Ijon Tichys 13. Reise: Die Freiheiten von Pinta und Panta

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Vorwort: Das Folgende ist ein weiteres Abenteuer aus den Sterntagebüchern von Stanislaw Lems kosmischem Münchhausen Ijon Tichy. Dessen „Dreizehnte Reise“ soll ihn zum fernen Planeten Hinterschein führen, wo er eine der hervorragendsten Persönlichkeiten des Kosmos kennenlernen will, nämlich Meister Oh, genannt der „Wohltäter des Kosmos“. Dieser weise Mann widmete sein ganzes Leben der Beglückung ungezählter galaktischer Stämme und schuf dabei die Lehre von der Erfüllung aller Wünsche. Spuren seines Wirkens waren im Kosmos immer wieder zu finden. So lebte auf dem Planeten Ardelurien ein berühmter Astronom, der behauptete, der Planet drehe sich um seine eigene Achse. Diese These widersprach jedoch dem Glauben der Ardeluren, demzufolge der Planet der unbewegliche Mittelpunkt des Universums sei. Das Priesterkollegium zitierte den Astronomen vor ein Gericht und verlangte, daß er seine ketzerische Lehre widerrufe. Als er sich weigerte, verurteilte man ihn zum Tode auf dem Scheiterhaufen; worauf Meister Oh nach Ardelurien reiste und die Planetenbremse erfand, mittels derer die Rotation des Planeten gestoppt wurde. So konnte der Astronom seine These guten Gewissens widerrufen und das Dogma von der Unbeweglichkeit Ardeluriens akzeptieren. Auf der jahrelangen Reise nach Hinterschein vertreibt Ijon Tichy sich die Zeit, indem er sich aus einem Riesenvorrat Bücher weiterbildet, um sich auf den Höhen des Intellekts von Meister Oh bewegen zu können. Hiermit sei nun dem wackeren Raumfahrer das Wort erteilt:

* * *

Als ich etwa sechstausend Bände durchgesehen hatte und mich darin auskannte wie in meiner Westentasche, trennten mich noch etwa acht Trillionen Kilometer vom Planeten Hinterschein. Ich nahm gerade das nächste Regal in Angriff, das mit der Kritik der reinen Vernunft ausgefüllt war, da drang heftiges Klopfen an mein Ohr! Überrascht hob ich den Kopf, da ich ja allein in der Rakete war und eigentlich keine Gäste aus dem Weltraum erwartete. Das Klopfen wurde hartnäckiger, und ich vernahm nun auch eine gedämpfte Stimme: „Aufmachen!“

     Eilends schraubte ich die Luke auf, und herein kamen drei Geschöpfe in Raumanzügen, die über und über mit Milchstaub bedeckt waren.

     „So! Da hätten wir einen Wassermann auf frischer Tat ertappt!“ rief der erste Ankömmling, und der zweite fragte: „Wo ist Ihr Wasser?“

     Bevor ich, starr vor Staunen, antworten konnte, sagte der dritte etwas zu ihnen, was sie ein wenig sanfter stimmte. „Woher kommst du?“ fragte mich der erste.

     „Von der Erde. Und wer seid ihr?“

     „Die freiheitliche Fipo von Pinta“, knurrte er und reichte mir einen Fragebogen, den ich ausfüllen sollte.

     Kaum hatte ich einen Blick auf die Spalten dieses Dokuments und sodann auf die Skaphander der Geschöpfe geworfen, die bei jeder Bewegung einen glucksenden Laut von sich gaben, da wurde mir klar, daß ich aus Unachtsamkeit in die Nähe der Zwillingsplaneten Pinta und Panta geraten war; dabei empfehlen sämtliche Ratgeber, einen möglichst großen Bogen um sie zu machen. Leider war es dazu zu spät. Während ich den Fragebogen ausfüllte, notierten die Wesen in den Raumanzügen systematisch sämtliche Gegenstände, die sich in der Rakete befanden. Plötzlich entdeckten sie eine Büchse Sprotten in Öl; sie stießen einen triumphierenden Schrei aus, versiegelten die Rakete und nahmen sie ins Schlepptau. Ich versuchte ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, jedoch ohne Erfolg. Mir fiel auf, daß die Skaphander, die sie anhatten, in einen breiten, flachen Schößling ausliefen, so als hätten die Pinter Fischschwänze anstelle von Füßen. Bald setzten wir auf dem Planeten auf. Er war ganz mit Wasser bedeckt, allerdings nicht hoch, denn die Dächer der Gebäude ragten daraus hervor. Als die uniformierten Pinter auf dem Flugplatz ihre Raumanzüge ablegten, stellte ich fest, daß sie den Menschen sehr ähnlich waren und nur eigenartig verbogene, verrenkte Gliedmaßen hatten. Man setzte mich in ein bootähnliches Gefährt, das insofern seltsam anmutete, als es Löcher im Boden hatte und bis zur Bordkante mit Wasser gefüllt war. In halber Tauchfahrt näherten wir uns langsam dem Zentrum der Stadt. Ich fragte, ob man diese Löcher nicht zustopfen und das Wasser ausschöpfen könnte, dann erkundigte ich mich auch nach anderen Dingen, doch meine Gefährten antworteten nicht, sie notierten lediglich fieberhaft meine Worte.

     Durch die Straßen wateten die Einwohner; sie hielten die Köpfe unter Wasser, tauchten jedoch alle Augenblicke auf, um Atem zu holen. Durch die gläsernen Mauern konnte man in die Häuser blicken. Die Zimmer waren etwa bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Als unser Vehikel an einer Kreuzung neben der Hauptverwaltung für die Bewässerung halten mußte, hörte ich durch die offenen Fenster das Glucksen der Beamten. Auf den Plätzen standen himmelragende Fischdenkmäler, geschmückt mit Kränzen aus Wasserpflanzen. Als unser Boot wieder einen Augenblick hielt (es herrschte sehr reger Verkehr), entnahm ich den Gesprächen der Passanten, daß kurz zuvor an der Ecke ein Spion entlarvt worden sei, als er Sengel triftete.

     Dann schwammen wir durch eine breite Allee, die mit prachtvollen Fischporträts und verschiedenfarbigen Transparenten geschmückt war, wie: „Hoch lebe die wäßrige Freiheit!“ – „Flosse an Flosse bekämpfen wir Wassermänner die Dürre!“, und vielen anderen, die ich alle gar nicht lesen konnte. Schließlich legte das Boot bei einem gewaltigen Wolkenkratzer an. Seine Fassade war mit Girlanden verziert, und über dem großen Portal hing ein smaragdgrünes Schild: „Freiheitliche Fipo“. Mit einem Fahrstuhl, der Ähnlichkeit mit einem kleinen Aquarium besaß, fuhren wir ins 16. Stockwerk. Man führte mich in einen Raum, der bis über den Schreibtisch mit Wasser gefüllt war, und befahl mir zu warten. Der Raum war ganz mit herrlichen smaragdgrünen Schuppen ausgeschlagen.

     Ich legte mir in Gedanken genaue Antworten auf Fragen zurecht: Woher ich komme und wohin ich zu reisen gedenke, aber es fragte mich niemand danach. Der Untersuchungsbeamte, ein Pinter von kleiner Statur, betrat das Zimmer, musterte mich mit strengem Blick, stellte sich dann auf die Zehenspitzen und fragte, den Mund aus dem Wasser haltend: „Wann hast du deine verbrecherische Tätigkeit begonnen? Hat man dir viel dafür gegeben? Wer sind deine Komplizen?“

     Ich erwiderte, daß ich durchaus kein Spion sei, und erläuterte auch die Umstände, die mich auf den Planeten geführt hätten. Als ich jedoch erklärte, ich hätte mich nur zufällig auf Pinta eingefunden, lachte der Vernehmende laut und sagte, ich solle mir etwas Besseres einfallen lassen. Dann widmete er sich dem Studium der Protokolle und überschüttete mich alle Augenblicke mit Fragen. Das bereitete ihm Mühe, denn er mußte jedesmal aufstehen, um Luft zu holen, einmal verschluckte er sich sogar und mußte lange husten. Später stellte ich fest, daß dies den Pintern sehr oft widerfuhr.

     Der Untersuchungsbeamte redete mir freundlich zu, alles zuzugeben, als ich aber immer wieder entgegnete, ich sei unschuldig, sprang er plötzlich auf, deutete auf die Büchse mit den Sprotten und fragte: „Und was bedeutet das?“

     „Nichts“, erwiderte ich verblüfft.

„Wir werden ja sehen. Führt diesen Provokateur ab!“ schrie er. Damit war das Verhör beendet.

     Der Raum, in dem man mich einschloß, war völlig trocken. Ich stellte das mit wahrer Freude fest, denn das lästige Naß hatte sich bei mir bereits bemerkbar gemacht. Außer mir befanden sich in der Zelle sieben Pinter, die mich sehr freundlich aufnahmen und mir, dem Ausländer, auf der Bank Platz machten. Von ihnen erfuhr ich, daß die Sprotten, die in der Rakete gefunden worden waren, im Sinne der Gesetze eine furchtbare Beleidigung der höchsten pintischen Ideale bedeuteten, und zwar wegen der sogenannten „verbrecherischen Anspielung“. Ich wollte wissen, welcher Art diese Anspielung sei, aber sie konnten – oder so schien mir – wollten es mir nicht sagen. Da ich sah, daß ihnen derlei Fragen unangenehm waren, verstummte ich. Sie erzählten mir noch, daß die Räume hinter Schloß und Riegel die einzigen wasserfreien Örtlichkeiten auf dem Planeten seien. Ich wollte wissen, ob sie sich im Laufe ihrer Geschichte schon immer im Wasser aufgehalten hätten, und erfuhr, daß Pinta einst viele Kontinente und wenig Meere besaß und daß es eine Unmenge scheußlicher trockener Stellen gab.

     Derzeitiger Herrscher über den Planeten war der Große Wassermann Ermesineus der Hechter. Während meines dreimonatigen Aufenthalts in der Trockenzelle hatten mich achtzehn verschiedene Kommissionen untersucht. Sie konstatierten die Form, die der Schleier auf dem Spiegel annahm, den ich anzuhauchen hatte, zählten die Tropfen, die nach dem Untertauchen im Wasser an mir herabliefen, und verpaßten mir einen Fischschwanz. Auch meine Träume mußte ich den Experten erzählen, die sie sogleich klassifizierten und nach den Paragraphen des Strafgesetzbuches ordneten. Im Spätsommer beliefen sich die Beweise meiner Schuld bereits auf achtzig dicke Bände, und die Sachbeweise füllten drei Schränke in dem mit Schuppen ausgeschlagenen Raum. Zu guter Letzt gestand ich alles, was mir vorgeworfen wurde, insbesondere das Perforieren der Chondriten und die mehrfache umfangreiche Destillation zugunsten Pantas. Bis auf den heutigen Tag weiß ich nicht, was das bedeutete. Unter Berücksichtigung mildernder Umstände, vor allem meiner sturen Unkenntnis der Segnungen des Unterwasserlebens, sowie im Hinblick auf den bevorstehenden Namenstag des Großen Hechters wurde gegen mich das milde Urteil von zwei Jahren ungehinderter Steinmetzarbeit mit Bewährung im Wasser auf sechs Monate gefällt, woraufhin ich auf freien Fuß gesetzt wurde.

     Ich beschloß, mich für meinen halbjährigen Aufenthalt auf Pinta möglichst bequem einzurichten, da ich jedoch in keinem Hotel Unterschlupf fand, quartierte ich mich bei einer Greisin ein, die sich mit dem Tremolieren von Schnecken befaßte, das heißt, sie dressierte sie so, daß sie sich an Nationalfeiertagen in bestimmte Muster legten.

     Gleich am ersten Abend nach dem Verlassen der Trockenzelle hörte ich mir die Darbietung des hauptstädtischen Chores an, der mich stark enttäuschte, denn er sang glucksend unter Wasser. Plötzlich konnte ich beobachten, wie ein diensttuender Fipo eine Person herausführte, die beim Verlöschen des Lichts durch ein Schilfrohr geatmet hatte. Die Würdenträger, die ihre Plätze in wassergefüllten Logen einnahmen, wurden unaufhörlich von Duschen berieselt. Ich konnte mich des eigenartigen Eindrucks nicht erwehren, daß sich dabei alle ziemlich unbehaglich fühlten. Ich versuchte auch in dieser Hinsicht bei meiner Hauswirtin Informationen einzuholen, aber sie geruhte mir nicht zu antworten; sie fragte nur, bis zu welcher Höhe ich in meinem Zimmer Wasser eingelassen haben möchte. Als ich erwiderte, daß ich am liebsten überhaupt kein Wasser außerhalb der Badewanne sähe, preßte sie nur den Mund zusammen, zuckte mit den Schultern und ließ mich mitten im Satz stehen.

     Da ich die Pinter allseitig kennenlernen wollte, bemühte ich mich, an ihrem Kulturleben teilzunehmen. Bei meinem Eintreffen auf dem Planeten wurde gerade eine lebhafte Diskussion in der Presse über das Glucksen geführt. Die Spezialisten sprachen sich für leises Glucksen aus, da es die größte Zukunft habe.

     Ein junger sympathischer Pinter, Redakteur der populären Zeitung „Die Stimme des Fisches“, hatte ebenfalls bei meiner Wirtin ein Zimmer gemietet. In den Zeitungen konnte ich oft Hinweise über Balduren und Badubiner finden. Aus dem Text war zu schließen, daß es sich dabei um Lebewesen handelte, aber ich kam nicht dahinter, was sie mit den Pintern zu schaffen hatten. Fragte ich jemanden danach, so pflegte er unterzutauchen und meine Worte durch lautes Glucksen zu übertönen. Ich wollte den Redakteur danach fragen, doch er war sehr beschäftigt. Beim Abendessen gestand er mir erregt, ihm sei eine fatale Geschichte passiert. Er habe aus Versehen in einem Leitartikel geschrieben, im Wasser sei es naß. Nun hege er diesbezüglich die schlimmsten Befürchtungen. Ich versuchte ihn zu trösten, erkundigte mich auch, ob es denn nach Ansicht der Pinter im Wasser trocken sei. Er schüttelte sich und meinte, ich verstünde rein gar nichts. Man habe alles vom Standpunkt der Fische zu betrachten. Für die Fische ist das Wasser nicht naß, folglich könne es darin nicht naß sein. Zwei Tage später war der Redakteur verschwunden.

     Auf besondere Schwierigkeiten stieß ich, wenn ich öffentliche Veranstaltungen besuchte. Als ich zum erstenmal ins Theater ging, störte mich ein unaufhörliches Flüstern und verdarb mir den Genuß an der Darbietung. In der Meinung, es seien meine Nachbarn, bemühte ich mich, nicht auf das Geräusch zu achten. Schließlich ging es mir jedoch auf die Nerven, und ich setzte mich auf einen anderen Platz, aber auch da war dieses Flüstern zu hören. Als auf der Bühne vom Großen Hechter die Rede war, flüsterte es leise: „Deine Glieder durchdringt beglückendes Beben.“ Ich bemerkte, daß der ganze Saal leicht zu zittern begann. Dann stellte ich fest, daß an allen öffentlichen Stellen besondere Flüsteranlagen angebracht waren, die den Anwesenden die richtigen Empfindungen vorsagten. Da ich die Bräuche und Eigenschaften der Pinter besser kennenlernen wollte, erwarb ich eine größere Menge Bücher, Romane sowohl als auch Lesebücher und wissenschaftliche Werke. Einige davon befinden sich noch in meinem Besitz, zum Beispiel: „Der kleine Badubin“, „Vom Schrecken der Dürre“, „Wie fischig ist es im Wasser“, „Glucksen zu zweit“ und ähnliches mehr. In der Universitätsbuchhandlung empfahl man mir ein Werk über die persuasive Evolution, doch außer sehr detaillierten Beschreibungen der Balduren und Badubiner konnte ich auch daraus nichts entnehmen.

     Wenn ich meine Wirtin auszufragen versuchte, schloß sie sich mit ihren Schnecken in der Küche ein, deshalb begab ich mich erneut in die Buchhandlung und fragte, wo ich denn wenigstens einen Badubiner zu sehen bekommen könnte. Auf diese Worte hin tauchten alle Verkäufer unter den Ladentisch, und junge Pinter, die zufällig anwesend waren, führten mich als Provokateur zur Fipo. Wieder in die Trockenzelle verbannt, traf ich dort drei meiner früheren Gefährten an. Erst von ihnen erfuhr ich, daß es auf Pinta keine Balduren oder Badubiner gebe. Dies seien edle, in ihrer Fischhaftigkeit vollendete Formen, in die sich die Pinter nach und nach gemäß der Lehre von der persuasiven Evolution verwandeln würden. Ich fragte, wann dies geschehen sollte. Hierauf begannen die Anwesenden zu zittern und versuchten unterzutauchen, was aus Mangel an Wasser offensichtlich unmöglich war, und der älteste an Jahren, dessen Gliedmaßen sich durch besondere Verrenkungen auszeichneten, sagte: „Höre, Wassermann, dergleichen Dinge kann man bei uns nicht straflos äußern. Wenn die Fipo von deinen Fragen erführe, würde sie das Urteil gegen dich gehörig verschärfen.“

     Niedergeschlagen und traurig hing ich meinen Gedanken nach, aus denen mich die Unterhaltung meiner Leidensgefährten riß. Sie sprachen von ihren Vergehen und erwogen deren Schwere. Der eine war in die Trockenzelle gekommen, weil er auf einem vom Wasser umspülten Sofa eingeschlafen war, sich verschluckt hatte und mit dem Ruf: „Krepieren kann man dabei!“ aufgesprungen war. Der zweite hatte sein Kind huckepack getragen, statt es von klein auf an ein Leben unter Wasser zu gewöhnen. Der dritte schließlich, der älteste, hatte das Pech, während eines Vortrags über dreihundert heldische Wassermänner, die bei einem Rekordversuch, möglichst lange unter Wasser zu bleiben, ums Leben gekommen waren, in einer Weise zu glucksen, die von kompetenten Personen als vieldeutig und lästerlich bezeichnet wurde.

     Bald schon wurde ich vor einen Fipo zitiert, der mir erklärte, mein neuerliches schändliches Verhalten zwinge ihn, mich zu einer Strafe von drei Jahren freier Steinmetzarbeit zu verurteilen. Am Tage darauf schwamm ich in Begleitung von siebenunddreißig Pintern mit einem Boot unter den bereits bekannten Umständen, das heißt bis zum Kinn im Wasser, in die Steinmetzgefilde. Sie lagen weit außerhalb der Stadt. Unsere Arbeit bestand darin, Bildsäulen von Fischen der Gattung Wels anzufertigen. Soweit ich mich erinnern kann, meißelten wir davon rund 140.000 Stück. Frühmorgens schwammen wir zur Arbeit, Lieder singend, von denen mir eines besonders gut in Erinnerung geblieben ist. Es begann mit den Worten: „Im Wasser, im Wasser, da ist es wunderschön…“ Nach der Arbeit kehrten wir in unsere Räume zurück. Vor dem Abendessen, das man unter Wasser einzunehmen hatte, dozierte täglich ein Lektor über Unterwasserfreiheiten und gab uns auf, den „Taucher“ auswendig zu lernen. Freiwillige konnten sich in den Klub der Verehrer der Flossenhaftigkeit eintragen lassen. Wenn der Lektor seinen Vortrag beendet hatte, fragte er stets, ob jemand von uns nicht die Lust zum Meißeln verloren habe. Da sich niemand meldete, tat ich es ebenfalls nicht. Übrigens erklärten die im Saal verteilten Flüsteranlagen, daß wir Lust hatten, noch lange zu meißeln, und dies möglichst unter Wasser.

     Eines Tages ließ unsere Leitung Anzeichen besonderer Erregung erkennen, und beim Mittagessen erfuhren wir, daß heute an unseren Werkstätten der Große Hechter vorbeikommen werde, der zur Inkarnation baldurenhafter Milte aufgebrochen sei. Wir schwammen also seit Mittag in Formationen herum in Erwartung des hohen Gastes. Es regnete, und es war entsetzlich kalt, so daß wir alle zitterten. Die auf Schwimmbojen befestigten Flüsteranlagen verkündeten, daß wir vor Begeisterung bebten. Die Vorbeifahrt des Gefolges des Großen Hechters in siebenhundert Booten währte fast bis zum Einbruch der Dunkelheit. Ich hatte Gelegenheit, den Hechter aus nächster Nähe zu sehen; er besaß zu meinem Erstaunen nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Fisch. Nach seinem Äußeren zu urteilen, war er ein ganz gewöhnlicher, hochbetagter Pinter mit schauderhaft verrenkten Gliedmaßen. Acht in scharlachrote und goldene Schuppen gekleidete Magnaten stützten die würdigen Schultern des Herrschers, als er mit seinem Kopf aus dem Wasser tauchte, um Atem zu holen. Dabei hustete er so entsetzlich, daß er mir leid tat. Zu Ehren dieses festlichen Ereignisses hämmerten wir achthundert Standbilder der Gattung Wels über den Plan.

     Eine Woche später spürte ich zum erstenmal ein scheußliches Reißen in den Armen. Meine Gefährten sagten, das seien einfach die Anfänge von Rheumatismus, der größten Plage in Pinta. Man dürfe aber keinesfalls äußern, daß es sich um eine Krankheit handle, es seien vielmehr Anzeichen ideologisch falschen Widerstandes des Organismus gegen die Fischwerdung. Erst jetzt wurden mir die Verrenkungen der Pinter verständlich.

     Man führte uns jede Woche zu Vorstellungen, die die Perspektiven des Unterwasserlebens aufzeigten. Ich rettete mich damit, daß ich die Augen schloß, denn die bloße Erwähnung des Wassers erweckte in mir Übelkeit.

     Fünf Monate brachte ich auf diese Weise zu. Gegen Ende dieses Abschnitts freundete ich mich mit einem bejahrten Pinter an, einem Universitätsprofessor, der freiheitlich meißeln mußte, weil er in einer Vorlesung erklärt hatte, das Wasser sei zwar wirklich für das Leben unerläßlich, aber in anderem Sinne, als dies allgemein praktiziert werde. In den Gesprächen, die wir hauptsächlich nachts führten, schilderte mir der Professor die Geschichte Pintas. Einst hatten den Planeten heiße Winde geplagt, und die Gelehrten wiesen nach, daß ihm die Verwandlung in eine öde Wüste bevorstünde. Sie arbeiteten deshalb einen großen Bewässerungsplan aus. Damit er durchgeführt werden konnte, mußten entsprechende Institutionen und übergeordnete Büros eingerichtet werden. Später, als das Netz der Kanäle und Reservoirs angelegt war, wollten sich die Büros nicht auflösen, sie blieben weiter tätig und setzten die Bewässerung Pintas fort. So kam es dazu, daß das, was beherrscht werden sollte, uns beherrschte, erzählte der Professor. Niemand wollte sich das jedoch eingestehen, und der nächste Schritt, der sich mit zwingender Notwendigkeit daraus ergab, war die Feststellung, es ei eben alles so, wie es sein müsse.

     Eines Tages verbreitete sich eine Nachricht, die uns in höchste Erregung versetzte. Es wurde erzählt, eine außerordentliche Änderung stehe bevor; einige wagten sogar zu behaupten, der Große Hechter persönlich würde in absehbarer Zeit Wohnungstrockenheit  – vielleicht gar allgemeine Trockenheit anordnen. Die Leitung ging unverzüglich daran, den Defätismus zu bekämpfen, indem sie neue Projekte für Fischdenkmäler ausarbeitete. Dennoch, das hartnäckige Gerücht kehrte in immer phantastischeren Versionen wieder. Ich hörte mit meinen eigenen Ohren, wie jemand erzählte, man habe den Großen Hechter mit einem Handtuch gesehen.

     Eines Nachts tönte aus dem Gebäude der Direktion das lärmende Treiben einer Belustigung zu uns herüber. Ich schwamm auf den Hof und erblickte den Direktor und den Lektor, die mit großen Kübeln Wasser aus dem Fenster gossen und laut dazu sangen. Im Morgengrauen erschien der Lektor bei uns. Er saß in einem abgedichteten Boot und erklärte uns, alles, was bisher gewesen sei, hätte auf einem Mißverständnis beruht. Neue, wahrhaft freie Existenzbedingungen würden nun geschaffen, zunächst werde jedoch das Glucksen als quälend, gesundheitsschädlich und völlig überflüssig abgeschafft. Während seiner Ansprache tauchte er einen Fuß ins Wasser, zog ihn zurück und schüttelte sich voller Abscheu. Zum Schluß fügte er hinzu, er sei schon immer gegen das Wasser gewesen und habe wie kaum jemand begriffen, daß daraus nichts Gutes kommen könne. Zwei Tage lang gingen wir nicht arbeiten. Dann wurden wir an bereits fertige Bildsäulen abkommandiert. Wir mußten ihnen die Flossen abschlagen und an ihrer Statt Beine anbringen. Der Lektor ging daran, uns ein neues Liedchen zu lehren. „Vor Freude ach die Seele schreit, herrscht ringsherum nur Trockenheit“, und nun sprach man allgemein darüber, daß in den nächsten Tagen Pumpen herbeigeschafft würden, um das Wasser abzusaugen.

     Doch schon nach dem zweiten Vers wurde der Lektor in die Stadt geholt und kam nicht wieder. Am nächsten Morgen schwamm der Direktor zu uns heran, den Kopf im Wasser, und verteilte an alle wasserdichte Zeitungen. Darin wurde mitgeteilt, daß das Glucksen ein für alle Mal abgeschafft werde, da es gesundheitsschädlich und dem Baldurieren durchaus nicht förderlich sei. Das bedeutete jedoch keineswegs die Rückkehr zur verderblichen Dürre. Im Gegenteil. Zur Akklimierung von Badubinern und zur Verklammerung von Balduren werde auf dem ganzen Planeten ausschließlich Unterwasseratmung angeordnet, da sie im höchsten Maße fischhaft sei, wobei sie mit Rücksicht auf das öffentliche Wohl allmählich eingeführt werde, das heißt – jeden Tag sollten sich alle Bürger eine Weile länger als am Vortag unter Wasser aufhalten. Zur Erleichterung werde der allgemeine Wasserpegel auf elf Stiele (Längenmaß) erhöht.

     In der Tat wurde vor Einbruch der Dunkelheit der Wasserstand erhöht, so daß wir im Stehen schlafen mußten. Da die Flüsteranlagen überflutet waren, wurden sie ein wenig höher befestigt, und der neue Lektor begann mit Übungen im Unterwasseratmen. Nach einigen Tagen wurde durch gnädigen Erlaß des Ermesineus der Bitte aller Bürger stattgegeben und der Wasserpegel um einen weiteren halben Stiel erhöht. Alle liefen nun auf Zehenspitzen, kleinere Personen verschwanden nach kurzer Zeit irgendwo. Da das Unterwasseratmen niemandem gelingen wollte, bildete sich die Praxis heraus, immer wieder an die Oberfläche zu hüpfen, um Luft zu schnappen. Nach einem Monat gelang das schon ganz gut, und alle gaben sich nun den Anschein, als täten sie es selber nicht und sähen auch nicht, wie andere dies taten. Die Presse berichtete von gewaltigen Fortschritten im Unterwasseratmen im ganzen Land, und am freiheitlichen Meißeln mußten sich jetzt viele Personen beteiligen, die weiter nach alter Manier glucksten.

     All das bereitete mir so viel Ungelegenheiten, daß ich mich schließlich dazu aufraffte, das Gelände der freiheitlichen Bildhauerei zu verlassen. Nach der Arbeit versteckte ich mich hinter dem Sockel eines neuen Denkmals (ich vergaß zu erwähnen, daß wir die den Fischen angeklebten Beine abschlugen und wieder Flossen anbrachten), und als alle verschwunden waren, schwamm ich zur Stadt. Ich hatte in dieser Beziehung den Pintern viel voraus, die – so seltsam das anmutet – gar nicht schwimmen konnten.

     Ich rackerte mich tüchtig ab, doch schließlich gelang es mir, den Flugplatz zu erreichen. Meine Rakete wurde von Fipos bewacht. Zum Glück fing in der Nähe jemand zu glucksen an, und die Fipos stürzten sich in diese Richtung. Rasch riß ich die Siegel von der Rakete, sprang hinein und startete mit Höchstgeschwindigkeit. Eine Viertelstunde später flimmerte der Planet bereits in der Ferne wie ein winziger Stern, und ich hatte doch auf ihm so viel erlebt. Ich legte mich schlafen und ergötzte mich an dem trockenen Bett.

     Leider währte diese angenehme Ruhe nur kurz. Heftiges Klopfen an der Luke riß mich plötzlich aus dem Schlaf. Noch halb im Schlaf rief ich: „Hoch leben die pintischen Freiheiten!“ Dieser Ausruf sollte mich teuer zu stehen kommen, denn draußen war eine Patrouille pantischer Angelizei. Vergebens waren meine Worte, man habe sich verhört, ich hätte „pantische Freiheiten“ und nicht „pintische“ gerufen. Die Rakete wurde versiegelt und ins Schlepptau genommen. Zu allem Unglück hatte ich in der Speisekammer noch eine zweite Dose Sprotten, die ich geöffnet hatte, bevor ich mich zur Ruhe begab. Als die Angelzisten die offene Büchse sahen, erbebten sie und setzten unter Triumphgeschrei ein Protokoll auf. Kurz danach landeten wir auf dem Planeten. Als man mich in das wartende Vehikel steckte, atmete ich erleichtert auf, denn ich sah, daß der Planet, so weit das Auge reichte, ohne Wasser war. Als meine Eskorte die Skaphander ablegte, stellte ich fest, daß ich es mit Geschöpfen zu tun hatte, die mich sehr stark an Menschen erinnerten. Ihre Gesichter jedoch glichen einander so sehr, daß man sie alle für Zwillinge, obendrein für lächelnde Zwillinge halten mußte.

     Obgleich die Dunkelheit hereinbrach, war es von den vielen Lichtern in der Stadt taghell. Ich bemerkte, daß alle Passanten, die mich ansahen, vor Entsetzen oder voller Mitleid den Kopf schüttelten, und eine Pantin wurde bei meinem Anblick sogar ohnmächtig, was insofern bemerkenswert war, als sie auch dann noch lächelte.

     Nach einiger Zeit gewann ich den Eindruck, daß alle Bewohner des Planeten Masken trugen, doch war ich mir dessen nicht ganz sicher. Die Fahrt endete vor einem Gebäude, an dem zu lesen war: FREIE ANGELIZEI PANTAS. Die Nacht verbrachte ich einsam in einem kleinen Zimmer, dem Treiben des Großstadtlebens lauschend, das durch das Fenster zu hören war. Tags darauf wurde mir gegen Mittag im Vernehmungszimmer die Anklageschrift vorgelesen. Man klagte mich der Angelophagie an, betrieben auf Anstiften der Pinter, sowie des Verbrechens der persönlichen Differenziertheit. Beweisstücke, die gegen mich sprachen, gab es zwei: erstens die geöffnete Sprottendose, zweitens einen Spiegel, in den mich der Vernehmende hineinschauen ließ.

     Er war Angelist IV. Ranges und trug eine schneeweiße Uniform mit brillantenen Blitzen quer über der Brust. Für die Vergehen, die ich begangen hatte, erklärte er, drohe mir lebenslängliche Identifizierung, dann fügte er hinzu, daß mir das Gericht vier Tage Zeit zur Vorbereitung der Verteidigung lasse. Meinen offiziellen Verteidiger könne ich jederzeit sprechen.

     Da ich bereits gewisse Erfahrungen auf dem Gebiet gerichtlicher Verfahren in dieser Gegend der Milchstraße besaß, wollte ich vor allem wissen, worin die mir angedrohte Strafe bestünde. Auf meinen Wunsch wurde ich in einen kleinen bernsteinfarbenen Saal geführt, in dem bereits mein Verteidiger, ein Angelist II. Ranges, auf mich wartete.

     Er zeigte sich sehr verständnisvoll und geizte nicht mit Erklärungen. „Wisse, fremder Ankömmling“, sagte er, wir besitzen die höchste Einsicht in den Ursprung aller Sorgen, Leiden und Nöte, die zu einer Gesellschaft zusammengeschlossene Wesen erdulden. Er liegt im Individuum begründet, in der privaten Seite seiner Persönlichkeit. Die Gesellschaft, das Gemeinwesen sind ewig, sie unterliegen dauerhaften, unerschütterlichen Gesetzen, ebenso wie gewaltige Sonnen und Gestirne ihren Gesetzen unterliegen. Kennzeichen des Individuums hingegen sind Schwankungen, Unsicherheit der Entscheidungen, zufälliges Handeln, vor allem aber – Vergänglichkeit. Deshalb haben wir den Individualismus zugunsten des Gesellschaftlichen vollends liquidiert. Auf unserem Planeten existiert ausschließlich das Gemeinwesen – Individuen gibt es nicht mehr.“

     „Wieso?“ fragte ich verdutzt. „Was du mir da erzählst, kann doch nur eine rhetorische Floskel sein, du bist doch auch ein Individuum…“

„In einem sehr geringen Maße“, erwiderte er mit gleichbleibendem Lächeln. „Du hast sicherlich bemerkt, daß unsere Gesichter sich nicht voneinander unterscheiden. Ebenso haben wir die höchste gesellschaftliche Austauschbarkeit erreicht.“

     „Das verstehe ich nicht. Was soll das bedeuten?“

„Ich erkläre es dir gleich. Es gibt in jedem Augenblick in der Gesellschaft eine bestimmte Anzahl von Funktionen oder – wie das bei uns heißt – Planstellen. So gibt es Berufsplanstellen für Herrscher, Gärtner, Techniker, Ärzte, aber es gibt auch Familienplanstellen – für Väter, Brüder, Schwestern und so weiter. Auf jedem dieser Posten ist ein Panter nur vierundzwanzig Stunden tätig. Um Mitternacht vollzieht sich in unserem ganzen Staat eine bestimmte Bewegung, als machten alle – bildlich gesprochen – den gleichen Schritt. Auf diese Weise wird eine Person, die gestern Gärtner war, heute Ingenieur, der gestrige Bauarbeiter wird Richter, der Herrscher Lehrer und so weiter. Ähnlich verhält es sich mit den Familien. Jede besteht aus Verwandten, also dem Vater, der Mutter, den Kindern; nur die Funktionen bleiben unverändert, die Personen, die sie ausüben, wechseln jeden Tag. Unverändert bleibt also das Gemeinwesen, begreifst du nun? Es gibt stets die gleiche Anzahl von Eltern und Kindern, Ärzten und Krankenschwestern, und so ist es auf allen Gebieten des Lebens. Der mächtige Organismus unseres Staates besteht seit Jahrhunderten unverändert fort und ist unverändert, fester als ein Fels. Seine Festigkeit verdankt er dem Umstand, daß wir ein für allemal mit der ephemerischen Natur der Einzelexistenz Schluß gemacht haben. Deshalb sagte ich auch, daß wir in vollendeter Weise auswechselbar sind. Du wirst dich bald davon überzeugen können, denn nach Mitternacht, wenn du nach mir verlangen wirst, komme ich zu dir in einer neuen Gestalt…“

     „Aber wozu das alles?“ fragte ich. „Wie kann jeder von euch alle Berufe ausüben? Und wie kannst du nicht nur Gärtner, Richter oder Verteidiger, sondern beliebig auch Vater und Mutter sein?“

     „Viele Berufe“, erwiderte mein lächelnder Gesprächspartner, „führe ich nicht gut aus. Vergiß jedoch nicht, daß jeder Beruf nur einen Tag ausgeübt wird. Überdies führt in jeder Gesellschaft alten Typus eine gewaltige Anzahl von Personen ihre beruflichen Funktionen mangelhaft aus, trotzdem hört deshalb die gesellschaftliche Maschinerie nicht auf, weiter zu wirken. Jemand, der ein schlechter Gärtner ist, wird bei euch einen Garten herunterwirtschaften, ein schlechter Herrscher wird den ganzen Staat in den Ruin führen, denn beide haben dazu Zeit, die ihnen bei uns nicht gegeben ist. Überdies macht sich in einer gewöhnlichen Gesellschaft außer fachlichem Mangel auch ein negativer, sogar verderblicher Einfluß privater Bestrebungen von Individuen bemerkbar. Neid, Stolz, Egoismus, Eitelkeit, Machtgier üben eine zersetzende Wirkung auf das Leben der Allgemeinheit aus. Diesen schlechten Einfluß gibt es bei uns nicht. Vor allem gibt es bei uns nicht das Streben nach Karriere, es läßt sich auch niemand von persönlichen Interessen leiten, denn bei uns gibt es kein persönliches Interesse. Ich kann heute in meiner Planstelle keine  Schritt tun in der Hoffnung, daß sich dieser Schritt morgen auszahlen wird, denn morgen werde ich schon ein anderer sein, aber ich weiß heute noch nicht, wer ich morgen sein werde. Der Wechsel der Planstellen erfolgt um Mitternacht durch eine allgemeine Auslosung, auf die kein Lebender Einfluß nehmen kann. Beginnst du nun die tiefe Weisheit unserer Gesellscahftsordnung zu begreifen?“

     „Doch wie ist das mit den Gefühlen?“ fragte ich. „Kann man jeden Tag einen anderen Menschen lieben? Und wie verhält es sich mit der Vaterschaft und Mutterschaft?“

     „Eine gewisse Störung unseres Systems bedeutete früher der Umstand, daß eine Person auf der Planstelle des Vaters ein Kind gebar, denn es kann sein, daß eine Frau gerade am Tage ihrer Niederkunft die Planstelle eines Vaters übernimmt. Jedoch ist diese Schwierigkeit verschwunden, seit gesetzlich bestimmt worden ist, daß ein Vater Kinder gebären kann. Was die Gefühle anlangt, so haben wir zwei, die scheinbar einander ausschließen, befriedigt: das Verlangen nach Dauer und das Verlangen nach Veränderung. Anhänglichkeit, Achtung, Liebe wurden einst durch ständige Unrast, durch die Befürchtung, die geliebte Person zu verlieren, ausgehöhlt. Diese Angst haben wir überwunden. Denn was immer auch für Erschütterungen, Krankheiten, Kataklysmen unser Leben heimsuchen – jeder von uns hat stets einen Vater, eine Mutter, einen Gatten und Kinder. Doch damit nicht genug. Was unveränderlich ist, beginnt nach einer gewissen Zeit zu langweilen, ganz gleich, ob uns Gutes oder Böses widerfährt. Gleichzeitig jedoch verlangt es uns nach einem dauerhaften Schicksal, wir wollen es vor Störungen und Tragödien bewahren. Wir wollen existieren und nicht vergehen, uns verändern und doch von Bestand sein, alles sein, ohne etwas zu riskieren. Diese Widersprüche, scheinbar miteinander unvereinbar, sind bei uns Wirklichkeit. Wir haben sogar den Antagonismus der sozialen Höhen und Tiefen abgetragen, jeder kann nämlich an einem Tag der höchste Herrscher sein, denn es gibt keine Lebensweise, keine Wirkungssphäre, die jemandem verschlossen wäre. Jetzt kann ich dir enthüllen, was das über dich verhängte Strafmaß bedeutet. Es bedeutet das größte Unglück, das einem Panter zustoßen kann: nämlich den Ausschluß aus der allgemeinen Auslosung und den Übergang zu einsamer individueller Existenz. Die Identifikation ist ein Akt der Zerschmetterung einer Person, indem man ihr die grausam unerbittliche Last lebenslänglicher Individualität aufbürdet. Du mußt dich beeilen, wenn du mir noch Fragen stellen willst, denn es wird Mitternacht; ich muß dich bald verlassen.“

     „Wie werdet ihr mit dem Tod fertig?“ fragte ich.

Der Verteidiger sah mich mit gefurchter Stirn und mit lächelndem Gesicht an, als versuchte er, diese Worte zu begreifen. Schließlich sagte er: „Tod? Das ist ein veralteter Begriff. Es gibt dort keinen Tod, wo es keine Individuen gibt. Bei uns stirbt niemand.“

     „Aber das ist doch Unsinn, an den du selbst nicht glaubst!“ rief ich. „Jedes Lebewesen muß sterben, also auch du!“

     „Ich, das heißt wer?“ unterbrach er mich lächelnd. Ein Augenblick des Schweigens folgte.

„Du, du selbst!“

     „Wer bin ich denn, ich selbst, außer meiner heutigen Planstelle? Ein Name, ein Vorname? Ich habe keinen. Ein Gesicht? Dank den biologischen Eingriffen, die bei uns vor Jahrhunderten vorgenommen worden sind, ist mein Gesicht das gleiche wie bei allen. Eine Planstelle? Die ändert sich um Mitternacht. Was bleibt? Nichts. Überlege, was der Tod bedeutet. Er ist ein Verlust, tragisch durch seine Unabwendbarkeit. Wen verliert der, der stirbt? Sich selbst? Nein, denn ein Toter existiert nicht, und wer nicht existiert, kann nichts verlieren. Der Tod ist eine Angelegenheit der Lebenden – er ist der Verlust eines Nahestehenden. Wir verlieren nie unsere Nächsten. Das habe ich dir doch schon vorher gesagt. Jede Familie ist bei uns ewig. Tod – das würde bei uns die Aufhebung einer Planstelle bedeuten. Die Gesetze lassen das nicht zu. Ich muß nun gehen. Leb wohl, Fremdling.“

     „Warte!“ rief ich, da ich sah, daß mein Verteidiger aufstand. „Es gibt bei euch dennoch Unterschiede, es muß welche geben, selbst wenn ihr einander wie Zwillinge gleicht. Ihr müßt Greise haben, die…“

     „Nein, wir führen nicht Buch über die Anzahl der Planstellen, die jemand innehatte. Wir führen auch nicht Buch über die astronomischen Jahre. Niemand von uns weiß, wie lange er lebt. Die Planstellen sind zeitlos. Ich muß fort.“

     Mit diesen Worten entfernte er sich. Ich blieb allein. Nach einer Weile öffnete sich die Tür, und der Verteidiger erschien wieder. Er trug die gleiche lilienfarbene Uniform mit den goldenen Blitzen eines Angelisten II. Ranges, und er hatte das gleiche Lächeln.

     „Ich stehe dir zu Diensten, angeklagter Fremdling von einem anderen Gestirn“, sagte er, und mir schien, daß es eine neue Stimme war, die ich noch nicht gehört hatte.

     „Dennoch ist bei euch etwas unveränderlich: die Planstelle des Angeklagten!“ rief ich.

„Du irrst. Das gilt lediglich für die Fremden. Wir können es nicht zulassen, daß jemand unter dem Schutz einer Planstelle versucht, unseren Staat von innen zu zersetzen.“

     „Bist du in der Rechtswissenschaft bewandert?“ fragte ich.

„Die Gesetzbücher kennen sich darin aus. Im übrigen findet dein Prozeß erst übermorgen statt. Die Planstelle wird dich verteidigen…“

„Ich verzichte auf eine Verteidigung.“

„Du willst dich selbst verteidigen?“

„Nein. Ich will verurteilt werden.“

     „Du bist leichtsinnig“, sagte der Verteidiger lächelnd. „Denke daran, daß du nicht ein Individuum unter Individuen sein wirst, sondern in einer Leere existieren mußt, die größer ist als der planetare Raum…“

     „Hast du jemals von dem Meister Oh gehört?“ fragte ich. Ich weiß selbst nicht, wie ich auf diese Frage kam.

     „Oh ja. Er ist der Schöpfer unseres Staates. Mit ihm vollbrachte er sein größtes Werk – die Prothese der Ewigkeit.“

So endete unser Gespräch. Nach drei Tagen wurde ich vor Gericht gestellt und zu lebenslänglicher Identifikation verurteilt. Man brachte mich zum Flugplatz, von dem ich unverzüglich startete. Ich weiß nicht, ob mich noch jemals die Lust anwandeln wird, dem Wohltäter des Kosmos zu begegnen.

* * *

Gefunden: hier. Siehe auch Ijon Tichy vor der Organisation der Vereinten Planeten (aus „Sterntagebücher“, 8. Reise) und Keine Elektrizität dem Kalkulator!mit Auszügen aus der Elften Reise.

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