Europa und die indoeuropäischen Sprachen

Von Fjordman. Original: Europe and the Indo-European Languages, erschienen am 13. Juni 2008 im „Brussels Journal“.
Übersetzung: Lucifex

Dieser Essay wurde zuerst im skandinavischen Blog Snaphanen veröffentlicht, aber nachdem manche meiner Leser ihn vielleicht nicht gesehen haben, veröffentliche ich ihn auch hier. Er wurde vom Buch Indo-European Linguistics: An Introduction von James Clackson inspiriert. Die Entdeckung der indoeuropäischen Sprachfamilie geschah durch Sir William Jones, einen begabten britischen klassischen Gelehrten, der in jungen Jahren Französisch und Italienisch und etwas Hebräisch und Arabisch beherrscht hatte. Er soll zur Zeit seines Todes dreizehn Sprachen gut und achtundzwanzig einigermaßen gut beherrscht haben. Im Jahr 1786 arbeitete Jones eine Theorie der gemeinsamen Ursprünge der meisten europäischen Sprachen und jener Irans und Nordindiens aus. Hier ist Jones, wie er von Ibn Warraq in seinem exzellenten Buch Defending the West zitiert wird:

Die Sprache des Sanskrit, was immer ihr Alter sein mag, ist von einer wunderbaren Struktur, perfekter als das Griechische, reichhaltiger als das Latein und exquisiter verfeinert als beide, und hat doch zu beiden eine stärkere Verwandtschaft, sowohl in den Wortwurzeln als auch in den Grammatikformen, als sie möglicherweise durch Zufall hervorgebracht worden sein könnte; tatsächlich eine so starke, dass kein Philologe sie alle drei untersuchen könnte, ohne zu glauben, dass sie einer gemeinsamen Quelle entsprungen sind, die vielleicht nicht mehr existiert: es gibt einen ähnlichen Grund, wenn auch keinen ganz so zwingenden, zu der Annahme, dass sowohl das Gotische als auch das Keltische, wenn auch mit einem sehr unterschiedlichen Idiom vermischt, denselben Ursprung wie das Sanskrit hatte, und das Altpersische könnte derselben Familie hinzugefügt werden, falls dies der Ort wäre, um irgendeine Frage betreffend die Altertümer Persiens zu diskutieren.

Wie der Linguist Trautmann später gesagt hat: “Die Modernität der Formulierung ist bemerkenswert: die Gruppierung von Sanskrit, Griechisch, Latein, Gotisch (Germanisch), Keltisch und Altpersisch; ihre gegenseitige Ähnlichkeit in Wortschatz und Grammatik, die Vorstellung ihrer Verwandtschaft als gemeinsame Nachfahren einer verlorenen Stammsprache – dies sind genau die Ansichten, die historische Linguisten heute vertreten.“

Jones war offenkundig nicht der erste, der bemerkte, dass verschiedene Sprachen Anzeichen von Verwandtschaft untereinander zeigten: Dies wurde von anderen Gelehrten vor ihm vermutet. Aber er war der erste, der europäische Sprachen in dieser Weise mit nichteuropäischen verband. Laut Nicholas Ostler in Empires of the Word:

Dies war der Ursprung der historischen vergleichenden Linguistik. Sie auf Sprachen überall auf der Welt anzuwenden, war eines der großen intellektuellen Abenteuer des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, und als direktes Ergebnis wissen wir nun viel über den Fluss menschlicher Sprachen und auch der menschlichen Geschichte lange vor dem Beginn schriftlicher Dokumente. Um nur drei Beispiele anzuführen: so wissen wir, dass die Ungarn aus Nordsibirien kamen, dass Madagaskar von Borneo aus kolonisiert wurde und dass der Ursprung der europäischen Zigeuner im fernen Indien liegt. Bei all der selbstgeschaffenen Exzellenz der eigenen Linguistiktradition des Sanskrit konnte es sich niemals von sich aus in diese neue Richtung entwickelt haben: was benötigt wurde, war die Konfrontation mit anderen Sprachen weit jenseits des indischen Horizonts, aber auch die Fähigkeit, diese Sprachen als irgendwie auf Augenhöhe mit dem Sanskrit zu betrachten, als etwas anderes, das die Tradition einfach für unvorstellbar gehalten hätte.

Ostler spricht die Tatsache an, dass die Mogulherrscher Nordindiens, weitgehend von türkischer Herkunft, aber von der persischen Kultur beeinflusst, diese Verbindung nicht herstellten: „Die neuen moslemischen Herren zeichneten sich trotz ihrer unabhängigen Kenntnis des Arabischen, Persischen und Türkischen nicht durch linguistische Gelehrsamkeit aus.”

Wenn man Mr. Edward Said und seinen zahlreichen Unterstützern glaubt, war Sir William Jones ein Rassistenschwein, das die vergleichende Linguistik erfand, um seine Dominanz über „den Anderen“ zu begründen. Es ist seltsam, dass Moslems nicht daran dachten, als sie jahrhundertelang andere Völker beherrschten. Immerhin ist Persisch, das sie kannten, eine indoeuropäische Sprache, wie das Sanskrit, wie auch Griechisch, Armenisch und die Sprachen vieler ihrer Untertanen. Moslemische Gelehrte hatten Zugang zu einer Anzahl semitischer Sprachen, von Arabisch und Hebräisch bis zum Aramäischen, zusätzlich zu Sprachen anderer afro-asiatischer Zweige in Nord- und Ostafrika. Sie waren daher in einer Position, diesen linguistischen Stammbaum zu entdecken, aber sie taten es nicht. Fehlte es ihnen einfach an Neugier?

Warum war die europäische Zivilisation die einzige Zivilisation auf Erden, die die vergleichende Linguistik erfand?  Es ist interessant darüber nachzudenken, warum niemand zuvor diese Verbindung hergestellt hatte. Die Inder hatten es nicht getan, genauso wenig die Perser, trotz ihrer kulturellen Verfeinerung. Moslems waren allgemein uninteressiert an anderen Kulturen, aus Gründen religiöser Bigotterie und kulturellen Überlegenheitsdenkens, und machten sich selten die Mühe, die Sprachen von Nichtmoslems zu erlernen. Die wenigen Übersetzungen, die aus nichtmoslemischen Kulturen erstellt wurden, zum Beispiel die Werke der alten Griechen in den frühen Stadien der islamischen Herrschaft, befassten sich hauptsächlich mit wissenschaftlichen Angelegenheiten, nicht mit historischen Ereignissen oder kulturellen Ideen, und die Übersetzungen wurden oft von Nichtmoslems angefertigt.

Die Nachvollziehung der Ausbreitung der austronesischen Sprachen von Taiwan und Südostasien nach Madagaskar im Westen und zu Pazifikinseln wie Hawaii und die Osterinsel im Osten wurde nicht unabhängig von Thais, Malaien, Indonesiern oder anderen Asiaten durchgeführt. Die ersten ernsthaften Analysen der chinesischen Sprache wurden während der Übersetzungen buddhistischer Schriften durchgeführt, als eine Anzahl begabter chinesischer Gelehrter zum Studium nach Indien gingen, aber dies entwickelte sich nicht zu vergleichender Linguistik als Wissenschaft. Ich habe auch keine Anzeichen dafür gesehen, dass die Maya, die Inkas oder andere amerikanische Zivilisationen irgendetwas dieser Art taten. In ähnlicher Weise geschah die Schaffung der Archäologie als echte wissenschaftliche Disziplin während des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts durch Europäer und europäischstämmige Völker in Nordamerika und anderswo. Kurz, die Mittel, die wir jetzt benutzen, um die menschliche Prähistorie überall auf der Welt zu entdecken, wurden von Europäern entwickelt. Diejenigen, die denken, diese Behauptung sei „eurozentrisch“, können versuchen, mich zu widerlegen. Wie James Clackson in Indo-European Linguistics sagt:

Das Indoeuropäische (IE) ist die beststudierte Sprachfamilie der Welt. Während eines Großteils der vergangenen 200 Jahre haben mehr Wissenschaftler an der vergleichenden Philologie des Indoeuropäischen gearbeitet als auf allen anderen Gebieten der Linguistik zusammengenommen. Wir wissen mehr über die Geschichte und Verwandtschaften der indoeuropäischen Sprachen als über jede andere Sprachengruppe. Bei einigen Zweigen des Indoeuropäischen – Griechisch, Sanskrit und Indisch, Latein und Romanisch, Germanisch, Keltisch – haben wir das Glück, Aufzeichnungen zu haben, die sich über mehr als zwei Jahrtausende erstrecken, und exzellente wissenschaftliche Ressourcen wie Grammatiken, Wörterbücher und Textausgaben, die jene übertreffen, welche für nahezu alle nicht-indoeuropäischen Sprachen verfügbar sind. Die Rekonstruktion des Proto-Indoeuropäischen (PIE) und der historischen Entwicklung der indoeuropäischen Sprachen haben folglich den Rahmen für viel Forschungsarbeit an anderen Sprachfamilien und über historische Linguistik im Allgemeinen geliefert.

Hethitische Keilschrifftafel

Hethitische Keilschrifttafel

Eine indoeuropäische Sprache, Hethitisch, ist für eine Zeit vor nahezu 4.000 Jahren bezeugt, geschrieben auf Tontafeln und Keilschrift im zentralen Anatolien ab dem frühen zweiten vorchristlichen Jahrtausend. Wir haben ausführliche Texthinterlassenschaften für drei weitere indoeuropäische Sprachen aus einer Zeit vor mehr als 2.000 Jahren: Altgriechisch, Latein und Sanskrit, und der Bestand aufgezeichneter indoeuropäischer Sprachen nimmt zu, wenn wir uns zu späteren Zeiten begeben. Laut Clackson:

Die Mehrheit der gegenwärtig gesprochenen indoeuropäischen Sprachen gehört zu sechs großen Untergruppen des Indoeuropäischen: modernes Irisch und Altirisch sind Mitglieder der keltischen Untergruppe, zu der auch Walisisch, schottisches Gälisch, Bretonisch, Kornisch und Manx gehören. Sinhala ist Teil der großen indischen Familie, die die meisten gegenwärtig in Nordindien und Pakistan gesprochenen Sprachen, Sanskrit und das mittelindische Prakrit umfasst. Englisch ist ein Mitglied des germanischen Zweiges; dieser umfasst Niederländisch, Deutsch und die skandinavischen Sprachen unter den lebenden Sprachen, wie auch frühere Stadien dieser Sprachen, wie Altenglisch, Althochdeutsch und Altnordisch, und andere ausgestorbene Varianten dieser Sprachen, wie Gotisch, das einst in Südosteuropa und Südrussland gesprochen wurde. Die anderen großen Untergruppen sind Romanisch und Slawisch in Europa und Iranisch in Asien. All diese Untergruppen des Indoeuropäischen wurden vor Jones’ oben angeführter Identifikation der größeren indoeuropäischen Familie selbst als linguistische Familien erkannt.

Zwei indoeuropäische Untergruppen gibt es nicht mehr: Anatolisch war einst vor der christlichen Zeit in Anatolien (der heutigen Türkei) weit verbreitet, und Tocharisch wurde bis zum achten nachchristlichen Jahrhundert in Zentralasien gesprochen. Litauisch und Lettisch sind seit der frühen Neuzeit belegt, und zusammen mit dem nun ausgestorbenen Altpreußischen bilden sie die baltische Untergruppe. Ein paar immer noch gesprochene indoeuropäische Varianten sind keinen Untergruppen zugeordnet, sondern stellen separate „Zweige” dar, besonders Griechisch, Albanisch und Armenisch. Griechisch hat eine lange Geschichte, während Armenisch aus der Mitte des ersten Jahrtausends stammt und Albanisch aus dem zweiten Jahrtausend christlicher Zeit. Der indische und der iranische Zweig sind miteinander enger verwandt als mit anderen Zweigen und stellen zusammen eine indo-iranische Untergruppe dar.

Wie James Clackson es ausdrückt:

Die indoeuropäischen Sprachen, für die wir recht ausgiebige Aufzeichnungen seit der Zeit vor 1000 v. Chr. haben – Latein, Griechisch, Germanisch, Iranisch und Indisch – sind die Träger von Kulturen gewesen, die mit der Zeit die Vorherrschaft über andere eingeborene Gruppen erlangt haben, mit der daraus resultierenden Sprachverschiebung. Populationen, die einst Messapisch, Venetisch und Lusitanisch sprachen, gingen mit der Zeit dazu über, Latein zu sprechen, Phrygier übenahmen Griechisch, und Thrakisch verlor gegen einander überlappende Wellen von Griechisch, Latein, Germanisch (Gotisch) und Slawisch. Im Mittelmeergebiet ermöglicht uns die frühe Alphabetisierung die Kenntnis einer Reihe indoeuropäischer Varianten. In Nord- und Osteuropa, wo die ersten schriftlichen Aufzeichnungen beträchtlich später erscheinen, wissen wir nicht, ob es eine ähnliche Vielfalt in den Territorien gab, die später von den Sprechern des Keltischen, Germanischen, Slawischen und Baltischen gab.

Die Stammsprache der gesamten indoeuropäischen Familie, die allgemein als Proto-Indoeuropäisch (PIE) bezeichnet wird, ist in der Prähistorie verlorengegangen, aber wir können eine Menge von Wörtern, die sie enthalten haben muss, durch vergleichende Linguistik rekonstruieren. Die Frage hinsichtlich des geographischen Ursprungs des Proto-Indoeuropäischen ist heiß debattiert worden, seit William Jones seine These erstmals vortrug, und ist verschiedentlich in Osteuropa, Zentralasien, im Iran und in Nordindien platziert worden. Meine persönliche Meinung ist, dass die Wiege der indoeuropäischen Sprachfamilie am wahrscheinlichsten irgendwo nahe der Schwarzmeerküste Russlands und der Ukraine liegt, aber ich werde dies in späteren Essays behandeln.

Die Vorrangstellung des Sanskrit in den frühen Tagen der Erforschung des Proto-Indoeuropäischen hat ihre Spuren in nachfolgenden Analysen hinterlassen. Dies hat schon einige Vorteile, da Griechisch und vedisches Sanskrit zwei der ältesten und konservativsten Zweige des Indoeuropäischen sind, aber die spätere Entzifferung der hethitischen und das größere Verständnis der anatolischen Sprache hat unser Verständnis des Proto-Indoeuropäischen verändert. Sanskrit hat acht Fälle, drei Geschlechter und drei Zahlen. Vom Proto-Indoeuropäischen wird in Lehrbüchern oft angenommen, dass es acht Nominalfälle drei Zahlen (Einzahl, Zweizahl und Mehrzahl) plus einer Reihe von Nominaldeklinationen hatte, die teilweise den drei grammatischen Geschlechtern männlich, weiblich und sächlich entsprachen. Allgemein gesprochen, haben die meisten neueren indoeuropäischen Sprachen weniger Fälle, oder gar keine.

Laut James Clackson:

Die Zweizahl ist in der Prähistorie im Germanischen (in Hauptwörtern), in Latein, Albanisch und Armenisch verlorengegangen, und obwohl es im klassischen Griechisch, Altirisch und Altkirchenslawisch belegt ist, überlebt sie heute voll nur noch in manchen slawischen Sprachen. Die drei separaten nominalen Geschlechter, die man im Sanskrit, Griechisch und Latein findet, sind in vielen verschiedenen Zweigen verschmolzen worden. Mehrere Sprachen haben ein Geschlecht „verloren“: im Romanischen, modernen Keltisch und modernen Baltisch ist das sächliche Geschlecht in die anderen beiden Deklinationen assimiliert worden; im Niederländischen und Skandinavischen ist die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich verlorengegangen, wobei die überlebende Unterscheidung die zwischen Gattungsnamen und neutralen Hauptwörtern ist. Manche Sprachen haben die nominale Kategorie des Geschlechts völlig verloren: im Armenischen ging das Geschlecht sowohl bei Hauptwörtern als auch bei Fürwörtern verloren, bevor die Sprache im ersten nachchristlichen Jahrtausend in schriftlicher Form nachgewiesen ist, und das Englische behält das Geschlecht nur in Fürwörtern (obwohl Fahrzeuge wie Boote, Autos und Motorräder immer noch mit weiblichen Fürwörtern bezeichnet werden können).

Unter den indoeuropäischen Unterfamilien finden wir die slawischen (slawonischen) Sprachen. Zu den ostslawischen Sprachen gehört Russisch, Ukrainisch und Weißrussisch, zu den westslawischen gehören Tschechisch und Slowakisch wie auch Polnisch, während die südslawischen Sprachen Serbisch, Slowenisch, Kroatisch und Bosnisch umfassen, zusätzlich zu Bulgarisch und Mazedonisch. Die erste slawische Schriftsprache wird Altkirchenslawisch genannt und wurde von byzantinischen Missionaren zum Zweck der Verbreitung der Evangelien unter slawischsprachigen Völkern entwickelt. Jene in den westlichen Gebieten des slawischsprachigen Raums nahmen schließlich die westliche (katholische) Variante des Christentums an, während jene in den östlichen Provinzen die ursprüngliche Verbindung zum orthodoxen Christentum von Byzanz beibehielten.

In den Mittelmeergebieten sind zum Einsetzen der Alphabetisierung im ersten nachchristlichen Jahrtausend eine Anzahl verschiedener Sprachen belegt, aber wegen des Römischen Imperiums wurden diese während der ersten Jahrhunderte christlicher Zeit durch das Latein und seine Abkömmlinge ersetzt. Zur italischen Unterfamilie des Indoeuropäischen gehört eine Anzahl ausgestorbener Sprachen, darunter Latein, aber auch die romanische Gruppe, die moderne Sprachen umfasst, die vom Vulgärlatein abstammen, wie Spanisch (Kastilisch), Katalanisch, Galizisch und Portugiesisch auf der iberischen Halbinsel und in deren ehemaligen Kolonien in Lateinamerika, wie auch Italienisch, Rumänisch, Französisch und eine Anzahl kleinerer Sprachen. Die Entwicklung dieser Sprachen ist relativ leicht zu dokumentieren. Wiederum Clackson:

In den romanischen Sprachen sind zum Beispiel die Wörter für „Brot“ und „Wasser“, für „Mutter“ und „Vater“ und viele andere Lexeme ähnlich. Im Fall der romanischen Sprachen haben wir den Bonus, Aufzeichnungen des klassischen Latein zu besitzen, welches der gesprochenen Variante ähnlich genug ist, aus der sich die romanische Gruppe entwickelte, um als Stammsprache der Untergruppe betrachtet zu werden. Wir können im Latein die Wortformen erkennen, die sich schließlich zum gemeinsamen Vokabular der romanischen Sprachen entwickeln werden: agua, „Wasser“, kann als die frühere Form betrachtet werden, von der das italienische acqua und das spanische agua abstammt; pater, „Vater“, entwickelt sich zum italienischen und spanischen padre. Für die romanische Gruppe können wir die phonologischen Veränderungen ans Licht bringen, die die Wörter in den Jahrhunderten zwischen der Römerzeit und der Gegenwart durchgemacht haben. Wir können identifizieren, welche Wörter Lehnwörter sind und welche aus dem Lateinischen stammen.

In manchen Fällen, wie bei der romanischen Sprache oder der indischen Untergruppe, haben wir schriftliche Aufzeichnungen der Untergruppen-Stammsprache oder einer Sprache, die dieser sehr nahe steht (Latein beziehungsweise Sanskrit). Jedoch haben wir in anderen Fällen, zum Beispiel bei den germanischen Sprachen, zu denen Deutsch, Niederländisch, Friesisch, Afrikaans und Englisch gehören, zusätzlich zu Norwegisch, Dänisch, Schwedisch, Isländisch und Färöisch, keine aufgezeichnete Untergruppen-Stammsprache. Wie bei den slawischen Sprachen ist der älteste ausführliche Schrifttext, von dem wir im Germanischen wissen, ein christlicher Text, die gotische Übersetzung des Neuen Testaments von Wulfila im vierten Jahrhundert n. Chr. Jedoch begannen sich die germanischen Sprachen Jahrhunderte vorher aufzuspalten und unterscheiden sich daher stärker voneinander als die romanischen oder slawischen Sprachen. Die vorgeschlagene protogermanische Sprache wurde wahrscheinlich irgendwann während des ersten vorchristlichen Jahrtausends gesprochen. James Clackson erläutert:

Für die germanische Gruppe haben wir keine belegte Untergruppen-Stammsprache, aber wir vermuten, dass es eine solche Sprache gegeben haben muss. Wir können weiters vermuten, wie das Vokabular der Untergruppen-Stammsprache gewesen sein muss: aus den englischen, niederländischen und deutschen Wörtern für „Brot“ könnten wir zum Beispiel vermuten, dass das ursprüngliche Wort *brod oder etwas Ähnliches war, und *water das ursprüngliche Wort für „Wasser“. (Das * vor dem Wort hebt hervor, dass das Wort ein hypothetischer Begriff und nicht direkt belegt ist.) Aber unsere rekonstruierten Begriffe hier sind bloße Mutmaßungen, nach dem Prinzip erarbeitet, dass die in zwei Sprachen vorgefundene Form sich gegenüber einer Variante durchsetzt, die in der anderen vorgefunden wird. Daher nehmen wir bei der Rekonstruktion von *brod für „Brot“ den Selbstlaut aus dem niederländischen und deutschen Wort und den Mitlaut am Schluss aus dem Englischen. Im Niederländischen sind stimmhaft geschriebene Mitlaute am Ende standardmäßig stimmlos, aber wir können annehmen, dass die Schreibweise mit –d ein früheres Stadium der Sprache darstellt, wo Mitlaute am Schluss stimmhaft sein konnten. Bei der Rekonstruktion von *water für „Wasser“ nahmen wir den mittleren Mitlaut aus dem Niederländischen und Englischen im Gegensatz zur deutschen Form.

Vor dem Aufkommen der Masseneinwanderung sprach die große Mehrheit der Europäer eine indoeuropäische Sprache, aber eine andere linguistische Familie existiert traditionellerweise in Europa: die uralischen Sprachen. Diese Familie enthält vielleicht 20 Millionen Sprecher, eine bescheidene Zahl verglichen mit den Milliarden Menschen, die nun eine indoeuropäische Sprache sprechen. Man glaubt, dass diese Gruppe ihre Urheimat irgendwo nahe dem Uralgebirge hatte, daher ihr Name. Zu jenen, die uralische Sprachen sprechen, gehören die Ungarn (Magyaren) in Mittel- und Osteuropa, ansonsten sind diese Sprachen hauptsächlich in der nordischen und Ostseeregion konzentriert. Finnland ist offiziell zweisprachig, da es jahrhundertelang ein Teil des Königreichs Schweden war und immer noch eine schwedischsprachige Minderheit in den Küstenregionen im Südwesten hat, die Schweden am nächsten liegen. Jedoch spricht die große Mehrheit der Bevölkerung Finnisch. Eng mit dem Finnischen verwandt ist das Estnische. Schlußendlich haben wir die Sprachen der Samen, die Teile des nördlichen Schweden, Norwegen, Finnland und der Kola-Halbinsel in Russland bewohnen. Diese Region wird manchmal Lappland genannt, da die Samen früher von Außenseitern „Lappen“ oder „Lappländer“ genannt wurden, aber sie betrachten diesen Begriff im Allgemeinen als abwertend.

Die uralischen Sprachen expandierten wahrscheinlich ungefähr zur selben Zeit wie die indoeuropäischen. Wir wissen sehr wenig über die Sprachen, die es vor der indoeuropäischen Expansion in Europa gab, aber wir können hier und dort Spuren von ihnen aufspüren. „Alpen“, wie die Bergkette in Mitteleuropa, wird zum Beispiel für einen Namen mit extrem altem Ursprung gehalten. Die keltischen Dialekte, die zu römischer Zeit in Britannien gesprochen wurden, weisen Eigenheiten auf, die für ein grammatikalisches Echo einer zuvor existierenden Sprache gehalten werden. Auch wenn jedoch ein paar Wörter oder Namen überlebt haben, und auch wenn wir vielleicht in ein paar Fällen eine Unterlage einer anderen Sprache aufspüren können, so wurden die prä-indoeuropäischen Sprachen durch die indoeuropäische Expansion ausgelöscht. Man glaubt, dass die einzige Ausnahme auf dem gesamten europäischen Kontinent die baskische Sprache ist.

Das Volk der Basken  bewohnt die Pyrenäen im nördlichen Spanien und im südwestlichen Frankreich. Ihre Sprache ist ein sogenanntes Sprachisolat ohne bekannte lebende oder tote Verwandte. Sie enthält Wörter für Messer, Axt und andere Werkzeuge, die die Wurzelbedeutung von „Stein“ tragen und ist wahrscheinlich ein direkter Abkömmling der Sprachen, die in manchen Regionen Europas während der Alt- und Mittelsteinzeit gesprochen wurden. Interessanterweise können nun im Zeitalter der DNS-Analyse manche der früheren Ergebnisse der vergleichenden Linguistik durch die Genetik bestätigt (oder widersprochen) werden. Im Februar 2008 berichtete Fox News, dass eine von der Cornell University angeführte Studie herausfand, dass weiße (europäische) Amerikaner genetisch schwächer und weniger vielfältig sind als ihre schwarzen Landsleute. Dies folgt der ersten Regel der Political Correctness, die besagt, dass es keine bedeutenden genetischen Unterschiede zwischen Menschengruppen gibt, und falls es welche gibt, dann müssen Weiße immer unterlegen sein. Ich bin froh, dass unsere schwachen Gene die Europäer nicht davon abhielten, Individuen wie Aristoteles, Galileo, Kopernikus, Newton, Beethoven und Pasteur hervorzubringen.

Die Studie zeigte, dass die genetische Vielfalt unter Afrikanern am größten war, während amerikanische Ureinwohner die geringste genetische Vielfalt von allen hatten. Dies deckt sich mit der Tatsache, dass Nord- und Südamerika die letzten großen Landmassen waren, die von Menschen besiedelt wurden. Sie zeigte auch, dass die Basken mit niemand anderem eng verwandt sind, wie auch die Einwohner Sardiniens vor der Küste Italiens. Nach einer Kombination linguistischer und genetischer Beweise zu urteilen, könnte das baskische Volk einen starken Anspruch darauf haben, die älteste eigenständige Nation in Europa zu sein.

°   °   °   °   °

Ein thematisch verwandter Essay von Fjordman: Haben prähistorische Europäer Fahrzeuge mit Rädern erfunden?  (September 2008)

Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: