Europäer: Mit Vorurteilen gegen unsere eigenen Vorfahren

Von Fjordman. Original: Europeans: With Prejudice Against Our Own Ancestors, erschienen am 1. September 2008 auf EuropeNews.
Übersetzung: Lucifex

Menschen europäischer Herkunft wird ständig vorgeworfen, Vorurteile gegen Menschen anderer Kulturen zu hegen. Aber je mehr ich über europäische Geschichte lese, desto mehr glaube ich, dass manche der schlimmsten Vorurteile in Wirklichkeit gegen unsere eigenen Vorfahren gerichtet sind, besonders jene des Mittelalters.

Buchstäblich jeder junge Westler, den Sie fragen, wird antworten, dass die Moslems, die Chinesen… (füllen Sie die Leerstellen aus) im Mittelalter weit höher entwickelt waren als die rückständigen Europäer. Dies trifft in manchen Fällen zu, aber nicht in anderen.

In seinem interessanten Buch Technology in World Civilization behauptet Arnold Pacey, dass die Song-Dynastie „eine für die chinesische Technologie besonders kreative Periode war. Im Jahr 1100 war China unzweifelhaft die technisch ‚fortgeschrittenste’ Region der Welt, besonders hinsichtlich der Verwendung von Koks für die Eisenverhüttung, den Transport auf Kanälen und landwirtschaftlicher Geräte. Die Brückenkonstruktion und Textilmaschinen hatten sich ebenfalls schnell entwickelt. In all diesen Bereichen waren im China des elften Jahrhunderts Techniken in Gebrauch, die bis um 1700 keine Parallele in Europa hatten.“

Tatsächlich war die Song-Dynastie (960 – 1279) eine der dynamischsten Perioden in der chinesischen Geschichte, und China hat vielleicht niemals eine größere globale technologische Führung genossen als im elften Jahrhundert. Pacey gibt jedoch zu, dass diese technologische Führung in späteren Jahrhunderten weniger ausgeprägt wurde. Nach dem sechzehnten Jahrhundert

waren die bedeutsamsten Entwicklungen in Asien die technischen Bücher, die während des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts in Japan veröffentlicht wurden, eine Handvoll chinesischer wissenschaftlicher Arbeiten und sehr vereinzelte Episoden in Indien wie die Verwendung von Modellen beim Entwurf des Tadsch Mahal in Indien in den 1630ern und die systematische Verwendung maßstäblicher Zeichnungen durch manche Schiffbauer um das Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Aber solche Beispiele waren wenig und isoliert. Das große Übergewicht neuen technologischen Potentials, das durch die gesteigerte Fähigkeit zur Konzeptualisierung technischer Probleme erzeugt wurde, erwuchs im Westen.

China war in angewandter Technologie immer bedeutend besser als in den theoretischen Wissenschaften. Und nein, Wissenschaft und Technologie verschmolzen erst im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, und dann nur in Europa. Laut Toby E. Huff in seinem exzellenten Buch The Rise of Early Modern Science blieben die Chinesen, wenn man als die Hauptbereiche wissenschaftlicher Forschung Astronomie, Physik, Optik und Mathematik betrachtet, nicht nur hinter den Europäern zurück, sondern ab dem elften Jahrhundert, wenn nicht früher, auch hinter den Moslems.

Selbst Joseph Needham kam in seinem monumentalen Science and Civilization in China zu dem Schluss: „Die Chinesen hatten auf diesem Gebiet sehr wenig systematisches Denken.“ Während man “chinesisches physikalisches Denken” finden kann, kann man “kaum von einer entwickelten Wissenschaft der Physik sprechen.”

Viele Westler sind bis zum heutigen Tag davon überzeugt, dass die mittelalterlichen Europäer dachten, die Erde sei flach. Das glaubten sie nie, zumindest nicht die Gebildeten. Hier ist David C. Lindberg in seinem Buch The Beginnings of Western Science:

Es muss hervorgehoben werden, dass die Anordnung der Elemente sphärisch ist. Erde sammelt sich im Zentrum, um die Erde zu bilden, und auch sie ist kugelförmig. Aristoteles verteidigte diese Überzeugung mit einer Vielzahl von Argumenten.

Von seiner Naturphilosophie aus argumentierend, wies er darauf hin, dass, nachdem es die natürliche Tendenz der Erde ist, sich zum Zentrum des Universums zu bewegen, sie sich symmetrisch um diesen Punkt herum anordnen muss. Aber er lenkte die Aufmerksamkeit auch auf Beweise aus der Beobachtung, einschließlich des kreisförmigen Schattens, den die Erde während einer Mondfinsternis wirft, und der Tatsache, dass die Nord-Süd-Bewegung eines Beobachters auf der Erdoberfläche die scheinbare Position der Sterne verändert.

Aristoteles berichtete sogar von einer Schätzung des Erdumfangs durch Mathematiker (400.000 Stadien = etwa 45.000 Meilen oder 72.000 km, grob das 1,8-fache des modernen Wertes). Die Kugelgestalt der Erde, die somit durch Aristoteles verteidigt wurde, sollte nie vergessen oder ernsthaft in Frage gestellt werden. Der weitverbreitete Mythos, dass die mittelalterlichen Menschen an eine flache Erde glaubten, ist modernen Ursprungs.

Und hier ist der führende Wissenschaftler Edward Grant in Science and Religion:

Vielleicht die stärkste Veranschaulichung dieser Voreingenommenheit gegen das Mittelalter betrifft Christoph Kolumbus’ Entdeckungsreise von 1492 in die Neue Welt. Viele glaubten schließlich, dass die bedeutsamste Errungenschaft von Kolumbus’ Reise die Entdeckung war, dass die Erde nicht flach ist – wie allgemein im Mittelalter geglaubt wurde – sondern rund.

Dies ist völlig falsch. Keine gebildete Person im Mittelalter glaubte an eine flache Erde (Russel 1991). Sie alle wussten, dass sie rund war. Ihre Autorität war Aristoteles.

In seiner großen kosmologischen Abhandlung Über den Himmel erklärte Aristoteles nachdrücklich die Erde zu einer Kugel und präsentierte sogar eine Schätzung ihres Umfanges. All jene, die an Universitäten des Mittelalters ausgebildet wurden, würden diese Passage gelesen haben. Aber sie war auch in vielen anderen Abhandlungen zu finden, die sie ebenfalls gelesen haben könnten. Niemand hätte daran gezweifelt.

Und doch konnten Autoren des neunzehnten Jahrhunderts eine Unwahrheit konstruieren, die immer noch weithin geglaubt wird, dass jeder im Mittelalter an eine flache Erde geglaubt hätte, bis Kolumbus’ Reise ihre Kugelgestalt bewies.

Die alten Griechen wussten mindestens ab dem vierten vorchristlichen Jahrhundert von der Kugelform der Erde. Im dritten vorchristlichen Jahrhundert wurde Eratothenes, der die Bibliothek von Alexandria im ptolemäischen Ägypten leitete, zum ersten Menschen, von dem wir wissen, dass er eine realistische Schätzung des Erdumfangs anstellte. Sein Wert von 252.000 Stadien wurde weithin bekannt.

In der Antike waren mehrere verschiedene Stadien in Gebrauch, aber seine Schätzung lag trotzdem in der richtigen Größenordnung. Eratosthenes’ Wert geriet nie ganz außer Sicht. Er erscheint zum Beispiel wieder im einflussreichen Sphere des englischen Astronomen Johannes de Sacrobosco / John of Holywood, einer Einführung in die Astronomie aus dem dreizehnten Jahrhundert, die an mittelalterlichen europäischen Universitäten verbreitet verwendet wurde.

Im frühen Mittelalter führte eine Anzahl moslemischer Astronomen nach Übersetzungen griechischer wissenschaftlicher Werke Messungen des Erdumfangs durch. Laut James Evans in The History and Practice of Ancient Astronomy:

Ein Motiv für die Durchführung neuer Messungen war, dass die arabischen Astronomen des neunten Jahrhunderts keine Ahnung (nicht mehr als wir) von der Länge des Stadions hatten, das von Eratosthenes oder Ptolemäus verwendet wurde.

Im späteren Mittelalter waren sowohl griechische als auch arabische Schätzungen der Größe der Erde in Europa im Umlauf. Da die Vielzahl der Schätzungen durch die Unsicherheiten über die Werte der griechischen und arabischen Maßeinheiten verschärft wurde, blieb dem europäischen Geographen eine beträchtliche Auswahlfreiheit.

Als Kolumbus versuchte, sich selbst und andere von der Durchführbarkeit seiner vorgeschlagenen Reise nach Asien zu überzeugen, wählte er absichtlich die kleinsten verfügbaren Schätzungen der Größe der Erde und die größtmögliche Schätzung der Breite des eurasischen Kontinents.

Das machte den westlichen Ozean so schmal wie möglich und die Reise so attraktiv wie möglich. Durch schieres Glück stellte sich heraus, dass Kolumbus’ Reise über etwa die Entfernung führte, die er erwartete. Er zählte auf eine Fahrt von unter 3.000 Meilen zwischen Europa und Asien. Nach 3.000 Meilen erreichte er tatsächlich Land. Die wahre Entfernung nach Asien betrug mehr als 10.000 Meilen.

Einer der berühmtesten geographischen Irrtümer der Geschichte war, als Kolumbus und seine Besatzung in den Amerikas ankamen und glaubten, sie seien in Indien, daher wurden die Eingeborenen als „Indianer“ oder „red Indians“ bekannt. Vielleicht würden die eingeborenen Europäer, wenn Abenteurer der Maya auf der Suche nach China in Europa angekommen wären, heute „weiße Chinesen“ genannt. Trotzdem, obwohl Kolumbus sich irrte, war sein Missverständnis nicht so lächerlich, wie manchmal geglaubt wird.

Die Idee, dass die Erde rund ist, war im Mittelalter auch unter Moslems bekannt, wurde aber vielleicht nicht von jedem akzeptiert. Ibn al-Haytham (965 bis ca. 1039), oder Alhazen, wie er in Europa genannt wurde, hatte die besten optischen Abhandlungen der Welt im elften Jahrhundert geschrieben, wobei er sich stark auf griechische Mathematik und Naturphilosophie stützte.

Und doch wurde seine Arbeit in Europa mehr weitergeführt als in der islamischen Welt. Was also geschah damit im Nahen Osten? Dieses Zitat von Ibn Warraq in seinem modernen Klassiker Why I Am Not a Muslim ist erhellend:

Ein Schüler von Maimonides, dem jüdischen Philosophen, erzählt, dass er geschäftlich in Bagdad war, als dort die Bibliothek eines bestimmten Philosophen (der 1214 starb) verbrannt wurde. Der Prediger, der die Vollstreckung des Urteils durchführte, warf mit seinen eigenen Händen ein astronomisches Werk von Ibn al-Haitham in die Flammen, nachdem er auf eine darin enthaltene Beschreibung der Erdkugel als unglückliches Symbol des pietätlosen Atheismus hingewiesen hatte.

Auch in Indien wurden im Mittelalter Schätzungen des Erdumfangs durchgeführt. Die Zeit der Guptas vom vierten bis zum siebenten Jahrhundert n. Chr. war ein goldenes Zeitalter für die klassische indische Zivilisation. Es diese Zeit, in der das dezimale Zahlensystem, das wir heute verwenden, einschließlich der Null, von Mathematikern wie Brahmagupta übernommen und entwickelt wurde.

Im indischen Kastensystem monopolisierten die Brahmanen die Bildung, aber Indien blieb für Einflüsse von außen offener als China und wurde im Gefolge der Eroberungen des nordwestlichen Indien von persischen und griechischen Ideen durchdrungen. James E. McClellan und Harold Dorn stellen in Science and Technology in World History folgendes fest:

Anders als die Astronomie in China, in der islamischen Welt oder in Europa, wo Konsens im Allgemeinen wissenschaftliche Traditionen vereinte, konkurrierten etwa sechs regionale Schulen der indischen Astronomie-Astrologie um intellektuelle Gefolgschaft und materielle Unterstützung. Trotz ihrer Beschränkungen und Spaltungen wurde die indische Astronomie in der Periode der Guptas sehr technisch und mathematisch.

Vom vierten bis zum siebten Jahrhundert produzierten verschiedene indische Astronomen eine Reihe von Lehrbüchern (siddhanta oder „Lösungen“) auf hohem Niveau, die die Grundlagen der Astronomie behandelten: das Sonnenjahr, Tag- und Nachtgleichen, Sonnenwenden, Mondphasen, den Metonischen Zyklus, Verfinsterungen, Planetenbewegungen (unter Verwendung der griechischen Planetentheorie), jahreszeitliche Sternkarten und die Präzession der Tag- und Nachtgleichen. Aryabhata I (geb. 476 n. Chr.) lebte in Pataliputra, stellte ein siddhanta zusammen, bildete Schüler aus und hegte die unorthodoxe Ansicht, dass die Erde täglich um ihre Achse rotiert…

In seinem siddhanta wies der Astronom Brahmagupta (geb. 598 n. Chr.) im folgenden Jahrhundert Aryabhatas Vorstellung einer sich bewegenden Erde mit der Begründung zurück, dass sie gegen den gesunden Menschenverstand verstoße und dass Vögel, wenn sie wahr wäre, nicht frei in jede Richtung fliegen könnten. Brahmaguptas Schätzung des Erdumfangs war eine der genauesten jedes alten Astronomen.

Alle alten Zivilisationen, die mit den Lehren der alten Griechen in Berührung kamen – Europa, der Nahe Osten und in gewissem Ausmaß Indien – wussten also davon, dass die Erde rund ist. Glaubte keine der großen Zivilisationen Eurasiens, dass die Erde flach sei? Ja, die Chinesen glaubten das.

Der allgemeine Konsens unter chinesischen Gelehrten bis weit ins siebzehnte Jahrhundert, mehr als zweitausend Jahre nachdem die Griechen bewiesen hatten, dass die Erde kugelförmig ist, war, dass die Erde flach ist. Der Irrtum wurde erst korrigiert, als die Chinesen mit der europäischen Astronomie konfrontiert waren. Wie Benjamin A. Elman es in seinem weitgehend pro-chinesischen Buch A Cultural History of Modern Science in China ausdrückt:

Seit der frühen Han-Periode (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) hatten zwei alte chinesische Modelle das chinesische Denken über ihren Platz im Kosmos geformt. Dem einen zufolge, der Kosmologie des „gewölbten Himmels“(gaitian), wölbte sich der Himmel über einer flachen, quadratischen Erde wie eine halbkugelförmige Kuppel, oder wie ein schirmförmiger Baldachin.

Seine klassische Alternative ab dem Übergang von der frühen zur späteren Han-Zeit, wurde die Kosmologie des „kugelförmigen Himmels“ (huntian) genannt. Nach dieser Sicht des Universums umgab ein eiweißartiger Kosmos die eigelb-artige Erde. Diese Sichtweise wurde zwischen 100 und 180 n. Chr. einflussreich, wurde aber nicht weiter ausgearbeitet. Während der Ming- und Qing-Dynastie ersetzte das kopernikanische System das tychonische System in der Astronomie des protestantischen Europa, aber in China wurde das tychonische System weiter verwendet, was Fortschritte in der Astronomie hemmte.

Die Jesuiten unterließen es, das kopernikanische System in zeitgemäßer Form einzuführen, auch wenn zum Beispiel ein paar von Galileos Entdeckungen (wenn auch nicht seine Unterstützung der Heliozentrizität) in jesuitischen Übersetzungen der Ming-Zeit erwähnt wurden. Trotzdem bedeutete das tychonische Zeitalter im Astrokalendarischen Büro, dass chinesischen Spezialisten um 1630 ein reicher Satz neuer Berechnungstechniken, genauere Beobachtungen, eine neue Sicht auf den Kosmos und die neuesten Präzisionsinstrumente zur Verfügung standen.

Tycho Brahe (1546 – 1601) geboren in Skåne im heutigen Südschweden, damals aber Teil des Königreichs Dänemark, war der letzte der großen Astronomen der Zeit vor dem Teleskop. Brahe akzeptierte nie das heliozentrische Modell des polnischen Astronomen Nikolaus Kopernikus (1473 – 1543). Er war von einigen technischen Elementen des kopernikanischen Systems beeinflusst, entwickelte aber ein alternatives geo-heliozentrisches System, in dem die Planeten sich alle um die Sonne bewegten, während die Sonne sich um eine stillstehende Erde bewegte.

Und doch waren die Jesuiten, obwohl sie ein Verständnis der Astronomie mitbrachten, das in Europa bereits veraltet war, den Chinesen immer noch so weit voraus, dass die chinesische mathematisch-astronomische Tradition nach ausgedehntem Kontakt mit der europäischen Tradition buchstäblich zu existieren aufhörte. Wie Elman sagt:

Zum Beispiel wurde die erste übersetzte Ausgabe von Matteo Riccis Weltkarte (mappa mundi), die mit der Hilfe chinesischer Konvertiten produziert wurde, im Jahr 1584 gedruckt. Als abgeflachte Kugelprojektion mit parallelen Breitengraden und gekrümmten Längengraden hatte Riccis Weltkarte zwischen 1584 und 1608 acht Auflagen. Die dritte Auflage hatte den Titel Vollständige Karte der Myriaden Länder auf der Erde und wurde 1602 mit der Hilfe von Li Zhizao gedruckt. Die Karte zeigte den Chinesen zum ersten Mal die genaue Lage Europas.

Zusätzlich enthielten Riccis Karten technische Lektionen für chinesische Geographen: 1) wie Kartographen Orte mittels Längen- und Breitengraden lokalisieren konnten; 2) viele geographische Begriffe und Namen, einschließlich der chinesischen Begriffe für Europa, Asien, Amerika und Afrika (die Riccis Erfindung waren); 3) die neuesten Entdeckungen europäischer Forscher; 4) die Existenz von fünf Kontinenten, die von großen Ozeanen umgeben sind; 5) die Kugelform der Erde und 6) fünf geographische Zonen und ihre Lage auf der erde von Nord nach Süd, das heißt, den nördlichen und südlichen Polarkreis und die gemäßigten, tropischen und subtropischen Zonen.

Laut Toby E. Huff: „Geometrie als systematisches deduktives System von Beweisen und Demonstrationen war in China buchstäblich nichtexistent, wie auch die Trigonometrie.” In ihren Versuchen, die himmlischen Bewegungen zu verstehen, gingen chinesische Astronomen von strikt zahlenmäßigen Prozeduren nach dem Kontakt mit Europäern zu geometrischen Modellen aufeinanderfolgender Orte im Raum über.

Die Infinitesimalrechnung, die vom deutschen Philosophen Gottfried Leibniz (1646 – 1716) und dem Engländer Isaac Newton (1643  1727) im späten siebzehnten Jahrhundert entwickelt wurde, stand den Chinesen erst im neunzehnten Jahrhundert zur Verfügung. Die Infinitesimalrechnung ist ein unschätzbares Mittel bei der Lösung dynamischer mathematischer Probleme, der Bewegung etc.

Trotz der Übernahme chinesischer Terminologie, die der traditionellen Mathematik entlehnt wurde, schockte die Einführung der Infinitesimalrechnung die chinesischen Literaten, weil die traditionelle Mathematik nichts Ähnliches enthielt. Manche Gelehrte versuchten zu zeigen, dass viele wesentliche Ideen der Infinitesimalrechnung aus chinesischen Klassikern der Mathematik kamen, indem sie auf früheren Behauptungen über die chinesischen Ursprünge der Algebra aufbauten.

Von der Renaissance im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, nachdem Europäer Fortschritte von außen wie das indische Zahlensystem assimiliert hatten, das über den Nahen Osten kam, bis zum zwanzigsten Jahrhundert wurden fast alle globalen Fortschritte in der Mathematik von Europäern gemacht. Es ist interessant festzuhalten, dass unser Zahlensystem aus Asien kam, aber aus Indien, nicht aus China.

Ich würde behaupten, dass die Achse, die sich zu dem entwickelte, was die globale Mathematik werden sollte (vor dem Europa der Renaissance) aus Indien, dem Nahen Osten und den alten Griechen bestand. Ostasien war dabei weniger bedeutend. Die eine Religion, die fast alle Regionen Asiens beeinflusste, der Buddhismus, kam ebenfalls aus Indien. Wie der Wissenschaftler Thomas T. Allsen in Culture and Conquest in Mongol Eurasia schreibt:

Jahrtausende vor der Bewegung chinesischer Seide nach Westen gab es bestimmt einen Fernhandel mit Prestigegütern, hauptsächlich Halbedelsteinen wie Lapislazuli, Nephrit und Türkis. Ob dies ein „Weltsystem“ der Bronzezeit darstellte, ein ausgedehntes Netzwerk interaktiven Wirtschaftsaustauschs, wird nun debattiert.

In konventionellerer Weise haben Wissenschaftler argumentiert, dass regelmäßiger Austausch viel später kam, mit den Feldzügen Alexanders des Großen oder mit Chang Ch’iens Mission zu den Yueh-chih. Die meisten würden jedoch zustimmen, dass die sogenannte „Seidenstraße“ im Jahrhundert vor Christus in Betrieb war und dass sie im Zeitraum von 50 – 150 n. Chr. einen frühen Höhepunkt erreichte, als die Reiche der Römer, Parther, Kushan und Han die politische Landschaft in Eurasien dominierten. Zusätzlich zu den Handelsgütern, hauptsächlich Seide, die nach Westen kamen, bewegten sich viele Kulturgüter, von Folkloremotiven bis zu Alphabeten und Religionen, nach Osten.

Fast alle der großen religiösen Bewegungen, die im Nahen Osten entstanden – Zoroastrismus, Judentum, Christentum, Manichäismus und Islam – erreichten China, während chinesische Ideologiesysteme nicht in den Westen vordrangen. Dieses verblüffende und beharrliche Muster, das nie erklärt wurde, wurde offenbar sehr früh etabliert.

Auf der langen Linie der Geschichte ist es verführerisch zu schlussfolgern, dass China eine geringere ideologische Wirkung auf die Weltkultur hatte, als seine Größe und sein Reichtum anzeigen sollten. Vielleicht wird das 21. Jahrhundert eine Rückkehr zu diesem traditionellen Muster erleben: China mag die größte Volkswirtschaft der Welt sein, aber neue Ideen werden hauptsächlich anderswo entwickelt werden.

°   °   °   °   °

Siehe auch Fjordmans Vierteiler Warum haben die Europäer die moderne Welt geschaffen? – Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4.

Und hier gibt’s viele weitere übersetzte Fjordman-Essays aus der Zeit von 2005 bis 2011.

Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: