die Russen sich deshalb genötigt sahen, bei jeder der verbliebenen Gelegenheiten so viel Kohle zu bunkern wie gerade noch möglich, hatte in der Schlacht eine weitere fatale Konsequenz, wie wir noch sehen werden.

Roschdestwenskij verbrachte die langen Tage der Fahrt in seinem Lehnstuhl auf der Brücke seines Flaggschiffs Suvorov. Er achtete darauf, daß die Schiffe in Kiellinie blieben und genaue Abstände hielten. Die Zustände in den Maschinenräumen, den Geschütztürmen und den Zwischendecks kümmerten ihn wenig. Lief jedoch ein Schiff aus der Linie, verlor dieser hochgewachsene, ernste und imponierende Admiral jegliche Beherrschung. Der Seemann Novikov-Priboj, ein ausgebildeter Mannschaftsdienstgrad an Bord des Flaggschiffs, schrieb später:

„Er sprang wütend brüllend aus seinem Lehnstuhl. Manchmal warf er seine Mütze auf die Planken, woraufhin einer seiner Offiziere sie aufhob und ehrerbietig wie eine Reliquie in den Händen hielt. Wachoffiziere, Stab, Ausgucksgasten, Ordonnanzen und Matrosen betrachteten den Admiral voller Furcht. Nach einer gegen den Übeltäter gerichteten Salve von Flüchen pflegte der Befehl zu kommen: ‚Signalisieren Sie dem Idioten einen Verweis!’ oder ‚Signalisieren Sie diesem Irren, daß er nicht weiter so hinter uns herhinkt!’“

Innerhalb einer Minute flatterte dann das Signal, das der gesamten Flotte zeigte, daß ein bestimmtes Schiff einen Schnitzer gemacht hatte, und der Admiral beruhigte sich allmählich. Konteradmiräle und Kapitäne vermieden es sorgfältig, die Suvorov zu besuchen, es sei denn, der Dienst zwang sie dazu. Sie wußten, daß Roschdestwenskijs Benehmen und Laune nicht vorherzusagen waren und daß ein unvermeidbares Zusammentreffen ihnen vor allen Untergebenen eine Schimpfkanonade einbringen konnte. Für seine Offiziere gebrauchte er öffentlich teils lustige, teils beleidigende Spitznamen, die er selbst prägte. So nannte er Konteradmiral Felkersam, einen recht stattlichen Herrn, den „Dünger-Sack“, und Kapitän Ber, Befehlshaber der Ossljabja und ein bekannter Frauenheld, das „lüsterne Aas.“

Neben diesen Verletzungen der Marineetikette hielt Roschdestwenskij seine Unterbefehlshaber über seine Pläne zur Vernichtung des Gegners (wenn er solche überhaupt hatte) völlig im Unklaren. Er versammelte seine Offiziere weder zum Kriegsrat noch sprach er mit ihnen über ihre Sorgen und Schwierigkeiten und begab sich nur an Bord anderer Schiffe, um Verweise zu erteilen.

Während der achtmonatigen Reise führte die Flotte gelegentlich einfache Manöver durch. Zweimal fand ein Übungsschießen statt, und beide Male ging alles daneben. Munitionsaufzüge versagten, sodaß die Granaten von Hand in die Geschütztürme gefördert werden mußten; die Artilleristen konnten die hochmodernen englischen Entfernungsmesser und Fernrohraufsätze nicht bedienen, und bei einem gefährlichen Zwischenfall explodierte eine Granate nahe beim Kreuzer Dimitri Donskoj, eine weitere, ein Blindgänger, schlug durch dessen Brücke, glücklicherweise ohne jemanden zu verletzen.

So lief eine nicht vorbereitete und demoralisierte Flotte der Schlacht mit einem vorzüglich ausgebildeten Gegner, der bereit und zuversichtlich war und dessen Moral durch eine Reihe von Siegen unterstützt wurde, entgegen. Admiral Togo befehligte die japanische Flotte bereits seit acht Jahren, und zwischen ihm und seinen Offizieren bestand ein intimes Verständnis. Fünf seiner Vizeadmirale und sieben seiner Konteradmirale, die entweder Geschwader oder einzelne Schiffe befehligten oder als jüngere Flaggoffiziere dienten, waren alte Kameraden und seine Schüler, die unter seinem Befehl ihre maritime Ausbildung erhalten hatten.

Togos Karriere spiegelte die Wiedergeburt und den Aufstieg der japanischen Flotte wider. 1847 geboren, trat er 1863 zu Beginn des Modernisierungs- und Vergrößerungsprogramms in die Marine ein. England war seinerzeit die anerkannt führende Seemacht, und der damals schon herausragende Togo wurde zur Ausbildung auf HMS Worcester ausgewählt. Danach nahm er an einem Artilleriekurs auf HMS Victory teil und besuchte das Royal Naval College in Greenwich. Japan war Englands Verbündeter, an das es sich wegen der Ausbildung in Marinetechnik und Schiffsbau wandte und dem es Entwurf und Bau nahezu aller Kriegsschiffe anvertraute. Auch alle Schlachtschiffe in Togos Flotte und fünf der Kreuzer waren britischer Herkunft. Als Kommandant des Kreuzers Naniwa spielte Togo im Jahre 1894 eine führende Rolle bei den Seegefechten des Chinesisch-Japanischen Krieges und machte sich einen Namen als kämpferischer Kapitän und Mann von strenger Disziplin, der seine Männer hart herannahm, sie jedoch auch zum Siege führte.

Die japanische Flotte zog sich nach dem Fall Port Arthurs am 2. Januar 1905 in die Heimat zurück, um die Maschinen zu überholen, ausgeschossene Geschützrohre zu ersetzen, wirksamere Granaten zu übernehmen und intensive Ausbildung durchzuführen. Als Togo die Flotte im April 1904 zu ihrem Stützpunkt in Korea führte, war sie die stärkste Streitmacht, die Japan bis dahin in See gesandt hatte.

Währenddessen hatte die russische Flotte auf Madagaskar vom Fall Port Arthurs erfahren und ihre Fahrt nach Französisch-Indochina fortgesetzt, wo sie auf Verstärkungen traf, bevor sie zum verbliebenen russischen Pazifikhafen Wladiwostok weiterdampfte. Am 23. Mai stoppte Roschdestwenskij seine Schiffe in ruhiger See zur, wie er hoffte, letzten Kohlenübernahme vor dem Ziel. Während sich die schwarzen Kohlenstaubwolken über den Schiffen erhoben, starb Admiral Felkersam, der stellvertretende Oberbefehlshaber. Aus nicht bekannten Gründen hielt Roschdestwenskij diese Nachricht geheim. Konteradmiral Nebogatov, nach der Rangordnung nun Nachfolger Felkersams, ging ohne Kenntnis dieses Umstands in die Schlacht. Noch weniger wußte er, daß ein Granatsplitter, der Roschdestwenskij träfe, ihn zum Oberbefehlshaber der ganzen Flotte machen würde.

An dem kalten und düsteren Morgen des 25. Mai 1905 erhielten die Kohlendampfer den Befehl zum Abdrehen; sie sollten nach Schanghai gehen. „Jedermann war voll innerem Schmerz“, vermerkte der Matrose Novikov, „da man nur ein furchtbares Ende vor Augen hatte. Sogar das Wetter schien unheilverkündend. Die stählernen Trossen der Maste pfiffen im Wind. Die grauen Wolken, die den Himmel bedeckten, sanken tiefer und tiefer. Feiner Regen machte die Oberfläche der See unruhig. Der Horizont war dunstverhangen, und die Wellen schlugen gegen die Seiten der Panzerschiffe.“

Das russische Schlachtschiff „Borodino“ 1904 in Kronstadt (links) und Admiral Togos Flaggschiff „Mikasa“ (rechts)

Das russische Schlachtschiff „Borodino“ 1904 in Kronstadt (links) und Admiral Togos Flaggschiff „Mikasa“ (rechts)

Von den beiden Flotten, die sich demnächst in der größten Seeschlacht seit Trafalgar treffen sollten, war die russische mit fünf starken neuen und sieben alten Linienschiffen der japanischen mit ihren vier Linienschiffen und acht Panzerkreuzern offensichtlich überlegen. [„Linienschiff“ ist übrigens eine ältere, noch aus der Segelschiffszeit stammende Bezeichnung für Schlachtschiffe.] Alle vier japanischen Linienschiffe hatten die gleiche Geschwindigkeit und Hauptbewaffnung wie die Russen, deren Höchstgeschwindigkeit jedoch durch die in der Flotte mitlaufenden veralteten Linienschiffe auf ganze 11 Knoten gemindert wurde. Togo verfügte auch über ein Geschwader von Torpedobooten, die in der Schlacht eine entscheidende Rolle spielen sollten.

Die Nachricht vom Sichten des Gegners erhielt Admiral Togo am 27. Mai 1905 um 05:00 Uhr an Bord seines in der koreanischen Chinnae-Bucht liegenden Flaggschiffs Mikasa. Er lief sofort zusammen mit seinen Linienschiffen und Admiral Kamimuras Kreuzergeschwader aus. Um 06:30 Uhr hatten diese beiden aus Linienschiffen und Panzerkreuzern bestehenden Divisionen die Douglas-Bucht hinter sich gelassen und dampften durch die rauhe See des Japanischen Meeres westwärts, um den Gegner abzufangen. Vizeadmiral Dewas schnelle Division von zwölf Kreuzern jagte voraus, um zu dem Kreuzer Izumo aufzuschließen, der in Reichweite von Roschdestwenskijs 30,5-cm-Geschützen einen gefährlichen Parallelkurs lief und unablässig Meldungen über die feindliche Flotte funkte.

Der 27. Mai war der Jahrestag der Krönung des Zaren, und auf der ganzen russischen Flotte riefen die Signalhörner alle Mann zum Dankgottesdienst, eine makabre Sache angesichts des für so viele nahenden Todes. Die Flotte wechselte aus der Marschformation in die Schlachtordnung. Die 1. und 2. Division dampften voraus und drehten nach Backbord vor die 3. Division langsamer, veralteter Schiffe, während die Hilfsschiffe nach Steuerbord achteraus abfielen, auf beiden Seiten von Kreuzern gedeckt. Plötzlich feuerte Orel ohne Befehl einen einzelnen Schuß auf vier feindliche Kreuzer, die sie seit dem Morgen in fünf Meilen Entfernung auf Steuerbord beschatteten. Die ganze Flotte fiel in das Feuer ein. Um die Kreuzer erhoben sich Wassersäulen. Die Japaner drehten hastig in den Nebel ab, wobei sie das Feuer erwiderten, ohne daß es auf beiden Seiten Treffer gab.

Bis dahin wußte Roschdestwenskij, der keine Aufklärer ausgesandt hatte, wenig von der Position der gegnerischen Schlachtlinie, während Togo genaue Informationen hatte. Um 13:40 Uhr signalisierte Roschdestwenskij plötzlich seiner 1. und 2. Division, einander folgend 90° nach Steuerbord abzufallen und auf 11 Knoten zu gehen, offenbar in der Absicht, weitere an Steuerbord aufgetauchte Kreuzer abzuschrecken. Der Befehl wurde falsch verstanden, und ein heilloses Durcheinander folgte. Schließlich fanden sich Suvorov, Alexander III., Borodino und Orel allein in Kiellinie, dreieinhalb Meilen von der restlichen Flotte entfernt. Roschdestwenskij stand nun so, daß jede seiner Kolonnen das Schußfeld der anderen verdeckte. Er versuchte daher verzweifelt, wieder eine einzige Kiellinie voraus zu bilden. Suvorov und Alexander III. nahmen Station ein, ließen jedoch für Borodino und Orel zu geringen Manövrierraum, wodurch Ossljabja nahezu stoppen mußte, um eine Kollision zu vermeiden. Gerade in diesem Augenblick, als sich die schwarzen Rümpfe und hellen gelben Schornsteine der Russen scharf gegen den Dunst abhoben, tauchten die Japaner sieben bis acht Meilen steuerbords auf, eine lange Reihe olivgrauer Rümpfe, die mit der graugrünen See verschmolzen. Für Roschdestwenskij war dies eine denkbar verzweifelte Situation.

Tsushima Schlachtschema

Nun folgte das entscheidendste Manöver der ganzen Schlacht. Togo hatte erkannt, daß der Gegner Kurs auf Wladiwostok genommen hatte und daß er, um ihn von diesem Kurs abzubringen, den Angriff von Backbord, aus westlicher Richtung, beginnen mußte. Demzufolge führte er  seine Linie außerhalb der feindlichen Reichweite auf südwestlichem Kurs im rechten Winkel über den Bug des Gegners, um dann südwärts zu drehen. Nach Beendigung dieses Manövers, das ihn in Gefechtsentfernung brachte, signalisierte er seiner Flotte: „Alle Einheiten 16 Strich (180°) Backbord in Kiellinie!“ Dieses gewagte Manöver sollte seine Flotte innerhalb von 15 Minuten auf Parallelkurs und in gleiche Fahrtrichtung mit den Russen bringen.

Es war ein gewagtes Manöver, da es Roschdestwenskij die Gelegenheit bot, mit schnellem, gutgezieltem Feuer den Japanern vernichtende Schläge beizubringen, während sie jeweils auf der gleichen Stelle wie ihre Gegner wendeten und dabei das Schußfeld der eigenen Flotte verdeckten. Die Russen waren über diese Kühnheit erstaunt. Roschdestwenskij wartete, wie es schien, eine Ewigkeit, bis sowohl Mikasa als auch Shikishima ihre Kehrtwendungen beendet hatten. Dann feuerte Suvorov auf etwa 4 Meilen Entfernung, und die ganze Flotte, die noch immer nach ihren mißglückten Evolutionen durcheinander war, fiel in das Feuer ein. Die russischen Artilleristen waren nicht gut genug ausgebildet, um die schnellen und genauen Salven zu feuern, die die Situation verlangte. Sie erzielten einige Treffer, mehrere davon auf Mikasa, von denen einer die Brückenleiter wegriß und Togo eine leichte Fleischwunde am Bein beibrachte. Asuma erhielt drei Treffer achtern in Höhe der Wasserlinie, die sie aus dem Ruder laufen ließen und kurzzeitig aus der Kiellinie auszuscheren. Eine 25,4-cm-Granate von einem der feindlichen Küstenpanzerschiffe traf den Kommandoturm der Nisshin und verwundete Admiral Misu. Zwei weitere trafen die Asahi mittschiffs. „Granatsplitter flogen herum, und die Verwundeten lagen inmitten der Verwüstung“, vermerkte Kapitän Togo Kichitaro, „die Beplattung war zerrissen, blutige Hände und Füße sowie verstümmelte Körper lagen auf dem Deck. Ich ging an Steuerbord auf das Schutzdeck und stellte fest, daß der Schutzschild eines 7,6-cm-Geschützes durchschlagen war.“

Admiral Togo ließ für einige Minuten das Feuer nicht erwidern, während er den Abstand zwischen beiden Flotten allmählich verringerte und eines der Schiffe nach dem anderen die gefährliche U-Wendung vollzog. Gegen 13:55 Uhr eröffneten seine Kanoniere das Feuer, und als sie sich auf die richtige Entfernung eingeschossen hatten, hatte auch das letzte Schiff die Wendung beendet und seinen Platz in der Linie eingenommen. Ein Hagel von Granaten ergoß sich über die führenden Schiffe der 1. und 2. Division Roschdestwenskijs, und sogar dessen moderne Einheiten der Borodino-Klasse gerieten bald in Bedrängnis, weil sie durch zusätzliche Kohlevorräte so viel Tiefgang hatten, daß sich ihre dickste Panzerung überall unterhalb der Wasserlinie befand. Togo erhöhte die Geschwindigkeit und lief auf die Spitze der Russen zu, indem er das „Crossing the T“ durchführte und sie zum Abdrehen nach Steuerbord zwang, da sie andernfalls ihre Breitseiten nicht zum Tragen bringen konnten, denn selbst die an vierter Position laufende Orel konnte mit ihren Heckgeschützen nicht feuern.

Suvurov und Ossljabja, die Spitzenschiffe der 1. und 2. Division, auf die sich Togos Feuer konzentrierte, verwandelten sich in ein Inferno, das von Feuerstürmen und Granatsplittern, die die Leiber der an Deck und auf den Brücken stehenden Offiziere und Matrosen in Stücke rissen, durchrast wurde. „Die Granaten explodierten, sobald sie irgend etwas berührten – in dem Augenblick, wo sie auf das geringste Hindernis in ihrer Flugbahn trafen“, notierte Kapitän Semjonov auf der Suvorov. „Stahlplatten und Aufbauten des Oberdecks wurden in Stücke zerschlagen, und die Splitter forderten viele Opfer. Eiserne Leitern wurden krummgebogen und Geschützrohre buchstäblich aus ihren Lafetten geschleudert… Darüber hinaus war überall die ungewöhnlich hohe Temperatur und die Gasflamme der Explosionen, die sich über alles auszubreiten schienen.“

In dieser Hölle übermannte die Besatzung der Suvorov, die größtenteils ihre Feuertaufe empfing, eine Art von Betäubung. Einige starrten fassungslos in die überall emporzüngelnden Flammen, die abgesperrten Feuerlöschschläuche in den Händen. „Wacht auf – stellt das Wasser an!“ schrie Semjonov. Eine Granate zerschmetterte den vordersten Schornstein, der auf das Vordeck fiel, und Rauchwolken hüllten das Schiff ein. Eine 30,5-cm-Granate traf den Panzer des achteren Geschützturms mit mächtiger Detonation und blies ihn direkt über die Brücken auf das Vordeck. In der steifen Brise geriet das Feuer außer Kontrolle und unterband jegliche Verbindung längs des Oberdecks vom Bug zum Heck. Admiral Roschdestwenskij drängte sich mit Kapitän Ignatius, Flaggkapitän Clapier de Colongue und weiteren Offizieren und Ordonnanzen im engen Kommandoturm und beobachtete durch die Sehschlitze der Panzerung die Schlacht. Weißglühende Granatsplitter zischten durch die Sehschlitze und krachten in Entfernungsmesser, Chronometer, Telefone und Menschen. Roschdestwenskij barg sich mit seinem Stab unter der Panzerverkleidung. Eine weitere 30,5-cm-Granate explodierte nahe dem Einstieg. Drei Seeleute wurden getötet, Roschdestwenskij erlitt eine Kopfverletzung durch einen Splitter. Gleichzeitig traf eine Granate die Steuerung, und als die Suvorov aus der Linie schor, krachte eine dritte in den Kommandoturm. Kapitän Ignatius fiel mit tiefer Kopfwunde, Roschdestwenskij wurde durch eine Splitterverletzung im Fuß kampfunfähig gemacht, mehrere Offiziere und Mannschaften wurden durch die im Kommandoturm querschlagenden Granatsplitter niedergemäht. Alle Instrumente wurden zerstört und die Verbindung mit dem übrigen Schiff unterbrochen.

Der Untergang des russischen Linienschiffs „Borodino“ bei Tsushima in der Darstellung des Zeichners Mantania.

Der Untergang des russischen Linienschiffs „Borodino“ bei Tsushima in der Darstellung des Zeichners Mantania.

Um 14:30 Uhr war die Suvorov ein glühendes Wrack, ohne Fockmast und Schornsteine, jedoch mit Artilleristen, die die letzten noch kampfbereiten Geschütze bedienten. Die zerschlagene und brennende Alexander III. übernahm die Spitze der russischen Schlachtlinie und zog das Feuer auf sich. Salve auf Salve traf sie und die hinter ihr brennende Borodino. Die Ossljabja, das führende Schiff der 2. Division, diente nun dem Gegner als zusätzliches Ziel. Mehrere Granaten trafen sie backbords in der Wasserlinie und rissen ein riesiges Loch, durch das sich das Seewasser ergoß. In dem nun folgenden Granathagel wurde ihr Vordeck zerschmettert; gegen 15:00 Uhr stellte sie das Feuer ein, da ihre Geschütztürme zerstört und ihre Geschützbedienungen gefallen waren. Sechs der Kreuzer Admiral Kamimuras näherten sich nun durch den auf dem Wasser liegenden Rauch und beschossen sie unbarmherzig aus einer Entfernung von weniger als einer Meile, bis sie ausscherte und ganz plötzlich hart über den Bug sank, langsam zu kentern begann und schließlich versank.

Ihr von den Decks der übrigen Schiffe beobachteter Verlust wurde für die Besatzungen zum Symbol ihres nahenden Endes, vermehrte ihre Furcht und ließ sie ums bloße Überleben kämpfen. Der Versuch der zerschlagenen Alexander III. und der brennenden Borodino, die verbleibenden Schiffe nach Backbord und hinter dem letzten Schiff der feindlichen Linie vorbeizuführen und nach Wladiwostok zu entkommen, wurde schnell vereitelt. Die hilflos zwischen beiden Flotten treibende Suvorov, von den Japanern mit Unterbrechungen, aber auch irrtümlich von ihren Schwesterschiffen beschossen, feuerte von Zeit zu Zeit einen Schuß auf den Gegner. Der dreimal verwundete Roschdestwenskij und sein Stab wurden mit Schwierigkeiten auf den Zerstörer Buinij übergesetzt, der bereits mit 200 Matrosen der Ossljabja überladen war.

Zwischen 16:30 und 17:00 Uhr verloren Togos Kriegsschiffe die russische Schlachtlinie im dichten Rauch und Nebel aus der Sicht. Togo sichtete später die sechs überlebenden russischen Linienschiffe wieder, die langsam nordostwärts dampften, und erneuerte das Gefecht gegen 18:30 Uhr. Während er allmählich bis zur Spitze des Gegners auflief, hämmerte er mit jedem verfügbaren Geschütz auf ihn ein. Die mehrfach unter der Wasserlinie getroffene Alexander III. kenterte und ging bis auf vier Mann mit allen 800 Offizieren und Mannschaften an Bord unter. Nach 19:00 Uhr wurde die immer noch schwimmende Suvorov von japanischen Torpedobooten auf jeder Seite mit zwei Torpedos getroffen und verschwand in den Wellen.

Noch immer überlebte die Borodino an der Spitze der Kolonne, aber in der Abenddämmerung, gerade als das japanische Geschwader abschwenkte, traf sie eine letzte, gutgezielte 30,5-cm-Granate der Fuji. Der englische Marineattaché Kapitän Pakenham, der das Gefecht von exponierter Stelle auf der Schanz der Asahi beobachtete, vermerkte: „Sie schlug im oberen Teil nahe dem vorderen Flügelturm ein und explodierte, und eine ungeheure, auf der Unterseite durch das Leuchten der Explosion und das am Heck wütende Feuer gerötete Rauchsäule sprang bis zu ihren Schornsteintoppen auf.“ Die Borodino kenterte, wobei ihre Mittelartillerie immer noch feuerte, und ging innerhalb von Sekunden unter, und eine dichte Rauchwolke lag über dem Wasser.

Mit Beginn der Abenddämmerung näherten sich Togos Zerstörer und Torpedoboote, während seine Hauptstreitmacht allmählich aufhörte, den Gegner zu bedrängen, und sich bei Sonnenuntergang nach Osten zurückzog, um das Schlachtfeld für die Nachtangriffe der Torpedoboote freizumachen. Konteradmiral Nebogatov führte in dieser Nacht die russische Linie von Imperator Nicolai I. aus, gefolgt von den restlichen Linienschiffen, Küstenpanzerschiffen und dem Kreuzer Izumrud. Admiral Enquist, dessen Kreuzergeschwader dem Gegner ebenso viele Verluste beigebracht hatte, wie es selbst empfangen hatte, war in der Abenddämmerung mit seinem Flaggschiff Oleg nach Süden abgeschwenkt und lief nach dem 1500 Meilen entfernten Manila, wo er sich trotz des Protests eines Teils seiner Offiziere internieren ließ, statt dem Inferno der Schlacht zu trotzen.

Bei Einbruch der Nacht sah Novikov-Priboj auf der Orel, wie die gesamten feindlichen Torpedoboote, 58 Einheiten, in Angriffsposition liefen. Begierig, Togos Sieg zu vollenden, griffen die jungen Kommandanten der Zerstörer und Torpedoboote mit derart wilder Zähigkeit und auf so kurze Entfernung an, daß die russischen Kanoniere ihre Geschützrohre nicht tief genug senken konnten, um auf sie zu zielen. Torpedos zerrissen die Navarin, die mit nahezu der gesamten Besatzung unterging. Sisoj Velikij und die unter der Wasserlinie getroffene Admiral Nachimov konnten in der Dunkelheit südwärts zur Insel Tsushima entkommen, wo die Mannschaften die Seeventile öffneten und in Booten und Flößen an Land gingen.

Im Morgengrauen des 28. Mai wartete Togos Schlachtgeschwader an einem gut ausgewählten Punkt süwestlich der Insel Matsushima, während seine Kreuzer etwa 150 Meilen südwestlich der Okishima-Inseln standen. Zusammen bildeten sie ein Netz, aus dem die überlebenden russischen Schiffe nur schwer entkommen konnten. Diese kamen kurz nach der Morgendämmerung in Sicht, und als die ersten japanischen Granaten auf die Decks der Imperator Nicolai I. krachten, ohne daß diese eine Chance hatte, das Feuer zu erwidern, entschloß sich Konteradmiral Nebogatov, das Handtuch zu werfen. Im Kriegsrat hatte er mit seinen Offizieren Übereinstimmung erzielt, daß weiterer Widerstand unter diesen Umständen ganz einfach den Tod der meisten unter seinem Befehl stehenden 3000 Männer bedeutete. So hißte er die japanischen Farben und das internationale Kapitulationssignal; Togo ordnete die Feuereinstellung an und entsandte Offiziere und Mannschaften zur Übernahme der Prisen.

Nachdem vereinzelte russische Kreuzer und Zerstörer sich der Kapitulation zu entziehen versucht hatten und versenkt worden waren (mit Ausnahme der Izumrud, die entkam und später in sibirischen Gewässern scheiterte), war die Schlacht von Tsushima am Nachmittag des 28. Mai 1905 vorbei. Togo hatte den gegnerischen Admiral gefangen und seine Flotte vernichtet. Von 38 Schiffen hatte er nicht weniger als 22 versenkt, sechs waren erobert, sechs waren entweder in Manila oder Schanghai interniert, das Schicksal eines Schiffes war unbekannt, eines war nach Eroberung wieder freigelassen worden und zwei Versorger waren entkommen.

Der Sieg hatte die Japaner lediglich 117 Tote, weniger als 1000 Verwundete und kein einziges Schiff gekostet, im Vergleich zu 4830 toten und 10.000 verwundeten und gefangenen Russen. Es war dies das erste Mal seit etwa einem halben Jahrtausend – seit dem Niedergang der osmanischen Seemacht im Mittelmeer – daß eine weiße Nation von einer nichtweißen zur See besiegt wurde, und das erste Mal seit den Punischen Kriegen der Antike, daß dieser nichtweiße Sieger eine nichtislamische Macht war. Dieser welthistorische Aspekt wurde in einem bemerkenswerten Artikel gewürdigt, der am 30. Mai 1905 in der deutschen „National-Zeitung“ erschien:

National-Zeitung 30-05-1905

Die Katastrophe in der Koreastraße                          Berlin, Dienstag, 30. Mai 1905

Gewaltiges hat sich zugetragen, weltgeschichtliche Ereignisse haben uns in diesen Stunden zu Zeugen geladen. In dem gigantischen Ringen der weißen mit der gelben Rasse, in dem Kampfe, dessen Ausgang über die Weiterentwicklung weltwirtschaftlicher und weltpolitischer Probleme allerersten Ranges entscheiden muß, sind die Würfel gegen uns gefallen. Gegen uns, d. h. gegen unsere Rasse und den kühnen Flug ihrer meerumspannenden Wünsche. In diesem Rahmen gilt es das furchtbare Bild zu schauen, welches in diesem Augenblicke noch die Koreastraße bieten mag, das Bild jener treibenden Wracks, mit denen schließlich nicht nur das Prestige Rußlands, sondern das Ansehen des weißen Mannes bei dem gelben überhaupt, in seinen wichtigsten Bestandteilen begraben werden wird auf dem Grunde des ostchinesischen Meeres.

Mochte im Wechsel des Kriegsschicksales Rußland im fernen Osten manche ernste Lehre empfangen, mochte allzukühnen Träumen seiner Staatsmänner manche Ernüchterung folgen, mochten die Japaner sich in Korea ein reiches Kolonialgebiet sichern und in der Mandschurei Millionen gebieten dürfen, auf die das Zarenreich Verzicht leisten mußte, das brauchte uns nicht allzu tief zu berühren, und der und jener erwog wohl sogar, daß uns Deutschen ein kleiner Aderlaß des riesigen Nachbarn ebenso willkommen sein dürfe, wie so vielen Tausenden einsichtiger russischer Patrioten, welche ihrer Bureaukratie das Menetekel und ihrem Vaterland freie Bahn zu den unerläßlichen Reformen gönnten. Dies Debacle aber muß alle, die an eine große weltwirtschaftliche und Kulturmission der weißen Rasse glauben, mit schwerer Sorge erfüllen. Für einen Augenblick fallen alle Grenzpfähle, alle Nationalitätsunterschiede, und riesengroß erhebt sich aus den Trümmern der russischen Armada der einigende Glaube an die eigene Rasse, die einigende Trauer um ihre Niederlage.

Roschdestwensky war sich der ungeheuren Verantwortung wohl bewußt, die auf seinen Schultern ruhte. Klug und umsichtig hatte er seinen Plan aufgebaut, voll eiserner Energie ihn durchgeführt – so weit, daß man schon glaubte, ein Teilerfolg zumindest könne ihm nicht mehr versagt bleiben. Eine Kette von Überraschungen, zum Teil nicht gerade erfreulicher Art, hatte er den Neutralen bereitet von dem Augenblick an, wo er Kronstadt verließ, bis zu dem Moment, wo er der indochinesischen Küste endgültig Valet sagte, um sein Schicksal zu erfüllen. Zug um Zug schien uns diese Weltumsegelung von verblüffender Kühnheit, von fast unerhörter Selbstsicherheit zu zeugen, die nur aus starkem innerem Kraftgefühl erwachsen sein konnte, da wurde dem allem in wenigen Stunden ein gewaltsam Ziel gesetzt, und, fast wie mit finsteren Mächten im Bunde, muß uns der japanische Führer erscheinen, der die Barriere angelegt, welche mit der automatischen Präzision einer Maschine funktioniert zu haben scheint. Noch wissen wir nichts über die Einzelheiten dieser Seeschlacht, aus denen die ganze waffenklirrende und nach Seegeltung ringende Welt die wichtigsten Lehren entnehmen dürfte. Wir kennen nur das furchtbare Ende dieses sinfonischen Dramas, das mit dem Knalleffekt an der Doggerbank unsere Aufmerksamkeit zuerst erzwang, dann wie im Kaleidoskop die Bilder einer im schweren Panzer bewerkstelligten Afrikaumsegelung uns schauen ließ, in mählichem Crescendo uns zur Malakkastraße führte und endlich in vollen wilden Akkorden dem Höhepunkt zuzustürzen schien, als sich Schiff um Schiff von der indochinesischen Küste losrang mit der Devise: „Gen Wladiwostok!“ Schon glaubten wir leise das Schlußmotiv einer Jubelhymne durchklingen zu hören, da kam dies jähe Ende, diese trostlose Vernichtung.

Was gerettet ist von der russischen Armada, dürfte schwerlich dem Gegner noch große Sorge einflößen können. Allgemein herrscht der Eindruck vor, daß Rußland jetzt den Frieden suchen muß. Es hat keine Trumpfkarte mehr im Spiel, es hat die Partie unzweifelhaft verloren. Europa kann nur noch wünschen und vielleicht auch anstreben, daß die Friedensbedingungen kein allzu unumwundenes Geständnis dieser völligen, durch nichts zu beschönigenden Niederlage, dieses absoluten Versagens von Land- und Seewehr der gefürchteten weißen Macht sein, daß das Gleichgewicht in Asien nicht auf lange Sicht in Frage gestellt werden möge. Sonst könnte der japanische Sieg in der Koreastraße leicht sehr ernste Perspektiven eröffnen nicht nur für den Machtdurst, sondern auch für den Markthunger aller weißen Großmächte.

Daß sich ein gewaltiger Siegesjubel erheben wird im ganzen gelben Asien, muß mehr als begreiflich erscheinen; nur die Einigkeit der weißen Rasse aber, das Hintansetzen aller Sonderinteressen kann verhüten, daß aus dem Siegesjubel ein gefährlicher Siegestaumel werde, der von Tokio bis zur Dsungarei, vom Baikal bis zum bengalischen Meer lawinenartig anschwellend von der ganzen gelben Rasse Besitz ergreift und von wilden Einzelausbrüchen allmählich zu einer gewaltigen Erhebung hinüberleitet. Die Japaner werden bei dem Sieg über Rußland sicher nicht Halt machen. Zunächst allerdings werden sie sich noch jahrzehntelang vielleicht mit wirtschaftlichen Eroberungen zufrieden geben müssen, daneben werden sie den Osten auch politisch und militärisch unter ihren Fahnen zu organisieren vermögen, als die Vormacht der gelben Welt, zu der sie erst der Sieg über Roschdestwensky machen konnte. So hebt mit diesem Sieg vielleicht ein neues Kapitel der Weltgeschichte an, ernst und dräuend für die weiße Welt. Möge er sie gewappnet finden zur Wahrung ihrer wichtigsten materiellen, kulturellen und Rasseninteressen.

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Tokio, 29. Mai, 3 Uhr nachmittags. (Meldung des Reuterschen Bureaus.) Admiral Nebogatow und 3000 russische Seeleute befinden sich in japanischer Gefangenschaft. Admiral Roschdestwensky scheint entkommen zu sein. Die Schlacht begann am Sonnabend vormittag. Die Verfolgung dauert noch an.

Washington, 29. Mai. Nach einer Depesche des amerikanischen Gesandten in Tokio hat Admiral Togo gemeldet, daß alle großen japanischen Schiffe, die an dem Kampfe in der Tsuschimastraße beteiligt waren, unbeschädigt geblieben sind.

Tokio, 29. Mai nachm. 2 ½ Uhr (Meldung des Reuterschen Bureaus.) In der Schlacht mit der japanischen Flotte sind folgende russische Schiffe gesunken: Die Panzerschiffe „Borodino“ und „Imperator Alexander III.“, die Panzerkreuzer „Admiral Nachimov“, „Dimitri-Donskoi“ und „Wladimir Monomach“, das Küstenpanzerschiff „Admiral Uschakow“, die geschützten Kreuzer „Swjetlana“ und „Schemtschug“, die Transportschiffe „Kamtschatka“ und „Jeteffim“. Die Panzerschiffe „Orel“ und „Nikolaus II.“, die Küstenpanzerschiffe „Admiral Senjavin“ und „General-Admiral Apraxin“ sind von den Japanern genommen worden. Im ganzen sind zehn Schiffe gesunken und vier genommen worden.

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Dieser Zeitungsartikel nahm Gedanken vorweg, wie sie der Ozeanflieger Charles Lindbergh 34 Jahre später am Vorabend des Zweiten Weltkrieges in seinem Readers-Digest-Artikel Luftfahrt, Geographie und Rasse äußern sollte.

Siehe auch Die gelbe Gefahr von Jack London.

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