Das letzte Imperium

Theodosianische Landmauer

Die Theodosianische Landmauer.

Von Anestos Canelides. Original: The Last Empire, erschienen am 29. Mai 2010 bei “Gates of Vienna” (hier veröffentlicht anläßlich des gestrigen 560. Jahrestages des Falls von Konstantinopel).

Vorwort von Baron Bodissey:

Heute vor fünfhundertsiebenundfünfzig Jahren fiel die Stadt Konstantinopel an das Osmanische Reich, und das Byzantinische Reich endete. Die Plünderung von Konstantinopel eröffnete Jahrhunderte brutaler islamischer Herrschaft in Südosteuropa. Griechenland wurde schließlich im 19. Jahrhundert von den Osmanen befreit, aber bis zum heutigen Tag verbleibt ein kleiner Teil Europas in türkischen Händen, und die Stadt Istanbul — ehemals Konstantinopel — bleibt eine türkische Stadt.

Das Folgende ist ein Gastessay eines Autors, der unter dem Pseudonym Anestos Canelides schreibt. Er hat dies über seinen Essay zu sagen:

Ich bin zur Hälfte Grieche, und ich schrieb dies zum Gedenken an jene, die in der epischen Schlacht gegen den islamischen Expansionismus kämpften. Ich schrieb es auch zum Gedenken an die anderen Christen des Balkans, die so viel an den Islam verloren haben. Ich habe Zeit in Istanbul verbracht, und ich hege keinen Hass gegen die modernen Türken.

Das letzte Imperium
1453: Die Belagerung von Konstantinopel

von Anestos Canelides

Am 9. Juni 1453 liefen drei Schiffe im Hafen von Chania auf Kreta ein, deren Besatzungen großteils aus kretischen Seeleuten bestand. Die Seefahrer waren aus Konstantinopel gekommen, kurz nach dessen Fall an die osmanisch-türkischen Armeen von Sultan Mehmet Bey. Die Kreter hatten die tragische Nachricht mitgebracht, daß Konstantinopel trotz einer heroischen Verteidigung durch die Griechen und ihre Verbündeten an die Heere des Islam gefallen war. Die plötzliche Nachricht rief große Seelenpein unter den Menschen Kretas und später des christlichen Westens hervor. Die osmanische Eroberung der Königin der Städte hatte dem Römischen Reich, das heute oft als Byzantinisches Reich bezeichnet wird, ein tragisches Ende gesetzt. Sie war der letzte Nagel im Sarg des Zentrums der byzantinischen Welt, führte aber wiederum den Aufstieg des Osmanischen Reiches herbei, eines islamischen Staates.

Konstantinopel wurde von Land und Meer her angegriffen, aber die Landmauer, die Theodosianische Mauer genannt wurde, war niemals in ihrer tausendjährigen Geschichte durchbrochen worden. In gleicher Weise, wie dreihundert Spartaner den vorrückenden Armeen des persischen Reiches getrotzt hatten, hielten die Bürger von Konstantinopel ebenfalls heroisch aus und verteidigten ihre Stadt gegen die Tyrannei. Es war sowohl der Wunsch der byzantinischen Griechen nach Freiheit von Sklaverei als auch der Glaube, daß Gott sie wundersamerweise vor der Niederlage retten würde, die sie dazu brachten, den Türken beinahe zwei Monate lang heftigen Widerstand zu leisten.

Konstantinopel 1453

Die Türken hatten mit fanatischem Geist in die Stadt einzudringen versucht, weil der Prophet ihnen im Koran einen besonderen Platz im Paradies angeboten hatte. Sultan Mehmet ahmte den Propheten Mohammed nur nach, als er sagte: „…Selbst wenn einige von uns sterben sollten, wie es im Krieg natürlich ist, und unser vorbestimmtes Ende finden sollten, wißt ihr aus dem Koran sehr gut, was der Prophet sagt: daß derjenige, der in der Schlacht fällt, mit heilem Leibe mit Mahomet speisen wird, und mit ihm im Paradies trinken wird, und er wird an einem grünen Ort ruhen, der von Blumen duftet, und die Gesellschaft von Frauen und lieblichen Knaben und Jungfrauen genießen, und er wird in schönen Bädern baden. All diese Dinge wird er durch Gottes Gunst an diesem Ort genießen.” Trotzdem sie solch großen Widrigkeiten gegenüberstanden, verteidigten die Byzantiner ihre alte christliche Hauptstadt mit großer Hartnäckigkeit gegen die Armeen Mehmets.1

Prophezeiung des Falls

Die Römer glaubten, daß der Fall der Stadt unter einem Kaiser namens Konstantin geschehen würde, dessen Mutter Helena hieße. Byzantinische Legenden sagten voraus, daß es während der Herrschaft eines Konstantins, Sohn einer Helena, geschehen würde, daß die große Stadt Konstantinopel erobert werden würde. Der Name der Mutter von Konstantin dem Großen — der Konstantinopel als das neue Rom gegründet hatte — war Helena. Obwohl es zwischen der Herrschaft von Konstantin dem Großen im 4. nachchristlichen Jahrhundert und Konstantin Palaiologos XI im 15. Jahrhundert zahlreiche Kaiser mit Namen Konstantin gegeben hatte, hatten nur diese beiden Kaiser Mütter, die Helena hießen. Es ist auch interessant festzuhalten, daß der letzte offizielle byzantinische Patriarch Metrophanes hieß, und dies war auch der Name des Patriarchen während der Herrschaft von Konstantin dem Großen.2

Einer weiteren Legende zufolge würde die Belagerung bei abnehmendem Mond stattfinden, und dieses Zeichen wurde am Vorabend der finalen Belagerung der Stadt erfüllt. Die Zeichen wurden für die Verteidiger noch prophetischer, als ein seltsamer grüner Nebel die geheiligte Kathedrale Hagia Sophia, die Kirche der Heiligen Weisheit, bedeckte. Dieser mysteriöse grüne Nebel umhüllte die Basis der Kirche und stieg dann langsam den Altarraum empor. Plötzlich schoß der Nebel auf geheimnisvolle Weise zum Himmel empor und verschwand. Dieses besondere Zeichen ließ die Byzantiner glauben, daß der Geist Gottes die Stadt wegen ihrer Sünden verlassen hätte. Ungeachtet dessen, was die Bürger glaubten, wollte der Kaiser die Stadt oder ihr Volk nicht den Armeen von Hagar überlassen. Wie alle tapferen Hellenen in ihrer ganzen Geschichte würde er ausharren und kämpfen, bis der Engel des Herrn seine Seele fordern würde. Andere Zeichen, die weiter zu den Ängsten der Verteidiger beitrugen, waren zwei leichte Erdbeben und strömender Regen. Diese Ereignisse wurden als böse Omen gedeutet, und sie erinnerten die Stadt an all die Prophezeiungen, die das Ende des Imperiums voraussagten und das Kommen des Antichrist, von dem sie annahmen, daß es der osmanische Sultan Mehmet sei.3

Was zu ihrem Aberglauben noch dazukam, war ein unter den Griechen weit verbreiteter Glaube, daß das Byzantinische Reich das letzte Reich auf Erden sei. „Die Menschen erinnerten sich der alten prophetischen Bücher aus der Zeit der früheren arabischen Belagerung, ihre gnomischen, orakelhaften Verse wurden verbreitet rezitiert; ‘Unglück dir, Stadt auf den sieben Hügeln, wenn der zwanzigste Brief auf deinen Bollwerken verlautbart wird. Dann wird der Fall nahe sein, und die Vernichtung deiner Herrscher.’ Die Türken wurden als apokalyptisches Volk gesehen, welches das letzte Gericht ankündigten, eine von Gott geschickte Geißel als Strafe für christliche Sünden.”4

Der Konflikt beginnt

Der Konflikt, der zum Fall der Stadt führen würde, begann, als Mehmet eine Burg namens Rumeli Hisari errichtete, die — bis zum heutigen Tag — am Meeresarm namens Bosporus liegt. Der Bauplatz der neuen Burg lag auf der anderen Seite des Bosporus direkt gegenüber einer Burg namens Anadolu Hisar auf der kleinasiatischen Seite, die von Mehmets Großvater, dem Sultan Bayezit, erbaut worden war. Mehmet hatte diese Festung errichtet, um die Kontrolle über den Meeresarm zu gewinnen und die Schiffahrt zwischen dem Marmarameer und dem Schwarzen Meer abzuriegeln. An dieser Stelle war der Bosporus am schmalsten, sodaß die Plazierung direkt gegenüber von Anadolu Hisar Rumeli Hisari die strategische Kontrolle über den Wasserweg verschaffte. Die neue Burg wäre die perfekte Operationsbasis für die Belagerung von Konstantinopel, aber das einzige Problem war, daß sie auf byzantinischem Land lag.5

Im vorherigen Winter von 1451-52 hatte der Sultan die nötigen Arbeitskräfte zusammengezogen, um sein neues Fort zu bauen, aber im Zuge dessen zerstörte er Kirchen und Klöster, um zusätzliches Baumaterial für die Burg zu gewinnen. Einige Griechen wagten es, Einspruch zu erheben, daher wurden sie zusammengetrieben und massakriert. Später protestierten einige Griechen dagegen, daß die Türken ihre Pferde in ihren Feldern weiden ließen, und auch sie wurden abgeschlachtet, was einen Kriegszustand zwischen den Byzantinern und den Osmanen herbeiführte.6

Dieser Angriff der Türken gegen römische Bürger rief eine negative Reaktion des Kaisers hervor, und vergeblich schickte Konstantin eine Gesandtschaft, um den Sultan daran zu erinnern, daß er einen feierlichen Vertrag brach, auf den sie sich zwecks friedlicher Beziehungen zwischen ihren Nationen geeinigt hatten. Er erinnerte den Sultan auch daran, daß sein Großvater, als er Anadolu Hisar auf byzantinischam Land errichtete, die Erlaubnis von Kaiser Manuel II eingeholt hatte.7 Die Gesandten, die der Kaiser zum Sultan geschickt hatte, flehten ihn an, seine Armee abzuziehen und den Frieden anzunehmen. Als Gegenleistung würde der Kaiser so viel jährlichen Tribut zahlen, wie der Sultan wünschte, sogar mehr, als das Reich sich eigentlich leisten konnte. Der Sultan antwortete, daß es ihm nicht möglich sei, sich zurückzuziehen: „Entweder ich nehme die Stadt ein, oder die Stadt nimmt mich lebend! Aber falls ihr in Frieden aus der Stadt abziehen wollt, werde ich euch die Peloponnes geben, und euren Brüdern werde ich andere Provinzen geben, und wir werden Freunde sein. Falls ich dazu gezwungen bin, die Stadt durch Belagerung einzunehmen, dann werde ich euch und eure Adeligen töten und meine Truppen die überlebende Bevölkerung ausplündern lassen. Es ist genug, selbst wenn die Stadt bar ihres Volkes ist.”8

Der Kaiser vertraute Mehmet nicht und schickte seine Antwort zurück: „Denn es ist nicht möglich, die Stadt den Römern wegzunehmen und sie den Türken zu übergeben. Wenn wir dies tun würden, an welcher Straße, an welchem Ort oder in welcher christlichen Stadt könnten sie sich niederlassen, wo die Bewohner nicht auf die Römer spucken und sie verunglimpfen und demütigen würden? Und nicht nur Christen, sondern auch Türken und Juden würden sie mit Verachtung behandeln.”9 Die ersten Botschafter wurden unbeschadet zurückgeschickt. Ein zweites Mal schickte Konstantin seine Botschafter aus, beladen mit Geschenken, um Mehmet zu ersuchen, die Dörfer um Rumeli Hisari unbehelligt zu lassen. Die Botschafter wurden ohne Anhörung weggeschickt. Eine oder zwei Wochen später, als eine dritte Gruppe von Abgesandten ausgeschickt wurde, um Mehmets Wort einzuholen, daß die Errichtung seiner Burg kein Vorbote eines Angriffes auf die Stadt sei, ließ der Sultan diese Botschafter hinrichten.10 Diese Handlung war nur der Anfang der Gewalt, die kommen sollte.

Vorbereitungen: Die Griechen

Lange vor dem Angriff hatten die Byzantiner Vorbereitungen dafür getroffen. Während des ganzen vorherigen Winters hatte der Kaiser die Bürger organisiert, um die Stadtverteidigung durch Reparatur und Verstärkung der Mauern, Freiräumen der Stadtgräben und Anlegen von Nahrungsmittelvorräten vorzubereiten. Sie stockten auch ihre Arsenale mit Dingen wie Pfeilen, Werkzeugen, schweren Steinen, griechischem Feuer und allem anderen auf, das sie zur Abhaltung des Feindes brauchen würden.11

Laut dem griechischen Historiker und Augenzeugen Doukas „wurden die Stadtverteidiger in folgender Weise aufgestellt: der Kaiser und Giovanni Giustiniani Longo waren auf der Landmauer stationiert, mit ungefähr 3.000 Lateinern und Römern.” Giovanni war der Befehlshaber der Genuesen und ein Mitglied einer führenden Genueser Familie; er war ein Experte im Belagerungskrieg.12 Doukas hält auch fest, daß der Großfürst Loukas Notaras mit 5.000 Soldaten am Kaiserlichen Tor postiert war. Auf der Seemauer waren entlang der Zinnen vom Xyloporta-Tor bis zum Horaia-Tor mehr als 500 Armbrust- und Bogenschützen aufgestellt.13

Die Männer, die die Mehrheit der Stadtverteidigung ausmachten, waren unerfahrene griechische Zivilisten. Der Historiker Ian Heath sagt: „Diese werden von Leonhard von Chios so beschrieben, daß sie ihre Arme ‘eher nach der leichten Natur schwingen als mit irgendwelchem Können’, und wir wissen, daß die stadtbewohnenden Byzantiner weitgehend unwissend über Kriegsführung waren und ausnahmslos kampfunwillig waren; die Tatsache, daß mehrere tausend sich 1453 zur Verteidigung Konstantinopels sammelten, ist wirklich außergewöhnlich.”14 Die Byzantiner waren großteils mit Schwertern, Speeren und Schilden bewaffnet, und eine kleinere Zahl mit Bögen, Armbrüsten und Schleudern.15

Die Mehrheit der westlichen Söldner waren Freiwillige, großteils Venezianer und Genuesen, die bei der Stadtverteidigung Unterstützung leisteten. Sie waren mit folgendem ausgerüstet: Handfeuerwaffen*, Armbrüste, Speere und Wurfspieße. Die meisten von ihnen waren Seemänner, daher warn sie leicht bewaffnet; etwa 400 der Söldner standen unter dem Befehl von Giustiniani.16 Historiker schätzen, daß es etwas zwischen 4.000 und 5.000 Verteidiger gab, einschließlich der Verbündeten. Diese Zahl ist von einigen byzantinischen Gelehrten auf bis zu 7.000 angesetzt worden, aber darüber wird noch debattiert.

[* Anm. D. Ü.: im Originaltext heißt es hier „handguns”, worunter man heute Faustfeuerwaffen versteht, d. h. Pistolen und Revolver. Da jedoch die ersten Vorderladerpistolen in Europa erst nach der Erfindung des Radschlosses im Jahr 1517 aufkamen, werden hier wohl gewehrartige Waffen gemeint sein]
Die Türken

Der Wunsch, diese alte christliche Hauptstadt zu unterwerfen, war unter den Moslems nicht neu, und der Sultan bemühte sich sehr, dieses uralte Verlangen der islamischen Welt zu erfüllen. „Jeder Moslem glaubte, daß der Prophet selbst dem ersten Soldaten, der den Zugang in die alte christliche Hauptstadt erzwang, einen besonderen Platz im Paradies zuteilen werde; sie werden Qostantiniya erobern. Diese Tradition gab dem Fürsten Ruhm, der die Stadt erobert.”17

Laut türkischen Quellen lag die geschätzte Zahl der türkischen Truppen bei etwa achtzigtausend, worin zwanzigtausend irreguläre Truppen oder Bashi bazouks enthalten waren. In den regulären Truppen der Osmanen waren zwölftausend der Elitestreitmacht des Sultans enthalten, der Janitscharen. Letztere waren ihren christlichen Eltern zwangsweise weggenommen, zum Übertritt zum Islam gezwungen und als des Sultans militärische Elitetruppe ausgebildet worden. Sie waren Sklaven und hatten keine persönlichen Rechte, aber sie erhielten einen Sold, und sie waren alles andere als unterwürfig.18a

Der Sultan plante, seinem Arsenal eine technologische Innovation hinzuzufügen, die den Lauf der Geschichte ändern und das Schicksal der Stadt besiegeln sollte. Auch wenn die Mauern von Konstantinopel jahrhundertelang unangefochten gestanden waren, sollte sich der Belagerungskrieg durch den Gebrauch der Kanone verändern. 1452 bot ein ungarischer Waffenschmied namens Urban II an, eine enorme Kanone für Mehmet zu bauen: „…Urban stellte sich dem Sultan vor und bot an, ihm eine Kanone zu bauen, mit der er die Mauern von Babylon selbst sprengen könnte.”18b Innerhalb von ein paar Monaten wurde in den Gießereien des Sultans die größte Kanone in der Geschichte des Menschen geschaffen. Urbans Kanone konnte eine 1.340 Pfund schwere Steinkugel annähernd eine Meile weit schleudern, und zusätzlich entwarf er eine zweite Kanone, die eine 800pfündige Kugel auf die gleiche Distanz schießen konnte. Diese Technologie hatte die Kunst des Belagerungskrieges seit mehr als hundert Jahren vor diesem Ereignis verändert, und die neuen Kanonen des Sultans würden die Mauern von Konstantinopel zerschmettern und es den Türken so ermöglichen, die ersten zu sein, die durch die Landmauer eindrangen. Urban II war im Sommer 1452 zuerst an den Kaiser mit dem Vorschlag herangetreten, ihm eine Kanone zu bauen, aber er wurde abgewiesen, weil dem Reich die Mittel für solch ein Projekt fehlten.

Die Türken treffen ein

Es war am 23. März, als Mehmets Armee ihren Marsch von Edirne aus antrat, durch die hügeligen Ebenen von Thrakien bis vor die Mauern von Konstantinopel. Steven Runciman macht die Furcht deutlich, die Mehmets vorrückende Armee über die Griechen brachte: „Mit all seiner Armee, Kavallerie und Infanterie, die über die Landschaft zog, alles verheerend und beunruhigend, Furcht und Agonie und äußersten Schrecken erzeugend, wohin immer er ging.”19

Byzantinisches Konstantinopel

Am 2. April schloß der Kaiser die Tore der Stadt und befahl, daß die große Sperrkette über den Bosporus gespannt werde, um die osmanische Flotte am Eindringen ins Goldene Horn, einen kleinen Meeresarm, zu hindern. Die eiserne Kette erstreckte sich von einer Stelle nahe der Akropolis der Stadt zum Turm von Galata.20 Der Kaiser wußte, daß das Goldene Horn geschützt war, solange die Sperrkette hielt. Die Strömung des Bosporus war zu stark, um einen erfolgreichen Angriff gegen die Mauern zuzulassen, daher wurde der Großteil der Truppen auf die Landmauer angesetzt.21 “Als zusätzliches Abwehrmittel wurden die Schiffe, die zufällig im Hafen waren, hinter der Sperrkette positioniert, sodaß sie der feindlichen Flotte den Zugang verwehrten.”21B

Es war Anfang April, als die osmanischen Armeen vor den Mauern der byzantinischen Hauptstadt ankamen. Die Ankunft der Türken fiel mit Ostern zusammen, dem heiligsten Tag der Griechisch-Orthodoxen. Mit einer Mischung aus Frömmigkeit und Furcht versammelten sich die Bürger in den Kirchen, um den Ostergottesdienst zu feiern. In den folgenden Wochen brachten die Griechen ihre Gebete dar, und sie flehten Gott an und baten ihn, daß die Stadt nicht während der Karwoche angegriffen werden möge; sie suchten auch spirituelle Stärke aus ihren Ikonen zu erlangen.22

Die Hauptstreitmacht der osmanischen Armee war am 2. April bis auf fünf Meilen an die Stadt herangekommen. Kurz nachdem sie in Sichtweite der Stadt gekommen war, organisierten ihre Offiziere sie in Einheiten, und jedem Regiment wurde eine Position zugewiesen.23 „Die Türken stellten insgesamt 69 Kanonen in 15 Batterien auf, die den Stadtmauern gegenüberlagen oder so positioniert waren, daß sie über das Goldene Horn feuerten. Eine dieser Batterien wurde nahe dem Zelt des Sultans plaziert und lag dem St. Romanus-Tor gegenüber. Zu dieser Batterie gehörten drei große Kanonen, die von Urban gefertigt worden waren.24

Am 6. April traf Mehmet selbst ein, um seine Position im Zentrum seiner Truppen gegenüber dem verwundbarsten Mauerabschnitt einzunehmen. Kurz nach seiner Ankunft befahl Mehmet die Rodung der Obstgärten und ließ über die ganze Länge der Mauer von 250 Yards einen großen Graben ausheben. Der Graben war als Bollwerk zum Schutz der Kanonen gestaltet, und Gitterwerk wurde um die Kanonen aufgestellt, um ihnen weiteren Schutz zu geben. Mehmet schlug sein Heerlager innerhalb einer Viertelmeile von der Stadt auf.25

Laut dem Autor Roger Crowley „sprang vor den Augen der Verteidiger eine Zeltstadt aus der Ebene unter ihnen empor. Seine Armee schien so zahllos wie Sandkörner zu sein und breitete sich von Küste zu Küste über das Land aus.”26 Das osmanische Lager war wohlorganisiert, und nachts vergossen ihre Fackeln Licht über Land und Meer und schienen heller als die Sonne zu sein, als sie die ganze Stadt, Galata, all die Inseln, Schiffe und Boote bis Skutari erleuchteten. Die gesamte Oberfläche des Wassers blitzte so hell, daß sie wie Feuer erschien. Die Verteidiger dachten, daß das Feuer bis zur Mauerbresche verlief, und sie sahen auch, wie die Türken in Ekstase um ihre Lagerfeuer tanzten. Als sie so viele Türken sahen, fielen die Griechen auf die Knie und riefen den Herrn an: „Verschone uns, o Herr, vor Deinem gerechten Zorn und befreie uns aus den Händen des Feindes.”27

Waffenstillstand

Vor dem ersten Angriff schickte Mehmet Boten aus, um den Krieg zu vermeiden. Laut Doukas „…schickte Mehmet einen Boten mit folgender Nachricht zum Kaiser: Die Vorbereitungen für die Belagerung sind abgeschlossen. …wollt Ihr die Stadt verlassen und mit Euren Offiziellen und deren Habe gehen, wohin immer Ihr wollt, und die Bevölkerung unbeschadet zurücklassen? Oder leistet Ihr Widerstand und riskiert, Euer Leben und Eure Habe zu verlieren? Riskiert Ihr, daß die Türken Eure Bürger gefangennehmen und über die ganze Erde verstreuen?”27b

Der Kaiser Konstantin antwortete: „Wenn Ihr, wie Eure Väter es taten, friedlich durch die Gnade Gottes leben wollt, könnt Ihr friedlich mit uns leben.” Der Kaiser weigerte sich, in die Geschichte als der letzte Kaiser einzugehen, der gegenüber den Heiden kapituliert hatte. Gerade vor dem ersten Angriff bestieg der Kaiser sein Pferd und machte eine Runde um die Mauern, um die Wächter zu ermahnen, gewissenhaft zu sein und wach zu bleiben. Nachdem sie überprüft hatten, daß alles in Ordnung und die Tore sicher versperrt waren, stiegen sie beim ersten Hahnenschrei auf den Turm beim Caligaria-Tor mit seiner guten Aussicht, um Zeugen der Vorbereitungen des Feindes zu werden.28

Der Beginn des Krieges

Die Belagerung begann am 2. April, aber erst am 6. April begann das Artilleriebombardement, bei dem die Kanonen 100 – 120 mal pro Tag feuerten, bis die Belagerung vorbei war.29 Die strategischen Plätze wo Mehmet die Kanonen aufstellte, waren: nahe dem Palast des Kaisers, dem Pigi-Tor und dem Cressu-Tor; und dann stellte er auch vier weitere Kanonen beim Tor von San Romano auf, dem schwächsten Punkt der ganzen Stadt.

Romanustor

Das Romanustor

Erst am 18. April fand der erste große Angriff auf die Stadt statt. Die türkische Flotte rückte gegen die Sperrkette vor und kam auf Bogenschußweite an die verbündete Flotte heran. Die Türken ließen eine Salve von Kanonenfeuer (mit kleinen Steinen) und Pfeilen mit Metallspitzen los, zusammen mit Brandpfeilen. Nach der Anfangssalve näherten sie sich der verbündeten Flotte und versuchten eine standardmäßige Enterung mit Enterhaken und Leitern. Während die Haken hochgeworfen wurden, um die Seiten der venezianischen Schiffe zu erklettern, wurden Versuche unternommen, die Ankertrossen der Handelsschiffe zu kappen, aber dieser Versuch wurde durch einen Hagel von Wurfspießen, Piken und Speeren vereitelt, die von den Verteidigern der Schiffe hinabgeschleudert wurden. Wie Seeleute, die versuchten, eine Mauer von unten zu stürmen, sahen sie sich einem Hagel von Geschossen von der Bug- und Heckplattform über ihnen gegenüber, wie auch aus dem Krähennest. Salven von Gads — eiserner Wurfspieße mit Stabilisierungsflossen — Pfeilen und Steinen regneten auf den Feind herab, der an den Seiten der Schiffe herumsuchte, verwundeten und töteten sehr viele von ihnen und zwangen die Türken zum Rückzug.30 Das Scheitern des ersten osmanischen Sturmangriffs bescherte dem Sultan große Demütigung und Zorn, was seine Wut auf die Verteidiger steigerte.

Der Sultan mußte seine Flotte ins Goldene Horn bekommen, aber sowohl die venezianischen Schiffe als auch die Kette über den Kanal verhinderten das. Am 22. April entwarf der Sultan einen raffinierten Plan, seine Schiffe über Land ins Goldene Horn zu schleppen, indem er mit Tierfett geschmierte Rollen verwendete, und sie in die Bucht von Pera zu rudern. „Aber niemand hätte es auch nur für möglich gehalten, daß solche Hunde diese Schiffe über die Hügel schleppen und bis zu siebzig davon in den Hafen von Konstantinopel bringen würden.”30b

Mehmed II befiehlt, die Schiffe über das Land in die Meerengen zu bringen

Mehmet II. befiehlt, die Schiffe über das Land in die von einer riesigen Kette versperrte Meerenge zu bringen.

Nicolo Barbaro beschuldigt die Genuesen, den Türken bei dieser Unternehmung geholfen zu haben. Alles, was die Verteidiger fürchteten, war, daß die Türken jetzt in der Lage waren, ihre Flotte nachts anzugreifen, nachdem der Feind nun beiderseits der Sperrkette war. Die Verteidiger unternahmen einen gescheiterten Versuch, die türkische Flotte zu verbrennen, bevor diese ihre Schiffe angreifen konnte. „Am vierundzwanzigsten April nahm Jacomo Coco, der Kapitän der Galeere von Trapezunt, zwei Schiffe und versuchte, die türkische Flotte in Brand zu stecken, aber sein Versuch scheiterte, weil die Türken auf diesen Nachtangriff vorbereitet waren. Also begann er (Jacomo), mit voller Geschwindigkeit zu rudern und strebte auf die Flotte zu, und als er nahe war, eröffneten die Türken das Feuer.” Überraschend getroffen, sank sein Schiff sofort auf den Grund, und es gab wenige Überlebende. „So errangen die Türken diesen Sieg, und wir Christen weinten bitterlich und trauerten sehr um die Unglücklichen, die ertrunken waren.”30c Die Venezianer beschuldigten erbittert ihre alten Handelsrivalen, die Genuesen, den Sultan über ihren geplanten Angriff auf die türkische Flotte informiert zu haben.

Im Gefolge einer schweren Beschießung der Tore von San Romano und Egri begann ein Infanterieangriff gegen diese Abschnitte der Mauern, aber die Verteidiger warfen die Türken schnell zurück. Die Osmanen konzentrierten ihren Kanonenbeschuß auf das Tor von San Romano und dessen flankierende Mauer. Bis zum 21. April waren die Mauern weitgehend zerbröckelt, wodurch weite Breschen geschaffen wurden.31 Die den ganzen Tag fortwährende Beschießung der Mauern pulverisierte große Teile des Mauerwerks und brachte einen Turm zu Fall. Dies erweckte eine allgemeine Furcht unter den Verteidigern, denn man glaubte, daß man die türkischen Turbane bald innerhalb der Stadt sehen würde. Viel von der Mauer war verloren, und dies führte zu großer Entmutigung und einer Angst unter der Bevölkerung, daß die Stadt, wenn die Türken den Angriff an diesem Punkt mit nur 10.000 Mann durchgeführt hätten, verloren gewesen wäre.32 Gegen große Widrigkeiten waren die Griechen in der Lage, die Mauern wieder zu befestigen, und wendeten die Übernahme der Stadt für einen weiteren Tag ab. Die Byzantiner glaubten von ganzem Herzen, daß die Einnahme der Stadt durch das Mitleid des Herrn Jesus ein weiteres Mal aufgeschoben worden war.

Die Beschießung ging den ganzen April und bis in den Mai hinein weiter, und jeder Angriff wurde von den Verteidigern zurückgeschlagen. Die von den Kanonen geschlagenen Breschen in den Mauern wurden wieder befestigt. Am 14. und 15. Mai wurden die Kanonen, die über die genuesische Kolonie Galata hinweggefeuert hatten, vor dem Kaiserpalast an die Landmauer verlegt. Die Beschießung ging mit zunehmender Intensität gegen die Mauern von San Romano weiter, bis die Stadt am 29. Mai eingenommen wurde. Zwischen 28. und 29. Mai wurde eine der größeren Kanonen näher an die Barrikade aus Schutt und Holz herangebracht, die über eingestürzte Abschnitte hinweg errichtet worden war, um diese Neubefestigungen zu zerstören.33

Am Montag, dem 28. Mai, erteilte der Sultan, nachdem Trompetenklänge im ganzen Lager ertönt waren, unter Androhung der Todesstrafe die Anweisung, daß alle seine Offiziere sich bereithalten sollten, um ihre Posten für einen finalen Sturmangriff zu bemannen. Nachdem er diesen Befehl erteilt hatte, bemannten seine Truppen schnell ihre Posten und taten nichts weiter, als große Leitern näher an die Mauern der Stadt heranzubringen. Die Abendsonne begann nach Westen zu sinken und schien den Verteidigern ins Gesicht, wodurch sie geblendet wurden. Es war dieser Zeitpunkt, als das türkische Lager zum Leben erwachte und die Türken den Stadtgraben füllten, während andere die Kriegsmaschinen und Kanonen in Stellung brachten. Kurz nach Sonnenuntergang gab es einen schweren Regenschauer, aber die entschlossenen Türken setzten ihre Arbeit dessenungeachtet fort.34

Als sie mit ihren Vorbereitungen fertig waren, begannen die Osmanen überall in ihrem Lager Trompeten zu blasen, zusammen mit dem Klang von Kastagnetten und Tamburinen, um anzukündigen, daß der Sultan eine Proklamation an seine Soldaten halten würde. Mehmet sagte zu seinen Männern: „Kinder von Mahomet, seid guten Mutes. Morgen werden wir so viel Reichtum haben, daß wir alle aus Gold sein werden, und aus den Bärten der Griechen werden wir Leinen machen, um unsere Hunde anzubinden, und ihre Ehefrauen und Söhne werden unsere Sklaven sein; seid also guten Mutes, Kinder von Mahomet, und seid bereit, beherzt für die Liebe unseres Mahomet zu sterben.”35 In dieser Nacht wurden so viele Feuer im türkischen Lager entzündet, daß es den Verteidigern erschien, als ob die Mauern selbst in Brand stünden, was noch mehr Panik in der Stadt verursachte.

Der Sultan hatte bereits seine Pläne für die Schlacht entworfen, die darauf zählten, daß die Verteidiger durch die ständigen Beschießungen und Scharmützel erschöpft würden. Mehmets Pläne sahen vor, drei Wellen von Soldaten auszuschicken, eine nach der anderen, um die Verteidiger zu erschöpfen, die wenig Essen oder Schlaf gehabt hatten.

Wie der Historiker Steven Runciman schreibt: „Die Truppen würden gestaffelt angreifen. Wenn eine Division erschöpft war, würde eine zweite sie ersetzen. Sie würden einfach Welle um Welle frischer Truppen gegen die Mauern werfen, bis die müden Verteidiger zerbrachen. Es würde so lange dauern wie nötig, und es würde kein Nachlassen geben: Sie würden die Stadt in koordiniertem Ansturm von allen Punkten aus gleichzeitig angreifen, sodaß es den Verteidigern unmöglich war, Truppen zu verlagern, um besonders unter Druck stehende Punkte zu entlasten.”36
Erschöpft und hungrig erwarteten die Verteidiger und ihre Verbündeten den finalen Sturmangriff, im Glauben, daß Gott die Stadt am Ende retten würde. Sie hatten die Hoffnung, daß nach dem Durchbruch der Türken ein Engel des Herrn an der Konstantinssäule erscheinen und die türkische Armee vernichten würde, wodurch die Griechen die Türken bis zurück zur Grenze Persiens jagen könnten.

Der Angriff begann mit der ersten Welle von Truppen, dem christlichen Kontingent, das die Aufgabe hatte, Leitern zur Mauer zu tragen, und diese Männer wurden sofort getötet. Die Verteidiger warfen große Steine auf sie, und wenige entkamen; jeder, der sich der Mauer näherte, wurde getötet. Als die türkischen Wachen, die hinter ihnen standen, sie zurückweichen sahen, hieben sie sie mit ihren Krummsäbeln in Stücke und zwangen sie, an die Mauern zurückzukehren, nur um von den Verteidigern getötet zu werden. Die erste Welle endete schnell, aber die zweite Gruppe begann sofort mit ihrem energischen Angriff. Mehmets erste Welle hatte funktioniert, indem sie die Verteidiger weiter ermüdete, und nachdem der Sultan keine Achtung vor dem Leben von Christen hatte, opferte er sie leichthin ohne Gewissensnöte.

Die zweite Gruppe bestand aus anatolischen Türken, und sie griffen die Mauern von San Romano wie untrainierte Tiere an. Der zweite Angriff versetzte die ganze Stadt in Schrecken, und jeder Mann rief den ewigen Gott an, ihnen gegen die Türken gnädig zu sein; als der Alarm gegeben wurde, motivierte er daher die Verteidiger, schnell ihre Posten gegen den Ansturm zu bemannen. Die Türken der zweiten Gruppe ermüdeten die Verteidigung sehr. Sie unternahmen auch den Versuch, wie die erste Gruppe Leitern aufzurichten, aber dabei starben viele von ihnen durch die Armbrüste, Pfeile und Gewehre der Verteidiger, die sie in Massen töteten. Nachdem es der zweiten Gruppe nicht gelungen war, in die Stadt einzudringen, begann die dritte Welle. Diese Gruppe bestand aus Janitscharen, die als Berufssoldaten bezahlt wurden, und ihre Offiziere und Befehlshaber waren allesamt tapfere Männer. Sie griffen die Stadt nicht wie Türken an, sondern wie wilde Löwen mit lauten Schreien, und der Klang ihrer Kastagnetten war bis Anatolien jenseits des Bosporus zwei Meilen vom Lager entfernt zu hören.37

Jede Angriffswelle brachte die Verteidiger der totalen Erschöpfung näher, aber nacheinander wurden die Wellen von den Byzantinern zurückgeschlagen. Die Türken eilten zu den Mauern und trugen dabei eine große Zahl von Leitern, die zuvor gebaut worden waren. Hinter den Linien schwang der Tyrann Mehmet einen eisernen Streitkolben und zwang seine Bogenschützen mit Schmeicheleien und Drohungen an die Mauern. Die Verteidiger wehrten sich tapfer mit all der Stärke, die sie aufbieten konnten, und Giovanni und seine Männer, unterstützt vom Kaiser und all seinen Truppen, leisteten mutig Widerstand.38 Laut Steven Runciman „eilte Welle um Welle stark gepanzerter Krieger zu den Palisaden hinauf, um die improvisierten Barrikaden niederzureißen, die die Verteidiger errichtet hatten, und nachdem sie sie entfernt hatten, richteten sie schnell die Leitern auf. Die Griechen waren erschöpft und hatten stundenlang ohne Zeit für eine Pause gekämpft, und bald würden die Türken Einlaß durch ein kleines, wenig benutztes Tor finden.39

Ein Fehler, der von einem Verbündeten begangen wurde, würde die Stadt bald dem Zutritt der Türken öffnen. Ausfälle oder Überfälle wurden durch ein kleines Tor durchgeführt, das man Zirkustor nannte, ein Hintereingang, der in einem Mauerwinkel verborgen lag. Die Ereignisse des Tages würden eine alte Prophezeiung erfüllen, daß das Eindringen in die Stadt durch dieses Tor erfolgen würde. Italienische Soldaten, die von einem Überfall zurückkehrten, verabsäumten es, den Hintereingang hinter sich sicher zu verriegeln, und die Türken sahen die ungesicherte Tür und stürmten hinein. Fünfzig Türken schafften es, hineinzugelangen und eine zu einem Turm hinaufführende Treppe zu erreichen, und überraschten die Verteidiger auf diesem. Die Eindringlinge wurden isoliert und umzingelt, bevor zu viel Schaden angerichtet werden konnte, aber es gelang dem Feind, die Flagge des heiligen Markus und die Standarte des Kaisers herunterzureißen und sie durch die osmanische Standarte zu ersetzen.40

Eine entscheidende Wende der Schlacht fand statt, als Giovanni Giustiniani auf kurze Entfernung durch eine Culverine (Feldschlange, eine frühe Kanone) verwundet wurde, die seinen Brustpanzer durchschlug. Giustiniani, erschöpft von Stunden des Kampfes, verlor den Mut und wurde aus der Stadt getragen. Kaiser Konstantin bat ihn, nicht zu gehen, aber er weigerte sich und wurde zum Hafen hinuntergetragen. Die venezianischen und genuesischen Verbündeten begannen sich aus der Schlacht zurückzuziehen und zu den Schiffen zu fliehen, und ließen den Kaiser und die Griechen allein im Kampf zurück.41

Der Sultan bemerkte die Panik und rief laut aus: „Die Stadt ist unser!”, und er befahl seine  Janitscharen, noch einmal vorzustürmen, geführt von einem Riesen namens Hasan. Hasan erzwang sich den Weg durch die Barrikaden, mit dreißig Janitscharen hinter sich. Der Riese wurde von den Griechen in die Knie gezwungen und schnell mitsamt siebzehn seiner Kameraden erledigt, aber erst nachdem er die osmanische Fahne in voller Sicht aufgepflanzt hatte. Viele weitere Türken strömten herein, und obwohl die Griechen heftig Widerstand leisteten, zwang sie das Gewicht des Feindes hinter die innere Mauer zurück.42

Wie eine riesige Flut strömten tausende Männer in die Anlage und drängten die Verteidiger durch das schiere Gewicht ihrer Zahl zurück. In kurzer Zeit wurden die Verteidiger an der inneren Mauer in die Enge getrieben, wo sie nicht entkommen konnten und abgeschlachtet wurden.43 Jemand sah die türkische Fahne vom Kerkoporta-Turm wehen, und der Ruf erscholl, daß die Stadt eingenommen sei. Weil die Verteidiger auf der Flucht in Panik gerieten, wurden viele in dem Tor erwischt, durch das Giustiniani und seine Männer geflohen waren, und die meisten wurden abgeschlachtet oder gefangengenommen. Konstantin wußte, daß alles verloren war, daher stürzte er sich der Legende zufolge in die Schlacht und starb. „Er warf seine kaiserlichen Insignien von sich, und mit Don Francisco, Theophilus und Johann Dalmata an seiner Seite stürzte er sich in die Schlacht. Er wurde nie wieder gesehen.”44 Schnell erklang überall in den Straßen von Konstantinopel der Schrei, daß die Stadt verloren sei. Vom Goldnen Horn bis zu den Küsten von Konstantinopel konnten Christen wie Türken die türkische Fahne auf den hohen Türmen von Blachernae wehen sehen. Wo einst die kaiserliche Flagge und der Löwe des heiligen Markus geweht hatten, stand nun das Banner der moslemischen Eroberer.45

Fausto Zonaro - Gates of Constantinople

Fausto Zonaro, „Die Tore von Konstantinopel“

Sobald die Türken in die Stadt eingebrochen waren, begannen sie jeden zu ergreifen und zu versklaven, der ihnen in den Weg kam. Jeder, der Widerstand leistete, starb durch das Schwert, und Häufen von Leichen bedeckten den Boden. „Es gab beispiellose Vorfälle: alle Arten von Klagen, zahllose Reihen von Sklavinnen, die aus edlen Damen, Jungfrauen und Nonnen bestanden und von den Türken weggezerrt wurden.”46 In seinem Eifer für Allah hatte Mehmet befohlen, daß die Stadt, nachdem sie Widerstand geleistet hatte, gemäß dem islamischen Gesetz die traditionellen drei Tage lang geplündert werden sollte. Aber bevor der erste Tag um war, brachte der Sultan seine Polizei herbei und setzte dem Plündern ein Ende. Für die Griechen bedeutete der Verlust der Stadt nicht nur ein Ende des Reiches, sondern er markierte auch den Beginn einer beinahe vierhundertjährigen Gefangenschaft. Für Mehmet war es der Beginn der osmanischen Herrschaft, die bis ins neunzehnte Jahrhundert dauern würde. Unter der Herrschaft zukünftiger Sultane würde das osmanische Imperium weiterhin christliche Länder erobern, bis vor die Tore von Wien in Österreich.

Traurigerweise führte der Fall von Konstantinopel nicht nur das Ende der Dynastie der Palaiologi, die 194 Jahre lang regiert hatte, sondern auch das des oströmischen Reiches herbei. Georgios Sphrantzes, der Berater des Kaisers, klagt: „Unser Reich wurde von Flavius Konstantinus gegründet und endete mit Konstantin Palaiologos. Mit unserer unglücklichen Stadt als seine Hauptstadt überdauerte das Imperium der Römer (Griechen) 1.143 Jahre, zehn Monate und vier Tage”.47

Berichten zufolge soll der Sultan am Ende des Konflikts während einer Besichtigung der Hagia Sophia folgendes gesagt haben: „Die Spinne webt die Vorhänge im Palast der Cäsaren; die Eule ruft die Wachen in den Türmen von Afrasiab.”48 Von da an würde die große Stadt Konstantinopel Istanbul heißen, Hauptstadt des Osmanischen Reiches und des islamischen Kalifats.

Hagia Sophia Wasserseite

Anestos Canelides hat einen Master’s degree der Eastern Washington University in Geschichte und lebt in Arizona.

Fußnoten:

1. Sphrantzes, Georgios. The Fall of the Byzantine Empire; a Chronicle by George Sphrantzes, University of Mass. Press, 1980, pg 36
2. Runciman, Steven.The Fall of Constantinople 1453. Cambridge University Press 1975, pg 1
3. Runciman, Steven.The Fall of Constantinople 1453. Cambridge University Press 1975, pg 79
4. Runciman, Steven.The Fall of Constantinople 1453. Cambridge University Press 1975, 173
5. Norwich Julius John. Byzantium; The Decline and Fall, Alfred A. Knopf, New York: 1996, 415
6. Norwich Julius John. Byzantium; The Decline and Fall, Alfred A. Knopf, New York: 1996 415
7. Norwich Julius John. Byzantium; The Decline and Fall, Alfred A. Knopf, New York: 1996, 415
8. Dourkas, Decline and fall of Byzantium to the Ottoman Turks – translated by Harry J. Magoulias – Wayne State University Press 1975 Detroit, 218
9. Dourkas, Decline and fall of Byzantium to the Ottoman Turks – translated by Harry J. Magoulias – Wayne State University Press 1975 Detroit, 218
10. Norwich Julius John. Byzantium; The Decline and Fall, Alfred A. Knopf, New York: 1996, 415
11. Norwich Julius John. Byzantium; The Decline and Fall, Alfred A. Knopf, New York: 1996, 420
12. Norwich Julius John. Byzantium; The Decline and Fall, Alfred A. Knopf, New York: 1996, 421
13. Dourkas, Decline and Fall of Byzantium to the Ottoman Turks – translated by Harry J. Magoulias – Wayne State University Press 1975 Detroit, 223
14. Ian Heath. Byzantine Armies; AD 1118-1461, Osprey Publishing LTD,, Oxford:1995, pg 46-47
15. Ian Heath. Byzantine Armies; AD 1118-1461, Osprey Publishing LTD,, Oxford:1995, 47
16. Ian Heath. Byzantine Armies; AD 1118-1461, Osprey Publishing LTD, Oxford:1995, 47
17. Runciman, Steven.The Fall of Constantinople 1453. Cambridge University Press 1975, pg 79
18. a-b Norwich Julius John. Byzantium; The Decline and Fall, Alfred A. Knopf, New York: 1996, 418
19. Crowley, Roger. 1453; The Holy War for Constantinople and The Clash of Islam, West Hyperion NY 2005, 98
20. Crowley, Roger. 1453; The Holy War for Constantinople and The Clash of Islam, West Hyperion NY 2005, 103
21. Crowley, Roger. 1453; The Holy War for Constantinople and The Clash of Islam, West Hyperion NY 2005, 103
21b. Sphrantzes, George. The Fall of the Byzantine Empire,The University of Mass Amherst 1980, 102
22. Crowley, Roger. 1453; The Holy War for Constantinople and The Clash of Islam, West Hyperion NY 2005, 98
23. Crowley, Roger. 1453; The Holy War for Constantinople and The Clash of Islam, West Hyperion NY 2005, pg 98-99
24. Nicolle, David. Armies of the Ottoman Turks 1300-1774, Osprey Publishing LTD, Oxford: 2003, 29
25. Nicolle, David. Armies of the Ottoman Turks 1300-1774, Osprey Publishing LTD, Oxford: 2003, 99
26. Roger Crowley 1453; The Holy War for Constantinople and The Clash of Islam, West Hyperion NY 2005, 99
27. Dourkas, Decline and fall of Byzantium to the Ottoman Turks – translated by Harry J. Magoulias – Wayne State University Press 1975 Detroit, pg. 212
28. Dourkas, Decline and fall of Byzantium to the Ottoman Turks – translated by Harry J. Magoulias – Wayne State University Press 1975 Detroit, 201
29. Nicolle, David. Armies of the Ottoman Turks 1300-1774, Osprey Publishing LTD, Oxford: 2003, 37
30. Roger Crowley 1453; The Holy War for Constantinople and The Clash of Islam, West Hyperion NY 2005, 129
31. Barbaro Nicolo. Diary of the siege of Constantinople. Exposition Press, NY 1969, 41-42
32. Nicolle, David. Armies of the Ottoman Turks 1300-1774, Osprey Publishing LTD, Oxford: 2003,37
33. Nicolle, David. Armies of the Ottoman Turks 1300-1774, Osprey Publishing LTD, Oxford: 2003, 30
34. Runciman, Steven.The Fall of Constantinople 1453. Cambridge University Press 1975, 133
35. Nicolo Barbaros — http://www.deremilitari.org/resources/sources/constantinople3.htm
36. Runciman, Steven.The Fall of Constantinople 1453. Cambridge University Press 1975,189
37. Roger Crowley 1453; The Holy War for Constantinople and The Clash of Islam, West Hyperion NY 2005, 63
38. Dourkas, Decline and fall of Byzantium to the Ottoman Turks – translated by Harry J. Magoulias – Wayne State University Press 1975 Detroit, 223
39. Runciman, Steven.The Fall of Constantinople 1453. Cambridge University Press 1975, 137
40. Dourkas, Decline and fall of Byzantium to the Ottoman Turks – translated by Harry J. Magoulias – Wayne State University Press 1975 Detroit, 223
41. Runciman, Steven.The Fall of Constantinople 1453. Cambridge University Press 1975, pg 138
42. Runciman, Steven.The Fall of Constantinople 1453. Cambridge University Press 1975, pg. 138-139
43. Roger Crowley 1453; The Holy War for Constantinople and The Clash of Islam, West Hyperion NY 2005, 214
44. Runciman, Steven.The Fall of Constantinople 1453. Cambridge University Press 1975,pgs, 140-141
45. Runciman, Steven.The Fall of Constantinople 1453. Cambridge University Press 1975, 141
46. Sphrantzes, Georgios. The Fall of the Byzantine Empire, The University of Mass Amherst 1980, 130
47. Sphrantzes, Georgios. The Fall of the Byzantine Empire, The University of Mass Amherst 1980, 131
48. Norwich Julius John. Byzantium; The Decline and Fall, Alfred A. Knopf, New York: 1996, 437

Kommentare aus dem Originalstrang bei “Gates of Vienna”:

Arius:

Ja, es ist richtig, daß es Venezianer und Genuesen und andere aus dem Westen waren, die für den Angriff auf Konstantinopel Informationen und Hilfestellung gaben.

Bedenkt das, und schaut euch unsere Situation heute an. Es gibt viele in NGOs, den Medien und in der US-Regierung, die dem Dschihad gegen den Westen Informationen und Hilfestellung geben.

Man beachte, daß die meisten VIPs im Westen bereits in der einen oder andren Form auf der moslemischen Gehaltsliste stehen. Sie sind Bastarde, die man an den Füßen aufhängen und häuten lassen sollte.

Paardestaart:

Wunderbarer Artikel – danke, Anestos.

Zufälligerweise stellt der Autor in „Das Heerlager der Heiligen“ die Verteidiger von Konstantinopel an die vorderste Front des letzten erbärmlichen Kampfes um den Westen, als der Zug der Verdammten aus der Dritten Welt eindringt, ohne daß die Behörden einen Finger rühren, so wie heute – sehr unheimlich.

(Quelle der Übersetzung: hier)

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