Mein Kodex

Peter Paul Rubens: „Die vier Philosophen“, mit einer Büste von Seneca, 1611-1612

Peter Paul Rubens: „Die vier Philosophen“, mit einer Büste von Seneca, 1611-1612

Von Jef Costello, übersetzt von Deep Roots. Das Original My Code erschien am 27. Januar 2014 auf Counter-Currents Publishing/North American New Right.

 

Vor ein paar Jahren entschied ich, daß ich einen Kodex brauchte, um danach zu leben: eine Reihe von Prinzipien, die mein Leben leiten. Nun, es ist nicht so, als hätte ich nicht bereits einige Prinzipien entdeckt, die mir als richtig erschienen; es war nicht so, als ob ich im Blindflug unterwegs gewesen wäre, ohne irgendwelche Überzeugungen. Aber ich hatte mich nie hingesetzt und darüber nachgedacht, woraus genau mein „Kodex“ bestand, und das alles zu Papier gebracht. Daher beschloß ich eines Tages, genau das zu tun.

Aber für gewöhnlich erweist sich nichts, was ich tue, als leicht oder einfach. Und meine kleine Nachdenkübung verwandelte sich in Wirklichkeit in ein Forschungsprojekt. Ich verbrachte Tage damit, verschiedene Quellen für kleine Nuggets „praktischer Weisheit“ auszusuchen. Dazu gehörte Aristoteles (von dem ich eine ganze Menge entlehnte), die Stoiker und Epikureer, die Eddas und Sagas, die mittelalterliche Ritterlichkeit, japanisches Bushido, Tyler Durden, G. I. Gurdjieff und verschiedene andere Mystiker, Swamis und Gurus – und sogar der indische Schiwaismus (wie der dem Westen durch Alain Daniélou dargestellt wurde).

Und als ich fertig war, hatte ich endlich „meinen Kodex“ – einen, der Prinzipien ausdrückte, nach denen ich bereits lebte, wie auch andere, auf die ich mich festlegen wollte. Ich fühlte mich irgendwie wie Doc Savage, der immer einer meiner Helden gewesen ist. Dies ist sein Kodex:

Laß mich jeden Moment meines Lebens danach streben, mich immer mehr zu verbessern, so gut ich kann, sodaß alle davon profitieren können. Laß mich an das Richtige denken und all meine Unterstützung jenen geben, die sie brauchen, ohne Rücksicht auf irgend etwas außer der Gerechtigkeit. Laß mich das, was kommt, mit einem Lächeln nehmen, ohne den Mut zu verlieren. Laß mich in allem, was ich sage oder tue, Rücksicht auf mein Land und meine Mitbürger nehmen. Laß mich allen gegenüber anständig sein und niemandem Unrecht tun.

Der Vorteil von Docs Kodex ist, daß er leicht auswendig zu lernen ist; leicht jeden Morgen vor dem Spiegel zu rezitieren. Das Problem bei meinem Kodex, sobald all die Recherchen und das Tippen erledigt war, besteht darin, daß er aus mehr als fünfzig „Aphorismen“ bestand. Ihn auswendig zu lernen, würde die Kräfte eines Druiden fordern. Und ich kann mir einfach nicht jeden Tag eine Stunde Zeit nehmen, um das Ding laut zu lesen. Dennoch ist es mein Kodex, und ich halte mich daran – das heißt, wenn ich mich erinnern kann, was drinsteht. Ich würde ihn nur ungern kürzen, denn, allen Spaß beiseite, ich denke tatsächlich, daß es eine sehr schöne Zusammenfassung all der Prinzipien ist, die man wirklich braucht, um ein guter Mann zu sein.

Nun, ich meine wirklich guter Mann. Es gibt da eine Menge, von dem sowohl Männer als auch Frauen profitieren können. Aber ein Gutteil meines Kodex hat mit guten, altmodischen männlichen Tugenden zu tun. Um an eine Unterscheidung anzuknüpfen, die Jack Donovan in The Way of Men trifft: mein Kodex umfaßt die Prinzipien, die notwendig sind, um „ein guter Mann zu sein“, und jene, die notwendig sind, um „gut darin zu sein, ein Mann zu sein.“

Was ich also tun möchte, ist, ein paar meiner Aphorismen mit euch zu teilen – und vielleicht ein paar mehr in einem späteren Essay. Die Liste hat keine bestimmte Reihenfolge, und ich habe die Dinge nicht thematisch geordnet. Ohne weitere Umschweife – hier sind zehn Prinzipien, nach denen ich lebe:

  1. Handle nicht aus Furcht oder Zorn.

Es gibt eine alte Geschichte über einen Samurai, der nach Rache an einem Mann strebte, der seinen Herrn getötet hatte. Endlich holte er den Kerl nach langer Suche ein und zog sein Schwert, bereit, den Schurken niederzuschlagen. Der andere Kerl kauerte furchtsam – und dann, als der Samurai gerade dabei war, zuzuschlagen, spuckte er ihm ins Gesicht. Der Samurai steckte sein Schwert ruhig in die Scheide und ging weg, ohne dem Mann zu schaden. Nun, warum hatte er das getan? Denn wenn der Samurai den Mörder niedergeschlagen hätte, nachdem dieser Mann ihm ins Gesicht gespuckt hatte, hätte niemand – nicht einmal der Samurai – sicher sein können, was seine wahre Motivation war. Er wollte den Mann töten, um der Gerechtigkeit zu dienen. Aber nachdem der Mann ihm ins Gesicht gespuckt hatte, wäre die Tötung vom Wunsch nach Gerechtigkeit motiviert gewesen, oder von Zorn über seine verletzte Eitelkeit?

Der Samurai wußte, daß eine Tat, die von nichts weiter als Zorn motiviert ist, eine Tat ohne Ehre ist. Aus Zorn zu handeln, ist so schlecht, wie aus Furcht zu handeln. In beiden Fällen lassen Männer es zu, von Emotionen besessen zu sein – in anderen Worten, sie verlieren die Kontrolle. Ehre liegt nur im Tun dessen, was richtig ist.

Nun, zu tun, was richtig ist, kann manchmal von gerechtfertigter Furcht oder gerechtfertigtem Zorn begleitet sein. Aber wenn es Furcht und Zorn alleine sind, die uns zum Handeln anspornen, haben wir uns nicht unter Kontrolle und handeln nicht aus Tugend. Ein wahrer Mann beherrscht sich und seine Emotionen und tut das, wovon er weiß, daß es richtig ist, allein deshalb, weil er es als richtig ansieht.

  1. Halte dich nicht mit Kleinigkeiten auf

Dies ist eine der Eigenschaften von Aristoteles’ „Mann mit großer Seele“. Kleine Männer haben kleine Besorgnisse; große Männer übersehen die kleinen Dinge. Ich erinnere mich, wie ich mir einmal vor Jahren einen Dollar von einem Arbeitskollegen borgen mußte, um etwas in einem Food-Court zu kaufen. Ich vergaß, das Geld zurückzugeben, und Tage später fand ich, daß er sich die Mühe gemacht hatte, eine Notiz zu schreiben und mir per bürointerner Post zu schicken, in der er mich daran erinnerte, daß ich ihm $1 schuldete. Ich zahlte das Geld mit beträchtlichem Amüsement zurück – und mit neugewonnener Verachtung für den Kerl. Diesen Dollar zu verlieren, war für ihn anscheinend wichtiger, als den Respekt seiner Arbeitskollegen zu verlieren. (Denn glaubt mir, ich habe jedem davon erzählt – aber siehe Prinzip Nr. 5 weiter unten.)

Es ist für die eigene Selbstachtung und den Seelenfrieden wichtig, sich nicht mit geringfügigen Dingen aufzuhalten. Und es ist wichtig, als jemand gesehen zu werden, der das nicht tut. Ab und zu hat sich in meinem Leben irgendein Trottel wegen irgendeiner Blödheit entschuldigt, die er sagte oder tat. Und oft habe ich gnädig reagiert und so getan, als hätte ich den Vorfall vergessen. Dies ist eine nette Art zu zeigen, daß man eine große Seele hat, keine kleine. Und es ist eine nette Art, Trotteln subtil mitzuteilen, daß sie für einen so wenig zählen, daß man keinen Bock hat, sich an ihre Beleidigungen zu erinnern.

  1. Ehre deine Verpflichtungen – laß keinen Konflikt zwischen deinen Worten und Taten zu

Hier geht es um Verläßlichkeit und Integrität. Und es ist offensichtlich, warum dies wichtige Tugenden sind. Man wird es im Leben nicht weit bringen, wenn man als die Art von Person wahrgenommen wird, die Sachen nicht zu Ende bringt, auf die man nicht zählen kann, oder die das eine sagt und das andere tut. Manchmal ist es sogar notwendig, an etwas oder jemandem festzuhalten, selbst wenn man erkannt hat, daß man die falsche Entscheidung getroffen hat. Manchmal ist Aufhören oder einen Rückzieher machen schlimmer, als bei einer schlechten Idee zu bleiben.

Und ich schlage das nicht bloß vor, weil es einen „sozialen Preis“ hat, Verpflichtungen zu brechen oder es sich anders zu überlegen. Im Leben erwerben wir uns ein Ansehen vor anderen – und vor uns selbst. Andere beobachten unsere Handlungen und verallgemeinern, beurteilen uns als verläßlich oder unzuverlässig, etc. Aber ich beobachte meine Handlungen auch – und ich verallgemeinere nach ihnen und frage mich faktisch: „Was für eine Art Mann bin ich?“ Und: „Was für eine Art Mann will ich sein?“ Wenn ich mich ständig dabei sehe, wie ich Verpflichtungen breche oder es an Integrität mangeln lasse, werde ich mich dementsprechend beurteilen. Das Ansehen, das ich vor mir selbst erwerbe, ist weit wichtiger als das, welches ich vor anderen erwerbe. Ich kann eine Menge Menschen täuschen – aber es ist ganz schön verdammt schwer, mich selbst zu täuschen. Das bringt uns zu…

  1. Gib dich nicht der Eitelkeit, Protzigkeit oder Showmacherei hin. Mehr sein als scheinen.

Es gibt ein altes deutsches Sprichwort: besser Sein als Schein. Erscheinungsbilder sind wichtig, und wir schauen auf jene herab, die keinen Stolz auf ihr Erscheinungsbild haben. Aber andererseits gibt es diejenigen, die völlig auf die Art von Erscheinungsbild versunken zu sein scheinen, das sie auf andere projizieren. Diese Leute werden Narzißten genannt. (Nun ja, ich erinnere mich schon daran, daß ich einen Essay mit dem Titel „I am an Off-the-Chart-Narcisssist“ geschrieben habe, aber das war in Wirklichkeit eine Kritik daran, wie Narzißmus von Psychologen gemessen und definiert wird.) Narzißmus existiert in Wirklichkeit in einem Kontinuum, und jeder hat zumindest ein bißchen davon. Wir alle sind jenen begegnet, die mehr als ihren Anteil davon haben – die amerikanische Gesellschaft ist voll von ihnen.

Ich versuche mein Verhalten auf Fälle zu überwachen, wo ich etwas eindeutig nur sage oder tue, um „Eindruck zu machen“. Ich erwische mich zum Beispiel manchmal dabei wie ich ein pedantisches Argument anbringe, nur um der anderen Person faktisch zu sagen: „Ich bin auch zur Schule gegangen – viel Schule.“ Ich geißle mich in Gedanken wegen solcher Ausrutscher, und ich bin draufgekommen, daß ich, während ich älter werde, immer weniger in so etwas verfalle.

Wir hegen Verachtung für Leute – besonders Männer -, die auf die Projektion eines vorgetäuschten Images konzentriert sind; oder die dabei erwischt werden, wie sie „ihre Rolle“ spielen“ (was Jung die „Persona“ nannte). Und solche Leute können sich im Grunde selber nicht respektieren. Sie sind vielleicht in der Lage, andere zu täuschen, aber sie können sich selbst nicht täuschen – nicht für immer.

  1. Sprich nicht unnötig.

Dies stammt aus dem Kodex der Ritter; aus dem Kodex der mittelalterlichen Ritterlichkeit. Spezifisch habe ich es aus Wolfram von Eschenbachs Parzival (frühes dreizehntes Jahrhundert). Tatsächlich ist es das Prinzip, das den jungen Parzival in Schwierigkeiten bringt, als er nicht nach seinen Gefühlen des Mitleids handelt und den Gralskönig fragt, was ihn schmerzt. „Ein Ritter sollte nicht unnötig sprechen“, denkt er bei sich – und versagt dadurch vorerst bei der Suche nach dem Gral.

Wolfram deutet damit an, daß Kodexe einem manchmal in die Quere kommen können. Wenn man ihnen zu starr folgt, können sie ihrem Zweck in Wirklichkeit schaden und uns dazu bringen, falsch zu handeln. Manchmal müssen wir, wie in Parzivals Fall, Regeln beugen und nach unseren eigenen natürlichen Instinkten und Gefühlen handeln. Tatsächlich ist dies eines der wichtigsten Dinge, die ich meinen Lesern darüber vermitteln kann, einen „Kodex“ zu haben.

Es genügt nicht, Regeln zu haben, man muß sie auch intelligent und menschlich anwenden können. Und manchmal bedeutet das, Regeln zu brechen. Aber das Wissen darum, wann oder wie es in Ordnung ist, das zu tun, kann aus keiner Regel kommen: es wird durch Erfahrung erworben. Man entwickelt in gewissem Sinne eine „Fertigkeit“ für das Wissen, wie man einen Kodex anwendet.

Die Regel „sprich nicht unnötig“ ist allgemein gesprochen ein guter Ratschlag. Niemand respektiert eine Plaudertasche – oder noch schlimmer, ein Klatschmaul. Als ich jünger war, fand ich, daß ich diesem Laster oft erlag. Leute, die zu viel reden und die unnötig reden, werden nicht ernstgenommen, oder man vertraut ihnen keine Geheimnisse oder größere Verantwortlichkeiten an. Es ist viel besser, ein Mann weniger Worte zu sein. Also haltet den Mund, küßt euer Pferd und reitet weiter.

  1. Falls dir der Glaube fehlt, tu so als ob.

Das ist zugegebenerweise ein seltsamer Punkt, aus einer zugegebenermaßen seltsamen Quelle: der Mystiker G. I. Gurdjieff. Falls ich merke, daß mir der Glaube fehlt, warum auf Erden sollte ich vorgeben, ihn zu haben? Und wem gegenüber vorgeben? Die Antwort lautet: mir selbst. Es gibt viel im Leben, das Glauben erfordert.

Wenn ich zum Beispiel bestimmte Ziele bezüglich Karriere, Geldstatus etc. habe, dann muß ich einen Glauben an meine Fähigkeiten haben, bis hin zu einem Gefühl der „Bestimmung“; eine Überzeugung, daß am Ende alles gutgehen wird. Dies ist aus einem sehr offenkundigen Grund wahr: wenn mir der Glaube fehlt, wird mir die Zuversicht zum Handeln fehlen. Selbst wenn es mir gelingen kann, werde ich die dazu nötigen Risiken nicht eingehen. Ich werde zaudern.

Falls ihr euch daher in einer Glaubenskrise wiederfindet, dann ist es wichtig, zwei Dinge zu tun: 1) eure Zweifel zu verbannen – weigert euch einfach, an sie zu denken; lenkt euch ab, sagt euch selbst, daß dies eine Phase ist und daß ihr eurem Urteil im Moment nicht trauen könnt; und 2) tut alles, was ihr tun würdet, wenn ihr daran glauben würdet. Fragt euch selbst: „Was würde ich tun, wenn ich daran glauben würde, wenn ich diese Krise nicht durchmachen würde?“ Und dann tut das. Dies erfordert ein gewisses Maß an geistiger Disziplin und ein gewisses Maß an Willenskraft. Falls euch das eine davon oder beides fehlt, dann werdet ihr im Leben nicht vorankommen, und ich kann euch nicht helfen.

  1. Seid euch der Vergänglichkeit der Dinge immer deutlich bewußt.

Dies stammt aus den Lehren des stoischen Philosophen Epiktet (55 – 135 n. Chr.). Epiktet riet uns tatsächlich: „Wenn ihr euer Kind in den Armen haltet, denkt ‚morgen wirst du sterben.’“

In anderen Worten, seid euch bewußt, daß nichts im Leben von Dauer ist, insbesondere die Leben von Freunden und euren Lieben. Dies mag offenkundig erscheinen – aber das ist es in Wirklichkeit nicht, nicht für die meisten Leute. Die meisten von uns laufen herum und tun so, als würden wir ewig leben, und wir nehmen die Dinge und Menschen, die wir schätzen, als selbstverständlich hin.

Wenn ich mit Freunden und meinen Lieben rede, habe ich manchmal einen Streit mit ihnen, wie wir alle. Aber ich lege großen Wert darauf, zumindest zu versuchen, die Konversation im Positiven zu beenden – und falls möglich, das Kriegsbeil zu begraben. Der Grund ist ganz einfach, daß mir deutlich bewußt ist, daß diese Person, die ich liebe, morgen von einem Bus überfahren werden könnte. Und ich würde dann mit dem Wissen leben müssen, daß unsere letzte Konversation ein Streit war. Im vollen Bewußtsein um die Vergänglichkeit der Dinge zu leben, ist ein Weg, um wahrlich schätzen zu lernen, was man hat – und die Dinge zu minimieren, die man im Leben zu bereuen hat.

  1. Verwandle Negatives in Positives.

Dies klingt, als würde es auf ein Motivationsposter gehören, aber in Wirklichkeit ist es meine Destillation eines der Grundprinzipien von Spinozas ethischer Philosophie. Die Idee ist hier, so viel wie möglich zu sehen, wie etwas Negatives in Wirklichkeit positiv sein oder zu etwas Positivem führen könnte. Es ist manchmal schwierig, dies zu der Zeit zu sehen, wo das Negative passiert. Aber wenn wir über unser Leben zurückschauen, ist es oft so, daß wir erkennen, daß etwas, das wir zu der Zeit als „Desaster“ wahrgenommen haben, in Wirklichkeit den Weg für etwas Gutes bereitet hat. „Wenn X nicht passiert wäre, dann wäre Y nicht passiert.“ „Wenn ich mir bei diesem Autounfall mit neunzehn nicht beide Beine gebrochen hätte, dann wäre ich nie dem Arzt begegnet, der mich davon überzeugte, die medizinische Hochschule zu besuchen“, etc.

Krisen, Katastrophen und Verluste verschiedener Art können Chancen für Wachstum sein. Die Herausforderung besteht darin, sie so zu sehen, wenn sie passieren. Zugegeben, dies kann in manchen Fällen sehr schwierig sein – wie wenn der fragliche Verlust der Tod eines geliebten Menschen ist. Und in solchen Fällen zu angestrengt zu versuchen, „das Gute in all dem zu sehen“, kann ein Rezept für emotionale Verdrängung sein. Besser, man überläßt solche Gedanken einer späteren Zeit. Aber in den meisten Fällen ist es gut möglich und therapeutisch recht wirksam, zu sehen zu versuchen, wie das Schlechte dem Guten den Weg bereitet.

Ich finde, daß ich zu denken neige, daß ich eine Bestimmung habe und daß die Dinge in meinem Leben alle „Teil eines Plans“ sind. Ich gebe zu, daß ich wenig rationale Grundlage dazu habe, das zu glauben, aber es ist eine gesunde Einstellung. Viel besser als die Einstellung derer, die denken, daß ihr Leben bloß eine zufällige Serie von Katastrophen ist, über die sie keine Kontrolle haben. Negatives in Positives zu verwandeln, ist ein Weg, die Kontrolle über unser Leben zu übernehmen.

  1. Beobachte deine negativen Emotionen – nach einer Weile werden sie sich ändern.

Dies ist eine enorm wichtige Einsicht, die ich von Gurdjieff und der Schule des „Vierten Weges“ lernte. Nehmen wir an, ihr erlebt regelmäßig negative Emotionen wie Ängstlichkeit oder Selbstzweifel (falls Selbstzweifel zutreffend als Emotion bezeichnet werden kann). Es ist sehr schwierig, sich dazu zu zwingen, diese Dinge nicht zu empfinden, oder sie sich auch nur auszureden. Tatsächlich führt dies aus irgendeinem seltsamen Grund manchmal dazu, daß die negative Emotion verstärkt wird (dies trifft besonders dann zu, wenn man sich zu zwingen versucht, sie nicht zu empfinden).

Die Alternative besteht darin, die Emotion nicht zu bekämpfen, sondern sie zu beobachten: die Position eines unbeteiligten Beobachters einzunehmen, der die Emotion und die Wirkung beobachtet, die sie auf euer Denken und auf euren Körper hat. Außer im Fall sehr überwältigender Emotionen, wie Schrecken, ist dies immer möglich (und mit Übung sogar im Fall des Schreckens). Es ist, als würde man ein „höheres Ich“ aktivieren, das den Rest von einem beobachtet. Dies mag seltsam klingen, aber ihr habt es bereits viele Male getan.

Habt ihr nicht schon erlebt, in einer Situation zu sein, zum Beispiel ein sozialer Kontakt, und wo ihr die ganze Zeit, während ihr euch bewegt und geredet und reagiert habt, bemerkt habt, wie ihr auf euer eigenes Verhalten geachtet und es innerlich kommentiert habt? Negativ: „Meine Güte, das war eine dumme Aussage. Ich kann’s nicht glauben, daß ich das gerade gesagt habe.“ Oder positiv: „Der Witz hat sie wirklich begeistert. Erzähl mehr. Sorg weiter für lustige Stimmung. Du weißt, wie das fetten Leuten gefällt.“

Nun, ich ersuche euch einfach, etwas Ähnliches zu tun. Wenn euch negative Emotionen überkommen, spielt die Rolle des unbeteiligten Beobachters: „Ah ja, es ist das schon wieder. Das bekomme ich immer, wenn ich an X denke. Und ja, genauso, wie ich es hätte vorhersagen können, stelle ich mir jetzt einen Streit mit meinem Chef vor. Und jetzt kommt der schnelle Herzschlag. Genauso wie immer…“ Ihr beurteilt eure Gefühle nicht; ihr sagt nicht: „Ich sollte das nicht empfinden! Ich werde das nicht empfinden!“ Ihr beobachtet bloß.

Hier müßt ihr mir nun aufs Wort glauben: wenn ihr das in genügendem Maß tut, werden eure negativen Emotionen sich ändern. Langsam werden sie beginnen, euch weniger im Griff zu haben. Es ist, als würdet ihr diese Emotionen entmachten, indem ihr die Beobachterperspektive einnehmt und euch weigert, euch völlig von ihnen überrollen zu lassen. Aber nur reine Beobachtung funktioniert: nicht Unterdrückung, Verleugnung oder sich zu „zwingen“, anders zu fühlen. Versucht nicht, diese Emotion zu tilgen. Beobachtet sie, und sie wird sich ändern.

  1. Konzentriere dich auf die Sache: Nichts sonst zählt.

Im Umgang mit den Schwierigkeiten des Lebens hilft es, etwas zu haben, das wichtiger ist als irgendeine davon, und in der Tat wichtiger als das Leben selbst. Wir wissen, was unsere Sache ist, und daß die Krise, vor der wir als Volk stehen, jedes unserer kleinlichen persönlichen Probleme zwergenhaft erscheinen läßt. In jeder anderen Zeit hätte der höchste Zweck unseres Lebens vielleicht einfach darin bestehen können, es zu genießen, uns selbst zu kultivieren und andere Leben in die Welt zu setzen. Aber in dieser Zeit und an diesem Ort zu leben, unter diesen historischen und gesellschaftlichen Umständen, zwingt uns einen neuen moralischen Imperativ auf – eine moralische Bürde, die unsere Vorfahren nicht schulterten, und von der wir unsere Nachkommen zu befreien wünschen.

Heute muß ein gutes Leben für Männer und Frauen wie uns ein Leben sein, in dem wir etwas tun, um die Sache voranzubringen. Das Ideal besteht hier sogar darin, daß das gesamte Leben pyramidenförmig angeordnet ist – wobei alles auf den höchsten Wert und den höchsten Imperativ hin zusammenläuft. (Dies ist tatsächlich die moralische Lektion eines weiteren Philosophen: J. G. Fichte.) Ja, wir können uns vergnügen und uns selbst kultivieren, aber wir tun dies, damit wir in unserer Entschlossenheit bestärkt werden. (Immerhin brauchen alle Revolutionäre Ruhe und Erholung.) Und alles, was eine negative Ablenkung von unserer Mission darstellt, muß entweder eliminiert werden, oder – falls das unmöglich ist – wir müssen uns so gut wir können davon lösen, physisch oder psychologisch. Sich auf die Sache zu konzentrieren ist ein großartiger Weg, um sich von dem Bockmist freizumachen, der einen plagt. Aber das ist es nicht, warum man sich auf die Sache konzentriert. Man konzentriert sich auf die Sache, weil sie für Leute wie uns, die aufgewacht sind, eine ist, gegenüber der man sich keine größere vorstellen kann.

Eine Menge von dem, das ich bisher besprochen habe, könnte mehr als Psychologie denn als Ethik erscheinen. Und habe ich denn nicht zu Beginn versprochen, daß dies ein ethischer Kodex sei? Ja, aber es ist ein Kodex, in dem Aristoteles und Kant (oder Fichte, Kants Interpret) zusammenlaufen. „Ein guter Mensch zu sein“ bedeutete für Aristoteles nicht, einer Reihe von Geboten zu folgen. Es bedeutete, die notwendigen Dinge zu tun, um ein gut funktionierendes, glückliches, ausgeglichenes und bewundernswertes menschliches Wesen zu sein. Das Ziel des Lebens war für Aristoteles Glück im tiefsten und unfrivolsten Sinn des Begriffes. Eine „Regel“ (oder „Daumenregel“) wie „verwandle Negatives in Positives“ klingt also, als sei sie bloß ein Ratschlag, um sich gut zu fühlen – aber für Aristoteles ist sich gut zu fühlen ein Teil davon, gut zu sein: ein gutes Leben zu führen. In meiner Ethik läuft jedoch alles auf Nr. 10 oben zusammen: die Sache. In der heutigen Zeit ist glücklich zu sein gut für unser Volk, denn je glücklicher und ausgeglichener wir sind, desto wirksamer können wir (auf die eine oder andere Art) für das kämpfen, woran wir glauben und – hoffentlich – die Katastrophe abwenden.

In dieser Welt – inmitten der gegenwärtigen Krise – ist „das Streben nach Glück um seiner selbst willen“ unverzeihlich selbstsüchtig. Aristoteles konnte damit zufrieden sein, seine Studenten zum wirksameren Streben nach Glück zu ermutigen, weil er in einer Gesellschaft lebte, die viel, viel gesünder war, besser funktionierte und zusammenhielt als unsere. Unseren Leuten zu raten, „nach Glück zu streben“, klingt wie ein Rezept dafür, sie dazu anzuregen, „ihre eigenen Gärten zu pflegen“ oder ihre eigenen Bunker zu bauen und nichts zu tun. Unter den gegenwärtigen Umständen ist das kein ethisch vertretbarer Weg. Daher belasse ich es bei dem: strebt nach Glück, strebt nach dem guten Leben, aber laßt all das Gute, das daraus resultiert – Gesundheit, Wohlstand, Seelenfrieden und so weiter – operationalisiert (oder metaphorisch gesprochen zu Waffen gemacht) werden. Laßt es der Förderung von etwas dienen, das größer ist als ihr selbst; und laßt das den Sinn eures Lebens und eures Glückes sein.

In diesem Essay habe ich euch zehn der Prinzipien mitgeteilt, nach denen ich zu leben versuche – und ich habe euch die Philosophie mitgeteilt, die sie und meinen gesamten Kodex vereinigt. Falls ihr interessiert seid, werde ich andere Teile des Kodex in zukünftigen Essays mit euch teilen. Das zu tun, ist ein ethischer Akt für sich. Diese Prinzipien haben mich zu einem besseren Menschen und zu einem besseren Soldaten für die Sache gemacht. Ich hoffe, daß sie euch ebenfalls helfen werden.

*   *   *   *   *   *   *

Ein weiterer Teil von Jef Costellos Kodex ist in der Zwischenzeit bereits erschienen: Mein Kodex, Fortsetzung. Siehe auch diese Essays von ihm:

Kraft durch Freude

Die unsichtbare Ideologie

Jef Costello: F. Roger Devlins Sexual Utopia in Power

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