Joghurt und die Indoeuropäer

Von Fjordman. Original: Yoghurt and the Indo-Europeans, erschienen am 20. März 2010 im Brussels Journal.
Übersetzung: Lucifex

Mein Essay über Laktosetoleranz und ihre Beziehung zur indoeuropäischen Expansion löste einige Diskussion aus. Wie ich in meiner zuvor erschienenen Geschichte des Biers erwähnte, enthält der proto-indoeuropäische Wortschatz, der von europäischen Wissenschaftlern über Generationen der vergleichenden Linguistik sorgfältig rekonstruiert worden ist, laut den Autoren J. P. Mallory und D. Q. Adams Wörter, die auf eine Ernährung hinweisen, zu der Fleisch, Salz, Milchprodukte und der Konsum alkoholischer Getränke wie Bier, Met und möglicherweise Wein gehörten. Das Wort für „Honig“ ist von besonderem Interesse, da sowohl das chinesische als auch das uralische Wort für “Honig” Lehnwörter aus dem Indoeuropäischen zu sein scheinen. Obwohl Schafe und Ziegen gemolken werden können, legt die Häufigkeit von Begriffen für Milchprodukte im proto-indoeuropäischen Wortschatz die intensivere Nutzung von Rindern für Milch nahe, aber es hat sich bisher als schwierig erwiesen, genau zu bestimmen, wann das Melken in Eurasien begann:

Der Konsum von Milch durch Erwachsene hat auch genetische Implikationen, insofern als viele Menschen nach der Kindheit laktoseintolerant werden, d. h. krank werden, wenn sie Milch konsumieren. Diese Situation ist im Mittelmeerraum besonders verbreitet, während die Laktosetoleranz zunimmt, wenn man nach Norden geht. Die Fähigkeit, Milch zu konsumieren, ist als Selektionsvorteil unter Nordeuropäern betrachtet worden, insofern als sie die notwendigen Mengen von Vitamin D zu ersetzen hilft, das in Regionen mit wenig Sonnenlicht verringert ist. Die Verarbeitung von Milch zu Butter oder Käse verringert die nachteiligen Auswirkungen der Laktoseunverträglichkeit. Die verschiedenen alkoholischen Getränke verdienen ebenfalls eine kurze Behandlung. Das Wort für „Met“ (*médhu) ist phonologisch gut belegt. … Es gibt archäologische Beweise für Met ab dem dritten vorchristlichen Jahrtausend, aber er könnte beträchtlich älter sein. Bier (*helut) ist am frühesten belegt, etwa ab der Mitte des vierten vorchristlichen Jahrtausends (Iran und Ägypten), aber es könnte ebenfalls älter sein. Die Ausbreitung von Trinkbechern, die um 3500 v. Chr. In Mittel- und Osteuropa zu erkennen ist, ist mit der Ausbreitung alkoholischer Getränke und möglicherweise besonderer Trinkkulte in Verbindung gebracht worden.

Das Zeichen * zeigt an, dass dieses Wort nicht direkt in irgendeiner schriftlichen Quelle belegt ist, dass es aber wahrscheinlich ist, dass etwas diesem Wort Ähnliches einst existierte. Für die Sprecher des Proto-Indoeuropäischen war Honig (*medhu) als Quelle von Met wichtig, der ebenfalls *medhu genannt wurde.

Die Skythen waren nomadische Hirten mit Pferden und Kurgangräbern, die nördlich des Schwarzen Meeres in dem lebten, was heute die Ukraine und Südwestrussland ist, ungefähr dieselbe Region, wo die ursprüngliche proto-indoeuropäische Sprache vielleicht hergekommen ist. Sie schufen in der Antike ein mächtiges Reich, das um die Krim zentriert war und die pontisch-kaspische Steppe jahrhundertelang beherrschte, bevor es schließlich in römischer Zeit den verwandten Sarmaten unterlag. Ihre charakteristische Tierkunst beeinflusste verschiedene Völker überall in Eurasien bis nach China. Ihre Sprache gehörte zum indo-iranischen Zweig der indoeuropäischen Familie. Der Autor Max Nelson erläutert in The Barbarian Beverage: A History of Beer in Ancient Europe:

Plato führt die Skythen als sein erstes Beispiel übermäßiger Trinker an, und andere Quellen tun dasselbe. Unseren ersten Verweis auf Völker, die nördlich des Schwarzen Meeres leben (die später als Skythen identifiziert wurden), gibt es bei Homer, der von den Stutenmelkern spricht, die Stutenmilch trinken. In unserem ersten Verweis auf Skythen werden sie Milchtrinker genannt, und viele spätere Autoren belegen sie ebenfalls mit diesem Beinamen. Herodot sagt ebenfalls, dass die Skythen Milchtrinker sind und scheint davon zu sprechen, dass sie vergorene Milch herstellen, indem sie blinde Sklaven die Stutenmilch umrühren und zum Gerinnen bringen lassen. Ein hippokratisches Werk behandelt auch die skythische Praxis des Rührens von Stutenmilch, um Käse, Butter und vermutlich auch ein vergorenes Produkt herzustellen. Herodot sagt weiters, dass die Skythen ein Getränk aus der Frucht des Pontischen Baumes, einer Kirschenart, und Milch herstellen, spezifiziert aber wiederum nicht, ob es berauschend ist oder nicht.

Die Skythen sollen Stutenmilch getrunken haben. Vergorene Stutenmilch bleibt unter Nomaden der eurasischen Steppen beliebt. Die Vergärung zerstört die Laktose. Dies macht das Gebräu für laktoseintolerante Menschen akzeptabel, wozu die Mehrheit der Weltbevölkerung gehört, darunter viele Mongolen. Laktoseintoleranz ist keine Nahrungsmittelallergie und bedeutet nicht, dass jemand Milchprodukte gänzlich aufgeben muss. Manche Käsesorten, insbesondere die harten wie englischer Cheddar, italienischer Parmesan, holländischer Gouda oder Schweizer Käse, haben einen niedrigen Laktosegehalt und sind magenfreundlicher als Milch. Frankreich und Italien haben Hunderte nationaler Käsesorten. Joghurt mit aktiven Kulturen “freundlicher” Bakterien, die Laktaseenzym produzieren, das die Laktose zu verdauen hilft, kann ebenfalls akzeptabel sein, wie auch Butter und Eiscreme in mäßigen Mengen. Milch für den Konsum durch Erwachsene kommt jetzt üblicherweise von der Kuh oder vom Wasserbüffel, aber die Ziege ist in bestimmten Ländern häufig.

Joghurt ist ein fermentiertes Milchprodukt, das mit einer Starterkultur geimpft wird, die verschiedene Bakterienarten enthält, normalerweise Streptococcus thermophilus und Lactobacillus bulgaricus. Der bulgarische Arzt Stamen Grigorov (1878 – 1945) studierte Naturwissenschaften in Montpellier, Frankreich, und Medizin in Genf in der Schweiz. 1905 entdeckte er Lactobacillus bulgaricus. Joghurt ist in Bulgarien mindestens seit den alten Thrakern weitverbreitet konsumiert worden.

Der Mikrobiologe Ilja Iljitsch Mechnikov (1845 – 1916) aus dem Russischen Reich (der Ukraine) studierte in Westeuropa und kehrte 1867 an die neue Universität von Odessa zurück. 1888 gab Louis Pasteur ihm eine Stelle am Pasteur-Institut in Paris. Er war von Grigorovs Entdeckungen fasziniert, nachdem er sich für den Prozess des Alterns interessierte und beobachtet hatte, dass ländliche Bevölkerungen in Bulgarien und den russischen Steppen, die viel durch Milchsäurebakterien fermentierte Milch tranken, besonders langlebig waren. Mechnikov erhielt 1908 den Nobelpreis für Medizin für seine Studien des Immunsystems und der Phagozytose, des Prozesses, bei dem Phagozyten (weiße Blutkörperchen) Teilchen und schädliche Bakterien umschließen und verzehren.

Isaac Carasso (874 – 1939) war ein sephardischer Jude, der in Thessaloniki in Nordgriechenland geboren wurde, wo seine Familie sich vier Jahrhunderte zuvor niedergelassen hatte, nachdem die Juden aus Spanien vertrieben wurden. Er verließ Griechenland während der Balkankriege, um nach Katalonien zu gehen. Nachdem er zuvor auf dem Balkan gelebt hatte, wo Joghurt ein Grundnahrungsmittel war, beschloss er, dieses gesunde Produkt einzuführen, und eröffnete ein kleines Unternehmen namens „Danone“, nach seinem Sohn Daniel Carasso (1905 – 2009), dessen Spitzname auf katalanisch „Danon“ war. Er wusste von wissenschaftlichen Fortschritten, die von Mechnikov am Pasteur-Institut gemacht worden waren. Er perfektionierte den ersten industriellen Herstellungsprozess, indem er traditionelle Methoden mit den reinen Kulturen kombinierte, die in Paris isoliert worden waren. Danone wurde 1919 in Barcelona gegründet und verkaufte ein neues Produkt an lokale Drogerien: Joghurt. Es wurde als traditionelles bulgarisches Präparat beworben, das ein langes und gesundes Leben sicherstellt.

Sein Sohn Daniel erlernte das Familiengeschäft in Spanien und beschloss 1929, Danone in Frankreich zu etablieren. Während des Zweiten Weltkriegs wanderte er in die Vereinigten Staaten ein und gründete das erste amerikanische Joghurtunternehmen. Er führte die Zugabe von Früchten ein, was moderne Konsumenten ansprach und Joghurt „von einem obskuren Ethno-Food zu einem internationalen Standard-Nahrungsmittel machte.“ Joghurt war einem globalen Publikum zuvor nicht weithin bekannt gewesen.

Es ist interessant festzuhalten, dass joghurtartige Produkte in einem Gürtel genossen wurden, der sich von der Schwarzmeerregion und dem Kaukasus bis nach Zentralasien und zum indischen Subkontinent erstreckte. Dieses Gebiet überlappt sich weitgehend mit der geographischen Ausdehnung des indo-iranischen Zweigs des Indoeuropäischen.

Wo Proto-Indoeuropäisch erstmals gesprochen wurde, ist seit mehr als zwei Jahrhunderten debattiert worden, manchmal in politisierter Weise. Obwohl die Frage noch nicht völlig geklärt worden ist, liegt der Fall für Nordosteuropa nun klarer, als er es vor ein paar Generationen war. Ich stimme daher dem Autor David W. Anthony zu, wenn er sagt: „Ich glaube mit vielen anderen, dass das proto-indoeuropäische Heimatland in den Steppen nördlich des Schwarzen und Kaspischen Meeres lag, wo heute die südliche Ukraine und Südrussland liegen. Die Argumente für eine Steppenheimat sind heute stärker als in der Vergangenheit, teilweise aufgrund dramatischer neuer archäologischer Entdeckungen in den Steppen.“

Die frühesten bestätigten Räder von 3500 v. Chr., die wahrscheinlich mit der ersten Expansionsphase des Proto-Indoeuropäischen in Verbindung standen, waren solide Scheibenräder. Die Erfindung der Speiche machte die Räder leichter und den Transport schneller, wobei Speichenräder und Streitwagen um 2200 – 2000 v. Chr. erschienen. Es ist wahrscheinlich, dass Völker der eurasischen Steppen die ersten waren, die das Pferd zähmten, vielleicht als Schlachtvieh, bevor sie herausfanden, dass sie es reiten oder für den Krieg verwenden konnten. Der schnellere pferdegezogene Streitwagen wurde vor 2000 v. Chr. in den westlichen Steppen entwickelt und trug zu einer weiteren Phase der indoeuropäischen Expansion bei, obwohl das Proto-Indoeuropäische selbst als gesprochene Sprache um 2500 v. Chr. fast sicher tot war.

Den verfügbaren Beweisen zufolge sieht es plausibel aus, dass die Sprecher der proto-indoiranischen Sprache nach 2000 v. Chr., unterstützt durch den neuen Streitwagen mit Speichenrädern, vom Ural und aus Südwestrussland in den Iran, nach Zentralasien, Nordindien und ins Tarimbecken zogen und mit der Zeit Sprachen hervorbrachten, die wir als Vedisch, Sanskrit und Altpersisch kennen.

In Indien hat die Sanskrit-Literatur ein sehr breites inhaltliches Spektrum, und zu seinen am weitesten bekannten Werken gehören romantische Komödien, theoretische Linguistik, Ökonomie, Sexologie (das Kamasutra), lyrische Gedichte wie auch Geschichte und Moralfabeln. Es ist eine sehr selbstbewusste literarische Tradition, aber ob Indien die gesamte indoeuropäische Sprachfamilie hervorbrachte, ist höchst fraglich. Wie Nicholas Ostler in seinem interessanten A Language History of the World schreibt:

Ein Dialekt des Indo-Iranischen, hört man von ihr erstmals im nordwestlichen Grenzgebiet des Swat und des nördlichen Pandschab (jetzt in Pakistan), gesprochen von Völkern, die offenkundig von weiter nördlich oder westlich gekommen sind, und die sich gern arya nennen (später ein gebräuchliches Wort für „Gentleman“ und immer das Lieblingswort der Buddhisten für schieren Geistesadel). Irgendwie verbreiteten sich ihre Nachfahren und noch mehr ihre Sprache hinab über die weite Indus-Ganges-Ebene sowie hinauf in die südlichen Berge des Himalaya („Wohnsitz des Schnees“), sodass die Sprache ab dem Beginn des fünften vorchristlichen Jahrhunderts in einem Gebiet gesprochen wurde, das sich ostwärts bis nach Bihar erstreckte und südwärts vielleicht bis zum [Fluss] Narmada. Die Sanskrit-Literatur aus dieser Zeit, hauptsächlich die epischen Gedichte Mahabharata („Großer Bharata“) und Ramayana („Das Kommen des Rama“), ist voll von militärischen Taten und Eroberungen. Das Ergebnis war die heutige Situation, ein nordindisches Kernland, das sich von einem Meer zum anderen erstreckte, mit Sprachen, die mehr oder weniger eng mit dem Sanskrit verwandt waren.

Die ersten brauchbaren von Pferden gezogenen Streitwagen mit Speichenrädern sind aus den Gräbern der Andronovo-Kultur im südwestlichen Russland bezeugt, die eine hochentwickelte Bronzemetallurgie praktizierte und diese nach Osten über die Steppen verbreitete. Es wird oft angenommen, auch wenn es nicht bewiesen ist, dass sie eine indoiranische Sprache sprachen. Die ersten chinesischen Wörter für Pferde und Streitwagen (und ein paar andere Begriffe) waren indoeuropäische Lehnwörter. Töpferwaren vom Andronovo-Typ sind in Xinjiang im westlichen China gefunden worden. Die erste bekannte Grabstätte mit Streitwagen in der Shang-Dynastie stammt von ungefähr 1200 v. Chr. Am entgegengesetzten Ende von Eurasien ist in einen Stein von ca. 1300 v. Chr. in Bredarör in Schweden ein Bild eines Streitwagens mit vierspeichigen Rädern eingemeißelt, der von zwei Pferden gezogen wird.

Es gibt umfangreiche Beweise für die Anerkennung der Sonne als Gottheit unter vielen indoeuropäischen Völkern. Es gibt viele Beweise dafür, sowohl literarische als auch ikonographische, dass die kreisförmige Sonne mit einem Rad assoziiert wurde, oder dass der Sonnengott einen Streitwagen mit Rädern hat, der von einem Pferd gezogen wird. Ein weitverbreitetes Motiv im eisenzeitlichen Europa war das Hakenkreuz, ein gleichseitiges Kreuz mit in dieselbe Rotationsrichtung geknickten Armen. Dies ist ein altes und ursprünglich positives religiöses Symbol, das lange vor 1000 v. Chr. in Gebrauch war. Es scheint eine Variante des Speichenrades zu sein, da es klar eine Rotationsbewegung andeutet. Seine solare Bedeutung wird oft aus dem Kontext ersichtlich.

Die Details dessen, welche Kultur sich wohin ausbreitete und welche Sprache genau sie sprach, werden von Wissenschaftlern immer noch debattiert, aber die Auswirkungen sind eindeutig. Zwischen 1800 und 1200 v. Chr. konnte man die Benutzung pferdegezogener Streitwagen auf fast der gesamten Landmasse Eurasiens finden, von den Grenzen der Shang-Dynastie über Ägypten, Kreta und Anatolien bis Nordeuropa. Dies entspricht der Zeit der alten Vedas und dem Aufkommen des vedischen Sanksrit in Indien. Indoeuropäische Sprachen sprechende Völker spielten eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von Radfahrzeugen.

Die Ausbreitung der Metallurgie und metallener Waffen und Werkzeuge nach Osten in Eurasien während des zweiten vorchristlichen Jahrtausends ist sicher und von chinesischen Spezialisten bestätigt. Diese äußere Stimulierung der bereits entstehenden chinesischen Zivilisation verbreitete sich über die westliche Xinjiang-Region, die physisch zu den Steppen gehört, bis ins Tal des Gelben Flusses. Seidengewebe wurde in China sehr früh entwickelt, wahrscheinlich in prähistorischer Zeit. Es gibt eine bis jetzt unbestätigte Behauptung, dass Spuren chinesischer Seide an einer ägyptischen Mumie vom Ende der Zeit des Neuen Königreichs ca. 1070 v. Chr. gefunden worden sind. Ob das nun stimmt oder nicht, es kann wenig Zweifel geben, dass es mehr als tausend Jahre vor dem, was oft als der Beginn der Seidenstraße betrachtet wird, Kontakte quer durch Eurasien gab. Laut David W. Anthony in The Horse, the Wheel, and Language:

Die eurasische Steppe wird oft als entlegener und karger Ort betrachtet, arm an Ressourcen und fern von den Zentren der zivilisierten Welt. Aber während der späten Bronzezeit wurden die Steppen zu einer Brücke zwischen den Zivilisationen, die sich an den Rändern des Kontinents in Griechenland, im Nahen Osten, im Iran, auf dem indischen Subkontinent und in China entwickelten. Streitwagentechnologie, Pferde und das Reiten von Pferden, Bronzemetallurgie und eine strategische Lage gaben Steppengesellschaften eine Bedeutung, die sie nie zuvor besessen hatten… Der Weg von den Steppen nach China führte durch das östliche Ende des Tarimbeckens, wo Friedhöfe am Rande der Wüste die ausgetrockneten Mumien braunhaariger, weißhäutiger, Wolle webender Menschen bewahrten, die auf bis zu 1800 v. Chr. datiert werden. In Gansu, an der Grenze zwischen China und dem Tarimbecken, übernahm die Quija-Kultur zwischen etwa 2000 bis 1600 v. Chr. Pferde, trompetenförmige Ohrringe, einschneidige Messer mit gegossenen bronzenen Ringknäufen und Äxten im Stil der Steppe. Um die Zeit, in der die ersten chinesischen Staaten entstanden, ab etwa 1800 v. Chr. tauschte sie Innovationen mit dem Westen aus.

Eine Anzahl bemerkenswert gut erhaltener Mumien aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend ist im trockenen Tarimbecken Zentralasiens geborgen worden, das von der Wüste Taklamakan dominiert wird und dort liegt, wo heute das westlichste China ist. Mehrere der Leichen haben  europäische Gesichtszüge und rotblondes oder kupferfarbenes Haar. Die ältesten Mumien, wie die Schönheit von Loulan, gehen auf eine Zeit bis zu 1800 v. Chr. zurück. „Ab ungefähr 1800 v. Chr. waren die frühesten Mumien im Tarimbecken ausschließlich kaukasoid oder europid”, sagt Professor Victor Mair von der Pennsylvania University. Die Textilexpertin Elizabeth Wayland Barber meint, dass ihre Stoffe bis zum Kaukasus und dem Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres in Osteuropa zurückverfolgt werden können. DNS-Proben haben die nordwest-eurasische Herkunft vieler der Mumien in dieser Region bestätigt.

Schönheit von Loulan

Rekonstruktion der „Schönheit von Loulan“

Indra, der vedische Gott des Donners, wird im Rigveda mit rotblondem oder kupferfarbenem Haar und Bart beschrieben, ähnlich seinen slawischen und germanischen Gegenstücken in Europa. Er war ein herausragender Trinker von soma, einem rituellen, berauschenden Getränk, das wahrscheinlich dem Met ähnlich war. Indra spielt auch eine Rolle in der Mythologie der Jaina und Buddhisten Indiens, aber in brahmanischen Zeiten verlor er langsam seine Erhabenheit und wurde durch Wischnu und Schiwa als wichtigsten Göttern verdrängt.

Es gibt mindestens einen proto-indoeuropäischen Gott, dessen Namen wir über ein weites Gebiet nachverfolgen können, das sich von Indien bis Italien erstreckt. Sein Name ist als *D(i)yēus rekonstruiert worden. Er entstand als eines aus einer Anzahl von Wörtern, die auf der Wurzelbedeutung „Licht abgeben” aufbauen und befindet sich in der semantischen Sphäre von „Helligkeit des Himmels“ oder „Tageslicht“. Diese hatte eine adjektivische Form *deivo, „himmlisch”, was ein gebräuchlicher Begriff für „Gott” war und von dem sich das moderne englische Wort „deity” („Gottheit”) ableitet. Der griechische Zeus war der König der Götter und die höchste Macht der Welt, aber es gibt wenig Grund zu glauben, dass der proto-indoeuropäische Dyeus solch eine Bedeutung hatte. Er war der Vater der Götter, aber nicht ihr Herrscher. In der Welt des Rigveda hat Diyeus keine Prominenz und ist nicht einmal der hauptsächliche Sturmgott. Das ist Indra.

In vielen Teilen der indoeuropäischsprachigen Welt begegnen wir einem speziellen Sturmgott, der nicht mit dem Himmelsgott identifiziert wird, wie Zeus in Griechenland und Jupiter in Rom. Der hethitische und luwische Tarhun, der indische Indra, der slawische Perun, der baltische Perkūnas, der germanische Thor und der keltische Taranis. Dies stellte wahrscheinlich die ursprüngliche Situation in der proto-indoeuropäischen Religion dar. Inschriften aus Bulgarien bezeugen einen Heldenkult eines Perkos, wahrscheinlich einer altthrakischen Gottheit irgendeiner Art. Perkūnas ist die litauische Form des Namens. Die lettische ist Pērkons und die altpreußische Perkūnis. Aus mittelalterlicher Zeit gibt es im Ostseeraum Aufzeichnungen von Menschen, die einen Donnergott verehren und ihm Opfer bringen, um Regen zu bekommen.

Die baltischen Länder wurden relativ spät zum Christentum bekehrt; Lettland im dreizehnten Jahrhundert und Litauen im fünfzehnten, und dann nur oberflächlich. Heidnische Kultpraktiken bestanden dort bis in die frühe Neuzeit fort. Als Folge davon gibt es bis zur christlichen Zeit keine schriftliche einheimische Literatur, aber die heidnischen Götter und Mythologie blieben bis in sehr späte Zeit im Volksbewusstsein lebendig. Sie hinterließen viele Spuren in baltischen Liedern, Balladen und Volksmärchen. Die Slawen wurden viel früher bekehrt, im neunten und zehnten Jahrhundert.

In Finnland wird der Name Perkele, des Donnergottes in der finnischen Mythologie, als Lehnwort aus dem Indoeuropäischen betrachtet. (Finnisch gehört zur kleineren uralischen Sprachfamilie.) Mit der Ankunft des Christentums wurde er mit dem Teufel identifiziert und wurde zu einem allgemein üblichen Schimpfwort. Der Autor M. L. West führt im Buch Indo-European Poetry and Myth aus:

In slawischen Ländern wurde der Donnergott Perun genannt, auf Altpreußich Perunu, auf Weißrussisch Piarun, auf Slowakisch Parom. Das Wort bedeutete auch „Blitzstrahl“ und in dieser Verwendung überlebt es in den modernen Sprachen: russisch peruny (Plural), polnisch piorun, tschechisch peraun. Es gibt russische, ukrainische und slowenische Verwünschungen entsprechend den litauischen, in denen Perkunas vorkommt: „möge Perun (oder Peruns Blitzstrahl) dich töten (oder holen)”. Die Bedeutung des Gottes im Kiew und Nowgorod des zehnten Jahrhunderts wird durch eine Reihe von Dokumenten bestätigt, und bereits im sechsten Jahrhundert erwähnt ein byzantinischer Historiker die Verehrung der Slawen für den „Blitzmacher“, der als derjenige betrachtet wurde, der über alles bestimmt. Er ist im Charakter dem Perkunas ähnlich. Er hat einen lohfarbenen Bart. Er befindet sich hoch oben, auf einem Berg oder im Himmel, und schickt seine Axt oder seinen Pfeil auf sein Opfer herab. Er hat eine enge Verbindung zur Eiche: er lässt in sie einschlagen, er setzt sie in Brand, und es gibt heilige Bäume, die „Peruns Eiche“ genannt werden.

In der keltischen Religion waren Bäume geheiligte Objekte, und die Eiche genoss eine besondere Prominenz. Der Name „Druide“ für Mitglieder der gelehrten Priesterklasse unter den Kelten bedeutete „Eichenkenner”. Die Eiche wird in der slawischen Mythologie oft mit dem Weltbaum in Verbindung gebracht, wohingegen Yggdrasil, der Weltbaum, der das Universum in der nordischen Mythologie trägt, üblicherweise als gigantische Esche identifiziert wird. Die Eiche war in der altgriechischen Mythologie der heilige Baum des Zeus.

723 n. Chr. fällte der heilige Bonifazius (ca. 675 – 754), ein englischer christlicher Missionar, Thors Eiche in Nordhessen in Deutschland, eine geheiligte Eiche, die mit dem Donnergott Thor in Verbindung gebracht wurde und auch als Versammlungsort der Gemeinschaft diente. Diese Handlung wird manchmal als Beginn der Christianisierung der germanischen Völker betrachtet. Es gab auch einen heiligen Baum am nordisch-heidnischen Tempel in Uppsala in Schweden, der in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts vom deutschen mittelalterlichen Chronisten Adam von Bremen erwähnt wird. Dieses bedeutende Zentrum polytheistischer kultischer Verehrung wurde danach in ein bedeutendes Zentrum christlicher Gottesverehrung umgewandelt, zum Sitz des schwedischen Erzbischofs und von Skandinaviens ältester Universität.

Die Stadt Tórshavn („Thors Hafen“) auf den regnerischen, aber malerischen Färöer-Inseln im Nordatlantik hat historische Verbindungen zum skandinavischen Festland, zu Island, den Shetland-Inseln, den Orkneys und den Äußeren Hebriden. Thor war eine sehr populäre Gottheit, deren Name immer noch in Namen von Skandinaviern der christlichen Zeit verwendet wird. Seine Verbindung zu Bäumen zeigt sich in vielen nordeuropäischen Ortsnamen. Ein Eichenwald wurde ihm bei Dublin in Irland gewidmet, das im neunten nachchristlichen Jahrhundert von skandinavischen Wikingern gegründet wurde.

Seine Waffe ist sein großer Hammer Mjölnir („der Zerschmetterer“), den er gegen seine Opfer schleudert, üblicherweise Kreaturen außerhalb der Menschenwelt, wie Riesen. Er ist rothaarig und für seinen kupferfarbenen Bart bekannt, den er schüttelt, wenn er zornig wird. Er ist ein mächtiger Esser und Trinker. Thors Merkmale sind charakteristisch für die indoeuropäischen Sturmgötter. Er fährt in einem Streitwagen, der von zwei Ziegen gezogen wird, und der Donner ist das Rumpeln seines Fahrzeugs. Der Donnergott führt seine eigene Waffe, üblicherweise eine Keule oder ein Hammer. Indras Waffe heißt „der Zerschmetterer“.

Ragnarök („Untergang der Götter“ oder „Gericht der Mächte“), das Ende der Welt, wie wir sie kennen, wird den Tod des Hauptgottes Odin und seines Sohnes Thor bedeuten. Dies wird im isländischen Gedicht Völuspá („Prophezeiung der Seherin [Völva]“) beschrieben, dem ersten Gedicht der Liederedda und eine unserer wichtigsten Quellen für das Verständnis der altnordischen Mythologie. Odin wird sein Ende gegen den riesigen Wolf Fenrir finden. Thor wird gegen Jörmungandr kämpfen, die riesige Seeschlange, bekannt als Midgardschlange, die sich in den Schwanz beißt und die Menschenwelt (Midgard) umschließt. Thor wird sie bezwingen, aber nach neun Schritten wird er von ihrem Gift tot umfallen. Nach dieser Zerstörung wird eine neue Welt aus dem Meer aufsteigen. Einige der Götter werden überleben, wie auch zwei Menschen, die dann die Erde wieder bevölkern werden.

jormungandr

Jörmungandr, die Midgardschlange

Das Töten eines Drachen oder einer Riesenschlange scheint ein gemeinsamer indoeuropäischer Mythos zu sein. Es ist behauptet worden, dass Elemente dieses uralten Mythos zu der mittelalterlichen Geschichte vom heiligen Georg, dem Drachentöter, christianisiert worden sein könnten. Im alten Griechenland wurde das Wort drakon für jede große Schlange verwendet. Während europäische Drachen üblicherweise als bösartig betrachtet worden sind, mit einigen Ausnahmen, wo sie positivere Rollen spielen, sind sie in asiatischen Kulturen verehrt und mit Weisheit in Verbindung gebracht worden. Drachenfiguren sind ein häufiger Anblick bei chinesischen Festen.

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Siehe von Fjordman auch Haben prähistorische Europäer Fahrzeuge mit Rädern erfunden? und Vorbereitung auf Ragnarök. Die „Schönheit von Loulan“ aus dem Volk der Tocharer kommt auch in diesem Artikel vor (hier Teil 2 dazu).

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