Warum haben die Europäer die moderne Welt geschaffen? – Teil 3

Von Fjordman; der Originaltext Why Did Europeans Create the Modern World? — Part 3 erschien am 26. September 2009 auf Gates of Vienna. (Bilder vom Übersetzer hinzugefügt.)

Dass das Klima in irgendeiner Beziehung zu der Kultur und der Mentalität unterschiedlicher Völker stehen könnte, ist eine schon alte Idee, die auf den griechischen Geographen Strabon [gest. um 24 n. Chr] zurückgeht, die es aber auch in China gegeben hat, bei Ibn Chaldun im mittelalterlichen Nordafrika, und in Frankreich bei dem großen politischen Denker Baron de Montesquieu in Vom Geist der Gesetze (De l´esprit des lois, 1748), also lange bevor es eine zusammenhängende Theorie der Evolution oder ein Wissen über genetische Mutation gegeben hat.

Wie wir gesehen haben, ist die hauptsächliche Hypothese über die Intelligenzunterschiede zwischen ethnischen Gruppen, so wie sie von Michael H. Hart in Understanding Human History propagiert wird, die, dass die in kälteren Gegenden lebenden Menschen eine höhere Intelligenz entwickeln mussten, um in ihrer rauhen natürlichen Umgebung überleben zu können. Zehntausende von Jahren lang könnte dies in der Tat der wichtigste Antrieb für die menschliche Evolution gewesen sein, nicht aber unbedingt der einzige. In den letzten Jahrtausenden, nach der Entwicklung der Landwirtschaft und der Städte, haben auch andere zusätzliche Antriebskräfte eine Rolle gespielt. Die Menschen selbst begannen nun zunehmend ihre Umwelt zu formen und können sich jetzt z. B. elektrischer Heizung in subarktischen Gebieten erfreuen. Eine der faszinierendsten Geschichten über die menschliche Evolution hatte aber anscheinend nichts mit kaltem Wetter zu tun, nämlich die Geschichte der Gemeinschaften der aschkenasischen Juden im mittelalterlichen Europa.

Nach einer von Gregory Cochran, Jason Hardy und Henry Harpending im Jahr 2005 vorgestellten Hypothese, die weitgehend von Hart unterstützt wird, ist der außerordentlich hohe durchschnittliche Intelligenzquotient heutiger aschkenasischer Juden ein Beispiel für die Darwinsche Evolution als Antwort auf von außen einwirkenden sozialen Druck, insofern als europäische Juden viele Jahrhunderte lang eine sehr schmale und ungewöhnliche ökonomische Nische als Kaufleute, Steuereintreiber und Geldverleiher innehatten, also Beschäftigungen, für die eine hohe Intelligenz einen großen praktischen Wert hatte. Der christlichen Mehrheitsbevölkerung war es verboten, Zinsen zu nehmen, während den Juden viele Berufe verschlossen waren. Nur dem gelang es in diesem kulturellen Klima, sich zu behaupten und seine Gene weiterzugeben, der einen sehr hohen IQ hatte.

Diese Situation dauerte vom frühen Mittelalter bis zur gesetzlichen Emanzipation der Juden nach der Aufklärung und bewirkte ein soziales Umfeld, das den durchschnittlichen IQ eines ganzen Volkes beträchtlich anhob.

Diese Kombination von Faktoren hatte es in der Antike nicht gegeben. In der islamischen Welt sahen sich die Juden in Handel und Verwaltung in Konkurrenz mit anderen Bevölkerungsgruppen wie z. B. Griechen und Armeniern; sie wurden dort a von den Muslimen auch diskriminiert, aber es ergab sich kein ähnlicher Anstieg des Intelligenzquotienten. Für diesen Effekt genügte “Diskriminierung” allein nicht.

Der wissenschaftliche Beitrag der Griechen im Zeitraum von 500 v. Chr. bis 200 n. Chr. überragt den vergleichsweise geringen Beitrag der Juden im gleichen Zeitraum in beträchtlichem Maß, aber dieses Bild kehrt sich vom 19. Jahrhundert an völlig um. Jetzt haben wir jüdische Genies wie Einstein, aber keine griechischen Genies mehr, die mit Aristoteles und Archimedes vergleichbar wären. Wir haben keinen überzeugenden Beweis, dass im Altertum die Juden ein sehr hohes Intelligenzniveau gehabt hätten. Diejenigen, die dies behaupten, verweisen auf den unverhältnismäßig großen Einfluss jüdischer religiöser Texte aus dieser Ära, aber das Fehlen herausragender jüdischer Wissenschaftler jener Zeit sowie die Tatsache, dass die Juden des Mittleren Ostens heutzutage keinen ungewöhnlich hohen IQ haben, zeigen, dass die hohe Intelligenz bei den Juden aus der europäischen Diaspora ein Produkt der nach-römischen Zeit ist.

Dieses Beispiel der aschkenasischen Juden ist aus einer ganzen Reihe von Gründen interessant. Zunächst schon allein wegen der Geschwindigkeit der Entwicklung: Die Intelligenz eines ganzen Volkes erhöhte sich um vielleicht 10 IQ-Punkte in ungefähr 1000 Jahren, also um viele Male schneller als die langsamere “klimatische” Entwicklung eines höheren IQ während der vorhergehenden Jahrtausende. Zweitens, diese Entwicklung war höchstwahrscheinlich von der sozialen und kulturellen Umwelt verursacht, nicht von der natürlichen, wie es während der Steinzeit der Fall gewesen war. Die europäischen Juden haben nicht einen höheren IQ entwickelt, weil sie in einem kälteren Klima als die anderen Europäer lebten; die Entwicklung war die unbeabsichtigte Folge von sozialen Zwängen, die sie in ein schmales Spektrum von Berufen zwang, in denen ein hoher IQ absolut nötig war; und es war ihnen möglich, dieses Merkmal weiterzugeben, weil  relativ wenige Heiraten zwischen der christlichen Mehrheit und der jüdischen Minderheit stattfanden. Schließlich aber, und das ist das Wichtigste: dies Beispiel beweist gegen jeden Zweifel, dass die menschliche Evolution bis in historische Zeiten weitergegangen ist und wahrscheinlich sogar heute noch bedeutsame Resultate erzielen kann.

Wie bereits erwähnt, spricht Jared Diamond in Die Schicksale menschlicher Gesellschaften nicht über die Möglichkeit menschlicher Evolution während der letzten 50.000 Jahre, da er dies für “rassistisch” hält. Jedoch: sein Bestseller wurde von einer Person mit hohem Intelligenzquotienten geschrieben. Die Ironie liegt nun darin, dass Jared Diamonds Theorien die Existenz von Jared Diamond nicht erklären können. Mr. Diamond ist ein Aschkenase, wie es auch Michael H. Hart ist, was nun wiederum bedeutet, dass er aus der ethnischen Gruppe mit dem höchsten durchschnittlichen IQ auf unserm Planeten stammt. Und diese ist nun auch zugleich die ethnische Gruppe mit der höchsten Zahl an Nobelpreisen – bezogen auf die Kopfzahl der Gruppe – in den Naturwissenschaften, was ein starker Hinweis darauf ist, dass der IQ tatsächlich etwas misst, das in der Diskussion über Intelligenz von Relevanz ist.

Es lassen sich mehrere Einwände gegen den IQ als Messinstrument erheben. Der bei weitem am häufigsten erhobene ist der, dass es unmoralisch ist, weil es impliziert, dass nicht alle Menschen die gleiche Intelligenz haben. Dies ist ein gänzlich wissenschaftsfeindliches Argument und sollte auch als solches zurückgewiesen werden.

Der zweite Einwand ist, dass Messungen des Intelligenzquotienten von ihrer Natur her “eurozentrisch” und daher nicht neutral sind, weil sie ursprünglich von Europäern entwickelt wurden. Dies ist ein törichtes Argument. Fast alle modernen Messungen von allen möglichen Größen, von der elektrischen Ladung bis zum Luftdruck, wurden von Westeuropäern erfunden. Soweit ich weiß, waren Europäer die einzigen, die ein Barometer konstruiert und damit eine Methode zur Messung des atmosphärischen Druckes entwickelt haben. Man müsste also, will man dieser Logik folgen, genau wie den IQ auch die meteorologischen Begriffe “hoher Druck” und “niedriger Druck” zurückweisen, da diese Konzepte ausschließlich von Europäern entwickelt worden sind. Wer das tut, dem wünsche ich viel Glück bei dem Versuch, eine nicht-europäische Wettervorhersage zu schaffen.

Ein anderer möglicher Einwand ist, dass die menschliche Intelligenz zu komplex ist, um von einfachen Tests und Zahlen erfasst zu werden. Intelligenz ist eine komplexe Einheit, die sich aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt, von denen nicht alle vom IQ hinreichend gemessen werden, aber es ist bewiesen, dass wenigstens einige Aspekte der Intelligenz von solchen Tests angezeigt werden können. Juden europäischer Herkunft bilden die ethnische Gruppe auf dem Planeten mit dem höchsten Durchschnitts-IQ, sie haben aber nie ein eigenes Land gehabt. Israel ist ein vorwiegend jüdischer Staat, hat aber eine große Minderheit muslimischer Araber, und die Juden aus dem Mittleren Osten und aus Äthiopien haben keine so hohen IQs. Deswegen ist wahrscheinlich Japan das Land mit dem höchsten durchschnittlichen IQ, was sehr gut zu dem hohen technologischen Niveau Japans passt. Die Ostasiaten – Koreaner, Japaner und Chinesen – haben alle sehr hohe IQs. In den Universitäten des Westens, wo Menschen aus allen Teilen der Welt unter den gleichen Voraussetzungen miteinander konkurrieren, sind es die Juden, Ostasiaten und Europäer, die allgemein am besten abschneiden, und sie alle gehören zu Gruppen mit hohem IQ.

Wenn “Asiaten” ein durchschnittlicher IQ von rund 105 zugesprochen wird, dann sind Ostasiaten, oder, genauer gesagt, Nordostasiaten gemeint, in erster Linie also Japaner, Koreaner und Chinesen. Ich bin bereit, diese Zahl als mehr oder weniger zutreffend anzunehmen. Dass Menschen europäischen Ursprungs bereit sind, diese IQ-Tests zu akzeptieren, obwohl sie nicht unbedingt an der Spitze der Rangfolge erscheinen, stärkt die Glaubwürdigkeit der Intelligenzmessungen. Sogar innerhalb Europas sind Unterschiede in den nationalen Durchschnitts-IQs wahrzunehmen, und sie sind nicht unbedingt insignifikant, sie sind aber nicht annähernd so groß wie die, die man in Asien antrifft. “Asien” ist eben nur ein geographischer Begriff.

Obwohl der IQ vieles erklärt, gibt es doch eine ganze Reihe von Dingen, die von solchen Einstufungen des IQ nicht erklärt werden. Es ist bemerkenswert, dass sowohl die Wissenschaftliche als auch die Industrielle Revolution (IR) bei den Europäern stattgefunden hat, nicht bei den Ostasiaten trotz der Tatsache, dass die letzteren einen mindestens so hohen Durchschnitts-IQ haben. Dies könnte ein Anzeichen dafür sein, dass der Intelligenzquotient zwar relevante Aspekte der Intelligenz misst, aber eben nicht alle; vielleicht haben die Europäer eine höhere verbale Intelligenz. Es könnte auch sein, dass bei Weißen, also Menschen europäischer Abstammung, eine höhere Standardabweichung vorliegt als bei Ostasiaten, was bedeutet, dass es bei ihnen mehr Menschen mit sehr niedrigem, aber auch mehr  mit extrem hohem IQ gibt.

In seinem Buch The Lever of Riches: Technological Creativity and Economic Progress unterscheidet der amerikanische Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr zwischen “Mikroerfindungen”, die bereits existierende Technologien  verbessern bzw. adaptieren – wodurch sie billiger und effizienter werden -, und “Makroerfindungen”, die eine neue Idee umsetzen, ohne einen Vorgänger zu haben. Beide Arten von Erfindungen sind für wirtschaftliches Wachstum nötig. Während man eine große Zahl von Menschen mit einigermaßen hoher Intelligenz braucht, um eine hochentwickelte Gesellschaft in Gang zu halten und um kleinere Verbesserungen hinzuzufügen, so gibt es Gründe anzunehmen, dass wissenschaftlicher und technischer Fortschritt von allem von Genies angetrieben wird. Um die allgemeinen Gesetze der Schwerkraft festzustellen, ist eine Person von der Intelligenz eines Isaac Newton nötig, nicht aber tausend Individuen von lediglich durchschnittlicher Intelligenz. Oder: es ist eine kleine Zahl von Genies nötig, von denen Newton eben das größte war; nicht einmal er hätte erreichen können , was er erreicht hat, ohne die vorausgegangene Arbeit von Männern wie Kopernikus, Tycho Brahe, Kepler und Galilei.

Um nun zu erklären, warum die Wissenschaftliche Revolution in Europa und nicht in Ostasien stattgefunden hat: es ist sehr wahrscheinlich, dass wenn erst einmal ein bestimmtes Minimalniveau durchschnittlicher Intelligenz erreicht ist, vielleicht ein IQ so um 100, wie es bei vielen europäischen Völkern der Fall ist, dass dann zusätzlich andere Kräfte und Faktoren ins Spiel kommen, z. B. das Recht, die Religion, das Erziehungssystem und die politischen Gegebenheiten. Ich will im folgenden  einige dieser Faktoren untersuchen, wobei ich mich vor allem auf den Gegensatz zwischen China und Westeuropa konzentriere.

Michael Hart versucht nicht, auf alles eine genetische Erklärung anzuwenden. Warum zum Beispiel ist das Weströmische Reich zusammengebrochen? Es sind sehr verschiedene Deutungen von Historikern vorgetragen worden, aber ein wirklicher Konsens ist nicht zustande gekommen. Ein Faktor war der Verlust der traditionellen Religion, wobei das Erstarken des Christentums sowohl die Wirkung als auch die Ursache war. Ein anderer könnte das Verschwinden patriotischer und nationaler Gefühle gewesen sein. Die Expansion der Römer ging von der Stadt Rom und den umliegenden Gegenden aus, aber als vom dritten nachchristlichen Jahrhundert an nicht mehr nur Stadtrömer und Italier römische Bürger waren, sondern alle freien Bürger, gab es keine starke ethnische Loyalität zum Imperium mehr. Dieser Niedergang von  traditioneller religiöser und ethnischer Religiosität ging mit anwachsender öffentlicher Korruption einher. Hart gelangt zu dem Schluss, dass der Grund für den Zusammenbruch des Römischen Reichs eine noch nicht entschiedene  Frage ist, er favorisiert jedoch eine Kombination von Hypothesen über den sozialen Verfall und über etwaige klimatische Veränderungen, aber nicht primär eine genetische Erklärung.

Große industrielle Unternehmen mit Hunderten von Beschäftigten – Werften und Bergwerke zum Beispiel – waren auch vor der Industriellen Revolution nicht gänzlich unbekannt. Die IR hat das Fabriksystem nicht “erfunden”, es aber verbreitet, so dass es nun Fabriken in Bereichen gab, wo vorher keine gewesen waren. Die mit Wasserkraft angetriebene Spinnmaschine des Engländers Sir Richard Arkwright (1733-1792) war eine der wichtigen Neuerungen in diesem Prozess. Die britischen Baumwollspinnereien begannen bald darauf, ihre Maschinen mit Dampfkraft anzutreiben, und wurden schnell größer. Fabriken drangen auch in andere Bereiche der Textilindustrie vor.

Warum hat die Industrielle Revolution in Großbritannien angefangen? Nach Hart hat sie nur in einem Land beginnen können, in dem die durchschnittliche Intelligenz der Bevölkerung sehr hoch war, aber es war unwahrscheinlich, dass sie in einer Region begann, wo der Durchschnitts-IQ zwar hoch, die Bevölkerungsdichte aber niedrig war, wie z. B. in Skandinavien. Wiederum war die Wahrscheinlichkeit in einer Region größer, in der es Sklaverei kaum oder gar nicht gab, da ein Überfluss an billigen Arbeitskräften mit einem geringen Bedarf an Arbeit sparender Maschinerie und Technologie verbunden ist. Dies war einer der Faktoren, der bei den Römern der Antike eine solche Entwicklung verhinderte.

Ein beträchtliches intellektuelles Ferment in einer Gesellschaft macht ein Entstehen einer Industriellen Revolution wahrscheinlicher; in Spanien und Portugal verhinderte die Inquisition, dass sich dort heterodoxe Ansichten artikulierten, Russland war politisch repressiv. In einigen Gebieten Westeuropas trugen die Wirkungen der überseeischen Erkundungen zu dem intellektuellen Ferment der Ära nach der Renaissance bei. Dies war für Länder wie Deutschland und Polen vergleichsweise zum Nachteil. Das Entstehen einer Industriellen Revolution war auch wiederum in einer Region, die politisch fragmentiert war, wie Italien oder Deutschland, weniger wahrscheinlich, da die Gebiete mit freiem Handel und die Binnenmärkte kleiner waren.

Von großem Vorteil war es, reichlich lokale Eisenerzvorräte und Kohlelagerstätten zu haben, da diese Ressourcen während der IR besonders wichtig waren. Günstiger  waren auch die Voraussetzungen für eine Industrielle Revolution in einem politisch stabilen Land mit gesicherten Eigentumsrechten. Obgleich eine Anzahl dieser Faktoren in mehreren Ländern anzutreffen war, war Großbritannien das einzige Land, auf das alle Voraussetzungen zutrafen. Das besagt nun nicht, dass es vorherbestimmt war, dass die IR in Großbritannien begann, aber es war dort wahrscheinlicher als irgendwo sonst.

Ich stimme mit Hart nicht in allen Punkten überein. Understanding Human History gibt Anlass zum Nachdenken und ist daher lesenswert, aber hin und wieder verlässt er sich etwas zu sehr auf den Intelligenzquotienten als eine Allzweck-Erklärung. Wie Hart selber betont, ist der Westen 2500 Jahre lang Ostasien in der Mathematik überlegen gewesen, zeitweise sogar in beträchtlichem Maße. Dieser Unterschied könnte sich jetzt verringern und in Zukunft nicht mehr so deutlich sein, aber in der Vergangenheit war er deutlich. Trotz der Tatsache, dass China einen substantiell höheren durchschnittlichen IQ als Indien hat, kann man doch behaupten, dass die höchsten Gipfel, die die indischen Mathematiker erreicht haben, doch genauso hoch sind wie die der chinesischen Mathematiker. Es ist schwierig, einen einzelnen chinesischen Mathematiker zu benennen, der in seinem Können und in seiner Bedeutung höher als Brahmagupta eingestuft werden sollte.

Als Grund, warum Japan das erste nicht-westliche Land gewesen ist, das sich erfolgreich industrialisiert hat, lässt sich durchaus die hohe Intelligenz der Japaner anführen. Die IQ-Hypothese erklärt jedoch nicht, warum Japan im 19. und 20. Jahrhundert in dieser Hinsicht besser abgeschnitten hat als das Hoch-IQ-Land China. Meine persönliche Meinung ist, dass der Grund hierfür kulturelle Flexibilität gewesen ist: weil die Japaner Chinas Nachbarn sind, hatten sie bereits eine lange Vorgeschichte kreativer technologischer Nachahmung. Für Länder mit einem starken kulturellen Überlegenheitsgefühl, wie es die Chinesen meist gehabt haben, war es schwieriger, vom Westen zu lernen.

Ich könnte hinzufügen, dass die Chinesen sich im frühen 21. Jahrhundert ganz anders verhalten als früher: die bewusste Übernahme von Technologien aus anderen Ländern, wie sie chinesische Studenten und Firmen gegenwärtig im Westen betreiben, hat in der chinesischen Geschichte kein Vorbild, was genau der Grund dafür ist, dass es Erfolg zu haben scheint. China profitiert in großem Ausmaß von den Investitionen westlicher und anderer ausländischer Kapitalisten und ist “die Werkstatt der Welt” geworden.

Es ist interessant, darüber nachzudenken, was nicht mit dem IQ erklärt werden kann, und dieser Hinsicht hat Harts Buch einige Schwächen. Die gegenwärtige wirtschaftliche Rückständigkeit der Ukraine kann nicht gänzlich mit dem IQ erklärt werden. Sie ist schließlich der wahrscheinlichste Anwärter darauf, die Wiege der gesamten indoeuropäischen Familie zu sein, der größten und einflussreichsten Sprachfamilie in der Geschichte des Menschen, die sich über mehr als fünftausend Jahre in Wellen ausgebreitet hat und es jetzt, mit dem Aufstieg des Englischen als globaler lingua franca, immer noch tut. Die Gründe für die gegenwärtige Schwäche der Ukraine liegen in der Korruption und einer langen Geschichte politischer Repression und eines Mangels an ökonomischer Freiheit.

Das Mittelalter war der Zeuge des Aufstiegs des spezifisch europäischen, insbesondere westeuropäischen Phänomens der halbautonomen Stadt, dessen, was man aufgrund seiner Organisation als Kommune bezeichnet. “Stadtluft macht frei” lautete das mittelalterliche Dictum. Als der Graf von Flandern versuchte, einen entlaufenen Leibeigenen, auf den er zufällig auf dem Marktplatz von Brügge stieß, wieder als sein rechtmäßiges Eigentum zu beanspruchen, jagte ihn der zum freien Bürger Gewordene aus der Stadt. Die Städte übten deshalb als Zufluchtsorte eine starke Attraktivität aus. Migration in die städtischen Zentren verbesserte das Einkommen und den Status der Migranten und ihrer Familien, jedoch nicht unbedingt ihre Gesundheit. Die Städte waren dreckig und empfänglich für Infektionskrankheiten; hier standen sie den Städten Asiens nicht nach. Nur durch stetigen Zuzug konnten die Städte ihre Einwohnerzahl halten. Die Möglichkeit für Leibeigene in Westeuropa, sich zu befreien, war direkt an “freie” städtische Kommunen und Dörfer und an das Vorhandensein und die Nähe der offenen Stadttore gebunden.

Wo es nur wenige Städte gab und diese weniger frei waren, wie es weithin der Fall in Osteuropa war, dauerte die Leibeigenschaft an und wurde sogar schlimmer. Zwischen 1500 und 1650 verschlechterten sich die sozialen und rechtlichen Bedingungen der Bauern in der östlichen Hälfte Europas; viele bislang freie Bauern verloren ihre Freiheit. Russische, polnische und andere Lehnsherrn fügten immer mehr Land ihren Besitztümern hinzu und verlangten von ihren Leibeigenen immer mehr unbezahlte Arbeit. Hart war der Alltag der Bauern überall, aber die unübersehbar härteren sozialen Bedingungen im Osten veranlassten Reisende aus Westeuropa  zu Kommentaren.

Der politische Einfluss der osteuropäischen Bauern war geringer als im Westen und nahm nach 1400 weiter stetig ab. Viele waren in Erbfron an ihre Herren gebunden und waren zu umfangreicher unbezahlter Zwangsarbeit verpflichtet. Russische Leibeigene mitsamt ihren Familien wurden regelmäßig weiterverkauft, sei es mit oder ohne Land, und die Leibeigenschaft wurde in Russland erst im Jahr 1861 abgeschafft. Der slawische christliche Osten war im zwölften Jahrhundert nicht allzu verschieden von Westeuropa, aber dies änderte sich beträchtlich nach den Eroberungen durch die Mongolen. In A History of Western Society von Mckay, Hill und Buckler (7. Aufl.) heißt es dazu:

“Russland, von fremden Invasoren erobert und unterworfen, schuf ein Herrschaftssystem, wie es im Westen völlig unbekannt war. Auf diese Weise verschärften und vertieften sich in dem langen Zeitraum zwischen 1250 und 1700 die Gegensätze zwischen Russland und dem Westen. Und als der Absolutismus im frühen achtzehnten Jahrhundert unter der rauhen Herrschaft Peters des Großen triumphierte, war dies eine ganz andere Art von absolutistischer Monarchie als die in Frankreich oder Preußen. Wie die Deutschen und die Italiener wären die Slawen des Ostens schwach und territorial fragmentiert aus dem Mittelalter hervorgegangen, hätte es nicht die mongolische Eroberung des Kiewer Fürstentums gegeben.”

Die Mongolen erreichten Westeuropa nicht. Sie drangen zeitweilig dort ein und plünderten, blieben aber nicht in den Ländern Ostmitteleuropas, sondern in Russland, der Ukraine und an den östlichen Rändern Europas. Nachdem sie diese Gebiete erobert und verwüstet hatten, übten die Mongolen mehr als zwei Jahrhunderte lang ihre Herrschaft über die östlichen Slawen aus, das so genannte mongolische Joch. Nachdem Konstantinopel, das Zweite Rom, an die Türken gefallen war, verstanden die Russen Moskau als das “Dritte Rom”, als den legitimen Erben des orthodoxen Christentums. Der Moskauer Fürst war der absolute Herrscher, der Zar – die slawische Kontraktion aus “Caesar”. Die Zaren verstanden sich selber als Khane und übten uneingeschränkte Macht aus:

“Die autokratische Zwangsherrschaft Iwans des Schrecklichen hinterließ bei ausländischen Beobachtern einen nachhaltigen Eindruck: Der deutsche Russlandreisende Sigismund Heberstein schrieb 1571: ´Alle Menschen sehen sich selbst als Cholops, d. h. als Sklaven ihres Fürsten´. Jean Bodin, der französische Denker, der so viel dazu beitrug, das moderne Konzept der Souveränität zu entwickeln, kam zu dem Schluss, dass das politische System Russlands grundlegend verschieden von den Systemen aller anderen europäischen Monarchien und nur mit dem Osmanischen Reich vergleichbar sei. Im Osmanischen Reich und in Russland ´ist der Fürst zum Herrn über die Person und über das Eigentum seines Untertanen geworden . . . und regiert sie wie ein Familienoberhaupt seine Sklaven´. Das Erbe der Mongolen lastete schwer auf Russland.”

Der französische Rechtsanwalt und politische Philosoph Jean Bodin (1530-1596) ist wegen seiner Theorie der Souveränität bekannt, er war aber auch ein Pionier auf dem Gebiet der Ökonomie, der sich mit der Inflation beschäftigte, die durch die Flut des aus Lateinamerika in Spanien ankommenden Silbers verursacht wurde. Unglücklicherweise befürwortete er aber auch die Anwendung der Folter in Fällen von vermuteter Hexerei.

Was war der Grund, dass westeuropäische Herrscher den Bürgern der Städte Rechte gewährten, die letztlich einen Teil der eigenen Macht anderen übertrugen? Ein Grund war, dass Handel und Märkte die eigenen Einkünfte vermehrten und damit auch wieder ihre eigene Macht. Freie Bauern und Städter waren die natürlichen Gegner der Land besitzenden Aristokratie und unterstützten oft die Krone in ihren Auseinanderssetzungen mit den lokalen Adligen. David S. Landes erklärt in: Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind  (The Wealth and Poverty of Nations: Why Some Are So Rich and Some So Poor):

“Europäische Herrscher und unternehmerische Adlige, die auf diese Art wachsende Einkünfte erzielen wollten, mussten Handelspartner für sich gewinnen, indem sie Rechte, Freiheiten und Privilegien gewährten – kurz, indem sie Verträge zum gegenseitigen Vorteil abschlossen. Sie mussten sie dazu bewegen, mit ihnen zu handeln. (Das war anders in China, wo die Herrscher Tausende und Zehntausende wie menschliches Vieh verpflanzten, um bessere Erträge zu erzielen.) Diese Befreiungen von materiellen Abgaben und die Gewährung von ökonomischen Privilegien führten überdies oft zu politischen Zugeständnissen und zu politischer Eigenständigkeit. Die Initiative hierzu kam von unten, und dies war ebenfalls ein im wesentlichen europäisches Muster. Es brachte einen Sinn für Rechte und Verträge mit sich – das Recht auf Verhandlung wie auch das Recht auf Antragstellung – mit einem Gewinn an Freiheit und Sicherheit der ökonomischen Betätigung.”

In The Cambridge Illustrated History of China stellt Patricia Buckley Ebrey fest, dass selbst in der dynamischen Song-Periode “die schnelle Entwicklung des Handels und die Entstehung von Handelsstädten nicht die gleiche politische und intellektuelle Rolle in China spielte wie wenig später in Europa. Die chinesischen Städte wurden nicht zu Orten, die man mit persönlicher Freiheit identifizierte.”

Der Aufstieg einer Elite von beamteten Gelehrten, die hauptsächlich wegen ihrer literarischen Fähigkeiten in einem Prozess von Prüfungen ausgewählt wurden, war eine Besonderheit der chinesischen Zivilisation, sowohl in guter wie in schlechter Hinsicht. Die chinesische Gesellschaft beruhte verhältnismäßig stark auf dem meritokratischen Prinzip, dem Prinzip des Aufstiegs durch Leistung. Wer in China niedriger Abkunft war, aber von hoher Intelligenz, der erfreute sich dort gewöhnlich größerer sozialer Mobilität als jemand in Indien. Das indische Kastensystem ist eine außerordentlich starre Institution, in der persönliche Leistung “im Prinzip ausgeschlossen ist”. In Indien gab es keine Organisation für die Vermehrung oder Verbreitung von Wissen, und es existierte eine unüberbrückbare soziale Barriere zwischen Gelehrten und Handarbeitern. Europa hatte einen Vorteil vor allen anderen eurasischen Zivilisationen in Hinsicht auf die Entwicklung selbstbestimmter Organisationen. Der Autor Toby E. Huff führt hierzu aus:

“Ich habe die These aufgestellt, dass das zwölfte und das dreizehnte Jahrhundert eine soziale, intellektuelle und rechtliche Revolution gesehen haben, die die intellektuellen und institutionellen Fundamente für den späteren Bau der modernen Wissenschaft gelegt hat.  Das Herz dieser Entwicklung war das Rechtskonstrukt der Korporation, einer Ansammlung von Individuen, die als eine einzelne ´ganze Körperschaft´ anerkannt und der eine rechtliche Autonomie zugesprochen wurde. Als juristische Körperschaften konnten solche Einheiten nicht nur verklagt werden, sondern auch klagen, sie konnten Besitz kaufen und verkaufen, sie konnten ihre Organisation und Verwaltung selbst regeln, entsprechend ihrer Regeln in Streitfällen selbst entscheiden und gemäß dem Prinzip der Wahl durch allgemeine Zustimmung, sowie dem Aphorismus des Römischen Rechts, dass das, was jeden betrifft, auch von jedem erörtert und gebilligt werden soll, handeln. Zu diesen Einheiten mit dem Status rechtlicher Körperschaften gehörten Städte, Wohltätigkeitsorganisationen, Zünfte und Standesorganisationen (besonders der Ärzte), und natürlich Universitäten. Nichts, das dieser Art rechtlicher Autonomie vergleichbar wäre, entwickelte sich in China oder unter dem Islam.”

Joseph Schacht stellt in An Introduction to Islamic Law fest. “Das Konzept der Korporation existiert nicht im islamischen Recht.” Und: “Es gibt auch keine Koalitionsfreiheit (Vereinigungsfreiheit).” Dieser Mangel hatte erhebliche Implikationen für die islamische Zivilisation, vor allem im Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung, wie Timor Kuran deutlich gemacht hat.

Das Spätmittelalter ist bekannt als die Zeit der Entstehung des Frühkapitalismus, Huff weist aber jede vereinfachende Darstellung einer Verbindung von Geld und Wissenschaft zurück.  Er argumentiert, dass das christliche Europa eine intellektuelle Neugier zeigte, die nicht einfach auf  eine Angelegenheit wirtschaftlicher Interessen reduziert werden kann:

“Es gab wirklich eine ´kommerzielle Revolution´, die vom 12. Jahrhundert an durch Europa fegte, aber das reicht kaum als Erklärung für das große Interesse in den Universitäten jener Zeit  an Aristoteles oder für den Entschluss der Ärzte, Sektionen durchzuführen und die medizinische Ausbildung in das Curriculum der Universitäten aufzunehmen. In ähnlicher Weise gab es einen Anstieg an kommerziellen Aktivitäten im 16. Jahrhundert, aber dies erklärt ebenfalls kaum die Motivation des Klerikers Kopernikus, oder von Galilei, Kepler und Tycho Brahe, gegen die Interessen der Kirche eine neue Astronomie zu entwickeln.”

Die Anatomie des Dr Tulp

Rembrandt: Die Anatomie des Dr. Tulp (1632)

Es ist wahr, dass es keine automatische Beziehung zwischen Wohlstand und Wissenschaft gibt; China war Jahrhunderte lang die größte Ökonomie der Welt, es hat aber nie etwas hervorgebracht, das der europäischen Wissenschaftlichen Revolution ähnlich gewesen wäre. Einer der extremsten Fälle wäre in diesem Zusammenhang das Saudiarabien des 20. Jahrhunderts, das unzählbare Milliarden an seinen Ölvorräten verdient hat, aber buchstäblich nichts von Wert in den Künsten und Wissenschaften beigesteuert hat. Das bedeutet nun nicht notwendigerweise, dass keine Verbindung zwischen Wohlstand und Leistung besteht. Sehr wahrscheinlich gibt es eine solche. Die Bankiersfamilie der Medici in Florenz, deren Aufstieg nach dem 13. Jahrhundert stattfand, förderte über Generationen große künstlerische und wissenschaftliche Leistungen in der Toskana, von Künstlern wie Donatello bis zu dem Astronomen und Physiker Galilei. In Gardner’s Art Through the Ages (10. Aufl.) wird festgestellt:

“Besonders bezeichnend für die Kunst waren die wachsende Professionalisierung des Künstlers und der Übergang des Mäzenatentums von der Kirche auf die bedeutenden Fürsten und fürstlichen Familien, sowohl im Verbund mit wohlhabenden Städten als auch unabhängig von ihnen. Wir haben dies in den italienischen Stadtstaaten gesehen. Was dies ermöglichte, war der Erwerb und die Anhäufung von Kapital. Trotz der Kalamitäten dieses Zeitalters, entwickelte sich ein neues ökonomisches System – die Frühphase des europäischen Kapitalismus.”

Die Florentiner “entwickelten eine Kultur, die von einem enormen Wohlstand angeregt und unterstützt wurde, eine Situation sehr ähnlich wie die im Perikleischen Athen, nur mit dem Unterschied, dass in Athen es der Stadtstaat war -und nicht einzelne Privatpersonen -, der die Großbauten, Gemälde und Statuen des Klassischen Zeitalters in Auftrag gab. In Florenz waren es einige wenige illustre Familien, die über den Wohlstand verfügten und zu den führenden Mäzenen der italienischen Renaissance  wurden.” Die Medici waren für ganz Europa die Banker, und “einer der prominentesten Mäzene der Renaissance in Rom, Papst Leo X., der Förderer Raphaels und Michelangelos, war selbst ein Medici, der Sohn Lorenzos des Prächtigen. Nirgendwo sonst im Laufe der Geschichte war eine Familie so eng mit einer großen kulturellen Revolution verbunden. Man kann mit Sicherheit behaupten, dass die Medici die Renaissance finanzierten und austatteten.”

Leonardo da Vinci Nachbau Karren

Leonardo da Vinci: Selbstfahrender Karren (1478, Nachbau)

Das Buch The Ancient Economy: Evidence and Models, herausgegeben von J. G. Manning und Ian Morris, ist ein gemeinschaftliches Unternehmen verschiedener Gelehrter zur Erforschung der Wirtschaft im antiken Ägypten und Nahen Osten und in der griechisch-römischen Welt. Es besteht ein Konsens unter den Wissenschaftlern, dass die antike Welt nicht “kapitalistisch” im modernen Sinn war. Wirtschaftliches Wachstum in jenen Gesellschaften kann nicht mit den Beispielen nachhaltigen Wirtschaftswachstums verglichen werden, die wir aus der Neuzeit in den westlichen Ländern kennen. Es gibt indes eine ausgedehnte Debatte, ob es damals überhaupt Wachstum gegeben hat. Archäologische Funde lassen annehmen, dass in Griechenland von 800 bis 300 v. Chr. eine Verbesserung des Lebensstandards zeitgleich mit einem stärkeren Anwachsen der Bevölkerung stattgefunden hat.

Die Sklaverei in der griechischen und besonders in der römischen Gesellschaft hat definitiv den Anreiz, arbeitssparende Technologien zu entwickeln, vermindert, obgleich Sklavenarbeit nicht immer reichlich zur Verfügung stand und billig war. Bei den Griechen und Römern der Antike fehlte eine Tradition, mit beharrlicher Anstrengung eine technische Lösung für ein Problem zu finden, und oft wirkte sich ein Vorurteil gegen körperliche Arbeit nachteilig aus. In der griechisch-römischen Welt herrschte die Vorstellung, dass Wohlstand vorzugsweise vom Land kommen sollte. Handel galt so gerade als sozial akzeptabel, wohingegen gewerbliche Arbeit verachtet wurde. Wassermühlen breiteten sich langsam während des Imperiums aus, ihr Potential wurde aber nicht in vollem Ausmaß genutzt. Nachhaltiges Wachstum in Relation zur Bevölkerungszahl erfordert nachhaltigen technischen Fortschritt. Das römische Wirtschaftswachstum war gering, weil es auch der technische Fortschritt war –  es gab ihn zwar, aber er war gering.

Der schottische Philosoph Adam Smith, Professor an der Universität von Glasgow, veröffentlichte 1776 sein berühmtes Werk Der Wohlstand der Nationen, in dem er ein Plädoyer für die Freiheit des Unternehmertums hielt. Die Regierung sollte sich so wenig wie möglich in die Wirtschaft einmischen und sich auf drei hauptsächliche Pflichten beschränken: die Verteidigung gegen ausländische Invasoren sicherstellen, die öffentliche Ordnung durch Polizeischutz und Justiz aufrechterhalten, und bestimmte öffentliche Arbeiten und Institutionen finanzieren, die von Privatleuten betrieben keinen angemessenen Gewinn erzielen können. Smith erklärte das Verfolgen des eigenen Interesses in einem konkurrenzorientierten Markt für die Quelle eines natürlichen harmonischen Gleichgewichts. Die “unsichtbare Hand” des freien Wettbewerbs werde allmählich zu wachsendem Wohlstand für alle führen.

Nach dem Wissenschaftler Richard Saller existieren verschiedene Hauptursachen für Wachstum: wie auch von Smith schon betont sind es Handel, der Spezialisierung zur Folge hat die gesteigerte Investition von Kapital, Investitionen in das Humankapital und die Bildung, sowie ein verbesserter Rahmen für ökonomische Aktivitäten. Sicherlich gab es Handel in der Antike, aber es gibt nur wenige Anzeichen für ein nach unserem Verständnis modernes kapitalistisches Konzept des kalkulierten Investments in bessere Technologien, um damit künftig die Produktivität zu steigern:

“Plinius der Ältere (Naturgeschichte 14.49-51) berichtet von dem für damals untypischen Beispiel des Remmius Palaemon, der in der Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts einen heruntergekommenen Weinberg außerhalb Roms kaufte, mit Hilfe traditioneller Technik viel Arbeit investierte und den jährlichen Ertrag so sehr steigerte, dass er einige Jahre später mit einer einzigen Jahresernte zwei Drittel des Kaufpreises für den Weinberg erzielte. Man könnte das so auf sich beruhen lassen und diese Geschichte lediglich als ein Beispiel eines Kapitalinvestments ansehen, aber das Ende der Geschichte ist bezeichnend: Plinius sagt nicht, dass Palaemons Beispiel andere Römer zu ähnlichen Kapitalinvestments inspiriert habe, sondern dass Seneca gekommen sei, um den Weinberg zum Vierfachen des ursprünglichen Preises zu kaufen, weil er von dem Verlangen (amore) erfüllt gewesen sei, diesen landwirtschaftlichen Modellbetrieb zu besitzen, nicht aber, um durch ähnliche Investitionen anderswo einen eigenen Profit zu erzielen.”

Die norditalienischen Kaufleute des vierzehnten Jahrhunderts waren “neue Kapitalisten”, die eine kommerzielle Revolution schufen. Während des Römischen Reichs zeigten die Bewohner Italiens kein Interesse am kapitalistischen Strukturen oder an theoretischer Naturwissenschaft. Die Italiener im Zeitalter der Renaissance waren auf beiden Gebieten Pioniere. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Veränderungen der Gene bzw. des IQ dies erklären. Die Erklärung ist eine Veränderung in der Einstellung der Menschen.

Manche sehen einen Zusammenhang zwischen der “industriellen Mini-Revolution” des europäischen Mittelalters mit ihrem Einsatz von Windmühlen, Wasserkraft und anderen Maschinen, die menschliche oder tierische Muskelkraft ersetzten, und der industriellen Revolution, die einige Jahrhunderte später stattfand. Es stimmt, dass Europa im Mittelalter eine führende Rolle in der Entwicklung Arbeitskraft sparender Maschinen hatte. In diesem Fall kann man die spätere Entwicklung als eine Fortführung sehen, der Gebrauch fossiler Brennstoffe wie Kohle und Öl für den Antrieb von Maschinen und Motoren von Autos, Schiffen und Flugzeugen nach dem neunzehnten Jahrhundert hat aber die ganze Welt verändert. Wie Joel Mokyr sagt: “Die Industrielle Revolution stellt einen grundlegenden Wandel dar, der in der ganzen Geschichte der Menschheit ohne Beispiel ist.”

Nach Avner Greif (in: The Ancient Economy) hat das moderne Wirtschaftswachstum seine Wurzeln im Mittelalter und spiegelt einen wirtschaftlichen, sozialen, gesetzlichen und politischen Prozess wieder, durch den die westeuropäischen Nationen die ersten modernen Ökonomien geschaffen haben. Das Wasserrad wurde von den Römern nicht in dem Maße gebraucht wie im Europa des Mittelalters, es stellt aber als “die erste Maschine” die nicht Mensch oder Tier, sondern eine unbelebte Naturkraft zu einem produktiven Nutzen zu Lande nutzbar macht, einen bedeutenden konzeptionellen Durchbruch dar”. Es kommt noch hinzu, dass die Römer den Europäern eine länderübergreifende, Gemeinsamkeit schaffende Gelehrtensprache zurückließen, das Latein, sowie das Römische Recht:

“Das römische Erbe im Westen schließt auch die römische Rechtstradition ein. Viele Ökonomen stimmen darin überein, dass eine besondere Rechtstradition nötig ist, um ein Wirtschaftswachstum im modernen Sinn zu schaffen und zu erhalten – eine Rechtstradition, in der Regeln verändert werden können, um den sich verändernden wirtschaftlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, und die individuelle Eigentumsrechte und Freiheiten sicherstellt. Solch eine Tradition existiert in der westlichen Welt, und sie ist das Erbe der Römer. Sie haben die europäische Rechtstradition konzipiert und verschiedenen Herausforderungen zum Trotz hat sie den Test der Zeit bestanden. Man kann sich nur fragen, ob das moderne Wirtschaftswachstum in Europa möglich gewesen wäre, wenn es eine der anderen Rechtstraditionen gehabt hätte, die anderswo entstanden sind, wie z. B. das göttliche Recht, das die muslimische Welt beherrscht.”

Greif, der ein Wirtschaftsprofessor an der Stanford University in den Vereinigten Staaten ist, führt seine Sichtweise in Institutions and the Path to the Modern Economy: Lessons from Medieval Trade näher aus:

“Die Quellen des modernen europäischen Wirtschaftswachstums unterscheiden sich von jenen seines mittelalterlichen Vorgängers. Das mittelalterliche Wachstum beruhte auf dem von Adam Smith beschriebenen, das sich Spezialisierung und Handel zunutze macht. Das Wachstum der Moderne beruht auf Wissenschaft und Technologie, welche die Produktionsabläufe verändern und vorher nutzlose Ressourcen in nutzbare verwandeln. Veränderungen in den kulturellen Annahmen hinsichtlich der Natur, der Rolle und des Potentials nützlichen Wissens – also der Wissenschaft und der Technologie – in den hundert Jahren vor 1750 trugen direkt zu diesem Wandel bei (Mokyr 2002). Interessant ist jedoch, dass individuelles Bemühen von Einzelnen sowie autonome, nicht auf verwandtschaftlichen Beziehungen basierende Körperschaften (ähnlich den mittelalterlichen Universitäten, wie z. B. der Lunar Society und den Royal Societies) für die Verbreitung dieser Annahmen wesentlich waren, indem sie die Ressourcen für ihre Verwertung mobilisierten und sie damit zu einer Einflussgröße für weitere Entwicklungen machten. Die Ziele dieser Körperschaften waren von denen eines Großteils ihrer mittelalterlichen Vorgänger verschieden, aber ihre institutionellen Strukturen waren überraschend ähnlich.”

Die wissenschaftlichen Gesellschaften des siebzehnten Jahrhunderts unterschieden sich von den Universitäten des Mittelalters dadurch, dass sie  stärker auf die experimentelle Naturwissenschaft und weniger auf die Aristotelische Philosophie ausgerichtet waren.  Dies war der wahre Beginn der organisierten modernen Naturwissenschaft, aber ihr Fundament war das Netzwerk der europäischen Universitäten. Für Avner Greif zentriert  sich die Struktur  westlicher Gesellschaften um Organisationen und Institutionen, die aus einer definierten Zielvorstellung heraus als autonome Organisationen geschaffen wurden, wie z. B. Zünfte und Universitäten, und die nicht  auf verwandtschaftlichen Beziehungen beruhen wie die Stammes- und Klanstrukturen im Orient:

“Diese Organisationen – hauptsächlich in der Gestalt von Körperschaften – waren für Europas politische und wirtschaftliche Verfasstheit in der spätmittelalterlichen wie auch in der modernen Wachstumsperiode essentiell. … Autonome, interessebasierte, verwandtschaftsunabhängige ökonomische und politische Körperschaften wurden deshalb etabliert. Seitdem bildet diese besondere gesellschaftliche Organisationsform den Hintergrund für die Praxis und die Resultate der spezifisch europäischen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen und ist der gemeinschaftliche  Nenner für  scheinbar so verschiedene historische Phänomene wie die spätmittelalterliche  ökonomische Wachstumsphase, den Aufstieg der europäischen Wissenschaft und Technologie (Mokyr 2002) und für die Entstehung des modernen europäischen Staates, der die höchste Manifestation einer autonomen, nicht verwandtschaftsbasierten, sich eher aus Individuen als aus gesellschaftlichen Einheiten zusammensetzenden Körperschaft ist (Greif 2004b). Wenn Institutionen essentiell für wirtschaftliche, soziale und politische Resultate sind und deren Entwicklung ein geschichtlicher Prozess ist, dann ist anzunehmen, dass die Wurzeln für den schließlich stattgefundenen Erfolg des Westens in den politischen und ökonomischen Institutionen seiner Vergangenheit liegt.”

Während er einerseits den europäischen Individualismus preist, spekuliert er andererseits auch darüber, ob übertriebener Individualismus und Materialismus zu dem Niedergang des Westens während der letzten Generationen beigetragen hat.

In der nach-römischen Ära hatten Jahrhunderte der Zersplitterung die europäischen Staaten geschwächt. Für ökonomisch Tätige war dies eine Gelegenheit zur Selbstorganisation, sie hätten sich aber auch in einer alternativen Stammesgesellschaft oder einem theokratischen Staat organisieren können, wie es in islamischen Gesellschaften der Fall war. Die Kirche hatte verwandtschaftsbasierte soziale Strukturen geschwächt und zu individualistischen kulturellen Annahmen beigetragen, aber sie war nicht stark genug, aus sich heraus eine politische Dominanz über den europäischen Kontinent zu errichten. Auch bauten die Europäer auf Annahmen und Normen auf, die sie von den Rechtstraditionen der Römer und der Germanen geerbt hatten; das Konzept der Körperschaften hat auch Wurzeln in der Römerzeit.

Die Sichtweise des Feudalismus, dass politische Autorität auf dem Vertrag zweier Seiten basiert und nicht allein territorial begründet ist, trug ebenfalls zur Schaffung autonomer Körperschaften bei. “Die kulturellen Annahmen und Normen über Individualismus und Korporatismus und über die implizite Legitimität von Menschen geschaffener Gesetze, die denen, die ihnen unterworfen sind, eine einflussreiche Stimme geben, wurden für die gesellschaftliche Organisation wesentlich.” Gibt es eine direkte Verbindung zwischen dem, was im Spätmittelalter vor sich ging  und dem modernen Europa? Es gab während des Zeitalters des Absolutismus in vielen Ländern einen Niedergang der vormaligen mittelalterlichen Autonomie, aber Greif fragt sich, ob man dies nicht als eine Ausnahme in der langen Geschichte Europas sehen sollte. Spätmittelalterliche Neuerungen zeigen sich in gegenwärtigen Praktiken wie z. B. der Handel in Aktien, beschränkte Haftung, Rechnungsprüfung, der Lehrlings- und Gesellenstatus im Handwerk und in der doppelten Buchhaltung. In Institutions and the Path to the Modern Economy:

“Das europäische Handelsrecht, das Versicherungswesen, das Patentwesen, staatliche Kreditaufnahme, Kapitalgesellschaften und Zentralbanken entwickelten sich im Kontext der spätmittelalterlichen Institutionen. In der politischen Sphäre trug die Entwicklung der korporativen Form gesellschaftlicher Organisation zu der Entwicklung bei, die zu dem modernen europäischen Staat führte. Körperschaften trugen dazu bei, die Risiken zu vermindern, die große verwandtschaftsbasierte soziale Strukturen für den Staat generell darstellen und besonders für die Entwicklung der institutionellen Fundamente des modernen, effektiven europäischen Staates, der letztlich eben auch eine Körperschaft ist. Zu diesen Grundlagen gehören das Konzept der juristischen Person, die Trennung zwischen persönlichem Eigentum und Körperschaftseigentum, der Glaube, dass Körperschaften den Interessen ihrer Mitglieder dienen sollten, und die Verfahren kollektiver Entscheidungsfindung. … Hinzu kommt, dass die europäischen Staaten in der vormodernen Periode sich in einer organischen, von unten nach oben verlaufenden Entwicklung formierten.”

Bruce G. Trigger bietet in seinem Buch Understanding Early Civilizations eine vergleichende Studie der frühen Zivilisationen von Mesopotamien bis Mittelamerika. Im prä-imperialen China der Shang-Dynastie und der Zhou-Dynastie [1570 – 221 v. Chr.] waren Einzelpersonen gewöhnlich dem Gutdünken und der Bestrafung ihrer unmittelbaren Herren unterworfen und hatten kaum eine effektive Möglichkeit,  eine Aufhebung der Strafe zu erreichen. Waren Menschen von ungleichem Stand involviert, wurde durchgehend der Mächtigere als der angesehen, der im Recht ist; deswegen konnte es gerichtliche Prozesse nur zwischen Gleichen geben. Es gab auch keine Möglichkeit, Vertragsbruch bei Handelsgeschäften einzuklagen:

“In den meisten frühen Zivilisationen wurde das Recht als eine Macht verstanden, Ordnung im sozialen Bereich in einer akzeptierten, wenn auch ungleichen Weise durchzusetzen. Weil jedoch die Gesetze von den jeweils höher Gestellten gemacht wurden, wurden Urteil und Strafmaß von ihnen bestimmt, so dass das ganze Rechtssystem ein wirkungsvolles Instrument war, die jeweils niedriger Gestellten einzuschüchtern. Das chinesische Recht scheint sich von dem anderer früher Zivilisationen sowohl in der Theorie wie in der Praxis nur in der Hinsicht unterschieden zu haben, dass ein Rechtsstreit nur zwischen Gleichgestellten möglich war. Es wurden keine Versuche unternommen, das Rechtssystem in Richtung auf das Ideal eines Mittels, das Gerechtigkeit für alle schafft, weiterzuentwickeln. Dieser frühe chinesische Mangel an Idealismus in Hinsicht auf das Recht scheint langfristige Konsequenzen für die Entwicklung der chinesischen Zivilisation gehabt zu haben, in der sich nie ein starker Sinn sowohl für Privateigentum als auch für individuelle Rechte entwickelt hat.”

Es hat im alten China eine Denkschule, den Legalismus, gegeben, aber diese war ironischerweise eine der totalitärsten Ideologien, die China je hervorgebracht hat, und hat nicht zu einem Rechtsstaat im westlichen Sinne geführt. Von älteren Ideen inspiriert, begann eine zusammenhängende Theorie des Legalismus vom vierten Jahrhundert v. Chr. mit dem Buch des Herrn Shang in Erscheinung zu treten, in dem der Respekt vor Traditionen verspottet wurde. “Unnütze” Tätigkeiten, die die Menschen von den grundlegenden Aufgaben der Landwirtschaft und des Krieges abhalten, sollten eliminiert werden, wie z. B. Handel und die Pflege der Gelehrsamkeit, die die Menschen ermutigt, sich auf ihre eigenen intellektuellen Überzeugungen zu verlassen.

Das Qin-Königreich [bis 207. v. Chr.] übernahm ein legalistisches Programm und formte Familien zu Verbänden von gegenseitig verantwortlichen Individuen um, in denen ein jeder für alle Gesetzesübertretungen verantwortlich war, die irgendein anderes Mitglied der Gruppe begangen hatte. Die Verwirklichung des Legalismus setzte einen aufgeklärten Herrscher voraus, der aber, ähnlich wie der wahrhaft tugendhafte Herrscher bei dem Konfuzius-Schüler Menzius [Mengzi], für sehr selten gehalten wurde. Der durchsetzungsfähige Qin Shi Huang, der die Staaten des Zeitalters der Streitenden Reiche vereint hatte und 221 v. Chr. der erste Kaiser von ganz China wurde, muss diesem Bild eines aufgeklärten legalistischen Herrschers nahe gekommen sein. Dementsprechend sind die vielen aufgezeichneten Brutalitäten während seiner Herrschaft “nicht das Abbild der Willkür eines launischen Despoten, sondern stehen in engem Zusammenhang mit den legalistischen Vorstellungen bezüglich der Unnachgiebigkeit des Strafrechts und der Notwendigkeit, die Gesellschaft von ´dysfunktionalen´ Einstellungen und Verhaltensweisen zu reinigen.

Terrakotta-Vierergespann Qin Shi Huang

Viergespann aus dem Grabbezirk des Qin Shi Huang.

Einige westliche Beobachter haben den Legalismus mit den Theorien des italienischen Renaissance-Autors Niccolò Machiavelli verglichen. Zwar sind Machiavellis Ideen seit ihrer Veröffentlichung kontrovers beurteilt worden, es ist aber ein aus einer äußerst feindseligen Einstellung zu seinem Werk resultierendes Missverständnis zu glauben, dass er die Absicht hatte, ein totalitäres Regime zu schaffen. Machiavelli hat einfach nur eine nüchterne Beschreibung der verschiedenen, manchmal brutalen Methoden gegeben, die Herrscher anwenden, um die Macht zu gewinnen und zu erhalten. So schreibt Benjamin I. Schwartz in The World of Thought in Ancient China:

“Der Legalismus ist oft mit dem Machiavellismus verglichen worden und es ist wahr, dass beide die Tendenz zeigen, die Machtfrage von allen Überlegungen hinsichtlich der persönlichen Moral zu trennen. Eine Durchsicht von Machiavellis Der Fürst und von Discorsi zeigen, dass er sich nicht mit universellen abstrakten Modellen und Systemen der Kontrolle menschlichen Verhaltens beschäftigt, sondern mit Machtstrategien, die auf die unendlich verschiedenen Umstände der politischen Geschichte anwendbar sind. Als Erbe des Aristoteles ist er bereit, die Möglichkeit von verschiedenen soziopolitischen Organisationsformen zu akzeptieren, und sein idealer Inhaber der Macht nutzt verschiedene Strategien, die die Verschiedenheit  der ´politischen Konstitutionen´ in Rechnung stellen.”

Es ist traurig, dass Menschen mit anderen Kulturen manchmal die schlechten Ideen des Westens wie z. B. den Kommunismus bereitwilliger übernommen haben als die guten, von denen wir viele haben. Das soll nicht heißen, dass die Europäer allein den Totalitarismus “erfunden” haben. Die Inkas in Südamerika haben etwas praktiziert, was dem Kommunismus ähnelt. Auch der Konfuzianismus hat potentiell problematische Aspekte, aber man kann ihn nicht wirklich als totalitär bezeichnen. Totalitarismus im eigentlichen Sinn des Wortes hat in der Ideologie des Legalismus einen in China beheimateten Vorläufer. Es hat schon seinen Grund, weshalb der kommunistische Diktator Mao Zedong (1893-1976) sich persönlich mit dem Ersten Kaiser und nicht mit Konfuzius identifizierte. Der Autor Zhengyuan Fu zieht in Autocratic Tradition and Chinese Politics eine Verbindungslinie vom Ersten Kaiser zu Mao und sagt, das dauerhafteste Merkmal der politischen Tradition Chinas über die letzten 2000 Jahre sei die Autokratie gewesen.

Die Han-Dynastie, die nach der kurzen, aber brutalen Qin-Dynastie die Macht übernahm, machte den Konfuzianismus zur herrschenden Ideologie, was alle chinesischen Dynastien danach aufrecht erhalten haben. Die Han-Kaiser übernahmen und modifizierten die vom Ersten Kaiser geschaffene zentralisierte Bürokratie. Aber auch der Konfuzianismus trug wenig dazu bei, das Recht zu einem wichtigeren Faktor in der Gesellschaft zu machen. Patricia Buckley Ebrey schreibt in The Cambridge Illustrated History of China:

“Es ist der universelle Herrscher, der die politische Ordnung verkörpert und die Macht besitzt, die Gesellschaft unter ihm zum Guten oder zum Schlechten zu verändern. Dem Recht hingegen wurde von keinem chinesischen Denker eine vergleichbare Macht zugedacht. Ob aus konfuzianischer, legalistischer oder sogar  taoistischer Perspektive gesehen, Gesetze wurden als reines Mittel zum Zweck gesehen, nicht als etwas Nobles oder Unverletzliches, nicht als etwas, das über den Herrscher hinausgeht.”

Chinesische Staatsbeamte waren Konfuzianer, die mit der Herrschaft der Tugend, nicht mit der Herrschaft der Gesetze befasst waren. Konfuzius hatte sein Denken nicht von systematischen Prinzipien abgeleitet, noch weniger von irgendwelchen Ideen über die Rechte des Individuums. Die konfuzianische Ethik betonte die Notwendigkeit, den förmlichen Gehorsam und den Respekt für jegliche Autorität aufrecht zu erhalten. Das Wort von Autoritätspersonen in Frage zu stellen wurde als unverzeihliches Zeichen der Respektlosigkeit angesehen. Verstöße gegen die Autoritäten und gegen die soziale Ordnung wurden mit besonderer Strenge geahndet. Der Ungehorsam eines Kindes gegenüber seinem Vater war ein schreckliches Verbrechen, während ein Vater, der seinen Sohn wegen Ungehorsam tötete, nur leicht bestraft wurde. Der Autor Harry G. Gelber schreibt in The Dragon and the Foreign Devils: China and the World, 1100 BC to the Present:

“In China ruhte die Gerechtigkeit nicht auf kodifiziertem Recht, sondern auf den sozialen Normen und allgemeinen Prinzipien der konfuzianischen Moral. Diese wurden von den Gerichten, die überdies grundsätzlich die Interessen des Staates berücksichtigten, auf jeden konkreten Fall angewendet. Die Bewahrung der sozialen Ordnung war es vor allem, die in den Gesetzen des Kaiserreiches den Ausschlag gab, und, wie auch noch überwiegend im modernen China, war das Recht ein Werkzeug der Staatsverwaltung, ohne auf eine ´höherstehendes´ Naturrecht bezogen  oder Teil eines Systems ähnlich dem römischen communis lex oder dem angelsächsischen common law [ungeschriebenes, von einzelnen Richterentscheidungen weiterentwickeltes Gewohnheitsrecht, Anm. d. Ü.] zu sein. Das brachte natürlich viel Unsicherheit, nicht nur für den Angeklagten, sondern auch für den Richter selbst mit sich. Es gab kein Handelsrecht im modernen westlichen Sinne, obwohl die Beachtung schriftlicher Verträge und sogar mündlicher Absprachen von Verwaltungsbeamten durchgesetzt werden konnte. … Ebenso wenig  gab es das Konzept der juristischen Person (Firmen, Genossenschaften). Auch eine Entsprechung zu den westlichen Vorstellungen von der Bindung der abschließenden Parteien an schriftliche und unterzeichnete Verträge war unbekannt. … Und schließlich, auf der Basis des chinesischen Systems der kollektiven Verantwortung konnte jemand, der persönlich unschuldig war, ohne weiteres als Repräsentant einer Gruppe, als Sündenbock, hingerichtet werden. Da die Familiensolidarität ein solch beherrschendes Element der chinesischen Gesellschaft war, wurde häufig Schuld aufgrund bloßer Zugehörigkeit angenommen und die Bestrafung von Verwandten wurde regelmäßig praktiziert.”

(Quelle der Übersetzung: hier)

Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: