Der Hintergrund des Multikulturalismus

Von Fjordman. Original: The Background of Multiculturalism, erschienen am 16. November 2006 im Brussels Journal.
Übersetzung: Lucifex.

Ich habe versucht, die Wurzeln des Multikulturalismus und der Political Correctness zu analysieren. Der Schluss, zu dem ich bisher gekommen bin, ist, dass er als eine Kombination von Kräften und Einflüssen verstanden werden muss, die unterschiedlich sind, sich aber nicht gegenseitig ausschließen.

Eine Ansicht ist, dass der Multikulturalismus „einfach passierte“, als Zufallsergebnis der technologischen Globalisierung. Obwohl globaler Migrationsdruck und moderne Kommunikation definitiv dazu beitrugen, ist diese These meiner Ansicht nach fast sicher zu simplistisch. Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass der Multikulturalismus von verschiedenen Gruppen bewusst gefördert worden ist. Wenn überhaupt, dann ist er ein indirektes Ergebnis der Globalisierung durch multinationale Konzerne und die Schöpfung einer internationalen politischen Elite, deren gegenseitige Loyalität zunehmend an die Stelle nationaler Interessen tritt.

Ich habe manche Kommentatoren sagen hören, dass all die zerstörerischsten Ideologien der Neuzeit ihren Ursprung in Europa haben. Aber offen gesagt frage ich mich, ob der Multikulturalismus nicht die eine dumme Idee war, die in Wirklichkeit aus den Vereinigten Staaten nach Europa exportiert wurde. Der dänische Autor Lars Hedegaard behauptet, dass der Multikulturalismus im Gefolge der Bürgerrechtsbewegung in den 1960ern aus den Vereinigten Staaten kommt. Nachdem ich darüber nachgedacht habe, halte ich das für eine plausible Erklärung.

Vielleicht ist der Multikulturalismus zum Teil eine antieuropäische Ideologie, bei der die Vereinigten Staaten – und später Kanada, Australien und Neuseeland – sich von ihrem europäischen Erbe distanzieren, während Europa sich von sich selbst distanziert hat. Ich habe auf einem konservativen amerikanischen Blog bemerkt, dass es völlig zulässig war, die europäische Kultur wegzuschmeißen, aber als ich vorsichtig ein paar Fragen darüber stellte, ob die kulturelle Auswirkung der massiven lateinamerikanischen Einwanderung ausschließlich vorteilhaft sein würde, wurde mir vorgeworfen, „rassistisch“ zu sein.

Manche Leser meiner Essays haben gemeint, dass der Multikulturalismus in Kanada entstand. Die Autorin Claire Berlinski glaubt sogar, dass er in der Schweiz erfunden wurde. Aber mit allem gebührenden Respekt: die Wirkung schweizerischer oder kanadischer Kultureinflüsse im Ausland ist ziemlich begrenzt gewesen. Die Vereinigten Staaten jedoch haben seit dem Zweiten Weltkrieg in der ganzen Welt einen starken kulturellen Einfluss ausgeübt und sind in der Position gewesen, solch eine Ideologie zu exportieren.

Die Bürgerrechtsbewegung fand vor dem Hintergrund einer westlichen Jugendrebellion mit marxistischen Einflüssen statt. Obwohl der Multikulturalismus vielleicht nicht direkt in marxistischen Lehren wurzelt, was zu erklären hilft, warum er Unterstützung von manchen Rechten erhalten hat, sind seine antiwestlichen Einstellungen und sein radikaler Egalitarismus mindestens kompatibel mit Ideen von erzwungener Gleichheit, und Aspekte des Multikulturalismus sind dem Marxismus ausreichend ähnlich, um zu erklären, warum seine leidenschaftlichsten Unterstützer Linke sind, und warum die Political Correctness, die weich-totalitäre Form der Zensur, die zur Durchsetzung des Multikulturalismus angewandt wird, ihnen so zusagt.

Wenn wir postulieren, dass Multikulturalismus und Political Correctness anfänglich aus einem westlichen Verlust kulturellen Selbstvertrauens geboren wurden, seitdem aber weitgehend von der westlichen Linken benutzt worden sind, würde dies erklären, warum sie überall in der westlichen Welt existieren, aber am stärksten in Westeuropa, wo es einen stärkeren marxistischen Einfluss und einen größeren historischen Verlust von Selbstwertgefühl gegeben hat als in den USA. Es würde erklären, warum Osteuropäer, die gerade Jahrzehnte marxistischer Indoktrination erlebt haben, etwas widerstandsfähiger dagegen sind als Westeuropäer. Osteuropäer sind auch viel weniger den Eurabiern der Europäischen Union ausgesetzt gewesen, die sich aus ihren eigenen Gründen für den Multikulturalismus einsetzen.

Die beste Zusammenfassung, mit der ich aufwarten kann, sieht daher ungefähr so aus:

Der Multikulturalismus entstand in den Vereinigten Staaten während der Bürgerrechtsbewegung der 1960er, die ein völliges Umdenken bezüglich der amerikanischen kulturellen Identität zugunsten einer Distanzierung von den europäischen Aspekten ihres Erbes auslöste, um sich in eine „universale“ Nation umzuwandeln. Der Multikulturalismus wurde durch amerikanische Kultureinflüsse in den Rest der westlichen Welt exportiert und von einem Westeuropa aufgenommen, das nach seiner beinahe erfolgten Selbstzerstörung in zwei Weltkriegen immer noch tiefe emotionale Narben trug und damals gerade dabei war, seine Kolonien zu verlassen, und an einem post-kolonialen Schuldkomplex und der damit verbundenen Identitätskrise litt.

Der Multikulturalismus hatte also ursprünglich seine Wurzeln in einer kulturellen Identitätskrise im Westen, wurde aber schnell von Gruppen mit eigenen Agenden angeeignet. Dieser Zeitraum, die 1960er und 1970er, war auch die Geburt der westlichen Kulturrevolution, einer Hippie-Jugendrebellion gegen die etablierte westliche Kultur und Institutionen, die zutiefst von marxistisch inspirierten Ideologien beeinflusst war. Die antiwestliche Komponente im Multikulturalismus kam ihnen sehr gelegen. Nach dem Ende des Kalten Krieges in den späten 1980ern und frühen 1990ern, als der wirtschaftliche Marxismus einen Schlag gegen seine Glaubwürdigkeit erhielt, auch wenn er nicht starb, wechselten größere Segmente der westlichen politischen Linken zu Multikulturalismus und Masseneinwanderung als ihrer politischen Lebensversicherung über und setzten die Zensur der Political Correctness und den „Antirassismus“ als ideologischen Knüppel ein, um ihre Gegner damit zu schlagen und weiterhin westliche Institutionen zu untergraben.

Zusätzlich zu den marxistischen Einflüssen hatten wir in Westeuropa eine weitere Gruppe von Euro-Föderalisten und Eurabiern, mit einem unterschiedlichen, aber sich überlappenden Ziel der Niederreißung der nationalen Kulturen durch die Förderung des Multikulturalismus zugunsten einer neuen, künstlichen Identität. Der Prozess der Globalisierung hat diese Impulse der westlichen Selbstverachtung nicht geschaffen, worauf die Tatsache hindeutet, dass nichtwestliche Länder wie Japan nicht im selben Ausmaß wie der Westen von Einwanderung überwältigt worden sind, aber er verstärkte einige davon.

Die technologische Globalisierung hat den Migrationsdruck auf ein beispielloses Niveau gesteigert, aber sie hat auch eine globale politische und wirtschaftliche Elite von Individuen ermächtigt, einschließlich mancher Zentristen und Rechter, die keine enge Bindung an ihre Länder mehr empfinden, sondern hauptsächlich gegenüber den internationalen Eliten, die sie mit Karrierechancen versorgen.

Diese Zentristen, Rechten und Unterstützer von Big Business mögen der westlichen Kultur nicht so aktiv feindlich gesinnt sein wie manche Linke, aber sie tun auch nichts dafür, sie aufrechtzuerhalten, und benutzen den Multikulturalismus, um zu verbergen, dass sie die Kontrolle über die nationalen Grenzen verloren oder aufgegeben haben. Die Globalisierung hat daher gleichzeitig mehr Migration geschaffen und weniger politischen Willen zur Kontrolle der Migration.

Die Kombination all dieser Faktoren zusätzlich zum Wiederaufleben eines globalen islamischen Dschihads erzeugt allmählich eine demographische und demokratische Krise im Westen. Viele Westler spüren, dass ihre Medien und ihre Politiker ihnen nicht mehr zuhören, und sie haben völlig Recht. Diejenigen, die eine Loyalität gegenüber ihrer Kultur und ihren Nationalstaaten empfinden, fühlen sich verraten, weil sie verraten wurden.

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Hier gibt’s viele weitere übersetzte Fjordman-Essays aus der Zeit von 2005 bis 2011.

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