Joyeux Noёl: Die Anfänge des Ersten Weltkrieges und der Weihnachts-Waffenstillstand von 1914

Filmposter Joyeux Noel

Von F. Roger Devlin, übersetzt von Deep Roots. Original: Joyeux Noёl: The Beginnings of WWI and the Christmas Truce of 1914, erschienen am 14. Dezember 2013 im Occidental Observer.

Mit der durch neunundneunzig Jahre ermöglichten nachträglichen Einsicht ist es offenkundig, daß der Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht bloß den Beginn des bis zu dieser Zeit zerstörerischsten Krieges der Geschichte kennzeichnete, sondern auch eine grundsätzliche zivilisatorische Wasserscheide. Während das Kämpfen im Gange war, nahmen nahezu alle Teilnehmer an, daß sie durch nackte Aggression der anderen Seite in den Kampf gezwungen worden seien. Die Historiker brauchten Jahre, um zu entwirren, was tatsächlich geschehen war.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war die deutsche Armee die beste in Europa und in der Lage, jeden einzelnen Rivalen zu besiegen. Aber Deutschland hatte keine natürlichen Grenzen und war verwundbar gegenüber einem gemeinsamen Angriff an zwei Fronten: durch Frankreich und Britannien im Westen und das Russische Reich im Osten. Eine deutsche Niederlage in solch einem Szenario wurde als buchstäblich unvermeidlich betrachtet.

Die französisch-russische Allianz von 1894, aus der die Triple Entente wurde, als Britannien 1907 beitrat, machte Deutschlands schlimmste Befürchtungen wahr.

Jedoch gab es bedeutende Unterschiede zwischen Deutschlands westlichen und östlichen Rivalen: Frankreich und Britannien waren moderne, effizient organisierte Länder, die zu einer schnellen Mobilisierung in der Lage waren, während vom ausgedehnten Rußland mit seiner dünn verteilten Bevölkerung und seiner wirtschaftlichen Rückständigkeit erwartet wurde, daß es für die volle Mobilisierung bis zu 110 Tagen brauchen würde. Unter Ausnutzung dieser Asymmetrie entwickelte das deutsche Oberkommando den Schlieffen-Plan: bei Ausbruch von Feindseligkeiten würden nahezu neunzig Prozent von Deutschlands effektiven Truppen einen Blitzangriff im Westen starten; dieser Feldzug sollte innerhalb vierzig Tagen abgeschlossen sein, während das schwerfällige Rußland immer noch mobilisierte. Mit den Westmächten aus dem Weg wurde erwartet, daß massive Truppenverschiebungen an die Ostfront rechtzeitig eintreffen würden, damit Deutschland Rußland entgegentreten könne. Geschwindigkeit – der Mobilisierung, der Angriffsoperationen und der Truppenverschiebung – war entscheidend für den Erfolg dieses Plans.

Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Erzherzogs durch einen serbischen Nationalisten im Juni 1914 ist das perfekte Beispiel für ein Ereignis, das den Anlaß für die folgenden Ereignisse bot, sie aber nicht verursachte; die Männer von Europas Großmächten schlachteten einander nicht vier Jahre lang wegen eines politischen Mordanschlags auf dem Balkan ab. Vielmehr fand das Attentat im Kontext russischer Garantien an Serbien und deutscher Garantien an Österreich statt, was unvermeidlicherweise die Triple Entente ins Spiel brachte. Es folgte ein diplomatisches Angsthase-Spiel, in dem keine Seite bereit war, als erste einzulenken.

Als Österreich Serbien am 28. Juli den Krieg erklärte, befahl der russische Zar, der sich der militärischen Rückständigkeit seines Reiches bewußt war, eine Teilmobilmachung. Diese Aktion war bloß als Vorsichtsmaßnahme für den Fall eines Krieges gedacht, der immer noch unwahrscheinlich schien. Aber für die Deutschen, deren Schlieffen-Plan höchste Geschwindigkeit erforderte, hatte der Befehl des Zaren die Wirkung eines Elektroschocks. Der Kaiser hatte das Gefühl, ebenfalls mobilisieren zu müssen. Rußland reagierte zwei Tage später, indem es die volle Mobilisierung befahl. Deutschland stellte Rußland ein Ultimatum, und der Zar, der nicht bereit war, einzuknicken, ließ die Frist verstreichen. Innerhalb von Stunden waren alle in einen Krieg verwickelt, den keine der Parteien ursprünglich gewollt oder beabsichtigt hatte.

Deutsche Historiker nennen solch eine Reihe von Ereignissen einen Betriebsunfall: einen quasi-mechanischen Unfall, wie er in der Maschinerie einer Fabrik geschehen könnte. Männer wurden in das Getriebe gezogen und zermalmt, als niemand in der Lage war, rechtzeitig den Notschalter zu betätigen. Es war eine Tragödie im vollsten Sinn des Wortes – eine Katastrophe, die von wohlmeinenden, aber fehlerhaften Männern verursacht wurde, die rational unter Bedingungen unvollkommenen Wissens handelten. Die Folgen sind wohlbekannt: zehn Millionen tot, weitere achtundzwanzig Millionen verwundet oder vermißt, der Kommunismus in Rußland etabliert, die Balfour-Deklaration bereitete die Bühne für den heutigen fortdauernden Nahostkonflikt, und das Ganze gekrönt von einem schändlichen „Friedensvertrag“, der einen zukünftigen deutschen Rachekrieg beinahe garantierte.

Und doch war, wie wir aus Nachrichtenfilmmaterial vom 1. August ersehen können, die allgemeine Reaktion auf den Ausbruch ein Kriegsfieber in einem Ausmaß, wie man es seit den Kreuzzügen nicht mehr erlebt hatte. Europa hatte dreiundvierzig Jahre des Friedens und einen beispiellosen materiellen Wohlstand genossen, und die jungen Leute begrüßten den Krieg als romantisches Abenteuer.

Der geplante schnelle deutsche Vormarsch durch die Niederlande nach Nordostfrankreich wurde unerwartet Anfang September gestoppt – das „Wunder an der Marne“ – was den Schlieffen-Plan vereitelte. Am 13. reagierte die deutsche Armee, indem sie eine flankierende Aktion um die französischen Linien herum versuchte; die Franzosen dehnten dann ihre eigenen Verteidigungslinien schnell aus, woraus der „Wettlauf zum Meer“ wurde. Nachdem keine Seite die andere verdrängen konnte und keine zum Rückzug bereit war, begannen sich die Soldaten in ihren Positionen einzugraben – der Beginn des Grabenkrieges. Zu der Zeit, als der Winter einsetzte, war das Muster für die nächsten vier Jahre klar festgelegt: ein Zermürbungskrieg mit trivialen Vorstößen und Rückzügen über ein paar acres von Schlamm hinweg. [Anm. d. Ü.: 1 acre = ca. 4047 m²]

Aber als in diesem Jahr Weihnachten näherrückte, begann sich etwas Unerwartetes zu entwickeln. Am Frontabschnitt südlich von Ypern in Belgien begannen deutsche Soldaten den Bereich um ihre Gräben für den Weihnachtsabend zu schmücken. Wie Wikipedia es beschreibt:

Die Deutschen begannen, indem sie Kerzen an ihren Gräben und auf Weihnachtsbäumen plazierten, und setzten die Feier dann durch Singen von Weihnachtsliedern fort. Die Briten antworteten, indem sie ihre eigenen Weihnachtslieder sangen. Die beiden Seiten fuhren fort, indem sie einander Weihnachtsgrüße zuriefen. Bald darauf gab es Exkursionen über das Niemandsland, bei denen kleine Geschenke wie Essen, Tabak und Alkohol ausgetauscht wurden, und Souvenirs wie Knöpfe und Mützen. Die Artillerie in diesem Bereich verstummte. Der Waffenstillstand ermöglichte auch eine Verschnaufpause, in der kurz zuvor getötete Soldaten von Bestattungsgruppen hinter die eigenen Linien zurückgebracht werden konnten. Gemeinsame Gottesdienste wurden abgehalten.

Die Feuereinstellung breitete sich auf andere Abschnitte der Front aus, und schließlich nahmen bis zu 100.000 Männer daran teil. In manchen Bereichen ersetzten Fußballspiele zwischen den Kriegführenden den Kampf.

Bis zum 26. Dezember war es vorbei. Die Obrigkeiten erfuhren von dem Zusammenbruch der Disziplin und griffen energisch ein.

joyeux-noel

Im Jahr 2005 produzierte ein internationales Konsortium aus Frankreich, Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Belgien und Rumänien einen Film über den Weihnachts-Waffenstillstand: Joyeux Noёl. Der Film beginnt mit Szenen von Kindern in französischen, britischen und deutschen Grundschulen, die gereimte Verfluchungen rezitieren, die ihnen gegen die gegnerische Seite beigebracht worden waren: der Fluch der britischen Kinder fordert die völlige Auslöschung der Deutschen.

Der Schauplatz wechselt nach Schottland, wo ein enthusiastischer junger Mann, William, atemlos in seine örtliche katholische Kirche eilt, um seinem jüngeren Bruder Jonathan zu verkünden, daß der Krieg erklärt worden ist; sie sollen in zwei Tagen mit ihrer Grundausbildung beginnen. „Endlich passiert etwas in unserem Leben“, jubelt er. Der Priester, Pater Palmer, schaut deutlich weniger enthusiastisch drein.

An der Berliner Oper wird eine Aufführung durch einen Offizier unterbrochen, der auf die Bühne geht, um zu verkünden, daß der Krieg erklärt worden ist. Der führende Tenor, Sprink, wird schnell eingezogen.

In einem französischen Graben betrachtet Lieutenant Audebert sehnsüchtig eine Fotografie seiner schwangeren Frau, Momente bevor er aufgerufen wird, einen Sturmangriff gegen die deutschen Linien anzuführen. In dem folgenden Kampfeinsatz wird der Schotte William tödlich verwundet; sein Bruder Jonathan ist gezwungen, ihn zurückzulassen, ein psychologisches Trauma, von dem er sich nie erholt. Audeberts Männer strömen in einen deutschen Graben, aber als sie um eine Ecke kommen, wird etwa ein Drittel von ihnen von einem deutschen Maschinengewehr niedergemäht.

Währenddessen erhält Sprinks Geliebte Anna die Erlaubnis, vor dem Kronprinzen von Preußen zu singen. Sprink wird von der Front zurückgerufen, um mit ihr aufzutreten, und ist beeindruckt von dem luxuriösen Komfort, in dem die deutschen Befehlshaber leben. Als er an die Front zurückkehrt, besteht Anna darauf, ihn zu begleiten, entschlossen, für die gewöhnlichen Frontsoldaten genauso zu singen wie für die Offiziere im Hauptquartier. (Die Anwesenheit einer Frau an der Front ist eine dichterische Freiheit seitens der Filmemacher.)

Die deutschen Soldaten beginnen, Weihnachtsbäume entlang ihrer Gräben aufzustellen, zum verblüfften Argwohn der französischen Soldaten. Nachdem die Sänger ihre erste Nummer beenden, steigt Beifall von den schottischen Gräben auf. Pater Palmer spielt die ersten paar Takte eines weiteren Weihnachtsliedes auf dem Dudelsack, und Sprink antwortet, indem er das Lied singt, wobei er in das Niemandsland hinausklettert. Lieutenant Audebert deutet seinen Männern, nicht zu feuern. Bald strömen auf beiden Seiten Männer aus den Gräben und teilen Essen und Getränke miteinander. Pater Palmer hält einen Weihnachtsgottesdienst für all die Männer ab.

Am Weihnachtsmorgen erneuern die Offiziere den Waffenstillstand und arrangieren den Austausch ihrer Toten. Dutzende Männer sind zwischen den Linien begraben. Es folgt ein Fußballspiel. Die Offiziere erkennen, daß die Situation unhaltbar ist, und versuchen die Disziplin wiederherzustellen, aber mittlerweile weigern sich die Männer, aufeinander zu feuern.

Ein Bündel von Soldatenbriefen wird von der französischen Obrigkeit abgefangen, wodurch sie auf die Situation aufmerksam werden. Aus Angst, daß ihnen ihr Krieg verdorben wird, lösen die die Division auf und versetzen ihre Mitglieder an verschiedene nicht betroffene Frontabschnitte. Die Deutschen werden an die Ostfront verlagert, um den Russen gegenüberzustehen. Pater Palmer wird durch einen Bischof ersetzt, der eine Predigt hält, in der er die neuen Rekruten zur Auslöschung deutscher Männer, Frauen und Kinder drängt.

Ein Hauptthema des Films ist Musik. Sprinks vorgesetzter Offizier sagt ihm gleich zu Anfang, daß er, nachdem er ein Sänger ist, als Soldat nutzlos ist. Dann ist es das unpassende Vorhandensein von Musik, das zu der ungeplanten Feuereinstellung führt. Am Schluß erblickt der Kronprinz von Preußen, während er seine Männer über ihre Bestrafung informiert, eine Harmonika. Er nimmt sie weg und zertritt sie unter dem Absatz seines Stiefels.

Der Weihnachts-Waffenstillstand von 1914 änderte den Verlauf des Krieges nicht sehr. In zukünftigen Jahren gelang es den Befehlshabern, ähnliche Vorfälle zu unterdrücken. Als der Krieg fortschritt und insbesondere nachdem Giftgas eingeführt wurde, begannen die Soldaten ihre Feinde allmählich als weniger als menschlich zu sehen, wie es die Absicht der höheren Offiziere auf allen Seiten war. Aber er hat in dem knappen Jahrhundert, seit er stattfand, weiterhin die Fantasie des Volkes befeuert. Ein kanadischer Historiker hat geschrieben:

Es war der letzte Ausdruck jener Welt des Anstands und der Moral aus dem 19. Jahrhundert, wo der Gegner ein Gentleman war. Diejenigen, die überlebten, die weitere Weihnachten in dem Krieg erlebten, drückten selber Erstaunen darüber aus, daß dies stattgefunden hatte. Die Emotionen hatten sich in solchem Ausmaß verändert, daß die Art von Menschlichkeit, wie man sie zu Weihnachten 1914 erlebte, unvorstellbar erschien.

Joyeux Noёl verlor Geld an den Kinokassen, und Kritiker haben sich über seine „Sentimentalität“ beschwert. Ich schlage vor, ihn sich diese Weihnachten selbst anzusehen.

*   *   *   *   *   *   *

Siehe auch:

Die Erweiterung des Patriotismus von Sir Oswald Mosley

Nächster Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

5 Kommentare

  1. Siehe auch The Christmas Truce Leaves Living Memory von Baron Bodissey am 22. November 2005 anläßlich des Todes des letzten lebenden Zeugen, des schottischen Sergeant Alfred Anderson im Alter von 109 Jahren.

    Antworten
  2. Hier ist der Trailer zu Joyeux Noel:

    Und hier ein 13:35 min. langer Ausschnitt aus dem Film, wo der Weihnachtswaffenstillstand gerade durch den musikalischen Austausch zustandekommt:

    Antworten
    • Fackel

       /  Dezember 24, 2019

      Joyeux Noël (2005) | Full Soundtrack | Philippe Rombi


      TRACKLIST
      (00:00) 01- Ave Maria 4.24
      (04:24) 02- Ouverture 4.05
      (08:29) 03- Hymne Des Fraternisés 1.26
      (09:55) 04- Anna Et Nikolaus 2.06
      (12:01) 05- La Guerre 5.59
      (18:00) 06- Enterrement Des Soldats 3.04
      (21:10) 07- Bist Du Bei Mir 4.02
      (25:14) 08- Stille Nacht 4.15
      (29:34) 09- La Lettre De Jonathan 0.51
      (30:23) 10- Les Souvenirs De Ponchel 1.18
      (31:43) 11- Le Match De Football 1.49
      (33:33) 12- Le Discours De L’évêque 3.13
      (36:48) 13- Le Courrier Des Soldats 1.32
      (38:20) 14- War Adagio 5.07
      (43:29) 15- Thème De L’absence 7.11
      (50:40) 16- Hymne Des Fraternisés „I’m Dreaming Of Home“ 4.24
      (55:04) 17- Adeste Fideles 4.15
      (59:20) 18-Invitations „I’m Dreaming Of Home“ 2.57
      (1:02:19) 19- Anna Et Nikolaus 2.29
      (1:04:50) 20- Aria Pour Violon Et Orchestre D’après L’Ave Maria 3.59
      (1:08:49) 21- Hymne Des Fraternisés 4.25

      Antworten
  3. Zum Nachlesen ein paar Wiki-Links zum Weihnachtsfrieden von 1914 (Ähnliches gab es auch an der der Ostfront und später an der Italienfront):

    Weihnachtsfrieden (Erster Weltkrieg)

    Christmas Truce

    Trêve de Noël

    Dieser „kleine Weihnachtsfrieden im Großen Krieg“ lieferte auch die Inspiration zum Lied Snoopy’s Christmas der Royal Guardsmen von 1967. Darin begegnen Snoopy und der „Rote Baron“ Manfred von Richthofen einander zu Weihnachten im Luftkampf. Der Rote Baron hat Snoopy in einer Position, wo er ihn abschießen könnte, tut es aber nicht, sondern zwingt ihn hinter den Linien zur Landung. Dort trinken die beiden auf Weihnachten und starten dann wieder, wissend, daß sie einander eines Tages wieder begegnen werden:

    Antworten
  4. A propos Roter Baron und Snoopy: Im Blog „Airminded“ ist am 20. August 2018 ein Artikel von Brett Holman erschienen, der ein Beispiel dafür schildert, wie unrichtige historische Wahrnehmungen auch ganz ohne politische oder metapolitische Agenda durch mediale Präsentation zustandekommen können. Der Autor ist der von ihm lange gehegten Vorstellung (die wohl auch die von uns allen ist) nachgegangen, daß Manfred von Richthofen schon zu Lebzeiten auf beiden Seiten der Front als „Roter Baron“ bezeichnet wurde, und hat Überraschendes herausgefunden.

    Hier ist meine Übersetzung seines Beitrags, ohne die darin enthaltenen Bilder und Grafiken (aber mit einem Snoopy-Comic, der im Original nur verlinkt war), und die Links habe ich bis auf einige Ausnahmen ebenfalls nicht übernommen:

    When was the Red Baron?

    Manfred von Richthofen ist unzweifelhaft der berühmteste Flieger des Ersten Weltkriegs, möglicherweise aller Zeiten. Aber er ist nicht so sehr unter seinem Namen berühmt wie unter seinem Spitznamen: er ist der Rote Baron, ein Verweis auf sein rotes Flugzeug und seine aristokratische Geburt. [Anm. d. Ü.: wie die meisten von euch wissen werden, war er aber ein Freiherr und kein Baron.] Er beschwört sofort Bilder von Rittern am Himmel herauf, die in der Luft miteinander kämpfen, bis einer zu Fall gebracht wird und dem Boden weit unten entgegentaumelt. Als Beispiel ist hier ein Bericht aus der britischen Presse über „The end of the Red Baron“:

    Kavalleriehauptmann Baron von Richthofen wurde an dem Tag im Luftkampf abgeschossen, an dem die deutschen Zeitungen seinen 79. und 80. Sieg verkündeten. Boyd Cable schreibt: „Der Rote Baron mit seinem berühmten ‚Zirkus‘ entdeckte zwei unserer Artilleriebeobachtungsmaschinen, und als ein paar nachfolgende angriffen, zog der größere Teil des ‚Zirkus‘ sich zurück, um es dem Baron zu ermöglichen, ranzugehen und die beiden abzuschießen. Sie lieferten einen Kampf, und während der Baron sich in Position manövrierte, erschien eine Anzahl unserer Lightning-Scoutmaschinen und griff den ‚Zirkus‘ an. Der Baron schloß sich dem Kampfgetümmel an, das sich in Gruppen zerstreute und zu etwas wurde, das unsere Männer einen ‚dog fight‘ nennen. In dessen Verlauf hängte der Baron sich an das Heck eines Kampfaufklärers, der in den Sturzflug ging, mit dem Baron dicht dahinter. Ein weiterer unserer Aufklärer sah das, stürzte dem Deutschen hinterher und eröffnete das Feuer auf ihn. Alle drei Maschinen kamen dem Boden nahe genug, um von Infanterie-Maschinengewehren beschossen zu werden, und man sah, wie der Baron schlingerte, seinen Sturzflug fortsetzte und in unsere Linien krachte. Seine Leiche und der berühmte blutrote Fokker-Dreidecker wurden danach von der Infanterie hereingebracht, und der Baron wurde mit vollen militärischen Ehren begraben. Er war von einer Kugel getroffen worden, und die Wunde zeigte deutlich, daß er von dem Piloten getötet worden war, der ihm hinterhergestürzt war.“

    Das Seltsame ist, daß dies die einzige Verwendung der Phrase „Red Baron“ im British Newspaper Archive in Bezug auf Richthofen für den gesamten Krieg war – und selbst da erst nach seinem Tod. Genauso wenig habe ich sie in den anderen größeren englischsprachigen Zeitungsarchiven finden können: Gale NewsVault, ukpressonline, Welsh Newspapers Online, Trove, PapersPast, oder Chronicling America. (Ich kann tatsächlich etliche Erwähnungen von „red Baron“ im BNA während des Krieges finden, aber die haben nichts mit dem „Roten Baron“ oder überhaupt mit einer Person zu tun: es war der Name eines Preisträgers in der Show der Royal Ulster Agricultural Society von 1912, der 1916 als „Red Baron“ bezeichnet wurde, „der Zuchtbulle in der Herde des ehrenwerten Frederick Wrench, Killacoona, Ballybrack, der sich für ihn als solch eine veritable Goldgrube erwiesen hat“. Genausowenig erscheint „red Baron“ im Magazin Flight während des Krieges, noch in der englischen Übersetzung von Richthofens Autobiographie Der Rote Kampfflieger, die bezeichnenderweise als „The Red Battleflyer“ übersetzt wurde.

    Falls Richthofen während des Krieges „Roter Baron“ genannt worden war, wie ich angenommen hatte und wie anscheinend verbreitet geglaubt wird, so scheint diese Praxis nicht ihren Weg in die Presse gefunden zu haben und kann daher nicht sehr verbreitet gewesen sein. Vielleicht war es ein Spitzname, der ihm von alliierten Fliegern verpaßt worden war, auch wenn etwas weniger Höfliches als wahrscheinlicher erscheint. Aber auf jeden Fall muß Wikipedias Behauptung:

    Richthofen malte sein Flugzeug rot an, und dies kombiniert mit seinem Titel führte dazu, daß er in Deutschland und außerhalb davon „der Rote Baron“ genannt wurde

    eingeschränkt werden, und zwar sehr.

    Wenn es den Roten Baron im Großen Krieg faktisch nicht gab, wann gab es ihn dann? Die Richthofen-Biographien, die ich konsultieren konnte, befassen sich mit dieser Frage nicht sehr klar. Peter Kilduff zum Beispiel zählt „The Red Baron“ bloß als einen von Richthofens Spitznamen auf, ohne zu sagen, wer ihn so nannte und wann. In einem Text von 1969 behauptet William Burroughs:

    Britische Piloten nannten in Bloody Red Baron, Jolly Red Baron und Le Diable Rouge – den Roten Teufel. Manche britische Infanteristen nannten ihn Red Falcon oder Red Devil.

    Diese selbstsichere Liste von Spitznamen ohne Quellenangabe muß als sehr für Zweifel offen betrachtet werden. Frühere Biographien wie jene von Floyd Gibbons (1930) und „Vigilant“ (d. h., Claud W. Sykes, 1934) scheinen den Roten Baron gar nicht zu erwähnen: sie nennen ihn beide Red Knight, sogar in ihren Titeln. Es ist sicherlich möglich, einige Verweise auf den Roten Baron in den 1920ern und 1930ern zu finden. Zum Beispiel konnte der Derby Daily Telegraph 1928 als Teil eines Retrospektivartikels über die Schlachtfelder der Westfront schreiben:

    Es war nahe Corbie, wo der berühmt-berüchtigte „Rote Baron“ von Richthofen, der tödlichste deutsche Luftkämpfer des Krieges, heruntergeholt wurde.

    Und ich habe die relevante Literatur keineswegs erschöpfend durchforstet (und ich bin sicher, daß dort einige Verwendungen von „Roter Baron“ zu finden sind). Dennoch scheint es, als sei Richthofen bis etwa 1960 sehr selten Roter Baron genannt worden. Umgekehrt war es ab etwa 1970 fast unmöglich, ihn nicht so zu nennen: Ich denke nicht, daß ich ein einziges Buch über ihn aus dem letzten halben Jahrhundert gefunden habe, das nicht auch „Roter Baron“ irgendwo im Titel hat. Ein Ngram-Plot von ‚Red Baron‘ vs ‚von Richthofen‘ auf Google Books untermauert das (obwohl zu beachten ist, daß es auch andere berühmte Richthofens gibt).

    Etwas scheint Mitte der 1960er geschehen zu sein, das den Roten Baron extrem populär gemacht hat. Und was dieses Etwas war, scheint offensichtlich zu sein: Snoopy, der bekanntlich Tagträume davon hatte, ein As im Royal Flying Corps und ein alter Rivale von niemand anderem als dem schwer zu erwischenden Roten Baron zu sein. Wie es der Zufall will, erschien der Rote Baron erstmals im Peanuts-Comic im Oktober 1965:

    https://peanuts.fandom.com/wiki/Red_Baron?file=19651010.jpg#In_the_comic_strip_and_TV_specials

    …dem im September 1966 ein Bestseller-Kinderbuch mit dem Titel Snoopy and the Red Baron folgte – das erste Buch, von dem ich weiß, das „Red Baron“ im Titel hat. Die Peanuts waren und sind riesig populär und werden von vielen Millionen Menschen auf der ganzen Welt gelesen; Snoopy mit seiner Piloten-Persona ist wahrscheinlich der Charakter mit dem größten Wiedererkennungswert. Die Peanuts sind in andere Medien übergewechselt, insbesondere einschließlich eines weltweiten Hits der Royal Guardsmen von 1966/67, „Snoopy vs the Red Baron“:

    Ich denke nicht, daß irgendetwas davon ein Zufall sein kann. Was immer die letztendliche Inspiration war – Charles M. Schulz, der Schöpfer der Peanuts, kam durch die Flugzeugmodellbauerei seines Sohnes auf die Idee -, Snoopy ist (mit Hilfe der Royal Guardsmen) dafür verantwortlich, daß der Rote Baron zum Roten Baron gemacht wurde.

    Wann gab es den Roten Baron? Nicht vor ungefähr 1966, nahezu ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod.

    Antworten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: