Ungarn: Die Vergangenheit ist zurück, um die Gegenwart zu regieren

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Von George Handlery; Original: Hungary: The Past is Back to Rule the Present, erschienen am 31. Oktober 2006 im Brussels Journal (Bilder vom Übersetzer eingefügt).

Ich ging nach Ungarn, um an einer herzzerreißenden Hommage an eine historische Sache teilzunehmen. Was ich erlebte, erwies sich als eine schockierende Übertragung der totalitären Vergangenheit in die diktatorische Gegenwart. Dieser Artikel handelt von mehr als einem Land, welches das Unglück hatte, Schauplatz der darzustellenden Ereignisse zu sein. Dieser Text handelt von den Symptomen eines Leidens, des neu verpackten Kommunismus, der nur so lange „demokratisch“ ist, wie er einen diktatorischen Kern mit demokratischer Theatralik tarnen kann.

Vor fünfzig Jahren erschütterte ein antikommunistischer Aufstand die Welt. Bald danach überwand die ohnmächtige internationale Gemeinschaft ihre Scham, indem sie die Verbrecher vergaß und deren Opfer, die sie bemitleidet hatte, bevor sie entdeckte, daß Mitgefühlsbekundungen leichter sind als zu helfen. Am 23. Oktober 1956 forderte ein kleines Land, Ungarn, den Status quo der Nachkriegszeit in Osteuropa heraus. Der Versuch, ein Joch abzuschütteln, selbst wenn er von der sowjetischen Rüstung zermalmt wurde, hinterließ einen Pilzbefall, der die Auflösung des Kerns des Roten Imperiums verursachte. 1956 zeigte Ungarn den Groll unterworfener Völker und bedeutete den bereitwilligen Beschwichtigern, daß es eine verlorene Sache ist, Moskau spontan herauszufordern. 1968 bewies der von der KP angeführte Prager Frühling, daß parteigeführte Reformen ebenfalls scheitern. 1989 bewies, daß das „System“ nur reformiert werden konnte, indem man es zuerst zerstörte.

Ich kehrte nach Budapest zurück, um am Gedenken anläßlich des 50. Jahrestages der Revolution teilzunehmen. Die Absicht war, einem bahnbrechenden Ereignis unserer Zeit und der definierenden Episode meines persönlichen Lebens Ehre zu erweisen. Um dafür zu danken, daß ich eine Rolle in der Schußlinie überlebte, indem ich nicht da war, um gehängt zu werden, war ein Essay „über das alles“ geplant. Dementsprechend wurde dieser Beitrag durch Veröffentlichung zweier vorbereitender Artikel vorbereitet. Atemberaubende Ereignisse sind an die Stelle des Plans getreten und haben bewiesen, daß es bei Geschichte um mehr geht als um die Erweiterung der Vergangenheit in die Zukunft. Geschichte ist die Entfaltung des Unvorhersehbaren, und ihre Entwicklung beinhaltet das Fehlen erkennbarer Vorstufen – bis danach.

Zwei separate Gedenkveranstaltungen waren für den 23. Oktober geplant. Eine war die offizielle Hommage, die von den regierenden Sozialisten veranstaltet wurde und an der wenige außer den Vertretern ausländischer Regierungen teilgenommen hatten. Diejenigen, die sich mit der Revolution identifizierten, wußten, daß die VIPs vom Premierminister abwärts die Nachfahren der Kommunisten sein würden, die damals bekämpften, was der Opportunismus sie jetzt zu bejubeln zwingt. Natürlich blieb auch die Linke fern, weil sie keine Lust dazu hatte, sich vor etwas zu verbeugen, das sie gefährdet hatte. Es genügte nicht für die Überwindung dieser Vorbehalte, daß die Partei des Premierministers behauptet, daß ’56 eine „sozialistische Revolution“ war, weil sie aus dem später hingerichteten Imre Nagy – einem erklärten Kommunisten – einen Premierminister machte. Die Maskerade hatte für jene, die Ungarn regieren, einen weiteren irritierenden Aspekt. Medaillen sollten am staatlichen Veranstaltungsort überreicht werden. Jedoch weigerten sich viele der Ausgezeichneten, dem Premierminister die Hand zu schütteln – der zusätzlich von einem frischen Skandal beschmutzt ist, in welchem er zugab, daß er „morgens, mittags und am Abend“ gelogen hat, um gewählt zu werden.

Das, was zum „Hauptereignis“ wurde, wurde Wochen zuvor von den Jungen Demokraten (Fidesz), der Opposition, geplant. Dies ist die Versammlung, an der ich teilnahm. Etwa hunderttausend, ältere Leute, Familien, Junge, viele in ihrem besten Sonntagsgewand, kamen, um einen milden Nachmittag an einer Hauptkreuzung von Budapest zu verbringen. Viel von dem ziemlich faden Programm war nicht zu verstehen, weil – nicht zufällig – ständig Hubschrauber über uns schwebten. Herrn Orbàns Rede – er hatte als Premierminister gedient und führt die Jungen Demokraten – kam zuletzt. Mein Interesse war groß, nachdem er oft als charismatischer Rechtsextremist beschrieben wird. Hier hatte ich meine Gelegenheit, den Teufel in Person zu erleben. Orbàns Ansprache war lauwarm. (Er hatte sich vielleicht zurückgehalten, um das Bild vom zu cleveren Redner zu überwinden.) Daher peitschte kein Hurrikan die Wogen auf, und es wurde die Notwendigkeit der Gewaltlosigkeit erwähnt. Sobald Herr Orbàn fertig war, wurden wir gebeten, die Nationalhymne zu singen. Dann wurden die großen Videowände dunkel. Wir machten uns nach Hause auf – und unabsichtlicherweise in ein „interessantes“ Erlebnis.

Budapest 2006-10-23a

In diesem Stadium war ich etwa hundert Yards [ca. 90 m] von der Front der Menschenmenge entfernt. Nachdem ich mich umdrehte, sah ich, daß jenseits der Leute, die jetzt vor mir standen, 300 bis 500 Yards der Straße voraus leer war. Jenseits davon war Polizei, die ich nicht sehr beachtete. Als wir uns ein paar Meter bewegten, geschah das Unmögliche. Ohne jegliche Warnung griff berittene Polizei mit gezogenen Schwertern an. Unfähig zu glauben, was geschah, waren wir wie gelähmt. Sobald sie über uns waren, versprühten ihre Wasserwerfer eine beißende grüne Flüssigkeit, und wir bekamen Salven von Gummigeschossen und Tränengasgranaten ab. Der Schock des Angriffs, die Geschosse – manche aus Schnellfeuerwerfern abgefeuert – erzeugten eine Panik. Selbst als wir davonrannten, ging das Schießen weiter (verwundete Rücken), und bei der Verfolgung wurden Granaten in die Häuser gefeuert, in die wir flohen. Visuell machte das Bluten großen Eindruck, und für die Hartgesottenen gab es das übelkeiterregende Gas, verstärkt durch Hiebe für diejenigen, die sich nicht ducken konnten. (Unsere sechsköpfige Gruppe kam über Stunden verteilt und in vier Partien nach Hause.)

Mit etwas Glück schaffte ich es, in einer Nebenstraße vor einer Synagoge zu landen – Europas größter, wie ich hörte. Während ich versuchte, mich selbst zu retten, mußte ich an eine junge Frau mit einem vor ihr hängenden Baby und einem in einem Kinderwagen denken, die in meiner Nähe war, als all dies anfing. Während ich u entkommen versuchte, indem ich mich von der Richtung des Angriffs entfernte, stieß ich auf Leute, die dorthin zu fliehen versuchten, von wo ich wegrannte. Es wurde bald klar, daß mindestens mehrere der vier Straßen, die zu der Kreuzung führten, wo wir die Ansprache gehört hatten, von Bereitschaftspolizei blockiert wurden. [Anm. d. Ü.: im Original heißt es hier „by riot(ing) police“.] Daher überrascht es, daß die Verwirrung und die Panik nicht in ein Blutbad eskalierten.

Ein paar Details sollten hier vielleicht hervorgehoben werden. Zum einen war dies keine Demonstration, sondern ein Akt der Hommage – an dem auch ein Priester teilnahm. Ja, es wurden Forderungen nach dem Rücktritt des lügnerischen Premierministers geschrien, aber dies kommt kaum einer Aufwiegelung gleich. Die Regierung behauptet, daß weiter vor uns Hooligans aktiv waren. Hätte die Polizei die Sicherheit bewahren wollen, hätte sie den Boulevard abriegeln können, um die Menge durch die Nebenstraßen zu leiten, die entlang unserer geplanten Route lagen. Wäre die Zerstreuung der Menge das Ziel gewesen, so hätte man sie nur nach Hause gehen zu lassen brauchen, wozu sie sich gerade anschickte. Das tatsächliche Konzept für den Einsatz wird durch einen neuen Bericht enthüllt, den ich besitze. Um 8 Uhr abends herum – also Stunden, nachdem die Unruhen begann – platzte die Polizei in ein vornehmes Restaurant. Die Gäste wurden nach ihren Papieren gefragt. Dann wurden sie – einschließlich Ausländern und des Kochs – geschlagen. Ein Mann wird Wochen brauchen, bis sein Schädelbruch und seine zerschmetterte Hand heilen werden. Sobald sie fertig war, füllte die Bereitschaftspolizei das Etablissement mit Tränengas und schloß die Türen.

Nun zu den von der Bereitschaftspolizei eingesetzten Mitteln. Das Gas scheint intensiver gewesen zu sein als alles, was ich je erlebte. Die Geschosse durchschlugen Kleidungsstücke und erzeugten recht große Wunden. Weiters kommen hinsichtlich des Einsatzes dieser Mittel einige Seltsamkeiten ans Licht. Die Granaten wurden nicht in die Luft oder über die Menge hinweg gefeuert, sondern genau in diese hinein gezielt. Auch wurde mit den Gummigeschossen nicht auf die Beine gezielt, sondern auf die Köpfe der Versammelten. Die Presse berichtet, daß ein Mann fünf Wunden am Rücken hatte. Die Verletzungen entsprechen in ihrem Ausmaß und in ihrer Zahl dem Einsatz dieser Waffen. Die Mißhandlungen waren kaum das Ergebnis individueller Exzesse. Die These einer geplanten Aktion wird untermauert: Während die Identifikationsschilder ein vorgeschriebener Teil der Uniform sind, trugen unsere maskierten Peiniger keine. Später erklärten die Behörden, daß nur Uniformen ein ID-Schild haben müssen, nicht aber Trainingsausrüstungen. Die Beseitigung von „Fingerabdrücken“ ist offenkundig ein Anliegen. Einige, die inhaftiert und verprügelt worden waren, wurden einen Tag später erst freigelassen, wenn sie eine Verzichtserklärung unterzeichneten, daß sie keine Ansprüche gegen ihre Häscher haben.

Es gibt da noch mehr. Am „Tag danach“ gibt Budapests Polizeichef ein Interview. Er wird wegen der Verwendung eines speziellen Polizeischlagstocks namens „Viper“ gefragt. „Vipers sind illegal. Wir verwenden sie nicht. Zeigen Sie mir nur eine!” Am nächsten Morgen erscheinen Bilder – mit viper-schwingender Bereitschaftspolizei. (Der Polizeichef ist immer noch im Amt.) Diese Darbietung steht nicht hinter der des Premierministers am selben Tag zurück. Im Parlament verkündete er, daß es im öffentlichen Leben Ungarns keinen Platz für Gewalt gäbe. Die „Demonstranten“ wollten den Jahrestag „dem Volk“ wegnehmen und versuchten, das Land „als Geisel“ zu nehmen. Das Mikro eines Befragten wurde abgeschaltet, bevor er zu Ende reden konnte.

Drei Fälle von Greueltaten verdienen besondere Erwähnung. Ein Parlamentsabgeordneter nutzte einen Moment der Ruhe zwischen der Polizei und der Menschenmenge. Seine ID-Karte schwenkend, die ihn als Parlamentarier auswies, ging er zu den Polizisten. Sie sahen sich die ID-Karte an und schlugen ihn zusammen. Ein Knochenbruch, ein bandagierter Kopf – er hat Gedächtnisschwund – und ein Arm in Gips waren der Preis, den er bezahlte. Der zweite Fall ist der eines Priesters. Er versuchte die Parteien zu beruhigen. Die Polizei erhielt einen Befehl, ihn niederzuknüppeln. Ein Polizist rief: „Aber er ist ein Priester!“ „Dann gebt es ihm erst recht“, war die Antwort. In mindestens einem Fall wurde eine ganze Salve auf und in einen Rettungswagen des Roten Kreuzes und seine Besatzung abgefeuert, die Verletzte einluden. Das Fernsehen zeigte mehrere Szenen, die die Greueltaten dokumentierten. In einer typischen davon steht ein Mann mit einer Flagge allein auf einer Straße. Er wird von vier Männern angegangen. Nachdem er auf den Gehsteig geschmissen wurde, fällt eine Masse von Polizisten über ihn her, um ihn zu schlagen und zu treten. Verständlicherweise erhielten Fernsehteams besondere Aufmerksamkeit, die sich in Form von Gummigeschossen manifestierte. Ein polnisches Team machte den geschlagenen Jesuiten ausfindig und versuchte ihn zu interviewen. Bereitschaftspolizei befahl ihnen zu gehen, da sie keine Genehmigung hatten. Die Polen meinten, daß man in einem EU-Land keine Genehmigung brauche. Höchst aufschlußreich erwiderte die Polizei: „Hier gibt es keine EU.“ Diese Tatsachenfeststellung erhebt eine gute Frage: wo ist die EU, wo ist die ansonsten so leicht zu empörende internationale Presse?

Meine Erlebnisse, die bewiesen, daß das, was angeblich „Geschichte“ ist, lebendig genug ist, um wiederholt zu werden, legen entmutigende Einsichten nahe. Der Angriff auf die Versammlung hatte keinen anderen erkennbaren Zweck, als die Teilnehmer und die Parteien zu demütigen, die die Zeremonie abhielten. Rache dafür zu nehmen, bei der offiziellen Feier ignoriert zu werden, und für den verweigerten Handschlag für den Premierminister durch Teilnehmer fügt Rache als Motiv hinzu. Bald wird das bankrotte Land wirtschaftliche Verschärfungen erleben, und der Lebensstandard, einschließlich desjenigen derer, die für die Versprechungen der Sozialisten stimmten, wird sinken. Jetzt die entschlossene Stärke der Herrschenden gegen eine entwaffnete Gesellschaft zu demonstrieren, könnte den Mut dämpfen, später zu protestieren.

Ich ging nach Budapest, um ein Geschehen vor einem halben Jahrhundert zu feiern, das ungeachtet seiner Niederlage zur Wiedererrichtung der Demokratie geführt hatte. Was ich erlebte, legt den Schluß nahe, daß die Substanz der Demokratie noch immer nicht angekommen ist. Inzwischen beanspruchen Ungarns „sozialistische“ Herrscher 1956 als sozialistische Revolution für sich. Jedoch offenbarten die stalinistischen Gesichtszüge, die zum Vorschein kamen, sobald die Maske verrutschte, ein anderes Bild. Der kurze Blick läßt darauf schließen, daß diese Leute, wenn 1956 per Zeitmaschine wiedergekehrt wäre, genauso gehandelt hätten, wie es ihre politischen Vorgänger taten, als das Land es wagte, sich gegen die Ketten des Kommunismus zu erheben. Schlußfolgerung: nicht sie haben sich geändert; die Umstände sind geändert worden und mit ihnen die Taktik der Dominanz.

Leider, und bezeichnend für ein grundsätzliches Problem, hat die dokumentierte, unberechtigte und exzessive Gewalt nicht die nötige nationale Empörung bewirkt. Tatsächlich stieg die Unterstützung für die Sozialisten von 18 auf 24 %. Trotzdem kann man mit Sicherheit vorhersagen, daß die Wirtschaftskrise bald die Apathischen treffen wird, denen hauptsächlich daran liegt, Bier und Würste zu kriegen. Die resultierende Unzufriedenheit wird auf nationaler Ebene eine verheerende Niederlage der „Sozialisten“ bewirken. Sie könnte schlimmer sein als die Schlappe in den Lokalwahlen am 1. Oktober. Nachdem ich da Ausmaß der Schändlichkeit erlebt habe, zu dem die sozialistisch-linksliberale Regierung bereit ist, ist eine Frage von großer Bedeutung: Wird zugelassen werden, daß die abgegebenen Stimmen und die offiziell verkündete Mehrheit übereinstimmen? Immerhin gibt es selbst hinsichtlich der letzten nationalen Wahl einige Zweifel darüber, wie nahe die abgegebenen Stimmen und die Resultate miteinander in Zusammenhang stehen.

*   *   *   *   *   *   *

Quelle der Übersetzung:  hier.  Siehe zum Vergleich auch den Artikel, den George Handlery über die sechs Jahre später stattfindende Gedenkfeier zum selben Anlaß („56 Jahre seit ’56“) schrieb: Hommage an die Vergangenheit, um die Zukunft zu retten

Noch eine Leseempfehlung: The  EU Rip-Off von Tom Sunic im „Occidental Observer“ vom 19. Juni 2009, worin unter anderem von der attraktiven Jobbik-Parlamentarierin Krisztina Morvai die Rede ist.

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