Gewollter Murks (Buchrezension zu „Geplanter Verschleiß“)

Christian Kreiß - Geplanter Verschleiß

Eine Rezension von Tim Haarmann zum Buch „Geplanter Verschleiß“ von Christian Kreiß, aus dem Oktoberheft 2014 von „Spektrum der Wissenschaft“. Der Rezensent ist Meeresgeologe und arbeitet in Bonn bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Christian Kreiß analysiert das Vorgehen der Industrie und resümiert: Durch geplanten Produktverschleiß wird uns das Geld aus der Tasche gezogen.

Kaum ist die Garantiezeit der Kamera abgelaufen, lässt sie sich nicht mehr anschalten: defekt. Brummte der Rasierapparat beim Neukauf noch wie am Schnürchen, macht sein Akku nach ziemlich genau zwei Jahren schlapp: ersetzbar ist er nicht, da fest verbaut. Das gleiche Spiel beim Ventilator – just wenn die Garantieansprüche erlöschen, frisst sich der Motor fest, Diagnose „wirtschaftlicher Totalschaden“. Fälle wie diese treten so oft auf, dass man den Eindruck gewinnen kann, da steckt ein System dahinter.

Tatsächlich ist das nicht von der Hand zu weisen. Wissenschaftler nennen dieses Phänomen „geplante Obsoleszenz“: Ein vorgesehenes Versagen von Produkten, das uns Verbraucher dazu drängt, immer wieder neue zu kaufen. Dieser Strategie geht der Volkswirt und Professor für Wirtschaftspolitik Christian Kreiß in seinem Buch „Geplanter Verschleiß“ auf den Grund.

Jeder Hersteller wird den Vorwurf gezielter Produktverschlechterung von sich weisen und mancher mag diesen Verdacht als Spinnerei von Verschwörungstheoretikern belächeln, wie auch Kreiß anmerkt. Dennoch ist der Autor fest überzeugt, dass geplante Obsoleszenz täglich stattfindet, und untermauert seine gründlich recherchierten Ausführungen mit der enormen Anzahl von 427 Fußnoten, die seine Darstellungen sehr plausibel machen. Darin erklärt er sauber die Begrifflichkeiten, führt den Leser an zum Teil klassische Forschungsarbeiten heran, gibt hilfreiche Empfehlungen zum weiteren Literaturstudium und führt zahlreiche kritische Presseartikel ins Feld. Sein Buch basiert auf einem Gutachten, das er 2013 für die Bundestagsfraktion der Grünen zusammen mit dem Betriebswirt Stefan Schridde erstellt hatte.

In vier Kapiteln beleuchtet der Autor „Erscheinungsformen“, „Ausmaß und Auswirkungen“ sowie „Ursachen“ der geplanten Obsoleszenz und bietet sodann „Abhilfen“ an. Schnell wird deutlich: Neu ist das Phänomen nicht. Bereits in den 1930er Jahren flog das sogenannte Phoebus-Glühlampenkartell auf. Alle großen Hersteller hatten damals die lukrative Absprache getroffen, die Brenndauer ihrer Birnen von 2500 Stunden auf 1000 Stunden zu reduzieren. Mit nachhaltigem Erfolg: Noch Jahrzehnte später wurde auf Glühlampenverpackungen die 1000stündige Brenndauer als Referenz angegeben.

Geplante Obsoleszenz beschränkt sich jedoch nicht auf gewollte Produktdefekte. Wie Kreiß detailliert ausführt, fallen darunter ebenso funktioneller und psychologischer Verschleiß: Das Veralten von Produkten, indem diese zunehmend als obsolet und unmodern empfunden werden. Damit reißt der Autor ein enorm großes Thema an. Eingehend betrachtet er die Rolle der Werbung, hinterfragt das Walten der Medien, beklagt sich über intransparente Märkte und nimmt Befunde von Wirtschaftswissenschaftlern unter die Lupe. Dabei bleibt er durchwegs verständlich und in seiner Argumentation nachvollziehbar, auch wenn er sich stellenweise vom eigentlichen Thema des Buchs löst und auch andere Formen des Verbraucherbetrugs darstellt.

In einem eigenständigen Kapitel stellt der Verfasser Berechnungen dazu an, was der geplante Verschleiß kostet. Für Laien sind die Zahlen schwer zu prüfen. Stimmen sie aber auch nur ungefähr, werden den deutschen Verbrauchern durch die perfiden Methoden der Konzerne jährlich mehr als 100 Milliarden Euro aus der Tasche gezogen. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer könnte demnach pro Jahr 14 zusätzliche Tage bezahlten Urlaub nehmen, gäbe es die absichtliche Produktermüdung nicht.

Grund genug für Kreiß, im letzten Kapitel mögliche Abhilfen vorzustellen. Hier ufert das sonst sehr sachliche Buch in seinen politischen Forderungen aus. Kreiß umreißt eine Gesellschaft, die nicht auf Wirtschaftswachstum und Rendite schaut, Werbung per Gesetz einschränkt, auf einer Kennzeichnung von Geräten mit „geplanter Lebensdauer“ besteht und Medien so stark staatlicherseits unterstützt, dass sie weitgehend auf Werbeeinnahmen verzichten können. Der Autor zeichnet das Bild einer entschleunigten Welt, in der Produkte nicht weggeworfen, sondern repariert werden. Einer Gesellschaft, die – zu diesen pathetischen Schlussworten versteigt sich Kreiß unnötigerweise – auf dem Weg zu mehr Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sei.

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Ein Kommentar

  1. Siehe dazu auch Die Würde der Dinge von Hanne Tügel (aus GEO 09-2012), das ich im Kommentarstrang zu Guerilla-Ökonomie: Hört auf, den Feind zu finanzieren! von Alex Kurtagić gefunden habe.

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