Joyeux Noёl: Die Anfänge des Ersten Weltkrieges und der Weihnachts-Waffenstillstand von 1914

Filmposter Joyeux Noel

Von F. Roger Devlin; Original: Joyeux Noёl: The Beginnings of WWI and the Christmas Truce of 1914, erschienen am 14. Dezember 2013 im Occidental Observer.

Mit der durch neunundneunzig Jahre ermöglichten nachträglichen Einsicht ist es offenkundig, daß der Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht bloß den Beginn des bis zu dieser Zeit zerstörerischsten Krieges der Geschichte kennzeichnete, sondern auch eine grundsätzliche zivilisatorische Wasserscheide. Während das Kämpfen im Gange war, nahmen nahezu alle Teilnehmer an, daß sie durch nackte Aggression der anderen Seite in den Kampf gezwungen worden seien. Die Historiker brauchten Jahre, um zu entwirren, was tatsächlich geschehen war.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war die deutsche Armee die beste in Europa und in der Lage, jeden einzelnen Rivalen zu besiegen. Aber Deutschland hatte keine natürlichen Grenzen und war verwundbar gegenüber einem gemeinsamen Angriff an zwei Fronten: durch Frankreich und Britannien im Westen und das Russische Reich im Osten. Eine deutsche Niederlage in solch einem Szenario wurde als buchstäblich unvermeidlich betrachtet.

Die französisch-russische Allianz von 1894, aus der die Triple Entente wurde, als Britannien 1907 beitrat, machte Deutschlands schlimmste Befürchtungen wahr.

Jedoch gab es bedeutende Unterschiede zwischen Deutschlands westlichen und östlichen Rivalen: Frankreich und Britannien waren moderne, effizient organisierte Länder, die zu einer schnellen Mobilisierung in der Lage waren, während vom ausgedehnten Rußland mit seiner dünn verteilten Bevölkerung und seiner wirtschaftlichen Rückständigkeit erwartet wurde, daß es für die volle Mobilisierung bis zu 110 Tagen brauchen würde. Unter Ausnutzung dieser Asymmetrie entwickelte das deutsche Oberkommando den Schlieffen-Plan: bei Ausbruch von Feindseligkeiten würden nahezu neunzig Prozent von Deutschlands effektiven Truppen einen Blitzangriff im Westen starten; dieser Feldzug sollte innerhalb vierzig Tagen abgeschlossen sein, während das schwerfällige Rußland immer noch mobilisierte. Mit den Westmächten aus dem Weg wurde erwartet, daß massive Truppenverschiebungen an die Ostfront rechtzeitig eintreffen würden, damit Deutschland Rußland entgegentreten könne. Geschwindigkeit – der Mobilisierung, der Angriffsoperationen und der Truppenverschiebung – war entscheidend für den Erfolg dieses Plans.

Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Erzherzogs durch einen serbischen Nationalisten im Juni 1914 ist das perfekte Beispiel für ein Ereignis, das den Anlaß für die folgenden Ereignisse bot, sie aber nicht verursachte; die Männer von Europas Großmächten schlachteten einander nicht vier Jahre lang wegen eines politischen Mordanschlags auf dem Balkan ab. Vielmehr fand das Attentat im Kontext russischer Garantien an Serbien und deutscher Garantien an Österreich statt, was unvermeidlicherweise die Triple Entente ins Spiel brachte. Es folgte ein diplomatisches Angsthase-Spiel, in dem keine Seite bereit war, als erste einzulenken.

Als Österreich Serbien am 28. Juli den Krieg erklärte, befahl der russische Zar, der sich der militärischen Rückständigkeit seines Reiches bewußt war, eine Teilmobilmachung. Diese Aktion war bloß als Vorsichtsmaßnahme für den Fall eines Krieges gedacht, der immer noch unwahrscheinlich schien. Aber für die Deutschen, deren Schlieffen-Plan höchste Geschwindigkeit erforderte, hatte der Befehl des Zaren die Wirkung eines Elektroschocks. Der Kaiser hatte das Gefühl, ebenfalls mobilisieren zu müssen. Rußland reagierte zwei Tage später, indem es die volle Mobilisierung befahl. Deutschland stellte Rußland ein Ultimatum, und der Zar, der nicht bereit war, einzuknicken, ließ die Frist verstreichen. Innerhalb von Stunden waren alle in einen Krieg verwickelt, den keine der Parteien ursprünglich gewollt oder beabsichtigt hatte.

Deutsche Historiker nennen solch eine Reihe von Ereignissen einen Betriebsunfall: einen quasi-mechanischen Unfall, wie er in der Maschinerie einer Fabrik geschehen könnte. Männer wurden in das Getriebe gezogen und zermalmt, als niemand in der Lage war, rechtzeitig den Notschalter zu betätigen. Es war eine Tragödie im vollsten Sinn des Wortes – eine Katastrophe, die von wohlmeinenden, aber fehlerhaften Männern verursacht wurde, die rational unter Bedingungen unvollkommenen Wissens handelten. Die Folgen sind wohlbekannt: zehn Millionen tot, weitere achtundzwanzig Millionen verwundet oder vermißt, der Kommunismus in Rußland etabliert, die Balfour-Deklaration bereitete die Bühne für den heutigen fortdauernden Nahostkonflikt, und das Ganze gekrönt von einem schändlichen „Friedensvertrag“, der einen zukünftigen deutschen Rachekrieg beinahe garantierte.

Und doch war, wie wir aus Nachrichtenfilmmaterial vom 1. August ersehen können, die allgemeine Reaktion auf den Ausbruch ein Kriegsfieber in einem Ausmaß, wie man es seit den Kreuzzügen nicht mehr erlebt hatte. Europa hatte dreiundvierzig Jahre des Friedens und einen beispiellosen materiellen Wohlstand genossen, und die jungen Leute begrüßten den Krieg als romantisches Abenteuer.

Der geplante schnelle deutsche Vormarsch durch die Niederlande nach Nordostfrankreich wurde unerwartet Anfang September gestoppt – das „Wunder an der Marne“ – was den Schlieffen-Plan vereitelte. Am 13. reagierte die deutsche Armee, indem sie eine flankierende Aktion um die französischen Linien herum versuchte; die Franzosen dehnten dann ihre eigenen Verteidigungslinien schnell aus, woraus der „Wettlauf zum Meer“ wurde. Nachdem keine Seite die andere verdrängen konnte und keine zum Rückzug bereit war, begannen sich die Soldaten in ihren Positionen einzugraben – der Beginn des Grabenkrieges. Zu der Zeit, als der Winter einsetzte, war das Muster für die nächsten vier Jahre klar festgelegt: ein Zermürbungskrieg mit trivialen Vorstößen und Rückzügen über ein paar acres von Schlamm hinweg. [Anm. d. Ü.: 1 acre = ca. 4047 m²]

Aber als in diesem Jahr Weihnachten näherrückte, begann sich etwas Unerwartetes zu entwickeln. Am Frontabschnitt südlich von Ypern in Belgien begannen deutsche Soldaten den Bereich um ihre Gräben für den Weihnachtsabend zu schmücken. Wie Wikipedia es beschreibt:

Die Deutschen begannen, indem sie Kerzen an ihren Gräben und auf Weihnachtsbäumen plazierten, und setzten die Feier dann durch Singen von Weihnachtsliedern fort. Die Briten antworteten, indem sie ihre eigenen Weihnachtslieder sangen. Die beiden Seiten fuhren fort, indem sie einander Weihnachtsgrüße zuriefen. Bald darauf gab es Exkursionen über das Niemandsland, bei denen kleine Geschenke wie Essen, Tabak und Alkohol ausgetauscht wurden, und Souvenirs wie Knöpfe und Mützen. Die Artillerie in diesem Bereich verstummte. Der Waffenstillstand ermöglichte auch eine Verschnaufpause, in der kurz zuvor getötete Soldaten von Bestattungsgruppen hinter die eigenen Linien zurückgebracht werden konnten. Gemeinsame Gottesdienste wurden abgehalten.

Die Feuereinstellung breitete sich auf andere Abschnitte der Front aus, und schließlich nahmen bis zu 100.000 Männer daran teil. In manchen Bereichen ersetzten Fußballspiele zwischen den Kriegführenden den Kampf.

Bis zum 26. Dezember war es vorbei. Die Obrigkeiten erfuhren von dem Zusammenbruch der Disziplin und griffen energisch ein.

joyeux-noel

Im Jahr 2005 produzierte ein internationales Konsortium aus Frankreich, Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Belgien und Rumänien einen Film über den Weihnachts-Waffenstillstand: Joyeux Noёl. Der Film beginnt mit Szenen von Kindern in französischen, britischen und deutschen Grundschulen, die gereimte Verfluchungen rezitieren, die ihnen gegen die gegnerische Seite beigebracht worden waren: der Fluch der britischen Kinder fordert die völlige Auslöschung der Deutschen.

Der Schauplatz wechselt nach Schottland, wo ein enthusiastischer junger Mann, William, atemlos in seine örtliche katholische Kirche eilt, um seinem jüngeren Bruder Jonathan zu verkünden, daß der Krieg erklärt worden ist; sie sollen in zwei Tagen mit ihrer Grundausbildung beginnen. „Endlich passiert etwas in unserem Leben“, jubelt er. Der Priester, Pater Palmer, schaut deutlich weniger enthusiastisch drein.

An der Berliner Oper wird eine Aufführung durch einen Offizier unterbrochen, der auf die Bühne geht, um zu verkünden, daß der Krieg erklärt worden ist. Der führende Tenor, Sprink, wird schnell eingezogen.

In einem französischen Graben betrachtet Lieutenant Audebert sehnsüchtig eine Fotografie seiner schwangeren Frau, Momente bevor er aufgerufen wird, einen Sturmangriff gegen die deutschen Linien anzuführen. In dem folgenden Kampfeinsatz wird der Schotte William tödlich verwundet; sein Bruder Jonathan ist gezwungen, ihn zurückzulassen, ein psychologisches Trauma, von dem er sich nie erholt. Audeberts Männer strömen in einen deutschen Graben, aber als sie um eine Ecke kommen, wird etwa ein Drittel von ihnen von einem deutschen Maschinengewehr niedergemäht.

Währenddessen erhält Sprinks Geliebte Anna die Erlaubnis, vor dem Kronprinzen von Preußen zu singen. Sprink wird von der Front zurückgerufen, um mit ihr aufzutreten, und ist beeindruckt von dem luxuriösen Komfort, in dem die deutschen Befehlshaber leben. Als er an die Front zurückkehrt, besteht Anna darauf, ihn zu begleiten, entschlossen, für die gewöhnlichen Frontsoldaten genauso zu singen wie für die Offiziere im Hauptquartier. (Die Anwesenheit einer Frau an der Front ist eine dichterische Freiheit seitens der Filmemacher.)

Die deutschen Soldaten beginnen, Weihnachtsbäume entlang ihrer Gräben aufzustellen, zum verblüfften Argwohn der französischen Soldaten. Nachdem die Sänger ihre erste Nummer beenden, steigt Beifall von den schottischen Gräben auf. Pater Palmer spielt die ersten paar Takte eines weiteren Weihnachtsliedes auf dem Dudelsack, und Sprink antwortet, indem er das Lied singt, wobei er in das Niemandsland hinausklettert. Lieutenant Audebert deutet seinen Männern, nicht zu feuern. Bald strömen auf beiden Seiten Männer aus den Gräben und teilen Essen und Getränke miteinander. Pater Palmer hält einen Weihnachtsgottesdienst für all die Männer ab.

Am Weihnachtsmorgen erneuern die Offiziere den Waffenstillstand und arrangieren den Austausch ihrer Toten. Dutzende Männer sind zwischen den Linien begraben. Es folgt ein Fußballspiel. Die Offiziere erkennen, daß die Situation unhaltbar ist, und versuchen die Disziplin wiederherzustellen, aber mittlerweile weigern sich die Männer, aufeinander zu feuern.

Ein Bündel von Soldatenbriefen wird von der französischen Obrigkeit abgefangen, wodurch sie auf die Situation aufmerksam werden. Aus Angst, daß ihnen ihr Krieg verdorben wird, lösen die die Division auf und versetzen ihre Mitglieder an verschiedene nicht betroffene Frontabschnitte. Die Deutschen werden an die Ostfront verlagert, um den Russen gegenüberzustehen. Pater Palmer wird durch einen Bischof ersetzt, der eine Predigt hält, in der er die neuen Rekruten zur Auslöschung deutscher Männer, Frauen und Kinder drängt.

Ein Hauptthema des Films ist Musik. Sprinks vorgesetzter Offizier sagt ihm gleich zu Anfang, daß er, nachdem er ein Sänger ist, als Soldat nutzlos ist. Dann ist es das unpassende Vorhandensein von Musik, das zu der ungeplanten Feuereinstellung führt. Am Schluß erblickt der Kronprinz von Preußen, während er seine Männer über ihre Bestrafung informiert, eine Harmonika. Er nimmt sie weg und zertritt sie unter dem Absatz seines Stiefels.

Der Weihnachts-Waffenstillstand von 1914 änderte den Verlauf des Krieges nicht sehr. In zukünftigen Jahren gelang es den Befehlshabern, ähnliche Vorfälle zu unterdrücken. Als der Krieg fortschritt und insbesondere nachdem Giftgas eingeführt wurde, begannen die Soldaten ihre Feinde allmählich als weniger als menschlich zu sehen, wie es die Absicht der höheren Offiziere auf allen Seiten war. Aber er hat in dem knappen Jahrhundert, seit er stattfand, weiterhin die Fantasie des Volkes befeuert. Ein kanadischer Historiker hat geschrieben:

Es war der letzte Ausdruck jener Welt des Anstands und der Moral aus dem 19. Jahrhundert, wo der Gegner ein Gentleman war. Diejenigen, die überlebten, die weitere Weihnachten in dem Krieg erlebten, drückten selber Erstaunen darüber aus, daß dies stattgefunden hatte. Die Emotionen hatten sich in solchem Ausmaß verändert, daß die Art von Menschlichkeit, wie man sie zu Weihnachten 1914 erlebte, unvorstellbar erschien.

Joyeux Noёl verlor Geld an den Kinokassen, und Kritiker haben sich über seine „Sentimentalität“ beschwert. Ich schlage vor, ihn sich diese Weihnachten selbst anzusehen.

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Siehe auch:

Die Erweiterung des Patriotismus von Sir Oswald Mosley

(Quelle der Übersetzung:  hier)

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