MALTA 1565: Die große Belagerung

01 Birgu Fort St-Angelo

Birgu, Blick auf Fort St. Angelo

Von Ernle Bradford, erschienen in „Das Beste aus Reader’s Digest“, Februar 1986, als Auszug aus seinem 1961 veröffentlichten Buch „The Great Siege of Malta“ (ins Deutsche übertragen von Ernst Theo Rohnert).

Noch heute wirft der militante Islam immer wieder beunruhigende Schatten auf seine Nachbarn, ja die ganze Welt. In der Mitte des 16. Jahrhunderts aber stand er auf dem Gipfelpunkt seiner Machtentfaltung. Seine Angriffsspitze, das osmanisch-türkische Militärreich, drohte die christliche Welt in die Knie zu zwingen. In diesem kritischen Augenblick der europäischen Geschichte trafen die von Sieg zu Sieg eilenden Moslems auf eine Christenheit, die ihnen an Streitbarkeit, Entschlossenheit und Opferbereitschaft nicht nachstand. Auf der kleinen, strategisch wichtigen Insel Malta stemmte sich eine an Zahl weit unterlegene Legion fremder christlicher Krieger dem mächtigen Osmanischen Reich in einem Kampf entgegen, der auf beiden Seiten mit äußerster Härte geführt wurde.

02 Ottoman Empire 16-17th century

Das Osmanische Reich im 16. und 17. Jahrhundert

„Sultan der Osmanen, Allahs Stellvertreter auf Erden, Herr der Herren dieser Welt, König der Gläubigen und Ungläubigen, Schatten des Allmächtigen, der der Erde Frieden schenkt“ – wie Trommelwirbel schallten die Titel Solimans des Prächtigen durch den Sitzungssaal des Hohen Rates.

Es war 1564. Soliman II., von den Türken Süleiman der Gesetzgeber genannt, war 70 Jahre alt. Seit er mit 26 Sultan geworden war, hatte er die Türkei zum größten Militärstaat der Welt gemacht. Seine Galeeren durchpflügten die Meere vom Atlantik bis zum Indischen Ozean. Sein Reich erstreckte sich von Österreich bis zum Persischen Golf. Doch auch im Alter war Soliman noch ganz vom Wunsch nach mehr Macht und weiteren Eroberungen erfüllt. Und wäre er nicht selbst so ehrgeizig gewesen, dann hätten ihm seine Berater keine Ruhe gelassen.

„Solange sich Malta in der Hand der Johanniter befindet“, warnte einer von ihnen, „läuft aller Nachschub aus Konstantinopel Gefahr, vernichtet zu werden.“ Ein anderer sagte: „Wenn Ihr diesen vermaledeiten Fels nicht erobert, wird er bald den gesamten Verkehr zwischen Euren nordafrikanischen Besitzungen und den griechischen Inseln abschnüren.“

03 Kleine Johanniter-Schebecke um 1600

Kleine Johanniter-Schebecke um 1600

42 Jahre waren vergangen, seit Soliman die christlichen Johanniterritter von der Inselfestung Rhodos vertrieben hatte. Aber Malta, wo der heimatlos gewordene Orden Zuflucht gefunden hatte, hatte sich für den Sultan als ein noch größerer Störfaktor erwiesen als Rhodos. Alle Schiffe, die die Wasserstraße zwischen Sizilien und Nordafrika passierten, waren den marodierenden Galeeren der Ritter auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Der Gipfel der Provokation schien erreicht, als die Ritter ein reich beladenes Handelsschiff kaperten, das dem Obereunuchen in Solimans Serail gehörte. Die Odalisken des Harems warfen sich vor dem Sultan zu Boden und schrien nach Rache. Der Imam der Großen Moschee erinnerte den Sultan daran, daß auf den Ruderbänken der Ordensgaleeren Rechtgläubige mit Peitschenhieben angetrieben wurden.

Es ist unwahrscheinlich, daß sich der Sultan durch dieses Geschrei beeinflussen ließ. Allein aus Unmut oder aus Prestigegründen hätte Soliman den Inselstützpunkt der Ritter schwerlich angegriffen. Aber das kleine Malta war mit seinen großartigen Häfen der Schlüssel zum Mittelmeer und zu Westeuropa. So berief Soliman im Oktober 1564 einen Staatsrat oder „Diwan“ ein, der die Möglichkeiten einer Belagerung Maltas erörtern sollte. Der oberste Aga des Sultans erklärte: „Diese maltesischen Hundesöhne, die durch Eure Gnade auf Rhodos verschont geblieben sind – sie sollen endlich niedergeworfen und vernichtet werden!“ Als jeder seine Meinung gesagt hatte, wies der Sultan darauf hin, daß Malta das Sprungbrett nach Sizilien und damit nach Italien und Südeuropa sei. Der Diwan faßte den Beschluß, Malta zu zerschlagen.

„Dieser vermaledeite Fels“

Die maltesische Inselgruppe liegt rund 90 Kilometer südlich von Sizilien und umfaßt zwei Hauptinseln, Malta und Gozo. Malta ist etwa 27 Kilometer lang und 14,5 Kilometer breit, während Gozo 14,5 mal 7 Kilometer mißt. Die Inseln waren dem heimatlosen Johanniterorden von Kaiser Karl V. zu Lehen gegeben worden, „damit die Ritter ihre Waffen wieder gegen die gottlosen Feinde des heiligen Glaubens einsetzen können.“

04 Malta Elmo Michael Angelo

Aber die von den Rittern entsandte Kommission, die die Inseln erkunden sollte, war entsetzt gewesen. Malta sei „nichts als ein Fels aus weichem Sandstein“, berichteten sie, „für den Anbau von Weizen oder anderem Getreide ungeeignet“. Holz sei so knapp, daß es pfundweise verkauft werde. In den Küchen werde mit Kuhdung oder wilden Disteln geheizt. Die Sommerhitze sei „fast unerträglich.“

Wäre der Orden nicht in solcher Not gewesen, er hätte das karge Geschenk des Kaisers zurückgewiesen. Aber seine Führer hatten die Höfe Europas jahrelang bekniet, ihm bei der Suche nach einem festen Sitz zu helfen – vergebens. So geachtet der Orden wegen seiner Tapferkeit im Kampf auch war, beliebt war er nicht. Die Ritter vom heiligen Johannes zu Jerusalem waren der letzte geistliche Militärorden, der noch aus der Zeit der Kreuzzüge übriggeblieben war. Sie kamen aus allen Teilen Europas, schuldeten aber nur dem Papst Gehorsam – und waren deshalb den Herrschern der gerade emporgekommenen souveränen Staaten Europas verdächtig.

Was die Ritter mit Malta versöhnte, waren seine hervorragenden Häfen. Die Johanniter waren ursprünglich ein zu Lande operierender Orden gewesen, nach ihrer Vertreibung aus dem Heiligen Land aber notgedrungen Seefahrer geworden und lebten jetzt von einer Art „organisierter Piraterie“ – anders kann man es kaum nennen. Ein guter Hafen war für sie das Wichtigste. Und so hatten sie 1530 von ihrer neuen Heimat Besitz ergriffen.

Wie die Kundschafter vorausgesagt hatten, fanden sie Malta geradeso unwirtlich, wie sie den alten Herren der Insel unwillkommen waren. Den 12.000 Bauern auf Malta und den 5.000 auf Gozo war es wahrscheinlich einerlei, wer ihr Herr war. Ihr Leben war Plackerei, unterbrochen von brutalen Überfällen moslemischer Seefahrer; schlimmer konnte es für sie gar nicht kommen. Aber dem Inseladel waren die hochmütigen Neuankömmlinge ein Dorn im Auge; grollend zog er sich in seine Paläste in der ummauerten Stadt Mdina zurück.

Die Ritter hatten nicht vor, ihn zu belästigen. Sie zogen in das kleine Fischerdorf Birgu im Inneren des Großen Hafens. Und dort begannen die ihrer Sache verschworenen wehrhaften Männer, die durch die Geschichte Maltas geistern wie Besucher von einem anderen Stern, mit der Anlage von Verteidigungswerken. Sie rechneten fest damit, daß die Türken versuchen würden, den Erfolg von Rhodos zu wiederholen.

Großmeister La Valette

Die Johanniter waren ursprünglich eine Bruderschaft gewesen, die sich der medizinischen Forschung und der Ausbildung von Ärzten widmete. Die beiden Jahrhunderte auf Rhodos hatten dann aber den Charakter des Ordens verändert. Waren sie vorher in erster Linie „Hospitaliter“ (Krankenpfleger) und in zweiter Soldaten gewesen, so stand nun die Seefahrt an erster Stelle, und erst dann kam die Medizin. Auf Rhodos, das einem auf die Flanke der Türkei gerichteten Speer glich, waren sie zu den besten Seeleuten geworden, die das Mittelmeer je befahren hatten.

Sie waren jetzt ein Amalgam aus Angehörigen aller europäischen Nationen – eine Fremdenlegion militanter Christen. Gegliedert war sie in acht „Zungen“, die acht europäische „Provinzen“ repräsentierten: Auvergne, Provence und Frankreich (alle drei französischsprachig), Aragonien und Kastilien (spanisch) sowie Deutschland, Italien und England (zur deutschen Zunge gehörten damals die Großpriorate Deutschland, Böhmen-Österreich, Ungarn und Dacien [Skandinavien]). Als sich Heinrich VIII. von Rom lossagte, löste er die „alte und edle Zunge von England“ auf, und England war nur noch mit einem einzigen Ritter vertreten.

Der Mann, der seit 1557 an der Spitze des Ordens stand und sich jetzt rüstete, der Macht Solimans die Stirn zu bieten, war der provenzalische Großmeister Jean Parisot de La Valette. Er war Ordensritter mit Leib und Seele. Seit er den Johannitern mit 20 Jahren beigetreten war, hatte er den Konvent nie mehr verlassen – es sei denn, die Pflichten hätten es erfordert. Ein Zeitgenosse schildert ihn als „stattlichen Mann, hochgewachsen, ruhig, nüchtern und fähig, sich auf italienisch, spanisch, griechisch, arabisch und türkisch geläufig zu unterhalten.“ Die beiden letztgenannten Sprachen hatte er gelernt, als er in Gefangenschaft geraten und türkischer Galeerensklave geworden war. Ein Jahr lang hatte er in der Hölle der Ruderbänke zugebracht, ehe er durch einen Gefangenenaustausch wieder freikam.

05 Jean Parisot de La Valette

Jean Parisot de La Valette

„Manchmal“, schrieb ein anderer Franzose, dem es ähnlich ergangen war, „rudern die Galeerensklaven zwölf, ja zwanzig Stunden hintereinander. Offiziere gehen herum und stecken den Unglücklichen in Wein getunktes Brot in den Mund, damit sie nicht schlappmachen. Wenn ein Sklave erschöpft über dem Ruder zusammenbricht, wird er gepeitscht, bis man ihn für tot hält, und dann über Bord geworfen.“

La Valette war ein lebender Beweis dafür, daß Männer, die ein solches Martyrium hinter sich hatten, nicht notwendig krank und gebrechlich sein mußten, sondern sehr alt werden konnten. Unverwüstlich wie die salzgebeizte Eiche eines Schiffskiels, war er jetzt ebenso alt wie Soliman – 70. Wenn ein Mann, der ein Leben lang ständig im Kriegseinsatz war, ein so hohes Alter erreichte, mußte er schon außergewöhnlich zäh sein. Wenn er darüber hinaus im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte blieb, mußte er fast ein Übermensch sein. War er dazu noch von eine fanatischen religiösen Glauben beseelt, so gab es nicht viel, was ihm standzuhalten vermochte.

06 SABIAS-QUE-TURCOS

Im April 1565 erfuhr La Valette, daß die Flotte des Sultans aus dem Goldenen Horn ausgelaufen war. Den ganzen April und Mai hielten schnelle Schiffe den Orden über das Näherrücken der Türken auf dem Laufenden. Mitte Mai rief der Großmeister seine Brüder zusammen.

„Die große Schlacht zwischen Kreuz und Koran muß jetzt geschlagen werden“, sagte er. „Wir sind die erwählten Soldaten des Kreuzes, und wenn der Himmel die Hingabe unseres Lebens fordert, kann es keine bessere Gelegenheit geben als diese. Laßt uns zum Altar eilen, um unsere Gelübde zu erneuern und durch unseren Glauben die Todesverachtung zu erlangen, die allein uns unbesiegbar machen kann.“

Insel in Waffen

Als sich am Freitag, dem 18. Mai, der Frühnebel vom Wasser hob, sahen die Wachtposten im Nordosten eine große, fächerförmig gestaffelte Formation auftauchen: die 180 Schiffe der feindlichen Flotte. Die Spitze bildeten die Fahrzeuge der beiden türkischen Befehlshaber: Mustafa Paschas 28bänkige Galeere und die mit 32 Ruderbänken ausgestattete Riesengaleere Pialis, des Admirals der osmanischen Kriegsflotte.

07 osmanische Admiralsgaleere

Osmanische Admiralsgaleere

La Valette gab einer Kavallerieabteilung Befehl, den langsam an der Küste entlangfahrenden Feind zu beschatten, und wies die Bauern durch Melder an, alle Tiere und im Frühjahr geernteten Feldfrüchte in den Schutz der Mauern von Mdina und Birgu zu bringen. Ähnliche Befehle gingen nordwärts nach Gozo, wo die Landbevölkerung, als die Warnfeuer entzündet wurden, gleich in die Zitadelle strömte.

Unermüdlich hatte La Valette an den so wichtigen Befestigungen im Bereich des Großen Hafens gearbeitet. Die fjordartig weit ins Land greifende Hafenbucht ähnelte der halboffenen Schnauze eines zähnefletschenden Hundes. Ihre nördliche Begrenzung bildete ein kahler Höhenzug, hinter dem der nicht minder großartige Hafen Marsamuscetto lag. Das Südufer bestand aus einer Reihe tief eingeschnittener kleiner Buchten mit zerklüfteten, ins Hafenbecken vorspringenden Halbinseln dazwischen. Auf zwei dieser Halbinseln – Birgu und Senglea – hatte La Valette das Gros seiner Truppen stationiert. An der Spitze der Halbinsel Birgu ragte, durch einen schmalen Wassergraben von ihr getrennt, das Fort Sankt Angelo auf; es besaß zwei umlaufende Galerien für die Artillerie, die von hier aus die Hafeneinfahrt beherrschte. Birgu selbst war von einem durchgehenden Ring von Verteidigungswerken umgeben. Im Süden, also auf der Landseite, war eine hohe Festungsmauer mit zwei Bastionen und an den Enden je einer Halbbastion entstanden. Jenseits dieser mächtigen Barriere hatten Armeen von Türkensklaven einen tiefen Wallgraben aus dem Fels gehauen. An der Basis der Halbinsel Senglea hatte der Großmeister ein starkes neues Fort, Sankt Michael, errichten lassen. An der äußersten Spitze der nördlichen oder oberen Begrenzung des Großen Hafens hatte er schließlich das kleine, isolierte Fort Sankt Elmo gebaut. Da es zwischen den Einfahrten zum Großen Hafen und zum Marsamuscetto lag, konnte es den Zugang zu den beiden Ankerplätzen für den Feind sperren.

08 Malta Großer Hafen

Malta, Großer Hafen

Die Konventskirche des Ordens in Birgu bildete den Mittelpunkt, um den das Leben der christlichen Garnison kreiste. Auch Arsenale, Magazine und das Hospital befanden sich in Birgu, in Sankt Angelo außerdem ein großer Getreidespeicher. Während die feindliche Flotte an der Küste entlangzog, wurde das letzte von Sizilien herübergeschaffte Getreide unter den Augen La Valettes in eine unterirdische Kammer gefüllt, die dann mit einem schweren Sandsteinblock verriegelt wurde.

Auch in den Kornspeichern von Sankt Elmo und Sankt Michael wurden solche goldenen Schätze sicher eingelagert. Tausende von Wasserkrügen wurden an den Quellen der Marsa-Ebene gefüllt und in die Festungen gebracht. Als die Zisternen der Verteidiger zum Überlaufen voll waren, befahl La Valette, die wenigen Wasserlöcher und Quellen, die die Türken benutzen würden, zu vergiften.

Als eine der letzten Vorbereitungen zog man die schwere Eisenkette an, die zwischen dem Fort Sankt Angelo und der Spitze von Senglea im Wasser hing. Kolonnen von Sklaven legten sich in die Spaken eines riesigen Ankerspills. Als sich die Kette unter Wasser straffte und nach und nach ans Tageslicht kam, wurde sie an hölzernen Pontons befestigt, sodaß hier jeder Ansturm von See auf eine wirksame Sperre stieß. Die Halbinseln Birgu und Senglea waren jetzt an beiden Enden, also an der Land- und an der Seeseite, abgeriegelt. Solange sie standhielten, konnte niemand Malta erobern.

Das Jahr hindurch waren Ritter von ihren Besitzungen in ganz Europa nach Malta geeilt. Trotzdem hatte La Valette nur 600 bis 700 Ritter unter seinem Befehl. Sie bildeten die Kerntruppe des Ordens. Weiter standen ihm 3.000 bis 4.000 kühne, aber unausgebildete maltesische Freischärler – eine Art Bürgerwehr – zur Verfügung, dazu zwischen 4.000 und 5.000 spanische und italienische Fußsoldaten, die von Sizilien herübergeschafft worden waren. Mit dieser kleinen Streitmacht hatte La Valette dem ganzen Gewicht der türkischen Flotte und Armee standzuhalten.

Die Stärke der türkischen Streitmacht wird von den meisten Chronisten auf mindestens 40.000 ausgebildete Kämpfer geschätzt, wozu noch Seeleute, Sklaven und andere Hilfskräfte zu zählen sind. 6.000 Janitscharen, die handverlesene Elite der osmanischen Armee, bildeten den Stoßkeil der Türken. Das Gros bestand aus 9.000 Spahis aus Anatolien, Karamanien und Rumänien. Hinzu kamen 4.000 Iayalaren – religiöse Fanatiker, die ohne Rücksicht auf das eigene Leben anzugreifen gelernt hatten. 6.000 Freiwillige, Seeleute und Korsaren vervollständigten die Armada, die sich, während die letzten Bauern mit ihren schwerbeladenen Lasttieren den Zitadellen und Forts von Malta zustrebten, der kleinen Garnison La Valettes näherte.

Das erste Gefecht

Als der Tag vorrückte, wurde der Großmeister zusehends unruhig. Statt die hervorragenden Ankerplätze der Bucht von Marsascirocco wenige Kilometer südlich des Großen Hafens anzulaufen, fuhren die Türken keine 800 Meter von der Küste entfernt weiter nach Süden.

In den frühen Morgenstunden lichtete ein Verband von 30 Schiffen dann aber die Anker und kehrte zum Marsascirocco zurück. Der ursprüngliche Kurs des Feindes war eine Finte gewesen. Der wirkliche Angriff sollte von Süden her erfolgen. La Valette hatte schon gefürchtet, die Türken würden den Norden der Insel besetzen und Gozo isolieren, was jeden weiteren Kontakt zwischen Malta und Sizilien unterbunden hätte. Es war nicht geschehen – er konnte aufatmen.

Was La Valette nicht wußte, war, daß durch das feindliche Oberkommando ein tiefer Riß ging. Mustafa Pascha, der Befehlshaber der Landstreitkräfte, war ein Veteran der Ungarnkriege Solimans, dem Sultan treu ergeben und bekannt für seine Gewalttätigkeit und Grausamkeit. Im Gegensatz zu dem Türken Mustafa stammte Admiral Piali von christlichen Eltern ab. Er war bei der Belagerung von Belgrad auf einer Pflugschar verlassen gefunden und im Serail des Sultans aufgezogen worden. Später war er zur See gegangen und hatte sich durch seine Erfolge gegen die Christen einen Namen gemacht. Soliman hatte angeordnet, Piali, der Jüngere, solle „Mustafa wie einen Vater ehren“ und Mustafa solle „auf Piali wie auf einen geliebten Sohn blicken.“

09 Mdina Luftbild

Mdina, Luftbild

Sein Rat blieb unbeachtet. Mustafa war dafür, den Norden der Insel und Gozo zu besetzen, die nur schwach befestigte Stadt Mdina zu nehmen und dann die einzigen wirklichen Festungen der Insel, Birgu und Senglea, zu belagern. Sankt Elmo könne man links liegenlassen, meinte er, wenn die Flotte den Großen Hafen blockiere. Aber er konnte sich gegen Piali nicht durchsetzen. Der junge Admiral betonte, er sei für die Schiffe des Sultans verantwortlich, und der einzige sichere Ankerplatz außer dem Großen Hafen selbst sei der nördlich davon gelegene Marsamuscetto. Mustafa gab nach. Um sich den Marsamuscetto als Ankerplatz für die Flotte sichern zu können, mußte man jedoch zunächst das Fort Sankt Elmo nehmen.

10 Fort Sankt Elmo

Fort Sankt Elmo

Am 19. Mai um die Mittagszeit waren 3.000 türkische Soldaten an Land gegangen. Zum ersten blutigen Zusammenstoß kam es, als ein Ritterkommando auf eine türkische Vorausabteilung stieß. Die zahlenmäßig unterlegenen Johanniter wurden seitlich umfaßt, und es gab die ersten Toten; ein Ritter, der Franzose Adrian de Rivière, geriet in Gefangenschaft. Unter der Folter erklärte er Mustafa, die Türken würden Malta nie erobern, und zwar „nicht nur, weil es stark und reich mit Vorräten versehen ist, sondern auch, weil es von einem Anführer mit Rittern und Soldaten gehalten wird, die so tapfer sind, daß sie lieber sterben, als die geringste Schwäche zeigen“. Unbeeindruckt fuhr Mustafa mit seinen Vorbereitungen fort, und am 21. Mai griff er Birgu an.

Als La Valette die Türken zu ihrem ersten Erkundungsunternehmen anrücken sah, befahl er seinen Männern, ihr Feuer zurückzuhalten, bis der Feind auf Schußweite herangekommen sei. Er hatte nicht mit dem Ungestüm der jungen Ritter gerechnet. Noch ehe die Tore geschlossen werden konnten, berichtet ein Augenzeuge, „war eine große Zahl von Rittern hinausgelangt.“ Ein Gefecht war damit unumgänglich geworden, und so schickte La Valette den Türken drei Abteilungen aus Birgu und Senglea entgegen.

Fünf Stunden tobte der Kampf, dann ließ La Valette zum Rückzug blasen. Während die Verteidiger durch die Tore zurückströmten, hielt Artillerie die nachsetzenden Türken auf Distanz. Nur 21 Christen waren gefallen; dagegen bedeckten über 100 tote Moslems das Schlachtfeld. Aber 150 Männer La Valettes waren verwundet. Wenn das Treffen die Kampfmoral seiner Truppen auch gehoben hatte, so war sich der Großmeister doch darüber klar, daß er sich weitere Gefechte auf freiem Feld nicht mehr leisten konnte.

Bei Sonnenuntergang zog auch Mustafa seine Männer zurück. Die von einer großen Zahl Kanonen geschützte landseitige Verteidigungslinie des Ordens war stärker, als er angenommen hatte.

Sturm über Sankt Elmo

La Valette wußte, der Beschluß der Türken, sich zuerst auf Sankt Elmo zu werfen, bedeutete mehr Zeit für die Verstärkung seiner Hauptstützpunkte Birgu und Senglea. Um die Kampfkraft der isolierten Besatzung des Forts zu erhöhen, ließ er am Abend 100 Ritter und 400 Soldaten über die Hafenbucht setzen.

11 Blick auf Senglea

Blick auf Senglea

Die Ingenieure und Kanoniere des Sultans hatten den Artilleriebeschuß zu einer hohen Kunst entwickelt. Vor die hölzernen Lafetten der großen Belagerungsgeschütze Mustafas wurden Ochsen und Galeerensklaven gespannt. Über unebenes Gelände und auf unbefestigten Straßen zogen sie sie langsam sieben Kilometer weit auf den Sciberras, den Bergrücken auf der Landzunge zwischen Großem Hafen und Marsamuscetto. Zwei der Geschütze waren Feldschlangen für 54 Pfund schwere Geschosse. Hinzu kamen zehn 72pfünder und ein gewaltiger „Basilisk“, der Steinkugeln von 146 Pfund verschoß. Um ihre Artilleristen und Scharfschützen auf der kahlen, exponierten Höhe zu schützen, schleppten die Türken Tausende von Sandsäcken hinauf.

Am 24. Mai begann das Bombardement. Die Geschütze und der große Basilisk dröhnten und donnerten, und bald stäubten und splitterten die Kalk- und Sandsteinmauern von Sankt Elmo. Wenn dieselben Stellen wiederholt von schweren Geschossen getroffen wurden, lösten sich ganze Steinblöcke und fielen herab. Scharfschützen nahmen gleichzeitig die Besatzung unter Feuer, und zwar nicht nur vom Bergrücken aus, sondern auch von der dem Marsamuscetto zugewandten Seite her. Den Posten war es bald unmöglich, diese Richtung noch im Auge zu behalten.

Zwei Tage vorher hatte La Valette ein kleines Boot mit Botschaften für die zögernden Verbündeten des Ordens nach Sizilien geschickt. Die Ordensoberen in ganz Europa hatte er ersucht, auf die Herrscher ihrer Länder Einfluß zu nehmen, damit sie Hilfe schickten. Und dem Vizekönig von Sizilien, Don Garcia de Toledo, hatte er versichert: „Die Kampfmoral des Ordens und aller Truppen ist hoch.“

In der Nacht nach dem ersten Bombardement wurden weitere 200 Mann zu dem belagerten Fort hinübergerudert. La Valette wußte, Sankt Elmo war die Schlüsselstellung Maltas. Solange die Türken Stein und Eisen an das kleine Fort verschwendeten, hatte seine Hauptstreitmacht Zeit, ihre Abwehr zu verstärken. Als weiteren Störfaktor für die Türken hatte La Valette fast die gesamte Kavallerie unter Marschall de Copier in der Zitadelle von Mdina stationiert. Während der ganzen Beschießung Sankt Elmos sprengten diese Reiter, sooft sich eine Gelegenheit bot, in die Marsa hinunter, verlegten türkischen Wasserkolonnen den Rückweg und machten Jagd auf Versorgungstrupps.

Es war jetzt Ende Mai, und die Sommerhitze hatte eingesetzt. Über den Geschützen flimmerten Staub und Dunst wie eine Fata Morgana. Die Mauern des Forts bröckelten zusehends. Sobald sich eine Bresche auftat, zogen die Verteidiger dahinter in emsiger Arbeit eilig einen zweiten Mauerschutz hoch. Wie eine von den Wellen abgetragene Strandburg wurde das Fort jedoch unaufhaltsam kleiner. In der zweiten Nacht schickte La Valette den Chevalier de Medran mit einem Freiwilligenkommando von 50 Rittern und 200 spanischen Soldaten hinüber.

Es war die dunkle Zeit, in der sich alles gegen die Verteidiger zu wenden schien. In der Morgenfrühe des 1. Juni hörte La Valette dann aber in der Ferne Kampfgeschrei und Musketengeknatter – die Besatzung von Sankt Elmo machte einen Ausfall gegen die Türken. Nachdem sie die Zugbrücke im Dunkeln herabgelassen hatten, stürmten die Männer hinaus und nahmen den vordersten Graben der Belagerer. Die türkischen Arbeitskommandos und vorgeschobenen Truppen gerieten in Panik. Voll Freude sahen der Großmeister und der Große Rat sie über die kahlen Höhen des Sciberras zurückweichen. Sie wußten jetzt, daß die Verteidiger von Sankt Elmo nach wie vor guten Muts waren.

In diesem Augenblick – die aufgehende Sonne tauchte Malta gerade in ihr rötlichgoldenes Licht – befand Mustafa Pascha, daß es an der Zeit sei, die Janitscharen zu rufen. In allen großen Feldzügen des Osmanenreichs kam früher oder später dieser Augenblick, mochte es nun darum gehen, einer Panik Einhalt zu gebieten oder einen noch zweifelhaften Sieg endgültig zu sichern. Für solche kritischen Augenblicke war die Elitetruppe geschaffen worden – sie hatte dafür zu sorgen, daß sich die Waagschale zugunsten der Rechtgläubigen neigte.

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Ein Janitschare

Die Unbesiegbaren treten an

Die Janitscharen – von türkisch jeni tscheri, „neue Truppe“ – waren mit keinem anderen Soldatentyp zu vergleichen. Keiner von ihnen war türkischer Abstammung. Sie waren die Kinder christlicher Untertanen des Osmanischen Reichs.  Alle fünf Jahre wurden sämtliche Christenknaben, die das siebte Lebensjahr vollendet hatten, gemustert Die vielversprechendsten wurden nach Konstantinopel gebracht und „in hartem Drill zu Enthaltsamkeit und striktestem Gehorsam erzogen. Sie durften nicht heiraten und hatten daher keine Familienangehörigen, die ihre Gefühle in Anspruch nahmen. Sie waren stolz auf ihre Privilegien und schienen darauf zu brennen, auch die gefährlichsten Aufträge auszuführen, um sie zu rechtfertigen.“

Das waren also die Männer, die Mustafa Pascha jetzt vorschickte, um den Ansturm der Christen zum Stehen zu bringen – spartanisch erzogene einstige Christen, die zu fanatischen Moslems geworden waren. Als die überragenden Krieger anrückten, mußten sich die tapferen Verteidiger von Sankt Elmo zurückziehen. Einer unaufhaltsamen Welle gleich drängten die Janitscharen, ihren hohen, klagenden Schlachtruf auf den Lippen, vorwärts und strömten auf das Fort zu. Die Verteidiger erreichten die sicheren Festungstore gerade noch so zeitig, daß die Kanonen über ihnen die Verfolger unter Beschuß nehmen konnten.

Als sich der Rauch vom belagerten Fort verzogen hatte, mußten die Beobachter in Sankt Angelo feststellen, daß der Ausfall vom frühen Morgen nichts gebracht hatte. Über einem der hohen Wälle des Forts flatterte in der südlichen Brise die moslemische Fahne. Die Janitscharen hatten sich zwischen den Zacken von Sankt Elmo festgesetzt.

Am nächsten Morgen trafen 45 Schiffe aus Nordafrika ein. Sie brachten Belagerungsgeschütze und 2.500 Freiwillige und standen unter dem Kommando des größten moslemischen Seefahrers jener Tage, des Korsaren Dragut. Wie La Valette hatte auch Dragut das Leben eines Galeerensklaven kennengelernt. Er hatte so viele kühne Taten vollbracht, daß ihn die Moslems „das gezogene Schwert des Islams“ nannten. Sultan Soliman hatte Piali und Mustafa Pascha schriftlich angewiesen, Draguts Rat in allen Angelegenheiten anzunehmen. Dragut war ein alter Fuchs, was Belagerungskriege anging, und er kannte Malta von vielen Überfällen her besser als Mustafa und Piali. So nahm er kein Blatt vor den Mund.

„Ihr hättet die Insel als erstes vom Festland abschneiden müssen“, sagte er geringschätzig. „Dann wäre es ein leichtes gewesen zu verhindern, daß christliche Kuriere nach Sizilien segeln oder daß die Ritter Verstärkungen erhalten. Sankt Elmo! Es wäre von selbst gefallen. Hättet ihr nur den Norden der Insel besetzt, dann könntet ihr Birgu und Senglea nach Belieben angreifen.“

Dragut richtete sofort an zwei strategischen Punkten neue Artilleriestellungen ein: am Kap Tigné nur 450 Meter nördlich von Sankt Elmo und auf der südlich direkt am Meer gelegenen Punta delle Forche, dem Galgenplatz (so genannt, weil die Ritter hier Piraten hängten). Außerdem verstärkte er die Batterien auf dem Sciberras um weitere 50 Geschütze. Dann bezog der 80jährige Korsar zwischen den Soldaten am Sciberras Quartier. Im Qualm und Gedonner der Basilisken nahm er hier seine Mahlzeiten ein und ruhte.

Ein rauchender Vulkan

Am Tag darauf hatte sich die Stärke des türkischen Feuers verdoppelt. Ein Chronist schrieb, Sankt Elmo habe einem Feuer und Rauch speienden Vulkan geglichen.

Mustafas Janitscharen erschienen die Breschen, die sich vor ihnen öffneten, groß genug für einen Sturm. Auch Dragut beobachtete angespannt; er wartete auf den Augenblick, wo die Türken einen massierten Angriff auf den Ravelin unternehmen konnten, ein frei stehendes Vorwerk, das die inneren Mauern des Forts schützte. Wenn es in türkischer Hand war, konnte es nur noch Tage dauern, bis Sankt Elmo fiel. Doch noch war das Gegenfeuer der Christen gut gezielt und heftig.

Am Morgen des 3. Juni aber fiel der so heiß begehrte Ravelin fast durch Zufall. Ein türkischer Spähtrupp überraschte eine Gruppe erschöpfter Verteidiger bei Tagesanbruch im Schlaf. Minuten später schlichen sich weißgekleidete Janitscharen an, lehnten ihre Sturmleitern an die Mauern des Ravelins, kletterten über die Zinnen und erschlugen oder erschossen die Verteidiger. Eine Bohlenbrücke verband den Ravelin mit dem eigentlichen Fort, und hier entwickelte sich der Hauptkampf. Die Janitscharen suchten in die Forts zu gelangen, bevor das Fallgatter geschlossen werden konnte. Trotz schweren Abwehrfeuers stürmten sie zum Gatter, schossen durch seinen Rost und stellten ihre Leitern an. „Löwen des Islam!“ trieb sie ein Derwisch an. „Nun laßt das Schwert des Herrn ihre Seelen von ihren Leibern, ihre Köpfe von ihren Rümpfen trennen!“

Für gefährliche Situationen wie diese war der Vorläufer des heutigen Flammenwerfers entwickelt worden. Das sogenannte griechische Feuer war eine Mischung aus Salpeter, Schwefel, Pech, Ammoniaksalz, Harz und Terpentin. Es wurde in handgranatengroßen Töpfen mit angezündeten Dochten – Vorläufern des Molotowcocktails – auf den Gegner geworfen. Man füllte es in „Trompeten“ – Röhren, die, wenn sie entzündet waren, „lange Zeit schnaubend und fauchend Flammen von mehreren Metern Länge spien.“ In einer noch tödlicheren Form tränkte man damit die gefürchteten „Feuerreifen“.

Bei den Moslems in ihren wallenden Gewändern waren die Auswirkungen verheerend. Lebenden Fackeln gleich fielen sie in den Wallgraben zurück. Bald erfüllte der süßliche Geruch der versengten Leiber die Luft. Eine Welle nach der andern ließ Mustafa gegen die rauchgeschwärzten Mauern von Sankt Elmo anrennen, und so wütete die Schlacht von der Morgenfrühe bis gegen Mittag. Am Ende des Tages waren 2.500 türkische Soldaten gefallen; das Fort ragte noch immer aus Rauch und Flammen in die Höhe.

Die Türken hielten das Vorwerk mittlerweile in so großer Zahl besetzt, daß die Verteidiger von Sankt Elmo keinen Ausfall mehr wagen konnten. Ein Chronist beschrieb die Lage der Besatzung so: „Die Strapazen wurden immer unerträglicher. Die Brustwehren waren mit den Gedärmen und Gliedmaßen von Männern gespickt, die das Geschützfeuer in Stücke gerissen hatte und die man begraben mußte. So weit war es mit den Belagerten gekommen. Bei Tag der glühenden Sonne und bei Nacht kaltem Dunst ausgesetzt, konnten sie sich nie von ihren Posten rühren. Bedrängnisse und Entbehrungen aller Art machten ihnen zu schaffen – Pulverqualm, Rauch, Staub, griechisches Feuer, Musketensalven sowie ungenügende oder ungesunde Verpflegung. Mit ihren oft verrenkten, gebrochenen oder verstümmelten Gliedern und von schrecklichen Wunden verunstalteten Gesichtern waren sie häufig so entstellt, daß sie einander kaum noch erkannten…“

Am 4. Juni brachte ein kleines Boot eine Botschaft des Vizekönigs von Sizilien. Er werde Malta am 20. Juni zu Hilfe kommen, besagte sie – jedoch nur unter der Bedingung, daß der Großmeister die acht wertvollen Galeeren, die sicher vertäut im inneren Hafen lagen, nach Sizilien schicke. Die Botschaft war für Sankt Elmo ein Todesurteil. Don Garcia wußte genau, daß La Valette nur über 9.000 Mann verfügte. Und er wußte, selbst bei verminderter Besatzung waren mehrere hundert Mann nötig, um auch nur eines der Fahrzeuge nach Sizilien zu überführen – und Malta konnte keinen einzigen entbehren.

La Valette erwiderte, das Entsatzheer brauche nur 15.000 Mann stark zu sein. Sollte es nicht schnell in Marsch gesetzt werden können, so möge Don Garcia 500 Soldaten vorwegschicken. Wenn die vom Vizekönig versprochene Hilfe am 20. kam, brauchte Sankt Elmo nur noch etwa 14 Tage auszuharren. Der klarblickende Großmeister hatte jedoch seine Zweifel.

Mit Don Garcias Kurier war ein erfahrener spanischer Offizier, Hauptmann de Miranda, gekommen. Obgleich er wußte, daß er in den Tod gehen würde, erbot sich Miranda auf der Stelle, der Besatzung von Sankt Elmo bei den Vorbereitungen für den letzten Widerstand zur Seite zu stehen. La Valette nahm an, und in der Nacht fuhren Miranda, einige Ritter, die sich freiwillig gemeldet hatten, und 100 Soldaten in die dem Untergang geweihte Festung.

Die Verteidiger hatten die Stützen der Bohlenbrücke inzwischen verbrannt, aber das türkische Arbeitskorps hatte die ganze Nacht hindurch daran gearbeitet, den Graben zwischen dem Vorwerk und Sankt Elmo aufzufüllen. Am 7. Juni traten die Türken abermals zum Sturm an. Den Beobachtern auf Sankt Angelo schien es, als könne nichts sie aufhalten. Doch die angreifenden Janitscharen wurden wieder mit einem Hagel von Kugeln und Brandwaffen empfangen, und wieder legten sich wie Teufelsspielzeug hüpfende Feuerreifen um den Feind. Der Angriff kam ins Stocken, und das Signal zum Rückzug wurde gegeben.

Sankt Elmos Todeskampf

Am Abend fuhr der Chevalier de Medran zum Großmeister hinüber. Er schlug vor, das nicht mehr zu haltende Fort zu räumen und in die Luft zu sprengen und die Verteidiger den Hauptstützpunkten Birgu und Senglea zuzuteilen. Viele Mitglieder des Kriegsrats pflichteten ihm bei. Doch nun warf der Großmeister das ganze Gewicht seiner Persönlichkeit und seines Ansehens in die Waagschale. „Wir haben, als wir in den Orden eintraten, Gehorsam gelobt“, sagte er. „Wir haben weiter gelobt, unser Leben für den Glauben hinzugeben. Unsere Brüder in Sankt Elmo müssen dieses Opfer jetzt auf sich nehmen.“ Nicht ein Ratsmitglied zweifelte daran, daß La Valette, wenn die Lage es erforderte, als erster in die Bresche springen würde. Sein Argument, jede Festung Maltas müsse bis zum letzten Mann ausharren, wurde angenommen. 15 Ritter und 50 Soldaten kehrten in dieser Nacht mit dem Chevalier de Medran über das dunkle Wasser des Großen Hafens nach Sankt Elmo zurück.

13 Ritter und Malteser treiben die Türken zum Rückzug

Ritter und Malteser treiben die Türken zum Rückzug

Anderntags leiteten die Türken einen neuen Angriff ein; er dauerte sechs Stunden. Auch ihn überstand Sankt Elmo wie ein im Sturm zwar heftig schwankendes, aber seetüchtiges Schiff. Und dann, um Mitternacht, traf der italienische Ritter Vitellino Vitelleschi mit einem unangenehmen Brief ein, den 50 der jüngeren Ritter von Sankt Elmo unterzeichnet hatten. „Da wir den Pflichten unseres Ordens nicht mehr nachkommen können“, hieß es darin, „sind wir entschlossen, einen Ausfall zu machen und zu sterben, wie es Rittern geziemt – es sei denn, Ew. Hoheit schicken uns Boote, damit wir uns zurückziehen können.“

Es war weder Meuterei, noch hatte die Botschaft mit Feigheit zu tun. La Valette wußte, daß er seinen Männern fast Übermenschliches abverlangte. Aber er war entschlossen, der entmutigten Besatzung das Rückgrat mit Stahl zu steifen. Er befahl drei Rittern, nach Sankt Elmo überzusetzen und ihm über die Lage dort zu berichten. Sie erreichten das Fort in den frühen Morgenstunden. Zwei stellten nüchtern fest: „Das Fort kann noch ein paar Tage gehalten werden.“ Der dritte, ein Neapolitaner namens Castriota, war weniger taktvoll. „Alles, was not tut, sind neue Männer und ein neues Konzept“, sagte er.

Bei seiner Rückkehr nach Birgu beharrte Castriota auf seiner Haltung und erbot sich, an der Spitze einer Truppe nach Sankt Elmo zu gehen und die Richtigkeit seiner Worte zu beweisen. Binnen einer Stunde brachte der Neapolitaner 600 Männer zusammen, die bereit waren, das Fort zu entsetzen. Am Abend wurde eine Botschaft nach Sankt Elmo gesandt, die die rebellischen Ritter vollends beschämte. Sie waren von Castriotas Streitmacht bereits unterrichtet, und ihre Freunde aus den verschiedenen Zungen hatten ihnen gesagt, sie machten ihren Nationen wie auch dem Orden Unehre. Die 50 Ritter waren entsetzt, und der Sarkasmus der Botschaft traf sie tiefer, als zornige Worte es getan hätten.

„Eine Freiwilligentruppe ist aufgestellt worden“, schrieb La Valette. „Euer Gesuch, Sankt Elmo verlassen zu dürfen, wird jetzt bewilligt. Ich für meinen Teil werde ruhiger sein, wenn ich weiß daß das Fort von Männern gehalten wird, auf die ich mich verlassen kann.“ Die Revolte war vorüber. La Valette hob die Befehle für Castriotas Entsatztruppe sofort auf und schickte statt dessen nur 15 Ritter und 100 Soldaten hinüber. Man schrieb jetzt den 10. Juni. Er kann schwerlich davon geträumt haben, die Besatzung werde noch länger als drei bis vier Tage aushalten.

Am 10. Juni fand der erste nächtliche Großangriff der Belagerung statt. Diesmal setzten nicht bloß die Ritter Feuerwurfgeschosse ein. Die Osmanen hatten eine Brandwaffe entwickelt, die fürchterliche Verbrennungen verursachte. Immer wieder mußten Ritter und Soldaten mit Salzwasser begossen werden, das man in großen Fässern an den Brustwehren bereitgestellt hatte, weil sie sonst bei lebendigem Leib in ihren Rüstungen geröstet worden wären. Als der Morgen graute, lagen 1.500 der besten Männer des Sultans tot oder sterbend zwischen Ravelin und Fort. Piali und der aufgebrachte Mustafa hatten beide das Gefühl, an dem langen und kostspieligen Aufenthalt vor Sankt Elmo schuld zu sein – das vergleichsweise unbedeutende kleine Fort hätte ja längst genommen sein müssen.

Dragut hatte sich inzwischen damit abgefunden, daß sich das Unternehmen wegen der anfänglichen Fehlentscheidung der beiden Befehlshaber in die Länge zog, und war jetzt ebenso wie die anderen entschlossen, die Belagerung auf keinen Fall aufzuheben.

Taub geworden, benommen und völlig übermüdet, bereiteten sich die Verteidiger auf den nächsten Angriff vor. In der Morgendämmerung des 16. Juni sahen sie den Feind sich sammeln und hörten die laute Stimme des Großmuftis, der die Gläubigen aufrief, für das Paradies den Tod auf sich zu nehmen. Die einem anderen Himmel verschworenen Christen empfingen sie mit Brandwurfgeschossen, Feuerreifen, „Trompeten“ und siedenden Flüssigkeiten. Sie sahen, daß die ganze türkische Flotte in der Nacht herangekommen war und sich fast ringförmig um die Landspitze formiert hatte.

An die 4.000 Hakenbüchsenschützen nahmen das Fort von allen Seiten unter Beschuß. Leitern und Behelfsbrücken wurden in den Graben geschleppt, in dem so viele der besten Kämpfer des Sultans lagen. Als hinter den Schiffen die Sonne aufging, eröffnete Pialis Flotte das Feuer. Minuten später begannen Mustafas Landbatterien mit ihrem mörderischen Kreuzfeuer, das die Erde förmlich beben ließ. Zum ersten wilden Ansturm schickte Mustafa die Iayalaren vor, draufgängerische Fanatiker, die ihren unbändigen Mut aus einer Mischung von Religion und Haschisch bezogen. Den Blick auf die bröckelnde Linie der Brustwehren vor ihnen – und das Paradies dahinter – gerichtet, kamen die Iayalaren in wild schäumender Welle herabgestürmt. Die Ritter standen hinter den geborstenen Mauerzinnen und in der Bresche auf der Südwestseite bereit und eröffneten zusammen mit ihren spanischen und maltesischen Soldaten das Feuer.

Der Graben füllte sich mit den Leichen Gefallener, und die Iayalaren zogen sich zurück. Dann kam eine Horde von Derwischen, denn Mustafa wollte seine Elitetruppe zurückhalten, bis die „Religiösen“ mit ihren Leibern einen Laufgang nach Sankt Elmo gelegt hatten. Zuletzt beorderte er den Stolz des Islams nach vorn. Wieder und wieder griffen die Janitscharen an, doch auch sie gerieten zuletzt ins Wanken und wichen vor dem Feuer der Besatzung zurück. Die größten Verluste hatte ihnen eine kleine Batterie auf der Südseite des Forts beigebracht, von der aus die Kanoniere den Feind mit Flankenfeuer angehen konnten. Auch Sankt Angelo unterstützte die Verteidiger. Seine Geschütze bestrichen die Reihen der Moslems über den Großen Hafen hinweg mit einem Breitenfeuer, das in das weiße Feld der Angreifer immer wieder große schwarze Löcher riß.

Bei Einbruch der Nacht hatte die Besatzung 150 Tote und noch viel mehr Verwundete zu beklagen, aber die Toten der Moslems bedeckten das ganze Gelände vor den Mauern. Ein nächtlicher Zählappell ergab, daß der Sultan in den letzten drei Wochen fast 4.000 Mann verloren hatte. Im Fort hatte auch der Chevalier de Medran den Tod gefunden; Miranda war schwer verwundet. La Valette beorderte Verstärkungen nach Sankt Elmo. Am nächsten Tag meldeten sich beim Großmeister zwölf italienische Ritter, die freiwillig nach Sankt Elmo – und damit in den sicheren Tod – gehen wollten. Zum erstenmal lehnte La Valette ab.

Sankt Elmo fällt

Der Grund für die türkischen Mißerfolge lag – wie Dragut befand – in den Truppen- und Materialtransporten, die immer noch bei Nacht über den Großen Hafen gingen. „Solange das Fort nicht von aller Hilfe von außen abgeschnitten ist“, sagte der alte Korsar, „wird es uns widerstehen.“

Er schlug vor, an der Ostflanke des Sciberras, dort, wo der Bergrücken zum Großen Hafen abfällt, einen Schutzwall zu bauen. Der würde den türkischen Artilleristen Deckung bieten und ihnen erlauben, jedes Boot mit Truppen und Nachschub künftig unter Beschuß zu nehmen. Es war der letzte Rat, den Dragut gab. Am 18. Juni – er überwachte gerade die Errichtung des Walls – schlug dicht neben ihm eine von Sankt Angelo kommende Kanonenkugel ein und sprengte große Splitter aus dem Fels. Einer davon traf Dragut über dem rechten Ohr. Das „gezogene Schwert des Islams“ stürzte zu Boden, und aus Nase und Ohren strömte ihm Blut. Mustafa ließ den großen Korsaren heimlich in die Marsa bringen. Dragut lebte noch ein paar Tage, konnte sein Zelt aber nicht mehr verlassen.

14 Dragut gefallen

Dragut ist gefallen

Am 19. Juni – dem 27. Tag der Belagerung – wurde um Mitternacht klar, daß nichts mehr Sankt Elmo retten konnte. Das Fort war völlig eingeschlossen. Durch Draguts Wall gedeckt, konnten Scharfschützen jetzt alle Soldaten, die übergesetzt wurden, abschießen. Sankt Elmo war von der Außenwelt abgeschnitten.

Am 22. Juni – dem 27. Tag der Belagerung – dröhnten die Belagerungsgeschütze, Schiffskanonen und Basilisken vom Morgengrauen bis Sonnenuntergang. Den Kanonieren von Sankt Angelo blieben die Bewegungen der feindlichen Truppen nun weithin verborgen; erst wenn die Moslems hinter ihrem Wall hervorgestürmt kamen, setzten sie sich dem Feuer der Ordensleute aus. Aber dann waren sie schon so dicht bei den Verteidigern, daß die Artilleristen von Sankt Angelo sie nicht zu beschießen wagten. Doch in der Bresche trafen die Iayalaren und Janitscharen immer noch auf die gepanzerten Männer, die sie mit Zweihändern, Lanzen, Piken, Streitäxten und sogar Dolchen erwarteten.

Sechs Stunden lang griffen die Türken an, dann rief Mustafa sie zurück. Plötzlich hörten die Beobachter in Sankt Angelo ihre Brüder in Sankt Elmo in lautes Triumphgeschrei ausbrechen. Die Verteidiger ließen La Valette, den Orden, ja ganz Europa wissen, daß sie, mochte ihnen der Tod auch gewiß sein, zumindest diesen Tag als Sieg verbuchen konnten.

Am Abend tauchte ein Soldat von den Felsen unterhalb Sankt Elmo ins Wasser und schwamm nach Birgu. Fast alle Überlebenden des Forts seien schwer verwundet, berichtete er, aber Disziplin und Kampfmoral seien nach wie vor gut. Einem plötzlichen Impuls folgend, willigte La Valette in den Vorschlag ein, noch eine letzte Truppe solle das Fort zu erreichen suchen. Fünf offene Boote waren augenblicklich mit Freiwilligen gefüllt, aber das dunkle Wasser des Hafens verwandelte sich rasch in einen Hexenkessel. Türkische Kanoniere und Scharfschützen ließen einen Feuervorhang niedergehen, den nichts durchbrechen konnte. Als die Verteidiger von Sankt Elmo die Entsatztruppe eilig nach Sankt Angelo zurückkehren sahen, bereiteten sie sich auf das Ende vor.

15 Der Fall von Fort Sankt Elmo

Der Fall von Fort Sankt Elmo

In der Morgenfrühe des 23. Juni traten Janitscharen, Spahis, Iayalaren und reguläre Truppen zum ersten Großangriff des Feldzugs an. Die ganze türkische Armee strömte die Hänge hinab und brach einer großen Flut gleich über das Fort herein. Diesmal schwang in den Schlachtrufen der Moslems etwas mit, das den Besatzungen von Birgu und Senglea sagte, daß alles vorüber war. Noch vier Stunden hielten Sankt Elmo und seine auf knapp 100 Mann geschrumpfte Besatzung stand. Dann durchquerte Mustafa Pascha den Graben. Die Johanniterflagge wurde in den Staub geworfen und das Banner des Sultans hochgezogen. Als La Valette das Banner sah, wußte er, daß es um das Fort geschehen war. Während die türkische Flotte in den Hafen von Marsamuscetto einlief – den Hafen, um dessentwillen die Schlacht des letzten Monats geschlagen worden war – , überbrachte ein Bote dem sterbenden Dragut die Siegesnachricht. Der alte Korsar „hob die Augen wie zum Dank zum Himmel und verschied.“

Doch Mustafa sah wenig Grund zur Freude. Er blickte von den Ruinen des Forts zum finster ragenden Koloß hinüber, der Sankt Angelo hieß. „Allah“, rief er, „wenn ein so kleiner Sohn schon einen so hohen Preis gefordert hat, was werden wir dann erst für einen so großen Vater zu bezahlen haben?“

Das kleine Fort hatte die Türken an die 8.000 Mann gekostet. Die Verteidiger hatten rund 1.500 verloren, darunter 113 Ritter und Waffenknechte, bei den übrigen Gefallenen handelte es sich um Malteser, Spanier und andere fremde Soldaten. Einigen wenigen Maltesern gelang es, sich schwimmend nach Sankt Angelo zu retten, und neun Ritter waren von Korsaren in der Hoffnung auf ein Lösegeld gefangengenommen worden. Weitere Überlebende gab es nicht.

Mustafa Pascha befahl, die Köpfe von vier Rittern auf Lanzen stecken zu lassen. Dann ließ er den Leichen mehrerer anderer Ritter den Kopf abschlagen und die kopflosen Rümpfe in Verhöhnung des Kreuzestodes Christi auf Bretterkreuze nageln. Am Tag darauf wurden einiger dieser „Kruzifixe“ bei Sankt Angelo angespült.

La Valette gab sogleich Befehl, alle türkischen Gefangenen zu enthaupten. Mustafas Truppen waren gerade mit den in Sankt Elmo erbeuteten Kanonen beschäftigt, die als Kriegstrophäen nach Konstantinopel geschickt werden sollten, als sie plötzlich durch Artilleriefeuer aufgeschreckt wurden. Die schweren Geschütze von Sankt Angelo schossen ihnen die Köpfe der türkischen Gefangenen vor die Füße. Der Großmeister tat der Insel damit kund: „Nun gibt es kein Zurück mehr.“

Der „kleine Entsatz“

Die türkischen Geschütze über die Marsa zurückzuschaffen und gegen Birgu und Senglea in Stellung zu bringen, nahm mehrere Tage in Anspruch. In dieser Pause trafen vier Galeeren aus dem Norden ein. Sie brachten eine Entsatzstreitmacht von 42 Ordensrittern, 25 Freiwilligen adliger Herkunft, 56 Kanonieren und 600 Infanteristen. Im Schutz dichten Nebels gelangte der „kleine Entsatz“ an den türkischen Wachtposten vorbei sicher nach Birgu.

Angesichts dieser Entwicklung – und der unverhältnismäßig hohen türkischen Verluste bei Sankt Elmo – entschloß sich Mustafa, den Rittern für den Fall der Kapitulation freien Abzug von der Insel anzubieten. La Valette befahl, den türkischen Abgesandten zwischen die Bastionen der Provence und der Auvergne zu führen. Dort ließen sie ihn die Tiefe des Grabens vor ihm und die Höhe der dahinter aufragenden Mauer bestaunen, und La Valette wies auf den Graben.

„Melde deinem Herrn“, sagte er, „dies sei das einzige Terrain, das ich ihm überlassen würde – vorausgesetzt, er füllt es mit den Leichen seiner Janitscharen.“ Die mächtigen Verteidigungswerke – und die Reihen der grimmig dreinblickenden Ritter – jagten dem Boten einen solchen Schrecken ein, daß er, wie der Chronist berichtet, „seine Hosen beschmutzte.“ Mustafas Reaktion war blinde Wut. Er schwor, Birgu und Senglea zu nehmen und alle Angehörigen des Ordens dem Schwert zu überantworten – ausgenommen La Valette, der in Ketten vor den Sultan geführt werden sollte.

Peitschen knallten, Holz knarrte, und Männer riefen in der Sommernacht. Plötzlich hoben sich hohe Schiffsbuge aus dem Dunkel – aus der Marsamuscettobucht wurden über 800 Meter felsiges Land hinweg Schiffe auf hölzernen Rollen in den Großen Hafen gezogen. Die Ritter hatten geglaubt, den Feind nur auf der Landseite abwehren zu müssen. Jetzt waren plötzlich 80 feindliche Fahrzeuge im Großen Hafen massiert. Die Belagerer hatten sie in die Zange genommen.

Wo der erste Angriff erfolgen würde, war klar. In den Wasserarm zwischen Birgu und Senglea konnten die türkischen Schiffe der Sperrkette wegen nicht eindringen, und die Kanonen von Sankt Angelo hinderten sie daran, hafenabwärts zu fahren. Sie würden an der Südflanke von Senglea angreifen. Schon waren die ersten Belagerungsgeschütze auf die Höhen geschafft worden, von denen aus Senglea einzusehen war, und Hakenbüchsenschützen sorgten dafür, daß ein Verteidiger kaum den Kopf heben konnte, ohne eine Kugel auf sich zu ziehen. Um zu verhindern, daß die Türken unterhalb Sengleas landeten, rammten maltesische Seeleute auf Befehl La Valettes mächtige Pfähle in den Meeresgrund und verbanden ihn mit einer dicken Eisenkette, sodaß ein starker Palisadenzaun entstand. In der ersten Juliwoche durchquerten mit Äxten und Beilen bewaffnete Türken, durchweg ausgesucht gute Schwimmer, den 140 Meter breiten Meeresarm und machten sich daran, die neuen Verteidigungsanlagen zu zerstören. Von Kind an mit dem Wasser vertraute maltesische Freiwillige schwammen sogleich mit Messern zwischen den Zähnen zu ihnen hinaus, und um Holzpfähle und Drahtseile herum entwickelte sich ein Handgemenge, das zu den seltsamsten Kämpfen der Belagerung zählt. Die Malteser zeigten sich dem Gegner mehr als gewachsen, und die Türken zogen sich zurück.

Mustafa Pascha beschloß, nicht länger zu warten. Draguts Schwiegersohn Hassem, der mit frischen algerischen Truppen zu ihm gestoßen war, hatte ihn mit der Bemerkung gereizt, den früheren Angriffen habe der nötige Schwung gefehlt. Als sich Hassem erbot, den ersten Angriff von Land her zu leiten (während sein Stellvertreter Candelissa gleichzeitig Senglea von See her angreifen sollte), freute sich Mustafa, dem jungen Heißsporn eine Lehre erteilen zu können.

In der Morgendämmerung des 15. Juli hielten Candelissas Galeeren auf die Westflanke Sengleas zu, indes sich Hassems Truppen der Landseite der Halbinsel näherten. Die Malteser hatten jedoch gründliche Arbeit geleistet, und die vollbeladenen Boote blieben an den Pfählen hängen. Von den Wällen von Senglea ging ein mörderisches Feuer auf sie nieder. Candelissas Männer warfen sich ins Wasser, schwammen und wateten, sich den Schild über den Kopf haltend, ans Ufer und sammelten sich zum Sturm auf die Mauern. Auf der Landseite griffen Hassem und seine Algerier im selben Augenblick mit wildem Kriegsgeschrei das Fort Sankt Michael an. Die Kanonen rissen große Lücken in ihre Reihen, „aber bald wehten ihre Banner auf den Brustwehren.“

Das Landungsunternehmen kam unterdessen gut voran. Am Südende von Senglea flog, durch einen Funken entzündet, ein Pulvermagazin in die Luft, und ein Teil es Walls wurde beschädigt. Candelissas Truppen preschten den Hang hinauf, und als sich der Staub verzog, gewahrten die Christen sie zu ihrem Schrecken in der Bresche. Doch in diesem kritischen Augenblick trug La Valettes Voraussicht Früchte. Wohl wissend, daß die Verteidigungsanlagen von Senglea schwächer waren als die von Birgu und Sankt Angelo, hatte er zwischen den beiden Halbinseln eine Bootsbrücke bauen lassen. Jetzt schickte er eine starke Abteilung im Laufschritt zur bedrohten Stellung, und bald war die Lage unter Kontrolle.

Mustafa Pascha schien die Zeit für seinen Meisterstreich gekommen. Zehn große Schiffe mit 1.000 Janitscharen an Bord nahmen Kurs auf Senglea. Während die Verteidiger an der Südmauer beschäftigt waren – so Mustafas Plan -, sollten die Janitscharen gleich hinter der Nordspitze Sengleas landen. Doch noch jemand hatte die Eliteeinheiten beobachtet. Der Chevalier de Guiral befehligte eine fast in Höhe des Wasserspiegels stationierte Batterie, die der Aufmerksamkeit der Türken entgangen war. Als die Schiffe direkt vor den Rohren seiner Kanonen lagen, gab er Feuerbefehl. Die dichtbesetzten Fahrzeuge hatten keine Chance. Kugeln, Schrapnelle und Kettengeschosse flogen über das Wasser. Nach zwei Salven waren neun Schiffe untergegangen und 800 Mann ertrunken. Die Insassen des zehnten Schiffs erreichten mit Mühe und Not das Ufer der Sciberras-Halbinsel. Manche der Schiffbrüchigen suchten sich an andere Strände zu retten, aber die Inselbewohner, die Sankt Elmo nicht vergessen hatten, machten keine Gefangenen. Noch heute bezeichnet man auf Malta eine gnadenlose Abrechnung als „Rache für Sankt Elmo.“

16 Candelissas gescheiterter Landungsversuch

Candelissas gescheiterter Landungsversuch

Rettung aus Mdina

Mittags stieg die Temperatur jetzt auf fast 35 Grad. Die Christen waren in kleinen Festungen zusammengedrängt, in denen sie mit jedem Laib Brot und jedem Krug Wasser haushalten mußten. Die Moslems konnten sich bei Nacht in ihre Zelte und Schiffe zurückziehen und waren ausreichend versorgt. Außerdem trugen sie weite kühle Gewänder und waren nur wenig gepanzert, während kaum zu begreifen ist, wie die Ritter es in der glühenden Sonne Maltas in ihren schweren Rüstungen aushielten. Aber Krankheiten waren bei den Verteidigern noch verhältnismäßig selten, was mit der alten Krankenpflegetradition des Ordens zusammenhängen mag. Dagegen breiteten sich im türkischen Heer Ruhr, Typhus und Malaria aus.

Pialis Schiffe lagen jetzt nördlich von Gozo ständig in Bereitschaft, und Mustafa war sicher, daß keine Verstärkungen aus Sizilien mehr durchkommen würden. In der letzten Juli- und ersten Augustwoche ließ die türkische Artillerie die Verteidiger weder bei Tag noch bei Nacht zur Ruhe kommen. Männer, Frauen und Kinder besserten die Breschen aus, verfertigten Brandwurfgeschosse und beseitigten an Kanonen und Handwaffen entstandene Schäden.

Am 7. August nahmen die Türken das Bombardement wieder auf, und diesmal schossen sie aus allen Himmelsrichtungen. Als die Geschütze schwiegen, stürmten von Piali geführte Truppen über den schuttgefüllten Graben vor der Bastion von Kastilien an der Landseite von Birgu. Durch eine breite Bresche drängten sie in einen anscheinend unverteidigten Raum, sahen sich dann aber unerwartet einer weiteren, inneren Mauer gegenüber. Entlang der Landseite hatte La Valette überall solche inneren Mauern errichten lassen, sodaß sich der Feind, wenn er die Hauptmauer durchbrach, in einer Falle befand. Wegen des unausgesetzten Drucks der nachdrängenden Massen hinter ihnen außerstande, sich zurückzuziehen, gerieten Pialis Männer in ein vernichtendes Feuer der Besatzung und fielen zu Hunderten.

Doch inzwischen hatten andere Truppen unter Mustafa selbst in der Zitadelle von Sankt Michael auf Senglea Fuß gefaßt. Und diesmal konnte der Großmeister, wie er bestürzt feststellte, auch nicht einen Mann zu Hilfe schicken, weil die hart bedrängte Besatzung von Birgu nicht geschwächt werden durfte.

Wie La Valette und Dragut war auch Mustafa Pascha ein staunenswert jung gebliebener alter Krieger. Trotz seiner 70 Jahre setzte er sich jetzt an die Spitze seiner Leibgarde, während die Janitscharen zum Sturmangriff antraten. Die Besatzung von Sankt Michael wurde zurückgedrängt. Verzweifelt blickten die Männer über das Wasser. Kam denn keine Hilfe? Die Niederlage schien unabwendbar. Dann geschah das Unglaubliche – die Türken gaben das Signal zum Rückzug! Die Janitscharen, die Senglea schon in ihrem Griff wähnten, waren störrisch wie ein Rudel Wolfshunde, das sich nicht zurückpfeifen lassen will, doch bald zog der Feind zur Verblüffung der Christen wirklich ab. Einen Augenblick lang glaubte La Valette, Don Garcias Entsatzheer sei endlich gelandet.

Genau das besagte die Nachricht, die Mustafa erhalten hatte. Ein Reiter war zu ihm hinaufgesprengt und hatte gerufen, eine feindliche Streitmacht sei über das türkische Lager in der Marsa hergefallen. Mustafa zog daraus den naheliegenden Schluß, einer Entsatztruppe sei es gelungen, ihn im Rücken zu fassen. Und wirklich, als die Türken in der Marsa ankamen, bot sich ihnen ein furchtbarer Anblick: niedergerissene Zelte, brennende Magazine und dazwischen Haufen von Toten und Sterbenden.

Der Kommandant von Mdina hatte am Morgen, als er den ungewöhnlich heftigen Geschützdonner hörte, seine gesamte Kavallerie in die Marsa geschickt. Wie Rachegeister hatten die Reiter sich auf das Lager gestürzt. Es war ein Massaker gewesen – und es hatte die Ritter in ihrer dunkelsten Stunde gerettet.

„…als ginge die Welt unter“

17 Castrum Maris - Fort Sankt Angelo

Castrum Maris – Fort Sankt Angelo

Tief in den Mauern von Sankt Angelo beriet sich La Valette mit seinem englischen Sekretär, Sir Oliver Starkey. Das Fort lag unter türkischem Feuer, und sooft die eigene Artillerie zurückschoß, rieselte feiner Steinstaub von der Decke. La Valette hatte von Garcia de Toledo eben das Versprechen erhalten, noch vor Ende August Malta Hilfe zu schicken.

„Wir können uns auf seine Versprechungen nicht mehr verlassen“, sagte La Valette. „Nur wir selbst können uns retten.“ Doch nun machte er von einer Waffe Gebrauch, die die Kampfmoral der Verteidiger mit Sicherheit stärken würde. Papst Pius IV. hatte vor kurzem eine Bulle erlassen, die allen, die im Krieg gegen die Moslems den Tod fanden, vollkommenen Ablaß gewährte. Maltas Verteidiger, gab La Valette der Besatzung bekannt, hätten sich völlige Vergebung ihrer Sünden verdient.

In der Morgenfrühe des 20. August griff Mustafa die Bastionen von Kastilien und Sankt Michael an. Iayalaren und Janitscharen strömten durch das Niemandsland im Süden. Piali hielt seine Truppe vor Birgu zurück, denn Mustafa wollte abwarten, ob sich La Valette nicht vielleicht verleiten ließ, mit einem Teil der Besatzung von Birgu dem hart bedrängten Senglea beizustehen. Balbi die Correggio, ein spanischer Glücksritter, der auf seiten des Ordens auf Malta Dienst tat, beschrieb diesen Angriff als „einen der schwersten der ganzen Belagerung“ und als „denjenigen, bei dem uns das feindliche Feuer den größten Schaden zufügte.“ Kaum hatte sich der Qualm verzogen, da hatten die wartenden Truppen Pialis im Fort auch schon einen Brückenkopf gebildet. La Valette, der sich in seinem Befehlsstand auf dem kleinen Platz von Birgu befand, zögerte keinen Augenblick. Mit den Schwert in der Hand stürmte er zur Bastion von Kastilien.

„Von den Rittern begleitet, die sich sofort um ihn scharten, setzte der Großmeister einen so ungestümen Angriff ins Werk, daß sich das Blatt wendete.“ Als er die kleine Truppe aus Rittern und Inselbewohnern die narbigen, rauchenden Hänge hinaufführte, wo eine Mine ein Loch in die Mauer gerissen hatte, wurde er durch Granatsplitter am Bein verwundet. Aber die türkische Vorhut wich zurück.

„Begebt Euch an einen sicheren Ort, Sire“, drängte einer seiner Gehilfen. „Der Feind ist im Rückzug.“ Doch La Valette humpelte weiter hangaufwärts. „Solange die Banner da wehen“, erwiderte er und deutete auf die feindlichen Wimpel, „ziehe ich mich nicht zurück.“ Erst als er sich überzeugt hatte, daß die Bastion wieder in christlichen Händen war, ging er, um sich verbinden zu lassen.

18 Malteserritter unter Führung von La Valette

Malteserritter unter Führung von La Valette

Bald nach Sonnenuntergang erneuerten Mustafa und Piali die Offensive. In der Mündung des Großen Hafens wie auf den Bergen und Höhenrücken rund um Birgu und Senglea donnerten die Geschütze und blitzten Mündungsfeuer auf. Der Großmeister stand in verbeulter und staubüberkrusteter Rüstung in der Bresche; seine ragende Gestalt, die sich als Silhouette gegen den Himmel abzeichnete, wirkte auf die Verteidiger wie ein lebendiger Sammelpunkt. Als es zu dämmern begann und die Türken sich zurückzogen, waren die beiden rauchenden Festungen noch immer in der Hand der Christen. Aber die Lage war kritisch. Sie hatten schwere Verluste erlitten. Es gab keine Verstärkungen mehr. Die Munition wurde knapp, und „niemand galt als verwundet, solange er noch gehen konnte.“

Seit dem Fall von Sankt Elmo am 23. Juni waren fast alle Geschosse der türkischen Batterien auf Birgu und Sankt Angelo niedergegangen. Nahezu jedes Haus innerhalb der Mauern lag in Trümmern, und die Mauern selbst drohten zusammenzubrechen. Mustafa ließ jetzt eine große Belagerungsmaschine heranschaffen – einen Turm mit einer schweren Zugbrücke, die man herablassen konnte, um in die Festung einzudringen. Große Lederdecken, die ständig naß gehalten wurden, schützten den Turm gegen Brandwaffen. Er stand jetzt so dicht an der Mauer, daß Janitscharen von seiner Plattform aus in der Lage waren, auf die Verteidiger innerhalb der Mauern von Birgu selbst zu schießen.

La Valette beauftragte einen Handwerker namens Cassar, in die Mauerbasis genau gegenüber dem Turm ein Loch zu brechen. Als die letzten Steinblöcke herausgeschlagen waren, wurde die dunkle Mündung einer Kanone hindurchgeschoben, die sofort das Feuer eröffnete. La Valette hatte angeordnet, Kettenkugeln zu verwenden – zwei große Kanonenkugeln oder –halbkugeln, die durch eine Kette miteinander verbunden waren. Nach Verlassen des Rohrs wirbelten diese Kettenkugeln wie eine Riesensichel durch die Luft. Dort, wo Visier- und Treffpunkt zusammenfielen, schnitten, quetschten und sägten sich die wirbelnden Ketten immer bedrohlicher in das hölzerne Gerüst. Als es sich bereits zur Seite neigte, suchten sich die auf dem Turm postierten Janitscharen durch Abspringen zu retten. Dutzende von Männern mit sich in die Tiefe reißend, stürzte er schließlich mit Donnergetöse zusammen. Die Kanone wurde darauf zurückgezogen, und das maltesische Arbeitskommando mauerte das Loch wieder zu.

Währenddessen setzte Mustafa eine weitere „Teufelsmaschine“ gegen Senglea ein. Sie glich einem mit Eisenreifen zusammengehaltenen hohen Faß und war mit Pulver, Eisenketten, Nägeln und Kartätschen aller Art gefüllt. Eine Zündschnur wurde an der Maschine angebracht. Einem Trupp Türken gelang es, sie auf die übel zugerichtete Mauer zu bugsieren und mitten unter die Ritter und Soldaten auf der anderen Seite fallen zu lassen.

Die Türken warteten auf die Explosion; sobald die Maschine eine Bresche in die Mauer gerissen hatte, wollten sie stürmen. Aber die Zündschnur brannte zu langsam; die Verteidiger rollten die „Bombe“ wieder die Rampe hinauf und schleuderten sie in den Graben, wo sie noch ein Stück weit rumpelte und dann losging. Die gewaltige Pulvermenge, von den Schrapnellen ganz zu schweigen, richtete in den Reihen der Türken ein furchtbares Blutbad an. Die Belagerer liefen Hals über Kopf davon, und der Tag, der für die Verteidiger so böse begonnen hatte, endete fast mit einem Sieg.

Bei den moslemischen Truppen breitete sich tiefe Mutlosigkeit aus. Immer mehr Männer erkrankten. Tausende von übelriechenden Leichen lagen in der sengenden Sonne. Der August neigte sich dem Ende zu. Bald war mit den ersten Herbststürmen zu rechnen; dann war auch die Verbindung mit Afrika gefährdet – und erst recht mit dem fernen Konstantinopel. Wenn Malta nicht bis Mitte September gefallen war, würde die Armee abziehen oder auf der Insel überwintern müssen.

Waren die Türken niedergedrückt, so war den Christen zumute, „als ginge die Welt unter.“ Sie konnten nicht wissen, daß in Messina, 240 Kilometer weiter nördlich, die Vorbereitungen für den Entsatz endlich in Schwung kamen. Gut drei Monate waren vergangen, seit die Elite der türkischen Land- und Seestreitkräfte über die Insel hergefallen war. Knapp 9.000 Mann, darunter keine 900 Johanniterritter, hatten den ganzen Sommer standgehalten und in allen Ländern Europas Bewunderung erregt. Selbst Elisabeth I. von England – das nur durch Sir Oliver Starkey vertreten war – erkannte: „Wenn die Türken den Sieg erringen, ist nicht abzusehen, welche weiteren Gefahren daraus für die übrige Christenheit erwachsen.“

„Hier müssen wir untergehen“

Am 31. August forderten die Großkreuzritter La Valette einmütig auf, Birgu zugunsten von Sankt Angelo aufzugeben. „Dort können wir uns besser behaupten“, argumentierten sie, „als wenn wir so weit auseinandergezogen sind wie jetzt.“

„Wenn wir Birgu aufgeben“, erwiderte der Großmeister, „verlieren wir Senglea, denn die Besatzung von Senglea kann sich allein nicht halten. Sankt Angelo ist überdies zu klein, um außer uns und unseren Leuten auch die maltesische Bevölkerung aufzunehmen. Und wenn die Türken Senglea und die Ruinen von Birgu besetzt haben, ist es nur noch eine Frage der Zeit, daß auch Sankt Angelo ihrem konzentrierten Feuer erliegt – während sie jetzt gezwungen sind, ihre Kräfte zu zersplittern. Hier also müssen wir uns stellen. Hier müssen wir zusammen untergehen – oder mit Gottes Hilfe den Feind vertreiben.“

Um keinen Zweifel zu lassen, daß ein Rückzug nach Sankt Angelo auch in Zukunft nicht in Frage komme, verbrannte La Valette seine Boote und verlegte die Besatzung von Sankt Angelo bis auf die Geschützbedienungen nach Birgu. Dann ließ er die Zugbrücke zwischen Birgu und Sankt Angelo sprengen. Sankt Angelo wie Birgu waren auf sich gestellt. „Jeder war sich jetzt darüber klar, daß er an dem Platz, an dem er stand, auszuharren und zu sterben hatte.“

Täuschungsmanöver

Mustafa Pascha erhielt jetzt die alarmierende Meldung, daß nur noch für 25 Tage Mehl da sei. Auch wenn sich die Türken sofort zurückzögen, würden ihnen auf der Heimfahrt nach Konstantinopel die Rationen gekürzt werden müssen. Was noch schlimmer war – zum erstenmal wurde auch das Pulver knapp.

Mustafa verdoppelte seine Anstrengungen gegen den Feind. Tag und Nacht trieben türkische Sappeure Stollen unter die bröckelnden Mauern. Die Verteidiger bauten Gegenstollen. Maltesische Bergleute und Steinmetzen lauschten in Dunkel und Hitze der unterirdischen Gänge auf das Geklopfe der Türken. Kaum ein Tag verging, ohne daß eine Mine oder Gegenmine mit Donnergetöse hochging.

Jetzt beschloß Mustafa, sich auf die Hauptstadt Mdina zu werfen. Er wollte ihre Geschütze, Pulver- und Munitionsvorräte gegen die Ritter in den Festungen einsetzen. Die Mauern waren nicht sehr stark, aber die Türken konnten die Stadt nur von Süden her angreifen, denn an allen anderen Seiten erhoben sich die Mauern über steilen Berghängen.

Der Kommandant von Mdina wußte, daß Mustafas Plan ein Akt der Verzweiflung war, und er entschloß sich zu einem dreisten Täuschungsmanöver. Ihm standen nur wenige Truppen zur Verfügung, aber die Zitadelle war voll unbeteiligter maltesischer Bauernfamilien. Er ließ einen großen Teil der Bauern und Bauersfrauen in Uniform stecken und an der Seite der Besatzung auf den Wällen paradieren. Auch befahl er, alle Geschütze in den Bereich der Mauern im Süden zu schaffen.

19 Mdina, Malta

Mdina, Malta

Als sich die Türken, aus der Ebene kommend, in beschwerlichem Marsch Mdina näherten, sahen sie sofort, daß es keine unverteidigte Stadt war. Seine Mauern wimmelten von Soldaten, und noch ehe die Angreifer in Schußweite waren, begannen seine Geschütze zu sprechen. Verblüfft blieben die Türken stehen. Das Wort „Ein zweites Sankt Elmo!“ machte die Runde. Die Offiziere hatten ihre Männer nur mit Mühe dazu gebracht, sich auf einen neuen Angriff einzulassen. Jetzt schlug ihnen von den Mauern der Stadt höhnisches Musketengeknatter entgegen – ein Zeichen dafür, daß sie es mit einer frischen Besatzung mit hoher Kampfmoral und unbegrenzten Pulvervorräten zu tun hatten. Mustafa Pascha blies die Offensive ab.

Das Nachlassen des türkischen Feuers und das Versagen des Feindes vor Mdina hoben den Mut der Verteidiger. Die Ritter hielten es jetzt für möglich, die Türken aus eigener Kraft zu schlagen. Wenn es ihnen gelang, sie ohne die Hilfe des Zauderers Don Garcia zu vertreiben, konnten sie in ganz Europa verkünden: „Wir haben es allein geschafft!“

Tatsächlich stand der Aufbruch des Entsatzheeres unmittelbar bevor. Über 200 Ritter, Komture und Großwürdenträger des Ordens weilten jetzt mit ihren Truppen in Sizilien, und der kleine Hof von Messina wartete ungeduldig darauf, sie wieder loszuwerden. Es waren an die 11.000 Mann – Berufssoldaten und Abenteurer aus ganz Europa. Am 25. August schifften sie sich nach Malta ein.

Das letzte Treffen

Anfang September leitete Mustafa eine verzweifelte Großoffensive ein. Aber die Truppen, die jetzt gegen die Mauern brandeten, waren nicht die gleichen, die nach Malta gekommen waren, „um ihre Seelen zu retten.“ „Es ist nicht Allahs Wille“, sagten sie, „daß wir Maltas Herren werden.“

Inzwischen war Don Garcia eingetroffen und mit dem Entsatzheer an Land gegangen. Es gelang La Valette, den Türken die falsche Nachricht zuzuspielen, 16.000 Christen seien gelandet. Bestürzt über diese Nachricht, entmutigt durch den ganzen Verlauf der Belagerung und in der Erkenntnis, daß seine Truppen nahe daran waren zu meutern, befahl Mustafa, die Insel zu räumen.

La Valette glaubte, das Entsatzheer werde im Lauf der Nacht versuchen, mit Birgu Fühlung aufzunehmen. Er wartete ungeduldig, doch nichts geschah. Dafür hörte er die ganze Nacht Räder quietschen und Riemenwerk ächzen und sah lange Lichterreihen – ein klarer Beweis, daß die Türken ihr Lager abgebrochen hatten und drauf und dran waren, sich einzuschiffen. Das Entsatzheer war inzwischen landeinwärts marschiert und hatte mit der Besatzung von Mdina Verbindung aufgenommen. Ohne zu wissen, daß die Türken bereits abzogen, schlug der Befehlshaber Ascanio de La Corna auf der Hochebene im Osten der Insel sein Lager auf.

Als der Morgen heraufdämmerte, sahen die Verteidiger von Birgu und Senlgea, daß die verwüsteten Hänge vor ihren Mauern vom Feind geräumt waren. Einige Ritter hißten über den Ruinen von Sankt Elmo die Flagge mit dem achtzackigen weißen Kreuz des Johanniterordens. Die Malteser, die Ritter und ihre Soldaten sangen ein feierliches Tedeum und dankten dem Allmächtigen und der Jungfrau Maria. Die Insel rauchte und knisterte noch vom Feueratem des Krieges.

In diesem Augenblick merkte Mustafa Pascha, daß er über die Stärke des Entsatzheeres getäuscht worden war. Aus Furcht vor dem Zorn des Sultans und verärgert über die Art, wie ihm Piali und die Flotte in den Rücken gefallen waren, ließ er die Räumung der Insel abbrechen und wies die Flotte gegen den Widerstand von Piali an, in einer elf Kilometer entfernten Bucht die weitere Entwicklung abzuwarten.

Als Ascanio de La Corna auf der Straße, die auf sein Lager zuführte, an die 9.000 Türken anrücken sah, beschloß er, sich nicht zu einer Schlacht in der Ebene verleiten zu lassen, vielmehr gedachte er, den Feind in seiner günstigen Stellung auf dem Hochplateau zu erwarten. Er hatte jedoch nicht mit dem Temperament der neuangekommenen Johanniterritter gerechnet. Ohne auf eine Order zu warten, sprengten sie den Höhenrücken hinab und zwangen de La Corna so, Befehl zum Generalangriff zu geben. Die Besatzung von Mdina, die das beobachtet hatte, schloß sich sofort an. Während das Gros des Entsatzheeres die Türken von vorn packte, schlugen die Truppen aus Mdina einen Bogen und stießen ihnen in die Flanke.

Mustafas Männer waren nicht in der Stimmung, einen ausgeruhten und starken Gegner anzunehmen. Sie hatten den neuerlichen Ausschiffungsbefehl nur mit dem größten Widerstreben befolgt. Beim Anblick des auf sie zustürmenden Feindes wichen viele zurück und flüchteten. Bald befanden sich die Türken in vollem Rückzug, strömten durch die weite Ebene in Richtung der Sankt-Pauls-Bucht, in der Pialis Schiffe Anker geworfen hatten. Abermals zeigte sich Mustafa Pascha als ein Mann von außergewöhnlicher Tapferkeit. An der Spitze der Janitscharen führte er einen Gegenangriff, der die Vorhut der Ritter eben noch rechtzeitig zum Stehen brachte, als sich seine Leute anschickten, in die am sandigen Strand der Sankt-Pauls-Bucht wartenden Boote zu steigen.

Wenig später wurden Mustafas Janitscharen gnadenlos ins Meer gedrängt, und die Bucht wurde zum Schauplatz blutiger Kämpfe Mann gegen Mann. Überall im seichten blauen Wasser sah man gekenterte Boote, schaukelnd dahintreibende Leichen, Männer, die mit Streitaxt, Schwert und Krummsäbel aufeinander einhieben. Mustafa Pascha schiffte sich als einer der letzten ein. Es war am Abend des 11. September. Vier Monate waren vergangen, seit Sultan Solimans Truppen gelandet waren. Malta und der Orden vom heiligen Johannes von Jerusalem hatten sich behauptet.

Unbezwingliche Festung

Als die Männer des Entsatzheeres endlich in Birgu einzogen, sahen sie mit Entsetzen, wie teuer die Rettung der Insel erkauft war. Lebenden Leichnamen gleich wankten die Verwundeten und Verstümmelten in den zerschossenen Festungen umher. Das kleine Reich der Ritter lag in Trümmern. An die 250 Johanniter hatten den Tod gefunden, fast alle übrigen waren schwer verwundet oder für den Rest ihres Lebens verkrüppelt. Die spanischen Soldaten, die Söldner und die maltesische Miliz hatten 7.000 Tote zu beklagen. Von den ursprünglich fast 9.000 Mann der Streitmacht des Großmeisters waren nur 600 übriggeblieben, die noch Waffen tragen konnten. Ein paar Wochen nur hätte es noch gedauert, und Malta wäre Mustafa in die Hände gefallen.

Doch die Türken hatten im Verlauf der Belagerung rund 30.000 Mann verloren; höchstens 10.000 sollten Konstantinopel wiedersehen. Schiffe, Reiter und Signalfeuer trugen die Siegesnachricht durch ganz Europa; in Kirchen und Kathedralen läuteten die Glocken. Selbst im antikatholischen England feierte man den Sieg; der Erzbischof von Canterbury ordnete an, sechs Wochen lang dreimal wöchentlich ein besonderes Dankgebet zu sprechen. Malta, dieser „kahle Fels aus Sandstein“, wurde zur „Insel der Helden“ und zum „Bollwerk des Glaubens“. Nie mehr würden die Herrscher Europas seine Bedeutung verkennen.

Tod durch das Beil, das Schwert oder die Richtschnur war keine ungewöhnliche Strafe für Männer, die den Sultan enttäuscht hatten. Aber bis die geschlagene Flotte durch die Ägäis endlich in den Bosporus gelangt war, hatte sich Solimans Zorn gelegt. Er verzieh seinen beiden Befehlshabern. „Ich sehe“, setzte er hinzu, „mein Schwert ist nur in meiner Hand unbesiegbar!“ Doch Soliman war es nicht mehr vergönnt, eine Expedition gegen die Ritter von Malta anzuführen. 1566 starb er, 72 Jahre alt, bei der Belagerung einer Festung in Ungarn. In der wohl ruhmreichsten Periode der ganzen Geschichte des Islams hatte er nur zwei Mißerfolge erlitten. Der eine war sein Scheitern vor den Mauern von Wien im Jahr 1529, der andere – und ungleich folgenschwerere – die Biederlage von Malta.

La Valette, schon zu Lebzeiten eine Legende, starb 1568, drei Jahre nach der Belagerung. Er ruht jetzt in der Krypta der Johannes-Schwesterkathedrale von Valletta, wie die auf der felsigen Halbinsel erbaute Stadt ihm zu Ehren getauft wurde. Auf den Marmorgrabplatten, mit denen der Fußboden des großen Gotteshauses darüber ausgelegt ist, kann man die Wappen und Insignien der Ritter schimmern sehen, die die Festung La Valettes mehr als 200 Jahre lang gehalten haben.

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