Star Trek und die multirassische Zukunft

StarTrek1

Von Jonathan Pyle, übersetzt von Deep Roots

Das Original Star Trek and the Multi-Racial Future erschien am 30. Mai 2009 im Occidental Observer

 

Der neue “Star Trek”-Film, der unter der Regie von J.J. Abrams entstand, wirft interessante Fragen über die Zukunft des Multikulturalismus auf. Der Film übermittelt zwei starke Botschaften:

1) Diversität ist normal:

Wie in der ursprünglichen Fernsehserie sind die Charaktere eine Menagerie unterschiedlicher Rassen und Kulturen: Kirk, ein weißer Mann aus dem ländlichen Iowa; Scotty, ein Schotte mit starkem schottischen Akzent; Chekov, ein Russe mit starkem russischen Akzent; Sulu, ein Asiate; Uhura, eine Afroamerikanerin, und Spock, ein superschlauer grünblütiger Vulkanier. Die Macher von Star Trek nehmen an, daß die Menschen im Jahr 2248 (239 Jahre in der Zukunft) immer noch ausgeprägte rassische, kulturelle und linguistische Merkmale aufweisen werden. Nichtweiße werden als nicht weniger kompetent dargestellt als Weiße und als nicht weniger wahrscheinlich in Autoritätspositionen, und verschiedenartiges Personal auf Raumschiffen als höchst funktionell.

2) Interrassische Beziehungen sind normal:

All die sexuellen / romantischen Beziehungen, die im Film dargestellt warden, sind interrassisch außer einer (Kirks Vater und Mutter). Kirk fühlt sich anscheinend nur zu Nichtweißen und Nichtmenschen sexuell hingezogen. Interrassische Beziehungen werden nicht nur als alltäglich dargestellt, sondern auch als fraglos richtig. Spock, der einen vulkanischen Vater und eine menschliche Mutter hat, reagiert auf nichts emotionell außer auf Kritik an seiner gemischten Abstammung. In einem rührenden Moment des Films lehrt Spocks Vater ihn, daß die Partnerwahl mehr auf “Liebe” beruhen sollte als auf “Logik” – oder genetischer Ähnlichkeit, können wir annehmen. Spock selber hat in dem Film eine schwarze romantische Partnerin.

Die multirassische Welt von Star Trek

Ich frage mich, wie viele Zuschauer die Unvereinbarkeit dieser zwei Botschaften wahrnehmen. Die fiktive Welt von Star Trek spielt zehn Generationen in der Zukunft. Es ist eine Welt, in der die Technologie geographische Barrieren eliminiert hat, in der Menschen in gut funktionierenden, verschiedenartigen Umgebungen leben und arbeiten, in der interrassische Beziehungen normal sind und in der jegliche gesellschaftlichen Kontrollen gegen Exogamie als moralisch falsch betrachtet werden. In solch einer Welt hätten die Rassen und Kulturen reichlich Zeit gehabt, sich zu vermischen.

Die Macher von Star Trek suggerieren im wesentlichen, daß die Rassen und Kulturen der heutigen Welt nicht nur die Diversität feiern sollten, sondern auch in sehr hohem Ausmaß Exogamie praktizieren sollten – zumindest vermutlich in dem Ausmaß, in dem Gruppen von Weißen Exogamie mit anderen weißen Gruppen in den Vereinigten Staaten betrieben haben.

Bei der Betrachtung dieser Suggestion stelle man sich vor, ein kolonialer amerikanischer Stückeschreiber hätte im Jahr 1770 (239 Jahre in der Vergangenheit) vorausgesagt, daß die Nachkommen der verschiedenen Gruppen schwedischer, deutscher und englischer Weißer, die damals in Amerika lebten, im Jahr 2009 immer noch drei separate Gruppen mit erhaltenen genetischen und linguistischen Merkmalen verkörpern würden. Mit dem Vorteil der nachträglichen Einsicht würden wir diesen Stückeschreiber für einen Narren halten.

Was sollten wir also von Alex Kurtzman und Roberto Orci halten, den Autoren des neuen Star-Trek-Films, und von J.J. Abrams, dem Regisseur?

Ist es nicht offensichtlich, daß man langfristig nur Diversität oder ungezügelte Exogamie haben kann, aber nicht beides? Wenn man genetische und kulturelle Verschiedenheit will, wird man gesellschaftliche Kontrollen gegen Exogamie tolerieren müssen, und die Einstellung “gute Zäune machen gute Nachbarn” hinsichtlich kultureller Interaktion. Wenn man alle Barrieren gegenüber der Exogamie entfernen will, sollte man andererseits eine genetisch vermischte Gesellschaft von Menschen erwarten, die ihre historischen Wurzeln ohne ausführliche genealogische Recherchen nicht kennen.

Ich denke jetzt, daß das offensichtlich ist, aber es war für mich vor nur ein paar Jahren nicht offensichtlich, bevor ich began, Publikationen wie The Occidental Observer zu lesen.  Ich erinnere mich, daß ich eine Befragung eines Irakers hörte, der von US-Truppen während des Irakkriegs gefangengenommen worden war.  Er sagte (von mir frei formuliert): „Ich habe eine Botschaft an das amerikanische Volk: Die Iraker interagieren gerne mit Amerikanern in diplomatischem Umfeld, im Handel, bei akademischen und wissenschaftlichen Konferenzen und dergleichen. Aber ich möchte eines klarstellen: Ihr könnt niemals unsere Frauen haben!“

Zu der Zeit dachte ich, daß er vielleicht scherzen würde, oder falls nicht, daß er dann wahrscheinlich ein intoleranter religiöser Fundamentalist wäre, der die Vorteile der Diversität nicht kennengelernt hatte und daher Amerika hasste und sich an rückständige Ansichten bezüglich Frauen klammerte.  Wenn „seine“ Frauen nach Amerika ziehen und Amerikaner heiraten wollten, dachte ich, sollte man sie nach ihrem Glück streben lassen.

Jetzt jedoch denke ich, daß die Einstellung dieses Mannes (oder die geschlechtsneutrale Essenz davon) vielleicht die einzige Hoffnung sein könnte, die die Erde hat, um die Verschiedenartigkeit ins dreiundzwanzigste Jahrhundert hinein zu bewahren. Es ist eine reservierte Position, gewiß, aber keine “hasserfüllte”.  Sie läßt interkulturelle Freundschaften zu, nur eben keine Rassenmischung.  Und während diese Einstellung nicht so “positiv” und konfliktfrei erscheinen mag wie die barrierefreie Haltung, wie sie im Star-Trek-Film veranschaulicht wird, ist es nicht besser, kurzfristig verletzte Gefühle zu riskieren im Austausch für den Schutz gegen kulturellen Verlust auf lange Sicht?

Natürlich würde jeder Versuch, soziale Kontrollen gegen Exogamie wieder zu legitimieren, Jahrzehnte der Bemühungen zur Pathologisierung dieser Kontrollen untergraben, besonders jener, die von Weißen praktiziert wurden. Vielleicht ist es interessant, daß die Ethnien der Schöpfer des Films — Abrams und Kurtzman sind Juden, während Orci ein Latino ist — Volksgruppen sind, die vom integrationistischen Zeitgeist relativ isoliert sind. Es gibt zum Beispiel keine breite Kritik an Rahm Emmanuels Entscheidung, sich während des Krieges am Persischen Golf auf einer Basis der israelischen Streitkräfte als Freiwilliger zu melden, oder an Sonia Sotomayors Entscheidung, La Raza beizutreten. Währenddessen wird Louis Farrakhan als gefährlich betrachtet, alle Formen expliziten weißen Kolletivismus’ werden als böse betrachtet, und Barack Obamas gemischte Abstammung wird gefeiert.

Falls die beiden Botschaften des Star-Trek-Films die amerikanische Kultur über die nächsten zehn Generationen dominieren, dann werden wohl die einzigen unterscheidbaren Gruppen, die dann noch übrig sind, jene sein, welche die Kultur kontrollieren können, um sich von der universalen moralischen Norm der Rassenmischung auszunehmen und unter ihren eigenen Gruppenmitgliedern weiterhin soziale Kontrollen gegen Exogamie beizubehalten. Natürlich werden Weiße, da sie als die historisch “dominante” Gruppe betrachtet werden, gegen die andere Gruppen sich definieren, am wenigsten in der Lage sein, solche Ausnahmeregelungen zu erhalten, und daher am wenigsten wahrscheinlich noch da sein, um das Raumschiff Enterprise zu kommandieren.

Tobias Richter careful where you step

Jonathan Pyle (email) ist ein Anwalt in Philadelphia.

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Ein Kommentar

  1. Deep Roots

     /  Oktober 13, 2016

    Um die Zeit, wo ich den obigen Artikel für „As der Schwerter“ übersetzt hatte, habe ich nach langer Zeit wieder einmal den SF-Roman „Nach all den Jahrmilliarden“ (Across a Billion Years, 1969, deutsch 1982) des jüdischen Autors Robert Silverberg gelesen, der mir seinerzeit recht gut gefallen hat. Rein als SF-Geschichte gefällt er mir immer noch, aber aus meiner heutigen Sicht fallen mir doch etliche Dinge negativ auf, und da sie zu dem passen, was Jonathan Pyle im obigen Artikel schreibt, ist hier der passende Ort, um darüber zu berichten (Warnung: Dies wird ein sehr l a n g e r Kommentar [alte AdS-Hasen werden wissen, daß es eine angepaßte Neuauflage meines damaligen Einleitungskommentars im AdS-Originalstrang ist]).

    Der Roman spielt im Jahr 2375, und der Ich-Erzähler ist ein junger Archäologe namens Tom Rice, der an einer Raumexpedition zum Planeten Higby V teilnimmt, wo die Überbleibsel einer Superzivilisation (der sogenannten „Erhabenen”) erforscht werden sollen, die vor etwa einer Milliarde Jahre die Galaxis beherrschte.
    Tom Rice erzählt die Geschichte in Form von „Hörbriefen” die er für seine Schwester aufnimmt, und gleich am Anfang äußert er sich über das archäologische Team, mit dem er unterwegs ist:

    „Wie du vielleicht vermutest, sind wir eine rassisch gemischte Mannschaft. Die Liberalen mußten ihre Willen durchsetzen. Und somit ist uns das Quotierungssystem auferlegt worden: Unsere Gruppe umfaßt sechs Terraner, einschließlich eines Androiden, und fünf ausgewählte Repräsentanten von fünf anderen intelligenten Spezies der Galaxis. Nun, du weißt, ich bin nicht voreingenommen. Mir ist es gleich, wie viele Augen, Tentakel, Eßöffnungen oder Fühler irgendein Lebewesen zufälligerweise ein eigen nennt – solange es seine Arbeit versteht. Es paßt mir nur nicht, jemanden dabeizuhaben, der fachlich unterqualifiziert ist und nur der rassischen Ausgewogenheit willen einer Expedition zugeteilt wird.”

    Hier holt Silverberg seine Leser „dort ab, wo sie stehen”, in dem er seinen Protagonisten dieselben Vorbehalte gegen „Affirmative Action” äußern läßt, die diese wohl auch hegen (wohlgemerkt, der Roman wurde 1969 verfaßt!). Tom Rice motzt zunächst über die Androidin Kelly Wachmann, einen im Bottich gezüchteten Kunstmenschen, von der er unter anderem sagt:

    „Kern der Sache ist, daß sich Kelly Wachmann an Bord dieses Schiffes befindet, weil sie einer unterdrückten Minderheit angehört, und nicht deswegen, weil sie ein hervorragender Operateur von Unterdruck-Bohrköpfen ist.”

    Die nichtmenschlichen Teammitglieder kommen bei ihm teilweise besser weg; zwei davon seien hier beispielhaft genannt:

    – Mirrik von Dinamon IX, der in Gestalt und Größe einem Nashorn ähnelt, nur daß er außer den vier Beinen auch zwei Arme hat sowie Stoßzähne im Unterkiefer und eine blaue Haut;

    – Dr. Horkkk vom Planeten Thhh, einer der drei Chefs, der einem Menschen nur bis zur Hüfte reicht, vier Arme, vier Beine, drei Augen und zwei Münder hat (einen zum Essen, einen zum Sprechen).

    Über eine menschliche Frau im Team sagt unser Held zunächst:

    „Der dritte Lehrling ist auch keine Leuchte. Es ist eine Blondine namens Jan Mortenson mit einem B.S. der Stockholmer Universität. Sie hat eine reizende Figur und eine Menge großer weißer Zähne. Sie scheint recht nett zu sein, aber nicht sonderlich gescheit. Ihr Vater ist irgendein hohes Tier in Zentralgalaxis, und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sie dieser Expedition zugeteilt wurde.”

    Zu Professor Leroy Chang merkt er an:

    „Leroy behauptet, Chinese zu sein, aber seine Gene sind genauso gemischt wie die aller anderen Menschen der Erde, und er sieht nicht chinesischer aus als ich. Er hat rotes Haar, eine Art kastanienbraune Haut und eine tiefe Stimme.”

    Antidiskriminierungs- und Diversitykram samt Kritik an den menschlichen (lies: westlichen) Gesellschaftsnormen kommt über den ganzen Roman hinweg verteilt vor; als Beispiel dafür zitiere ich hier ein „kompliziertes moralisches Problem“ das sich ergibt, nachdem die Expedition auf Higby V gelandet ist und ihre Unterkünfte aufgestellt hat:

    „Das Problem ging auf die Tatsache zurück, daß sich im Inneren der Aufblashütten keine Trennwände befanden und folglich auch keine Privatsphäre existierte. Unter uns befanden sich zwei unverheiratete Erdenmenschen weiblichen Geschlechts, und entsprechend dem albernen sozialen Tabu wäre es unmoralisch und ungebührlich, Jan und Kelly bei den Männern schlafen zu lassen. (Der Umstand, daß Kelly überhaupt keinen Wert auf eine Privatsphäre legte, ist unbedeutend, da Androiden die Gleichbehandlung gegenüber menschlichen Wesen aus Fleisch und Blut beanspruchen, einschließlich des Rechts, unsere Neurosen zu teilen. Kelly besitzt den uneingeschränkten Status einer vollwertigen, menschlichen Frau, und sie anders zu behandeln, hieße, sich der Rassendiskriminierung schuldig zu machen, nicht wahr?)
    Die Lösung, die Dr. Schein vorschlug, sah folgendermaßen aus: Alle Männer – er selbst, Leroy Chang, Saul Shahmoon und ich – sollten in einer Aufblashütte unterkommen und Jan und Kelly in der anderen. In Ordnung, das wurde den elementaren Anstandsformen gerecht,
    aber
    Jan und Kelly würden dadurch bei den Aliens schlafen müssen, und einige von ihnen waren männliche Vertreter ihrer Spezies […]. Ich vermute, die verkalkten Moralapostel auf der Erde gerieten ganz aus der Fassung bei der Vorstellung, Jan und Kelly zögen sich vor den Augen irgendwelcher Männer an und aus – selbst wenn es sich dabei um Aliens handelte. (Jedenfalls würden sie sich wahrscheinlich über Jan aufregen; über die Lebensumstände von Androiden scheinen sich diese bornierten Typen keine Gedanken zu machen.) Das war es jedoch nicht, was Dr. Schein Sorgen machte. Er wußte, daß Kelly keine moralischen Blockaden besitzt. Und daß Jan, während sie die üblichen Tabus in Hinsicht auf die vier menschlichen Männer beachtet, überhaupt nicht damit rechnet, daß Pilazinool oder Dr. Horkkk oder Mirrik vielleicht eine Bedrohung ihrer Tugend darstellten. Statt dessen machte er sich Sorgen darüber, die Aliens könnten sich beleidigt fühlen. Wenn Jan die Bekleidungstabus zwar uns, aber nicht ihnen gegenüber beachtete, konnte dies dann nicht so ausgelegt werden, als bedeutete es, sie betrachtete sie als minderwertige Lebensformen? Sollte sich ein Mädchen nicht allen intelligenten Lebensformen gegenüber sittsam verhalten – oder niemandem? Wo ist in diesem Fall die Gleichheit der galaktischen Rassen, von der man so viel spricht?“

    Erst nachdem die menschlichen Teammitglieder das Problem Dr. Horkkk vortragen, worauf dieser vor Erheiterung seine Arme verknotet und erklärt, daß sich keiner der Nichtmenschen beleidigt fühlen werde, wenn die jungen Damen ihnen gegenüber nicht die angemessene Zurückhaltung zukommen ließen, sehen sie sich von ihren Gewissensnöten entbunden. Tom Rice:

    „Und damit war das Problem gelöst. Zu was für einem Haufen von Verrückten wir Terraner doch bei solch überkommenen Schwachsinnigkeiten werden können!“

    Muß ich noch dazusagen, daß auch das Behindertenthema eine wiederkehrende Rolle hat in Gestalt von Toms Schwester, die zwar Telepathin ist, aber aufgrund eines auch im vierundzwanzigsten Jahrhundert nicht heilbaren Rückenmarkleidens nicht gehen kann und daher ihr ganzes Leben im Bett verbringen muß, ohne Aussicht auf ein normales Leben, Romanzen und dergleichen, was unseren Helden in ständige Gewissensnöte und Mitleidsanwandlungen und Scham wegen des Mitleids stürzt?

    Nun überrascht es uns auch nicht mehr, daß unser Tom nach und nach zu der Ansicht kommt, daß seine außerirdischen Teamkameraden entgegen seiner ursprünglichen Vorbehalte doch ganz in Ordnung sind, und als er der blonden Jan Mortenson näherkommt, entdeckt er an ihr Dinge, die er seiner Schwester wie folgt schildert:

    „Weißt du, warum ich jetzt interessierter an Jan bin, als ich es zu Beginn dieser Expedition war?
    Nein, du Neunmalkluge,
    nicht deswegen, weil ich nach all diesen Wochen in arge Bedrängnis gerate. Sondern deshalb, weil sie mir letzte Woche erzählt hat, daß sie zum Teil nichtmenschlich ist. Ihre Großmutter war Brolagonianerin. Irgendwie macht sie das ungewöhnlicher. Und begehrenswerter, als wenn sie nur eine gewöhnliche Schwedin wäre. Ein wenig Exotik hat mich schon immer fasziniert.
    Brolagonianer sind humanoide Aliens, wie du weißt. Sie haben eine glänzende graue Haut und mehr Zehen und Zähne als wir. Sie sind eine von rund sechs oder sieben Fremdrassen in der Galaxis, die sich aufgrund einer fast genau parallel verlaufenden Evolution erfolgreich mit dem Homo sapiens kreuzen können. Um eine erfolgreiche Vermehrung möglich zu machen, sind zahlreiche DNA-Manipulationen und andere Gentechniken erforderlich, aber es kann bewerkstelligt werden, und es ist bewerkstelligt worden, trotz der Agitation der Liga für Rassenreinheit und anderer reaktionärer Gruppen.“

    Jan hat dunkle Augen, statt der blauen, die dem blonden Haar entsprächen, weiters sechs Zehen an jedem Fuß sowie vierzig Zähne. Ihre inneren Organe sind auch ein wenig verschieden; so hat sie zum Beispiel keinen Dickdarm. Dafür besitzt sie das brolagonianische Muttermal, das genetisch dominant ist und bei allen Brolagonianern auftritt, auch bei Mischlingen; eine Art geometrisches Muster, das auf den Welten der Brolagonianer so gut wie ein brolagonianischer Paß ist. Tom zeigt sie es aber nicht, weil es sich „an einer peinlichen Stelle“ befindet.

    Dieser schließt seinen Bericht mit den Worten:

    „Also konnte ich ihr Muttermal nicht sehen. Aber es macht mich froh zu wissen, daß sie eins hat. Vielleicht hältst du mich für extravagant, aber ich bin sehr angetan von der Neuigkeit, daß Jan nicht ganz menschlich ist. Es erscheint mir so langweilig, sich nur auf die Mädchen der eigenen Spezies zu beschränken.“

    Als sich die Notwendigkeit ergibt, Daten über eine wichtige Entdeckung zu einem Forschungszentrum auf dem Erdmond zu übertragen (per Telepathie, welche die einzige Art interstellarer Kommunikation darstellt), macht Tom Bekanntschaft mit einem der auf Higby V stationierten Telepathen, einem Israeli namens Nachman Ben-Dov, den er wir folgt beschreibt:

    „Ben-Dov ist ein eigenartiger Mensch: etwa fünfzig Jahre alt, ergrauendes Haar, dickbäuchig, ein Gesicht, das dauernd rasiert werden müßte. Und er hat überhaupt nicht diesen Eroberer-der-Wüste-Ausdruck, den die meisten Israelis hervorzubringen versuchen. Hinter seinem schlampigen Äußeren aber ist er eisenhart. Wir unterhielten uns ein wenig. Er sagte mir, daß er bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr Israel nie verlassen habe, dafür aber weit im Landesinneren herumgekommen sei. Er ist in Kairo aufgewachsen, hat in Tel-Aviv und Damaskus studiert und auch Amman, Jerusalem, Haifa, Alexandria, Bagdad und all die anderen bedeutenden israelischen Städte besucht. Dann verspürte er das Verlangen, auf Reisen zu gehen, und er verpflichtete sich zum TP-Dienst für den Ben-Gurion-Kibbutz auf dem Mars. […] Mirrik, der sich sehr für Religionen interessiert, wurde ganz aufgeregt, als er herausfand, daß Ben-Dov Israeli ist. ‚Erzählen Sie mir etwas über die ethischen Werte des Judentums!’ dröhnte der gewaltige Dinamonianer ungeduldig. ‚Ich selbst bin Paradoxist; ich habe viele der irdischen Glaubensbekenntnisse studiert, aber einem richtigen Juden bin ich noch nie begegnet. Die Lehren von Moses über…’
    ‚Es tut mir leid’, sagte Nachman Ben-Dov sanft. ‚Ich bin kein Jude.’
    ‚Aber Israeli, nicht wahr? Ist das nicht die jüdische Nation der Erde?’
    ‚Es gibt eine ganze Menge Juden in Israel,’ sagte Ben-Dov. ‚Meine Religion aber ist der Authentische Buddhismus. Vielleicht haben Sie von meinem Vater gehört, dem Führer der Israelischen Buddhisten-Gemeinde: Mordecai Ben-Dov?’ […] Das ist das Problem mit der Ausbreitung einer globalen Kommunikation: Stammesgefüge fallen auseinander. Plötzlich hat man Authentische Buddhisten in Israel, Mormonen in Tibet, Reformierte Methodisten-Baptisten am Kongo und so weiter.“

    Tom Rice fragt ihn, ob er die telepathischen Übertragungen so einrichten könnte, daß sie über seine Schwester als Relais laufen, und ihr dabei eine Privatbotschaft von ihm ausrichten möchte (was natürlich höchst illegal wäre) – ein Ansinnen, das Ben-Dov entrüstet zurückweist („So wie Nachman Ben-Dov mich ansah, hätte man glauben können, ich hätte gerade vorgeschlagen, Israel solle Ägypten, Syrien und den Irak an die Araber zurückgeben.“)

    Da haben wir also eine galaktische Zivilisation, die von einer Stelle namens „Zentralgalaxis“ (wo immer das ist) aus regiert wird und der auch eine ganze Reihe nichtmenschlicher Spezies angehören. Die Menschen haben sich genetisch so vermischt, daß man vom Aussehen her nicht mehr sagen kann, von welchen Vorfahren jemand abstammt. Aber es gibt noch als solche erkennbare Israelis (auch wenn nicht mehr alle davon auch religiös Juden sind) und Araber, und eine jüdische Nation Israel, eigentlich ein Groß-Großisrael, das vom Niltal bis Mesopotamien reicht und Kolonien auf dem Mars hat…

    Auf dem Weiterflug zum nächsten Forschungsziel lernt Tom die Androidin Kelly Wachmann näher kennen, die sich in der Bordbibliothek zu ihm setzt, um den Nachstellungen des notgeilen Leroy Chang zu entkommen. Natürlich wird bei dem sich daraus ergebenden Gespräch das Verhältnis zwischen Menschen und Androiden ausführlich durchgekaut, was Silverberg wieder jede Menge Gelegenheit gibt, Bezüge zu Minderheitenfragen der Vergangenheit einzubauen:

    „Wir fühlen uns euch gegenüber gleichzeitig über- und unterlegen, Kelly. Und das ist der Grund, warum so viele von uns euch nicht mögen und euch mißtrauen.“

    Sie dachte darüber nach. „Wie kompliziert ihr natürlich Gezeugten doch sein könnt! Warum müßt ihr euch so viele Gedanken über Unter- oder Überlegenheit machen? Warum akzeptiert ihr nicht einfach alle Besonderheiten und konzentriert euch auf wirklich wichtige Dinge?“
    „Weil es in der Natur des Menschen liegt“, sagte ich, „das eigene Licht dadurch über den Scheffel zu stellen, indem man jemand anderes heruntermacht. Früher waren die Juden oder Neger oder Chinesen oder Katholiken oder Protestanten die Opfer oder irgend jemand anders, der sich zufälligerweise von den anderen Leuten in seiner Umgebung unterschied. Diese Art der Diskriminierung ist heute nicht mehr möglich, hauptsächlich deshalb, weil sich die Rassen und Religionen und Gebräuche auf der Erde so miteinander verknüpft und vermischt haben, daß ein Computer notwendig wäre, um zu ermitteln, wem gegenüber man aufgrund seiner Herkunft Vorurteile entwickeln könnte. Jetzt haben wir Androiden. Es ist haargenau dasselbe. Ihr Androiden lebt länger als wir, ihr habt attraktivere Körper, ihr seid uns in vielen Dingen überlegen, aber
    wir haben euch erschaffen, und wenn wir auch neidisch auf euch sind, so finden wir doch Spaß daran, uns Androidenwitze zu erzählen, Androiden von unseren Gemeinschaften auszuschließen und solche Dinge. Eine Voraussetzung für diese Sache mit der Diskriminierung besteht darin, daß das Opfer zahlenmäßig schwächer als man selbst sein muß und daß es sich um jemanden handelt, den man insgeheim bewundert oder fürchtet. So glaubte man etwa, Juden seien tüchtiger als normale Leute, oder Neger seien anmutiger und agiler als normale Leute, oder Chinesen könnten härter arbeiten als normale Leute. Und so wurden Juden und Neger und Chinesen zugleich beneidet und verachtet. Bis sich die Gene soweit vermischt hatten, daß jeder einen Teil jedes anderen besaß und diese Denkweise somit überholt war.“

    Hier fällt auf, daß zwar eine Reihe von Ethnien aufgezählt werden, die in der einen oder anderen Eigenschaft besser sind als die „normalen Leute“ (womit natürlich wir Weißen gemeint sind), aber nirgends eine Eigenschaft erwähnt wird, in der diese „normalen Leute“ besser sind als die anderen. Und natürlich sind es nur die „Normalen“, die Vorurteile haben und andere diskriminieren. Genauso steht bei Silverberg der Homo sapiens (die „Natürlichen“) stellvertretend für den europäischen Jetztzeitmenschen, also uns, denen er unsere angebliche Schlechtigkeit und Dummheit unter die Nase reiben will, wie man am weiteren Gesprächsverlauf sieht:

    „Nun, vielleicht wachsen wir am Ende über unsere törichten Einstellungen den Androiden gegenüber hinaus“, sagte ich schwach.
    Kelly lachte. „Und wann wird das sein? Du hast die Wahrheit gesagt: Voreingenommenheit ist Teil eures Wesens. Ihr Natürlichen seid so albern! Ihr durchstöbert das ganze Universum auf der Suche nach Leuten, die ihr verachten könnt. Ihr spottet über die Schwerfälligkeit der Calamorianer, ihr macht Witze über die Größe und den Geruch der Dinamonianer, ihr lacht über die Gebräuche der Shilamakka und Thhhianer und all der anderen extraterrestrischen Rassen. Ihr bewundert ihre ungewöhnlichen Talente und Fähigkeiten, aber insgeheim seht ihr von oben auf sie herab, weil sie zu viele Augen oder Köpfe oder Arme besitzen. Habe ich recht?“
    Ich hatte den Eindruck, als glitte mir die Kontrolle über den Verlauf des Gesprächs aus den Händen. Ich hatte einfach nur wissen wollen, wie es ist, ein Android zu sein und einen so schwierigen Platz in der modernen Gesellschaft einzunehmen – doch statt dessen wurde ich in die Defensive gedrängt und versuchte, die blöde Voreingenommenheit zu rechtfertigen, die der Homo sapiens so schätzt.

    Schämt euch, bereut, tut Buße und übt euch in Demut gegenüber den von euch Diskriminierten – und wisset, daß ihr eurer Torheit und Schlechtigkeit dennoch niemals ganz entkommen werdet, ebenso wie den Vorwürfen wegen früherer Geschichten (Erbsünde, irgendwer?). Und paart euch bloß nicht mit euresgleichen – Diversity ist cool! Das ist Silverbergs zentrale Botschaft, die er dem überwiegend weißen Leser permanent um die Ohren haut, genauso wie es Hollywood in zunehmend deutlicher Weise schon seit etlichen Jahrzehnten tut. J. J. Abrams’ „Star Trek“ ist nur eines der neueren Elemente dieses Gehirnwäscheprogramms.

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