Warum haben die Europäer die moderne Welt geschaffen? – Teil 2

Graz Murinsel nachts Juni 2003

Von Fjordman. Der Originaltext Why Did Europeans Create the Modern World? — Part 2 erschien am 22. September 2009 auf Gates of Vienna. (Bilder vom Übersetzer eingefügt.)

Michael H. Hart bewertet die Errungenschaften verschiedener Zivilisationen. Er behauptet, daß die Beiträge der alten Ägypter ziemlich mager waren. Die Sumerer erfanden als erste die Schrift, was den Ägyptern durchaus bekannt gewesen sein könnte. Sie leisteten keine bedeutenden Beiträge zur astronomischen Theorie, noch zur Physik, Chemie, Biologie oder Geologie. Die politische Struktur Ägyptens war eine absolute Monarchie, was keine originelle Idee war und neuzeitliche Denker nicht beeinflußte. Während die Pyramiden sicherlich visuell beeindruckend sind, ist eine Pyramide streng genommen eine simple architektonische Struktur und großteils keine sehr nützliche. Warum werden die Beiträge der alten Ägypter so überbewertet? Weil das Klima in Ägypten so trocken ist, überdauern die Architektur (und die Mumien), die sie schufen, dort besser als anderswo. Ihre Monumente sind immer noch sichtbar. Hart behauptet in keiner Weise, daß die alten Ägypter Wilde gewesen seien, nur daß ihre Beiträge häufig überbewertet werden.

Ich persönlich denke, daß er die Ägypter etwas mißachtet. Es ist wahr, daß sie wissenschaftlich nicht sehr fortgeschritten waren, und daß die griechische Kunst während der hellenischen und hellenistischen Periode so lebensecht war, wie es die ägyptische niemals war, aber die Griechen waren von der ägyptischen Tempelarchitektur und von ihren Studien der Proportionen des menschlichen Körpers inspiriert. Wie der Kunsthistoriker Gombrich sagt, “gingen die griechischen Meister bei den Ägyptern in die Schule, und wir sind alle die Schüler der Griechen.” Der amerikanische Autor Lawrence Auster drückt es so aus:

“Denken wir daran, den Ägyptern das Verdienst für die erste Entwicklung der schönen menschlichen Form zuzubilligen, welche die Griechen dann übernahmen und lebendiger machten. Camille Paglia ist höchst albern, aber lesen Sie doch das erste Kapitel ihres Buches Sexual Personae (dt. “Die Masken der Sexualität), wo sie die ägyptische Schöpfung der klaren, perfekten, ‘apollonischen’ Form behandelt, welche die Grundlage der westlichen Kunst wurde… . Für die Griechen vermittelt die natürliche Form das Göttliche. Daher waren sie nicht einfach nur ‘naturalistisch’, d. h. naturgetreu. Sie sahen die Natur als so schön, weil sie die Natur als von einer perfekten Harmonie erfüllt sahen. Von daher kommt die unglaubliche Sensibilität der athenischen Skulpturen des fünften Jahrhunderts. In einer Weise drückten die Künstler des athenischen Goldenen Zeitalters in Stein aus, was Homer Jahrhunderte früher durch Poesie ausgedrückt hatte: jene besonderen Momente im Leben, in denen der Held ‘mehr zu sein scheint als ein Mensch.’ Oder wie die Szene in der Ilias (Buch III, 156-58), wo die alten Männer auf den Mauern Trojas Helena kommen sehen und zueinander sagen: ‘Man kann den Trojanern und den stark gerüsteten Achäern sicherlich keinen Vorwurf machen, wenn sie über lange Zeit Härten auf sich nehmen für eine Frau wie diese. Schrecklich ist die Ähnlichkeit ihres Gesichts mit unsterblichen Göttinnen.’“

In der Wissenschaft übertrafen die alten Griechen die Ägypter mit Leichtigkeit.  Die griechische deduktive Geometrie erwies sich als unverzichtbares Vorspiel zur Ankunft der modernen Wissenschaft, und abgesehen von Mathematik und Astronomie leisteten sie große Beiträge zur Dichtkunst, Geschichte, Drama und Mythologie, brachten elegante Architektur wie den Parthenon in Athen hervor sowie auch große Bildhauer und Maler. Die Werke von Plato und Aristoteles gehören zu den ältesten analytischen Schriften über politische Theorie. Wenn Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert Aristoteles’ Politik lesen, um zu sehen, was darin über Demokratie steht, dann nicht bloß aus historischer Neugier, sondern weil dies für heute als relevant betrachtet wird. Im Gegensatz dazu liest buchstäblich niemand “pharaonische” Politiktheorie.

Olympias 02

“Olympias”, der Nachbau eines griechischen Dreiruderers.

Warum hatten die alten Griechen soviel erreicht? Möglicherweise machte die Geographie Griechenlands sie zu einer Seefahrernation und brachte sie dazu, sich mit Erforschung und Handel zu befassen. Und doch gab es viele andere Völker, die auch einen ähnlichen geographischen Vorteil genossen, und während die Phönizier große Seefahrer und Händler waren, schufen sie gemäß der historischen Beweislage nichts, das den wissenschaftlichen Errungenschaften der Griechen nahekam. Hart glaubt, daß Wissenschaft, obwohl andere Europäer einen mindestens so hohen Intelligenzquotienten hatten wie die Griechen, vor allem die Schöpfung städtischer, schriftkundiger Kulturen ist, und in der Weise profitierten die Griechen vom frühen Kontakt mit den schriftkundigen Zivilisationen des Nahen Ostens:

“Die beste Erklärung für das griechische Phänomen liegt in einer Kombination genetischer und geographischer Faktoren. Die Völker, die in den kalten Regionen Europas lebten, hatten über einen Zeitraum vieler Jahrtausende eine höhere durchschnittliche Intelligenz entwickelt als die Völker, die im Nahen Osten lebten. Wegen des milden Klimas und der Verfügbarkeit einer großen Auswahl brauchbarer domestizierbarer Pflanzen und Tiere entwickelten die Bewohner des Nahen Ostens jedoch lange vor den Völkern Nordeuropas die Landwirtschaft. Das frühe Entstehen von Landwirtschaft und Städten im Nahen Osten befähigte sie während der Jungsteinzeit und der frühhistorischen Zeit zu größerem Fortschritt und zu einem großen Vorsprung vor dem Rest der Welt in Technologie und intellektuellen Angelegenheiten. Mit der Zeit befähigte ihre überlegene genetische Ausstattung die Europäer zur Überwindung dieses Vorsprungs. Unter den europäischen Gruppen würde jedoch diejenigte am wahrscheinlichsten als erste Fortschritte machen, welche die früheste Gelegenheit hatte, von den Zivilisationen des Nahen Ostens und Ägyptens zu lernen. Wegen ihrer geographischen Lage waren die Griechen das erste europäische Volk, das in Kontakt mit jenen Zivilisationen kam.”

In Understanding Human History bewertet Michael H. Hart auch die islamische Welt. Er sagt richtigerweise, daß nichtmoslemische Dhimmis unter islamischer Herrschaft kaum überhaupt Bürger zweiter Klasse waren, sondern eher Nicht-Bürger, denen viele grundlegende Bürgerrechte fehlten. Zum Beispiel konnten sie vor Gericht nicht gegen einen Moslem aussagen. Er bestreitet, daß die Bekehrung zum Islam immer “freiwillig” war, angesichts der vielfältigen Erniedrigungen, des Drucks und der Steuern, denen Nichtmoslems ständig ausgesetzt waren, nur weil sie Nichtmoslems waren. Hinsichtlich kultureller Errungenschaften erwähnt er einige beachtenswerte Gelehrte und Gestalten. Eine ist der marokkanisch-berberische Forscher und Schriftsteller Ibn Batutta (1304-1369), der im vierzehnten Jahrhundert von Westafrika über Südosteuropa und Indien nach China reiste und seine Erfahrungen in seinem Buch Rihlah (Reisen) niederschrieb.

Ibn Khaldun könnte wegen seines historiographisches Werkes erwähnt werden, obwohl er die Geringschätzung für alle nichtmoslemischen Kulturen teilte, die das Wachstum der Archäologie und vergleichenden Sprachwissenschaft in der islamischen Welt hemmte. Moslemische Gelehrte studierten andere Kulturen nicht ernsthaft und mit Neugier und beschrieben sie nicht fair, wobei die Schriften des persischen Universalgelehrten al-Biruni (973-1048) über Hinduismus und Indien eine der sehr wenigen Ausnahmen von dieser Regel sind. Er hatte sich die Mühe gemacht, genug Sanskrit zu lernen, um in beide Richtungen zwischen dieser Sprache und Arabisch (das für ihn auch eine erlernte Sprache war) zu übersetzen. Wie der Autor John Keay in seinem Buch India: A History schreibt, wurden die Moslems von den Indern als bloß eine weitere Gruppe von Ausländern gesehen, vielleicht lästig, aber im wesentlichen marginal. Dies war ein großer Fehler:

“Es gibt keinen Beweis dafür, daß die Inder die globale Bedrohung erkannten, die sie darstellten; und die eigenartige Natur ihrer Mission – eine neue monotheistische Orthodoxie durch militärische Eroberung und politische Herrschaft durchzusetzen – war für die indische Tradition so fremd, daß sie unverstanden blieb. Kein Zweifel, daß eine gewisse Selbstzufriedenheit zu dieser Gleichgültigkeit beigetragen hat. Wie al-Biruni (Alberuni), der große islamische Gelehrte des elften Jahrhunderts, es ausdrückte, ‘glauben die Hindus, daß es kein Land außer ihrem gibt, keine Wissenschaft wie ihre.’…seine wissenschaftliche Prominenz in der arabischen Welt verdankte viel seiner Beherrschung des Sanskrit und dem Zugang zu indischer Gelehrsamkeit…. Anders als Alexanders Griechen waren sich die moslemischen Invasoren sehr wohl über Indiens immense Größe im Klaren und mächtig erregt über seine Ressourcen…. Seit mindestens römischer Zeit scheint der indische Subkontinent eine günstige Zahlungsbilanz genossen zu haben…. Der fromme Moslem, wenn er auch angeblich auf die Bekehrung der Ungläubigen aus war, würde seinen Eifer großzügig belohnt finden.”

Ich persönlich würde nicht sagen, daß in der mittelalterlichen islamischen Welt absolut keine Errungenschaften gemacht worden sind, nur daß sie heute aus politischen Gründen weitgehend übertrieben werden. Unterteilen wir Gelehrte in drei Kategorien:  Kategorie 1 besteht aus jenen, die geringere Beiträge leisten, Kategorie 2 mittlere. Kategorie 3 besteht aus Gelehrten, die größere, grundlegende Beiträge zu einem bedeutenden Wissenschaftszweig leisten. Selbst in den besten Zeiten ist nicht ein einziger Gelehrter dieses Formats von der islamischen Welt hervorgebracht worden.  Irgendwelche moslemische Gelehrte zu finden, die geringere Beiträge zu Mathematik, Medizin oder Alchimie geleistet haben, ist nicht schwer, und ich kann wahrscheinlich ein halbes Dutzend Individuen aufzählen, die sich für Kategorie 2 qualifizieren, zum Beispiel  alKhwarizmi, Omar Khayyam, Rhazes, Geber und vielleicht Avicenna und Averroes.

Hart sagt, daß Alhazen “wahrscheinlich der größte” aller Gelehrten in der islamischen Welt war, wozu ich zustimme, aber selbst er war ein guter Gelehrter der Kategorie 2, nicht 3. Originale moslemische Beiträge zum Ingenieurswesen waren gering und scheinen den Errungenschaften der Römer nicht gleichgekommen zu sein. Er merkt an, daß die mittelmäßigen Beiträge der Nahostbewohner umso auffälliger sind angesichts ihrer günstigen geographishen Lage, die ihnen die einzigartige Gelegenheit gab, Wissen von allen größeren eurasischen Zivilisationen gleichzeitig zu erwerben.

Hart zufolge machten nahöstliche Gelehrte wenige größere Entdeckungen in Mathematik und Wissenschaft, Medizin oder Ingenieurswesen, gewiß nichts, das dem Buchdruck und dem Schießpulver im frühmittelalterlichen China oder Brillen und mechanischen Uhren in Westeuropa während des Hochmittelalters vergleichbar wäre. Während sie in der Tat eine Zeitlang eine Anzahl Gelehrter hervorbrachten, die geringfügige Beiträge leisteten und eine Handvoll oder zwei, die Beiträge mittleren Ranges leisteten, brachten sie niemals wahrhaft große Genies wie Aristoteles, Kopernikus, Galileo, Kepler oder Newton hervor. Hart schreibt dies primär ihrem im Vergleich zu Europäern geringerem Intelligenzquotienten zu, obwohl ich persönlich genauso die repressive Atmosphäre als mitwirkenden Faktor hinzufügen würde, die von islamischer Orthodoxie geschaffen wird. Ideen haben Konsequenzen.

Michael H. Hart schreibt über Indien, womit er den gesamten Subkontinent meint, das von mehreren menschlichen Migrationen/Invasionen von Nordwesten betroffen worden ist. Zu ihrem Höhepunkt zwischen 2.500 und 2.000 v. Chr. war die Industal– oder Harappazivilisation nahe dem sumerischen Mesopotamien im Nordwesten größer und fortschrittlicher als alles, was wir aus China in derselben Zeitperiode kennen. Es verdient festgehalten zu werden, daß die Zivilisation im fernen Norden Indiens ihren Orsprung hatte, in einer Region, die geographisch und vielleicht genetisch näher mit den Zivilisationen des Nahen Ostens verbunden war als mit Südindien, das lange Zeit rückständiger blieb als Nordindien. Hart glaubt, daß das besondere Kastensystem in Indien ursprünglich eine rassische Komponente hatte und bis auf die indoeuropäische Invasion hellhäutigerer Völker aus dem Norden und Nordwesten zurückgeht. Die einzigen großen Reiche, die von eingeborenen Indern beherrscht wurden, waren das Maurya- und das Gupta-Reich, und diese überdauerten zusammengenommen weniger als 400 Jahre.

Hart widmet beträchtlichen Raum der Kunst und Literatur. Der Rigveda ist eine Sammlung von Hymnen, die zwischen 1.500 und 1.200 v. Chr. komponiert wurden; die Upanishaden von ungefähr 900-500 v. Chr. sind Prosakommentare zu den Veden. Die beiden berühmtesten Werke epischer Dichtkunst sind das Ramayana und das Mahabharata. Indien hat eine große Menge an lyrischer Dichtung hervorgebracht, und das Theater ist dort viele Jahrhunderte lang eine bedeutende Kunstform gewesen, wie im alten Griechenland; Kalidasa aus dem fünften nachchristlichen Jahrhundert hat in der Sanskrit-Literatur eine Position vergleichbar der Shakespeares in der englischen Literatur. Indien hat eine lange Tradition verfeinerter Musik und Musiktheorie, der Malerei und vor allem Bildhauerei, aber indische Musik und Literatur wird anderswo in der Welt nicht in verbreitet beachtet, zumindest außerhalb Südostasiens. Indien war stark in den Künsten, aber schwächer in Wissenschaft und Technologie, mit der teilweisen Ausnahme der Mathematik.

Der Buddhismus war bis ungefähr 250 v. Chr. eine lokale Religion, als der Imperator Ashoka (304-232 v. Chr.) konvertierte und die Ausbreitung dieser Religion in Indien und weit darüber hinaus förderte. Der Buddhismus war in globaler Perspektive von begrenzter Bedeutung, aber er hatte einen großen Einfluß in Asien und stach mit Leichtigkeit alle Ideologien aus, die in China entwickelt wurden. Chinesische Philosophien wie Konfuzianismus und Taoismus hatten eine gewisse Wirkung unter Chinas unmittlbaren Nachbarn, den Koreanern, den Japanern und Vietnamesen, aber wenig in anderen Regionen. Die Chinesen werden zweifellos sagen, daß dies deshalb sei, weil sie ihre Art nicht anderen aufzwingen, aber angesichts Chinas Größe und der Tatsache, daß es jahrhundertelang die größte Volkswirtschaft der Welt war, muß der ideologische Einfluß Chinas im Ausland als überraschend begrenzt beschrieben werden. Laut Thomas T. Allsen in Culture and Conquest in Mongol Eurasia, “haben fast alle der größeren religiösen Bewegungen, die ihren Ursprung im Nahen Osten hatten –  Zoroastrismus, Judentum, Christentum, Manichäismus und Islam — China erreicht, während chinesische Ideologiesysteme keine Vorstöße in den Westen machten. Dieses verblüffende und beständige Muster, das niemals erklärt worden ist, hatte sich anscheinend recht früh etabliert.”

Michael H. Hart faßt zusammen: “Keine andere nichteuropäische Zivilisation hat annähernd die Vielfalt hochwertiger Literatur, Musik und Malerei geschaffen wie Indien. Das mathematische Wissen der alten Griechen wurde mit der Zeit nach Indien übertragen. Jedoch war der einzige wichtige Fortschritt, der von Hindu-Mathematikern gemacht wurde, die Erfindung der Stellenschreibweise, die arithmetische Operationen sehr vereinfacht. Die Stellenschreibweise wurde wahrscheinlich im Jahr 700 n. Chr. erfunden; die erste vollständige Beschreibung stammt jedoch von Bhaskara um 1150. Vor der Neuzeit scheinen Inder keine bedeutenden Beiträge zur Wissenschaft geleistet zu haben, noch kamen irgendwelche wichtigen Erfindungen aus Indien. Der indische Subkontinent brachte eine blühende Zivilisation hervor, und in vormodernen Zeiten war seine Kultur unvergleichlich verfeinerter als die rückständiger Regionen wie Australien oder das sub-saharische Afrika.”

Betrachten wir den Fall China. Die Chinesen waren von ihrer Überlegenheit gegenüber allen anderen Nationen überzeugt und führten sorgfältige historische Aufzeichnungen. Der gefeiertste chinesische Historiker alter Zeiten war der Palasteunuch Sima Qian (ca. 145-86 v. Chr.) während der Han-Dynastie, der einen enormen Einfluß auf die spätere chinesische Geschichtsschreibung hatte und darauf, wie die Chinesen ihre eigene Zivilisation sehen. Sein großes Werk Aufzeichnungen des Großen Historikers wird laut Hart “allgemein als allem überlegen betrachtet, was europäische Historiker vor der Neuzeit geschrieben haben.”

Wie Bruce G. Trigger in seinem ausgezeichneten Werk A History of Archaeological Thought, zweite Ausgabe, feststellt, hoben die konfuzianischen Gelehrten in China die Vergangenheit als Anleitung für moralisches Verhalten hervor und machten historische Studien zu einem wichtigen Bestandteil der sich vereinigenden chinesischen Kultur.  Bronzegefäße und Jadeschnitzereien aus der alten Shang-Dynastie wurden in gleicher Weise als Prestigeobjekte geschätzt wie antike Vasen oder Statuen im klassischen Mittelmeerraum. Und doch entwickelten die Chinesen kein mit der europäischen Archäologie vergleichbares spezifisches Repertoire an Techniken für Bergung und Studium solcher Artefakte. Selbst die Griechen und Römer taten das nicht; sie konnten antike Kunstwerke sammeln, aber sie entwickelten keine systematische Wissenschaft, die dem Studium physischer Überbleibsel aus der Vergangenheit gewidmet war. Laut Trigger

“bewunderten wohlhabende Römer die Werke talentierter griechischer Künstler und waren bestrebt, die Originale oder gute Kopien davon zu kaufen. Dieses Interesse inspirierte den historischen Bericht des römischen Autors Plinius des Älteren (23-79 v. Chr.) über griechische Kunst und Künstler. Und doch machten die Gelehrten trotz eines wachsenden Interesses an antiken Kunstwerken keine Anstrengungen, solche Artefakte systematisch zu bergen oder zu sammeln, noch wurden Artefakte – mit der bemerkenswerten Ausnahme weniger Werke wie das von Plinius über die Kunst – zu einem speziellen Gegenstand der Analyse…. Gebildete Griechen und Römer waren sich bewußt, daß die Kultur der fernen Vergangenheit anders gewesen war als die der Gegenwart, und schätzten die feinen Kunstwerke aus früheren Zeiten als Sammlerstücke. Und doch entwickelten sie keinen Sinn dafür, daß diese Objekte eine Basis dafür sein könnten, mehr über die Vergangenheit zu lernen, da schriftliche Aufzeichnungen und mündliche Überlieferungen verwendet wurden.”

Es gab in der griechischen Wissenschaft eine allgemeine Lücke zwischen Theorie und Praxis und eine starke Abneigung unter Intellektuellen gegen das Studium weltlicher Objekte. Die Archäologie wurde im frühneuzeitlichen Europa geschaffen, angefangen mit dem Wachstum der Antiquare von der Renaissance bis zur Aufklärung. Der einflußreiche deutsche Antiquar Johann Winckelmann (1717-1768) studierte sorgfältig die griechisch-römische Kunst und wird manchmal als “der erste Archäologe” bezeichnet. Während jedoch sein vergleichendes Werk einen großen Schritt vorwärts beim systematischen Studium der Vergangenheit darstellte, war er nicht am Alltagsleben der Alten interessiert und studierte die Objekte abgesondert von ihrem archäologischen Zusammenhang. “Daher mag in vieler Weise die Behauptung, daß er der Begründer der Kunsthistorie gewesen sei, sogar noch angemessener sein als die, daß er der Vater der klassischen Archäologie war. Winckelmann war eindeutig verantwortlich für die Etablierung einer engen und dauerhaften Beziehung zwischen den klassischen Studien und dem, was die separate Disziplin der Geschichte werden sollte.”

Das achtzehnte Jahrhundert erlebte mehr systematische archäologische Ausgrabungen, besonders an den verschütteten römischen Orten Herculaneum und Pompeii nahe Neapel, aber die prähistorische Archäologie wurde in den frühen 1800ern durch den Gelehrten Christian Jürgensen Thomsen (1788-1865) aus Dänemark geboren. Obwohl er von früheren Ideen und den Idealen der Aufklärung inspiriert war, war es Thomsen, der das höchst einflußreiche System der drei Zeitalter entwickelte (Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit). Während der Napoleonischen Kriege war die dänische Flotte von den Briten zerstört worden, daher brauchten die Dänen nationalen Trost und Beruhigung aus ihrer Vergangenheit. Seine Bedeutung wird in historischen Berichten oft unterbewertet, aber “Thomsons Werk begründete den chronologischen Durchbruch, der das Studium der Vorgeschichte auf eine wissenschaftliche Basis stellte. Seine Arbeit war für die Entwicklung der prähistorischen Archäologie so fundamental, wie es die größeren theoretischen Entdeckungen in historischer Geographie und Biologie wärend des neunzehnten Jahrhunderts gewesen war.”

Im Vergleich zum Westen waren die Chinesen ein auffallend praktisches Volk, das relativ wenig Interesse an purer Mathematik oder Theologie hatte und keine Religionskriege europäischer Art führte. Sie machten viele nützliche praktische Erfindungen, von der Papierherstellung über Blockdruck, Magnetkompaß, Gußeisen, Porzellan, Schubkarren und Kanalschleusentore bis zur Verwendung von Kohle als Brennstoff.

Als Schreibmaterial war Bambus sperrig und Seide teuer. Mit der Erfindung des Papiers hatte China ein besseres und billigeres Schreibmaterial als alles, was sonstwo auf der Welt verwendet wurde, obwohl eine gewisse Art von Rindenpapierbüchern von den Mayas und anderen im präkolumbianischen Mittelamerika hergestellt wurde. Hart glaubt, daß die Einführung des Papiers teilweise erklärt, warum China in der Periode, die dem Mittelalter in Europa entspricht, so dynamisch war. Im Gegensatz dazu wird die berühmte Große Mauer von China etwas überbewertet. Die Autorin Julia Lovell erklärt im Buch The Great Wall: China Against the World, 1000 BC — AD 2000:

“Mauerbau war im allgemeinen eine unpopuläre Entscheidung, weil er mit Niederlage und politischem Zusammenbruch in Verbindung gebracht wurde, mit kurzlebigen Kaiserhäusern wie den brutalen Qin (221-206 v. Chr.) — dem ersten Regime, das eine mehr oder weniger durchgehende Barriere durch Nordchina errichtete – oder den Sui (581-618). Und die Große Mauer hat einfach nicht so gut als Barriere zum Schutz Chinas vor marodierenden Barbaren funktioniert. Seit Mauern erstmals entlang chinesischer Grenzen gebaut worden waren, hatten sie niemals mehr als einen zeitweiligen Vorteil gegen entschlossene Angreifer und Plünderer geboten. Als Dschingis Khan und seine Mongolenhorden China im dreizehnten Jahrhundert eroberten, erwiesen sich Grenzmauern als geringes Hindernis. Die Große Mauer bot den größten Mauerbauern von allen, der Ming-Dynastie, keinen Schutz vor ihren bedrohlichsten Feinden, den Mandschus aus dem Nordosten, die China von 1644 an als Qing-Dynastie regierten. Invasoren konnten Umwege um starke Befestigungen machen, bis sie Schwachstellen oder Lücken fanden, oder weniger mühevoll einfach chinesische Amtsträger bestechen, damit sie die Forts der Großen Mauer öffneten. Als die Mandschus 1644 beschlossen, ihren finalen Vorstoß auf Peking durchzuführen, wurden sie von einem unzufriedenen chinesischen General durch einen Paß der Großen Mauer gelassen.”

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Die Große Mauer könnte man mit der Maginotlinie vergleichen, dem ausgeklügelten System von Betonbunkern, Tunnels und Maschinengewehrstellungen, das Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg entlang seiner Ostgrenze errichtet hatte. Diese teuren Befestigungsanlagen boten den Franzosen wenig effektiven Schutz, als die Deutschen sie während des 2. Weltkrieges umgingen und trotzdem in Frankreich einmarschierten. Als die Chinesen ihre Große Mauer bauten, wendeten sie eine sehr große Menge finanzieller und menschlicher Ressourcen für etwas auf, das am Ende nicht sehr wirksam war. Als die Chinesen das Papier und gedruckte Bücher aus Papier erfanden, änderten sie den Lauf der menschlichen Geschichte. Manchmal ist die visuell spektakulärste Schöpfung nicht notwendigerweise die historisch bedeutsamste.

Eine beeindruckende Leistung des chinesischen Ingenieurswesens, die tatsächlich so funktionierte wie beabsichtigt, war der Große Kanal, der später verlängert worden war und sich jetzt von Peking bis Hangzhou erstreckt, über grob 1,770 km. Der japanische buddhistische Pilger und Schriftsteller Ennin (ca. 794-864), der in Japan besser bekannt ist als Jikaku Daishi, war einer der vielen Besucher, die vom schieren Ausmaß des Großen Kanals beeindruckt war. Nichtsdestoweniger waren die Chinesen in der Architektur “relativ spät dran in der Verwendung des Bogens und der Kuppel; und obwohl sie viele attraktive Wohnhäuser und andere Gebäude errichteten, bauten sie nichts, das mit dem Parthenon in Athen, der Hagia Sophia in Konstantinopel oder den großartigen Kathedralen des mittelalterlichen Europas wetteifern könnte.”

In scharfem Kontrast zur eindrucksvollen Liste großer praktischer Erfindungen stand die relative Spärlichkeit größerer chinesischer Errungenschaften in Wissenschaft und Mathematik. Sie litten an einem allgemeinen Mangel an Interesse für Theorie in der Wissenschaft. Zum Beispiel waren die Chinesen genau beim Führen astronomischer Aufzeichnungen, aber sie schufen nie eine ausgearbeitete theoretische Struktur und folgerten niemals, daß die Erde rund ist. Daß sie das nicht taten, machte bedeutenden Fortschritt in der Astronomie schwierig. Im Jahr 1600 n. Chr. lag die chinesische Astronomie mindestens 2.000 Jahre hinter dem Westen zurück. Die Chinesen leisteten auch keine größeren Beiträge zur Physik, Chemie oder Geologie.

In Zeiten politischer Stärke expandierte China in benachbarte Territorien im unmittelbar angrenzenden Süden und Westen, besonders in Xinjiang und Zentralasien wie auch in Vietnam. Es gab einige Ausnahmen, die hauptsächlich mit der Einführung des Buddhismus zu tun hatten, als einige Gelehrte nach Indien gingen, aber im allgemeinen zeigten die Chinesen wenig Interesse an Erkundung darüber hinaus. Es gab die berühmten Schiffsexpeditionen im Indischen Ozean während der Ming-Dynastie im frühen fünfzehnten Jahrhundert, die von Männern wie dem Admiral Zheng He (1371-1433)  geführt wurden und bis zur Ostküste Afrikas kamen. Und doch war der ganze Grund dafür, daß diese Expeditionen so viel Aufsehen erregten, genau der, daß sie ein seltenes Ereignis darstellten. Das Projekt fand vergleichsweise spät statt und wurde schließlich beendet. Behauptungen, daß die Chinesen Amerika vor Kolumbus 1492 erreicht hätten, sind nicht überzeugend. Falls überhaupt, dann hätten sie eurasische Massenseuchen mitgebracht, was bedeutet, daß in diesem Fall viele der amerikanischen Ureinwohnervölker an Pocken gestorben wären, bevor noch die Europäer dorthin kamen.

Die Chinesen brachten viele schöne Landschaftsmalereien hervor, großartige Kalligraphien und eine sehr umfangreiche Literatur über Philosophie, Poesie, Fiktion und Geschichte. Relativ wenige dieser Werke werden heute von Nichtchinesen gelesen, von denen eines das Tao Te Ching (“Der Klassiker des Weges und seiner Macht”) ist, welches Lao Tzu oder Laozi (Laotse) zugeschrieben wird, der als der Begründer des Taoismus gilt, einige konfuzianische Klassiker und vor allem Die Kunst des Krieges von Sun Tzu, das nach universaler Zustimmung die größte Abhandlung über die Psychologie der Kriegführung ist, welche jemals in irgendeiner Sprache geschrieben wurde.

Keine praktischen Erfindungen von vergleichbarer Bedeutung wie Papier, Buchdruck oder Schießpulver wurden jemals in der islamischen Welt gemacht. Mehr noch, buchstäblich alle der bewundernswerten Bestandteile dieser Zivilisation wurden von den Chinesen selbst geschaffen, wogegen die Moslems sich stark auf Wissen stützten, das von anderen geschaffen worden war – den alten Griechen, Byzantinern, Persern, Hindus und Chinesen. Michael H. Hart bewertet die chinesische Zivilisation als die einzige, die sich mit der europäischen messen kann:

“Die Chinesen schufen — buchstäblich ohne Hilfe von Außenseitern — eine komplexe und vollständige Zivilisation, mit einer glatt funktionierenden Regierung und vielzähligen Errungenschaften in Technologie, Bauwesen, Literatur, Kunst und Philosophie. Sie hatten eine breite Vielfalt ausgebildeter Handwerker; sie unterhielten große, mächtige Armeen, und sie schufen ein Schulsystem, ein Netzwerk von Straßen, eine ausgeklügelte (und köstliche) Küche und all die anderen Attribute einer verfeinerten Zivilisation. Im allgemeinen genossen die Chinesen mehr innere Einheit als Europa. Europa hatte gewöhnlich aus vielen unabhängigen Staaten bestanden, die einander oft bekämpften. Im Gegensatz dazu ist China gewöhnlich politisch geeint gewesen. Zwischen 600 und 1300 n. Chr. war China eindeutig wohlhabender als der Westen. Deshalb ist oft festgestellt worden, daß China (bis zum Aufstieg der modernen Wissenschaft in den letzten fünf Jahrhunderten) gewöhnlich fortschrittlicher gewesen ist als der Westen. Diese Feststellung ist jedoch unrichtig. Erstens lag China selbst in dieser Zeitperiode in Mathematik und Wissenschaft weit hinter dem Westen zurück. Zweitens war das Intervall von  600-1300 n. Chr. untypisch. Während des Großteils der aufgezeichneten Geschichte – und während des Großteils der letzten zehntausend Jahre – ist China sowohl in Technologie als auch in den Künsten klar hinter der westlichen Welt zurückgelegen.”

Aber dennoch gab es keine chinesischen Entsprechungen zu Kopernikus, Newton, Bach, Mozart, Beethoven, Michelangelo, Leonardo da Vinci, Kolumbus oder Magellan. In der antiken Welt gab es auch keine zu Pythagoras, Archimedes, Euklid, Hipparchus oder Ptolemäus.

Während der ungewöhnlich dynamischen Song-Dynastie (960-1279) gaben sie die ersten Banknoten (Papiergeld) heraus und verzeichneten den ersten bekannten Gebrauch von Schießpulver und des Magnetkompasses. Laut Arnold Pacey in Technology in World Civilization, “war China im Jahr 1100 unzweifelhaft die technisch ‘fortschrittlichste’ Region der Welt, besonders in Hinblick auf die Verwendung von Koks zur Eisenverhüttung, Kanaltransport und landwirtschaftliche Geräte. Brückenkonstruktion und Textilmaschinen hatten sich auch schnell entwickelt. In all diesen Bereichen waren im China des elften Jahrhunderts Techniken in Gebrauch, die keine Parallele in Europa bis um 1700 hatten.”

Jedoch begann während der Song-Dynastie die schmerzhafte Praxis der Fußabbindens, die bis ins zwanzigste Jahrhundert andauerte und zahllose chinesische Frauen betraf, und verbreitete sich vom zehnten oder elften Jahrhundert an schnell. Konfuzianische Gelehrte fanden daran nichts auszusetzen. J. M. Roberts’ The New Penguin History of the World vernachlässigt etwas die negative Auswirkung des islamischen Dschihad, ist aber dennoch lesenswert. Wie Roberts aufzeigt, wird die Geschichte der Frauen oft von Voreingenommenheit der Dokumentation verdunkelt, aber besonders in China:

“Wir hören wenig von ihnen, selbst in der Literatur, außer in traurigen kleinen Gedichten und Liebesgeschichten. Und doch müssen sie vermutlich etwa die Hälfte der Bevölkerung ausgemacht haben, oder vielleicht etwas weniger, denn in schweren Zeiten wurden weibliche Babies von armen Familien zum Sterben ausgesetzt. Diese Tatsache charakterisiert vielleicht den Platz der Frauen in China bis in sehr junge Vergangenheit einnahmen, noch besser als die vertrautere und oberflächlich auffallendere Praxis des Fußabbindens, die groteske Deformationen verursachte und eine hochgeborene Dame fast unfähig zum Gehen machen konnte. Noch ein weiteres China, das durch die Natur der etablierten Tradition ziemlich von der historischen Betrachtung ausgeschlossen blieb, war das der Kleinbauern. Sie werden nur als Zahlen in den Volkszählungsergebnissen und bei Ausbrüchen von Revolten schattenhaft sichtbar; nach den Tonfiguren der Han-Zeit gibt es in der chinesichen Kunst wenig, das sie offenbart, und sicherlich nichts, das der ununterbrochenen (und oft idealisierten) Darstellung des gewöhnlichen Mannes auf dem Feld gleichkommt, wie sie von der mittelalterlichen europäischen Buchmalerei über die Mundartliteratur bis zur Romantik und bis zu den Bauernmotiven der frühen Impressionisten durchläuft.”

All dies bedeutet nicht, daß der Rest Asiens technisch primitiv war, aber Chinas Rolle war unverhältnismäßig groß. Was kam aus China in den Westen? Professor Derk Bodde zählt eine Anzahl von Ideen und Innovationen auf, vom Porzellan, Tee, Papier und Schießpulver bis zu Domino, Spielkarten und dem Schattenspiel. Lack ist, wie Seide, eines der Produkte, die man am längsten aus China kennt. Er wird aus dem Saft eines in China heimischen Baumes erzeugt und dazu verwendet, dekorative Muster auf hölzerne Kisten und andere Objekte zu malen. Die europäische Agrarproduktion wurde nach der Einführung landwirtschaftlicher Werkzeuge wie dem Streichblechpflug stark verbessert. Die Niederländer und andere Europäer sahen, daß der chinesische Pflug sich nicht für ihren Bodentyp eignete, aber chinesische und asiatische Prototypen regten sie zu neuen Konstruktionen und Windfegen (Maschinen zur Trennung von Spreu und Weizen) an.

Auch wenn man eine Anzahl praktischer Innovationen finden kann, die aus China in den Westen kamen, so kamen doch sehr wenige theoretische wissenschaftliche Ideen aus Ostasien. Mehr noch, man könnte mit Recht sagen, daß China inzwischen dem Westen mehr Wissenschaft und Technologie verdankt als umgekehrt. Arnold Pacey gibt zu, daß  “…die bedeutendsten Entwicklungen in Asien die technischen Bücher waren, die in Japan im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert veröffentlicht wurden, eine Handvoll chinesischer wissenschaftlicher Arbeiten sowie sehr gelegentliche Fälle in Indien wie die Verwendung von Modellen beim Entwurf des Tadsch Mahal in den 1630ern und die systematische Verwendung maßstäblicher Zeichnungen durch einige Schiffbauer gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Aber solche Beispiele sind selten und vereinzelt. Das große Übergewicht neuen technologischen Potentials, das durch die gesteigerte Fähigkeit erzeugt wurde, technische Probleme in Begriffe zu fassen, fiel dem Westen zu.”

Geographische Faktoren trugen zur frühen kulturellen und politischen Vereinigung Chinas bei, was im zergliederteren Terrain Europas schwierig war. Wie Jared Diamond in Guns, Germs, and Steel feststellt, brachte die “Sinifizierung” Ostasiens die “drastische Homogenisierung einer riesigen Region” und die Neubevölkerung des tropischen Südostasiens durch Menschen chinesischen Ursprungs mit sich:

“Einige Entwicklungen breiteten sich in China von Süden nach Norden aus, besonders die Eisenverhüttung und der Reisanbau. Aber die vorherrschende Ausbreitungsrichtung war von Norden nach Süden. Dieser Trend ist am eindeutigsten beim Schriftebrauch… Alle drei der ersten Dynastien Chinas, die Xia-, Shang- und Zhou-Dynastie, entstanden im zweiten vorchristlichen Jahrtausend in Nordchina. Erhaltene Schriften aus dem eresten vorchristlichen Jahrtausend zeigen, daß ethnische Chinesen bereits damals dazu neigten (wie es viele heute noch tun), sich gegenüber den nicht-chinesischen ‘Barbaren’ kulturell überlegen zu fühlen, während Nordchinesen dazu tendierten, sogar Südchinesen als ‘Barbaren’ zu betrachten.”

Obwohl Südostasien ursprünglich von dunkelhäutigen Völkern vergleichbar einigen neuguineischen Gruppen bevölkert war, gibt es heute nur mehr wenige neuguineaartige Volksgruppen in dieser Region, darunter die Negritos, die in den Bergregionen der Philippinen leben. Der Rest ist mehr oder weniger vollständig ausradiert worden. Wie Diamond schreibt, “vollendete die historische Südexpansion der Burmesen, Laoten und Thais aus Südchina die Sinifizierung des tropischen Südostasiens. All jene heutigen Völker sind neuzeitliche Ableger ihrer südchinesischen Vettern. So überwältigend war diese chinesische Dampfwalze, daß die früheren Völker des tropischen Südostasiens nur wenig Spuren in den heutigen Bevölkerungen der Region hinterlassen haben.”

Bezüglich der indoeuropäischen Expansion unterstützt Michael H. Hart die von Gelehrten wie der Archäologin Marija Gimbutas (1921-1994, geboren in Wilnius, Litauen, und später in den USA ansässig) verfochtene Hypothese, daß das ursprüngliche Heimatland der Protoindoeuropäer in der Region der südlichen Ukraine und Rußlands nördlich des Schwarzen Meeres lag. Gimbutas identifizierte die frühen Sprecher des Protoindoeuropäischen mit den sogenannten Kurganleuten, die dort nach 4.000 v. Chr. lebten. Diese Menschen erhielten ihren Namen von den niedrigen Hügeln, den Kurganen, in denen sie oft ihre Toten bestatten. Sprecher eines frühen indoeuropäischen Zweiges, der sich später zum Griechischen entwickeln würde, kamen wahrscheinlich zwischen 2.200 – 2.000 v. Chr. von Norden nach Griechenland, wo wir Spuren in den archäologischen Belegen finden können, die auf ein gewaltsames Eindringen schließen lassen. Die alten Griechen selbst erwähnten ein früheres Volk (die Pelasgier), die vor ihnen in Griechenland gelebt hatten, obwohl die genaue Natur dieser Leute und ihrer Kultur immer noch eine umstrittene Sache ist. Wie können wir die Ausbreitung der indoeuropäischen Sprachen in so viele Regionen und Geländeformen erklären?

“Die einfachste Erklärung ist die, daß die ursprünglichen Sprecher des Protoindoeuropäischen im Durchschnitt eine beträchtlich höhere Intelligenz besaßen als die meisten der Völker, die sie besiegten (einschließlich der Ägypter, Babylonier, Assyrer, Karthager, Phönizier, Pelasgier, Tartesser, Iberer, Etrusker, Berber und drawidischsprachigen Völker), die sich alle in milderen Klimata entwickelt hatten als die Vorfahren der Indoeuropäer. Diese Hypothese hat den zusätzlichen Vorteil, daß sie auch für die neuzeitliche Expansion der Indoeuropäer zutrifft und auch ihre bemerkenswerten intellektuellen Errungenschaften erklärt. Keine andere Hypothese kommt der Erklärung all dieser Phänomene nahe.”

Während die Grundannahme richtig sein könnte,  finde ich persönlich sie ein wenig simplistisch, nachdem die indoeuropäischen Sprachen auch die Muttersprachen der nördlichen Völker verdrängten, die vermutlich einen mindestens so hohen Intelligenzquotienten hatten wie die Ukrainer. Man glaubt, daß das Baskische die einzige überlebende prä-indoeuropäische Sprache auf dem ganzen europäischen Kontinent ist. Das baskische Volk bewohnt die Pyrenäen in Nordspanien und im südwestlichen Frankreich. Ihre Sprache hat keine bekannten Verwandten und enthält Wörter für Axt und andere Werkzeuge, die die Wurzelbedeutung “Stein” enthalten. Sie ist vielleicht ein direkter Abkömmling der Sprachen, die während der Steinzeit in einigen Regionen Europas gesprochen wurden. Heißt das, daß die Basken einen einzigartig hohen Intelligenzquotienten haben, nachdem ihre Sprache allein überlebte?

In diesem Zeitalter der DNS-Analyse können einige frühere Befunde der vergleichenden Sprachwissenschaft mittels Genetik bestätigt werden. Im Jahr 2008 berichtete Fox News,  daß eine von der Cornell University geführte Studie herausgefunden hatte, daß weiße (europäische) Amerikaner genetisch schwächer und weniger verschiedenartig sind als ihre schwarzen Landsleute. Dies folgt der ersten Regel der Political Correctness, die besagt, daß es keine bedeutenden genetischen Unterschiede zwischen Menschengruppen gibt, und wenn es welche gibt, daß Weiße immer minderwertig sein müssen. Ich bin froh, daß unsere schwachen Gene die Europäer nicht davon abgehalten haben, Individuen wie Galileo, Kopernikus, Newton, Beethoven und Pasteur hervorzubringen.

Die Studie zeigte, daß die genetische Vielfalt am größten unter Afrikanern war und am geringsten unter amerikanischen Ureinwohnern. Dies stimmt mit der Tatsache überein, daß Nord- und Südamerika die letzten größeren Landmassen waren, die von Menschen besiedelt wurden. Die Studie zeigte auch, daß Basken mit niemand anderem genetisch eng verwandt sind. Einer Kombination linguistischer und genetischer Beweise nach zu urteilen, hat das baskische Volk einen starken Anspruch darauf, die älteste separate Nation Europas zu sein.

Während der ganzen Geschichte sind in den meisten Fällen, wo Menschen aus einer Region eine andere erobert haben, “Nordländer” in südlichere Ländern einmarschiert.  China ist niemals von den volkreichen Nationen südlich davon erobert, sondern wiederholt aus dem Norden angegriffen worden. In zwei Fällen – der Mongolen und der Mandschus – eroberten nördliche Invasoren ganz China. Innerhalb Chinas selbst waren es die Nordländer, die als erste ein geeintes Land schufen, indem sie das südliche China eroberten. Indien ist trotz seiner großen Bevölkerung niemals in die Länder in seinem Norden einmarschiert, sondern hat selbst wiederholt Invasionen aus dem Norden und Nordwesten erlebt. Die drei indischen Dynastien, die der Herrschaft über den gesamten Subkontinent am nächsten kamen (die Mauryas, die Guptas und die Moguln) hatten ihren Ursprung alle im Norden. Hart zufolge “ist die offensichtliche – und, wie ich glaube, die richtige – Erklärung für die militärische Übelegenheit der nördlichen Völker die höhere Intelligenz jener Völker im Vergleich mit den Bewohnern tropischerer Regionen.”

Michael H. Hart gibt zu, daß die moslemischen Eroberungen ein größeres Gegenbeispiel zu dieser allgemeinen Regel darstellen. Es stimmt, daß Moslems es niemals schafften, eine dauerhafte Kontrolle über Europa zu errichten, wie sie es nin Nordafrika und im Nahen Osten taten, aber die Auswirkung vieler Jahrhunderte islamischen Dschihads auf die Nationen Südeuropas war weit davon entfernt, marginal zu sein. Was die Mongolen betrifft – sobald sie den trockeneren und kälteren Bereich der Berge verließen, wurden sowohl die Krieger als auch die Pferde geschwächt und krank. Es gelang ihnen nicht, ihre erfolgreiche, auf Pferde gestützte Strategie an das Meer anzupassen, und sie eroberten den Großteil Indiens und Südostasiens niemals. Daß sie den Iran und Irak eroberten, aber 1260 von den ägyptischen Mameluken besiegt wurden, kann man keinen IQ-Unterschieden zuschreiben.

Manche werden sagen, daß die Masseneinwanderung vieler Menschen mit niedrigem IQ in mehrheitlich weiße westliche Länder an der Wende zum einundzwanzigsten Jahrhundert ein weiteres größeres Gegenbeispiel ist, aber diese Entwicklung stellt eine solche Anomalie in der Weltgeschichte das, daß sie als Sonderfall behandelt werden muß. Westliche Nationen sind nicht militärisch besiegt worden. Diese Einwanderer/Kolonisten hätten sich nicht in diesen Ländern ansiedeln können, wenn sie nicht den gestörten Altruismus und die politisch-ideologischen Schwächen des modernen Westens ausnützen könnten, und sie haben immer wesentliche Hilfe von hochintelligenten Gruppen innerhalb des Westens erhalten, darunter von weißen Marxisten.

Skandinavische (altnordische) Wikinger dominierten ab dem späten achten Jahrhundert viel von Nordeuropa, sowohl durch Handel als auch durch Plünderung. Zu Hause waren sie freie Bauern. Das Wikingerzeitalter endete im elften nachchristlichen Jahrhundert, als sie sich im Ausland stärkeren Staaten gegenübersahen und der Christianisierung zu Hause, worauf Skandinavien in die christliche Zivilisation Europas integriert wurde.  Von Schweden aus zogen sie oft die Flüsse Osteuropas hinab zum Schwarzen Meer und nach Kiew und gründeten das, was später der russische Staat werden sollte. Norweger zogen nach Schottland, Irland und auf den Nordatlantik hinaus. Dublin war die reichste der norwegischen Kolonien in Irland.

Der Einfluß der Wikinger war auf den britischen Inseln besonders stark, sowohl in zerstörerischer als auch umgestaltender Weise. Von Dänemark aus überfielen sie die Normandie und die Bretagne und siedelten sich dort an. Die nordöstlichen und zentralen Teile Englands, wo sich die Wikinger niederließen, wurden als Danelaw bekannt, weil sich dort dänische Gesetze und Gebräuche anstatt englischer durchsetzten. Gelehrte argumentieren, daß einige Rechtsinstitutionen wie der Vorläufer des modernen Schwurgerichts ihren Ursprung im Danelaw gehabt haben könnten. Danegeld war eine englische Steuer, die eingehoben wurde, um sich von den dänischen Invasoren loszukaufen. Der dänische König Knut der Große (ca. 990-1035) beherrschte im frühen elften Jahrhundert einen großen Teil Englands.

Charles “der Einfältige” III (879-929) von Frankreich unterzeichnete im Jahr 911 einen Vertrag mit dem Wikingerführer Rollo über das, was entlang der Ärmelkanalküste Nordfrankreichs die Normandie werden sollte. Den Wikingern (“Nordmännern”) wurde dieses Territorium in der Hoffnung gegeben, daß sie zukünftige Wikingerüberfälle gegen Frankreich abwehren würden. Ihre Nachkommen gemischter französischer und norwegischer Abstammung, die Normannen, eroberten 1066 erfolgreich England.

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“Havhingsten fra Glendalough” (Seehengst von Glendalough), ein Nachbau eines der fünf bei Roskilde in Dänemark gefundenen Wikingerschiffe, vor Egersund in Westnorwegen. Dieses Schiff ist bis nach Irland gesegelt, wo das Original um 1042 herum nahe Dublin gebaut worden war.

Die Ursachen der Wikingerexpansion sind immer noch unbekannt, aber ihre Schiffe waren sicherlich ein kritischer Faktor in dieser Geschichte. Sie waren zu dieser Zeit vielleicht die schnellsten Fahrzeuge der Welt. Skandinavien und die Ostsee waren ursprünglich eine der entlegensten Regionen Europas, weit entfernt von der mittelmeerisch dominierten römischen Zivilisation. Felsritzungen aus der Zeit vor 1500 v. Chr. zeigen, daß der Bootsbau in dieser Region zumindest zu dieser Zeit schon bekannt war, aber es gibt keine Abbildungen eines Masts oder Segels. Geruderte Fahrzeuge wurden in den nordischen Ländern sehr früh abgebildet, aber die ersten Abbildungen von Segelfahrzeugen gab es erst um 600 n. Chr. auf der schwedischen Insel Gotland. Bald danach entwickelten sie bemerkenswert schnelle und manövrierfähige Segel- und Ruderschiffe, die auch auf Flüssen verwendet werden konnten und die es ihnen ermöglichten, sowohl Handel zu treiben als auch Überfälle durchzuführen und zu entkommen, ohne von den langsameren Schiffen der Einheimischen überholt zu werden.
Die großen Flüsse, die kreuz und quer durch die europäische Halbinsel verliefen, boten ein Netzwerk von Routen, die die Ozeanausläufer miteinander verbanden. Nicht alle Flüsse waren leicht schiffbar, aber mit einiger Anstrengung war es möglich, sogar große Fahrzeuge zwischen schiffbaren Wasserwegen und um Stromschnellen herum über Land zu transportieren. Die Wikinger waren nicht die ersten Europäer, die das taten; der altgriechische Geograph Strabo erwähnte es Jahrhunderte früher. Nichtsdestoweniger sind ihre einzigartig beweglichen Langschiffe zum Symbol des Wikingezeitalters geworden. Else Roesdahl erklärt im Buch The Vikings: Revised Edition:

“Eine verläßliche Beschreibung des in Skandinavien verwendeten Haupttyps und einige Einblicke in dessen Spezialisierung kann auf der Basis der vielen entdeckten Schiffe und Bruchstücke erstellt werden. Dieser Haupttyp ist mit örtlichen Abänderungen auch in England und in den slawischen Regionen südlich der Ostsee gefunden worden. Er wurde an beiden Orten wahrscheinlich infolge skandinavischen Einflusses eigeführt. Die Schiffe, die Wilhelm der Eroberer, ein Wikingernachkomme, für seine Invasion Englands im Jahr 1066 gebaut hatte, waren vom selben Typ. Die Funde sagen uns auch, daß die Schiffe innerhalb Skandinaviens entsprechend örtlicher Naturgegebenheiten variierten, und es gibt Beweise dafür, daß sie sich technisch während des Wikingerzeitalters entwickelten. Segel scheinen während der Jahrunderte eingeführt worden zu sein, die dem Wikingerzeitalter vorausgingen, obwohl Segelschiffe damals in Westeuropa seit vielen Hunderten von Jahren in Gebrauch gewesen waren. In Skandinavien erlangten Segelschiffe schnell einen Grad der Verfeinerung, der für ihre Zeit herausragend war. Ohne Segel wären die weit ausgedehnten Unternehmungen der Wikinger unmöglich gewesen. Viele der Schiffe sind jetzt mittels Dendrochronologie datiert. Die besterhaltenen und berühmtesten Wikingerschiffe sind die großartigen norwegischen Bestattungsschiffe aus Oseberg und Gokstad in Vestfold.”

Sigrid Storrada akter - Gumsviken harbour

“Sigrid Storråda“ (Sigrid die Stolze), ein schwedischer Nachbau des Gokstadschiffes, in ihrem Hafen in Gumsviken.

Die Dendrochronologie (Altersbestimmung anhand von Baumringen) zeigt, daß das guterhaltene Osebergschiff im Jahr 834 vergraben wurde. Das Gokstadschiff wurde unter einem Begräbnishügel bei einem Bauernhof in Vestfold gefunden und 1880 ausgegraben. Es ist 24 Meter lang, 5 Meter breit und sehr seetüchtig. Beide Schiffe können im Wikingerschiffsmuseum in Oslo besichtigt werden. Tønsberg in der Provinz (Fylke) Vestfold war wahrscheinlich in den 800ern gegründet worden und ist eine der ältesten immer noch existierenden Ortschaften in Skandinavien. Das Handelszentrum Hedeby im südlichen Dänemark blühte vom achten bis zum elften Jahrhundert. Birka westlich des heutigen Stockholm in Schweden war über die Ostsee und die Flüsse Osteuropas mit dem Schwarzen Meer, dem Byzantinischen Reich und dem Abbasidenkalifat verbunden. Die Nordmänner nannten das beeindruckende Konstantinopel Miklagard (“die Große Stadt”).

Nachdem sie lange Reisen unternommen hatten, auf denen sie überall Feinde abzuwehren hatten, ist es nicht überraschend, daß die Skandinavier zu dieser Zeit sich einen Ruf als wilde, entschlossene Krieger erwarben. Wie Timothy Gregory in A History of Byzantium sagt, litt das Byzantinische Reich an einem Niedergang seiner Wehrpflichtigenarmee. Aus diesem Grund “mußte der Staat sich mehr und mehr auf ausländische Söldner verlassen, zuerst auf Waräger aus Rußland, aber dann zunehmend auf Normannen aus Sizilien und Frankreich, Angelsachsen aus England und andere. Der Berühmteste von diesen war der Waräger Duzina, der ab 1034 bestätigt ist, zusammen mit angeworbenen Wikingern aus Rußland und schließlich Angelsachsen. Diese Elitegarde, deren Mitglieder besondere Waffen und Uniformen trugen, hatte ihr Quartier in Konstantinopel, nahm aber auch an Feldzügen teil.”

Die Warägergarde, die sowohl für ihre massiven Streitäxte wie auch für ihre Trunksucht bekannt war, verteidigte Konstantinopel während des schändlichen Vierten Kreuzzugs im Jahr 1024. Einer ihrer prominenten Mitglieder war der zukünftige König Harald Hardråde (1015-1066), der “harte Herrscher,” dessen Geschichte vom isländischen Dichter und Historiker Snorri Sturluson (1178-1241) in der Heimskringla erzählt wird. Harald nahm an einer Anzahl von Schlachten gegen Moslems teil und kehrte mit großem Reichtum nach Norwegen zurück. Darin war er nicht der einzige. Viele byzantinische Goldmünzen und islamische Silbermünzen sind in Skandinavien gefunden worden. Am meisten erinnert man sich seiner wegen seiner Invasion Englands mit mehreren hundert Langschiffen. Hardråde wurde 1066 in der Schlacht von Stamford Bridge in England getötet. Der Sieger Harold Godwinson (ca. 1022-1066) wurde selbst von Wilhelm dem Eroberer (ca. 1027-1087) und seinen Normannen in der Schlacht von Hastings im selben Jahr besiegt. Diese Geschichte ist auf dem schönen Wandteppich von  Bayeux verewigt worden.

Der nordische Erforscher Leif Eriksson, oder Ericson (ca. 975-ca.1020), Sohn des norwegischen Gesetzlosen Erich des Roten, der zwei norwegische Kolonien in Grönland gegründet hatte, war wahrscheinlich der erste Europäer, der in Nordamerika landete. In den 1950ern und 1960ern vom norwegischen Forscher Helge Ingstad (1899 – 2001) und seiner Frau, der Archäologin Anne Stine Ingstad (1918 – 1997) durchgeführte Forschungen identifizierten eine mittelalterliche norwegische Siedlung, die in Neufundland im östlichen Kanada gelegen hatte.

Wie der Autor Barry Cunliffe in Europe Between the Oceans feststellt, “war die skandinavische Diaspora des achten bis zehnten Jahrhunderts ein bemerkenswertes Phänomen, das in seiner Größenordnung ziemlich beispiellos war. In dem Moment, wo schwedische Wikinger den Kaspischen See überquerten, um in Bagdad Handel zu treiben, segelten Norweger auf der Suche nach geeignetem Land zum Siedeln in Amerika die Küste von Labrador hinunter. Die Skandinavier waren die ersten Europäer, die alle Meere Europas befahren hatten.”

Die einzige vormoderne ozeanische Erkundungstätigkeit, die sich mit der Expansion der Wikinger vergleichen kann, ist die polynesische Expansion von austronesischsprechenden Menschen. Man glaubt, daß der Ursprung der austronesischen Sprachfamilie in Taiwan vor der Südwestküste Chinas vor 3000 v. Chr. liegt. Sie verbreitete sich schubweise von Südostasien ausgehend  über all die verstreuten Inseln des Pazifischen Ozeans. Wie Jared Diamond in Collapse schreibt, “war die prähistorische polynesische Expansion der dramatischste Ausbruch menschlicher Forschungstätigkeit über See in der menschlichen Vorgeschichte….Bis um 1200 n. Chr. hatten die Polynesier jeden bewohnbaren Flecken Land in dem enormen Wasserdreieck des Ozens erreicht, dessen Eckpunkte Hawaii, Neuseeland und die Osterinsel sind…sowohl die Entdeckungen als auch die Siedlungstätigkeit wurden sehr sorgfältig geplant.”

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Diese Erschließungstätigkeit war sehr herausfordernd und muß einen gewissen Mindest-IQ erfordert haben, um Kanus zu entwickeln, die solch lange Seereisen überstehen konnten. Australische Ureinwohner lebten Zigtausende Jahre nahe am Pazifischen Ozean, aber soweit wir gegenwärtig wissen, hatten sie niemals irgendetwas Ähnliches wie jene polynesischen Reisen unternommen, nicht einmal zum nahegelegenen Neuseeland.

In einem extremen Beispiel der experimentellen Methode, bei dem er sein eigenes Leben aufs Spiel setzte, um die Möglichkeit seiner Theorien zu beweisen, überquerte der norwegische Forscher und Autor Thor Heyerdahl (1914-2002) mit seinem Balsafloß Kon-Tiki 1947 in einer Expedition den Großteil des Pazifischen Ozeans, von Südamerika bis zu den polynesischen Inseln. Er glaubte, daß diese Inseln von Südamerika aus besiedelt worden waren. Jedoch weisen sowohl linguistische als auch genetische Beweise stark darauf hin, daß die Völker, die die pazifischen Inseln bewohnen, südostasiatischer Herkunft sind. Was Heyerdahl aber mit dieser und späteren Fahrten bewies, war dies, daß transozeanische Kontakte mit etwas, das wir heute als relativ einfache Wasserfahrzeuge betrachten würden, zumindest theoretisch möglich waren.

Der beeindruckendste Aspekt der Wikingerexpansion ist der, wie die Skandinavier es schafften, nur wenige Generationen, nachdem sie erstmals mit dem Konzept von Segeln vertraut worden waren, einige der schnellsten Schiffe der Welt zu schaffen. Diese extrem schnelle innovative Reaktion ist nicht ohne Beispiel. Wie Diamond erwähnt, erreichten Feuerwaffen im Jahr 1543 Japan, als zwei portugiesische Abenteurer, bewaffnet mit Arkebusen (primitiven Gewehren) auf einem chinesischen Frachtschiff eintrafen. Die Japaner nahmen schnell eine einheimische Gewehrproduktion auf und “besaßen bis 1600 n. Chr. mehr und bessere Gewehre als jedes andere Land der Welt.” Dies traf auf den Widerstand ihrer zahlreichen und mächtigen Kriegerklasse, der Samurai, für die Schwerter als Klassensymbole galten, aber die Reaktion war nichtsdestoweniger beeindruckend. War diese extrem schnelle Innovationsrate, die in Japan in der jüngeren Zeit in der Elektronik wiederholt wurde, ein Produkt des hohen japanischen Intelligenzquotienten? Jared Diamond stellt diese Frage nicht, aber ich glaube, daß sie relevant ist.

(Quelle der Übersetzung: hier)

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