Südländer mit Europa-einfach-Ticket

Evros bei Edirne

Dieser aus der WELTWOCHE zitierte Beitrag wurde zuvor am 24. März 2011 von Kewil in seinem Blog „Fakten + Fiktionen“ veröffentlicht.

Tausend Migranten drängen nach Norden, auch in die Schweiz. Wie gelangen sie an den Grenzwächtern vorbei? Die Spurensuche entlang den Hauptachsen durch Griechenland und Italien enthüllt Schleichwege, Schlepper-Preise und Tricks der illegalen Einwanderer. Von Daniel Glaus und Urs Gehriger

Keine fünf Stunden nach der Landung in der Türkei sind die drei jungen Marokkaner nur noch einen Fußmarsch von der EU-Außengrenze entfernt. Für 250 Euro sind sie mit Air Arabia von Casablanca nach Istanbul geflogen, wo sie ohne Visum einreisen konnten und dann einen Bus in die Grenzstadt Edirne nahmen. Jetzt suchen Muhammad, Abdeslam und Hamouda einen Schlepper.

Neunzig Prozent der illegalen Einwanderer in den Schengen-Raum haben diese Route im vergangenen Jahr gewählt. Es ist neben jener über Lampedusa die zweite Haupteinfalls­achse. Denn bei Edirne gelangt man trockenen Fußes nach Griechenland: Der Grenzfluß ­Evros fließt vollständig durch türkisches Territorium, zwei Brücken führen herüber (siehe Grafik S.?41). Die Route ist billig und relativ ­sicher: Die Schlepper bringen Migranten für 250 bis 500 Euro über die Landgrenze oder mit einem Schlauchboot über den Evros. Weil die Türkei für viele nordafrikanische und nahöstliche Staaten kein Visum verlangt, machen sie sich erst strafbar, wenn sie ihre Papiere zerstören und in die militärische Sperrzone entlang der Grenze treten.

Die drei Marokkaner werden schnell fündig bei der Suche nach einem «Helfer» in Edirne. Der Köfte-Verkäufer oder die Barfrau: Fast alle kennen «jemanden», der im soft business ist. «Ein paar hundert Euro dazuverdienen ist doch nichts Schlimmes. Und es kommt ja niemand zu Schaden!», sagt Tankwart Yilmaz. Sobald kein Schnee mehr fällt und die Patrouillen vorbei sind, geht es los. Im Auto zur Brücke runter, rasch hinüber. Der Schlepper zeigt von sicherem Terrain aus den Weg durch die Nacht: alles geradeaus bis zu den zwei parallel verlaufenden Feldwegen. Das ist die Schengen-Außengrenze. Einen Zaun gibt es nicht.

Gökhan Sözer, Gouverneur der Provinz, sagt, Dutzende Schlepper würden jeden ­Monat festgenommen. «Wir beschützen eure Grenze und setzen dafür über tausend Polizisten und Soldaten ein!» Fast 12.000 Illegale habe die Türkei 2010 gefaßt, dieses Jahr schon über 2.000. Doch nur ein Teil davon könne in die Herkunftsländer zurückgeschickt werden. «Viele Illegale probieren es immer wieder», so Sözer.

Die EU und Griechenland verhandeln mit der Türkei über den Bau eines Zauns und die Rückübernahme der Illegalen, die über den Evros einreisen. Die Botschaft von Gouverneur Sözer ist deutlich: «Wir unterschreiben nicht, solange Türken für den Schengen-Raum ein Visum brauchen und wir nicht mehr Geld für den Grenzschutz erhalten.»

Belagerung in Bari
Auch Italiens Innenminister Roberto Maroni verhandelt. Mit der neuen Regierung in Tunis. Gemäß geltendem Vertrag akzeptiert das Land bloß vier Rückführungen pro Tag. Derweil stranden täglich Hunderte von Migranten auf Lampedusa. Von dort werden sie in vier Auffanglager verteilt. Das größte steht in Apulien, in der Hafenstadt Bari. Stolz thront das Kastell an der Küste, ein Relikt des ersten Bollwerks gegen die Araber, erbaut von den Byzantinern gegen die Sarazenen. Wie damals fühlen sich die Bewohner von Bari im Belagerungszustand. In der Stadt reden sie von einer Plage biblischen Ausmaßes. Junge wie Alte, Frauen und Männer. Alle sind sich einig, so könne es nicht weitergehen. Zweimal täglich landet ein Flugzeug mit Tunesiern aus Lampe­dusa. Untergebracht werden sie am Stadtrand, auf dem Gelände der italienischen Luftwaffe.

1.400 Personen faßt das Lager, das bis auf die letzte Pritsche ausgelastet ist. Es herrscht eine Atmosphäre zermürbender Monotonie: rauchen, reden, herumsitzen. Dreimal im Tag wird der Trott durchbrochen, wenn im weißen Zelt in der Lagermitte Essen ausgegeben wird. Keiner gibt an, politisch verfolgt zu werden. Alle sind sie gekommen, um in Europa zu arbeiten.

Schlepper bleiben unbehelligt
«Ausnahmslos alle» Migranten würden bei der Ankunft einer Leibesvisite unterzogen, sagt das italienische Innenministerium auf Anfrage. Man registriere Personalien und Fingerabdrücke und speise sie in Eurodac ein, die europäische Datenbank für Asylanten und ­Migranten. Dadurch lassen sich später wieder aufgegriffene Schwarzaufenthalter identifizieren. Nach dem Dublin-Abkommen können solche Personen wieder in das Einreiseland abgeschoben werden. Über die wahre Identität der Person sagen die Daten jedoch nichts aus. Ob jemand im Herkunftsland ein Verbrechen begangen hat, bleibt im Dunkeln. Auch die Schlepper, die pro Person 1.000 bis 1.500 Euro kassieren, werden nicht entlarvt.

Verständlich, daß bei der Ankunft keiner der Passagiere ihren «Kapitän» bei den Italienern denunziert. Doch jetzt, zwischen den Baracken im Camp, geben viele bereitwillig Auskunft. Es ist immer dieselbe Geschichte, die sie erzählen. Navigiert werde die Überfahrt meistens mit einem kleinen GPS-Gerät. Kommt das Schiff in Sichtweite der Küste, würden die Schlepper in aller Ruhe den Hightech-Kompaß in die Jacke stecken und sich unter die Flüchtenden mischen.

Offenbar ist die italienische Leibesvisite nicht sehr genau, denn das versteckte GPS-­Gerät bleibt praktisch immer unentdeckt. Bald nach der Ankunft würden die Schlepper wieder nach Tunesien ausfliegen, so erzählen Ankömmlinge weiter. Dabei profitierten sie von den italienischen Behörden, die Rückkehrwilligen die Heimreise organisieren und ihnen für ihre spontane Bereitschaft sogar noch eine Prämie von 200 Euro ausbezahlen. Zurück in der Heimat, trete mancher von ­ihnen die Reise abermals an.

Das Lager hat zwar einen Zaun, doch die Türen stehen stets offen. Wer rauswill, kann dies jederzeit tun. Gegen Abend strömen die Tunesier zu Hunderten in die Innenstadt. Direkt vor dem Hauptbahnhof Bari haben sie ihren Stammplatz. Knorrige Bauernköpfe die meisten, in sich gekehrt, viel weniger aufbrausend als die italienischen Städter. Obwohl in kleinen Gruppen unterwegs, kommen sie einem vereinsamt vor, melancholisch wie arme Seelen zappeln sie auf dem Trottoir auf und ab, die Schar der desodorierten Bari-Girlies begutachtend, die um den Bahnhof herumsteht.

Das dominierende Thema unter den Tunesiern ist die geplante Reise ins Glück, die beste Route zum «Jackpot». Die meisten bleiben keine drei Tage im Camp, dann ziehen sie los. Auch wer politisches Asyl oder subsidiären Schutz beantragt hat, verschwindet häufig aus den Unterkünften. «Gut fünfzig Prozent» betrage die Absetzungsziffer, weiß die Lager­leitung. In Wirklichkeit tauchen fast neunzig Prozent unter, ohne je ein Aufnahmeverfahren in Italien zu beantragen. Alle wollen sie in den Norden. Frankreich ist die favorisierte Destination, weil viele dort Verwandte haben, auch Deutschland steht hoch im Kurs. Die Schweiz hingegen hat einen «schlechten Ruf». Das Land sei «schwer zu knacken», heißt es im ­Lager. Trotzdem geben etliche an, in dieses «Paradies» reisen zu wollen.

Freiheit in frischen Socken
Die drei Marokkaner Muhammad, Abdeslam und Hamouda sitzen auf dem Güterbahnhof im griechischen Grenzstädtchen Orestiada. Nach wenigen Tagen im Auffanglager der ­Polizei bei Filakio waren sie wieder auf freiem Fuß. Ihre Fingerabdrücke wurden erfaßt, ein Foto gemacht, von Hilfsorganisationen erhielten sie frische Socken. Innert dreißig Tagen müßten sie das Land verlassen. Die drei ­Marokkaner denken nicht daran. Sie wollen ­irgendwo in der Schengen-Zone arbeiten. Von Orestiada nehmen sie für zehn Euro den Bus nach Alexandroupoli an der Küste, von dort fahren sie mit dem Zug nach Athen.

Schneller, aber zu einem Preis von 80 Euro deutlich teurer ist es direkt mit dem Bus. ­Neben dem Auffanglager Filakio steht eine ­eigens von der Bus­gesellschaft errichtete Verkaufsstelle. Das Geschäft sei riskant, sagt ein Chauffeur. Die Griechen reisten nicht gerne mit Bussen, in denen Illegale saßen. Deshalb ­werden Sitze und Vorhänge der Extrabusse Filakio–Athen mit Plastik abgedeckt.

Im November 2010 hat die Polizei in Nordgriechenland Verstärkung erhalten. Sogenannte Rabits wurden an die poröse Schengen-Außengrenze entsandt, «Rapid Border Intervention Teams» der EU-Grenzschutzagentur Frontex. Die gegen 200 Beamten aus halb Europa haben den Auftrag, die Griechen zu unterstützen beim Patrouillieren an der Grenze sowie beim Befragen der Festgenommenen. Seit März heißt die Operation «Poseidon Land». Der Polizeichef von Orestiada, Georgios Salamangas, lobt die Verstärkung. 2010 seien im nördlichen Teil des Grenzflusses rund 36.000 Illegale festgenommen worden, weitere 11.000 in südlichen Abschnitt. Seit dem Höhe­punkt im Oktober mit rund 7.600 aufgegriffenen Illegalen seien die Zahlen dank der Frontex rückläufig, sagt Salamangas. Daß dies auch am Winter liegen könnte, läßt er nicht gelten. «Wir erfassen jeden Illegalen — denn sie wollen alle gefaßt werden. Manche spazieren sogar selber zur Polizeistation.» Dort wird man kostenlos verpflegt. Und meistens endet das Verfahren wie bei den drei jungen Marokkanern: Trotz Ausreisebefehl können sie ungehindert ins Landesinnere ziehen.

Die Frontex und Griechenland stoppen die illegale Einwanderung nicht, sie verwalten sie. Polizeioffizier Salamangas beteuert zwar, daß der Druck auf die Grenze dank dem Frontex-Einsatz abgenommen habe. Auch die türkische Seite gehe strenger gegen die Illegalen vor, sagt er. Doch die Statistik des griechischen Innenministeriums für Januar und Februar widerlegt dies: Mit knapp 3.800 sind doppelt so viele Personen illegal über die Landesgrenze eingereist wie Anfang 2010. Die Schlepper weichen aus: Auf den Flußlauf südlich von Orestiada oder die Route mit touristischen Segelschiffen vom türkischen Izmir nach Apulien in Süditalien.

Im Nachtzug nach Mailand
Kurz vor Mitternacht sammeln sich die Tunesier in Bari am Bahnhof. Hier setzt sich ihre Odyssee ins vermeintliche Paradies fort, die an den südlichen Gestaden des Mittelmeers begonnen hat. Zuerst sind es zwei, dann fünf, schließlich gut zwanzig, die auf Perron 3 stehen. Sie reisen ohne Gepäck, nur in den Kleidern, die sie bereits seit Tagen tragen.

Jeden Moment fährt der Zug nach Mailand ein, ein Nachtbummler – die ältesten Züge auf Italiens Schienenstrang. 52 Euro kostet das Ticket. Billiger kommt man nicht in den ­Norden. Die Sitze sind ausgeleiert, innert Minuten riecht es nach Fußschweiß und allerlei Fressalien. An Schlaf ist nicht zu denken.

Um vier Uhr dreißig klingelt beim 19-jährigen Habib aus Djerba das Telefon. Rafik ist dran, ein Kollege aus dem Bari-Camp. Er sei bei Ventimiglia, an der Grenze zu Frankreich, geschnappt worden. Ventimiglia! Für die meisten Tunesier ist es das «Tor zur Freiheit». Hundertfach zerschellt hier Nacht für Nacht der Traum von Arbeit und Wohlstand. Die Franzosen haben die Polizeikräfte verzehnfacht, den Grenzübergang zur Festungsmauer ausgebaut. Doch der Ansturm der Tunesier hört nicht auf. Im Februar haben sie 591 Illegale gestoppt. Allein in den ersten drei Märztagen war es das Doppelte.

«Transport? Weiterreise? Schweiz?»
8 Uhr 20, Milano Centrale. Die Tunesier-Schar schwärmt hinaus auf den Bahnhofsplatz, vermengt sich mit dem obdachlosen Gesindel, das sich dort gerade von seinen Schlafstätten aus Karton und Styropor erhoben hat. In diesem Pulk der Trostlosigkeit wirken die tunesischen Ankömmlinge wie edle Fremde, etwas desorientiert, aber voller rastlosen Tatendrangs. Zielstrebig nähert sich ein Araber. «Transport? Weiterreise? Frankreich? Schweiz?» Ohne viel Worte zu verlieren, leitet der Schlepper die Gruppe um die Ecke, wo er in einer Seitengasse verschwindet.

Habib folgt ihm nicht. Er will sich mit Ali treffen, einem Kollegen aus dem Bari-Camp, der bereits seit vier Tagen in Mailand ist. Die Nächte hat Ali unter einem Betonbogen unter dem Bahnhof geschlafen. 28-jährig ist er und angeblich Vater von vier Kindern. Die ganze Verwandtschaft habe sich seine Reise vom Mund abgespart. «Zu viele Tunesier hier», sagt er. Er will nur noch weg, in die Schweiz, nach Zürich, zu einem Verwandten. Dort habe er Arbeit. «Mit Schere», sagt er, macht mit Zeig- und Mittelfinger eine Schnipselbewegung über seinem Kopf. Eine Ausbildung als Friseur habe er keine. Doch das kümmert ihn nicht. Ali ist nervös. Er habe bereits einen Schlepper organisiert, der in einem Café unweit vom Bahnhof auf ihn warte.

Ein paar Ecken weiter treffen wir ihn. Marokkaner, gute vierzig, seit Jahren in Mailand wohnhaft und Besitzer einer Aufenthaltserlaubnis. Als er erfährt, daß Ali nicht nur seinen Kollegen Habib mitgebracht hat, sondern auch einen Schweizer Journalisten, wird er mißtrauisch. Stumm schlürft er seinen Kaffee und schaut unbeteiligt in eine Ecke.

Ob er ein eigenes Fahrzeug habe, will Habib wissen. «VW Polo», erwidert er. Was kostet die Fahrt? «300 Euro.» Die Tunesier schauen sich gequält an. Für sie ist dies ein Monatslohn. Billiger sei die Fahrt in die Schweiz nirgends zu haben, sagt der Schlepper. Der Ansturm über das Mittelmeer habe die Nachfrage hochschnellen lassen. Außerdem sei er ortskundig, kenne die Grenzgegend wie seine Westentasche. Welche Route er einschlagen werde, will ich wissen. Der Schlepper winkt ab. «Was fragst du da?», herrscht er mich an. «Du bist bestimmt ein Bulle.» Dann erhebt er sich abrupt und verläßt das Lokal. Kurz darauf meldet er sich via Telefon bei Ali, gibt ihm einen Treffpunkt durch und warnt: «Wenn ihr den Journalisten mitbringt, laß ich die Sache sausen.» Ali und Habib ziehen von dannen. Der Schlepper werde sie in Lugano beim Bahnhof absetzen, sagt Ali. «Dort wartet mein Verwandter mit dem Auto.»

«Klein-Kabul» mitten in Athen
Über EU-subventionierte Autobahnen erreicht der Bus in zwölf Stunden die Hauptstadt Athen. Weil die Grenze undicht ist, Illegale kaum zurückgeschafft werden können und ein Asylverfahren in Griechenland nicht selten über fünf Jahre dauert, mutiert das Zentrum zu einem Illegalen-Ghetto. Hotels und Läden schließen, Obdachlose schlafen auf ehemals touristischen Plätzen. Bis zu zwei Millionen papierlose Einwanderer leben gemäß Schätzungen hier. Die Mehrheit stammt aus Afghanistan — die Gegend um den Omonia-Platz nennen die Athener «Klein-Kabul».

Die Illegalen leben vom Verkauf ihrer Häuser und Geschäfte, von Verwandten sowie Hilfswerken, die Essen, Kleider und ärztliche Versorgung offerieren. Das Leben in Griechenland ist teuer: Hamoyon Afshar bezahlt für sein Zimmer 300 Euro im Monat. Dort wohnt der ehemalige Fabrikarbeiter aus Kandahar seit dem Sommer mit seiner Frau und zwei Kindern. In der Wohnung lebt eine weitere vierköpfige Familie. Der marokkanische Vermieter bezahle dem griechischen Besitzer 300 Euro für die ganze Wohnung, sagt Afshar und schenkt Tee ein.

Sie seien vor den Taliban geflüchtet, sagt der Vierzigjährige. Die Reise habe ihn 7.000 Dollar gekostet. Er will mit seiner Familie nach Großbritannien zu Verwandten. Sobald es wärmer werde, nähmen sie ein Boot nach Italien. In Griechenland stellt die Familie kein Asylgesuch. «Bis die unser Gesuch behandeln, sind unsere Kinder zu alt für die Schule!»

In der Tat wäre ein Antrag praktisch aussichtslos: Über 50.000 Asylgesuche sind pendent. Die griechischen Behörden sind mit der illegalen Zuwanderung völlig überfordert – und sind erpreßbar geworden: Rund dreihundert illegale Marokkaner und Algerier, die seit ­Jahren auf Feldern und Baustellen schwarz­arbeiteten, sind Anfang Jahr in den Hungerstreik getreten und verlangen Papiere. Am Montag vergangener Woche brachen sie den Hungerstreik nach 44 Tagen ab. Die Regierung hatte eingelenkt und Papiere verteilt.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Lebensverhältnisse und Verfahren für derart prekär erklärt, daß Rückführungen aus europäischen Ländern nicht mehr zulässig sind. Auch die Schweiz schickt keine Asylbewerber mehr zurück. Ein zentraler Bestandteil des Dublin-Abkommens ist damit faktisch außer Kraft: daß jener Schengen-Staat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, in dem eine Person zuerst erfaßt wird. Weil dieses System nicht funktioniert, ist Griechenland noch attraktiver geworden als Tor zu Europa. Wer es einmal über Griechenland in den Schengen-Raum geschafft hat, kann damit rechnen, jahrelang bleiben zu können.

Athen ist das Sprungbrett für die Weiterreise. Die Suche nach einem Schlepper beginnt hier von vorne. Viktoria-Platz, ein sonniger Nachmittag vergangener Woche: Hunderte Afghanen, mehrheitlich junge Männer, aber auch Dutzende Frauen und Kinder, treffen sich.

Taher erzählt von seinem Versuch vor wenigen Wochen, nach Italien zu gelangen. In ­einem Coiffeurgeschäft deponierte er die 4.000 Euro, die er mit dem Boten des Schleppers vereinbart hatte, dieser fuhr ihn an den Hafen von Patras. Ein Schnellboot brachte jeweils fünf Flüchtlinge aufs offene Meer, wo ein Fischkutter wartete. Fünfzig Personen hätten Platz gehabt – die Schlepper brachten 270, sagt Taher. In der Abenddämmerung fuhren sie los. Taher zeigt einen Film auf seinem Handy, wie das Wasser hochspritzt zu den dichtgedrängten Flüchtlingen. Um zwei Uhr nachts habe das Schiff zu sinken begonnen. Die türkische Besatzung feuerte Leuchtraketen ab, fünfzehn Minuten später traf ein holländischer Frachter ein. Die Matrosen warfen Rettungsinseln ins Wasser. Eine der Inseln kenterte, 22 Flüchtlinge seien ertrunken, erzählt Taher. Die Holländer brachten die Überlebenden zurück nach Griechenland. Die Schlepper mischten sich unter die Flüchtlinge und wurden laufengelassen. Wenn Taher genug Geld zusammenhat, versucht er es wieder. Wegen großer Nachfrage ist der Preis auf 5.000 Euro gestiegen.

Zwei Fluchtversuche hinter sich hat Mohammad. Er wählte den Landweg. Ein kurdischer Schlepper brachte ihn, seine Frau und die vier Kinder bis einige Kilometer vor die Grenze zu Mazedonien, sie stiegen aus und gingen zu Fuß drei Stunden über Felder, bis sie den Schlepper wieder trafen. Auf diese Weise schafften sie es bis nach Serbien. Dort wurden sie verhaftet. Mit dem Schlepper war vereinbart, daß er sich als Bruder von Mohammad ausgeben würde. So wurden alle nach Griechenland zurückspediert. Der Schlepper ist wieder im Geschäft. «Die sind in Gruppen ­organisiert. Wenn ich einen verrate, bringen mich die anderen um», sagt Mohammad. Nach den zwei Versuchen, die ihn je 2.000 Euro gekostet haben, will er es alleine wagen. Zu Fuß nach Mazedonien und per Autostopp bis Österreich, ist sein Plan.

Assad will sich am Hafen von Patras in einen Lastwagen schmuggeln. Er hat es schon vier Mal probiert und sich zwischen Gemüsekisten im Laderaum versteckt. Die Polizei fand ihn ­jedes Mal, einmal habe ihn ein Fahrer ver­prügelt. Wenn im Sommer wieder mehr Touristenfähren nach Italien verkehren, will er sich an Bord verstecken.

Tessiner erwischen Ali
Seit vier Stunden sind Ali und Habib mit dem marokkanischen Schlepper unterwegs, irgend­wo zwischen Mailand und dem Tessin. Am Bahnhof Lugano wartet, wie abgemacht, Alis Verwandter. Vor zwei Stunden hat er zum ­letzten Mal von ihm gehört. Er habe eben die Grenze passiert, sagte er am Telefon und schwärmte: Schön sei es in der Schweiz. Sauber und ruhig. Doch nun ist die Leitung tot. Erst spätabends kehrt Alis «Retter», wie er sich nennt, durch den Gotthard zurück, heim nach Zürich. Allein.

Am nächsten Tag wird aus seiner dumpfen Vermutung Gewißheit. Ali wurde erwischt, nach der Grenze abgefangen, von der Tessiner Kantonspolizei, die dem Schlepper über einige Kilometer gefolgt war. Die ganze Nacht habe er auf einem Schweizer Polizeiposten verbracht. Jetzt sitzt er wieder in Mailand, hungrig und ohne Geld. Den Schlepper dagegen hätten die Schweizer unbescholten ziehen lassen. Er habe seine italienische Niederlassungsbewilligung gezückt und sei davongefahren. Samt der Schlepper-Prämie.

«Die Schlepper sind die echten Kriminellen», sagt Davide Bassi, Sprecher des Grenzwachtkorps IV in Lugano. Dreißig habe man im letzten Jahr erwischt. Dieses Jahr bereits fünfzehn. Oft sei es jedoch schwer, sie zu überführen. Ein ganzes Netzwerk ist in Nord­italien aktiv, wissen Lokaljournalisten in der Lombardei. Meistens sind es Maghrebiner. Auch Schweizer beteiligen sich am lukrativen Business. Sogar eine Mutter aus dem Tessin habe man auf frischer Tat ertappt, sagt Grenzwächter Bassi.

Der Frust über Italien ist groß
Die grüne Grenze zwischen Italien und dem Tessin erstreckt sich über einige Dutzend Kilometer. Doch nur rund acht Prozent versuchten, durch Gebirge und Wälder einzuschleichen. Die Hälfte aller illegalen Übertritte erfolgte auf einem kleinen Abschnitt von knapp zehn Kilometern bei der Grenzstadt Chiasso. Die Pfade, diskret gelegen und dennoch oft begangen, durchqueren manchmal auch Gemüse- und Hausgärten. Entlang der Grenze steht ein rostiger Zaun. Mussolini hat ihn einst aufstellen lassen. Er ist voller Löcher, doch Eindringlinge hätten keine Chance, sagt Bassi. Kaum ein Winkel, der nicht von einer Überwachungskamera erfaßt werde.

«Die große Mehrheit setzt sich in Mailand oder Como einfach in den Zug und steigt in Chiasso aus, wobei sie den Weg zur Asyl-Aufnahmestelle in der Nähe bereits kennen.» Bisher habe man vom Sturm auf die Schweiz jedoch wenig gespürt, sagt der Grenzwächter. Zwar ist die Zahl der arrivi spontanei von Dezember (285) bis Februar (373) deutlich angestiegen. «Doch wir haben die ­Lage unter Kontrolle.»

Offiziell ist weder in Bern noch im Tessin Schlechtes über die südlichen Nachbarn zu ­hören. Doch der Frust ist omnipräsent. Mit der Rückführung harzt es. Mit einer akribischen Auslegung des Dublin-Abkommens begrenzt Italien die Rücknahme von Asylsuchenden aus der Schweiz. Maximal drei pro Tag, und nur per Flugzeug. Bei 20 Prozent der illegalen Migranten verweigert Italien die Rücknahme.

Im vertraulichen Gespräch äußern Migra­tionsbeamte in Frankreich und der Schweiz den Verdacht, die Italiener seien bei weitem nicht rigoros genug mit ihrer Registrierungs- und Ausweisungspolitik. Gemäß Recherchen der Weltwoche sind bei Schweizer Behörden Fälle dokumentiert, wo Immigranten nach Ankunft in der Schweiz angaben, bei der Einreise in Italien elektronisch erfaßt worden zu sein. Bei Nachforschungen in der Datenbank Eurodac habe man jedoch nichts über die Personen gefunden. Haben die Italiener bewußt auf die Datenerhebung verzichtet, damit ein Zweitland die Flüchtlinge aufnehmen muß? Beweisen könne man es nicht, heißt es. Aber offenbar handelt es sich nicht um Einzelfälle.

«Zurück ist keine Option»
In Italien wächst der Rückführstau mit jedem Tag. Bei einer Quote von täglich vier Repatriierungen nach Tunesien ist ein Debakel absehbar. In dieser Kadenz würde die Heimführung der bisher 11.000 in Italien gestrandeten Mi­granten siebeneinhalb Jahre dauern. Derweil bricht der Strom nicht ab. «Über 10.000 Tunesier sind bei den jüngsten Unruhen aus Gefängnissen ausgebrochen», schrieb eine Lokalzeitung in Mailand jüngst. «Wir müssen annehmen, daß viele von ihnen bereits in Italien angekommen sind.»

Der Alarmismus ist symptomatisch für die Stimmung im Land. Besonders im Norden. Täglich drängen Neue aus dem Süden nach und stoßen zu den glücklos in Mailand und Ventimiglia Gestrandeten. Die Region hat sich zu einem Warteraum der clandestini und Asyl­vagabunden verwandelt. Wer an der Grenze geschnappt wird, probiert es wieder. «Zurück ist keine Option», sagt Ali. Er und die anderen Abgeschobenen wollen bald wieder aufbrechen. Durch die Berge. «Bis wir es schaffen.»

°   °   °   °   °

(Gefunden: hier; siehe auch Heerlager der Heiligen: Eine Strategie für die Kapitulation von Baron Bodissey)

Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: