Warum wir es wagen sollten, über ein ENDE des Euro zumindest einmal nachzudenken

Von Olaf L. Müller, aus GEO 6-2012 (hier veröffentlicht anlässlich der aktuellen Zypernkrise; siehe zum Beispiel diesen Artikel ).

Bloß nicht daran denken! Wenn der Euro zerbricht, ist die europäische Versöhnung bedroht, am Ende steht gar der Frieden auf dem Spiel. Mit solchen Ängsten wird uns ein Tabu aufgezwungen, zumal in Deutschland. Wir müssen den Euro um jeden Preis retten, heißt es. Um jeden Preis? Bedenken Sie, was das bedeuten könnte…

Es ist nicht zu bestreiten: Verschwände der Euro unkontrolliert, bräche Chaos aus. Doch daraus ergibt sich nur, dass wir uns fragen sollten: Wie wäre ein kontrollierter Ausstieg zu organisieren? Außerhalb der Eurozone wird diese Frage längst gestellt, etwa in England von dem Oberhausmitglied Simon Wolfson. Im Verein mit der Denkfabrik Policy Exchange hat er einen Preis von 250.000 Pfund für das beste Ausstiegs-Szenario ausgelobt. Eine Jury aus namhaften Ökonomen hat nun die fünf Vorschläge bekannt gemacht, die noch im Rennen sind. Sie stammen alle aus England und den USA. Grob lassen sich zwei Denkschulen ausmachen: Die Geheimniskrämer schlagen einen Überraschungscoup vor, ihre Gegner liefern die Chronik eines angekündigten Ausstiegs.

Bei den Geheimniskrämern soll der Ausstieg planvoll plötzlich kommen. Nach ihrem Szenario soll am Tag X ein sofortiges Ende des Euro ausgerufen werden, entweder in einigen Euroländern oder in allen. Um den Schock abzufedern, so die Idee, müßten die Banken für ein paar Tage schließen. Und danach die alten nationalen Zentralbanken ihre Arbeit wieder aufnehmen; es gibt sie noch, mit erstaunlich viel Personal.

Bankkonten würden abrupt auf die neue lokale Währung umgestellt. Wer Euro-Guthaben hätte, fände auf seinem Konto nun neue Drachmen oder die neue Deutsche Mark, je nachdem. Zu welchem Kurs umgerechnet würde, wäre eine Frage der Konvention; man könnte bequemerweise mit einem Kurs von 1:1 umrechnen – bevor die Wechselkurse freigegeben würden. Die neue Drachme dürfte ab-, die neue D-Mark aufwerten.

Was aber würde aus dem alten Bargeld? Hier scheiden sich die Geister der Geheimniskrämer. Die einen empfehlen, alte Euroscheine flugs mit nationalen Stempeln zu markieren; die anderen möchten alte Scheine sofort einziehen und für einige Zeit alle Transaktionen bargeldlos abwickeln lassen. Was solange aus Brötchenkäufern, Kleinhändlern und Bettlern würde, wäre demzufolge Nebensache. Denn es gäbe Schlimmeres zu verhüten: Um der Abwertung ihrer neuen Währung zu entrinnen, würden nämlich etwa die Griechen kofferweise Euroscheine nach Frankfurt schleppen; ihr Inhalt könnte auf Konten deutscher Mittelsmänner deponiert werden und verwandelte sich dort in harte Guthaben. Damit wäre die ganze Übung für die Katz gewesen. Also müssten die Grenzen kontrolliert werden: Lastwagen für Lastwagen, Bananenkiste für Bananenkiste, Koffer für Koffer, Butterbrot für Butterbrot (vor allem unter der Butter). Leicht vorauszusagen, dass dabei jeder Warenverkehr zusammenbräche.

Um das zu vermeiden, stützt sich ein Vorschlag aus der Partei der Geheimniskrämer auf eine Tatsache, die kaum bekannt ist. Wussten Sie, dass Banknoten in allen Euroländern gedruckt werden, und dass man ihre Herkunft an den Seriennummern ablesen kann? Auf deutschen Euros beginnt die Nummer mit einem X, auf französischen mit U, auf griechischen mit Y. Auf diese Unterschiede stützt sich der Vorschlag des britischen Währungsspezialisten Neil Record: In Deutschland gedruckte Euros verwandelten sich demnach ausschließlich in neue Deutsche Mark – ihre griechischen Y-Zwillinge in neue Drachmen, sie wären also schlagartig weniger wert. Eine lustige Lotterie! Wer gerade aus Athen zurückkehren würde, hätte schlechte Karten; schlimm für Rucksacktouristen, Peanuts für Banker. Sicher nicht nach jedermanns Geschmack, obschon vielleicht besser als wochenlange Filzerei an den Grenzen.

Jetzt wird klar, warum derartige Vorschläge vor ihrer Inkraftsetzung nicht bekannt werden dürften. Denn wer im Voraus wüsste, worauf es am Todestag des Euro ankommt, der würde sich kein U für ein X vormachen lassen. Und X-Scheine horten. Weil sich das herumsprechen würde, könnte der Plan nur funktionieren, wenn er bis zur letzten Sekunde geheim bliebe. Wer die Idee also torpedieren wollte, müßte nur laut für sie trommeln, und zack! wäre sie tot.

Einer Demokratie steht Geheimniskrämerei ohnehin nicht gut an. Bei wichtigen Fragen wie einer Währungsumstellung wollen Bürger mitdenken, mitentscheiden. Vorschläge, die durch öffentliche Diskussion automatisch zertrümmert würden, passen in geschlossene Gesellschaften; zu Europa passen sie nicht. Und die Pläne der Geheimniskrämer haben einen weiteren Nachteil. Jede plötzliche gravierende Umstellung im Wirtschaftsleben würde Pechvögel auf falschem Fuß erwischen, ja in den Ruin treiben. Ein deutscher Exporteur lieferte etwa kurz vor dem Ereignis Ware nach Athen – und plötzlich hätte er Schulden in D-Mark und Guthaben in Drachmen. Unsichere Aussichten.

Löblicherweise kommen zwei Vorschläge zur Euro-Abschaffung ohne Geheimniskrämerei und jähe Schocks aus. Der attraktivste stammt von der einzigen Frau, die noch im Rennen ist. Die Privatinvestorin Catherine Dobbs klopft in ihrem Plan ein bemerkenswertes Prinzip fest: Ehemalige Euros müßten demnach überall exakt gleich behandelt werden – einerlei, mit welchem Buchstaben ihre Seriennummer anfinge, wo sie sich befänden, ob sie auf Bankkonten oder in Schuldbüchern stünden, in Verträgen oder Wertpapieren. Nur so könnte vermieden werden, daß die Schnellsten, Schlauesten und Reichsten ihre Vermögen in Sicherheit bringen könnten. Und alle anderen nicht.

Catherine Dobbs’ Idee ist einfach: Nehmen wir an, dass die Eurozone in eine Nordzone mit harter und eine Südzone mit weicher Währung zu teilen wäre und dass der Norden doppelt so viel Bruttosozialprodukt erwirtschaftet wie der Süden. Dann verwandelten sich an einem lange vorab verkündeten Stichtag alle alten Euros in einen gemischten Währungskorb mit zwei Dritteln Nord-Euros und einem Drittel Süd-Euros darin. Die alten Hunderter wären Nord-Süd-Zwitter und könnten in die neuen Zahlungsmittel umgetauscht werden: in 67 Nord- und 33 Süd-Euros. Und aus jedem alten Euro-Konto würden zwei: ein Nord- und ein Südkonto. Ob diese im Soll oder im Haben stünden, wäre für die Umstellung gleichgültig.

Das Mischungsverhältnis würde ein für alle Mal festgeklopft und weit im Voraus angekündigt. Vom Todestag des Gesamt-Euro an würden die Wechselkurse zwischen Nord- und Süd-Euros frei pendeln. Darauf könnte sich jeder vorbereiten. Monate vorher würden die Terminbörsen Kurssignale senden. Umtauschrisiken ließen sich absichern – hier könnten sich mal die Investmentbanker nützlich machen.

Der Vorschlag ließe sich noch verfeinern. Vielleicht soll die Eurozone nicht in zwei Bereiche aufgeteilt werden, sondern in 17. Damit wäre der Zustand vor dem Euro wiederhergestellt. Erinnern Sie sich? Hinter den Kulisse gab es damals eine Währung namens ECU. Das war ein Währungskorb, in dem die nationalen Vorgängerwährungen des Euro steckten, gewichtet nach gewissen ökonomischen Kennziffern. Und so, wie die nationalen Währungen damals in ECUs und Euros hineingesteckt wurden, so könnten sie jetzt wieder daraus hervorgeholt werden.

Auch wenn dieser plausibelste der fünf Vorschläge umgesetzt werden sollte: Ein Spaziergang wäre die Abschaffung des Euro nicht. Doch wäre sie undenkbar? Denkverbote lösen Angst aus; und Angst ist ein schlechter Ratgeber. Wenn wir dagegen jetzt schon wüßten, wie die Umstellung im Fall der Fälle organisiert sein würde, könnte das Vertrauen in den Euro sogar steigen. Catherine Dobbs sieht es genauso: Die schiere Existenz ihres Plans könnte den besten Grund dafür liefern, daß er niemals angewandt wird.

Olaf L. Müller studierte Mathematik, Philosophie, Informatik und VWL in Göttingen. Seit 2003 ist er Philosophieprofessor an der Humboldt-Universität Berlin

°   °   °   °   °

(Siehe auch Autoaufkleber sagen Eurokraten, sie sollen sich aufhängen)

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2 Kommentare

  1. Lucifex

     /  März 17, 2013

    Zu diesem Artikel von Olaf Müller fallen mir folgende Punkte ein:

    Erstens können wir uns denken, dass im Falle eines „Geheimniskrämer“-Szenarios die Eurokraten und ihre globalistischen Freunde auf jeden Fall rechtzeitig vorher Bescheid wüssten und die Mittel hätten, um ihr Geld in Sicherheit zu bingen; diese Gruppe würde zu den „Schnellsten, Schlauesten und Reichsten“ gehören, die auf Kosten aller anderen von so einer Umstellung per Überraschungscoup profitieren würden.

    Zweitens hätte selbst der „schonende“ Plan von Catherine Dobbs unerfreuliche Konsequenzen für jeden von uns: Ein Drittel unseres gesamten Bargeldes und unserer Bankguthaben würde auf den Wert des neuen Süd-Euros abstürzen, was leicht darauf hinauslaufen könnte, dass wir ein Viertel unserer Ersparnisse verlieren. Außerdem würde die Aufteilung jedes einzelnen Spar-, Giro- und Kreditkontos in Nord- und Süd-Euro-Konten wohl enorme Kosten verursachen, und diese Kosten werden bestimmt nicht die Banken schlucken.

    Drittens ist es schon wieder auffallend, wie die Eurokraten und Globalisten ungeniert über Maßnahmen nachdenken, die in das Eigentum von Hunderten Millionen Europäern eingreifen würden, eventuell sogar überfallsartig, ohne Rücksichtnahme auf bestehende Gesetze, Verfassungen, Verträge oder gesetzliche Fristen. Genauso wie beim ESM und den zuvor schon gesetzten, klar widerrechtlichen, aber „alternativlosen“ Euro-Rettungsmaßnahmen. Die setzen sich über all das hinweg, einfach weil sie die Macht haben, damit durchzukommen, ohne dass es Konsequenzen für sie hat.

    Antworten
  2. Lucifex

     /  März 17, 2013

    Siehe übrigens auch den Artikel Spanien muss Bürger teilenteignen von Eric Frey im „Standard“:

    Die größte Bombe innerhalb der Eurozone droht in diesen Tagen zu explodieren: Spanien muss mehr als 20 Milliarden Euro in seinen maroden Bankensektor stecken, damit dieser nicht zusammenbricht – und wahrscheinlich noch viel mehr. Die Renditen auf seine Staatsanleihen – ebenso wie auf die italienischen – sind am Mittwoch in die Höhe geschossen.

    [….]

    Rajoys Versuch, die Rekapitalisierung von Bankia über die Europäische Zentralbank (EZB) zu finanzieren, wurde von der EZB abgelehnt. Spanien muss sich das Geld vom internationalen Kapitalmarkt ausleihen. Doch dort sind Investoren nicht einmal mehr bereit, die bestehenden Schulden und die von der Rezession verursachten Defizite zu vernünftigen Zinsen zu decken.
    Was bleibt der spanischen Regierung übrig, außer den Staatsbankrott zu erklären, der wohl die ganze Eurozone zerstören würde?
    Spanien muss sich das Geld für die Bankenrettung von seinen Bürgern holen – und das auf eine Weise, die nicht die ohnehin schon schwache Konjunktur weiter belasten würde. Das heißt, es darf nicht das Einkommen, sondern muss das Geldvermögen der Bürger anzapfen.
    Davon ist in Spanien ausreichend vorhanden. Laut dem Allianz Global Wealth Report waren es 2010 1,77 Billionen Euro, die Hälfte mehr als das Bruttoinlandsprodukt. Dieses Vermögen mag in den vergangenen beiden Jahren ein wenig geschrumpft sein, aber die Beträge sind immer noch groß genug. Und Immobilienbesitz und andere Sachwerte sind hier noch gar nicht enthalten.
    Dieses Geld gehört an sich den Bürgern. Aber in einem nationalen Notstand hat ein Staat das Recht, einen Teil des privaten Vermögens zu konfiszieren.

    So? Hat er? Würde die spanische Regierung damit nicht gegen die „Europäische Menschenrechtskonvention“ verstoßen, die klar vorsieht, dass Enteignungen grundsätzlich unzulässig sind und nur ausnahmsweise, zum allgemeinen Wohl und gegen Entschädigung zulässig sind? Weiter im Artikel:

    Wenn Staaten eigene Notenbanken haben, können sie Geld drucken und sich über eine höhere Inflation entschulden. Spanien hat auf diese Option durch seinen Beitritt zum Euro verzichtet.
    Aber die Regierung hat immer noch die Steuerhoheit und könnte etwa eine Vermögenssteuer einführen, die wesentlich höher sein müsste als jene, die im Vorjahr von der sozialistischen Vorgängerregierung wiederhergestellt worden ist.
    Oder sie greift zum Mittel einer Zwangsanleihe, durch die das Geld nominal im Eigentum der Bürger bleiben würde, aber dennoch die Finanznot des Staates lindern würde.
    Bürger könnten auch dazu verpflichtet werden, Kapitalanteile an den Banken zu erwerben und so für deren Rekapitalisierung zu sorgen. Die Rückzahlung dieser Finanzspritzen könnte von einer zukünftigen wirtschaftlichen Gesundung abhängig gemacht werden.
    Dieser Zugriff auf Vermögen kann nicht auf die Reichen beschränkt sein, sondern muss auch den Mittelstand erfassen. Dass dabei soziale Ungerechtigkeiten auftreten werden, ist unvermeidlich. Aber die Folgen eines Finanzkollapses wären schlimmer.

    Der letzte Absatz oben sollte Illusionen platzen lassen, dass es „eh nur die Reichen treffen“ wird. Auch der Mittelstand kommt dran (was dieser linke Schreiberling offenbar gut und richtig findet, wie überhaupt die gesamte angedachte Vorgangsweise!), und wenn sich herausstellt, dass auch das nicht reicht, wird man auch die Arbeiterschicht zu schröpfen beginnen. Und Hoffnungen auf eine Rückzahlung dieser praktisch wertlosen Zwangs-„Anleihen“ werden die Betroffenen vergessen können. Eric Frey weiter:

    Konfiszierung von privatem Vermögen klingt sozialistischer, als es ist. Im Kriegsfall muss der Staat auch Zugriff auf das Vermögen der privaten Haushalte haben, und Spanien befindet sich einer einem Krieg vergleichbaren Notlage.

    Damit ist die totalitäre Katze aus dem Sack. Wer da noch geglaubt haben mag, dass Dinge wie entschädigungslose Enteignungen im heutigen, angeblich „rechtsstaatlichen“ Europa nicht mehr möglich seien, wird sich jetzt eines Besseren (eigentlich: Schlechteren) belehrt sehen. In naher Zukunft wird nichts mehr sicher sein, worauf die verfluchten Unrechtsregime der EU-Staaten Zugriff haben.

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